Die drei Musketiere

Alexandre Dumas
Die drei Musketiere
Alexandre Dumas
1854
Photographie von Gaspard Félix Nadar
Alexandre Dumas
Die drei Musketiere
Roman
Aus dem Französischen
von Herbert Bräuning
Titel der Originalausgabe
Les Trois Mousquetaires
Mit einem Nachwort
von Christine Wolter
ISBN E-Pub 978-3-8412- 0073-0
ISBN PDF 978-3-8412- 2073-8
ISBN Printausgabe 978-3-7466-6123-0
Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2011
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die vorliegende Übersetzung erschien erstmals 1955
bei Rütten & Loening Berlin. Rütten & Loening ist eine Marke
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Die drei Geschenke des alten d’Artagnan
An einem Montag im Herbst des Jahres 1626 schien der
Marktflecken Meung in einem solchen Aufruhr zu sein, als
wären die Hugenotten gekommen, um daraus ein zweites Rochelle zu machen. Zahlreiche Bürger beeilten sich, als sie die
Frauen zur Hauptstraße stürzen sahen und die Kinder auf den
Türschwellen schreien hörten, ihren Küraß umzuschnallen,
und liefen, nachdem sie ihre ein wenig unsichere Haltung
durch eine Muskete oder eine Partisane gefestigt hatten, zum
Gasthof des »Freimüllers«, vor dem sich lärmend und neugierig ein dichter Haufe drängte, der von Minute zu Minute
größer wurde.
Zu jener Zeit waren derartige Unruhen nicht selten, und es
verging kaum ein Tag, ohne daß die eine oder andere Stadt
ein ähnliches Ereignis in ihren Archiven zu verzeichnen hatte.
Da waren die Edelleute, die sich untereinander befehdeten; da
war der König, der mit dem Kardinal auf Kriegsfuß stand,
und da war der Spanier, der den König bekriegte. Außer diesen offenen oder geheimen, wilden oder erklärten Fehden gab
es schließlich noch die Diebe, die Bettler, die Hugenotten,
die Wölfe und die Lakaien, die gegen alle Welt Krieg führten.
Gegen Diebe, Wölfe und Lakaien griffen die Bürger stets zu
den Waffen, gegen die Adligen und die Hugenotten oft, auch
gegen den König manchmal – aber niemals gegen den Kardinal und den Spanier. Es geschah daher nur aus alter Gewohnheit, daß sich die Bürger, als sie an besagtem Montag
im Herbst des Jahres 1626 Lärm hörten und weder die gelbrote Standarte noch eine Uniform des Herzogs von Richelieu erblickten, eilends zum Gasthof des »Freimüllers« begaben.
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Hier wurde sogleich jedem die Ursache des Auflaufs klar:
ein junger Mann … Zeichnen wir sein Porträt mit einem einzigen Federstrich: Man denke sich einen achtzehnjährigen
Don Quichotte, einen Don Quichotte ohne Rüstung und
Harnisch, in einem wollenen Wams, dessen ehemals blaue
Farbe einer unbestimmbaren Tönung aus Weinrot und Himmelblau gewichen war. Das Gesicht länglich und dunkel, die
Backenknochen vorspringend, was auf Pfiffigkeit schließen
läßt, die Kinnbacken ungewöhnlich stark ausgeprägt, woran
man den Gascogner auch ohne Barett unfehlbar erkennt – und
unser junger Mann trug sogar eins mit einem Federschmuck.
Sein Auge war offen und klug, die Nase gebogen, aber edel
geformt, und da er größer als ein Jüngling, doch noch kein
ausgewachsener Mann war, hätte ein weniger geübtes Auge
ihn für einen Pächterssohn auf Reisen halten können, wäre
nicht der lange Degen gewesen, der von einem ledernen
Gehänge herabbaumelte und beim Gehen seinem Träger gegen die Waden, beim Reiten gegen das struppige Fell seines
Gaules schlug.
Unser junger Mann war nämlich beritten, und zwar war sein
Reittier so überaus bemerkenswert, daß es in der Tat bemerkt
wurde: ein etwa zwölf bis vierzehn Jahre alter gelblicher Klepper aus dem Bearn, der wohl keine Schwanzhaare, dafür aber
um so mehr Schwären an den Beinen hatte und der, obgleich
er den Kopf bis zu den Knien herabhängen ließ, was den Gebrauch der Kandare überflüssig machte, noch immer seine acht
Meilen am Tag zurücklegte. Unglücklicherweise wurden die
Vorzüge dieses Gaules von seinem seltsamen Fell und seinem
sonderbaren Gang so gut verdeckt, daß in einer Zeit, in der jedermann etwas von Pferden verstand, sein Erscheinen in
Meung, wo er vor ungefähr einer Viertelstunde durch das Tor
von Beaugency seinen Einzug gehalten hatte, ein Aufsehen
hervorrief, das sich auch auf den Reiter ungünstig auswirkte.
Dieses Aufsehen war für den jungen d’Artagnan – so hieß
der Don Quichotte dieser Rosinante – um so peinlicher, als
er sich nicht verhehlen konnte, was für eine lächerliche Figur
er, der sonst ein guter Reiter war, auf einem solchen Pferd
abgab; hatte er doch bereits gestöhnt, als sein Vater es ihm anvertraute. Er wußte nur zu gut, daß dieses Tier keine sieben
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Taler wert war; die Worte, die das Geschenk begleitet hatten,
waren allerdings unbezahlbar.
»Mein Sohn«, hatte der gascognische Edelmann gesagt,
»dieses Pferd wurde vor bald dreizehn Jahren im Hause deines Vaters geboren, und es ist all die Zeit über hier geblieben,
schon deshalb mußt du es lieben. Verkaufe es nie, laß es ruhig
und ehrenvoll an Altersschwäche sterben, und ziehst du mit
ihm ins Feld, dann sei gut zu ihm wie zu einem alten Diener!
Solltest du die Ehre haben, an den Hof zu kommen, eine Ehre
übrigens, auf die der alte Adel unseres Hauses dir ein Recht
gibt, dann erweise dich deines Namens würdig, wie es deine
Ahnen seit mehr als fünfhundert Jahren gehalten haben! Du
tust es für dich und die Deinen. Unter den Deinen verstehe ich
deine Verwandten und deine Freunde. Nimm keine Kränkung
hin, es sei denn vom König oder vom Kardinal! Durch seinen
Mut, versteh mich recht, nur durch seinen Mut kann heute ein
Edelmann seinen Weg machen. Wer auch nur eine Sekunde zittert, läßt sich vielleicht den Köder entgehen, den ihm das
Glück gerade in diesem Augenblick hinhält. Du bist jung, du
mußt tapfer sein aus zwei Gründen: einmal, weil du ein Gascogner bist, und dann, weil du mein Sohn bist. Gehe keiner
Gelegenheit aus dem Wege, suche die Abenteuer! Ich habe
dich gelehrt, den Degen zu führen. Deine Knie sind aus Eisen,
deine Handgelenke aus Stahl. Schlage dich, sooft es nur angeht, schlage dich um so mehr, als Duelle verboten sind und
deshalb doppelter Mut dazu gehört. Ich kann dir, mein Sohn,
nur fünfzehn Taler, mein Pferd und diese Ratschläge mit auf
den Weg geben. Deine Mutter wird noch das Rezept einer gewissen Salbe hinzufügen, das sie von einer Zigeunerin bekommen hat; diese Salbe hat die wunderbare Eigenschaft, jede
Wunde zu heilen, wenn nicht gerade das Herz getroffen ist.
Mach dir alles zunutze, lebe glücklich und lange! Zum Schluß
möchte ich dir noch eines sagen und dich auf ein Beispiel hinweisen, nicht auf das meine, denn ich selbst bin nie bei Hofe
erschienen und habe nur die Religionskriege als Freiwilliger
mitgemacht – ich meine vielmehr Herrn de Treville, der einst
mein Nachbar war und schon als kleiner Junge die Ehre hatte,
mit unserem König Ludwig XIII., den Gott uns erhalte, zu
spielen. Ihre kindlichen Spiele arteten zuweilen in Schlägereien
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aus, und in diesen Schlägereien war der König nicht immer der
Stärkere. Die Prügel, die er dabei einsteckte, erfüllten ihn mit
großer Achtung und Freundschaft für Treville. Später, auf seiner ersten Reise nach Paris, hat sich Herr de Treville fünfmal
geschlagen; in der Zeit vom Tode des seligen Königs bis zur
Volljährigkeit des jungen siebenmal, Kriege und Belagerungen
nicht eingerechnet, und von der Volljährigkeit bis auf den heutigen Tag an die hundertmal! Und trotz aller Edikte, Befehle
und Verordnungen ist er jetzt Hauptmann der Musketiere,
also der Führer einer Legion von Cäsaren, auf die der König
große Stücke hält und die der Kardinal fürchtet, er, der sich,
wie jedermann weiß, nicht leicht fürchtet. Überdies bezieht
Herr de Treville zehntausend Taler im Jahr, er ist also ein sehr
vornehmer Herr. Er hat begonnen wie du. Suche ihn mit diesem Brief auf und richte dich ganz nach ihm, um es ihm gleichzutun!« Damit gürtete Vater d’Artagnan seinem Sohn den eigenen Degen um, küßte ihn liebevoll auf beide Wangen und gab
ihm seinen Segen.
Der junge Mann verließ das väterliche Gemach und begab
sich zu seiner Mutter, die ihn bereits mit dem berühmten Rezept erwartete, dessen Benutzung die eben mitgeteilten Ratschläge noch ziemlich oft erforderlich machen sollten. Der
Abschied war hier länger und zärtlicher, nicht etwa, weil Herr
d’Artagnan seinen Sohn und einzigen Sprößling weniger
liebte, sondern weil er ein Mann war und es für unter seiner
Würde hielt, einer Rührung nachzugeben; Madame d’Artagnan dagegen war eine Frau und außerdem die Mutter. Sie
weinte fassungslos, und zum Lobe des jungen d’Artagnan
müssen wir sagen, daß er trotz aller Anstrengungen, fest zu
bleiben, wie es sich für einen zukünftigen Musketier gehörte,
schließlich seiner Natur erlag: Tränen, die er nur mühsam verbergen konnte, traten ihm in die Augen.
Am selben Tag noch brach der junge Mann auf, ausgerüstet
mit den drei väterlichen Geschenken, die, wie gesagt, aus fünfzehn Talern, einem Pferd und einem Schreiben an Herrn de
Treville bestanden; nicht zu vergessen die guten Ratschläge,
die ihm obendrein mit auf den Weg gegeben worden waren.
Also ausgestattet, war d’Artagnan geistig und körperlich ein
getreues Abbild des Cervantesschen Helden, mit dem wir ihn
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bereits so glücklich verglichen haben, als uns die Pflicht des
Erzählers gebot, ein Porträt von ihm zu zeichnen. Don
Quichotte hielt Windmühlen für Riesen und Schafherden für
Armeen, d’Artagnan hielt jedes Lächeln für eine Beleidigung
und jeden Blick für eine Herausforderung. Auf dem ganzen
Weg von Tarbes bis Meung ballte er die Fäuste, und wohl zehnmal am Tag griff er nach seinem Degen, aber kein einziges Mal
flog seine Faust gegen das Kinn eines Gegners oder fuhr sein
Degen aus der Scheide. Das soll nicht heißen, daß der Anblick
des unglückseligen gelben Kleppers die Leute, denen er begegnete, nicht zum Lachen gereizt hätte, aber da an dem Gaul
ein Degen von stattlicher Länge blinkte und über diesem Degen ein mehr wildes als stolzes Auge funkelte, unterdrückten
sie ihre Heiterkeit, oder wenn ihre Heiterkeit stärker als ihre
Klugheit war, versuchten sie wenigstens nur nach einer Seite
hin zu lächeln wie antike Masken. D’Artagnan blieb also in
seiner Würde und in seiner Empfindlichkeit unverletzt bis zu
diesem unseligen Städtchen Meung.
Als er hier vor der Tür des »Freimüllers« vom Pferde stieg,
ohne daß irgend jemand, Wirt, Kellner oder Stallknecht, herbeigeeilt wäre, um ihm den Steigbügel zu halten, erblickte er
in einem halbgeöffneten Fenster des Erdgeschosses einen gutgewachsenen und vornehm aussehenden Edelmann mit einem
etwas mürrischen Gesicht, der gerade mit zwei Personen
sprach, die ihm offenbar sehr ehrerbietig zuhörten. Wie es
seine Art war, glaubte d’Artagnan natürlich, Gegenstand der
Unterhaltung zu sein, und horchte hin. Diesmal hatte er sich
nicht ganz getäuscht; es war zwar nicht von ihm, wohl aber
von seinem Pferd die Rede. Der Edelmann schien alle Eigenschaften dieser Mähre aufzuzählen, und da seine Zuhörer, wie
ich schon sagte, ihm offensichtlich sehr ergeben waren, brachen sie alle Augenblicke in ein schallendes Gelächter aus. Da
aber bereits ein halbes Lächeln genügte, den jungen Mann in
Harnisch zu bringen, kann man sich unschwer ausmalen, wie
diese lärmende Heiterkeit auf ihn wirkte.
D’Artagnan wollte zunächst wissen, wie der Unverschämte aussehe, der sich über ihn lustig machte. Er heftete
seinen Blick voller Stolz auf den Fremden und erkannte in
ihm einen etwa vierzig- bis fünfundvierzigjährigen Mann mit
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stechenden schwarzen Augen, fahlem Teint, stark hervortretender Nase und pechschwarzem, säuberlich gestutztem
Schnurrbart. Er trug ein Wams und eine violette Kniehose
mit gleichfarbenen Schnürbändern, den einzigen Schmuck
bildeten die üblichen Ärmelschlitze, durch die das Hemd
schimmerte. Hose und Wams waren neu, sahen jedoch zerknittert aus wie Reisekleider, die lange in einem Mantelsack
gesteckt hatten. D’Artagnan traf alle diese Feststellungen mit
dem raschen Blick eines scharfsichtigen Beobachters, und
zweifellos sagte ihm auch ein unwillkürliches Gefühl, daß
dieser Unbekannte noch eine große Rolle in seinem Leben
spielen würde.
Nun traf es sich, daß der Edelmann im violetten Wams gerade in dem Augenblick, da d’Artagnan ihn so eingehend musterte, eine besonders kluge und tiefschürfende Bemerkung
über den Bearner Klepper machte, jedenfalls bogen sich seine
beiden Zuhörer vor Lachen, und er selbst ließ gegen seine
Gewohnheit ein mattes Lächeln, wenn man sagen darf, über
sein Gesicht huschen. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr, d’Artagnan war wirklich beleidigt worden. In dieser Überzeugung
rückte er das Barett tief in die Stirn, und bemüht, die vornehme Art nachzuahmen, die er in seiner Heimat von durchreisenden Edelleuten abgesehen hatte, legte er die eine Hand
an den Degenknauf, stemmte die andere in die Hüfte und
trat auf das Fenster zu. Leider geriet er mit jedem Schritt
mehr in Wut, und anstelle der stolzen und würdigen Rede, die
er sich für seine Herausforderung zurechtgelegt hatte,
brachte er schließlich nur eine plumpe Anrede zustande, die
er mit einer heftigen Geste begleitete.
»He, Ihr da!« rief er. »Was haltet Ihr Euch hinter dem Fensterladen versteckt? Ja, Euch meine ich! Sagt mir doch, worüber Ihr lacht, dann können wir zusammen lachen!«
Der Edelmann ließ seinen Blick langsam vom Pferd zum
Reiter wandern, als brauchte er einige Zeit, um zu begreifen,
daß diese sonderbaren Anwürfe ihm galten; dann, als er nicht
mehr zweifeln konnte, zog er die Brauen ein wenig hoch und
antwortete in einem unbeschreiblich spöttischen und herausfordernden Ton:
»Ich spreche nicht mit Euch!«
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»Aber ich mit Euch!« schrie der junge Mann, vollends aufgebracht über diese Mischung aus Unverschämtheit und
guten Manieren, Anstand und Geringschätzung.
Der Unbekannte betrachtete ihn noch einen Augenblick
mit leichtem Lächeln, zog sich dann langsam vom Fenster
zurück und trat aus dem Haus, um sich in unmittelbarer
Nähe von d’Artagnan vor dessen Pferd aufzupflanzen. Seine
ruhige Haltung und seine spöttische Miene verdoppelten die
Heiterkeit der beiden anderen, die am Fenster zurückgeblieben waren. Als d’Artagnan ihn herankommen sah, zog er den
Degen ein Stück aus der Scheide.
»Dieses Pferd ist oder vielmehr war in seiner Jugend bestimmt ein Goldfuchs«, setzte der Unbekannte die begonnene Musterung fort und schien dabei die Erbitterung d’Artagnans, wiewohl der genau zwischen ihm und seinen beiden
Zuhörern stand, nicht im mindesten zu bemerken. »Seine jetzige Farbe ist zwar in der Botanik sehr verbreitet, doch bei
Pferden, jedenfalls bis heute, sehr selten.«
»Über das Pferd lacht nur, wer über den Reiter nicht zu lachen wagt!« rief wütend der Nacheiferer de Trevilles.
»Ich lache nicht oft, wie Ihr wohl an meinem Gesicht sehen könnt«, erwiderte gelassen der Unbekannte, »aber ich
werde mir jederzeit das Recht herausnehmen, zu lachen,
wann es mir paßt!«
»Und ich«, brüllte d’Artagnan, »ich will nicht, daß man
lacht, wenn es mir nicht paßt!«
»Wirklich?« fuhr der Unbekannte noch gelassener fort.
»Nun, das ist durchaus verständlich.« Damit machte er auf
dem Absatz kehrt und schickte sich an, durch den großen
Torbogen, unter dem d’Artagnan gleich bei seiner Ankunft
ein gesatteltes Reittier bemerkt hatte, in den Gasthof zurückzukehren.
Aber unser junger Gascogner war nicht gesonnen, jemand,
der sich erdreistet hatte, ihn zu verhöhnen, einfach seines
Weges ziehen zu lassen. Er riß den Degen ganz aus der
Scheide und schrie, während er dem Fremden nachsetzte:
»Halt, kehrtgemacht, Herr Witzbold, damit Euch mein
Degen nicht von hinten trifft!«
»Euer Degen – mich?« fragte der andere und wandte sich
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um, wobei er den jungen Mann ebenso erstaunt wie verächtlich
musterte. »Aber geht. Ihr seid ja nicht gescheit!« Und halblaut,
wie im Selbstgespräch, setzte er hinzu: »Wie ärgerlich! Was für
ein Fund wäre das für Seine Majestät, die überall nach Tapferen sucht, um die Reihen Ihrer Musketiere aufzufüllen.«
Kaum hatte er den Satz vollendet, als d’Artagnan einen so
erbitterten Degenstoß nach ihm führte, daß er, wäre er nicht
rasch zurückgesprungen, vermutlich zum letztenmal gespottet hätte. Der Unbekannte merkte nun, daß er es nicht
mehr mit einem Spaß zu tun hatte, zog den Degen, grüßte
seinen Gegner und nahm würdevoll die Ausgangsstellung
ein. Im selben Augenblick fielen seine beiden Zuhörer und
der Wirt mit Stöcken, Schaufeln und Feuerzangen über d’Artagnan her. Hierdurch wurde d’Artagnans Angriff so schnell
und so gründlich abgelenkt, daß der Unbekannte – während
der junge Mann sich umdrehte, um dem Hagel von Schlägen
zu begegnen – den Degen ebenso gelassen wieder in die
Scheide stecken und aus der Rolle eines Kämpfers, die ihm
entgangen war, wieder in die eines Zuschauers zurückfallen
konnte, in welche Rolle er sich auch mit gewohntem Gleichmut fand. Allerdings murmelte er:
»Die Pest über diese Gascogner! Setzt ihn auf seinen Apfelsinengaul und laßt ihn ziehen!«
»Nicht, bevor ich dich erledigt habe, Feigling!« protestierte
d’Artagnan, während er sich, so gut es ging und ohne einen
Schritt zu weichen, seiner drei Angreifer erwehrte.
»Noch so eine Gascognade«, murmelte der Edelmann.
»Bei meiner Ehre, diese Gascogner sind doch unverbesserlich! Also weiter im Tanz, da er unbedingt darauf besteht!
Wenn er genug hat, wird er es schon sagen.«
Aber der Unbekannte wußte noch nicht, mit was für einem
Dickschädel er es zu tun hatte; d’Artagnan war nicht der Mann,
sich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben. Einige Sekunden
noch währte der Kampf, dann entfiel dem erschöpften Streiter der Degen, den ein Stockhieb entzweigebrochen hatte.
Gleichzeitig traf ein anderer Schlag seine Stirn und ließ ihn
blutüberströmt und halb betäubt zu Boden sinken. In diesem
Augenblick eilten von allen Seiten Leute herbei und füllten den
Schauplatz. Da der Wirt peinliches Aufsehen befürchtete,
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schleppte er mit Hilfe seiner Leute den Verwundeten in die
Küche, wo man sich seiner ein wenig annahm.
Unterdes war der Edelmann wieder an seinen Fensterplatz
zurückgekehrt und betrachtete mit einer gewissen Ungeduld
die Menge, die sich nicht zerstreute, was ihm lebhaften Verdruß zu bereiten schien.
»Nun, wie geht es dem Tollkopf?« fragte er, als sich geräuschvoll die Tür öffnete, und wandte sich nach dem Wirt
um, der sich nach seinem Befinden erkundigen wollte.
»Sind Euer Gnaden gesund und unverletzt?«
»Ja, völlig gesund und unverletzt, guter Wirt. Aber ich
frage, was aus unserm jungen Heißsporn geworden ist.«
»Es geht ihm schon besser«, sagte der Wirt, »er ist in Ohnmacht gefallen.«
»Tatsächlich?«
»Aber bevor er ohnmächtig wurde, hat er noch einmal unter Aufbietung aller Kräfte nach Euch gerufen und Euch herausgefordert.«
»Dieser Bursche ist ja der Teufel in Person!« rief der Unbekannte.
»Ach nein, Euer Gnaden, der Teufel wohl nicht«, entgegnete der Wirt und machte ein verächtliches Gesicht. »Während
seiner Ohnmacht haben wir ihn nämlich durchsucht – er hat
in seinem Bündel nur ein Hemd und in seiner Börse nur elf
Taler. Das hat ihn allerdings nicht gehindert, bevor er in Ohnmacht fiel, zu behaupten, Ihr hättet, wenn das in Paris geschehen wäre, auf der Stelle dafür gebüßt, dagegen würdet Ihr
jetzt erst später dafür büßen.«
»So«, meinte der Unbekannte kalt, »dann ist er wohl so etwas wie ein verkleideter Prinz.«
»Ich sage Euch das nur, gnädiger Herr, damit Ihr Euch vorseht.«
»Und in seiner Erregung hat er keinen Namen genannt?«
»Aber ja! Er hat an seine Tasche geschlagen und dabei gesagt: Wir werden schon sehen, wie Herr de Treville über diese
Beleidigung seines Schützlings denkt!«
»Herr de Treville?« versetzte der Unbekannte und wurde
mit einemmal aufmerksam. »Und er hat an seine Tasche geschlagen, als er den Namen de Treville nannte? Nun, mein
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lieber Wirt, ich bin sicher, Ihr habt die kleine Ohnmacht des
jungen Mannes nicht vorübergehen lassen, ohne auch in diese
Tasche einen Blick zu werfen. Und was habt Ihr gefunden?«
»Einen Brief an Herrn de Treville, Hauptmann der königlichen Musketiere.«
»Wahrhaftig?«
»Es ist so, wie ich Euch sage, Euer Gnaden.« Der Wirt war
keine große Leuchte, und so entging ihm, was für eine Wirkung seine Worte auf dem Gesicht des Unbekannten hervorgerufen hatten.
Der trat jetzt von der Fensterbank zurück, auf die er sich
die ganze Zeit mit dem Ellbogen gestützt hatte, und runzelte
beunruhigt die Stirn. »Zum Teufel!« murmelte er zwischen
den Zähnen. »Sollte Treville mir diesen Gascogner auf den
Hals geschickt haben? Er ist zwar noch reichlich jung, aber
Degenstich bleibt Degenstich, da spielt das Alter des Gegners
keine Rolle, und bei einem halben Kind sieht man sich weniger vor als bei jedem andern. Manchmal genügt ein kleines
Hindernis, einen großen Plan zuschanden zu machen.« Der
Unbekannte versank eine ganze Weile in tiefes Nachdenken.
»Hört, Wirt!« sagte er endlich. »Könntet Ihr mich nicht
von diesem Hitzkopf befreien? Im Vertrauen, ich darf ihn
nicht töten, indessen …«, fügte er kalt und drohend hinzu,
»indessen ist er mir unbequem. Wo steckt er denn jetzt?«
»Im Zimmer meiner Frau im ersten Stock. Man verbindet
ihn dort.«
»Seine Sachen hat er alle bei sich, nicht wahr? Sein Wams
hat er ja nicht ausgezogen.«
»Im Gegenteil, und das ganze Zeug liegt in der Küche.
Aber wenn er Euch unbequem ist, der junge Hitzkopf …«
»Zweifellos. Er hat in Euerm Hause einen Spektakel angerichtet, dem sich anständige Leute nicht aussetzen können. Geht jetzt hinauf und macht meine Rechnung fertig,
sagt auch meinem Diener Bescheid!«
»Wie, der gnädige Herr will uns schon verlassen?«
»Das wißt Ihr doch, da ich Euch Befehl gab, mein Pferd zu
satteln. Hat man mir nicht gehorcht?«
»Aber ja, und wie Euer Gnaden gewiß gesehen haben, steht
Euer Pferd bereits reisefertig unterm Tor.«
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»Nun wohl, dann tut, was ich Euch gesagt habe!«
Was denn, fragte sich der Wirt, hat er am Ende Angst vor
diesem Bürschlein? Aber ein gebieterischer Blick des Unbekannten unterbrach seine Gedanken. Er grüßte unterwürfig
und ging hinaus.
Mylady braucht von diesem Kerl nicht gesehen zu werden!
überlegte der Fremde. Sie muß jeden Augenblick eintreffen,
sie hat sich schon verspätet. Es ist bestimmt besser, wenn ich
mich auf mein Pferd setze und ihr entgegenreite … Wenn ich
doch nur erfahren könnte, was in diesem Brief an Treville
steht! – Und immer noch vor sich hin murmelnd, begab er
sich in die Küche.
Inzwischen war der Wirt, der nicht zweifelte, daß nur die
Anwesenheit des jungen Mannes den Unbekannten aus seinem Gasthof vertrieb, zu seiner Frau hinaufgegangen, wo er
d’Artagnan endlich wieder bei Bewußtsein antraf. Er gab ihm
zu verstehen, daß die Polizei ihm übel mitspielen könne, weil
er mit einem so hohen Herrn Streit angefangen hatte – nach
Meinung des Wirtes konnte der Fremde nur ein hoher Herr
sein –, und schließlich bestimmte er ihn dazu, trotz seiner
Schwäche aufzustehen und seinen Weg fortzusetzen. D’Artagnan erhob sich also, noch halb betäubt und mit verbundenem Kopf, und begann, vom Wirt gedrängt, die Treppe hinabzusteigen. Als er in die Küche kam, erblickte er im Hof als
erstes seinen Widersacher, der am Tritt einer mit zwei schweren normannischen Pferden bespannten Karosse stand und
sich ruhig unterhielt.
Die Dame, mit der er sprach und deren Kopf in dem Wagenfenster wie eingerahmt schien, mochte ungefähr vier- oder
auch fünfundzwanzig Jahre alt sein. Wir haben an anderer
Stelle bereits darauf hingewiesen, wie schnell d’Artagnan ein
Gesicht mit allen Einzelheiten in sich aufzunehmen verstand;
er erkannte also auf den ersten Blick, daß die Frau jung und
schön war. Ihre Schönheit überraschte ihn um so mehr, als sie
für den Süden, wo d’Artagnan bisher gelebt hatte, etwas völlig Fremdartiges darstellte. Die Dame war blaß und blond, mit
langem, bis auf die Schulter herabfallendem lockigem Haar,
großen blaßblauen Augen, rosigen Lippen und schneeweißen
Händen. Sie plauderte sehr lebhaft mit dem Unbekannten.
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»Seine Eminenz befiehlt mir also …«, sagte die Dame.
»Unverzüglich nach England zurückzukehren und sofort
Nachricht zu geben, wenn der Herzog London verläßt.«
»Und meine weiteren Instruktionen?« fragte die schöne
Reisende.
»Befinden sich in diesem verschlossenen Kästchen, das Ihr
erst auf der anderen Seite des Kanals öffnen sollt.«
»Sehr wohl. Und was macht Ihr?«
»Ich kehre nach Paris zurück.«
»Ohne diesen frechen Burschen zu züchtigen?« fragte die
Dame.
Der Unbekannte wollte etwas entgegnen, aber gerade, als
er den Mund öffnete, stürzte d’Artagnan, der alles gehört
hatte, aus dem Haus.
»Im Gegenteil!« rief er. »Dieser freche Bursche wird Euch
züchtigen, und er hofft sehr, daß Ihr ihm diesmal nicht entwischt wie das erstemal!«
»Ihm nicht entwischt?« wiederholte stirnrunzelnd der Unbekannte.
»Nun, wenn eine Dame dabei ist, werdet Ihr doch nicht
zu fliehen wagen, nehme ich an.«
»Bedenkt«, rief Mylady, als sie den Edelmann nach seinem
Degen greifen sah, »daß der geringste Aufschub alles gefährden kann!«
»Ihr habt recht«, versetzte der Angesprochene. »Fahrt also
weiter, ich reite gleichfalls los!«
Während er grüßend den Kopf neigte und sich dann mit
einem Satz in den Sattel schwang, trieb der Kutscher der Karosse seine Pferde mit wilden Peitschenschlägen an. Im Galopp
entfernten sich so die beiden Fremden in entgegengesetzter
Richtung.
»He, Eure Rechnung!« kreischte der Wirt, dessen Ergebenheit für den Unbekannten sich in tiefe Verachtung verwandelte, als er sah, daß sich sein Gast wie ein Zechpreller davonmachte.
»Zahle, Kerl!« rief der Fremde seinem Diener zu, der dem
Wirt ein paar Münzen vor die Füße warf und dann seinem
Herrn nachjagte.
»Feigling! Elender Schurke! Falscher Edelmann!« schrie
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d’Artagnan und versuchte, seinem Gegner nachzusetzen.
Aber der Verwundete war noch zu schwach, eine solche Erschütterung auszuhalten. Er hatte noch keine zehn Schritte
gemacht, da dröhnten ihm die Ohren, ein Schwindel erfaßte
ihn, es wurde ihm schwarz vor den Augen, und er brach mitten auf der Straße zusammen, noch im Sturze schreiend:
»Feigling! Feigling! Feigling!«
»Er ist wirklich sehr feige«, flüsterte der Wirt, der sich über
den jungen Mann beugte und sich durch diese Schmeichelei
mit dem armen Jungen wieder gut zu stellen hoffte.
»Ja, sehr feige«, murmelte d’Artagnan. »Aber sie ist sehr
schön.«
»Wer?«
»Mylady«, stammelte d’Artagnan und wurde abermals
ohnmächtig.
Macht nichts – dachte der Wirt –, ich verliere zwar die beiden, aber mir bleibt ja der hier, den ich bestimmt ein paar
Tage dabehalten kann, und da verdiene ich auf jeden Fall
meine elf Taler.
Man erinnert sich, daß sich die Summe in d’Artagnans
Börse noch genau auf elf Taler belief.
Der Wirt hatte mit elf Tagen Krankheit, den Tag zu einem
Taler, gerechnet; aber er hatte die Rechnung ohne seinen Gast
gemacht. Am andern Morgen stand d’Artagnan schon früh
um fünf auf, ging selber hinunter in die Küche und verlangte
außer einigen anderen, uns leider nicht übermittelten Ingredienzen Wein, Öl und Rosmarin. Daraus braute er, immer
das Rezept seiner Mutter in der Hand, eine Salbe, rieb damit
seine zahlreichen Wunden ein, erneuerte eigenhändig die Verbände und wollte von keinem Arzt etwas wissen. Sicherlich
verdankte es d’Artagnan der Wirksamkeit dieser Zigeunersalbe, vielleicht aber auch der gänzlichen Abwesenheit eines
Arztes, daß er noch am selben Abend wieder auf den Beinen
und am Tage darauf fast völlig geheilt war.
Aber als er nun Rosmarin, Öl, Wein und die anderen Bestandteile der Salbe bezahlen wollte, die einzige Ausgabe des
jungen Mannes, der in der ganzen Zeit nichts verzehrt hatte,
während sein Pferd, zumindest nach den Reden des Wirts, dreimal soviel gefressen hatte, wie man ihm billigerweise zutrauen
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konnte, fand er in seiner Tasche wohl die kleine abgegriffene
Samtbörse mit den elf Talern, nicht aber den Brief an Herrn de
Treville. Zunächst suchte er noch in aller Ruhe nach diesem
Schreiben; er drehte wohl zwanzigmal seine Taschen um und
um, packte seinen Mantelsack aus und wieder ein, klappte die
Geldbörse auf und zu; als er jedoch zu der Überzeugung
gelangt war, daß der Brief unauffindbar blieb, bekam er einen
neuerlichen Wutanfall, der ihm um ein Haar eine weitere Gelegenheit verschafft hätte, seine Salbe anzuwenden, denn angesichts des jungen Heißsporns, der da schon wieder lostobte
und alles kurz und klein zu schlagen drohte, hatte sich der Wirt
mit einem Spieß, seine Frau mit einem Besenstiel und jeder seiner Knechte mit einem der Stöcke bewaffnet, die schon vor
zwei Tagen so treffliche Dienste geleistet hatten.
»Mein Empfehlungsbrief!« rief d’Artagnan. »Mein Empfehlungsbrief; Himmelherrgott, schafft ihn her, oder ich
spieße euch alle wie Brathühner auf!«
Unglücklicherweise hinderte ein gewisser Umstand den
jungen Mann daran, seine Drohung wahr zu machen, und
zwar war sein Degen, wie wir bereits berichteten, beim ersten Kampf entzweigegangen, was er völlig vergessen hatte.
So kam es, daß d’Artagnan, als er nun allen Ernstes blankziehen wollte, lediglich den abgebrochenen Degenstumpf in
der Hand hielt, den der Wirt säuberlich wieder in die Scheide
gesteckt hatte. Das andere Ende der Klinge hatte er vorsorglich beiseite geschafft, um sich eine Spicknadel daraus zu
machen.
Indessen hätte diese Enttäuschung unseren jungen Wüterich kaum zurückgehalten, wenn sich der Wirt nicht inzwischen überlegt hätte, daß diese Forderung seines Gastes berechtigt war. So ließ er den Spieß sinken und fragte:
»Wo steckt nun aber der Brief eigentlich?«
»Ja, wo ist der Brief?« schrie d’Artagnan. »Ich sage Euch
gleich, dieser Brief ist an Herrn de Treville gerichtet, und er
muß unbedingt gefunden werden; andernfalls wird Herr de
Treville schon dafür sorgen, daß er sich wiederfindet!«
Diese Drohung schüchterte den Wirt vollends ein. Nach
dem König und dem Kardinal war de Treville der Mann, dessen Name im Munde der Soldaten, ja selbst der Bürger wohl
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am häufigsten wiederkehrte. Es gab zwar noch den Pater Josef, aber dieser Name wurde nur geflüstert, so groß war die
Furcht vor der grauen Eminenz, wie man den Vertrauten des
Kardinals nannte. So warf denn der Wirt seinen Spieß weg,
befahl seiner Frau und den Knechten, mit Besenstiel und
Stöcken ebenso zu verfahren, und ging endlich den anderen
mit gutem Beispiel voran, indem er sich anschickte, nach dem
verlorenen Brief zu suchen.
»Enthielt denn dieses Schreiben etwas Wertvolles?« fragte
der Wirt nach einer Weile erfolglosen Bemühens.
»Und ob!« versetzte der Gascogner, der mit dem Brief seinen Weg bei Hofe zu machen hoffte. »Er enthielt mein ganzes
Vermögen.«
»Spanische Schatzbons?« fragte beunruhigt der Wirt.
»Bons auf die Privatschatulle Seiner Majestät«, erwiderte
d’Artagnan, der in dieser etwas gewagten Antwort keine Lüge
sehen konnte, da er ja sicher war, dank seinem Empfehlungsschreiben in die Dienste des Königs zu treten.
»Verdammt!« fluchte der Wirt, völlig verzweifelt.
»Aber auf die kommt es mir nicht an«, fuhr d’Artagnan
mit der Großspurigkeit des echten Gascogners fort. »An
dem Geld liegt mir nichts, wichtig war nur der Brief. Lieber
wollte ich tausend Dukaten verlieren!«
Er hätte ebensogut zwanzigtausend sagen können, doch
eine gewisse jugendliche Scheu hielt ihn zurück. Plötzlich
kam dem Wirt, der schon ganz verstört war, daß er nichts
fand, eine Erleuchtung.
»Der Brief ist gar nicht verloren!« rief er.
»So?« fragte d’Artagnan.
»Nein, man hat ihn Euch weggenommen.«
»Weggenommen? Ja, aber wer denn?«
»Der Edelmann von gestern. Er war in der Küche, wo Euer
Wams lag. Ganz allein war er da. Ich möchte wetten, er hat
den Brief gestohlen.«
»Meint Ihr?« entgegnete d’Artagnan wenig überzeugt, denn
er kannte am besten die rein persönliche Bedeutung des Briefes und begriff nicht, was daran für einen anderen von Wert
sein sollte. Tatsächlich hätte weder einer der Diener noch einer
der anwesenden Gäste mit dem Schreiben etwas anfangen
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können. »Ihr wollt also sagen«, fuhr d’Artagnan fort, »daß
Ihr diesen unverschämten Herrn im Verdacht habt?«
»Ich bin ganz sicher, daß er es war«, erklärte der Wirt. »Als
ich ihm sagte, daß Euer Gnaden ein Schützling des Herrn de
Treville sind und sogar einen Brief an diesen bedeutenden
Mann bei sich haben, wurde er auf einmal sehr unruhig. Er hat
mich gefragt, wo denn der Brief wäre, und dann ist er gleich
in die Küche gegangen, wo, wie er wußte, Euer Wams lag.«
»Dann ist er auch der Dieb«, sagte d’Artagnan. »Ich werde
mich bei Herrn de Treville beschweren, und Herr de Treville
wird sich seinerseits beim König beklagen.«
Damit zog er großartig zwei Taler aus der Tasche, gab sie
dem Wirt, der ihn mit dem Hut in der Hand bis ans Tor geleitete, und bestieg sein gelbes Roß, das ihn ohne weitere
Zwischenfälle bis an die Porte Saint-Antoine von Paris trug,
wo er es für drei Taler verkaufte, was ein sehr guter Preis war,
denn d’Artagnan hatte es auf der letzten Wegstrecke reichlich strapaziert. Der Pferdehändler, dem er seinen Klepper
für die besagten drei Taler überließ, verhehlte denn auch dem
jungen Mann nicht, daß ihn nur die ungewöhnliche Farbe des
Tieres zu diesem enormen Preis bewogen habe.
Zu Fuß also hielt d’Artagnan seinen Einzug in Paris. Er trug
den kleinen Mantelsack unterm Arm und wanderte so lange
umher, bis er endlich ein Zimmer fand, das der Dürftigkeit seiner Mittel entsprach. Es war eine Art Mansarde in der Rue des
Fossoyeurs, nicht weit vom Luxembourg-Garten. Nachdem
er die Miete im voraus entrichtet hatte, nahm er von seiner
neuen Wohnung Besitz und verbrachte den Rest des Tages damit, sein Wams und seine Hosen mit Borten zu benähen, die
seine Mutter von einem fast neuen Rock des Vaters abgetrennt
und ihm heimlich zugesteckt hatte. Dann ging er auf den Quai
de la Ferraille, wo er sich eine neue Klinge an seinen Degen
schmieden ließ, und begab sich anschließend zum Louvre, wo
er den ersten Musketier, der ihm begegnete, nach dem Haus
des Herrn de Treville fragte. Er erfuhr, daß es in der Rue du
Vieux-Colombier lag, also in unmittelbarer Nachbarschaft des
Hauses, in dem er sich ein Zimmer gemietet hatte, ein Umstand, der ihm ein glückliches Vorzeichen für den Erfolg seiner Reise zu sein schien.
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Durchaus zufrieden mit der Art, wie er sich in Meung aufgeführt hatte, ohne Gewissensbisse über die Vergangenheit,
voller Vertrauen in die Gegenwart und voller Hoffnungen
auf die Zukunft, legte er sich endlich nieder und schlief den
Schlaf des Gerechten. Dieser noch durchaus provinzlerische
Schlaf dauerte bis neun Uhr morgens, zu welcher Stunde er
sich erhob, um bei dem berühmten Herrn de Treville vorzusprechen, der, wenigstens nach Meinung seines Vaters, der
dritte Mann im Königreich war.
Das Vorzimmer des Herrn de Treville
Herr de Troisville, wie seine Familie noch in der Gascogne hieß,
oder Herr de Treville, wie er selbst sich in Paris nannte, hatte
buchstäblich genauso angefangen wie d’Artagnan, das heißt
ohne einen roten Heller, doch mit jenem Schatz an Kühnheit,
Witz und Verstand, durch den der ärmste gascognische Krautjunker in seinen Hoffnungen oft mehr vom väterlichen Erbe
mitbekommt, als der reichste Edelmann des Perigord oder
einer anderen Provinz tatsächlich erbt. Sein unverschämtes
Draufgängertum und sein noch unverschämteres Glück hatten
ihn zu einer Zeit, da es Schläge wie Hagelkörner regnete, zur
höchsten Spitze der steilen Leiter emporgetragen, die man
Hofgunst nennt und von deren Sprossen er immer vier auf einmal erklommen hatte.
Er war der Freund des Königs, der bekanntlich das Andenken seines Vaters, Heinrichs IV., in hohen Ehren hielt.
Trevilles Vater hatte diesem König in seinen Kriegen gegen
die Liga so treu gedient, daß ihm Heinrich IV. nach der Übergabe von Paris in Ermangelung von Geld – woran es dem Bearner zeitlebens gebrach, so daß er seine Schulden stets mit
dem einzigen bezahlte, was er nicht zu borgen brauchte: mit
Geist und Witz –, daß er ihm also in Ermangelung von Geld
die Erlaubnis erteilte, als Wappen einen goldenen Löwen im
roten Feld mit der Devise »Fidelis et fortis« zu führen. Das
war zwar sehr ehrenvoll, aber wenig einträglich. Als daher
der berühmte Waffengefährte des großen Heinrich starb,
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hinterließ er seinem Sohn nur Degen und Wappenspruch.
Dieser Erbschaft indessen und seinem makellosen Namen
verdankte es der Sohn, daß er in das Haus des jungen Prinzen aufgenommen wurde, wo er von seinem Degen so guten
Gebrauch machte und seinem Wahlspruch so treu blieb, daß
Ludwig XIII., selbst einer der trefflichsten Fechter im Königreich, bei mehr als einer Gelegenheit erklärte: er würde einem
Freund, der sich zu schlagen hätte, als Sekundanten zuerst
sich selbst und dann Treville, vielleicht aber auch diesen an erster Stelle empfehlen.
So empfand Ludwig XIII. eine wirkliche Anhänglichkeit für
Treville, eine königliche, eine selbstsüchtige Anhänglichkeit
zwar, aber eben doch eine Anhänglichkeit. In jenen unglücklichen Zeiten war man nämlich sehr bemüht, sich mit Männern vom Schlage Trevilles zu umgeben. Wohl gab es viele, die
den zweiten Teil des Wappenspruchs auf sich beziehen und
sich »stark« nennen konnten, aber nur wenige konnten mit
dem ersten Teil von sich sagen, daß sie auch »treu« wären. Zu
ihnen gehörte Treville; er war einer jener seltenen Menschen,
die den gehorsamen Verstand eines Hundes mit blindem Mut,
scharfem Auge und rasch zupackender Hand vereinen, und
das Auge schien ihm nur gegeben, um darüber zu wachen, ob
der König mit jemand unzufrieden wäre, die Hand nur, um
diesen Mißliebigen niederzuschlagen. Bisher hatte es ihm
lediglich an einer günstigen Gelegenheit gefehlt, aber er war
auf der Hut und fest entschlossen, die Gelegenheit beim
Schopfe zu fassen, so sie sich jemals in greifbarer Nähe zeigte.
Schließlich machte Ludwig XIII. Treville zum Hauptmann seiner Musketiere, die der König wegen ihrer Ergebenheit oder
richtiger wegen ihres fanatischen Draufgängertums ebenso
schätzte wie Heinrich III. seine Leibwache und Ludwig IX.
seine schottische Garde.
Der Kardinal seinerseits blieb in dieser Beziehung keineswegs hinter dem König zurück. Als er sah, mit welch furchterregender Garde sich Ludwig XIII. umgab, hatte auch er,
Frankreichs zweiter und im Grunde eigentlicher König, eine
eigene Schutztruppe haben wollen. So besaß denn nun jeder
seine Musketiere, und man sah, wie die beiden rivalisierenden
Mächte in allen Provinzen des Landes, ja selbst in den be22
nachbarten Staaten die berühmtesten Kampfhähne umwarben, um sie für ihre Dienste zu gewinnen. Bei ihrer allabendlichen Schachpartie stritten Richelieu und Ludwig XIII. oft
über die Verdienste ihrer Leute. Jeder rühmte den Mut und
die Haltung der Seinen, und während sie sich laut gegen alle
Zweikämpfe und Schlägereien aussprachen, stachelten sie
insgeheim ihre Mannen dazu auf und empfanden ehrliche
Trauer über jede Niederlage und maßlose Freude über jeden
Sieg der Ihren.
Treville hatte sehr früh die schwache Seite seines Herrn erkannt, und diesem Umstand verdankte er die lange und beständige Gunst eines Königs, dem nicht gerade nachgesagt
werden kann, daß er seinen Freunden sonderlich treu gewesen wäre. Er ließ seine Musketiere in so aufreizender Weise
vor dem Kardinal paradieren, daß sich die grauen Schnurrbarthaare Seiner Eminenz vor Zorn sträubten. Treville verstand sich ausgezeichnet auf die Kriegführung jener Zeit, in
der man, sofern gerade kein Feind verfügbar war, auf Kosten
der eigenen Landsleute lebte. Seine Soldaten bildeten eine Legion wahrer Teufel, die niemand gehorchten außer ihm. In
nachlässigem Aufzug, meist bezecht und tüchtig zerschrammt, trieben sich die Musketiere des Königs oder richtiger des Herrn de Treville in den Schenken, auf den Promenaden und in den Spielhäusern herum, grölten und zwirbelten
ihre Schnurrbärte, ließen ihre Degen klirren und rempelten
mit Vorliebe die Garden des Kardinals an, wo immer sie ihnen
begegneten. Unter scherzhaften Reden zogen sie auf offener
Straße vom Leder. Wenn manchmal einer getötet wurde,
konnte er sicher sein, daß man ihn betrauern und rächen
würde; und wenn sie, was häufiger geschah, selber einen von
den anderen töteten, konnten sie sicher sein, daß Herr de Treville sie davor bewahrte, im Gefängnis zu verschimmeln. Diese
Männer vergötterten ihren Hauptmann und sangen sein Lob
in allen Tonarten; so rauhbeinig sie auch sonst waren, vor Treville zitterten sie wie Schulbuben vor ihrem Lehrer, ihm gehorchten sie aufs Wort, bereit, den leisesten Tadel mit ihrem
Blut abzuwaschen.
Herr de Treville bediente sich dieses Werkzeugs in erster
Linie für den König und dessen Freunde, im weiteren aber
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auch für sich selbst und seine Freunde. Übrigens findet sich
in den Memoiren jener Zeit, die uns doch so viele Memoiren
hinterlassen hat, nirgends ein Wort, nicht einmal von seinen
Feinden – und deren hatte er nicht wenige unter den Helden
der Feder und des Degens –, das diesen wackeren Edelmann
bezichtigte, er hätte sich die Dienste seiner Leute bezahlen
lassen.
Bei allem glänzenden diplomatischen Geschick, das ihn
den gerissensten Intriganten ebenbürtig machte, blieb er eine
ehrliche Haut. Ja, trotz der langen Stoßdegen, von denen
man steife Lenden bekommt, und ungeachtet der anstrengenden militärischen Übungen, war er einer der galantesten
Bummler, einer der elegantesten Weiberhelden und einer der
gewandtesten Schönredner seiner Zeit; man sprach von Trevilles Erfolgen bei Frauen wie zwanzig Jahre zuvor von denen Bassompierres, und das wollte etwas heißen. Kurz, der
Hauptmann der Musketiere wurde bewundert, gefürchtet
und geliebt, was bekanntlich das höchste Glück des Menschen ausmacht.
Wenn Ludwig XIV. ein halbes Jahrhundert später alle kleinen Sterne seines Hofes mit seinem Glanz verdunkeln sollte,
billigte sein Vater noch jedem Günstling Eigenwert und persönliche Ausstrahlung zu. Außer den Levers beim König und
beim Kardinal gab es damals in Paris mehr als zweihundert
kleinere, wenn auch oft etwas gesuchte Levers. Eines der beliebtesten war das bei Herrn de Treville.
Der Hof seines in der Rue du Vieux-Colombier gelegenen
Hauses glich einem Heerlager, und das im Sommer von morgens sechs, im Winter von morgens acht Uhr an. In voller Rüstung und zu allem bereit, stolzierten hier ständig fünfzig bis
sechzig Musketiere auf und ab, die sich offenbar immer wieder
abwechselten, um stets eine eindrucksvolle Menge abzugeben.
Auf einer der geräumigen Treppen, die so viel Platz einnahmen
wie heutzutage ein ganzes Haus, drängten sich Bittsteller aus
Paris, die irgendeiner Gunst nachjagten, Edelleute aus der Provinz, die in die Garde aufgenommen werden wollten, sowie Lakaien in allen möglichen Livreen, die Botschaften ihrer Herren
überbrachten. Im Vorzimmer saßen auf langen Rundbänken
die Auserwählten, die zur Audienz bestellt waren. Während
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diesen Raum von früh bis spät ein dumpfes Stimmengewirr
erfüllte, empfing Herr de Treville im anstoßenden Arbeitszimmer seine Besucher, hörte sich ihre Klagen an, erteilte Befehle und brauchte nur ans Fenster zu treten, um wie der König
vom Balkon des Louvre herab seine Truppe vorüberdefilieren
zu sehen.
An dem Tag, da d’Artagnan sich hier einfand, war das Bild
der Menge sehr eindrucksvoll, besonders für einen jungen
Mann aus der Provinz, wenn auch die Gascogner zu jener
Zeit in dem Ruf standen, sich nicht so leicht einschüchtern
zu lassen.
Wer nämlich den Hof betrat, geriet sogleich in ein dichtes
Gewühl lärmender Kriegsleute, die einander Scherzworte
und Sticheleien zuriefen. Um sich hier einen Weg zu bahnen,
mußte man schon Offizier, Edelmann oder eine hübsche
Frau sein.
Durch dieses Gewoge schritt also klopfenden Herzens unser junger Freund. Er preßte sein langes Rapier gegen die
schmächtigen Beine und hielt mit dem etwas verlegenen
Lächeln des Provinzlers, der Haltung bewahren will, die
Krempe seines Hutes fest. Sobald er an einer Gruppe vorüber
war, atmete er auf, aber er merkte wohl, daß man sich nach
ihm umdrehte, und d’Artagnan, der bisher eine ganz gute
Meinung von sich hatte, kam sich zum erstenmal in seinem
Leben lächerlich vor.
Als er bei der Treppe anlangte, wurde es noch schlimmer.
Etwa zehn bis zwölf Musketiere umlagerten die untersten Stufen, auf denen vier ihrer Kameraden sich damit vergnügten,
daß der eine von einer höheren Stufe aus mit dem blanken Degen den anderen drei den Aufgang verwehrte oder doch zu
wehren suchte. Alle vier fochten sehr gewandt. D’Artagnan
glaubte zuerst, es handle sich um stumpfe Übungsklingen,
aber einige leichtere Verwundungen verrieten ihm bald, daß
die Waffen im Gegenteil aufs beste geschliffen und zugespitzt
waren. Bei jedem Treffer brachen übrigens nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Kämpfer in wieherndes Gelächter
aus.
Der Mann, der eben jetzt oben stand, hielt seine Gegner
glänzend in Schach. Bedingung war, daß jeder Getroffene
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ausschied und seinen Einsatz an den besseren Fechter verlor. Binnen fünf Minuten hatte der Verteidiger der Treppe,
ohne auch nur geritzt zu werden, alle drei Angreifer verwundet, den einen am Handgelenk, den anderen am Kinn,
den dritten am Ohr, so daß ihm seine Geschicklichkeit einen
dreifachen Gewinn eintrug.
So ungern sich auch unser junger Freund in Erstaunen setzen ließ, dieser Zeitvertreib ergötzte ihn. Er hatte in seiner
Heimat, wo sich die Köpfe so leicht erhitzen, schon manchen
Zweikampf gesehen, aber was diese vier Musketiere aufführten, schien ihm denn doch toller als alles, was ihm bisher zu
Ohren gekommen war. Er glaubte sich in das berühmte Land
der Riesen versetzt, das dem armen schiffbrüchigen Gulliver
solchen Schrecken einjagte, und dabei war er keineswegs am
Ziel; vorher galt es noch, den Treppenabsatz und das Vorzimmer zu meistern.
Auf dem Treppenabsatz focht man nicht, hier erzählte man
sich Weibergeschichten, während im Vorzimmer der neueste
Hofklatsch die Runde machte. Auf dem Treppenabsatz wurde
d’Artagnan rot, im Vorzimmer blaß. Seine wache und lebhafte
Phantasie, die in der Gascogne wohl den jungen Kammerzofen und manchmal einer jungen Herrin gefährlich werden
konnte, hatte ihm niemals, nicht einmal im höchsten Rausch,
auch nur die Hälfte der erstaunlichen Liebesabenteuer und
nur ein Viertel der galanten Ruhmestaten vorgegaukelt, die
hier durch die Aufzählung klangvollster Namen und kaum
verhüllter Einzelheiten noch großartiger wirkten. Aber wenn
auf dem Treppenabsatz sein moralisches Empfinden beleidigt
wurde, so fand sich im Vorzimmer seine Achtung für den
Kardinal herausgefordert. Zu seiner größten Verwunderung
hörte d’Artagnan, wie hier nicht nur die Politik des Kardinals, vor der ganz Europa zitterte, sondern auch sein Privatleben, für dessen Verunglimpfung viele hochgestellte Herren
bestraft worden waren, laut kritisiert wurde. Der große Mann,
den d’Artagnans Vater so sehr verehrte, diente den Musketieren des Herrn de Treville als Zielscheibe ihres Witzes, und
sie machten sich über seine krummen Beine und seinen
Buckel lustig. Einige sangen Spottlieder auf seine Geliebte,
Madame d’Aiguillon, und auf seine Nichte, Madame Com26
balet, während andere gegen die Pagen und Gardisten des
Kardinals Ränke schmiedeten – lauter Dinge, die d’Artagnan
für schauerliche Unmöglichkeiten hielt. Sobald jedoch in der
Unterhaltung unversehens der Name des Königs fiel, schien
ein Knebel all diese spottsüchtigen Mäuler für einen Augenblick zu verstopfen. Man schaute sich unsicher um, als traue
man nicht recht der Verschwiegenheit der dünnen Scheidewand zu Trevilles Arbeitszimmer; doch bald brachte eine Anspielung das Gespräch wieder auf Seine Eminenz zurück, und
man lachte womöglich noch ausgelassener; es blieb kein Winkel im Privatleben des Kardinals, der nicht voll ausgeleuchtet
wurde.
Diese Leute werden bestimmt alle in die Bastille geworfen
und aufgehängt! dachte d’Artagnan mit Schrecken. Und mir
wird es ohne Zweifel nicht anders ergehen, denn ich habe alles
mit angehört, bin also mitschuldig. Was würde mein Vater sagen, der mir die Achtung vor dem Kardinal so ans Herz gelegt
hat, wenn er mich in der Gesellschaft dieser gottlosen Spötter
sähe?
Wie sich denken läßt, wagte d’Artagnan nicht, sich an der
Unterhaltung zu beteiligen; aber er riß die Augen auf, spitzte
die Ohren und spannte alle fünf Sinne an, damit ihm nichts
entging. Wenn er auch fest auf die väterlichen Ratschläge vertraute, war er ganz gefühlsmäßig doch weit eher geneigt, die
unerhörten Dinge, die sich vor ihm abspielten, zu loben als
zu tadeln.
Unterdessen war man auf den jungen Mann, den keiner
der Höflinge kannte und den man hier zum erstenmal sah,
aufmerksam geworden und fragte ihn, was er wünsche. D’Artagnan nannte bescheiden seinen Namen, berief sich auf seine
Landsmannschaft und bat den Kammerdiener, der sich mit
dieser Frage an ihn gewandt hatte, Herrn de Treville um eine
kurze Audienz für ihn zu bitten, was der Diener auch gönnerhaft versprach. D’Artagnan hatte sich inzwischen von seiner ersten Verblüffung etwas erholt und konnte nun in Muße
die Gesichter und Trachten ein wenig studieren.
Den Mittelpunkt der sich am lebhaftesten gebärdenden
Gruppe bildete ein hochgewachsener, würdevoll dreinschauender Musketier, der durch seine wunderliche Kleidung alle Blicke
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auf sich zog. Er trug im Augenblick nicht den Uniformrock,
der übrigens in dieser Zeit geringerer Freiheit, aber größerer
Unabhängigkeit auch nicht obligatorisch war, sondern einen
schon etwas verschossenen, abgenutzten himmelblauen Leibrock und darüber ein prächtiges Wehrgehänge, dessen Goldstickereien wie ein sonnenbeschienener Wasserspiegel glitzerten und gleißten. Ein langer karmesinroter Samtmantel fiel ihm
anmutig von den Schultern und ließ vorn nur das funkelnde
Wehrgehänge sehen, an dem ein gigantischer Stoßdegen befestigt war. Dieser Musketier kam gerade vom Wachdienst; er
klagte, daß er sich erkältet habe, und hustete von Zeit zu Zeit
affektiert. Nur deshalb hatte er, wie er den Umstehenden erklärte, den Mantel angelegt. Während er dies ganz von oben
herab sagte und dabei verächtlich seinen Schnurrbart zwirbelte,
bewunderten die anderen, allen voran d’Artagnan, entzückt das
glänzende Wehrgehänge.
»Was wollt ihr?« sagte der Musketier. »Das ist jetzt Mode.
Ziemlich verrückt, ich weiß, aber die Mode will es so. Und
dann muß man ja auch das Geld, das man geerbt hat, irgendwie ausgeben!«
»Aber Porthos«, rief einer, »du willst uns doch nicht weismachen, daß du dieses Wehrgehänge der Großzügigkeit deines Vaters verdankst! Es war doch wohl eher die verschleierte
Dame, mit der ich dich letzten Sonntag an der Porte SaintHonore gesehen habe.«
»Nein, bei meiner Ehre und bei meinem Wort als Edelmann, ich habe es selbst und von meinem eigenen Geld gekauft!« entgegnete der mit Porthos Angesprochene.
»Ja«, sagte ein anderer Musketier, »so wie ich diese neue
Börse gekauft habe – mit dem Geld, das mir meine Geliebte
in die alte gesteckt hat.«
»Es ist aber so«, beteuerte Porthos, »und der Beweis ist,
daß ich hundert Taler dafür bezahlt habe.«
Die Bewunderung stieg, aber der Zweifel wollte nicht weichen.
»Nicht wahr, Aramis?« fragte Porthos und wandte sich an
einen anderen Musketier, dessen Erscheinung einen vollkommenen Gegensatz zu der des Fragenden bildete.
Es war ein junger Mann von höchstens dreiundzwanzig
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Jahren, mit kindlichem Gesicht, schwarzen, sanft blickenden
Augen und einer Haut, so rosig und samtweich wie ein Pfirsich im Herbst; der feine Schnurrbart zeichnete über der
Oberlippe einen schnurgeraden Strich; die Hände schienen
ein Herabhängen zu meiden, als fürchteten sie, die Adern
könnten anschwellen, und von Zeit zu Zeit kniff er sich in die
Ohrläppchen, damit sie stets in einem zartrosa Ton schimmerten. Er sprach meist nur wenig und sehr langsam, grüßte
oft, lachte lautlos und zeigte dabei schöne, regelmäßige
Zähne, auf deren Pflege er, wie auf seine ganze Erscheinung,
die größte Sorgfalt zu verwenden schien. Auf den Zuruf seines Freundes antwortete er mit einem kurzen Kopfnicken.
Diese Bestätigung schien alle Zweifel hinsichtlich des
Wehrgehänges zu bannen. Man bewunderte es wohl noch,
aber man sprach nicht mehr davon, und die Unterhaltung
wandte sich einem anderen Gegenstand zu.
»Was haltet ihr übrigens von der Geschichte, die Chalais’
Stallmeister erzählt?« fragte ein anderer Musketier, ohne sich
an jemand Bestimmtes zu wenden.
»Was erzählt er denn?« fragte Porthos in selbstgefälligem
Ton.
»Er will Rochefort, den verschworenen Handlanger des
Kardinals, als Kapuziner verkleidet, in Brüssel gesehen haben.
Dank seiner Verkleidung hat dieser verdammte Rochefort
den Herrn de Laigues wie einen dummen Jungen, der er auch
ist, überlistet.«
»Wie einen dummen Jungen, ja«, sagte Porthos. »Aber ist
das Ganze auch sicher?«
»Ich hab es von Aramis«, antwortete der Musketier.
»Wirklich?«
»Aber das wißt Ihr doch, Porthos«, warf Aramis ein, »ich
habe es Euch ja gestern erzählt. Reden wir nicht mehr davon!«
»Nicht mehr davon reden!« rief Porthos. »Ja, so seid Ihr:
nicht mehr davon reden! Beim Henker, Ihr werdet rasch fertig mit so etwas! Wie denn, der Kardinal läßt einen Edelmann
bespitzeln, läßt ihm durch einen Verräter, einen Räuber und
Erzgauner, die Briefschaften stehlen und bringt ihn schließlich mit Hilfe dieses Spions und dieser Briefe an den Galgen,
unter dem lächerlichen Vorwand, der Ärmste hätte den König
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umbringen und die Königin mit Monsieur verheiraten wollen! Niemand wußte auch nur ein Sterbenswort von dieser geheimnisvollen Geschichte, Ihr selbst habt sie uns erst gestern
zu unser aller Genugtuung erzählt, und während wir über all
das noch ganz sprachlos sind, kommt Ihr heute und sagt: Reden wir nicht mehr davon!«
»Nun gut, da Ihr es wünscht, reden wir weiter davon!« erwiderte Aramis geduldig.
»Wenn ich der Stallmeister des armen Chalais wäre«, rief
Porthos aus, »dann könnte sich dieser Rochefort auf einen
schlimmen Augenblick gefaßt machen!«
»Und Ihr auf eine unangenehme Viertelstunde mit dem
Roten Herzog«, versetzte Aramis.
»Der Rote Herzog! Ha, das ist gut!« Porthos klatschte in die
Hände und nickte beifällig. »Der Rote Herzog, bravo, das ist
glänzend! Ich werde das Wort unter die Leute bringen, mein
Bester, da seid ganz unbesorgt! Ein witziger Kopf, unser Aramis. Schade nur, daß Ihr nicht Eurer Bestimmung folgen
könnt. Ihr hättet einen wunderbaren Abbé abgegeben!«
»Oh, das ist nur aufgeschoben, eines Tages werde ich es
schon noch. Ihr wißt ja, Porthos, daß ich zu diesem Zweck
noch immer Theologie studiere.«
»Wahrhaftig«, erklärte Porthos, »früher oder später wird
aus ihm noch ein Abbé!«
»Schon bald.«
»Er wartet nur noch auf etwas Bestimmtes, dann zieht er
wieder die Soutane an, die jetzt hinter seiner Uniform im
Schrank hängt«, meinte ein Musketier.
»Und worauf wartet er?« fragte ein anderer.
»Er wartet darauf, daß die Königin der Krone Frankreichs
einen Erben schenkt.«
»Aber meine Herren, darüber reißt man keine Witze«,
sagte Porthos. »Gott sei Dank ist die Königin noch jung genug dazu.«
»Es heißt, daß sich Buckingham zur Zeit in Frankreich aufhält«, versetzte Aramis mit anzüglichem Lächeln, das der
scheinbar so harmlosen Bemerkung einen ziemlich anstößigen Sinn gab.
»Jetzt seid Ihr im Unrecht, Freund Aramis«, unterbrach ihn
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Porthos. »In Eurer Sucht, immer geistreich zu sein, verliert
Ihr jedes Maß. Wenn Euch Herr de Treville gehört hätte,
würde es Euch übel bekommen.«
»Wollt Ihr mich schulmeistern, Porthos?« rief Aramis, und
in seinen sanften Augen blitzte es auf.
»Mein Lieber«, entgegnete Porthos, »seid, was Ihr wollt.
Musketier oder Abbé, nur seid nicht beides auf einmal! Erst
kürzlich hat Athos zu Euch gesagt: Ihr eßt aus allen Krippen.
Bitte, wir wollen uns nicht streiten, es wäre zwecklos, denn
Ihr wißt ja, was zwischen Euch, Athos und mir abgemacht
ist! Ihr geht zu Madame d’Aiguillon und macht ihr den Hof;
Ihr geht zu Madame de Bois-Tracy, der Kusine von Madame
de Chevreuse, und man sagt Euch nach, daß Ihr bei dieser
Dame in hoher Gunst steht. Oh, Ihr braucht Euer Glück
nicht einzugestehen, niemand will Eure Geheimnisse wissen,
man kennt ja Eure Verschwiegenheit. Aber wenn Ihr schon
diese Tugend besitzt, dann macht – zum Teufel noch mal –
auch in bezug auf Ihre Majestät Gebrauch davon! Beschäftige
sich mit dem König und dem Kardinal, wer will, doch die Königin ist heilig, und wenn schon einer von ihr spricht, tu er’s
im Guten!«
»Ich muß schon sagen. Porthos, Ihr seid anmaßend wie
Narzissus«, sagte Aramis. »Ihr wißt, daß mir Moralpredigten
verhaßt sind, ausgenommen die von Athos. Was aber Euch
angeht, so habt Ihr ein viel zu prächtiges Wehrgehänge, als
daß Ihr auf diesem Gebiet besonders glänzen könntet. Ich
werde die Soutane nehmen, wann es mir beliebt. Vorerst bin
ich Musketier, und in dieser Eigenschaft kann ich jederzeit
sagen, was mir beliebt, so wie es mir eben jetzt gefällt. Euch
zu sagen, daß Ihr meine Geduld allzusehr strapaziert.«
»Aramis!«
»Porthos!«
»Aber meine Herren!« rief man von allen Seiten.
In diesem Augenblick öffnete ein Lakai die Tür zum Arbeitszimmer und meldete:
»Herr d’Artagnan? Herr de Treville läßt bitten!«
Bei dieser Ankündigung, während der die Tür geöffnet blieb,
verstummte alles, und inmitten der völligen Stille durchschritt
unser junger Gascogner das Vorzimmer in seiner ganzen Länge
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und trat bei dem Hauptmann der Musketiere ein, nicht ohne
sich von Herzen zu beglückwünschen, daß er auf diese Weise
noch beizeiten den Weiterungen des absonderlichen Streites
entgangen war.
Die Audienz
Herr de Treville war im Augenblick alles andere als gut gelaunt, dennoch begrüßte er den jungen Mann, der sich bis zur
Erde verneigte, sehr liebenswürdig und lächelte über den Bearner Tonfall, der ihm da so unverfälscht entgegenklang und
der ihm seine Jugend und seine Heimat naherückte, zwei
Dinge, an die jeder Mensch zeitlebens gern erinnert wird.
Doch fast sogleich machte er d’Artagnan ein Zeichen mit der
Hand, als bitte er ihn um Erlaubnis, erst die anderen abzufertigen, bevor er sich ihm widmen könne, trat dann an die
Tür zum Vorzimmer und rief mit einer Stimme, die rasch anschwoll und in einem Atemzug die ganze Tonskala von herrischer Strenge bis zu zorniger Gereiztheit durchlief:
»Athos, Porthos, Aramis!«
Die beiden Musketiere, mit denen wir bereits Bekanntschaft
geschlossen haben und die auf die beiden letzten Namen hörten, lösten sich sofort aus der Menge und gingen ins Arbeitszimmer. Obwohl sie keineswegs ganz ruhig wirkten, erregten
sie durch ihre würdevolle und zugleich ehrerbietige Ungezwungenheit die Bewunderung d’Artagnans, der in diesen
Männern Halbgötter und in ihrem Hauptmann einen mit tausend Blitzen bewaffneten Jupiter sah.
Als die beiden Musketiere eingetreten waren und die Tür
sich hinter ihnen wieder geschlossen hatte, als auch draußen,
wo der Aufruf der drei Musketiere zweifellos neuen Gesprächsstoff geliefert hatte, das Gemurmel wieder einsetzte
und als endlich Herr de Treville wortlos, mit gefurchter Stirn,
ein paarmal im Zimmer auf und ab geschritten war, immer
dicht an Porthos und Aramis vorbei, die stumm und steif wie
bei einer Parade dastanden, pflanzte er sich plötzlich gerade
vor ihnen auf, maß sie von Kopf bis Fuß mit zornigem Blick
und herrschte sie an:
32
»Wißt ihr, was mir der König gestern abend gesagt hat?
Wißt ihr das, meine Herren Musketiere?«
»Nein«, antworteten die beiden nach kurzem Schweigen,
»nein, wir wissen es nicht.«
»Aber ich hoffe, Ihr werdet uns die Ehre erweisen, es uns
zu sagen«, fügte Aramis im höflichsten Ton der Welt und mit
der anmutigsten Verbeugung hinzu.
»Er hat mir angedroht, daß er in Zukunft seine Musketiere
unter den Garden Seiner Eminenz rekrutieren wird.«
»Unter den Garden des Kardinals?« fragte Porthos heftig.
»Und warum?«
»Weil er wohl einsieht, daß seinem dünnen Wein ein edler
Tropfen beigemischt werden muß, damit er wieder spritzig
wird.«
Die beiden wurden rot bis unter die Haarwurzeln, und
d’Artagnan wäre vor Verlegenheit am liebsten in die Erde gesunken.
»Ja, ja«, fuhr Herr de Treville fort und ereiferte sich immer
mehr, »Seine Majestät hat ganz recht, denn die Musketiere
spielen am Hof, bei Gott, eine traurige Rolle! Gestern, beim
abendlichen Schachspiel mit dem König, erzählte der Herr
Kardinal mit bekümmerter Miene, die mir sehr mißfiel, die
verdammten Musketiere, Höllenhunde und Erzhalunken – bei
diesen Worten hatte seine Stimme einen unüberhörbaren
spöttischen Unterton, der mir noch stärker mißfiel – hätten
vorgestern in einer Schenke der Rue Ferou den Zapfenstreich
versäumt, so daß eine Streife seiner Garde – ich dachte, im
nächsten Augenblick lacht er mir dreist ins Gesicht – die Ruhestörer in Gewahrsam nehmen mußte. Kreuzdonnerwetter,
ihr müßt etwas davon wissen! Musketiere, die sich einfach
festnehmen lassen! Ihr wart dabei, leugnet es nicht! Man hat
euch gesehen, der Kardinal nannte eure Namen. Aber ich bin
ja selber schuld, jawohl, ich bin selber schuld, denn ich wähle
ja meine Leute aus. Warum, zum Teufel, habt Ihr Euch so um
einen Waffenrock gerissen, Aramis, wenn Euch die Soutane
doch viel besser zu Gesicht steht? Und Ihr, Porthos, Ihr habt
wohl Euer schönes goldenes Wehrgehänge nur, um einen
Strohdegen zu tragen, wie? Und Athos – ich sehe Athos
nicht! Wo ist er?«
33
»Er ist krank, Herr Hauptmann«, sagte Aramis traurig,
»sehr krank.«
»Krank, sehr krank, sagt Ihr? So, und was fehlt ihm denn?«
»Ich fürchte, er hat die Windpocken«, erwiderte Porthos,
der auch ein Wort mitreden wollte. »Und das ist eine üble Sache, denn die können ihm das ganze Gesicht entstellen.«
»Die Windpocken? Das ist ja wieder mal eine wundervolle
Geschichte, die Ihr mir da auftischt, Porthos! In seinem Alter die Windpocken! Nein, aber bestimmt ist er verwundet,
vielleicht sogar tot … Ah, wenn ich das nur wüßte! Teufel
auch, meine Herren Musketiere, ich will nicht, daß ihr überall Händel sucht und an jeder Straßenecke vom Leder zieht!
Auf keinen Fall aber kann ich dulden, daß ihr zum Gespött
der Gardisten werdet. Das sind tapfere, ruhige und tüchtige
Leute, die es niemals so weit treiben, daß man sie festnehmen muß, und die sich übrigens auch niemals festnehmen
ließen, die nicht, da bin ich ganz sicher! Die würden lieber tot
auf dem Platz bleiben, als auch nur einen Schritt zurückzuweichen. Fortlaufen, sich aus dem Staube machen, flüchten,
das ziemt sich nur für die Musketiere des Königs!«
Porthos und Aramis zitterten vor Wut. Sie hätten Herrn de
Treville mit Vergnügen erwürgt, hätten sie nicht gespürt, daß
allein seine tiefe Zuneigung ihn dieses grobe Geschütz auffahren ließ. So stampften sie nur mit den Füßen auf, bissen
sich die Lippen blutig und umklammerten krampfhaft ihren
Degenknauf. Draußen hatte man, wie berichtet, nach Athos,
Porthos und Aramis rufen hören und an dem Ton erkannt,
daß Herr de Treville in grimmiger Laune war. Zehn neugierige Musketiere preßten die Ohren an die Wand und erblaßten vor Empörung, denn sie verloren keine Silbe von den beleidigenden Worten des Hauptmanns, die sie sofort an die
Umstehenden weitergaben. Binnen kurzem war das ganze
Haus, von der Tür des Vorzimmers bis hinunter zum Hauptportal, in wildem Aufruhr.
»So, die Musketiere des Königs lassen sich von den Gardisten des Kardinals festnehmen!« fuhr Herr de Treville fort, der
innerlich genauso wütend war wie seine Soldaten, jedoch betont langsam sprach und ihnen gleichsam jedes einzelne Wort
wie ein Stilett in die Brust stach. »Sechs Gardisten Seiner Emi34
nenz verhaften sechs Musketiere Seiner Majestät, so! Alle Teufel, mein Entschluß steht fest! Auf der Stelle gehe ich zum
Louvre. Noch heute nehme ich meinen Abschied als Hauptmann der Musketiere des Königs und bewerbe mich um eine
Leutnantsstelle in der Garde des Kardinals, und wenn man
mich dort abweist, werde ich in drei Teufels Namen Abbé!«
Bei diesen Worten wuchs die Unruhe draußen zum Tumult
an, allenthalben wurden Verwünschungen laut, und man
hörte nur noch Flüche wie: »Tod und Teufel! Himmel, Kreuz
und Schockschwerenot!« D’Artagnan sah sich nach einem
Gobelin um, hinter dem er sich verbergen könnte, und er verspürte die größte Lust, unter den Tisch zu kriechen.
»Gut denn, Herr Hauptmann«, rief Porthos außer sich, »wir
waren sechs gegen sechs, das stimmt, aber man hat uns hinterrücks überfallen, und ehe wir noch die Degen ziehen konnten,
waren schon zwei von uns tot und Athos so schwer verwundet, daß er nicht mehr zählte. Und Ihr kennt ihn, Hauptmann!
Zweimal hat er versucht, wieder hochzukommen, und zweimal brach er zusammen. Wir haben uns trotzdem nicht ergeben, nein, mit Gewalt hat man uns fortgeschleppt! Unterwegs
sind wir ihnen dann entwischt. Athos haben sie offenbar für
tot gehalten und auf dem Kampfplatz zurückgelassen; sie dachten wohl, es lohnt sich nicht mehr, ihn mitzunehmen. So war
die Sache. Herrgott noch mal, Hauptmann, man gewinnt nicht
alle Schlachten! Der große Popejus wurde bei Pharsalus geschlagen, und Franz I., der doch ansonsten seinen Mann gestanden haben soll, hatte bei Pavia das Nachsehen.«
»Und ich habe die Ehre, Euch zu melden, daß ich einen der
Burschen mit seinem eigenen Degen erledigt habe«, sagte Aramis, »denn meiner brach schon bei der ersten Parade entzwei.
Erledigt oder erdolcht, ganz wie Herr Hauptmann belieben.«
»Das wußte ich nicht«, erwiderte Treville, schon etwas besänftigt. »Seine Eminenz hat anscheinend übertrieben.«
»Doch eine Bitte«, fuhr Aramis fort, als er merkte, daß Trevilles Zorn etwas abflaute, »eine Bitte nur, Herr Hauptmann!
Sagt niemand, daß Athos verwundet ist! Er wäre verzweifelt, wenn es dem König zu Ohren käme, und da die Verwundung sehr ernst ist, es handelt sich um einen Stich in die Schulter, der bis in die Brust gedrungen ist, steht zu befürchten …«
35
Im selben Augenblick wurde die Tür aufgerissen, und auf
der Schwelle erschien ein Mann mit einem edlen und schönen,
aber erschreckend bleichen Gesicht.
»Athos!« riefen alle drei wie aus einem Mund.
»Ihr habt nach mir gerufen«, sagte Athos zu Herrn de Treville mit leiser, doch fester Stimme. »Ihr wolltet mich sprechen,
wie mir meine Kameraden gesagt haben, und ich eile, Euerm
Befehl nachzukommen. Hier bin ich, was befehlt Ihr?«
Nach diesen Worten trat der Musketier in tadelloser Haltung, den Degen wie immer umgeschnallt, festen Schritts
näher. Tiefgerührt über einen solchen Beweis von Mannhaftigkeit, eilte Herr de Treville ihm entgegen.
»Ich war gerade dabei«, sagte er, »diesen Herren zu erklären, daß ich es meinen Musketieren verbiete, ihr Leben
unnötig aufs Spiel zu setzen, denn der König braucht tapfere
Leute, und er weiß, daß seine Musketiere die tapfersten von
der Welt sind. Eure Hand, Athos!«
Und ohne eine Antwort auf diesen Beweis seiner herzlichen
Zuneigung abzuwarten, ergriff Treville die Rechte des Musketiers und drückte sie kräftig, wobei ihm allerdings entging,
daß Athos trotz aller Selbstbeherrschung ein schmerzliches
Zusammenzucken nicht unterdrücken konnte und womöglich noch eine Spur bleicher wurde.
Die Tür war halb offengeblieben, ein solches Aufsehen hatte
Athos’ Kommen erregt, denn natürlich wußte man längst von
seiner Verwundung, obwohl sie geheimgehalten worden war.
Beifallsrufe folgten den letzten Worten des Hauptmanns, und
in der Türspalte zeigten sich die Köpfe einiger besonders begeisterter Musketiere. Herr de Treville wollte schon diesen
Bruch der Etikette mit scharfen Worten rügen, als er auf einmal fühlte, wie sich Athos’ Rechte in seiner Hand zusammenkrampfte, und als er ihn daraufhin ansah, merkte er, daß
der Musketier nahe daran war, in Ohnmacht zu fallen. Und
betäubt vom Schmerz, gegen den er die ganze Zeit verbissen
angekämpft hatte, brach Athos im nächsten Augenblick wie
tot zusammen.
»Einen Wundarzt!« rief Herr de Treville. »Ruft meinen oder
den des Königs! Los, einen Arzt her, oder, zum Henker, um
meinen guten Athos ist’s geschehen!«
36
Auf diese Rufe hin stürzte alles aus dem Vorraum in Trevilles Arbeitszimmer und drängte sich um den Verwundeten.
Der ganze Eifer hätte jedoch wenig genützt, wenn nicht zufällig ein Arzt im Hause gewesen wäre. Er schob sich durch
die Menge, trat zu dem noch immer Bewußtlosen und verlangte, da ihn der Lärm und die allgemeine Unruhe störte,
daß der Verwundete erst einmal in ein Nebenzimmer gebracht wurde. Sofort öffnete Herr de Treville eine Tür und
wies Porthos und Aramis, die ihren Kameraden trugen, den
Weg. Als letzter folgte der Arzt, hinter dem die Tür ins
Schloß fiel.
Für eine Weile verwandelte sich Trevilles Kabinett, dieser
Ort, den man sonst nur voller Scheu betrat, in eine Art zweites Vorzimmer. Alle redeten durcheinander, fluchten und
schimpften und wünschten den Kardinal mitsamt seiner
Garde zum Teufel.
Nachdem Porthos und Aramis schon nach kurzer Zeit
zurückgekommen waren, während Treville noch mit dem
Arzt bei dem Verwundeten blieb, erschien endlich auch der
Hauptmann und teilte mit, daß der Verwundete wieder zu
sich gekommen sei; nach Ansicht des Arztes gebe der Zustand ihres Kameraden zu keinerlei Besorgnis Anlaß, da seine
Schwäche lediglich auf den großen Blutverlust zurückzuführen sei. Auf einen Wink entfernten sich alle bis auf d’Artagnan, der nicht vergessen hatte, daß er zur Audienz vorgelassen war, und der mit der Zähigkeit des Gascogners an seinem Platz verblieb.
Als die Tür wieder geschlossen war und Herr de Treville
sich umwandte, fand er sich mit dem jungen Mann allein.
Durch den Zwischenfall hatte er den Faden zu dem Vorhergegangenen verloren, und so fragte er den hartnäckigen Bittsteller, was er wünsche. D’Artagnan nannte seinen Namen,
und sofort war Treville, dessen Erinnerung blitzartig die
Brücke von der Gegenwart in die Vergangenheit schlug, wieder im Bilde.
»Verzeihung«, sagte er lächelnd, »aber ich hatte Euch gänzlich vergessen. Was wollt Ihr, ein Hauptmann ist ein Familienvater wie jeder andere, nur daß er etwas mehr Verantwortung
trägt. Soldaten sind große Kinder; aber da ich darauf sehe, daß
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die Befehle des Königs und besonders die des Kardinals befolgt werden …«
D’Artagnan konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Herr
de Treville schloß daraus, daß er es mit keinem Dummkopf
zu tun habe, und steuerte kurz entschlossen das eigentliche
Thema an:
»Ich habe Euern Vater sehr geschätzt. Was kann ich für seinen Sohn tun? Beeilt Euch, meine Zeit gehört nicht mir!«
»Gnädiger Herr«, antwortete d’Artagnan, »seit ich Tarbes
verließ und mich hierherbegab, hatte ich eigentlich vor, Euch
an diese Freundschaft zu erinnern und um Aufnahme in die
Reihen der Musketiere zu bitten, aber nach allem, was ich in
den letzten zwei Stunden gesehen habe, begreife ich, daß eine
solche Vergünstigung allzu groß wäre, und ich fürchte, sie
nicht zu verdienen.«
»Es ist tatsächlich eine große Vergünstigung, junger Mann,
wenn auch keine unerreichbare, wie Ihr zu glauben scheint.
Allerdings hat Seine Majestät für diesen Fall bestimmte Weisungen erteilt; und so muß ich Euch zu meinem Bedauern
sagen, daß niemand Musketier werden kann, der nicht vorher in einigen Feldzügen, durch glänzende Waffentaten oder
durch einen zweijährigen Dienst bei einer anderen, weniger
angesehenen Truppe seine Eignung erwiesen hat.«
D’Artagnan verneigte sich, ohne etwas zu sagen. Nun er
wußte, wie viele Schwierigkeiten es zu überwinden galt, ehe
man die Uniform der Musketiere tragen durfte, erschien ihm
diese Ehre nur um so erstrebenswerter.
»Aber«, fuhr Treville fort und blickte seinen Landsmann
durchdringend an, als wollte er ihm auf den Grund des Herzens
schauen, »Euerm Vater, meinem alten Freund, zuliebe, will ich
etwas für Euch tun, junger Mann. Unsere Kadetten aus dem
Bearn sind für gewöhnlich nicht reich, und ich glaube kaum,
daß es sich heute damit sehr viel anders verhält als zu meiner
Zeit. Ihr werdet also nicht allzuviel Geld mitgebracht haben.«
D’Artagnan richtete sich stolz auf; seine Haltung sollte
offenbar zum Ausdruck bringen, daß er von niemand ein Almosen begehrte.
»Schon gut, junger Freund, schon gut!« fuhr Treville fort.
»Ich kenne das; bin selbst vor Jahren mit vier Talern in der
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Tasche nach Paris gekommen, und doch hätte ich mich damals mit jedem geschlagen, der behauptet hätte, daß ich nicht
imstande wäre, den ganzen Louvre zu kaufen.«
D’Artagnan reckte sich noch höher: Dank dem Verkauf
seines Pferdes begann er seine Laufbahn mit vier Talern mehr
in der Tasche als seinerzeit Herr de Treville.
»Ihr müßt also die Summe, die Ihr bei Euch habt, gehörig
zusammenhalten, wie groß sie immer sein mag; aber Ihr
müßt Euch in allen Übungen vervollkommnen, die einem
Edelmann anstehen. Ich schreibe noch heute einen Brief an
den Direktor der Königlichen Akademie, und er wird Euch
schon morgen ohne Entgelt in seine Schule aufnehmen.
Weist diese kleine Gefälligkeit nicht zurück! Die reichsten
und angesehensten Adligen bemühen sich mitunter um diese
Gunst, ohne sie zu erlangen. Ihr werdet dort im Reiten, Fechten und Tanzen ausgebildet, schließt mancherlei nützliche
Bekanntschaften, und gelegentlich könnt Ihr mich aufsuchen
und mir erzählen, wie weit Ihr seid und ob ich etwas für Euch
tun kann.«
D’Artagnan war zwar mit den Gepflogenheiten des höfischen Lebens noch nicht vertraut, dennoch spürte er die Kühle
dieses Empfanges.
»Ach, Herr Hauptmann«, sagte er, »jetzt sehe ich, wie sehr
mir der Empfehlungsbrief fehlt, den mir mein Vater mitgegeben hat.«
»Ich wundere mich allerdings«, entgegnete Herr de Treville,
»daß Ihr eine so weite Reise ohne diese notwendige Mitgift
unternommen habt, die doch für einen Bearner die einzige
Hilfe ist.«
»Ich hatte ja einen Brief, und sogar einen, wie man ihn sich
besser nicht wünschen kann, aber man hat ihn mir unterwegs
niederträchtigerweise gestohlen.« Und er berichtete, was ihm
in Meung zugestoßen war, gab auch eine genaue Beschreibung des unbekannten Edelmannes und schilderte alles mit
solchem Feuer, solcher Aufrichtigkeit, daß Herr de Treville
seine helle Freude daran hatte.
»Das ist ja merkwürdig«, sagte der Hauptmann endlich
nachdenklich. »Hattet Ihr denn laut von mir gesprochen?«
»Ja, sicherlich war das unklug von mir, aber ein Name wie
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der Eure mußte mir unterwegs ein gutes Schild sein, und Ihr
könnt Euch denken, daß ich mich seiner oft bedient habe.«
Schmeicheleien waren damals sehr gebräuchlich, und Herr
de Treville liebte den Weihrauch nicht weniger als ein König
oder ein Kardinal. Er konnte ein sichtlich zufriedenes
Lächeln nicht unterdrücken, wurde aber gleich wieder ernst
und kam auf den Vorfall in Meung zurück:
»Sagt mal, hatte dieser Edelmann nicht eine kleine Narbe
auf der Backe?«
»Ja, wie von einem Streifschuß.«
»Sah er gut aus?«
»Doch.«
»Hochgewachsen?«
»Ja.«
»Bleiches Gesicht und dunkles Haar?«
»Ja, genauso! Aber wie kommt es, daß Ihr diesen Menschen kennt? Wenn ich ihn finde, und ich werde ihn finden,
das schwöre ich Euch, und wäre es auch in der Hölle …«
»Er erwartete eine Dame?« unterbrach ihn Treville.
»Ja, jedenfalls hat er erst mit einer Unbekannten gesprochen, bevor er sich aus dem Staube gemacht hat.«
»Worüber sie gesprochen haben, wißt Ihr wohl nicht?«
»Doch, er gab ihr ein Kästchen, das, wie er sagte, Instruktionen enthielt und das sie erst in London öffnen sollte.«
»War es denn eine Engländerin?«
»Er sagte Mylady zu ihr.«
»Er ist es!« murmelte Treville. »Und ich dachte, er wäre
noch in Brüssel.«
»Oh, wenn Ihr wißt, wer dieser Mann ist, sagt mir, wie er
heißt und wo ich ihn finden kann!« rief d’Artagnan. »Ich entbinde Euch gern von allem, selbst von dem Versprechen,
mich zu einem Musketier zu machen, denn zuallererst will
ich mich rächen.«
»Das laßt lieber bleiben, junger Mann! Im Gegenteil, wenn
Ihr ihm zufällig auf der Straße begegnet, geht lieber auf die
andere Seite! Rennt nicht gegen einen solchen Felsen an: er
würde Euch wie Glas zerbrechen!«
»Das soll mich nicht hindern«, erwiderte d’Artagnan, »daß
ich ihn, falls er mir noch einmal vor Augen kommt …«
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»Wenn ich Euch einen Rat geben darf«, fiel ihm Treville ins
Wort, »sucht ihn inzwischen nicht!«
Plötzlich hielt er inne, von einem jähen Argwohn erfaßt.
Verbarg der wilde Haß, den der junge Mann so laut gegen einen
Unbekannten bekundete, der ihm, was reichlich unwahrscheinlich war, den Brief seines Vaters gestohlen haben sollte,
verbarg dieser Haß nicht irgendeine heimtückische Falle?
Hatte Seine Eminenz ihm nicht vielleicht den jungen Mann
auf den Hals geschickt? Wollte er ihn nur in einen Hinterhalt
locken?
War dieser angebliche d’Artagnan etwa ein Abgesandter
des Kardinals, den man in sein Haus einzuschleusen versuchte, damit er sich sein Vertrauen erschlich, um ihn zu gegebener Stunde zu verderben, wie man das schon hundertmal
versucht hatte? Er faßte d’Artagnan noch schärfer ins Auge
als das erstemal, doch der Anblick dieses zugleich pfiffigen
und Ergebenheit vortäuschenden Gesichts beruhigte ihn nur
wenig.
Er ist zwar ein Gascogner, dachte er, aber als solcher kann
er ebensogut für den Kardinal sein wie für mich. Nun, stellen wir ihn halt auf die Probe!
»Junger Freund«, sagte er bedächtig, »ich will Euch, als dem
Sohn meines alten Freundes, denn ich glaube Euch die Geschichte mit dem verlorenen Brief, und um die Kühle wieder
auszugleichen, mit der ich Euch zuerst empfangen habe, in Anbetracht dieser Umstände also will ich Euch die Geheimnisse
unserer Politik enthüllen. Der König und der Kardinal sind in
Wirklichkeit die besten Freunde; ihre scheinbaren Zwistigkeiten sind nur darauf berechnet, die Dummen zu täuschen. Ich
möchte aber nicht, daß ein Landsmann, ein hübscher Kavalier
und wackrer Bursche, recht dazu geschaffen, sein Glück zu
machen, ein Opfer dieser List wird und wie ein Tölpel ins Garn
geht, das schon so vielen zum Verhängnis wurde. Bedenkt also,
daß ich beiden Herren, den mächtigsten des Landes, ergeben
bin und daß meine eigentlichen Bemühungen kein anderes Ziel
haben, als dem König wie auch dem Kardinal zu dienen, einem
der erhabensten Geister, die Frankreich je hervorgebracht hat.
Nun richtet Euch danach, junger Mann, und wenn Ihr, sei es
aus Familientradition, sei es durch Euern Umgang oder auch
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rein gefühlsmäßig, etwas gegen den Kardinal habt, wie das ja
bei manchen unserer Edelleute der Fall ist, dann sagt mir Lebewohl und geht. Ich will Euch gern bei allen Schwierigkeiten
helfen, ohne Euch jedoch fest an mich zu binden. Ich hoffe,
daß meine Offenheit Euch auf jeden Fall zu meinem Freunde
macht, denn Ihr seid bis jetzt der einzige junge Mensch, mit
dem ich so freimütig gesprochen habe.«
Wenn der Kardinal mir diesen jungen Fuchs geschickt hat,
sagte sich Treville, so hat er, der ja weiß, wie sehr er mir zuwider ist, seinem Spion bestimmt eingeschärft, er könne mir nicht
besser schmeicheln als dadurch, daß er dem Kardinal alles
Schlechte nachsagt; und so wird dieser geriebene Bursche trotz
all meiner Einwände sicherlich antworten, daß er Seine Eminenz verabscheut.
Es kam aber völlig anders, als Treville erwartet hatte, denn
d’Artagnan antwortete ganz treuherzig:
»Herr Hauptmann, was Ihr da sagt, entspricht durchaus
den Absichten, mit denen ich nach Paris gekommen bin. Mein
Vater hat mir ans Herz gelegt, von niemand etwas hinzunehmen, als vom König, vom Kardinal und von Euch, die für ihn
die drei ersten Männer Frankreichs sind.« Wie man sieht,
fügte d’Artagnan Trevilles Namen hinzu, aber er meinte, das
könne kaum etwas schaden.
»Ich habe also für den Kardinal die höchste Verehrung und
achte alle seine Taten. Um so besser für mich, wenn Ihr, wie
Ihr sagt, offen zu mir seid, denn dann werdet Ihr bei mir die
gleiche Neigung zu schätzen wissen. Wenn Ihr jedoch irgendein Mißtrauen hattet, was übrigens ganz natürlich wäre, so
weiß ich, daß ich mir durch meine Offenheit alles verderbe.
Aber was tut’s? Ihr werdet mir auf keinen Fall Eure Achtung
versagen können, und das ist mir wichtiger als alles andere.«
Herr de Treville war aufs äußerste überrascht. Ein solches
Maß an Scharfsinn und Freimut erregte seine Bewunderung,
zerstreute aber nicht seine Zweifel. Je mehr sich dieser junge
Mann seinesgleichen überlegen zeigte, desto gefährlicher
konnte er werden, falls Treville sich täuschen ließ. Trotzdem
ergriff er d’Artagnans Rechte und sagte:
»Ihr seid ein ehrlicher Bursche, aber im Augenblick kann
ich für Euch nicht mehr tun, als was ich Euch eben angeboten
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habe. Mein Haus steht Euch immer offen. Und da Ihr mich jederzeit sprechen, also auch jede Gelegenheit wahrnehmen
könnt, werdet Ihr früher oder später sicherlich erreichen, was
Ihr so sehr erstrebt.«
»Das heißt, Herr Hauptmann, Ihr wollt warten, bis ich mich
würdig erwiesen habe. Nun, da seid ganz unbesorgt«, fügte er
mit der Unbekümmertheit des Gascogners hinzu. »Ihr werdet
nicht lange zu warten brauchen!« Und als ob alles Weitere nur
noch von ihm abhinge, grüßte er und wollte gehen.
»Aber so wartet doch!« rief Herr de Treville und hielt ihn
zurück. »Ich habe Euch einen Brief an den Direktor der Akademie versprochen. Ist der junge Herr etwa zu stolz, ihn anzunehmen?«
»Nein, Herr Hauptmann, und ich verspreche Euch, daß
ich auf ihn besser achtgeben will als auf den ersten. Er wird,
das schwöre ich Euch, an seine Adresse gelangen, und wehe
dem, der versuchen sollte, ihn mir wegzunehmen!«
Herr de Treville lächelte über diese großartigen Worte, ließ
seinen jungen Landsmann in der Fensternische stehen, in die
er zuletzt mit ihm getreten war, und setzte sich an einen
Tisch, um den versprochenen Empfehlungsbrief zu schreiben. Indessen trommelte d’Artagnan, der nichts Besseres zu
tun hatte, einen Marsch an die Fensterscheiben, betrachtete
die Musketiere, die nacheinander fortgingen, und sah ihnen
nach, bis sie um die nächste Straßenecke verschwanden.
Nachdem Herr de Treville den Brief geschrieben hatte, versiegelte er ihn und trat zu dem jungen Mann. Schon streckte
d’Artagnan die Hand aus, um das Schreiben entgegenzunehmen, als der Hauptmann zu seiner grenzenlosen Verblüffung den neuen Schützling auffahren und wutentbrannt
aus dem Zimmer stürzen sah.
»Tod und Teufel! Diesmal soll er mir nicht entkommen!«
»Wer denn?« rief ihm Treville nach.
»Mein Dieb!« schrie d’Artagnan zurück. »Oh, dieser elende
Schurke!«
Und weg war er.
Närrischer Teufel! dachte Treville. Es sei denn, das Ganze ist
nur ein geschickter Trick, um sich aus dem Staube zu machen,
weil er gesehen hatte, daß sein Schlag ins Leere ging.
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Eine Schulter, ein Wehrgehänge
und ein Taschentuch
D’Artagnan hatte wutschnaubend mit wenigen Sätzen das
Vorzimmer durchmessen und wollte gerade ebenso, nämlich
immer vier Stufen auf einmal, die Treppe hinunterstürmen,
als er in vollem Lauf mit einem Musketier zusammenprallte,
der in diesem Augenblick aus einem der Nebengelasse des
Herrn de Treville trat und bei dem Stoß, den d’Artagnans
Kopf gegen seine Schulter vollführte, laut aufschrie.
»Entschuldigt!« sagte d’Artagnan und schickte sich an,
weiterzulaufen. »Entschuldigt, aber ich hab’s eilig!«
Er hatte jedoch nur wenige Stufen hinter sich gebracht, da
packte ihn eine eiserne Faust bei der Schärpe und hielt ihn
zurück.
»So, eilig habt Ihr’s?« rief der Musketier, blaß wie ein Leichentuch. »Unter diesem Vorwand rempelt Ihr mich an, sagt
schnell: Entschuldigt! und denkt, damit hat sich’s? Nicht
ganz, junger Mann. Ihr glaubt wohl, weil Ihr vorhin dabei
wart, wie Herr de Treville ein bißchen unsanft mit uns umgesprungen ist, daß uns jeder so kommen darf? Ihr irrt, mein
Lieber, Ihr seid nicht Herr de Treville!«
»Auf Ehre«, erwiderte d’Artagnan und erkannte erst jetzt
Athos, der inzwischen vom Arzt verbunden worden war und
nun nach Hause wollte, »ich habe es nicht mit Absicht getan,
und weil ich es nicht mit Absicht getan habe, sagte ich: Entschuldigt! Mir scheint, das genügt auch. Indessen wiederhole
ich Euch, daß ich es eilig habe, sehr eilig, auf mein Wort! Laßt
mich also bitte dort hineilen, wo ich zu tun habe!«
»Mein Herr, Ihr seid nicht sehr höflich«, sagte Athos und
ließ ihn los. »Man sieht, daß Ihr aus der Provinz kommt.«
D’Artagnan hatte schon wieder drei, vier Stufen genommen,
doch bei diesen Worten blieb er mit einem Ruck stehen.
»Zum Teufel, Herr, wenn ich auch aus der Provinz komme,
so werdet Ihr mir bestimmt keinen Unterricht in gutem Benehmen erteilen!«
»Vielleicht doch«, sagte Athos.
»Wenn ich’s nicht so eilig hätte«, rief d’Artagnan, »und
hinter jemand herlaufen müßte …«
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»Nun, Herr Eilig, mich findet Ihr, ohne daß Ihr zu laufen
braucht. Versteht Ihr mich?«
»Und wo, wenn ich bitten darf?«
»Am Karmeliterkloster.«
»Wann?«
»Gegen Mittag!«
»Gut, um zwölf, ich komme.«
»Seht zu, daß Ihr mich nicht warten laßt! Denn nach einer
Viertelstunde laufe ich hinter Euch her und schneide Euch
die Ohren ab.«
»Abgemacht«, rief d’Artagnan, »ich bin um zehn vor da!«
Und wieder rannte er, wie vom Teufel gejagt, davon, denn
er hoffte immer noch, den Unbekannten einzuholen, der mit
seinem gemessenen Schritt sich nicht allzuweit entfernt haben
konnte.
Am Haupttor stand Porthos im Gespräch mit einem Wachposten. Zwischen den beiden war gerade noch Platz für einen
dritten. D’Artagnan glaubte, die Lücke würde für ihn ausreichen, und wollte wie ein Pfeil hindurchschlüpfen. Aber er
hatte nicht mit dem Wind gerechnet, der in diesem Augenblick Porthos’ Mantel aufblähte, so daß sich der stürmische
junge Mann darin verfing. Ohne Zweifel hatte Porthos seine
Gründe, dieses wichtige Kleidungsstück nicht so ohne weiteres fahrenzulassen, denn anstatt nachzugeben, riß er es sofort
wieder an sich, wodurch d’Artagnan sich vollends in den Samtumhang verwickelte.
D’Artagnan hörte den Musketier fluchen und suchte zwischen den Falten nach einem Ausweg aus der jähen Finsternis. Er fürchtete vor allem, den frischen Glanz des uns bereits
bekannten prächtigen Wehrgehänges beeinträchtigt zu haben, und als er vorsichtig die Augen aufmachte, sah er auch
genau vor seiner Nase Porthos’ breiten Rücken und das
Wehrgehänge. Aber ach, wie die meisten Dinge dieser Welt,
die nur den Schein für sich haben, war das Wehrgehänge vorn
von Gold und hinten von gewöhnlichem Büffelleder. Da der
eitle Porthos sich kein ganzes Wehrgehänge von Gold leisten
konnte, hatte er sich immerhin ein halbes zugelegt. Nun war
klar, weshalb er eine Erkältung vorschützen und einen Mantel tragen mußte.
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»Kreuzelement!« fluchte Porthos, während er d’Artagnan,
den er in seinem Rücken herumzappeln fühlte, mit aller Kraft
abzuschütteln versuchte. »Seid Ihr des Teufels, daß Ihr so
über fremde Leute herfallt?«
»Entschuldigt«, sagte der junge Mann und kam unter der
Schulter des Riesen wieder zum Vorschein, »aber ich habe es
sehr eilig, ich bin hinter jemand her und …«
»Und Eure Augen habt Ihr wohl zu Hause gelassen, wie?«
fiel ihm Porthos ins Wort, »Durchaus nicht«, erwiderte d’Artagnan gereizt. »Ich habe sogar sehr gute Augen, daß ich
sehe, was anderen verborgen bleibt.«
Ob nun Porthos die Anspielung verstand oder nicht, jedenfalls wurde er wütend.
»Mein Herr, man wird Euch wohl mal verwalken müssen,
wenn Ihr glaubt, so mit Musketieren umspringen zu können!«
»Verwalken? Das ist ein hartes Wort!«
»Nicht zu hart für einen Mann, der gewohnt ist, seinem
Feind ins Auge zu schauen.«
»O ja, ich weiß schon, warum Ihr ihnen nicht gern den
Rücken zukehrt!«
Und sehr vergnügt über seinen Geistesblitz, lief der junge
Mann lachend weiter. Porthos schäumte vor Wut und wollte
hinter ihm herstürzen.
»Später, später«, rief d’Artagnan über die Schulter zurück,
»wenn Ihr Euern Mantel nicht mehr habt!«
»Um ein Uhr also, hinter dem Luxembourg.«
»Abgemacht, um eins!« erwiderte d’Artagnan und bog um
die nächste Ecke.
Aber weder in der Straße, aus der er kam, noch in der, die
nun vor ihm lag, konnte er den Unbekannten entdecken. Der
hatte bei aller Gemächlichkeit seinen Vorsprung vergrößert,
vielleicht war er auch in ein Haus getreten. D’Artagnan fragte
alle, die ihm begegneten, eilte bis an die Fähre hinunter und
kehrte durch die Rue de Seine wieder zurück, doch keine
Spur von dem Fremden. Indessen kam ihm dieser Lauf insofern zustatten, als er innerlich immer ruhiger wurde, je heftiger ihm der Schweiß von der Stirn rann. Und da begann er,
über die letzten Geschehnisse nachzudenken; sie waren zahl46
reich und höchst verdrießlich. Es war noch keine elf Uhr,
und schon hatte ihm der Vormittag die Ungnade des Herrn
de Treville eingetragen, der die Art, wie d’Artagnan ihn verlassen hatte, reichlich ungeniert finden mußte. Außerdem
hatte er sich zwei hübsche Duelle eingehandelt, mit Männern, von denen jeder für sich mit drei d’Artagnans fertig zu
werden versprach und die zu allem Unglück auch noch Musketiere waren, Menschen also, die er so sehr verehrte, daß er
sie in seinem Fühlen und Denken über alle anderen erhob.
Das waren traurige Aussichten. Da der junge Mann sicher
war, daß Athos ihn töten werde, machte er sich wegen Porthos begreiflicherweise nicht viel Gedanken. Nun ist aber die
Hoffnung das, was sich am längsten im Herzen bewahrt, und
so erschien es ihm am Ende doch nicht ganz ausgeschlossen,
daß er, wenn auch fürchterlich zugerichtet, beide Duelle
überlebte, für welchen allerdings wenig wahrscheinlichen Fall
er sich schon jetzt die folgende Standpauke hielt:
Was bin ich doch für ein Strohkopf und ausgemachter Trottel! Ramme wie ein Stier genau die verwundete Schulter des
armen guten Athos! Mich wundert nur, daß er mich nicht auf
der Stelle umgebracht hat. Das Recht dazu hatte er, denn ich
hab ihm bestimmt höllisch weh getan. Was Porthos betrifft,
du meine Güte, das war eher komisch!
D’Artagnan mußte unwillkürlich lachen, wobei er jedoch
ängstlich darauf achtete, daß sein Grinsen, das den Vorübergehenden unverständlich sein mußte, niemanden verletzte.
Ja, die Sache mit Porthos war eher komisch, aber ich bin
darum nicht weniger ein Mordsesel! Rempelt man denn so
die Leute an? Und guckt man ihnen vielleicht unter den Mantel, um zu sehen, was nicht da ist? Er hätte mir sicherlich verziehen, hätte ich nicht von diesem verdammten Wehrgehänge
angefangen, mit verbrämten Worten, gewiß – o ja, und wie
verbrämt! Fluch über mein altes Schandmaul! Noch in der
Hölle werde ich faule Witze reißen. Merk dir darum, Freund
d’Artagnan, für den wenig wahrscheinlichen Fall, daß du
noch einmal davonkommst, es wird sich empfehlen, künftig
von ausgesuchter Höflichkeit zu sein! Von nun an soll man
dich bewundern und als Vorbild hinstellen. Wer höflich und
zuvorkommend ist, braucht noch lange kein Feigling zu sein.
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Schau dir nur Aramis an! Aramis ist die Sanftmut, die Artigkeit in Person; aber wird sich deshalb jemand herausnehmen,
ihn einen Feigling zu schimpfen? Gewiß nicht, und so will ich
mich künftig ganz nach ihm richten. Ah, da ist er ja gerade!
Unter diesem Selbstgespräch war d’Artagnan bis in die
Nähe des Hotels d’Aiguillon gelangt, vor dem er Aramis in
fröhlicher Unterhaltung mit drei königlichen Leibgardisten
stehen sah. Auch Aramis bemerkte d’Artagnan, aber da er
nicht vergessen hatte, daß der junge Mann dabei war, wie
Herr de Treville seine Musketiere abgekanzelt hatte, und da
ihm ein Zeuge dieses Auftritts in keiner Weise angenehm sein
konnte, tat er einfach, als sähe er ihn nicht. D’Artagnan dagegen, der ganz von der Vorstellung eines höflichen und verbindlichen Benehmens erfüllt war, trat auf die vier jungen
Leute zu und verneigte sich tief mit dem artigsten Lächeln.
Aramis nickte leicht mit dem Kopf, lächelte aber nicht. Im
übrigen unterbrachen alle vier sofort ihre Unterhaltung.
D’Artagnan war nicht so dumm, nicht zu merken, daß er
hier zuviel war; aber er war mit den gesellschaftlichen Formen
zuwenig vertraut, um sich elegant aus einer peinlichen Situation
zu ziehen, wie sie immer entsteht, wenn man sich unter Leute
mengt, die man kaum kennt, und ein Gespräch stört, das einen
nichts angeht. Er überlegte gerade, wie er sich möglichst unauffällig zurückziehen könnte, als er bemerkte, daß Aramis sein
Taschentuch fallen gelassen und offenbar aus Versehen den Fuß
darauf gestellt hatte. Das schien ihm eine günstige Gelegenheit, seine Ungeschicklichkeit wiedergutzumachen. Mit dem
verbindlichsten Lächeln, das ihm zu Gebote stand, bückte er
sich und zog, sosehr der Musketier auch bemüht war, ihn daran
zu hindern, das Taschentuch unter seinem Fuß hervor, um es
ihm mit diesen Worten zu überreichen: »Ich glaube, mein Herr,
Ihr würdet dieses Tüchlein nur ungern verlieren.«
Das Tuch war tatsächlich reich bestickt und an einer Ecke
mit Krone und Wappen verziert. Aramis wurde über und
über rot und riß es dem jungen Mann förmlich aus der Hand.
»Oho!« rief einer der Leibgardisten. »Willst du noch immer behaupten, daß du mit Madame de Bois-Tracy nicht gut
stehst, wenn dir diese reizende Dame sogar ihre Taschentücher leiht?«
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Aramis bedachte den Gascogner mit einem jener durchbohrenden Blicke, die einem zu verstehen geben, daß man
sich soeben einen Todfeind zugezogen hat. Dann aber sagte
er, wieder ganz freundlich:
»Ihr irrt Euch, dieses Taschentuch gehört nicht mir, und ich
weiß nicht, warum der Herr es gerade mir und nicht einem
von euch gegeben hat. Hier, überzeugt euch, ich habe meins
noch in der Tasche!«
Mit diesen Worten zog er sein eigenes Taschentuch hervor,
ein ebenfalls sehr elegantes Tuch aus feinstem Batist, das aber
weder Stickerei noch ein Wappen, sondern nur die Initialen
seines Besitzers aufwies.
Diesmal sagte d’Artagnan kein Wort; er sah ein, daß er wieder etwas falsch gemacht hatte. Aber Aramis’ Freunde ließen
sich nicht so ohne weiteres überzeugen, und einer von ihnen
fragte mit erheucheltem Ernst:
»Wenn es so ist, wie du sagst, mein lieber Aramis, muß ich
dich bitten, es mir zu geben, denn wie du weißt, bin ich mit
Bois-Tracy befreundet, und ich will nicht, daß man irgendwelche Dinge seiner Frau zu Trophäen macht.«
»Dein Ton gefällt mir nicht«, entgegnete Aramis. »Die
Forderung selbst mag berechtigt sein, aber ich muß sie ihrer
Form wegen ablehnen.«
»Tatsache ist«, warf d’Artagnan schüchtern ein, »daß ich
das Tuch keineswegs etwa aus Herrn Aramis’ Tasche habe
fallen sehen. Er stand mit dem Fuß darauf, weiter nichts, und
deshalb dachte ich, das Tuch gehöre ihm.«
»Und das war ein Irrtum, werter Herr«, antwortete Aramis
kühl und wenig empfänglich für diese Zurücknahme. Dann
wandte er sich wieder dem Leibgardisten zu, der sich für einen
Freund Bois-Tracys ausgegeben hatte, und sagte: Ȇbrigens,
wenn ich es mir recht überlege, bin ich mit Bois-Tracy nicht
weniger befreundet als du; das Tuch kann also ebensogut aus
deiner wie aus meiner Tasche gefallen sein.«
»Nein, bei meiner Ehre!« protestierte der Leibgardist.
»Du schwörst bei deiner Ehre, und ich verpfände mein
Wort, es muß also einer von uns schwindeln, Montaran. Das
beste ist, wir nehmen jeder eine Hälfte!«
»Von dem Taschentuch?«
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»Wovon sonst?«
»Großartig!« riefen die beiden anderen. »Ein salomonisches Urteil. Du bist doch ein kluger Kopf, Aramis!«
Die jungen Leute lachten schallend, und damit war der Fall
erledigt. Kurz darauf verabschiedeten sich die drei Gardisten
mit herzlichem Händedruck von dem Musketier und gingen
weiter.
Das ist der richtige Augenblick, um mich mit diesem wackeren Mann auszusöhnen, dachte d’Artagnan, der sich zuletzt
etwas abseits gehalten hatte. In dieser guten Absicht trat er also
an Aramis heran, der, ohne ihn noch zu beachten, sich gerade
in entgegengesetzter Richtung entfernen wollte, und sagte:
»Ihr entschuldigt hoffentlich, daß ich …«
»Ach«, unterbrach ihn Aramis, »gestattet mir schon die Bemerkung, daß Ihr Euch in dieser Sache nicht wie ein galanter
Mann verhalten habt!«
»Wie, Ihr glaubt …?«
»Ich glaube, daß Ihr kein Dummkopf seid und sehr wohl
wißt, auch wenn Ihr aus der Gascogne kommt, daß man nicht
ohne Grund auf Taschentüchern herumtritt. Zum Teufel, Paris ist doch nicht mit Batist gepflastert!«
»Ihr tut mir unrecht, wenn Ihr mich zu demütigen sucht«,
sagte d’Artagnan, bei dem der angeborene Streitgeist alle
friedfertigen Vorsätze zu übertönen begann. »Ich bin allerdings Gascogner, und ich brauche Euch wohl kaum darauf
hinzuweisen, daß die Gascogner nicht eben sehr geduldig
sind. Wenn sie sich daher, sei es auch wegen einer gehörigen
Dummheit, einmal entschuldigen, so sind sie überzeugt, bereits weit mehr zu tun, als man ihnen billigerweise zumuten
kann.«
»Mein Herr«, antwortete Aramis, »ich sagte das nicht, um
mit Euch Händel zu suchen. Ich bin, Gott sei Dank, kein
Raufbold und nur vorübergehend Musketier; ich schlage
mich bloß, wenn man mich dazu zwingt, und selbst dann
noch mit Widerwillen. Hier aber geht es um etwas Ernstes,
denn Ihr habt eine Dame bloßgestellt.«
»Und Ihr?« rief d’Artagnan.
»Warum wart Ihr so ungeschickt und habt mir das Taschentuch gegeben?«
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»Und warum habt Ihr es fallen lassen?«
»Ich sagte bereits und wiederhole es Euch hier, daß das
Tuch nicht aus meiner Tasche gefallen ist.«
»Dann lügt Ihr jetzt zum zweitenmal, denn ich habe es ja
mit eigenen Augen herunterfallen sehen.«
»Ach, der Herr Gascogner kommt mir so? Ich will ihm
schon Manieren beibringen!«
»Und ich werde Euch in Eure Messe zurückschicken, Herr
Abbé! Los, zieht Euern Degen, und zwar sofort!«
»Nein, mein Freund, nicht hier, möchte ich doch bitten!
Seht Ihr nicht, daß wir genau vor dem Hotel d’Aiguillon stehen, in dem es von Kreaturen des Kardinals nur so wimmelt?
Wer sagt mir, ob nicht Seine Eminenz Euch beauftragt hat,
ihr meinen Kopf zu verschaffen? Meinen Kopf aber mag ich
lächerlicherweise nun einmal nicht missen, er macht sich so
nett auf meinen Schultern. Ich will Euch gern töten, da seid
ganz unbesorgt, aber es muß schon in aller Stille geschehen,
an einem abgeschlossenen, wohlversteckten Ort, wo Ihr
Euch Eures Todes vor niemandem rühmen könnt.«
»Einverstanden, aber verlaßt Euch nicht zu sehr darauf!
Und nehmt Euer Taschentuch mit, ob es Euch nun gehört
oder nicht: Ihr könnt es vielleicht noch gut brauchen!«
»Man merkt, der Herr ist Gascogner!«
»Allerdings, und darum verschiebt er ein Duell auch nicht
aus Vorsicht.«
»Vorsicht ist für den Musketier eine ziemlich überflüssige
Tugend, ich weiß, für den Mann der Kirche ist sie jedoch unentbehrlich; und da ich nur vorübergehend Musketier bin,
muß ich weiter Vorsicht üben. Ich habe die Ehre, Euch um
zwei Uhr im Hause des Herrn de Treville zu erwarten. Ich
zeige Euch dort schon einen geeigneten Ort.«
Die beiden jungen Leute grüßten einander, und während
Aramis die Straße zum Luxembourg hinaufging, schlug d’Artagnan, der wohl merkte, wie spät es geworden war, die Richtung zum Karmeliterkloster ein.
Ich kann unmöglich mit dem Leben davonkommen, sagte
er sich, aber wenn ich getötet werde, falle ich wenigstens von
der Hand eines Musketiers.
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Die Musketiere des Königs
und die Leibwache des Kardinals
D’Artagnan kannte niemand in Paris. Er ging also ohne Sekundanten zum Zweikampf mit Athos, entschlossen, sich mit denen zu begnügen, die sein Gegner mitbringen würde. Übrigens
hatte er den festen Vorsatz, sich bei dem wackeren Musketier
in aller Form, wenn auch ohne Schwäche, zu entschuldigen,
denn er fürchtete, dieses Duell könne mit einem Mißklang enden, wie es fast immer der Fall ist, wenn ein junger, unversehrter Mann auf einen verwundeten und geschwächten Gegner
trifft: wird er besiegt, so verdoppelt er den Triumph seines Widersachers, siegt er aber, bezichtigt man ihn eines frevlerischen
und wohlfeilen Mutes.
Übrigens wird der Leser schon gemerkt haben – wir hätten
denn den Charakter unseres jungen Abenteurers sehr schlecht
geschildert –, daß d’Artagnan ein ungewöhnlicher Mensch war.
Denn obgleich er sich immer wieder sagte, daß ihn der sichere
Tod erwartete, war er doch keineswegs bereit, still und ergeben
zu sterben, wie es ein anderer, nicht so unerschrockener Mann
an seiner Stelle getan hätte. Er dachte über den unterschiedlichen Charakter der drei Musketiere nach, mit denen er sich
schlagen wollte, und fing an, seine Lage klarer zu beurteilen.
Zunächst hoffte er, durch seine offenherzige Entschuldigung
die Freundschaft von Athos zu gewinnen, dessen vornehmes
Wesen und ernste Miene ihm sehr gefielen. Was Porthos anging, so schmeichelte er sich, ihn durch die Geschichte mit dem
Wehrgehänge einzuschüchtern, die er ja, sofern er nicht auf der
Strecke blieb, aller Welt erzählen konnte, und wirkungsvoll
vorgetragen, mußte diese Geschichte den Musketier höchst
lächerlich machen. Den scheinheiligen Aramis endlich fürchtete er am wenigsten, vielmehr traute er sich sehr wohl zu, ihn
gegebenenfalls für immer zu erledigen oder doch wenigstens
sein Gesicht so zu treffen, daß die Schönheit hin war, auf die
er sich soviel einbildete.
Dann aber besaß d’Artagnan noch immer jene unerschütterliche Entschlossenheit, die ihm der Vater mit seinen Ratschlägen ins Herz gepflanzt hatte: von niemand etwas hinzunehmen, außer vom König, vom Kardinal und von Herrn
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de Treville. So eilte er denn im Sturmschritt zum Karmeliterkloster, einem fensterlosen, von dürren Wiesen umgebenen
Bau; hier trugen Leute, die keine Zeit zu verlieren hatten, gewöhnlich ihre Zweikämpfe aus.
Als d’Artagnan auf dem kleinen Platz vor dem Kloster ankam, wartete Athos erst fünf Minuten, und es schlug gerade
Mittag. Er war also pünktlich wie eine Uhr, und kein noch so
strenger Schiedsrichter hätte etwas an ihm aussetzen können.
Athos, dem seine Wunde noch immer heftige Schmerzen
bereitete, obwohl Trevilles Arzt sie ihm frisch verbunden hatte,
saß auf einem Grenzstein und erwartete seinen Gegner in jener gelassenen und würdevollen Haltung, die ihn niemals verließ. Als er d’Artagnan herankommen sah, stand er auf und
ging ihm höflich ein paar Schritte entgegen; der Gascogner seinerseits nahte sich mit dem Hut in der Hand.
»Mein Herr«, sagte Athos, »ich habe zwei meiner Freunde
benachrichtigen lassen, daß sie mir als Sekundanten dienen
sollen, aber sie sind noch nicht zur Stelle. Ich wundere mich,
daß sie sich verspäten, das ist sonst nicht ihre Art.«
»Ich habe leider keinen Sekundanten«, entgegnete d’Artagnan, »denn ich bin erst gestern nach Paris gekommen und
kenne hier noch niemanden außer Herrn de Treville, an den
mich mein Vater empfohlen hat, der ein alter Freund von ihm
ist.«
Athos überlegte einen Augenblick und fragte dann:
»Ihr kennt wirklich nur Herrn de Treville?«
»So ist es, mein Herr.«
»Ja, aber«, sagte Athos halb zu sich selbst, halb zu d’Artagnan, »wenn ich Euch nun töte, hält man mich bestimmt
für einen Kinderfresser.«
»Keineswegs«, erwiderte d’Artagnan und verbeugte sich
nicht ohne Würde, »denn Ihr erweist mir die Ehre, gegen
mich den Degen zu ziehen, obwohl Ihr verwundet seid, was
Euch doch sehr hinderlich sein muß.«
»Sehr hinderlich, in der Tat, und Ihr habt mir verteufelt
weh getan, das muß ich schon sagen. Aber ich nehme die linke
Hand, wie immer in solchen Fällen. Denkt also nicht, daß
ich im Nachteil bin, ich fechte mit der Linken genausogut.
Benachteiligt seid eher Ihr, denn ein Linkshänder ist für einen
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unvorbereiteten Gegner recht unbequem. Ich bedaure, daß
ich Euch nicht gleich darauf aufmerksam gemacht habe.«
»Ihr seid wirklich von einer Höflichkeit, mein Herr«, sagte
d’Artagnan, »für die ich Euch gar nicht genug zu danken
weiß.«
»Ihr setzt mich in Verlegenheit«, antwortete Athos freundlich. »Ich bitte Euch, sprechen wir von etwas anderem, wenn
es Euch recht ist! Herrgott, habt Ihr mich gestoßen! Meine
Schulter brennt ganz höllisch.«
»Wenn Ihr erlaubt«, begann d’Artagnan schüchtern, »ich
habe eine ausgezeichnete Wundsalbe, die mir meine Mutter
mitgegeben hat und die ich auch schon selber ausprobiert
habe.«
»Und weiter?«
»Ich bin überzeugt, mit dieser Salbe werdet Ihr in längstens drei Tagen geheilt sein, und dann wird es mir immer
noch eine Ehre sein, mit Euch die Klinge zu kreuzen.«
Die Einfachheit, mit der d’Artagnan dies sagte, machte seiner Ritterlichkeit alle Ehre, ohne auch nur im geringsten seinen Mut in Frage zu stellen.
»Bei Gott, das ist ein Vorschlag, der mir gefällt! Nicht daß
ich ihn annehme, aber er verrät sogleich den Edelmann. So
sprachen und handelten die edlen Recken zur Zeit Karls des
Großen, nach denen jeder Kavalier sich richten sollte. Leider
leben wir nicht in der Zeit des großen Kaisers, sondern in der
des Kardinals. Da können wir unser Geheimnis noch so gut
wahren, in drei Tagen hat es sich herumgesprochen, daß wir
uns schlagen wollen, und man wird uns daran hindern. – Aber
wo bleiben denn nur diese Bummelanten?«
»Wenn Ihr es eilig habt«, sagte d’Artagnan mit der gleichen
Selbstverständlichkeit, mit der er ihm noch eben einen Aufschub von drei Tagen vorgeschlagen hatte, »und wenn Ihr die
Sache lieber sofort austragen wollt, so tut Euch bitte keinen
Zwang an!«
»Auch das ist ein Wort, das mir gefällt«, erwiderte Athos
mit einem liebenswürdigen Nicken. »Es läßt auf keinen geringen Verstand, bestimmt aber auf ein mannhaftes Herz
schließen. Ich schätze Leute von Eurer Art, und wenn nicht
einer von uns auf der Strecke bleibt, wird es mir später gewiß
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ein großes Vergnügen sein, mich mit Euch zu unterhalten.
Aber warten wir ruhig auf die beiden Herren! So eilig hab
ich’s nicht, und es ist auch ordnungsgemäßer so. Ah, ich
glaube, da kommt schon einer!«
Wirklich tauchte am Ende der Rue de Vaugirard der riesenhafte Porthos auf.
»Was denn? Euer erster Zeuge ist Herr Porthos?«
»Ja. Ist Euch das unangenehm?«
»Nein, durchaus nicht.«
»Und da kommt auch der zweite!«
D’Artagnan wandte sich in die von Athos bezeichnete
Richtung und erkannte Aramis.
»Wie?« rief er noch verwunderter als eben. »Euer zweiter
Zeuge ist Herr Aramis?«
»Allerdings. Wißt Ihr denn nicht, daß man uns drei immer
zusammen sieht und daß man uns bei den Musketieren und
bei den Gardisten, am Hofe und in der Stadt nur Athos, Porthos und Aramis oder die drei Unzertrennlichen nennt? Aber
richtig, Ihr kommt ja gerade erst aus Dax oder Pau …«
»Aus Tarbes«, berichtigte ihn der Gascogner.
»Da könnt Ihr das natürlich nicht wissen«, schloß Athos.
»Eine treffende Bezeichnung!« versetzte d’Artagnan. »Sollte
mein Abenteuer ruchbar werden, kann es zum wenigsten bestätigen, daß Euer Bund sich nicht auf Wesensverschiedenheit
gründet.«
Inzwischen war Porthos herangekommen und begrüßte
Athos. Als er sich aber d’Artagnan zuwandte, machte er ein
sehr verdutztes Gesicht. Er hatte, nebenbei bemerkt, sein
Wehrgehänge gewechselt und den Mantel zu Hause gelassen.
»Ja, was heißt denn das?« rief er.
»Das ist der Herr, mit dem ich mich schlage«, sagte Athos.
»Aber ich schlage mich doch auch mit ihm.«
»Ja, um eins«, warf d’Artagnan ruhig ein.
»Und ich schlage mich ebenfalls mit diesem Herrn«, erklärte Aramis, der in diesem Augenblick herankam.
»Gewiß, aber erst um zwei«, versetzte d’Artagnan mit derselben Gelassenheit.
»Und warum schlägst du dich mit ihm, Athos?« wollte
Aramis wissen.
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»Ja, so genau weiß ich das selber nicht; er hat mich eben angerempelt. Und du, Porthos?«
»Ich? Ich schlage mich, weil ich mich eben schlage«, erwiderte Porthos und wurde rot dabei.
Athos, dem nichts entging, sah, wie ein feines Lächeln die
Lippen des Gascogners kräuselte.
»Wir konnten uns über eine Kleiderfrage nicht einigen«,
ergänzte der junge Mann.
»Und du, Aramis?« fragte Athos.
»Wir gerieten in einer theologischen Diskussion aneinander«, sagte Aramis und gab d’Artagnan durch einen Seitenblick
zu verstehen, daß ihm am Bekanntwerden des eigentlichen Anlasses wenig gelegen war.
Athos sah abermals ein Lächeln d’Artagnans Lippen umspielen.
»Wirklich?« fragte er.
»Ja, wir konnten uns über eine Stelle bei Augustinus nicht
einigen«, erklärte der Gascogner.
Der Bursche ist nicht auf den Mund gefallen, dachte Athos.
»Da nun die Herren alle zur Stelle sind«, fuhr d’Artagnan
fort, »sei es mir gestattet, mich zu entschuldigen.«
Bei diesem Wort runzelte Athos die Stirn, Porthos lächelte
geringschätzig, und Aramis schüttelte den Kopf.
»Ihr versteht mich falsch, meine Herren. Ich bitte um Entschuldigung für den Fall, daß ich nicht allen dreien meine
Schuld abtragen kann, denn Herr Athos hat schließlich ein
erstes Anrecht darauf, mich zu töten, wodurch Eure Forderung, Herr Porthos, erheblich an Wert verliert und die Eure,
Herr Aramis, nahezu hinfällig wird. Deswegen, aber auch nur
deswegen meine Entschuldigung, die ich hiermit wiederhole.
Doch jetzt zur Sache!«
Und mit der ritterlichsten Geste zog d’Artagnan seinen
Degen. Das Blut war ihm in den Kopf gestiegen, und in diesem Augenblick hätte er den Kampf mit allen Musketieren
des Reiches aufgenommen. Es war Viertel nach zwölf. Die
Sonne stand im Zenit, und der Platz, den man zur Kampfstätte erkoren hatte, war ihrer vollen Glut ausgesetzt.
»Es ist sehr heiß«, sagte Athos, während er gleichfalls seinen
Degen zog, »aber ich wage nicht, mein Wams auszuziehen,
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denn meine Wunde blutet noch immer, und ich fürchte, den
Herrn in Verlegenheit zu bringen, wenn ich ihm Blut zeige,
das nicht von seinem Degen stammt.«
»Das stimmt«, versetzte d’Artagnan, »und ich versichere
Euch, daß ich das Blut eines so wackeren Edelmannes immer
nur mit Bedauern fließen sehe, mag nun ich oder ein anderer
Euch verwunden. Unter diesen Umständen behalte ich natürlich auch mein Wams an.«
»Los, los, laßt jetzt die Komplimente!« sagte Porthos. »Wir
wollen schließlich nicht ewig warten.«
»Mich nehmt aus, Porthos, wenn Ihr solche Ungereimtheiten vorbringt!« sagte Aramis. »Ich finde die Bemerkungen der
Herren vortrefflich und zweier Edelleute durchaus würdig.«
»Wenn es Euch jetzt beliebt«, sagte Athos und nahm
Fechterstellung ein.
»Ich wartete nur auf Eure Befehle«, antwortete d’Artagnan
und kreuzte die Klinge.
Aber die beiden Rapiere hatten sich kaum berührt, als ein
Trupp Soldaten von der Leibwache Seiner Eminenz unter dem
Befehl des Herrn de Jussac um eine Ecke des Klosters bog.
»Die Garden des Kardinals!« riefen Porthos und Aramis
wie aus einem Munde. »Den Degen in die Scheide, ihr Herren! Den Degen in die Scheide!«
Zu spät. Die beiden Kämpfer waren in einer Stellung gesehen worden, die keinen Zweifel mehr an ihren Absichten
zuließ.
»Hallo!« rief Jussac, während er auf die Gruppe zueilte und
seinen Leuten zuwinkte, ihm zu folgen. »Hallo, die Herren
Musketiere duellieren sich? Und wie steht es mit dem Verbot?«
»Ihr seid sehr edel«, sagte Athos zähneknirschend, denn
Jussac war bei dem jüngsten Zusammenstoß einer der Angreifer gewesen. »Wenn wir Euch bei einem Zweikampf anträfen, wir würden uns bestimmt hüten, Euch daran zu hindern. Laßt uns also gewähren! Da habt Ihr ein Vergnügen
und braucht Euch nicht einmal anzustrengen!«
»Meine Herren«, erwiderte Jussac, »es ist mir überaus unangenehm, aber ich muß euch sagen, daß das leider unmöglich
ist. Die Pflicht geht vor. Steckt also eure Degen ein und folgt
uns!«
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»Mein Herr«, sagte Aramis, den Gardisten nachäffend, »es
wäre uns überaus angenehm, Ihrer liebenswürdigen Aufforderung Folge zu leisten, aber leider ist das ganz unmöglich:
Herr de Treville hat es uns nämlich untersagt. Zieht also eures
Weges – das ist das Beste, was ihr tun könnt!«
Dieser Spott brachte Jussac außer sich.
»Wenn ihr uns nicht folgt«, sagte er, »müssen wir euch festnehmen!«
»Sie sind zu fünft«, raunte Athos den beiden Musketieren
zu, »und wir sind nur drei. Wir werden hier unterliegen und
müssen hier sterben, denn das sage ich euch, ich trete nicht
noch einmal als Geschlagener vor den Hauptmann hin!«
Athos, Porthos und Aramis traten sogleich näher zusammen, während Jussac seine Leute in eine Linie brachte. Dieser
kurze Augenblick genügte d’Artagnan, seinen Entschluß zu
fassen. Hier war eines jener Ereignisse, die für das Schicksal
eines Menschen entscheidend sind: Es galt, zwischen dem König und dem Kardinal zu wählen. War diese Wahl einmal getroffen, galt es, daran festzuhalten. Wenn er sich jetzt schlug,
verstieß er damit gegen die Gesetze, riskierte er Kopf und Kragen, machte er sich gleichzeitig einen Minister zum Feind, der
noch mächtiger war als der König. All das sah der junge Mann
durchaus, aber wir müssen zu seinem Lobe sagen, daß er keine
Sekunde zögerte.
»Meine Herren«, sagte er, zu Athos und seinen Freunden
gewandt, »ich möchte, wenn ihr erlaubt, etwas richtigstellen.
Ihr sagt, ihr seid nur drei, mir aber scheint, wir sind zusammen vier.«
»Ihr gehört doch nicht zu uns«, sagte Porthos.
»Das ist richtig, aber wenn ich auch nicht euern Rock trage,
mein Herz ist auf eurer Seite, ist auf der Seite der Musketiere!«
»Entfernt Euch, junger Mann!« rief Jussac, der offenbar
d’Artagnans Absicht erraten hatte. »Ihr könnt Euch zurückziehen, wir haben nichts dagegen. Rettet Eure Haut, aber
macht schnell!«
D’Artagnan rührte sich nicht.
»Ihr seid wirklich ein schneidiger Kerl«, sagte Athos und
drückte dem jungen Mann die Hand.
»Nun macht schon, entscheidet euch!« rief Jussac.
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»Ja«, riefen auch Porthos und Aramis, »tun wir etwas!«
»Euer Herz ist sehr edel, junger Freund«, sagte Athos.
Doch alle drei dachten an d’Artagnans Jugend und fürchteten seine Unerfahrenheit.
»Wir sind nur drei, davon ist einer verwundet, und nun
kommt noch dieses Kind dazu«, fuhr Athos fort. »Und hinterher wird es trotzdem heißen, daß wir zu viert waren.«
»Ja, aber zurückweichen?« fragte Porthos.
»Unmöglich!« sagte Athos.
»Meine Herren«, sagte d’Artagnan, der ihre Unentschlossenheit bemerkte, »ihr könnt es doch auf jeden Fall mit mir
versuchen. Ich schwöre euch bei meiner Ehre, daß ich diesen
Platz nicht verlassen will, wenn nicht als Sieger!«
»Wie ist Euer Name, wackrer Freund?« fragte Athos.
»D’Artagnan.«
»Also gut! Athos, Porthos, Aramis und d’Artagnan, vorwärts!« rief Athos.
»Nun, was ist, meine Herren? Habt ihr euch endlich entschlossen?« fragte Jussac zum drittenmal.
»Allerdings.«
»Und was gedenkt ihr zu tun?«
»Wir haben die Ehre, mit euch die Klinge zu kreuzen«, entgegnete Aramis, indem er den Hut lüftete und mit der Rechten seinen Degen zog.
»Ah! Ihr widersetzt euch?« rief Jussac.
»Donnerschlag! Wundert euch das vielleicht?«
Und die neun Kämpfer stürzten mit wütendem Ingrimm,
der jedoch eine bestimmte Ordnung nicht ausschloß, aufeinander los. Athos bekam einen gewissen Cahusac, einen
Günstling des Kardinals, vor die Klinge, Porthos geriet an
Bicarat, und Aramis sah sich gleich zwei Gegnern gegenüber.
D’Artagnan endlich hatte es mit Jussac selbst zu tun.
Das Herz des jungen Gascogners schlug zum Zerspringen, nicht aus Furcht, denn die fühlte er, Gott sei Dank, nicht
im geringsten, sondern aus Kampfeseifer. Er kämpfte wie ein
wilder Tiger, umkreiste wohl zehnmal seinen Gegner, wechselte wohl zwanzigmal Stellung und Platz. Jussac war, wie
man damals sagte, ein »Meister der Klinge« und ausgezeichnet in Form, aber er hatte alle Mühe, sich eines Gegners zu
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erwehren, der gewandt und leichtfüßig immer wieder von
den überkommenen Regeln abwich und ihn von allen Seiten
angriff, selber aber stets mit der Umsicht eines Menschen parierte, dem seine Haut sehr teuer ist.
Schließlich verlor Jussac die Geduld. Wütend darüber, daß
ihn jemand in Schach hielt, den er für ein halbes Kind angesehen hatte, geriet er immer mehr in Harnisch und begann, Fehler zu machen. D’Artagnan, dem es zwar an Übung, nicht aber
an taktischer Überlegung fehlte, wurde noch behender. Jussac
wollte der Sache ein Ende machen und führte, weit auslegend,
einen furchtbaren Hieb nach seinem Gegner. Der parierte jedoch, und während Jussac sich aufrichtete, glitt d’Artagnan wie
eine Schlange unter seiner Klinge hin und stieß ihm den Degen
in den Leib. Jussac fiel wie ein Sack zu Boden.
D’Artagnan warf einen raschen, unruhigen Blick auf das
Schlachtfeld. Aramis hatte sich bereits des einen Gegners
entledigt, aber der andere setzte ihm stark zu. Indessen befand sich Aramis in guter Stellung und konnte sich noch verteidigen. Bicarat und Porthos waren gleichzeitig gegeneinander ausgefallen, und dabei hatte Porthos einen Stich durch
den Arm, Bicarat einen durch den Schenkel bekommen. Da
aber keine der Wunden ernsthaft war, fochten die beiden nur
um so erbitterter weiter. Athos endlich war von Cahusac neuerlich verwundet worden und wurde zusehends blasser, wich
jedoch keinen Fußbreit zurück.
Nach den damaligen Kampfregeln durfte d’Artagnan einem
seiner Gefährten zu Hilfe kommen; während er sich umschaute, wer wohl seinen Beistand am nötigsten brauchte,
fing er einen Blick von Athos auf. Dieser Blick war überaus
beredt. Athos wäre lieber gestorben, als daß er ihn zu Hilfe
gerufen hätte; aber er durfte mit den Augen um Beistand bitten. D’Artagnan verstand und fiel mit einem gewaltigen Satz
Cahusac von der Seite an.
»Hierher, Herr Gardist«, rief er, »oder ich töte Euch!«
Cahusac wandte sich um. Es war auch höchste Zeit, denn
Athos, den nur seine außerordentliche Tapferkeit aufrecht
gehalten hatte, brach in die Knie.
»Tötet ihn nicht, junger Freund!« rief er. »Ich habe noch
eine alte Rechnung mit ihm zu begleichen, wenn ich geheilt
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und wieder wohlauf bin. Entwaffnet ihn nur! Nehmt ihm den
Degen weg! Ja, so ist’s recht, bravo!«
Dieser Ausruf wurde ihm durch Cahusacs Degen entlockt,
der wohl zwanzig Fuß weit durch die Luft flog. D’Artagnan
und Cahusac stürzten ihm nach, der eine, um ihn sich wiederzuholen, der andere, um sich seiner als Trophäe zu bemächtigen. D’Artagnan war schneller und setzte als erster seinen
Fuß darauf. Cahusac lief nun zu dem Gardisten, den Aramis
getötet hatte, nahm dessen Degen an sich und wollte sich von
neuem gegen d’Artagnan wenden; doch da traf er auf Athos,
der in der kurzen Atempause, die ihm der Gascogner verschafft hatte, wieder ein wenig zu Kräften gekommen war und
voller Besorgnis, der junge Mann könnte seinen Feind töten,
den Kampf wiederaufnahm.
D’Artagnan begriff, daß er Athos kränken würde, wenn er
ihn nicht gewähren ließe. Wirklich stürzte wenige Sekunden
später Cahusac mit durchbohrter Kehle nieder. Im selben
Augenblick setzte Aramis seinem Gegner, den er niedergeworfen hatte, den Degen auf die Brust und zwang ihn, sich
zu ergeben.
Blieben noch Porthos und Bicarat. Porthos hielt großsprecherische Reden, fragte seinen Gegner nach der Uhrzeit und
beglückwünschte ihn zu seinem Bruder, der im Regiment Navarra eine Kompanie erhalten hatte, aber mit all dem spöttischen Gerede kam er nicht weiter. Bicarat war eine jener eisernen Naturen, die nicht fallen, bevor sie nicht tot sind.
Indessen wurde es langsam Zeit, Schluß zu machen. Jeden
Augenblick konnte die Wache kommen und alle Beteiligten,
verwundet oder nicht, Anhänger des Königs oder des Kardinals, gefangennehmen. Athos, Aramis und d’Artagnan umringten Bicarat und forderten ihn auf, sich zu ergeben. Obwohl der allein gegen alle stand und durch einen Stich in den
Oberschenkel verwundet war, wollte er nichts davon wissen;
aber Jussac, der sich auf dem Ellenbogen etwas aufgerichtet
hatte, rief ihm zu, er solle sich ergeben. Bicarat war Gascogner
wie d’Artagnan; er stellte sich taub, lächelte nur und fand noch
Zeit, zwischen zwei Paraden mit der Degenspitze eine Stelle
am Boden zu bezeichnen und dabei, in Verkehrung eines Bibelverses, zu rufen:
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»Hier wird Bicarat sterben, der einzige von allen, die mit
ihm sind!«
»Aber es sind vier gegen dich. Hör also auf, ich befehle es
dir!«
»Ja, wenn du es befiehlst, ist es etwas anderes«, sagte Bicarat. »Da du mein Vorgesetzter bist, muß ich wohl oder übel
gehorchen.«
Er machte einen Satz nach hinten, zerbrach den Degen
über dem Knie, um ihn nicht ausliefern zu müssen, und warf
die Stücke über die Klostermauer. Dann verschränkte er die
Arme über der Brust und pfiff ein kardinalistisches Lied.
Mut wird immer geachtet, auch bei einem Feind. Die Musketiere grüßten Bicarat mit erhobenem Degen und steckten
ihre Waffen wieder in die Scheide. D’Artagnan machte es
ebenso, dann trug er zusammen mit Bicarat, dem einzigen Gegner, der sich noch auf den Beinen halten konnte, Jussac, Cahusac und den von Aramis Verwundeten unter die Klosterpforte.
Der vierte war, wie wir bereits sagten, tot. Dann zogen sie die
Glocke und marschierten unter Mitnahme der vier eroberten
Degen freudetrunken zum Hause des Herrn de Treville.
Arm in Arm nahmen sie die ganze Breite der Straße ein, und
da sich ihnen unterwegs alle Musketiere anschlossen, denen
sie begegneten, wuchs der kleine Trupp schließlich zu einem
wahren Triumphzug an. D’Artagnans Herz schwamm in Seligkeit. Er ging zwischen Athos und Porthos, deren Arme er
glücklich an sich preßte.
»Wenn ich auch noch kein Musketier bin«, sagte er zu seinen
neuen Freunden, als sie die Schwelle des Trevilleschen Hauses
überschritten, »so bin ich doch wenigstens als Lehrling aufgenommen, nicht wahr?«
Seine Majestät König Ludwig XIII.
Die Geschichte machte großes Aufsehen. Laut zeigte sich
Herr de Treville sehr ungehalten über seine Musketiere, im
stillen beglückwünschte er sie. Weil er aber keine Zeit verlieren durfte, um als erster dem König Bericht zu erstatten, be62
gab er sich eiligst in den Louvre. Doch es war bereits zu spät.
Der König hatte sich mit dem Kardinal eingeschlossen, und
man sagte Herrn de Treville, der König arbeite und könne im
Augenblick nicht empfangen. Am Abend fand sich Herr de
Treville beim Spiel des Königs ein. Seine Majestät hatte an
diesem Tag Glück, und da sie sehr geizig war, befand sie sich
in bester Stimmung. Kaum hatte daher der König den Hauptmann von weitem erspäht, als er auch schon rief:
»Hierher, Treville! Hierher, denn ich muß Euch schelten.
Wißt Ihr, daß sich Seine Eminenz bei mir über Eure Musketiere beklagt hat und vor lauter Ärger krank geworden ist?
Nein, Eure Leute sind ja leibhaftige Teufel, und man sollte sie
wirklich aufhängen!«
»Nicht doch, Sire«, antwortete Treville, der sofort merkte,
daß die Sache gut ablaufen würde. »Es sind im Gegenteil die
bravsten Kerle, wahre Lämmer, und ich stehe dafür ein, daß
sie keinen anderen Wunsch haben, als ihren Degen nur im
Dienste Eurer Majestät zu zücken. Aber die Garden des
Herrn Kardinals suchen unaufhörlich Händel mit ihnen, und
da müssen die armen Burschen, schon um die Ehre ihres Regiments zu wahren, sich zur Wehr setzen.«
»Nun hört mir den Treville an!« sagte der König. »Hört
ihn euch an! Könnte man nicht meinen, er redet von einem
Kloster? Ich hätte wirklich Lust, Herr Hauptmann, Euch das
Patent zu nehmen und es Fräulein de Chemerault zu geben,
der ich eine Abtei versprochen habe. Denkt aber nicht, daß
ich Euch so ohne weiteres glaube. Man nennt mich Ludwig
den Gerechten, Herr de Treville, und wir werden uns nachher noch eingehender damit befassen.«
»Ich baue ganz auf Eure Gerechtigkeit, Sire, und deshalb
erwarte ich ruhig und geduldig, was Eurer Majestät beliebt.«
»So wartet nur, Hauptmann, wartet nur!« sagte der König.
»Ich werde Euch nicht lange warten lassen.«
Wirklich wendete sich jetzt das Glück, und da der König
zu verlieren begann, was er gerade gewonnen hatte, war es
ihm gar nicht unlieb, sich unter einem bequemen Vorwand
vom Spiel zurückzuziehen. Er stand also auf, steckte das vor
ihm liegende Geld, das zum größten Teil von seinem Gewinn
herrührte, in die Tasche und sagte:
63
»La Vieuville, nehmt meinen Platz ein! Ich habe mit Herrn
de Treville etwas Wichtiges zu besprechen. Ach, richtig, ich
hatte achtzig Louisdors vor mir; setzt dieselbe Summe, damit
sich die anderen, die bisher verloren haben, nicht beklagen
können! Die Gerechtigkeit über alles!«
Dann wandte er sich von neuem Herrn de Treville zu, führte
ihn in eine Fensternische und sagte:
»Ihr behauptet also, daß es die Garden Seiner Eminenz waren, die mit Euern Musketieren Händel gesucht haben?«
»Ja, Sire, wie immer.«
»Und wie ging die Sache vor sich? Denn Ihr wißt ja, mein
lieber Hauptmann, ein Richter soll immer erst beide Seiten
anhören.«
»Mein Gott, auf die einfachste und natürlichste Weise von
der Welt! Drei meiner besten Soldaten, Majestät kennen sie
mit Namen und haben ihre Ergebenheit schon mehr als einmal
zu schätzen gewußt, drei Soldaten also, denen ihr Dienst, wie
ich Euch versichern kann, wirklich am Herzen liegt, nämlich
die Herren Athos, Porthos und Aramis, wollten mit einem jungen gascognischen Kadetten, den ich ihnen am selben Morgen
empfohlen hatte, einen Spaziergang machen; nach Saint-Germain, glaube ich. Aber gerade als sie sich, wie vereinbart, am
Karmeliterkloster trafen, wurden sie plötzlich von den Herren Jussac, Cahusac, Bicarat und noch zwei weiteren Gardisten gestört, die hier sicherlich nicht ohne böse Absicht gegen
die Erlasse Eurer Majestät so zahlreich erschienen.«
»Ah, richtig!« sagte der König. »Ihr bringt mich auf einen
Gedanken. Sie wollten sich gewiß duellieren.«
»Ich klage sie nicht an, Sire, ich gebe Eurer Majestät nur zu
bedenken, was wohl fünf bewaffnete Männer in einer so einsamen Gegend wie der des Karmeliterklosters vorhaben können.«
»Ja, Ihr habt recht, Treville, ganz recht.«
»Als sie nun meine Musketiere sahen, besannen sie sich eines
anderen und vergaßen ihren persönlichen Haß über dem gemeinsamen gegen die andere Truppe; denn Eure Majestät wissen ja, daß die Musketiere, die dem König und nur dem König
dienen, die natürlichen Feinde der Gardisten sind, die auf den
Kardinal hören.«
64
»Ja, ja, Treville«, sagte der König melancholisch, »es ist
recht traurig, glaubt mir das, auf diese Weise zwei Parteien
im Lande und zwei Häupter an der Spitze zu sehen. Aber das
hört eines Tages auf, Treville, hört gewiß auf! Ihr sagt also, die
Gardisten haben mit den Musketieren Streit gesucht?«
»Ich sage, daß die Dinge vermutlich so vor sich gegangen sind, aber ich kann es nicht beschwören, Sire. Ihr wißt ja,
wie schwer es ist, immer die Wahrheit zu finden, und wenn
man nicht mit dem staunenswerten Instinkt dafür begabt ist,
der Eurer Majestät den Beinamen der Gerechte eingetragen
hat …«
»Ihr habt recht, Treville. Aber Eure Musketiere waren nicht
allein, sie hatten doch noch einen jungen Kadetten bei sich?«
»Ja, Sire, ein blutjunges Kerlchen, so daß also drei königliche
Musketiere, von denen einer schon verwundet war, und ein halbes Kind fünf schwerbewaffneten Gardisten nicht allein die
Stirn geboten, sondern sogar vier von ihnen zu Boden gestreckt
haben.«
»Aber das ist ja ein Sieg!« rief der König und strahlte über
das ganze Gesicht. »Ein vollständiger Sieg!«
»Ja, Sire, ein ebenso schöner wie der an der Pont de Cé.«
»Vier Mann, sagt Ihr, einer davon verwundet und ein anderer ein halbes Kind?«
»Man kann ihn kaum einen jungen Mann nennen, aber er
hat sich bei dieser Gelegenheit so wacker geschlagen, daß ich
mir die Freiheit nehme, ihn Eurer Majestät zu empfehlen.«
»Wie heißt er?«
»D’Artagnan, Sire. Er ist der Sohn eines alten Freundes
von mir, der Sohn eines Mannes, der mit Euerm königlichen
Vater ruhmreichen Andenkens manchen Feldzug mitgemacht hat.«
»Und dieser junge Mann hat sich also wacker gehalten, sagt
Ihr? Das müßt Ihr mir erzählen, Treville; Ihr wißt ja, wie gern
ich solche Berichte höre.« Und König Ludwig XIII. warf sich
in Positur und zwirbelte stolz seinen Schnurrbart.
»Wie ich schon sagte, Sire«, begann Treville, »ist Herr d’Artagnan fast noch ein Kind, und da er nicht die Ehre hat, Musketier Eurer Majestät zu sein, war er bürgerlich gekleidet. Angesichts seiner großen Jugend und weil er nicht zu den anderen
65
gehörte, forderten die Gardisten ihn vor ihrem Angriff auf, sich
zu entfernen.«
»Da seht Ihr wieder, Treville«, unterbrach ihn der König,
»daß nur sie die Angreifer waren.«
»Ganz richtig, Sire, es kann nicht mehr bezweifelt werden.
Sie forderten ihn also auf, sich zurückzuziehen, aber er antwortete, er stehe mit seinem Herzen, das ganz dem König
gehöre, auf seiten der Musketiere, und darum wolle er bei
ihnen auch bleiben.«
»Wackerer junger Mann!« murmelte der König.
»Er blieb auch wirklich bei ihnen, und Eure Majestät haben
an ihm einen tapferen Streiter gewonnen, denn er war es, der
Jussac den furchtbaren Degenstoß versetzte, über den der
Herr Kardinal so erbost ist.«
»Was, dieser Junge hat Jussac verwundet? Aber Treville,
das ist doch kaum möglich!«
»Und doch ist es so, wie ich es, mit Verlaub, Eurer Majestät
soeben geschildert habe.«
»Jussac, einer der besten Degen des Königreichs!«
»Nun hat er seinen Meister gefunden, Sire.«
»Ich will den jungen Mann sehen, Treville, ich will ihn sehen,
und wenn man etwas für ihn tun kann, nun, so wollen wir dafür
sorgen, daß es geschieht.«
»Wann geruhen Eure Majestät, ihn zu empfangen?«
»Morgen mittag.«
»Soll ich ihn allein bringen?«
»Nein, bringt mir alle vier her! Ich will ihnen danken; ergebene Männer sind selten, Treville, und man muß Ergebenheit belohnen.«
»Wir werden pünktlich zur Stelle sein.«
»Aber kommt über die kleine Treppe, Treville. Der Kardinal
braucht nicht zu wissen …«
»Sehr wohl, Sire.«
»Ihr versteht, Treville. Edikt bleibt Edikt, und an sich ist
es ja verboten, sich zu schlagen.«
»Aber dieses Treffen hatte nichts mit einem gewöhnlichen
Duell zu tun, Sire, es war eine Rauferei, und der Beweis liegt
schon darin, daß fünf Gardisten des Kardinals gegen meine
drei Musketiere und Herrn d’Artagnan standen.«
66
»Das ist richtig«, sagte der König, »doch kommt gleichwohl über die kleine Treppe.«
Treville lächelte. Aber da es schon viel war, daß er es fertiggebracht hatte, dieses Kind gegen seinen Meister aufzubringen, grüßte er ehrerbietig und empfahl sich.
Noch am selben Abend unterrichtete er seine Schützlinge
von der ihnen zugedachten Ehre. Die drei Musketiere, die
den König seit langem kannten, zeigten sich nicht sonderlich beeindruckt; d’Artagnan dagegen, mit seiner gascognischen Phantasie, sah bereits sein Glück gemacht und verbrachte die Nacht mit goldenen Träumen. Schon um acht
Uhr früh erschien er bei Athos.
Er traf den Musketier fertig angezogen und zum Ausgehen
bereit. Da man erst mittags zum König befohlen war, wollte
Athos mit Porthos und Aramis in einem Spielhaus in der
Nähe der Luxembourg-Stallungen eine Partie Schlagball spielen. Athos lud d’Artagnan ein, mitzukommen, und obwohl
dieser das Spiel nicht kannte, nahm er gerne an, denn er
wußte nicht, was er sonst den ganzen Vormittag über hätte
anfangen sollen.
Die beiden anderen Musketiere waren schon an Ort und
Stelle und vertrieben sich die Zeit mit Übungsschlägen. Athos,
der in allen Leibesübungen besonders stark war, nahm mit
d’Artagnan die gegenüberliegende Seite ein und forderte die
beiden heraus. Doch schon beim ersten Schlag, den er führte,
merkte er, daß ihm die frische Wunde diese Anstrengung noch
nicht gestattete, obwohl er nur linkshändig spielte. D’Artagnan
blieb also allein, und da er sich für zu ungeschickt erklärte, um
eine regelrechte Partie zu bestreiten, begnügte man sich, einander die Bälle zuzuspielen, ohne die Punkte zu zählen. Einer
der Bälle aber, von Porthos’ herkulischer Faust geschlagen, flog
so dicht an d’Artagnans Kopf vorbei, daß dieser sich sagte, ein
Treffer hätte ihn vermutlich um seine Audienz beim König gebracht. Da nun von dieser Audienz, zumindest in seiner gascognischen Einbildung, seine ganze Zukunft abhing, verbeugte
er sich höflich vor Porthos und Aramis und erklärte, er werde
die Partie erst wiederaufnehmen, wenn er ihnen ein ebenbürtiger Gegner sein könne; damit verließ er das Spielfeld und
nahm auf der Tribüne Platz.
67
Unglücklicherweise befand sich unter den Zuschauern ein
Gardist Seiner Eminenz, den die jüngste Niederlage seiner
Kameraden so aufgebracht hatte, daß er fest entschlossen
war, bei der ersten besten Gelegenheit Rache zu nehmen.
Diese Gelegenheit schien sich ihm jetzt zu bieten, und so
sagte er zu seinem Nachbar: »Kein Wunder, daß sich der
junge Mann vor einem Ball fürchtet! Er ist doch bestimmt
ein Rekrut der Musketiere.«
Wie von der Tarantel gestochen, fuhr d’Artagnan herum
und sah den Gardisten, der die freche Bemerkung gemacht
hatte, scharf an. Der aber fuhr ungerührt fort, während er
herausfordernd seinen Schnurrbart zwirbelte:
»Starrt mich in Gottes Namen an, soviel Ihr wollt, Kleiner:
Was ich gesagt habe, habe ich gesagt!«
»Und da, was Ihr gesagt habt, klar genug ist und keiner Erläuterung bedarf«, entgegnete d’Artagnan leise, »bitte ich
Euch, mir zu folgen.«
»Und wann?« fragte der Gardist spöttisch.
»Sofort, wenn ich bitten darf.«
»Wer ich bin, wißt Ihr ja doch wohl?«
»Nein, keineswegs, und es ist mir auch völlig gleichgültig.«
»Damit habt Ihr unrecht, denn wenn Ihr meinen Namen
wüßtet, hättet Ihr’s vielleicht weniger eilig.«
»Und wie ist also Euer Name?«
»Bernajoux, Euch zu dienen.«
»Gut, Herr Bernajoux«, sagte d’Artagnan ruhig, »ich erwarte Euch vor der Tür.«
»So geht nur, mein Herr, ich komme gleich nach.«
»Laßt Euch Zeit, damit man uns nicht zusammen hinausgehen sieht! Ihr begreift wohl, daß bei unserem Vorhaben
viele Zuschauer stören müssen.«
»Schon recht«, antwortete der Gardist, der sehr erstaunt
war, daß sein Name auf den jungen Mann keinen größeren
Eindruck gemacht hatte.
Tatsächlich kannte alle Welt, vielleicht nur mit Ausnahme
d’Artagnans, den Namen Bernajoux, denn er gehörte zu denen, die im Zusammenhang mit den täglichen Raufereien, die
alle Verbote des Königs und des Kardinals nicht unterdrücken
konnten, am meisten genannt wurden.
68
Porthos und Aramis waren so in ihr Spiel vertieft, und
Athos schaute so aufmerksam zu, daß sie gar nicht bemerkten, wie ihr junger Freund hinausging. Der wartete, wie ausgemacht, vor der Tür auf den Gardisten, der auch bald nach
ihm herauskam. D’Artagnan wollte wegen der Audienz beim
König keine Zeit verlieren und sagte daher, nachdem er sich
kurz umgeschaut und die Straße menschenleer gefunden
hatte, zu seinem Gegner:
»Ihr könnt wirklich von Glück sagen, daß Ihr es mit keinem
richtigen Musketier zu tun habt. Aber seid unbesorgt, ich
werde mein Bestes hergeben. Also vorwärts!«
»Aber der Ort hier scheint mir nicht sonderlich geeignet«,
erwiderte der Herausgeforderte. »Hinter der Abtei von SaintGermain oder im Pré-aux-Clercs wären wir besser dran.«
»Da habt Ihr schon recht«, sagte d’Artagnan, »aber leider
ist meine Zeit sehr bemessen, denn ich habe um zwölf schon
wieder etwas vor. Also vorwärts, mein Herr, legt aus!«
Bernajoux war nicht der Mann, der sich ein solches Kompliment zweimal sagen ließ. Im nächsten Augenblick blitzte der
Degen in seiner Hand, und er preschte gegen seinen Widersacher vor, den er in Anbetracht seiner großen Jugend leicht
einzuschüchtern hoffte.
Aber d’Artagnan hatte tags zuvor einiges gelernt, und noch
ganz berauscht von seinem Sieg, ganz erfüllt von künftigem
Glück, war er fest entschlossen, keinen Schritt zu weichen. So
waren die beiden Degen bald gebunden, und da d’Artagnan
seinen Platz hielt, machte sein Gegner schließlich einen Schritt
zurück. Diesen Augenblick benutzte der Gascogner, fiel aus
und traf Bernajoux an der Schulter. Sofort ging d’Artagnan
wieder zurück und hob den Degen; aber Bernajoux rief ihm zu,
die Verwundung habe nichts zu bedeuten, und drang so blindlings vor, daß er förmlich in die Klinge seines Gegners rannte.
Doch auch jetzt fiel er nicht, erklärte sich keineswegs für besiegt, sondern wich nur gegen das Haus des Herrn de La Tremouille zurück, in dessen Dienst einer seiner Verwandten
stand, so daß d’Artagnan, der nicht wußte, wie schwer er ihn
getroffen hatte, ihm heftig nachsetzte und ihn sicherlich mit
einem dritten Streich endgültig erledigt hätte, wären nicht in
diesem Augenblick zwei Freunde des Gardisten, die ihn nach
69
dem Wortwechsel hatten hinausgehen sehen, auf den Lärm
aufmerksam geworden und ihrem Gefährten zu Hilfe geeilt.
Aber gerade, als sie mit gezücktem Degen auf den Sieger eindrangen, erschienen auch Athos, Porthos und Aramis und
zwangen die beiden Angreifer zum Rückzug. Jetzt erst brach
Bernajoux zusammen, und da die Gardisten nur noch zwei gegen vier waren, riefen sie: »Zu Hilfe, Hotel de La Tremouille!«
Auf ihr Geschrei hin eilte alles, was im Hause war, herbei
und stürzte sich auf die vier Freunde, die nun ihrerseits zu rufen begannen: »Hierher, Musketiere!«
Dieser Ruf fand in der Regel Gehör, denn man kannte die
Musketiere als Feinde Seiner Eminenz und liebte sie wegen
ihres Hasses gegen den Kardinal. So nahmen die Soldaten der
anderen Kompanien, die nicht dem Roten Herzog – wie ihn
Aramis genannt hatte – unterstanden, bei solchen Streitigkeiten meist für die Musketiere des Königs Partei. Auch diesmal
stellten sich zwei Gardisten aus der Kompanie des Herrn des
Essarts, die zufällig des Wegs kamen, sofort an die Seite der
vier Kameraden, während ein dritter zum Hause Trevilles lief
und die Musketiere alarmierte, die sich hier wie gewöhnlich in
großer Zahl aufhielten. Als sie nun auf dem Kampfplatz erschienen, wurde das Getümmel allgemein, doch die Musketiere behielten die Oberhand. Die Gardisten Seiner Eminenz
und die Leute des Herrn de La Tremouille zogen sich ins Haus
zurück, dessen Tore sie gerade noch rechtzeitig zuschlugen,
ehe die Feinde zusammen mit ihnen eindringen konnten. Den
Verwundeten hatte man bereits zu Anfang und, wie gesagt, in
sehr elendem Zustand weggeschafft.
Die Erregung unter den Musketieren und ihren Verbündeten war auf ihrem Siedepunkt angelangt, und man überlegte
schon, ob man nicht Tremouilles Leute für ihre Unverschämtheit strafen und Feuer an das Haus legen sollte, welcher Vorschlag sogleich begeisterte Zustimmung fand, als es glücklicherweise elf Uhr schlug. D’Artagnan und seine Freunde erinnerten sich ihrer Audienz, und da sie bedauert hätten, wenn
ein so toller Streich ohne sie verübt worden wäre, suchten sie
die anderen zu beschwichtigen, was ihnen auch gelang. Man
begnügte sich damit, ein paar Pflastersteine gegen die Türen
zu werfen, die jedoch standhielten, so daß man bald davon ab70
ließ. Überdies waren die vier, die als Hauptbeteiligte der ganzen
Unternehmung galten, bereits vor einer Weile gegangen und
auf dem Wege zum Hause des Herrn de Treville, der schon von
dem neuen Scharmützel gehört hatte und sie ungeduldig erwartete.
»Los, los, rasch zum Louvre!« sagte er. »Wir dürfen keinen
Augenblick verlieren. Wir müssen sehen, daß wir den König
sprechen, bevor der Kardinal bei ihm war. Wir stellen ihm die
Sache als eine Folge des gestrigen Kampfes dar, dann geht es
schon mit durch.«
Herr de Treville begab sich also in Begleitung der vier jungen Leute nach dem Louvre; aber zu seinem großen Erstaunen
wurde ihm hier mitgeteilt, daß sich der König auf der Hirschjagd im Walde von Saint-Germain befinde. Herr de Treville ließ
sich die Botschaft zweimal wiederholen, und jedesmal sahen
seine Begleiter, wie sich seine Miene mehr verfinsterte.
»Hatte Seine Majestät schon gestern die Absicht, heute zu
jagen?« fragte er.
»Nein, Euer Gnaden«, sagte der Kammerdiener, »aber der
Oberjagdmeister war heute morgen hier und meldete dem
König, daß man in der Nacht einen Hirsch aufgespürt hat.
Seine Majestät wollte erst nicht fort, doch dann konnte er
der Jagdlust nicht widerstehen. Er ist gleich nach dem Essen
aufgebrochen.«
»Und hat der König den Kardinal gesehen?«
»Aller Wahrscheinlichkeit nach«, antwortete der Kammerdiener, »denn ich habe heute morgen den Wagen Seiner
Eminenz angespannt gesehen, und als ich fragte, wohin die
Reise ging, hieß es, nach Saint-Germain.«
»Man ist uns zuvorgekommen«, sagte Herr de Treville.
»Meine Herren, ich sehe den König heute abend. Euch rate
ich allerdings, ihm vorerst nicht unter die Augen zu treten.«
Dieser Rat war zu einleuchtend und kam vor allem von
einem Mann, der den König zu gut kannte, als daß die jungen Leute dagegen aufbegehrt hätten. So empfahl ihnen Herr
de Treville, nach Hause zu gehen und seinen Bescheid abzuwarten.
Herr de Treville bedachte inzwischen, daß es für ihn das
klügste wäre, wenn er als erster Klage führte. Er schickte einen
71
seiner Diener mit einem Brief zu Herrn de La Tremouille,
worin er ihn bat, den Gardisten des Kardinals aus seinem Haus
zu entfernen und seine Leute wegen ihres dreisten Ausfalls gegen die Musketiere gehörig zu verwarnen. Aber Herr de La
Tremouille war bereits durch seinen Stallmeister, jenem Verwandten Bernajoux’, unterrichtet und ließ antworten, es käme
weder Herrn de Treville noch seinen Musketieren, sondern
vielmehr ganz allein ihm zu, sich zu beklagen, denn seine Leute
seien von den Musketieren angegriffen worden, die sogar sein
Haus hätten anzünden wollen. Nun konnte dieser Streit zwischen den beiden Herren sich noch lange hinziehen, da natürlich jeder auf seinem Standpunkt beharren würde, und darum
verfiel Treville auf einen Ausweg, der ihm eine rasche Erledigung der Angelegenheit versprach: er begab sich selbst zu
Herrn de La Tremouille.
Die beiden Herren begrüßten sich höflich, denn waren sie
auch nicht befreundet, so achteten sie doch einander. Beide
waren Männer von Herz und Ehrgefühl; und da Herr de La
Tremouille, der Protestant war und den König nur selten sah,
zu keiner Partei gehörte, zeigte er sich in seinem gesellschaftlichen Umgang meist recht unvoreingenommen. Dennoch war diesmal der Empfang bei aller Höflichkeit kühler
als sonst.
»Mein Herr«, begann Treville, »jeder von uns glaubt, sich
über den andern beklagen zu müssen. Darum bin ich jetzt
selber hergekommen, um mit Euch gemeinsam diese Angelegenheit ins reine zu bringen.«
»Gern«, erwiderte Tremouille, »aber ich sage Euch gleich,
daß ich über alles unterrichtet bin. Das Unrecht ist auf seiten Eurer Musketiere.«
»Ihr seid ein zu einsichtiger und gerecht denkender Mann,
als daß Ihr ablehnen könntet, was ich Euch vorschlagen
möchte.«
»Bitte, sprecht!«
»Wie geht es Herrn Bernajoux, dem Verwandten Eures
Stallmeisters?«
»Sehr schlecht. Außer dem Degenstich in den Arm, der
nicht weiter gefährlich ist, hat er noch einen durch die Lunge
bekommen, den der Arzt für sehr bedenklich hält.«
72
»Aber der Verwundete ist noch bei Bewußtsein?«
»Doch, durchaus.«
»Kann er sprechen?«
»Ja, wenn auch nur mühsam.«
»Nun, dann gehen wir doch zu ihm und beschwören wir ihn
im Namen Gottes, vor den er vielleicht schon bald gerufen
wird, uns die Wahrheit zu sagen! Soll er Richter in seiner eigenen Sache sein, und was er sagt, will ich glauben!«
Herr de La Tremouille überlegte einen Augenblick, aber
da sich schwerlich ein vernünftigerer Vorschlag machen ließ,
willigte er ein.
Als der Verwundete die beiden vornehmen Herren zu sich
ins Zimmer treten sah, versuchte er, sich aufzurichten, war
aber zu schwach, so daß er, von der Anstrengung ermattet,
halb ohnmächtig zurücksank. Herr de La Tremouille trat zu
ihm und ließ ihn an einem Salz riechen, das ihn wieder etwas
belebte. Treville, der sich nicht nachsagen lassen wollte, er
habe den Verwundeten beeinflußt, bat nun den Hausherrn,
selber die Fragen zu stellen. Und es kam so, wie er vorausgesehen hatte. Zwischen Tod und Leben schwebend, dachte
Bernajoux überhaupt nicht daran, die Wahrheit zu verschweigen, sondern erzählte ehrlich, wie sich die Dinge zugetragen hatten.
Das war alles, was Herr de Treville hören wollte. Er wünschte
Bernajoux rasche Genesung, verabschiedete sich von Herrn de
La Tremouille und kehrte nach Hause zurück, wo er sogleich
seine vier Freunde benachrichtigen ließ, daß er sie zum Essen
erwarte.
Herr de Treville empfing eine Menge Gäste, natürlich lauter Antikardinalisten. Begreiflicherweise drehten sich die Gespräche bei Tisch vornehmlich um die beiden jüngsten Niederlagen der Garden Seiner Eminenz. Und da d’Artagnan der
Held dieser zwei Tage war, fielen ihm die meisten Glückwünsche zu, was ihm Athos, Porthos und Aramis nicht nur
als gute Kameraden, sondern auch als Männer gönnten, die
selber schon oft genug im Mittelpunkt solcher Ovationen
gestanden hatten.
Gegen sechs Uhr kündigte Herr de Treville an, daß man sich
jetzt in den Louvre begeben müsse. Nun war aber die vom
73
König angesetzte Audienzstunde längst vorüber, und darum
benutzte er nicht die kleine Treppe, sondern stellte sich mit
seinen vier Schützlingen im Vorzimmer auf. Der König war
noch nicht von der Jagd zurück. Unsere Freunde warteten vielleicht seit einer halben Stunde inmitten der anderen Höflinge,
als die Türen aufgingen und Seine Majestät gemeldet wurde.
Bei dieser Ankündigung erbebte d’Artagnan bis ins innerste Mark. Der nächste Augenblick würde mit größter Wahrscheinlichkeit über sein ganzes Leben entscheiden. Angstvoll waren seine Augen auf die Tür gerichtet, durch die der
König eintreten mußte. Endlich erschien Ludwig XIII. an
der Spitze seines Gefolges. Er war noch im staubigen Jagdkleid, trug hohe Stiefel und hielt eine Peitsche in der Hand.
Auf den ersten Blick erkannte d’Artagnan, daß der König in
Gewitterstimmung war.
So unverhüllt auch diese schlechte Laune war, so konnte sie
die Höflinge doch nicht davon abhalten, wie stets den Weg Seiner Majestät zu umsäumen: In den königlichen Vorzimmern ist
es immer noch besser, von einem zornigen Auge als überhaupt
nicht gesehen zu werden. Die drei Musketiere zögerten also
nicht und traten vor, während d’Artagnan es vorzog, sich hinter ihrem Rücken zu verbergen; aber obwohl der König die drei
sogar mit Namen kannte, schritt er vorüber, ohne sie eines
Blickes zu würdigen, ohne sie anzusprechen, als hätte er sie nie
gesehen. Als er aber flüchtig Herrn de Treville musterte, hielt
der seinem Blick so ruhig stand, daß der König wegsehen
mußte und sich brummend in seine Gemächer zurückzog.
»Die Sache steht schlecht«, sagte Athos lächelnd. »Diesmal
wird er uns noch nicht zu seinen Ordensrittern machen.«
»Wartet hier zehn Minuten«, sagte Herr de Treville. »Wenn
ihr mich bis dahin nicht herauskommen seht, so kehrt wieder um, denn es hätte keinen Zweck, dann noch zu warten!«
Die vier jungen Leute warteten zehn Minuten, eine Viertelstunde, zwanzig Minuten, aber der Hauptmann kam nicht
wieder zum Vorschein, und so gingen sie endlich in großer
Besorgnis weg.
Herr de Treville war kühn in das königliche Kabinett eingetreten und hatte Seine Majestät bei übelster Laune, mit dem
Peitschengriff an die Stiefelschäfte schlagend, in einem Lehn74
stuhl angetroffen, was ihn indessen nicht hinderte, sich mit
der größten Gelassenheit nach dem Befinden Seiner Majestät
zu erkundigen.
»Schlecht, sehr schlecht«, antwortete der König. »Ich langweile mich.«
Dies war in der Tat die schlimmste Krankheit des dreizehnten Ludwig, der oftmals einen seiner Höflinge beiseite nahm,
mit ihm an ein Fenster trat und zu ihm sagte: Kommt, Herr
Soundso, langweilen wir uns gemeinsam!
»Wie? Eure Majestät langweilen sich? Hatten Majestät heute
nicht das Vergnügen, auf Jagd zu gehen?«
»Ein feines Vergnügen! Weiß der Himmel, mit allem geht es
bergab, und ich frage mich nur, ob das Wild keine Fährte mehr
hat oder ob die Hunde keine Nase mehr haben. Da spüren wir
einen prächtigen Zehnender auf, jagen ihn sechs Stunden lang,
und als er sich endlich stellen will, als Saint-Simon schon das
Horn an die Lippen setzt, um das Halali zu blasen – ätsch!, da
verschlägt doch die ganze Meute die Spur und setzt einem
Spießer nach. Ihr werdet sehen, ich muß zuletzt auch noch auf
die Parforcejagd verzichten, wie ich schon der Beize entsagt
habe! Ach, Herr de Treville, ich bin ein unglücklicher König,
nicht einen Jagdfalken habe ich mehr, der letzte ist mir vorgestern eingegangen.«
»Wahrhaftig, Sire, ich begreife Eure Verzweiflung, denn das
ist ein großes Unglück. Aber wie mir scheint, bleiben Eurer
Majestät doch noch eine ganze Reihe Blindfalken, Sperber und
Habichte.«
»Und kein Mensch, der sie abrichten könnte! Die Falkner
sterben aus, ich bin der einzige, der noch etwas vom Weidwerk
versteht. Nach mir wird es mit alledem aus sein, da wird es nur
noch Fallen, Schlingen und Gruben geben. Wenn man mir wenigstens die Zeit ließe, um junge Leute anzulernen! Aber da ist
der Herr Kardinal, der mir keine ruhige Minute läßt und mir
ständig in den Ohren liegt mit seinem Spanien, seinem Österreich, seinem England! Apropos, Herr de Treville, ich bin mit
Euch unzufrieden.«
Auf diese Wendung hatte Treville gewartet. Er kannte den
König seit langem und wußte, daß diese Klagelieder nur eine
Einleitung waren, nur ein Versuch, sich selbst Mut zu machen,
75
und daß er jetzt endlich da war, wo er die ganze Zeit über hingewollt hatte.
»Und wodurch war ich so unglücklich. Eurer Majestät zu
mißfallen?« fragte Treville, der sich höchst erstaunt stellte.
»Versteht Ihr so Euer Amt?« fuhr der König fort, ohne auf
diese Frage direkt einzugehen. »Habe ich Euch deshalb zum
Hauptmann meiner Musketiere gemacht, damit sie einen Menschen ermorden, ein ganzes Stadtviertel in Aufruhr versetzen
und halb Paris niederbrennen wollen, ohne daß Ihr mir ein
Wort davon sagt? Aber sicherlich bin ich zu voreilig, sicherlich
sitzen die Ruhestörer längst hinter Gittern, und Ihr wollt mir
jetzt melden, daß man der Gerechtigkeit Genüge getan hat.«
»Im Gegenteil, Sire«, erwiderte unbeirrt Herr de Treville.
»Ich komme, um sie von Euch zu erbitten.«
»Ach, und gegen wen?« rief der König.
»Gegen die Verleumder.«
»Das ist ja mal etwas Neues! Wollt Ihr mir etwa sagen, daß
Eure drei verwünschten Musketiere Athos, Porthos und Aramis und Euer Kadett aus dem Bearn sich nicht wie die Wilden
auf den armen Bernajoux gestürzt, daß sie ihn nicht in einer
Weise zugerichtet haben, die sein nahes Ende wahrscheinlich
macht? Wollt Ihr mir vielleicht auch einreden, daß sie danach
keineswegs das Haus des Herrn de La Tremouille belagert haben, daß sie es keineswegs niederbrennen wollten? Wenn das
in Kriegszeiten vermutlich auch kein allzu großes Unglück gewesen wäre, da es ein Hugenottennest ist, so muß es jetzt, mitten im Frieden, doch ein sehr ärgerliches Beispiel geben. Sagt,
wollt Ihr das alles abstreiten?«
»Und von wem haben Eure Majestät diesen schönen Bericht?«
»Von wem habe ich diesen schönen Bericht! Von wem anders wohl als von dem, der wacht, während ich schlafe, der
arbeitet, während ich mich vergnüge, der alles lenkt, hier im
Königreich und draußen, in Frankreich wie in Europa.«
»Majestät sprechen gewiß von Gott, denn ich kenne außer
Gott niemand, der so hoch über Euch steht.«
»Nein, Treville, ich spreche von der Stütze des Staates, von
meinem einzigen Diener und Freund, ich spreche vom Herrn
Kardinal.«
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»Seine Eminenz ist nicht Seine Heiligkeit, Sire.«
»Was wollt Ihr damit sagen?«
»Daß nur der Papst unfehlbar ist und daß sich diese Unfehlbarkeit nicht auf seine Kardinäle erstreckt.«
»Ihr wollt also sagen, daß er mir etwas vormacht, daß er
mich betrügt. Das heißt, Ihr klagt ihn an! Gebt doch offen
zu, daß Ihr ihn anklagt!«
»Nein, Sire, aber ich sage, daß er sich selbst etwas vormacht,
daß er falsch unterrichtet ist. Und ich meine, daß er es sehr eilig
hatte, die Musketiere Eurer Majestät zu beschuldigen, gegen
die er immer ungerecht ist, und daß er seine Nachrichten nicht
aus bester Quelle hat.«
»Die Beschuldigung kommt aber vom Herzog de La Tremouille selbst. Was könnt Ihr darauf sagen?«
»Ich könnte immerhin antworten, Sire, daß der Herzog in
dieser Sache zu sehr Partei ist, um ein unvoreingenommener
Zeuge zu sein. Aber ich denke nicht daran, denn ich kenne
ihn als einen untadeligen Ehrenmann und unterwerfe mich
willig seinem Urteil. Allerdings unter einer Bedingung.«
»Und die wäre?«
»Daß Eure Majestät ihn herkommen lassen, ihn ohne Zeugen, unter vier Augen, befragen und, wenn der Herzog gegangen ist, mich sogleich wieder empfangen.«
»Gut. Und Ihr unterwerft Euch allem, was Herr de La Tremouille sagen wird?«
»Ja, Sire.«
»Nehmt sein Urteil an und bietet ihm jede Genugtuung,
die er verlangt?«
»Jede.«
»La Chesnaye!« rief der König. »La Chesnaye!«
Ludwigs XIII. vertrauter Kammerdiener, der sich immer in
der Nähe der Tür aufhielt, trat ein.
»La Chesnaye, sorgt doch dafür, daß unverzüglich Herr
de La Tremouille geholt wird! Ich will ihn noch heute abend
sprechen.«
»Eure Majestät geben mir doch Ihr Wort«, sagte Treville,
als der Kammerdiener wieder gegangen war, »nach dem Herzog niemand außer mir zu empfangen?«
»Mein Wort, niemand!«
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»Dann auf morgen, Sire.«
»Auf morgen, Hauptmann.«
»Zu welcher Stunde befehlen Eure Majestät?«
»Wann Ihr wollt.«
»Aber wenn ich zu früh komme, fürchte ich, Eure Majestät
zu wecken.«
»Mich zu wecken? Schlafe ich denn? Ich schlafe längst
nicht mehr, allenfalls träume ich manchmal. Kommt nur so
früh Ihr wollt, von mir aus um sieben Uhr! Aber macht Euch
auf was gefaßt, wenn Eure Musketiere schuldig sind!«
»Wenn meine Musketiere schuldig sind, Sire, so werden
die Schuldigen ihrem König überantwortet, und Majestät
mögen ganz nach Belieben mit ihnen verfahren. Verlangen
Eure Majestät sonst noch etwas?«
»Nein, nein, man nennt mich nicht ohne Grund Ludwig
den Gerechten. Bis morgen also!«
Wenn der König schlecht schlief, so schlief Herr de Treville
in dieser Nacht noch schlechter. Noch am Abend hatte er
den drei Musketieren und ihrem Gefährten ausrichten lassen, sie möchten sich anderntags um halb sieben bei ihm einfinden, und so machte man sich in aller Frühe zu fünft auf
den Weg. Treville sagte nichts Bestimmtes, versprach auch
nichts und verhehlte keineswegs, daß ihr Glück und selbst
das seine von einer Laune des Schicksals abhing.
Vor der kleinen Treppe des Louvre angelangt, hieß er die
vier unten warten. War der König noch immer aufgebracht,
konnten sie sich ungesehen entfernen; war er dagegen bereit,
sie zu empfangen, so brauchte man sie nur rufen zu lassen.
Als Treville in das Privatvorzimmer des Königs trat, fand er
dort La Chesnaye, von dem er erfuhr, daß man den Herzog gestern abend nicht mehr erreicht habe, der vielmehr so spät nach
Hause gekommen sei, daß er erst heute morgen den König
habe aufsuchen können, bei dem er auch noch im Augenblick
weile.
Dieser Umstand freute Herrn de Treville nicht wenig, denn
nun konnte er sicher sein, daß keine Einflüsterung von dritter
Seite sich zwischen die Aussage Tremouilles und seine Audienz
beim König schob. In der Tat waren kaum zehn Minuten verstrichen, als die Tür aufging und der Herzog heraustrat.
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»Herr de Treville«, sagte er, »Seine Majestät hat mich rufen
lassen, um zu erfahren, was sich gestern vor meinem Hause
abgespielt hat. Ich habe ihm die Wahrheit gesagt, daß nämlich
der Fehler bei meinen Leuten lag und daß ich bereit bin, mich
bei Euch zu entschuldigen. Da ich Euch hier treffe, bitte ich
Euch, meine Entschuldigung anzunehmen und in mir immer
Euern Freund zu sehen.«
»Herr Herzog«, erwiderte Treville, »ich hatte so volles Vertrauen in Eure Lauterkeit, daß ich bei Seiner Majestät keinen
anderen Verteidiger als Euch haben wollte. Ich sehe, daß ich
mich nicht getäuscht habe, und danke Euch, daß es in Frankreich noch einen Mann gibt, von dem man, ohne sich zu irren,
sagen kann, was ich von Euch gesagt habe!«
»Gut, ausgezeichnet!« rief der König, der durch die offene
Tür alles mit angehört hatte. »Nur sagt ihm doch, Treville, da
er sich ja Euer Freund nennt, daß auch ich mich gerne zu seinen Freunden zählen würde, aber er vernachlässigt mich! Seit
bald drei Jahren hatte ich ihn nicht mehr gesehen, und auch
jetzt mußte ich ihn erst holen lassen. Sagt ihm das an meiner
Statt, denn so etwas kann ein König nicht selber sagen!«
»Danke, Sire!« sagte der Herzog. »Aber Majestät dürfen
mir glauben, daß die Leute, die ständig um Euch sind – ich
meine damit natürlich nicht Herrn de Treville –, durchaus
nicht immer Eure treuesten Diener sind!«
»Ach, Ihr habt gehört, was ich sagte? Um so besser, Herzog, um so besser«, sagte der König und erschien auf der Türschwelle. »Wie, Ihr seid allein, Treville? Wo sind Eure Musketiere? Ich hatte Euch doch befohlen, sie herzubringen.«
»Sie warten unten, und mit Eurer Erlaubnis kann La Chesnaye sie heraufholen.«
»Ja, sie sollen sofort kommen; es geht schon auf acht Uhr,
und um neun erwarte ich Besuch. Geht, Herzog, aber vergeßt das Wiederkommen nicht! Und Ihr, Treville, tretet ein!«
Der Herzog grüßte und wandte sich zum Gehen. In dem
Augenblick, da er die Tür öffnete, erschienen, von La Chesnaye geführt, die drei Musketiere und d’Artagnan oben an der
Treppe.
»Kommt her, ihr Wackeren!« rief der König. »Ich muß
Euch die Leviten lesen!«
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Die Musketiere traten unter tiefen Verbeugungen näher;
d’Artagnan folgte als letzter.
»Zum Teufel auch«, fuhr der König fort, »ihr vier habt in
zwei Tagen sieben Gardisten Seiner Eminenz außer Gefecht
gesetzt! Das ist zuviel, meine Herren, entschieden zuviel.
Wenn ihr so weitermacht, zwingt ihr ja den Kardinal, nach
drei Wochen eine völlig neue Leibwache aufzustellen, und
mich, die Edikte in aller Schärfe anzuwenden. Ich wollte ja
nichts sagen, wenn es nur einer wäre; aber sieben in zwei Tagen, nein, ich wiederhole, das ist entschieden zuviel.«
»Majestät sehen ja auch«, sagte Treville, »daß sie ganz zerknirscht und reumütig vor Euch hintreten, um Eure Verzeihung zu erwirken.«
»Ganz zerknirscht und reumütig! Hm! Trau einer diesen
heuchlerischen Mienen! Und da hinten seh ich gar solch ein
Gascognergesicht. Tretet vor, junger Mann!«
D’Artagnan begriff, daß er mit diesem Kompliment gemeint war, und näherte sich dem König mit überaus bekümmerter Miene.
»Ja, was denn! Spracht Ihr nicht von einem jungen Mann,
Treville? Aber das ist ja ein Kind, ein richtiges Kind! Und der
hat Jussac so fürchterlich zugesetzt?«
»Und Bernajoux nicht minder.«
»Wahrhaftig?«
»Davon abgesehen«, warf Athos ein, »wäre es mir heute
wohl kaum vergönnt, Eurer Majestät meine untertänigste
Aufwartung zu machen, wenn er mich nicht Cahusacs Händen entrissen hätte.«
»Dann ist dieser Bearner ja ein leibhaftiger Teufel, Treville?
Aber bei dem Gewerbe geht einem manches Wams in Fetzen
und mancher Degen in Stücke, und die Gascogner sind doch
alle arm, oder nicht?«
»Ich muß gestehen, Sire«, erwiderte Treville, »daß man in
ihren Bergen noch keine Goldminen entdeckt hat, obwohl
der liebe Gott dieses Wunder eigentlich ruhig für sie tun
könnte, zum Dank für die Treue, mit der sie die Ansprüche
Eures königlichen Vaters unterstützt haben.«
»Womit gesagt ist, daß die Gascogner auch mich zum König gemacht haben, nicht wahr, Treville? Denn ich bin ja
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schließlich der Sohn meines Vaters. Na gut, ich sage da nicht
nein. La Chesnaye, schaut doch mal in meinen Taschen nach,
ob Ihr nicht irgendwo vierzig Dukaten findet, und wenn ja,
so bringt sie mir her! Und nun, junger Mann, Hand aufs
Herz, wie hat sich das alles zugetragen?«
D’Artagnan erzählte das Abenteuer mit allen Einzelheiten: wie er vor Freude, Seiner Majestät vorgestellt zu werden, nicht habe schlafen können und schon drei Stunden vor
der Audienz bei seinen Freunden erschienen sei; wie man sich
dann gemeinsam ins Spielhaus begeben habe, wo er alsbald
wegen seiner Angst, einen Ball ins Gesicht zu bekommen,
von Bernajoux verspottet worden sei, ein Spott, den der Gardist beinahe mit dem Leben und Herr de La Tremouille, der
doch mit der ganzen Geschichte gar nichts zu tun hatte, beinahe mit dem Verlust seines Hauses bezahlt hätte.
»Stimmt«, murmelte der König, »genauso hat es mir auch
der Herzog geschildert. Armer Kardinal! Sieben Mann in
zwei Tagen und noch dazu sieben seiner Besten! Aber jetzt
ist es genug, ihr Herren, verstanden? Jetzt habt ihr eure Rache für die Rue Ferou und könnt zufrieden sein.«
»Wenn Majestät zufrieden sind«, sagte Treville, »sind wir
es gewiß.«
»Doch, ich bin’s«, entgegnete der König, nahm aus La Chesnayes Hand einige Goldstücke und reichte sie d’Artagnan.
»Hier, nehmt das als einen Beweis meiner Zufriedenheit!«
Zu jener Zeit hatte man noch einen anderen Begriff von
Stolz. Ein Edelmann ließ sich durchaus vom König Geld in
die Hand drücken und fühlte sich dabei nicht im geringsten
gedemütigt. D’Artagnan steckte also die vierzig Dukaten
ohne alle Umstände in die Tasche und dankte mit einer tiefen Verneigung.
»So«, sagte der König und schaute auf die Standuhr, »es ist
jetzt halb neun, und ihr müßt gehen, denn wie gesagt, um
neun Uhr erwarte ich Besuch. Ich danke den Herren für ihre
Ergebenheit. Nicht wahr, ich kann immer darauf zählen?«
»Oh, Sire!« riefen alle vier wie aus einem Mund. »Für Eure
Majestät lassen wir uns in Stücke hauen!«
»Gut, gut, aber bleibt lieber ganz! Das macht sich besser,
und ihr seid mir so nützlicher. Treville«, fügte der König leise
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hinzu, während die anderen sich zurückzogen, »da bei Euern
Musketieren keine Stelle frei ist und wir zudem bestimmt haben, daß die Aufnahme bei dieser Truppe nur nach einer Probezeit erfolgen kann, so bringt den jungen Mann doch in der Gardekompanie des Herrn des Essarts, Eures Schwagers, unter!
Herrgott noch mal, Treville, ich freue mich schon jetzt auf die
Grimasse, die der Kardinal schneiden wird! Er wird toben, aber
das ist mir gleich, diesmal bin ich im Recht.«
Der König winkte und entließ Treville. Der eilte seinen
Musketieren nach, die schon dabei waren, mit d’Artagnan die
vierzig Dukaten zu teilen.
Der Kardinal war wirklich, wie Seine Majestät vorausgesehen hatte, außer sich. Er war so wütend, daß er sich acht
Tage lang nicht beim abendlichen Spiel sehen ließ, was den
König nicht abhielt, ihm das freundlichste Gesicht von der
Welt zu zeigen und jedesmal, wenn er ihm begegnete, ihn auf
das liebenswürdigste zu fragen: »Ach, Herr Kardinal, wie geht
es denn Euern wackeren Gardisten, dem armen Bernajoux
und dem armen Jussac?«
Das Hauswesen der Musketiere
Nach der Audienz im Louvre hielt d’Artagnan sogleich mit
seinen Freunden Rat, wie er seinen Anteil an den vierzig Dukaten am besten verwendete. Athos empfahl ihm, ein gutes
Mahl im »Tannenzapfen« zu bestellen. Porthos, sich einen
Diener zu halten, und Aramis, sich nach einer passenden Geliebten umzutun.
Das Gastmahl wurde noch am selben Abend veranstaltet,
und auch der Diener wartete dabei schon auf. Athos hatte die
Speisenfolge zusammengestellt und Porthos den Diener beschafft. Es war ein Pikarde, den der prahlerische Musketier
wenige Stunden zuvor und eigens zu diesem Zweck auf der
Tournellebrücke angeworben hatte, wo der gute Mann damit
beschäftigt war, ins Wasser zu spucken und die Kreise zu beobachten. Porthos behauptete, eine solche Beschäftigung
lasse auf ein kluges, besinnliches Wesen schließen, und so
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hatte er ihn ohne weitere Empfehlung mitgenommen. Planchet, so hieß der Pikarde, hatte sich durch das vornehme Aussehen des Edelmannes, in dessen Dienste er zu treten glaubte,
bestechen lassen; darum war er etwas enttäuscht, als er die
Stelle bereits von einem Kollegen, einem gewissen Mousqueton, besetzt fand und Porthos ihm bedeutete, daß sein Hausstand zwar groß sei, aber nicht zweier Dienstboten bedürfe
und daß er deshalb mit Herrn d’Artagnan vorliebnehmen
müsse. Als der Pikarde indessen sah, wie sein neuer Herr bei
dem von ihm veranstalteten Gastmahl eine ganze Handvoll
Geld aus der Tasche zog, glaubte er sein Glück gemacht zu
haben und dankte dem Himmel, der ihm einen solchen Krösus beschert hatte; bei dieser Ansicht blieb er auch noch kurz
nach dem Festschmaus, als ihn die Reste für ein langes Fasten
entschädigten. Als er aber schließlich das Bett seines Herrn
herrichten sollte, schwanden alle seine Hoffnungen dahin. In
der Wohnung, die aus einem Vorraum und einem Schlafzimmer bestand, gab es nur ein Bett. Planchet mußte im Vorraum
auf einer Decke schlafen, die von d’Artagnan stammte und
die ihm sein Herr für immer abtrat.
Auch Athos hielt sich einen Bedienten, den er auf ganz besondere Weise abgerichtet hatte und der Grimaud hieß. Er war
sehr schweigsam, dieser würdige Herr. Wir meinen Athos,
wohlverstanden. In den fünf, sechs Jahren, in denen ihn eine
innige Freundschaft mit Porthos und Aramis verband, hatten
ihn die beiden wohl öfters lächeln sehen; niemals aber hatte er
laut gelacht. Er sprach knapp und ausdrucksvoll, sagte immer,
was er meinte, aber auch nicht mehr: keine Floskeln, keine
Umschreibungen, keine leeren Worte. Seine Rede war stets
nur knapper, nüchterner Bericht.
Obwohl Athos kaum dreißig Jahre alt und in körperlicher
und geistiger Beziehung ein vollendeter Edelmann war, hatte
ihn noch keiner mit einer Geliebten gesehen. Nie sprach er
von Frauen, und wenn er auch nichts dagegen hatte, wenn
man in seiner Gegenwart darüber redete, so war es doch
leicht zu merken, daß diese Art der Unterhaltung, zu der er
nur gelegentlich ein galliges, menschenverachtendes Wort
beisteuerte, ihm überaus zuwider war. Seine Zurückhaltung,
sein herbes und wortkarges Wesen ließen ihn zuweilen fast
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greisenhaft erscheinen; und um von seinen Gewohnheiten
nicht abgehen zu müssen, hatte er Grimaud daran gewöhnt,
schon auf eine Geste oder auf eine bloße Bewegung der Lippen zu gehorchen. Nur wenn es ganz unerläßlich war, sprach
er auch mit ihm.
Manchmal glaubte Grimaud, der seinen Herrn wie das Feuer
fürchtete, wiewohl er für seine Person große Anhänglichkeit
und für sein Genie große Verehrung empfand, einen Befehl verstanden zu haben, stürzte fort, ihn auszuführen, und tat genau
das Verkehrte. Dann zuckte Athos nur die Achseln und verabreichte, ohne dabei im mindesten zornig zu werden, seinem
Diener eine Tracht Prügel. An solchen Tagen war er etwas gesprächiger.
Wie der Leser wohl schon bemerkt hat, besaß Porthos einen
entschieden anders gearteten Charakter. Er redete nicht nur
viel, sondern auch laut; dabei machte es ihm wenig aus, dies
sei zu seiner Ehre gesagt, ob man ihm zuhörte oder nicht. Er
redete, weil ihm das Spaß machte und weil er sich gern reden
hörte. Und er redete von allem, nur nicht von wissenschaftlichen Dingen, welche Auslassung er mit einem eingewurzelten Haß erklärte, den er schon seit seiner Kindheit, wie er
sagte, gegen alle Gelehrten hatte. Er sah weniger vornehm aus
als Athos, und das Gefühl dieser Unterlegenheit ließ ihn zu
Beginn ihrer Bekanntschaft oft gegen den anderen ungerecht
werden, den er alsbald durch glänzende Kleidung zu übertreffen suchte. Aber auch in seinem einfachen Musketierwams
und allein durch die Art, wie er den Kopf in den Nacken warf
und den Fuß vorsetzte, nahm Athos sofort wieder den ihm
gebührenden Rang ein und verwies den prunksüchtigen Porthos auf den zweiten Platz. Porthos tröstete sich damit, daß er
im Vorzimmer des Herrn de Treville und in den Wachstuben
des Louvre mit seinem unerhörten Glück bei Frauen prahlte,
worüber sich Athos niemals äußerte. Und nachdem er auf diesem Gebiet bereits vom Beamtenadel zum Schwertadel, von
der Notarfrau zur Baronin aufgestiegen war, handelte es sich
für ihn im Augenblick um nichts Geringeres als um eine ausländische Prinzessin, die nach seinen Worten ganz vernarrt in
ihn war.
Ein altes Sprichwort sagt: Wie der Herr, so’s Gescherr …
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Stellen wir also nach Athos’ Diener Grimaud nun auch Porthos’ Diener Mousqueton vor!
Mousqueton war ein Normanne, dessen friedvollen Namen
Bonifazius sein Herr in den sehr viel kriegerischer klingenden
Namen Mousqueton umgewandelt hatte. Als er in Porthos’
Dienste trat, hatte er lediglich freie Unterkunft und Kleidung,
beides allerdings in bester Güte, gefordert und darüber hinaus
täglich zwei Stunden für sich, um einem Geschäft nachzugehen, das alle anderen Bedürfnisse decken mußte. Porthos war
auf den Handel eingegangen, und die Sache bewährte sich glänzend. Er ließ seinem Diener aus alten Kleidern und Mänteln
Anzüge machen, und mit Hilfe eines geschickten Schneiders,
der den Röcken durch Wenden zu neuem Glanz verhalf und
dessen Frau in dem Geruch stand, Porthos von seinen aristokratischen Neigungen abbringen zu wollen, nahm sich Mousqueton recht stattlich aus, wenn er seinem Herrn folgte.
Was Aramis betrifft, dessen Charakter wir bereits hinreichend geschildert zu haben glauben, so hieß sein Diener Bazin.
Da sein Herr die Hoffnung hatte, eines Tages in den geistlichen
Stand einzutreten, war Bazin immer schwarz gekleidet, wie es
sich für den Diener eines Mannes der Kirche gehört. Er stammte aus dem Berry, war etwa fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt,
sanft, friedfertig und feist, las in den Mußestunden, die ihm
sein Herr ließ, fromme Bücher und zauberte notfalls auch für
beide ein Essen auf den Tisch, das zwar nur aus wenigen Gängen bestand, aber ausgezeichnet mundete. Im übrigen war er
stumm, blind und taub und von unerschütterlicher Treue.
Nachdem wir nun, zumindest oberflächlich, Herren und
Diener kennen, wollen wir uns ihre Wohnungen ansehen.
Athos bewohnte in der Rue Ferou, nicht weit vom Luxembourg, zwei kleine, sehr ordentlich möblierte Zimmer eines
Hauses, dessen junge und wirklich hübsche Wirtin ihm vergeblich schöne Augen machte. Einige wenige Überreste vergangener Größe prangten da und dort an den Wänden dieser
bescheidenen Behausung. So ein reich verzierter Degen, der
seiner Form nach aus der Zeit Franz’ I. stammte und dessen
mit kostbaren Steinen besetzter Griff allein zweihundert Dukaten wert sein mochte; dennoch hatte es Athos selbst in der
größten Not nicht fertiggebracht, ihn zu verpfänden oder gar
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zu verkaufen. Porthos, für den der Besitz dieses Degens lange
Zeit Inbegriff aller Wünsche war, hätte mit Freuden zehn Jahre
seines Lebens dafür hingegeben. Er versuchte auch einmal, als
er zu einer Herzogin geladen war, ihn sich von Athos auszuborgen. Der leerte wortlos seine Taschen, suchte all seine Juwelen, Geldbörsen, goldene Ketten und sonstigen Schmuck
zusammen und bot ihm dies alles an; der Degen aber, sagte er,
habe seinen unverrückbaren Platz an der Wand, und erst wenn
er selber die Wohnung aufgebe, werde er ihn dort herunternehmen.
Außer dem Degen besaß Athos noch das Bild eines vornehmen und mit höchster Eleganz gekleideten Herrn aus der
Zeit Heinrichs III., der mit dem Orden des Heiligen Geistes
geschmückt war; die unverkennbare Ähnlichkeit dieses Porträts mit Athos legte den Schluß nahe, daß jener königliche
Ordensritter einer seiner Vorfahren war. Schließlich stand
noch ein Kästchen von prachtvoller Goldschmiedearbeit, das
mit demselben Wappen wie der Degen und das Porträt geschmückt war, auf dem Kamin, wo es einen schreienden Gegensatz zu der übrigen dürftigen Einrichtung bildete. Den
Schlüssel zu diesem Kästchen trug Athos immer bei sich. Als
er es aber einmal in Porthos’ Gegenwart öffnete, hatte der sich
davon überzeugen können, daß es nur Briefe und Schriftstücke
enthielt: gewiß Liebesbriefe und Familienpapiere.
Porthos bewohnte ein sehr geräumiges und allem Anschein
nach überaus prächtiges Appartement in der Rue du VieuxColombier. Sooft er mit einem Freund oder Bekannten an seiner Wohnung vorüberkam, wo Mousqueton sich stets in
großer Livree in einem der Fenster zeigte, deutete er hinauf
und sagte lässig: »Da wohne ich!« Doch nie traf man ihn zu
Hause an, nie lud er jemand ein, und so konnte sich niemand
einen Begriff davon machen, was für Schätze diese prunkvolle
Hülle nun tatsächlich barg.
Aramis endlich hatte eine kleine Wohnung, die aus einem
Ankleideraum, einem Eß- und einem Schlafzimmer bestand,
von denen das letztere, wie die ganze Wohnung im Erdgeschoß gelegen, auf ein grünes, schattiges und vor den Blicken
der Nachbarn geschütztes Gärtchen hinausging.
Wie d’Artagnan wohnte, wissen wir bereits, und auch mit
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seinem Diener, Meister Planchet, haben wir schon Bekanntschaft geschlossen.
D’Artagnan, der von Natur sehr neugierig war, wie übrigens
alle Leute von großer geistiger Beweglichkeit, gab sich alle
Mühe, herauszubekommen, wer Athos, Porthos und Aramis
in Wirklichkeit waren; denn unter diesen angenommenen Namen verbarg jeder der drei eine adlige Herkunft, die besonders bei Athos ganz augenscheinlich von hohem Rang war. Er
wandte sich also an Porthos, um etwas über Athos und Aramis, und an Aramis, um etwas über Porthos zu erfahren.
Leider wußte auch Porthos vom Leben seines schweigsamen
Kameraden nur das wenige, was davon gerüchtweise bekanntgeworden war. Man erzählte sich, er habe großes Unglück in
der Liebe gehabt und ein schändlicher Verrat habe das Leben
dieses edlen Jünglings für immer vergiftet. Um was für einen
Verrat es sich dabei handelte, vermochte niemand zu sagen.
Was Porthos betraf, so ließ sich, abgesehen von seinem wirklichen Namen, der, wie auch die seiner beiden Kameraden, nur
Herrn de Treville bekannt war, alles übrige sehr leicht in Erfahrung bringen. Da er eitel und geschwätzig war, konnte man
durch ihn wie durch ein Stück Glas schauen. Die einzige Gefahr dabei war, daß man alles, was er von sich Rühmliches zu
sagen wußte, für bare Münze nahm.
Aramis hingegen sah zwar so aus, als habe er nichts zu verbergen, steckte jedoch voller Geheimnisse. Auf Fragen über
andere antwortete er zurückhaltend, auf solche nach seiner
eigenen Person ausweichend. Als d’Artagnan ihn eines Tages
des langen und breiten über Porthos ausgeforscht und bei
dieser Gelegenheit auch jenes Gerücht von der ausländischen
Prinzessin erfahren hatte, wollte er schließlich wissen, wie es
denn nun eigentlich mit den Liebesabenteuern des schönen
Aramis bestellt sei.
»Und was ist mit Euch, guter Freund, der Ihr mir so viel von
den Baroninnen, Gräfinnen und Prinzessinnen der anderen zu
sagen wißt?«
»Verzeihung«, unterbrach ihn Aramis, »ich habe nur erzählt, was Porthos selber erzählt und woraus er ja auch kein
Geheimnis macht. Denn glaubt mir, lieber d’Artagnan, wüßte
ich diese Dinge aus einer anderen Quelle oder hätte er sie mir
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anvertraut, er hätte keinen verschwiegeneren Beichtvater als
mich finden können.«
»Daran zweifle ich nicht«, erwiderte d’Artagnan, »aber mir
will scheinen, daß auch Euch gewisse Wappen nicht unvertraut sind, wie ein besticktes Taschentuch bezeugen könnte,
dem ich die Ehre Eurer Bekanntschaft verdanke.«
Diesmal wurde Aramis nicht böse, sondern antwortete
freundlich und bescheiden:
»Vergeßt nicht, mein Lieber, daß ich Geistlicher werden
will und alle weltlichen Gelegenheiten meide. Jenes Taschentuch gehörte keineswegs mir, sondern einem meiner Freunde,
der es bei mir liegengelassen hatte. Ich mußte es aufheben,
um ihn und die Dame, die er liebt, nicht zu kompromittieren.
Ich selber habe keine Geliebte und will auch keine haben; ich
folge hierin dem sehr vernünftigen Beispiel von Athos, der
ebenfalls keine hat.«
»Aber zum Teufel! Noch seid Ihr nicht Abbé, sondern
Musketier.«
»Musketier ad interim, wie der Kardinal sagt, einstweiliger
und unfreiwilliger Musketier, mein Lieber, doch im Herzen,
glaubt mir das, immer noch ein Mann der Kirche! Athos und
Porthos haben mich in diesen Rock gesteckt, um mich zu beschäftigen; gerade, als ich meine Priesterweihe bekommen
sollte, hatte ich eine kleine … aber das wird Euch kaum interessieren, und ich raube Euch nur kostbare Zeit.«
»Im Gegenteil, das interessiert mich außerordentlich«, rief
d’Artagnan, »und ich habe im Augenblick auch gar nichts Besonderes vor!«
»Ja, aber ich muß mein Brevier lesen«, versetzte Aramis.
»Auch muß ich noch ein kleines Gedicht verfertigen, um das
mich Madame d’Aiguillon gebeten hat, und schließlich muß
ich in die Rue Saint-Honoré, um Rouge für Madame de Chevreuse zu kaufen. Ihr seht also, mein lieber Freund, sowenig
Euch die Zeit drängt, so knapp ist die meine bemessen!«
Damit reichte er seinem jungen Gefährten freundlich die
Hand und verabschiedete sich.
Mehr konnte d’Artagnan über seine drei neuen Freunde
nicht erfahren, sosehr er sich auch darum bemühte. Deshalb
nahm er sich vor, fürs erste alles zu glauben, was man über sie
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sagte, in der Hoffnung, die Zukunft werde ihm schon mehr
und Genaueres über sie offenbaren. Einstweilen war Athos für
ihn ein Achill, Porthos ein Ajax und Aramis ein Josef.
Im übrigen führten die vier jungen Leute ein lustiges Leben. Athos spielte oft, hatte aber immer Pech. Allerdings
nahm er nie die Börse seiner Freunde in Anspruch, obwohl
ihnen die seine stets zu Diensten stand; und hatte er auf Ehrenwort gespielt, so meldete er sich bestimmt schon um
sechs Uhr am anderen Morgen bei seinem Gläubiger, um
seine Schulden zu bezahlen. Porthos war viel unbeherrschter;
gewann er, so war er übermütig und freigebig, verlor er indessen, so ließ er sich tagelang nicht mehr blicken, bis er endlich, blaß und mürrisch, doch mit voller Börse wieder zum
Vorschein kam.
Aramis spielte nie. Er war wirklich der schlechteste Musketier und der schlimmste Tischgenosse, den man sich denken konnte. Immer hatte er etwas zu tun. Saß man etwa beim
Wein in angeregter Unterhaltung beisammen und dachte
noch nicht im entferntesten an Aufbruch, so zog Aramis unvermittelt seine Uhr, erhob sich mit dem liebenswürdigsten
Lächeln und empfahl sich, um, wie er sagte, noch einen Theologen aufzusuchen, mit dem er verabredet sei. Ein andermal
ging er nach Hause, um ein Traktat zu schreiben, und bat
seine Freunde, ihn nicht zu stören. Dann lächelte Athos wohl
auf seine melancholische Weise, die ihm so gut zu Gesicht
stand, während Porthos einen tiefen Schluck nahm und
schwor, Aramis würde nie etwas anderes als ein Landpfarrer
werden.
D’Artagnans Diener Planchet trug sein Glück mit Würde;
er bekam täglich dreißig Sous, und einen Monat lang war er
munter wie ein Buchfink und zeigte sich seinem Herrn sehr ergeben. Als jedoch ein anderer Wind in der Rue des Fossoyeurs
zu wehen begann, als nämlich die königlichen Dukaten nahezu
aufgezehrt waren, fing er zu jammern an, was Athos ekelhaft,
Porthos unverschämt und Aramis lächerlich fand. Athos riet
d’Artagnan, dem Kerl den Laufpaß zu geben. Porthos fand, er
solle ihn vorher durchprügeln, und Aramis meinte, ein Herr
dürfe überhaupt nur für die Schmeicheleien seines Dieners
Ohren haben.
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»Ihr habt gut reden«, versetzte d’Artagnan. »Ihr, Athos,
lebt wie ein Stummer mit Euerm Grimaud, dem Ihr das Sprechen verboten habt und der Euch daher nie etwas Häßliches
sagen kann; Ihr, Porthos, führt ein prächtiges Leben und seid
daher in den Augen Eures Mousqueton ein halber Gott; und
Ihr endlich, Aramis, seid immer mit Euern theologischen
Studien beschäftigt und flößt daher Euerm Bazin, der ein
sanfter und frommer Mensch ist, größten Respekt ein. Wie
aber soll ich, der ich weder Besitz noch Einkünfte habe, der
ich weder Musketier noch Gardist bin, diesem Planchet
Liebe, Furcht oder Achtung abnötigen?«
»Die Sache ist schwierig«, sagten die drei Freunde, »gewissermaßen eine häusliche Angelegenheit. Es ist mit den
Dienern wie mit den Frauen, man muß sie sofort dahin bringen, wo man sie hinhaben will. Denkt mal darüber nach!«
D’Artagnan dachte darüber nach und kam zu dem Entschluß, Planchet zunächst einmal tüchtig durchzubleuen,
was er auch mit der ihm eigenen Gründlichkeit besorgte.
Dann verbot er ihm, ohne seine Erlaubnis den Dienst aufzugeben. »Denn«, fügte er hinzu, »die Zukunft kann mich
nicht enttäuschen. Ich erwarte mit Bestimmtheit bessere Zeiten. Dein Glück ist also gemacht, wenn du bei mir bleibst,
und da ich ein guter Herr bin und nicht will, daß du dir dein
Glück entgehen läßt, kann ich leider deiner Bitte um Entlassung nicht entsprechen.«
Dieses Verfahren erfüllte die Musketiere mit hoher Achtung vor d’Artagnans Findigkeit. Auch Planchet konnte
seine Bewunderung nicht verhehlen und sprach nicht mehr
vom Fortgehen.
D’Artagnan, der ohne feste Gewohnheiten aus der Provinz
in eine ihm ganz neue Welt geraten war, nahm bald die Gewohnheiten seiner Freunde an. Man stand im Winter gegen
acht, im Sommer schon gegen sechs Uhr auf und ging dann zu
Herrn de Treville, um sich nach der Losung und dem Stand der
Dinge zu erkundigen. Obwohl d’Artagnan kein Musketier war,
machte er doch mit rührender Pünktlichkeit ihren Dienst mit,
und da er, sooft einer seiner drei Freunde auf Posten zog, diesem Gesellschaft leistete, sah man ihn fast ständig auf der Wache. Im Haus der Musketiere kannte ihn jeder und behandelte
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ihn wie einen guten Kameraden. Herr de Treville, der ihn immer mehr schätzte und ihm eine ehrliche Zuneigung entgegenbrachte, hörte nicht auf, ihn dem König zu empfehlen.
Die drei Musketiere hatten ihn fest in ihr Herz geschlossen. Die Freundschaft, die diese vier Männer verband, und
das Bedürfnis, sich jeden Tag drei-, viermal zu sehen, sei es
wegen eines Duells, sei es aus dienstlichen Gründen oder
auch nur zu ihrem Vergnügen, all das bewirkte, daß sie ständig hintereinander herliefen wie Schatten, und immer wieder
sah man die Unzertrennlichen, wie einer den anderen vom
Luxembourg bis zum Place Saint-Sulpice, von der Rue de
Vieux-Colombier bis zum Luxembourg suchte.
Inzwischen gingen die Versprechungen des Herrn de Treville nach und nach in Erfüllung. Eines schönen Tages befahl
der König dem Chevalier des Essarts, d’Artagnan als Kadett
in seine Gardekompanie aufzunehmen. Seufzend zog der
Gascogner diese Uniform an, die er liebend gern für zehn
Jahre seines Lebens gegen den Musketierrock eingetauscht
hätte. Aber Herr de Treville stellte ihm auch diese Gunst in
Aussicht, sobald er eine zweijährige Probezeit hinter sich
habe, die überdies auch noch abgekürzt werden könne, wenn
sich d’Artagnan eine Gelegenheit bot, dem König einen besonderen Dienst zu erweisen oder eine glänzende Waffentat
zu vollbringen. D’Artagnan tröstete sich mit dieser Aussicht
und trat schon am nächsten Tag seinen Dienst an.
Nun war es an Athos, Porthos und Aramis, dem Gascogner auf der Wache Gesellschaft zu leisten. Die Kompanie
des Herrn des Essarts hatte an dem Tag, als sie d’Artagnan
aufnahm, nicht einen, sondern vier Mann gewonnen.
Eine Hofintrige
Inzwischen hatten die vierzig Dukaten des Königs, wie alle
Dinge dieser Welt, nach einem Anfang auch ein Ende genommen, und seit diesem Ende saßen unsere vier Freunde
ziemlich in der Klemme. Zuerst noch hatte Athos eine Zeitlang die Gesellschaft aus eigenen Mitteln unterstützt. Ihm
91
folgte Porthos, dem es gelang, nachdem er wie üblich ein paar
Tage von der Bildfläche verschwunden war, fast zwei Wochen
hindurch für alle Bedürfnisse aufzukommen. Und schließlich opferte sich auch Aramis bereitwillig und schaffte durch
den Verkauf seiner theologischen Bücher – so sagte er wenigstens – ein paar Dukaten zur Stelle.
Man nahm nun, wie gewöhnlich, seine Zuflucht zu Herrn
de Treville, der ihnen einen Vorschuß auf ihren Sold bewilligte. Aber damit konnten natürlich drei Musketiere, die
schon mit vielen alten Rechnungen im Rückstand waren, und
ein Gardist, der überhaupt nichts hatte, nicht weit kommen.
Schon sah man den letzten Rest zusammenschmelzen, da
brachte man mit aller Anstrengung noch einmal etwa zehn
Dukaten auf, und Porthos wagte ein Spiel. Leider hatte er einen schlechten Tag: Er verlor alles und überdies noch fünfundzwanzig Dukaten auf Ehrenwort.
Jetzt wurde die Knappheit empfindlich, und man sah die
vier, ausgehungert und von ihren Dienern gefolgt, ständig
unterwegs, um sich von ihren Freunden und Bekannten so
oft wie möglich zum Essen einladen zu lassen. Nach Aramis’
Rat mußte man nämlich in guten Zeiten nach rechts und
links Einladungen austeilen, um in schlimmen Tagen dafür
freigehalten zu werden.
Athos wurde viermal eingeladen und brachte jedesmal
seine Freunde und ihre Diener mit. Porthos ergatterte sechs
solche Gelegenheiten, an denen er natürlich gleichfalls seine
Kameraden teilnehmen ließ; Aramis schaffte es auf acht; er
war, wie man wohl schon bemerkt haben wird, ein Mann, der
wenig Aufhebens machte, aber viel zuwege brachte.
D’Artagnan, der noch keine Bekannten in der Hauptstadt
hatte, konnte nur ein Schokoladenfrühstück bei einem Priester aus seiner Heimat und ein Mittagessen bei einem Kornett der Garde auftreiben. Er führte seine Armee zu dem
Priester, bei dem man die Vorräte für die nächsten zwei Monate verschlang, und zu dem Kornett, der ein märchenhaftes
Mahl auftischte; aber, wie Planchet bemerkte, ißt man stets
nur einmal, auch wenn man noch soviel ißt.
D’Artagnan empfand es als ziemlich beschämend, daß er
seinen Freunden nur eine und eine halbe Mahlzeit bieten
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konnte (denn das Frühstück bei dem Priester konnte nicht
als richtiges Essen gelten). Er glaubte sich in der Schuld der
anderen, da er in seiner jugendlichen Einfalt vergaß, daß er
die ganze Gesellschaft einen Monat lang unterhalten hatte,
und sogleich begann sein reger Geist auf Abhilfe zu sinnen.
Er sagte sich, daß dieser Bund von vier jungen, tapferen und
unternehmungslustigen Männern ein anderes Ziel haben
müsse als lahme Spaziergänge, Fechtstunden und mehr oder
weniger geistreiche Witze. Wirklich müßten sich vier Männer wie sie, die jederzeit bereit waren, mit Leib und Leben
füreinander einzustehen, vier Männer, die vor nichts zurückschreckten, die einzeln oder vereint die gemeinsam gefaßten
Pläne in die Tat umsetzten, offen oder heimlich, mit List oder
mit Gewalt, unweigerlich zu jedem Ziel durchkämpfen, das
sie erreichen wollten, mochte es auch noch so fern, noch so
gut verteidigt sein. D’Artagnan wunderte sich lediglich, daß
seine Freunde noch nicht daran gedacht hatten.
Er allerdings dachte daran und zerbrach sich wirklich den
Kopf, wie man dieser vereinten Kraft eine bestimmte Richtung geben könnte, wobei er überzeugt war, daß sich damit
die Welt ebenso aus den Angeln heben ließ wie mit dem Hebel des Archimedes – da klopfte es leise an seine Tür. D’Artagnan weckte Planchet und hieß ihn öffnen.
Aus der Bemerkung, daß d’Artagnan Planchet weckte, möge
der Leser jedoch nicht schließen, daß sich dieser Vorgang zur
Nachtzeit abspielte. Beileibe nicht! Es hatte gerade vier Uhr
geschlagen, nachmittags, versteht sich. Vor zwei Stunden hatte
Planchet seinen Herrn nach dem Essen gefragt und war mit
dem Sprichwort abgespeist worden: »Wer schläft, der ißt.« Und
Planchet aß also, indem er schlief.
Ein Mann, der ziemlich einfältig und wie ein Bürger aussah,
wurde hereingeführt.
Planchet hätte als Nachtisch gern die Unterhaltung genossen, aber der Bürger erklärte d’Artagnan, er habe ihm etwas
Wichtiges und Vertrauliches mitzuteilen, weshalb er ihn unter
vier Augen zu sprechen wünsche.
D’Artagnan ließ seinen Diener abtreten und bot seinem Besucher einen Stuhl an. Einen Augenblick herrschte Schweigen,
und die beiden Männer sahen sich an, als wollten sie so eine
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vorläufige Bekanntschaft schließen, dann neigte sich d’Artagnan leicht vor, zum Zeichen, daß er ganz Ohr sei.
»Ich habe von Herrn d’Artagnan als von einem sehr
wackeren jungen Mann reden hören, und dieser durchaus begründete Ruf bestimmt mich, ihm ein Geheimnis anzuvertrauen.«
»Sprecht nur, mein Herr, sprecht!« sagte d’Artagnan, der
instinktiv eine günstige Gelegenheit witterte.
Der Bürger machte eine neuerliche Pause und fuhr dann fort:
»Meine Frau ist Wäschebeschließerin bei der Königin, und
es fehlt ihr weder an Klugheit noch an Schönheit. Man hat
mich vor drei Jahren bewogen, sie ungeachtet ihres geringen
Vermögens zu heiraten, denn Herr de La Porte, der Mantelträger der Königin, ist ihr Pate und ihr Beschützer …«
»Und weiter?«
»Und weiter?« versetzte der Bürger. »Gestern morgen ist
meine Frau entführt worden.«
»Und von wem?«
»Ich weiß nichts Bestimmtes, aber ich habe jemand im Verdacht.«
»Und gegen wen richtet sich Euer Verdacht?«
»Gegen einen Mann, der sie schon eine geraume Zeit verfolgt.«
»Donnerwetter!«
»Aber wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, so scheint
mir hier weniger die Liebe als die Politik ihre Hand im Spiel zu
haben.«
»Die Politik?« wiederholte d’Artagnan nachdenklich. »Habt
Ihr denn eine bestimmte Vermutung?«
»Ich weiß nicht, ob ich Euch meine Vermutungen offen …«
»Mein Herr, ich darf Euch darauf hinweisen, daß nicht ich
etwas von Euch will. Ihr seid zu mir gekommen. Ihr wart es,
der mir ein Geheimnis anvertrauen wollte. Tut also, was Euch
richtig dünkt! Noch habt Ihr Zeit, Euch zurückzuziehen.«
»Nein, nein! Ihr scheint mir ein ehrlicher junger Mann, und
ich habe Vertrauen zu Euch. Gut denn, ich vermute, daß man
meine Frau nicht wegen eigener Liebschaften, sondern wegen
der Liebschaften einer sehr viel vornehmeren Dame festhält.«
»Ach so, hängt es etwa mit den Liebschaften der Madame
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de Bois-Tracy zusammen?« warf d’Artagnan ein, der sich dem
Bürgersmann gegenüber den Anschein geben wollte, er wisse
über alle Affären am Hof Bescheid.
»Höher, mein Herr, höher!«
»Der Madame d’Aiguillon?«
»Noch höher!«
»Der Madame de Chevreuse?«
»Noch viel höher!«
»Doch nicht der …?« D’Artagnan stockte.
»Doch«, flüsterte kaum vernehmlich der verstörte Bürger.
»Und mit wem?«
»Mit wem anders als dem Herzog von …«
»Mit dem Herzog von …«
»Ja«, hauchte der Bürger fast tonlos.
»Aber woher wißt Ihr das alles?«
»Woher ich das weiß?«
»Ja, woher Ihr das wißt. Kein halbes Vertrauen, sonst … Ihr
versteht mich?«
»Ich weiß es von meiner Frau, von ihr selbst.«
»Und sie, von wem weiß sie es?«
»Von Herrn de La Porte. Sagte ich nicht, daß sie sein Patenkind ist und Herr de La Porte der Vertraute der Königin? Nun,
er hat sie bei Ihrer Majestät untergebracht, damit unsere arme
Königin wenigstens einen Menschen hat, auf den sie sich verlassen kann, da sie vom König vernachlässigt, vom Kardinal
bespitzelt und von allen andern verraten wird.«
»Ah, jetzt sehe ich schon klarer!«
»Vor vier Tagen war nun meine Frau bei mir, denn da sie
mich sehr liebt, hat sie sich ausbedungen, daß sie mich zweimal in der Woche besuchen darf. Meine Frau war also bei mir
und hat mir anvertraut, daß die Königin augenblicklich in
großen Ängsten schwebt.«
»Wirklich?«
»Ja, der Kardinal verfolgt sie anscheinend mehr denn je. Er
kann ihr die Geschichte mit der Sarabande nicht verzeihen.
Ihr kennt doch die Geschichte mit der Sarabande?«
»Na und ob ich die kenne!« entgegnete d’Artagnan, der
keine blasse Ahnung hatte, aber so tat, als wisse er genau,
worum es sich handelte.
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»Das heißt, es ist jetzt nicht mehr nur Haß, sondern vor
allem Rachsucht.«
»Tatsächlich?«
»Und die Königin nimmt an …«
»Ja? Was nimmt die Königin an?«
»Sie nimmt an, daß man in ihrem Namen an den Herzog
von Buckingham geschrieben hat.«
»Im Namen der Königin?«
»Ja, um ihn nach Paris zu locken und ihm hier eine Falle zu
stellen.«
»Teufel noch mal! Aber was hat Eure Frau mit der ganzen
Angelegenheit zu schaffen?«
»Man kennt ihre Ergebenheit für die Königin, und darum
will man sie von ihrer Gebieterin entfernen, will sie einschüchtern, um die Geheimnisse Ihrer Majestät zu erfahren,
oder bestechen, um sich ihrer als Spionin zu bedienen.«
»Das ist wahrscheinlich«, sagte d’Artagnan. »Aber Ihr kennt
den Mann, der sie entführt hat?«
»Ich sagte, daß ich ihn zu kennen glaube.«
»Sein Name?«
»Den weiß ich ja eben nicht; ich weiß leider nur, daß er
eine Kreatur des Kardinals und ihm mit Leib und Seele ergeben ist.«
»Doch Ihr habt ihn gesehen?«
»Ja, meine Frau hat ihn mir einmal gezeigt.«
»Wie sieht er denn aus?«
»Oh, er sieht sehr hochmütig aus, und er hat schwarzes
Haar, ein bleiches Gesicht, stechende Augen und eine Narbe
an der Schläfe.«
»Eine Narbe an der Schläfe!« rief d’Artagnan. »Und dazu die
stechenden Augen, das bleiche Gesicht und das hochfahrende
Wesen, das kann nur mein Mann aus Meung sein!«
»Euer Mann, sagt Ihr?«
»Ja, ja, aber das tut nichts zur Sache, oder nein, im Gegenteil, es vereinfacht sie sogar; denn wenn Euer Mann auch der
meine ist, kann ich auf einen Schlag doppelte Rache nehmen.
Nur, wo finde ich ihn?«
»Das weiß ich leider nicht.«
»Ihr habt keine Ahnung, wo er wohnt?«
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»Nein, nicht die geringste. Einmal habe ich meine Frau
zum Louvre zurückbegleitet, da kam er gerade heraus, und
sie hat ihn mir gezeigt.«
»Teufel! Teufel!« murmelte d’Artagnan. »All das ist reichlich
unbestimmt. Von wem habt Ihr denn die Entführung Eurer
Frau erfahren?«
»Von Herrn de La Porte.«
»Hat er Euch keine näheren Umstände mitgeteilt?«
»Er wußte selber nichts.«
»Und auch von anderer Seite habt Ihr nichts gehört?«
»Doch, ich bekam …«
»Was bekamt Ihr?«
»Ja, ich weiß nicht, ob es nicht sehr unvorsichtig von mir
ist …«
»Fangt Ihr wieder davon an? Diesmal muß ich Euch allerdings sagen, daß es für einen Rückzug schon zu spät ist.«
»Aber ich will ja auch gar nicht zurück, Herr des Himmels!« fluchte der Bürger, um sich selber Mut zu machen.
»Übrigens, so wahr ich Bonacieux heiße …«
»Ihr heißt Bonacieux?«
»Ja, gewiß.«
»Entschuldigt, daß ich Euch unterbrochen habe, aber mir
schien der Name nicht unbekannt.«
»Das ist schon möglich, gnädiger Herr. Ich bin Euer Hauswirt.«
»Ach«, sagte d’Artagnan und verneigte sich leicht, »Ihr
seid mein Hauswirt?«
»Ja, gnädiger Herr. Und da ich Euch in all den Monaten,
die Ihr bei mir wohnt und in denen Ihr durch Eure wichtigen Geschäfte zweifellos so in Anspruch genommen wart,
daß Ihr den Mietzins zu entrichten vergaßt, da ich Euch, sage
ich, in dieser ganzen Zeit niemals gedrängt habe, kam mir der
Gedanke, Ihr würdet meine Rücksicht vielleicht zu schätzen
wissen.«
»Gewiß doch, mein lieber Herr Bonacieux«, erwiderte
d’Artagnan, »und seid versichert, daß ich Euch dafür sehr
verbunden bin! Und wie gesagt, wenn ich Euch in irgendeiner Sache dienlich sein kann …«
»Ich glaube Euch, gnädiger Herr, ich glaube Euch, und wie
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ich schon eben bemerken wollte: So wahr ich Bonacieux
heiße, ich habe volles Vertrauen zu Euch!«
»Dann fahrt nur in Euerm Bericht fort!«
Der Hauswirt zog indessen wortlos ein Papier aus der Tasche
und reichte es d’Artagnan.
»Ein Brief?«
»Den ich heute morgen bekommen habe.«
D’Artagnan faltete ihn auseinander, trat, da es bereits
dämmrig wurde, ans Fenster und las:
»Sucht Eure Frau nicht! Sie wird Euch zurückgebracht, sobald
man ihrer nicht mehr bedarf. Unternehmt Ihr jedoch nur einen
einzigen Schritt, um sie aufzufinden, so seid Ihr verloren.«
»Das ist eindeutig«, sagte d’Artagnan. »Aber alles in allem
ist es nur eine Drohung.«
»Das ja, aber diese Drohung erschreckt mich. Ich bin nun
einmal kein Mann des Degens, gnädiger Herr, und ich habe
Angst vor der Bastille.«
»Hm, nach der Bastille zieht es mich ebensowenig wie
Euch. Das mit dem Degen mag ja angehen.«
»Und ich hatte so sehr auf Eure Hilfe gebaut!«
»Wirklich?«
»Ja, ich sah Euch doch fast immer in Gesellschaft stattlicher
Musketiere und merkte wohl, daß es Musketiere des Herrn de
Treville und folglich Feinde des Kardinals waren, und da habe
ich mir gedacht, Ihr und Eure Freunde, ihr wäret gewiß mit
Vergnügen bereit, unserer armen Königin zu ihrem Recht zu
verhelfen und gleichzeitig Seiner Eminenz eins auszuwischen.«
»Unbedingt.«
»Und dann dachte ich auch, dieweil Ihr mir seit vier Monaten die Miete schuldig seid, ohne daß ich je davon gesprochen
habe …«
»Ja, ja, diesen Grund habt Ihr mir bereits genannt, und ich
finde ihn ganz vortrefflich.«
»Da ich ferner bereit wäre, solange Ihr mir die Ehre erweist,
bei mir zu wohnen, nie mehr ein Wort über die Miete zu verlieren …«
»Ausgezeichnet …«
»Schließlich könnte ich Euch, sofern Ihr im Augenblick
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gerade nicht sehr flüssig seid, was ich allerdings für unwahrscheinlich halte, mit einigen fünfzig Dukaten unter die Arme
greifen.«
»Großartig! Aber da seid Ihr ja ein reicher Mann, mein lieber
Herr Bonacieux!«
»Es geht mir leidlich, möchte ich sagen. Ich habe an die
zwei-, dreitausend Taler zusammengespart, die mir mein Geschäft und besonders die letzte Reise des berühmten Seefahrers Jean Mocquet, an der ich finanziell beteiligt war, eingebracht haben, und so könnt Ihr Euch wohl denken …
Himmel, was sehe ich!«
»Was denn?«
»Da unten!«
»Wo?«
»Auf der Straße, genau gegenüber, dort in der Türnische –
der Mann im Mantel!«
»Er ist es!« riefen d’Artagnan und der Hauswirt wie aus
einem Munde; beide hatten gleichzeitig ihren Mann erkannt.
»Ah«, schrie d’Artagnan, »diesmal entkommt er mir nicht!«
Damit griff er nach seinem Degen, riß ihn aus der Scheide
und stürmte hinaus. Auf der Treppe begegneten ihm Athos
und Porthos, die ihn besuchen wollten. Sie konnten gerade
noch beiseite springen, als er wie ein Pfeil vorüberschoß.
»Aber wo rennst du denn hin?« riefen sie ihm nach.
»Der Mann aus Meung!« antwortete d’Artagnan und war im
nächsten Augenblick verschwunden. Er hatte den Freunden
schon wiederholt von seinem Abenteuer mit dem Unbekannten erzählt wie auch von dem plötzlichen Auftauchen der schönen Dame, der jener eine so wichtige Sendung anvertraut hatte.
Athos war der Ansicht, daß d’Artagnan den Brief bei der
Schlägerei verloren haben müsse; ein Edelmann – und nach
d’Artagnans Schilderung konnte es sich nur um einen solchen
handeln – würde sich niemals so weit erniedrigen, einen Brief
zu stehlen. Porthos sah in alledem nur ein verliebtes Stelldichein, das d’Artagnan mit seinem gelben Klepper gestört
hatte. Aramis endlich meinte, derartige geheimnisvolle Dinge
sollte man lieber gar nicht zu ergründen suchen.
Athos und Porthos wußten also bei d’Artagnans kurzem
Zuruf sofort, worum es sich handelte, und da sie sich sagten,
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daß ihr Freund, ob er nun den Unbekannten stellte oder
abermals aus den Augen verlor, schon irgendwann wieder
nach Hause kommen würde, setzten sie ihren Weg über die
Treppe fort.
Als sie in d’Artagnans Zimmer traten, war es leer: aus Furcht
vor den Folgen des zu erwartenden Zusammenstoßes zwischen
dem jungen Mann und dem Unbekannten hatte es der Hauswirt, ganz im Sinne seiner trefflichen Selbsteinschätzung, für
klüger gehalten, das Weite zu suchen.
D’Artagnan entwickelt sich
Wie es Athos und Porthos vorausgesehen hatten, kehrte d’Artagnan nach einer halben Stunde zurück. Auch diesmal hatte
er seinen Mann verfehlt, der plötzlich wie weggezaubert
schien. D’Artagnan war mit dem Degen in der Hand durch
alle Straßen der Nachbarschaft gelaufen, ohne eine Spur des
Gesuchten zu finden, und klopfte schließlich, was er vielleicht
gleich hätte tun sollen, an die Tür, vor der der Unbekannte gestanden hatte. Vergeblich schlug er wohl ein dutzendmal mit
dem Klopfer gegen die Tür, niemand antwortete, und einige
Nachbarn, die auf den Lärm hin ihre Nasen zur Tür oder zum
Fenster hinaussteckten, versicherten ihm, daß dieses Haus,
dessen Fenster übrigens alle geschlossen waren, schon seit einem halben Jahr völlig unbewohnt sei.
Während d’Artagnan durch die Straßen lief und an fremde
Türen klopfte, hatte sich Aramis gleichfalls in der Rue des
Fossoyeurs eingefunden, so daß der Gascogner bei seiner
Rückkehr die Freunde vollzählig versammelt fand.
»Na, wie?« fragten die drei, als sie d’Artagnan schweißgebadet und sichtlich ergrimmt eintreten sahen.
»Na wie!« äffte er sie nach und schleuderte den Degen aufs
Bett. »Dieser Kerl muß der Teufel in Person sein; er hat sich
wie ein Spuk verflüchtigt, wie ein Geist, wie ein Gespenst!«
»Glaubt Ihr an Erscheinungen?« fragte Athos den Porthos.
»Ich? Ich glaube nur, was ich sehe, und da ich noch keine
Erscheinung gesehen habe, glaube ich auch nicht daran.«
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»Die Bibel«, wandte Aramis ein, »macht es uns zur Pflicht,
daran zu glauben. ›Der Geist Samuels erschien dem Saul‹ –
das ist ein Glaubensartikel, und es wäre mir sehr verdrießlich, Euch daran zweifeln zu sehen, Porthos!«
»Ob Mensch oder Teufel, Täuschung oder Wirklichkeit, dieser Mann ist auf jeden Fall zu meinem Verderben geboren, denn
seine Flucht bringt uns um ein glänzendes Geschäft, bei dem
es hundert Dukaten und vielleicht noch mehr zu verdienen
gibt.«
»Wieso?« fragten Porthos und Aramis, während sich der
schweigsame Athos damit begnügte, d’Artagnan fragend anzublicken.
»Planchet«, sagte der zu seinem Diener, der soeben den
Kopf durch die halboffene Tür steckte, um ein paar Brocken
der Unterhaltung aufzuschnappen, »geh rasch zu unserm
Hauswirt, Herrn Bonacieux, hinunter und sag ihm, er soll
uns ein halbes Dutzend Flaschen Beaugency heraufschicken,
den mag ich am liebsten.«
»Oho! Ihr habt wohl unbegrenzten Kredit bei Euerm
Hauswirt?« fragte Porthos.
»Ja«, antwortete d’Artagnan, »von heute an, und seid unbesorgt, wenn sein Wein nichts taugt, muß er uns andern herbeischaffen!«
»So etwas soll man gebrauchen, aber nicht mißbrauchen«,
sagte Aramis.
»Ich habe ja immer gesagt, d’Artagnan ist der klügste Kopf
von uns allen«, bemerkte Athos und fiel alsbald wieder in sein
gewohntes Schweigen zurück.
»Aber sagt, was steckt denn nun eigentlich hinter alledem?«
wollte Porthos wissen.
»Ja«, bat auch Aramis, »vertraut es uns an, lieber Freund,
wenn nicht gerade die Ehre einer Dame auf dem Spiel steht,
in welchem Fall Ihr das Geheimnis besser für Euch behaltet!«
»Keine Sorge!« erwiderte d’Artagnan. »Was ich euch zu sagen habe, verletzt niemandes Ehre.« Und nun erzählte er seinen Freunden Wort für Wort, was sich zwischen ihm und seinem Hauswirt zugetragen hatte und wie sich der Mann, der die
Frau des biederen Bürgers entführt hatte, als derselbe entpuppt
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habe, mit dem er in der Herberge des »Freimüllers« zusammengestoßen war.
»Der Handel ist nicht übel«, sagte Athos, nachdem er den
Wein mit Kennermiene gekostet und durch ein Kopfnicken zu
verstehen gegeben hatte, daß er ihn vortrefflich fand. »Man
könnte dabei den guten Mann sicherlich um fünfzig oder sechzig Dukaten erleichtern. Fragt sich nur, ob es sich lohnt, für
fünfzig oder sechzig Dukaten vier Köpfe aufs Spiel zu setzen.«
»Aber bedenkt doch«, rief d’Artagnan, »daß es dabei auch
um eine Frau geht, um eine Frau, die man entführt hat und
die sicherlich bedroht, wenn nicht sogar gefoltert wird, und
das alles nur, weil sie treu zu ihrer Herrin hält!«
»Sachte, sachte, d’Artagnan!« bemerkte Aramis. »Mir
scheint, Ihr ereifert Euch ein bißchen zu sehr über das Los
der guten Frau Bonacieux. Das Weib ist einzig zu unserm
Verderb erschaffen und ist an all unserm Unglück schuld.«
Bei diesen Worten runzelte Athos die Stirn und biß sich
auf die Lippen.
»Aber ich ereifere mich ja auch gar nicht wegen Frau Bonacieux«, versetzte d’Artagnan, »sondern wegen der Königin,
die sich von ihrem Gemahl vernachlässigt, vom Kardinal verfolgt und nach und nach all ihrer Freunde beraubt sieht.«
»Warum liebt sie auch, was wir am meisten auf der Welt
verabscheuen, nämlich die Spanier und die Engländer?«
»Spanien ist ihr Vaterland«, antwortete d’Artagnan, »und es
ist doch ganz natürlich, daß sie die Kinder ihrer Heimat liebt.
Was Euern zweiten Vorwurf betrifft, so habe ich mir sagen lassen, daß sie nicht die, sondern einen Engländer liebt.«
»Und, weiß Gott«, sagte Athos, »er verdient diese Liebe
auch, das muß man schon zugeben! Ich habe noch keinen
Menschen von vornehmerem Auftreten gesehen.«
»Außerdem geht er gekleidet wie kein zweiter«, ergänzte
Porthos. »Ich war an dem Tag im Louvre, als er seine Perlen
ausstreute, und habe doch wahrhaftig zwei erwischt, die ich
dann für zehn Dukaten das Stück verkaufen konnte. Kennt
Ihr ihn auch, Aramis?«
»So gut wie Ihr, denn ich war dabei, als man ihn im Park
verhaftete. Ich war damals noch im Seminar und fand die Geschichte für den König recht schmerzlich.«
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»Was mich nicht hindern würde«, sagte d’Artagnan, »den
Herzog von Buckingham, sofern ich wüßte, wo er sich aufhält, an der Hand zu nehmen und zur Königin zu führen,
wäre es auch nur, um den Kardinal aufzubringen; denn, meine
Herren, unser wirklicher, unser einziger und ewiger Feind ist
der Kardinal, und wenn sich uns eine Möglichkeit bietet, ihm
einen empfindlichen Streich zu spielen, so will ich dabei gern
meinen Kopf riskieren.«
»Und Euer Hauswirt sagt«, erkundigte sich Athos, »die
Königin glaubt, daß man den Herzog unter einem falschen
Vorwand hierhergelockt hat?«
»Sie befürchtet es zumindest.«
»Wartet mal!« sagte Aramis.
»Ja, was denn?« fragte Porthos.
»Sprecht nur weiter! Ich suche mich gewisser Umstände
zu erinnern.«
»Und jetzt bin ich überzeugt«, fuhr d’Artagnan fort, »daß
die Entführung der Kammerfrau aufs engste mit den Geschehnissen zusammenhängt, von denen wir hier sprechen,
vielleicht sogar mit der Anwesenheit des Herzogs in Paris.«
»Der Gascogner hat doch immer neue Einfälle!« sagte Porthos voller Bewunderung.
»Ich höre ihn gern sprechen«, setzte Athos hinzu, »sein
Dialekt gefällt mir.«
»Ich hab’s«, sagte Aramis, »hört mal her! Ich war gestern
bei einem gelehrten Theologen, den ich bei meinen Studien
gelegentlich um Rat frage …«
Athos lächelte.
»Er wohnt in einer öden Gegend«, fuhr Aramis fort, »aber
das entspricht seinem Geschmack, seinem Beruf. Nun, gerade als ich aus seinem Haus trat …« Hier stockte Aramis.
»Und weiter? Was geschah, als Ihr aus seinem Haus tratet?«
forschten die anderen drei.
Aramis schien einen Augenblick mit sich zu ringen, wie
jemand, der mitten im schönsten Lügen auf ein unvorhergesehenes Hindernis stößt; da aber die Blicke seiner Freunde
erwartungsvoll auf ihm ruhten, konnte er nicht mehr zurück.
»Dieser Theologe hat eine Nichte«, fuhr er fort.
»Oh, er hat eine Nichte!« unterbrach ihn Porthos.
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»Eine sehr ehrenwerte Dame«, sagte Aramis.
Die drei Freunde lachten.
»Ja, wenn ihr lacht oder mir nicht glaubt«, rief Aramis,
dann erfahrt ihr eben nichts mehr!«
»Wir sind gläubig wie die Jünger Mohammeds«, beteuerte
Athos, »und stumm wie Leichensteine.«
»Also diese Nichte besucht manchmal ihren Onkel; zufällig war sie nun gestern ebenfalls dort, und ich mußte sie
schicklicherweise zu ihrem Wagen begleiten.«
»Einen Wagen hat die Nichte des Theologen?« unterbrach
ihn abermals Porthos, der unter anderem den Fehler hatte,
daß er nie den Mund halten konnte. »Das ist ja eine prächtige Bekanntschaft, mein Freund!«
»Porthos«, erwiderte Aramis, »ich habe Euch schon wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß Ihr sehr indiskret
seid und daß Euch das bei den Frauen schadet.«
»Aber meine Herren«, rief d’Artagnan, dem etwas von der
eigentlichen Natur des Abenteuers schwante, »die Sache ist
doch zu ernst! Bemühen wir uns also, sie nicht ins Lächerliche
zu ziehen. Weiter, Aramis, weiter!«
»Plötzlich trat ein großer dunkler Mann von vornehmer
Erscheinung … ja, ganz in der Art des Euren, d’Artagnan …«
»Vielleicht derselbe«, sagte der.
»Möglich. Jedenfalls trat er plötzlich auf mich zu, und wie
ich sah, folgten ihm in einigem Abstand noch fünf oder sechs
Leute, und dann sagte er im höflichsten Ton von der Welt:
›Herr Herzog und Ihr, Madame‹, dabei wandte er sich an die
Dame, die ich am Arm führte …«
»An die Nichte des Theologen?«
»Still doch, Porthos!« sagte Athos. »Ihr seid unausstehlich.«
»Und er fuhr fort: ›Bemüht euch bitte in diese Karosse,
und zwar ohne euch zu widersetzen oder Lärm zu schlagen!‹«
»Er hielt Euch für Buckingham!« rief d’Artagnan.
»Ich denke, ja.«
»Aber die Dame?« fragte Porthos.
»Hielt er für die Königin!« antwortete d’Artagnan.
»Eben«, bestätigte Aramis.
»Der Gascogner ist doch ein Teufelskerl!« rief Athos.
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»Fest steht«, sagte Porthos, »daß Aramis die Gestalt und
auch im Auftreten manches von unserm schönen Herzog
hat; dagegen will mir scheinen, daß der Musketiersrock …«
»Ich hatte einen sehr weiten, dunklen Mantel an und den
Kragen hochgeschlagen.«
»Donnerwetter!« wunderte sich Porthos. »Hatte denn
dein Theologe Angst, daß dich jemand erkennt?«
»Ich begreife ja noch«, sagte Athos, »daß sich der Spion
von der Gestalt täuschen ließ; aber das Gesicht …«
»Ich hatte einen großen Hut auf«, fiel ihm Aramis ins
Wort.
»Mein Gott«, rief Porthos, »was für Vorsichtsmaßregeln,
um Theologie zu studieren!«
»Meine Herren«, sagte d’Artagnan, »verlieren wir doch unsere Zeit nicht mit müßigem Gerede! Suchen wir lieber die
Frau des Krämers: da liegt der Schlüssel der ganzen Intrige!«
»Eine Frau von so niedrigem Stande? Glaubt Ihr das wirklich?« fragte Porthos und verzog geringschätzig den Mund.
»Sie ist das Patenkind des Vertrauten der Königin, de La
Porte. Habe ich euch das nicht gesagt? Und vielleicht hat
Ihre Majestät ihren Beistand diesmal ganz bewußt so tief unten gesucht. Je höher einer steht, desto leichter wird er gesehen, und der Kardinal hat gute Augen.«
»Nun gut«, sagte Porthos, »dann macht mit dem Krämer
einen Preis aus, aber einen anständigen!«
»Das ist nicht nötig«, entgegnete d’Artagnan, »denn ich
denke, auch wenn er uns nicht bezahlt, werden wir schon von
anderer Seite belohnt werden.«
In diesem Augenblick hörte man auf der Treppe eilige
Schritte heraufkommen, krachend flog die Tür auf, und herein stürzte der unglückliche Krämer.
»Ach, ihr Herren!« rief er. »Rettet mich, um Himmels willen,
rettet mich! Unten sind vier Männer und wollen mich verhaften. Rettet mich!«
Porthos und Aramis sprangen auf.
»Wartet!« rief d’Artagnan und bedeutete ihnen, die halb gezogenen Degen wieder in die Scheide zu stecken. »Hier kommt
es nicht auf Mut an, sondern auf Klugheit!«
»Aber wir können doch nicht zusehen …«
105
»Laßt d’Artagnan nur machen!« fiel Athos dem empörten
Porthos ins Wort. »Ich habe schon mal gesagt, er ist der Gescheiteste von uns, und ich für mein Teil erkläre, daß ich mich
nach ihm richten werde. Tue nur, was du für richtig hältst, d’Artagnan!«
Schon erschienen in der Tür die vier Gardisten, verhielten
jedoch unschlüssig auf der Schwelle, als sie die bewaffneten
Musketiere erblickten.
»Herein, ihr Herren, nur herein!« rief d’Artagnan ihnen
zu. »Ihr seid hier bei mir, und wir sind alle treue Diener Seiner Majestät des Königs und des Herrn Kardinals.«
»Dann widersetzen sich die Herren also nicht, wenn wir
tun, was uns befohlen ist?« fragte einer, der anscheinend der
Führer des kleinen Trupps war.
»Ganz im Gegenteil! Wenn es not tut, wollen wir den Herren dabei gern zur Hand gehen.«
»Was sagt er da?« murmelte Porthos.
»Du bist ein Trottel«, wies ihn Athos zurecht. »Still jetzt!«
»Aber Ihr habt mir doch versprochen …«, sagte ganz leise
der arme Krämer.
»Wir können Euch nur retten, wenn wir frei bleiben«,
raunte ihm d’Artagnan rasch zu. »Machen wir jetzt Miene,
Euch zu verteidigen, dann verhaftet man uns auch.«
»Mir scheint aber …«
»Bitte, ihr Herren«, sagte d’Artagnan wieder laut, »tretet
ruhig näher, ich habe keine Veranlassung, den Herrn zu verteidigen. Ich sehe ihn heute zum erstenmal, und was will er
von mir? Die Miete, wie er euch gewiß bestätigen wird. Nicht
wahr, Herr Bonacieux, so verhält es sich doch?«
»Es ist die reine Wahrheit«, rief der Krämer, »aber der Herr
sagt Euch nicht …«
»Kein Wort über mich und meine Freunde und schon gar
nicht über die Königin, oder Ihr stürzt alle ins Verderben, Euch
selbst mit!« flüsterte d’Artagnan eindringlich, dann fügte er
laut hinzu: »Also los, ihr Herren, nehmt ihn mit!« Und
während er den völlig betäubten Krämer in die Hände der Gardisten drängte, wetterte er: »Ihr seid ein Spitzbube, mein Lieber! Kommt einfach daher und verlangt Geld, von mir, einem
Musketier! Ins Gefängnis mit Euch! Führt ihn nur ab, ihr Her106
ren, und behaltet ihn möglichst lange hinter Schloß und Riegel, dann brauche ich mich mit der Miete nicht so zu beeilen!«
Die Sbirren bedankten sich vielmals und zogen mit ihrer
Beute ab. Als sie schon die Treppe hinuntersteigen wollten,
schlug d’Artagnan dem Anführer auf die Schulter.
»Wollen wir nicht auf unsere Gesundheit trinken?« fragte
er und füllte zwei Gläser mit dem Beaugency, den er Herrn
Bonacieux’ Freigebigkeit verdankte.
»Es wird mir eine Ehre sein«, antwortete der Führer der
Sbirren, »ich nehme dankbar an.«
»Auf Euer Wohl also, Herr … ja, wie heißt Ihr denn eigentlich?«
»Boisrenard!«
»Euer Wohl, Herr Boisrenard!«
»Auf das Eure, edler Herr! Und wie heißt Ihr, bitte?«
»D’Artagnan.«
»Euer Wohl, mein Herr!«
»Und vor allem«, rief d’Artagnan, wie von Begeisterung
ergriffen, »auf das Wohl des Königs und des Kardinals!«
Der Führer der Sbirren hätte vielleicht an d’Artagnans Aufrichtigkeit gezweifelt, wenn der Wein weniger gut gewesen
wäre; aber er war vortrefflich, und so ließ sich der Mann überzeugen.
»Was habt Ihr da nur für eine schändliche Gemeinheit begangen«, schimpfte Porthos los, als die vier Freunde wieder
unter sich waren. »Pfui Teufel! Vier Musketiere lassen einen
Unglücklichen, der sie um Hilfe anfleht, aus ihrer Mitte weg
verhaften! Ein Edelmann trinkt mit einem Büttel!«
»Bester Porthos«, sagte Aramis, »Athos hat dich vorhin
einen Trottel genannt, und ich schließe mich seiner Meinung
an. D’Artagnan, du bist ein Mordskerl, und wenn du einmal
Herrn de Trevilles Nachfolge antrittst, erhoffe ich mir deine
Protektion, damit ich eine Abtei bekomme!«
»Also nein, ich verstehe überhaupt nichts mehr!« rief Porthos. »Billigt ihr denn, was d’Artagnan getan hat?«
»Das will ich meinen!« erwiderte Athos. »Ich billige es
nicht nur, ich beglückwünsche ihn sogar dazu.«
»Und jetzt, Freunde«, sagte d’Artagnan, ohne sich die Mühe
zu machen, Porthos sein Verhalten zu erklären, »einer für alle,
107
alle für einen! Das soll unser Wahlspruch sein, einverstanden?«
»Aber …«, wandte Porthos ein.
»Schlag ein und schwöre!« riefen Athos und Aramis wie
aus einem Munde.
Von ihrem Beispiel bezwungen, wenn auch noch leise murrend, streckte Porthos gleichfalls die Hand aus, und alle vier
wiederholten im Chor d’Artagnans Worte:
»Einer für alle, alle für einen!«
»Gut, und jetzt geht jeder nach Hause«, sagte d’Artagnan,
als habe er zeitlebens nur Befehle erteilt. »Und aufgepaßt!
Von jetzt an haben wir es mit dem Kardinal zu tun!«
Eine Mausefalle im siebzehnten Jahrhundert
Die Mausefalle ist nicht erst in unseren Tagen erfunden worden; wo immer sich die menschliche Gesellschaft im Laufe
ihrer Entwicklung so etwas wie eine Polizei schuf, erfand
diese alsbald die Mausefalle. Da aber unsere Leser in der Pariser Gaunersprache kaum bewandert sein dürften, wollen
wir ihnen erklären, was sie sich unter einer Mausefalle vorzustellen haben:
Wenn man in irgendeinem Hause jemand verhaftet hat,
den man eines bestimmten Vergehens verdächtigt, so hält
man diese Verhaftung geheim; vier, fünf Mann legen sich im
ersten Zimmer der Wohnung auf die Lauer und öffnen jedem, der hinein will, lassen aber keinen wieder heraus; auf
diese Weise hat man nach zwei, drei Tagen fast alle Leute, die
mit dem betreffenden Haus in irgendeiner Beziehung stehen, fest in der Hand. Das Ganze nennt man eine Mausefalle.
Auch aus der Wohnung Meister Bonacieux’ machte man
jetzt eine solche Mausefalle, und wer immer dort erschien,
wurde von den Leuten des Kardinals festgenommen und verhört. Da ein eigener Aufgang zum ersten Stock führte, wo
d’Artagnan wohnte, blieben seine Besucher selbstverständlich unbehelligt.
Übrigens kamen sowieso nur die drei Musketiere zu ihm. Sie
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hatten, jeder für sich, Nachforschungen angestellt, aber ohne
Erfolg. Athos war sogar so weit gegangen, Herrn de Treville
zu fragen, ein Schritt, der angesichts der gewöhnlichen
Schweigsamkeit des Musketiers den Hauptmann nicht wenig
überrascht hatte. Doch auch Treville konnte nicht mehr sagen,
als daß er bei seinem letzten Besuch im Louvre den Kardinal
sehr nachdenklich und den König sehr unruhig gefunden habe,
während die geröteten Augen der Königin vermuten ließen,
daß sie geweint oder keinen Schlaf habe finden können; dieser letzte Umstand habe ihn nicht weiter verwundert, da die
Königin seit ihrer Heirat häufig weine und nicht schlafen
könne. Herr de Treville empfahl Athos, auf jeden Fall dem König und vor allem der Königin treu zu dienen, und bat ihn, das
auch seinen Kameraden auszurichten.
D’Artagnan selbst ging nicht mehr aus der Wohnung. Er
hatte sein Zimmer in einen Beobachtungsstand verwandelt.
Vom Fenster aus sah er jeden, der kam und in die Falle ging.
Außerdem hatte er die Dielen aufgebrochen und konnte, da
ihn nur noch eine dünne Decke von dem darunterliegenden
Raum trennte, in dem die Verhöre stattfanden, alles hören,
was sich dort abspielte.
Die Verhöre, denen stets eine peinlich genaue Durchsuchung
des Verhafteten vorausging, nahmen fast immer den gleichen
Verlauf:
»Hat Euch Frau Bonacieux etwas für ihren Mann oder eine
andere Person übergeben?«
»Hat Euch Herr Bonacieux etwas für seine Frau oder eine
andere Person übergeben?«
»Hat Euch eine dieser beiden Personen irgendeine vertrauliche Mitteilung gemacht?«
Wenn sie etwas Bestimmtes wüßten, würden sie nicht solche Fragen stellen, sagte sich d’Artagnan. Und was wollen
sie erfahren? Doch nur, ob der Herzog von Buckingham in
Paris ist und ob er mit der Königin zusammengetroffen ist
oder noch zusammentreffen wird. – D’Artagnan blieb bei
dieser Ansicht, die er nach allem, was er gehört hatte, für sehr
wahrscheinlich hielt.
Unterdes erfuhr die Tätigkeit der Mausefalle keine Unterbrechung, sowenig wie d’Artagnans Aufmerksamkeit. Am
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Abend des zweiten Tages nach der Verhaftung des armen Bonacieux, als Athos gerade gegangen war, um sich zu Herrn de
Treville zu begeben, als es gerade neun Uhr geschlagen hatte
und Planchet eben das Bett richten wollte, hörte man es an die
Haustür klopfen, die sofort geöffnet und gleich wieder geschlossen wurde: abermals war jemand in die Falle gegangen.
D’Artagnan stürzte zu der Stelle, wo die Dielen aufgerissen waren, legte sich an den Boden und lauschte. Zuerst hörte
er Schreie, dann ein Stöhnen, das man offenbar zu ersticken
suchte. Von einem Verhör war keine Rede.
Herrgott noch mal – dachte d’Artagnan –, das scheint eine
Frau zu sein! Man durchsucht sie, und sie widersetzt sich.
Man tut ihr Gewalt an. Diese Schufte!
Und er mußte sehr an sich halten, damit er sich nicht wider
alle Vorsicht in das, was unter ihm vorging, einmischte.
»Aber ich sage Euch, ich bin Frau Bonacieux, ich bin hier zu
Hause, und im übrigen stehe ich im Dienste der Königin!« rief
die unglückliche Frau.
Frau Bonacieux! dachte d’Artagnan. Sollte ich so glücklich
sein, gefunden zu haben, was alle Welt sucht?
»Allein auf Euch haben wir ja die ganze Zeit gewartet!«
gab man ihr zur Antwort. Dann wurde ihre Stimme immer
leiser und von einem heftigen Tumult zugedeckt.
Das Opfer wehrte sich, soweit sich eben eine Frau gegen
vier Männer wehren kann.
»Laßt mich, ihr Herren, laßt …«, jammerte die Stimme,
dann waren nur noch unverständliche Laute zu hören.
Sie knebeln sie und wollen sie wegschleppen! sagte sich
d’Artagnan und sprang auf. Mein Degen! Ach so, ich habe
ihn ja umgeschnallt.
»Planchet!«
»Gnädiger Herr?«
»Lauf rasch zu Athos, Porthos und Aramis! Einen triffst
du bestimmt an, vielleicht sind auch schon alle drei nach
Hause gekommen. Sie sollen ihre Waffe nehmen und sofort
hierherkommen. Ach, Athos ist ja bei Herrn de Treville, fällt
mir gerade ein.«
»Aber wo wollt Ihr denn hin, gnädiger Herr, wo wollt Ihr
hin?«
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»Ich klettere zum Fenster hinaus«, gab d’Artagnan zurück,
»da bin ich schneller unten. Und du legst die Dielen wieder
an ihren Platz, fegst den Boden und läufst zu meinen Freunden, wie ich dir gesagt habe!«
»Ach, gnädiger Herr, Ihr werdet Euch den Hals brechen!«
»Schweig, Dummkopf!« sagte d’Artagnan, klammerte sich
ans Fensterbrett und ließ sich vom ersten Stock, der zum
Glück nicht sehr hoch gelegen war, hinunterfallen, ohne sich
auch nur eine Schramme zu holen.
Jetzt gehe ich auch in die Falle – sagte er sich, während er
an die Tür klopfte –, aber wehe den Katzen, die sich mit einer
solchen Maus einlassen!
Kaum hatte der Türklopfer angeschlagen, da wurde es drinnen still; Schritte näherten sich, die Tür ging auf, und während
d’Artagnan mit gezogenem Degen in Meister Bonacieux’ Behausung drang, fiel hinter ihm die Tür, an der man offenbar
eine Feder angebracht hatte, von selbst wieder ins Schloß.
Alsbald vernahmen die übrigen Bewohner des unglücklichen
Hauses wie auch die unmittelbaren Nachbarn einen gewaltigen Lärm, Schreie, stampfende Schritte, Degengeklirr und das
Poltern umstürzender Möbel. Kurz darauf konnten diejenigen,
die neugierig ans Fenster geeilt waren, deutlich sehen, wie die
Tür wieder aufging und vier schwarzgekleidete Gestalten nicht
etwa heraustraten, sondern wie aufgescheuchte Raben herausflogen, wobei sie am Boden und an allen Ecken und Kanten Federn, das heißt Fetzen ihrer Röcke und Mäntel, zurückließen.
Allerdings war der Sieg dem Gascogner ziemlich mühelos
zugefallen, denn von den Sbirren war nur einer bewaffnet, und
auch der hatte sich bloß der Form halber verteidigt. Die anderen drei hatten zwar versucht, mit Stühlen, Schemeln und
Töpfen gegen den jungen Mann vorzugehen, waren aber durch
ein paar wohlgezielte Degenhiebe völlig eingeschüchtert worden. Nach zehn Minuten war ihre Niederlage besiegelt, und
d’Artagnan blieb Herr des Schlachtfeldes.
Die Nachbarn, die ihre Fenster mit jener Kaltblütigkeit
geöffnet hatten, die damals die an Unruhen und Raufereien gewohnte Pariser Bevölkerung auszeichnete, machten die Läden
wieder zu, sowie sie die vier Schwarzgekleideten davonlaufen
sahen. Ihr Instinkt sagte ihnen, daß für den Augenblick nichts
111
mehr zu erwarten sei. Überdies war es schon spät, und im Luxembourgviertel ging man damals wie heute gerne zeitig zu
Bett.
D’Artagnan blieb also allein mit Frau Bonacieux, die halb
ohnmächtig in einem Sessel lag. Er betrachtete sie mit einem
raschen prüfenden Blick.
Es war eine entzückende Person von wenig mehr als zwanzig Jahren, brünett, mit blauen Augen, niedlicher Stupsnase,
mit herrlichen Zähnen und einer rosig schimmernden Haut.
Damit aber hörten auch die Merkmale auf, derentwegen man
sie für eine vornehme Dame halten konnte. Die Hände waren
weiß, aber ein wenig plump, und auch die Füße verrieten keine
Rasse. Glücklicherweise war d’Artagnan noch nicht soweit,
sich um solche Einzelheiten zu kümmern.
Während also d’Artagnan Frau Bonacieux in dieser Weise
betrachtete und dabei, wie erwähnt, bis zu den Füßen gelangt
war, sah er ein feines Batisttaschentuch am Boden liegen, hob
es auf – wir kennen ja seine Gewohnheit – und erkannte in einer
Ecke dasselbe Zeichen wie auf jenem anderen Tuch, über dem
es beinahe zu einem Duell zwischen ihm und Aramis gekommen wäre. Seit damals wollte er nichts mehr mit wappengeschmückten Taschentüchern zu tun haben, und darum steckte
er das eben aufgehobene wortlos in die Tasche von Frau Bonacieux.
Die kam eben in diesem Augenblick wieder zu sich. Sie
öffnete die Augen, sah erschrocken um sich und gewahrte,
daß das Zimmer leer und sie mit ihrem Befreier allein war.
Sogleich reichte sie ihm lächelnd die Hand. Frau Bonacieux
hatte das bezauberndste Lächeln von der Welt.
»Oh, mein Herr, Ihr habt mich gerettet! Erlaubt, daß ich
Euch danke!«
»Madame«, sagte d’Artagnan, »ich habe nur getan, was jeder Edelmann an meiner Stelle getan hätte; Ihr schuldet mir
also keinen Dank.«
»Doch, doch, mein Herr, und hoffentlich kann ich Euch
noch einmal beweisen, daß Ihr keiner Undankbaren geholfen habt. Aber was wollten denn diese Männer nur, die ich
zuerst für Diebe hielt? Und warum ist Herr Bonacieux nicht
hier?«
112
»Madame, diese Männer sind weit gefährlicher, als Diebe
je sein können – es sind Leute des Kardinals. Und Euer Mann
ist nicht hier, weil man ihn gestern verhaftet und in die Bastille geschafft hat.«
»Mein Mann in der Bastille!« rief Frau Bonacieux. »Ja,
großer Gott, was hat er denn getan? Der arme, gute Mann!
Er ist doch die Unschuld selbst!« Und etwas wie der Anflug
eines Lächelns glitt über das immer noch erschrockene Gesicht der jungen Frau.
»Was er getan hat, Madame? Ich glaube, sein einziges Verbrechen besteht darin, daß er das Glück und zugleich das Unglück hat, Euer Mann zu sein.«
»Ja, wißt Ihr denn …?«
»Ich weiß, daß Ihr entführt wurdet.«
»Und von wem? Wißt Ihr es? Oh, sagt es mir!«
»Von einem Mann Anfang Vierzig mit dunklem Haar, fahlem Gesicht und einer Narbe an der linken Schläfe.«
»Ganz richtig, und wie heißt er?«
»Wie er heißt? Ja, das weiß ich eben auch nicht.«
»Und mein Mann, wußte er, daß man mich entführt hat?«
»Ja, der Entführer selbst hat es ihm in einem Brief mitgeteilt.«
»Ahnte er auch«, fragte Frau Bonacieux, »warum man mich
entführt hat?«
»Ich glaube, er vermutet eine Intrige.«
»Ich hatte zuerst Zweifel daran, aber jetzt will es mir auch so
scheinen. Also hat mich der gute Bonacieux keinen Augenblick
verdächtigt?«
»Weit entfernt, Madame! Er war sehr stolz auf Eure Sittsamkeit und auf Eure Liebe.«
Abermals umspielte ein fast unmerkliches Lächeln die Lippen der schönen jungen Frau.
»Aber wie ist es Euch nur gelungen, zu entfliehen?«
»Da ich seit heute morgen wußte, was es mit meiner Entführung auf sich hatte, habe ich in einem unbewachten Augenblick meine Laken aneinandergebunden und mich daran aus
dem Fenster hinuntergelassen. Ich dachte, mein Mann wäre
hier, und darum kam ich hierhergelaufen.«
»Um Euch unter seinen Schutz zu stellen?«
113
»Ach nein, mein armer guter Mann könnte mich kaum
schützen, das wußte ich wohl. Aber er hätte uns auf andere
Weise behilflich sein können, und deshalb wollte ich ihn verständigen.«
»Wovon?«
»Oh, das ist nicht mein Geheimnis, das kann ich Euch also
leider nicht sagen.«
»Übrigens«, sagte d’Artagnan, »verzeiht, wenn ich Euch
trotz meiner schützenden Gegenwart an Eure Vorsicht erinnere; mir scheint dieser Ort nicht recht geeignet für solche
vertraulichen Gespräche. Die Leute, die ich davongejagt
habe, kommen bestimmt bald mit Verstärkung wieder; wenn
sie uns finden, sind wir verloren. Ich habe zwar drei Freunde
benachrichtigen lassen, aber wer weiß, ob sie gerade zu
Hause sind!«
»Ja, ja, Ihr habt recht«, rief Frau Bonacieux erschrocken.
»Kommt, fliehen wir, retten wir uns!«
Mit diesen Worten schob sie ihren Arm unter den d’Artagnans und drängte ihn zur Tür.
»Aber wohin?« fragte er.
»Erst einmal fort von hier, alles Weitere findet sich schon!«
Und ohne sich auch nur die Mühe zu machen, die Haustür zu verschließen, gingen die beiden jungen Leute rasch die
Rue des Fossoyeurs hinunter, bogen dann in eine Seitenstraße und hielten nicht eher an, als bis sie den Place SaintSulpice erreicht hatten.
»Und was jetzt?« fragte d’Artagnan. »Wohin soll ich Euch
führen?«
»Das weiß ich eigentlich selber nicht, muß ich Euch gestehen«, erwiderte Frau Bonacieux. »Ich hatte die Absicht,
meinen Mann zu Herrn de La Porte zu schicken, dann
könnte er uns genau sagen, was sich in den letzten drei Tagen im Louvre abgespielt hat und ob es nicht vielleicht gefährlich ist, mich dort wieder zu zeigen.«
»Aber ich kann doch zu Herrn de La Porte gehen.«
»An sich schon, aber da ist ein Hindernis: meinen Mann
kennt man im Louvre und läßt ihn hinein. Euch dagegen
kennt man nicht und weist Euch ab.«
»Ach was. Ihr habt doch sicher an einem der vielen Ein114
gänge einen Euch ergebenen Pförtner, und mit einem bestimmten Losungswort versehen …«
Frau Bonacieux sah den jungen Mann fest an.
»Und wenn ich Euch ein solches Losungswort gebe, werdet Ihr es auch sofort wieder vergessen, wenn Ihr es benutzt
habt?«
»Auf Ehre, so wahr ich ein Edelmann bin!« sagte d’Artagnan in einem Ton, der jeden Zweifel an seiner Ehrlichkeit
ausschloß.
»Ja, ich glaube Euch. Ihr scheint mir ein wackerer junger
Mann, und vielleicht findet Eure Ergebenheit sich schon bald
belohnt.«
»Auch ohne irgendein Versprechen werde ich alles tun, was
in meinen Kräften steht, um dem König zu dienen und der
Königin gefällig zu sein. Verfügt über mich wie über einen
Freund!«
»Aber wo wollt Ihr mich denn unterdessen lassen?«
»Wißt Ihr niemand, bei dem Herr de La Porte Euch abholen kann?«
»Nein, ich will mich niemand anvertrauen.«
»Wartet!« rief d’Artagnan. »Da vorn wohnt Athos. Ja, das
geht.«
»Wer ist Athos?«
»Einer meiner Freunde.«
»Aber dann sieht er mich ja!«
»Nein, er ist nicht zu Hause, und ich nehme den Schlüssel
mit, wenn ich Euch in seine Wohnung gelassen habe.«
»Aber wenn er nach Hause kommt?«
»Er kommt nicht; außerdem würde man ihm sagen, daß
ich eine Frau hierhergebracht habe.«
»Das wird mich aber sehr kompromittieren …«
»Was tut’s? Niemand kennt Euch hier, und zudem zwingen uns die Umstände einfach, uns über gewisse Rücksichten hinwegzusetzen!«
»Also gut, gehen wir zu Euerm Freund! Wo wohnt er?«
»In der Rue Ferou, gleich da vorn.«
Und die beiden eilten weiter. Wie d’Artagnan vorausgesehen hatte, war Athos nicht zu Hause. Er nahm den Schlüssel,
den man ihm als Freund des Hauses anstandslos aushändigte,
115
stieg die Treppe hinauf und führte Frau Bonacieux in die
kleine Wohnung, die wir schon früher beschrieben haben.
»Macht es Euch bequem!« sagte er. »Wartet, schließt von
innen ab und laßt niemand herein, außer wenn es dreimal
klopft, hört, so!« Und er klopfte zweimal kurz hintereinander laut und nach einer Pause noch einmal leise an die Tür.
»Gut«, sagte Frau Bonacieux, »und jetzt muß ich Euch instruieren.«
»Bitte!«
»Ihr geht zum Louvrepförtchen an der Rue de L’Echelle
und verlangt Germain zu sprechen.«
»Gut, und weiter?«
»Er wird Euch fragen, was Ihr wollt, und Ihr antwortet
nur: Tours und Brüssel. Sogleich habt Ihr in ihm einen gehorsamen Diener.«
»Und was soll ich ihm befehlen?«
»Daß er Herrn de La Porte holt, den Kammerdiener der
Königin.«
»Und wenn Herr de La Porte kommt?«
»Schickt ihn her.«
»Gut, aber wo und wann sehe ich Euch wieder?«
»Liegt Euch so viel daran?«
»Unbedingt.«
»Na schön, dann überlaßt die Sorge dafür nur mir und seid
ganz ruhig!«
»Ich verlasse mich auf Euer Wort!«
»Tut das!«
D’Artagnan grüßte artig Frau Bonacieux und warf ihr dabei den verliebtesten Blick zu, den man einer so reizenden
Person überhaupt zuwerfen konnte, dann eilte er die Treppe
wieder hinunter, während sich hinter ihm der Türschlüssel
zweimal im Schloß drehte. In wenigen Minuten war er im
Louvre: als er durch die kleine Pforte trat, schlug es zehn
Uhr. Die eben geschilderten Ereignisse hatten sich also in
wenig mehr als einer halben Stunde abgespielt.
Alles ging genauso vonstatten, wie Frau Bonacieux gesagt
hatte. Auf das Losungswort hin verneigte sich Germain; fünf
Minuten später war de La Porte in der Pförtnerloge; in kurzen Worten setzte d’Artagnan ihn ins Bild und erklärte ihm,
116
wo Frau Bonacieux zu finden sei. De La Porte ließ sich die
Adresse noch einmal genau beschreiben und machte sich
dann eiligst auf den Weg. Aber schon nach wenigen Schritten kehrte er wieder um.
»Junger Mann«, sagte er, »noch einen Rat!«
»Bitte?«
»Man wird Euch vielleicht wegen des Vorgefallenen behelligen.«
»Meint Ihr?«
»Ja. Habt Ihr nicht einen Bekannten, dessen Uhr nachgeht?«
»Wozu?«
»Geht zu ihm, damit er bezeugen kann, daß Ihr um halb
zehn bei ihm wart. Vor Gericht nennt man das ein Alibi.«
D’Artagnan fand den Rat vernünftig, nahm die Beine in
die Hand und war kurz darauf im Trevilleschen Haus, wo er
allerdings nicht wie alle anderen in den Salon ging, sondern
sich gleich in das Arbeitskabinett führen ließ. Da er ein häufiger Gast des Hauses war, machte man ihm keine Schwierigkeiten und meldete sogleich Herrn de Treville, sein junger
Landsmann habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen und bitte
um eine Audienz. Schon nach wenigen Augenblicken erschien Treville und fragte den Gascogner, was er für ihn tun
könne und welchem Umstand er diesen Besuch zu so vorgerückter Stunde zuzuschreiben habe.
»Verzeiht, Herr Hauptmann«, entgegnete d’Artagnan, der
die kurze Zeit, in der er allein geblieben war, dazu benutzt
hatte, die Standuhr um drei Viertelstunden zurückzudrehen,
»da es noch keine halb zehn ist, dachte ich, es wäre noch Zeit,
mich bei Euch zu melden.«
»Fünf Minuten vor halb zehn!« rief Herr de Treville verwundert aus und schaute auf die Uhr. »Aber das ist ja nicht
möglich!«
»Und doch ist es so, wie Ihr seht.«
»Tatsächlich«, sagte Treville. »Ich hätte gedacht, es ist schon
später. Doch laßt hören, was habt Ihr auf dem Herzen?«
Nun erging sich d’Artagnan in einer langen Geschichte über
die Königin. Er setzte dem Hauptmann seine Befürchtungen
im Hinblick auf Ihre Majestät auseinander, erzählte, was er
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von den Plänen des Kardinals gegen den Herzog von Buckingham hatte sagen hören, und tat dies alles mit einer Ruhe und
Sicherheit, auf die Treville um so eher hereinfiel, als er ja auch
selbst beobachtet hatte, daß zwischen dem Kardinal, dem König und der Königin etwas vorgefallen sein mußte.
Die Standuhr schlug zehn, als sich d’Artagnan von Herrn
de Treville verabschiedete, der ihm für seine Mitteilungen
dankte und ihm empfahl, sich den Dienst für den König und
die Königin immer angelegen sein zu lassen, woraufhin er
wieder in den Salon zurückkehrte. Unten an der Treppe
schien sich d’Artagnan plötzlich zu erinnern, daß er seinen
Stock hatte stehenlassen; jedenfalls eilte er wieder hinauf, trat
in das Arbeitszimmer und rückte den Zeiger zurecht, damit
man am anderen Morgen nicht merkte, daß die Uhr falsch
gegangen war. Nachdem er sich auf diese Weise ein Alibi gesichert hatte, ging er wieder die Treppe hinunter und befand
sich gleich darauf auf der Straße.
Der Knoten schürzt sich
Nach seinem Besuch bei Herrn de Treville kehrte d’Artagnan
nicht sofort heim, sondern schlug, in tiefe Gedanken versponnen, erst noch einen weiten Umweg ein.
Woran dachte unser junger Freund wohl, als er sich so weit
von seinem eigentlichen Weg entfernte und, bald seufzend,
bald lächelnd, die Sterne am Himmel betrachtete?
Er dachte an Frau Bonacieux. Für einen angehenden Musketier war die junge Frau fast so etwas wie eine ideale Geliebte.
Hübsch, geheimnisvoll, in mancherlei Hofintrigen verwickelt,
was ihren anmutigen Zügen eine reizvolle Ernsthaftigkeit verlieh, durfte sie als nicht unempfindlich gelten, und das ist ja bekanntlich für Neulinge in der Liebe ein erhöhter Anreiz. Zudem hatte d’Artagnan sie aus den Händen dieser Teufel befreit,
die so grob mit ihr verfahren waren, und dieser wichtige Dienst
hatte zwischen ihr und ihm ein dankbares Gefühl entstehen
lassen, das so leicht einen zärtlichen Charakter annimmt.
Schon sah d’Artagnan – so schnell fliegen die Träume auf
118
den Flügeln der Phantasie – einen Boten der jungen Frau bei
ihm anklopfen, um ihm eine Einladung zu einem Stelldichein,
ein goldenes Kettchen oder einen Edelstein von ihr zu überbringen. Wir sagten bereits, daß die jungen Kavaliere ohne
Scheu vom König Geschenke annahmen; fügen wir hinzu,
daß sie in jenen Zeiten einer lockeren Moral auch keine Hemmungen kannten, sich von ihren Geliebten beschenken zu
lassen, die sie fast immer mit kostbaren und dauerhaften Andenken bedachten, als wollten sie auf diese Weise die Unbeständigkeit der Gefühle wieder wettmachen.
Man machte damals seinen Weg durch Frauengunst, ohne
sich dessen zu schämen. Die Schönen verschenkten ihre
Schönheit, die Reichen einen Teil ihres Vermögens, und man
könnte eine ganze Reihe von Helden jener galanten Epoche
anführen, die weder ihre Sporen noch später ihre Schlachten
ohne die mehr oder weniger gefüllte Börse ihrer Geliebten
gewonnen hätten.
D’Artagnan besaß nichts. Seine provinzlerische Unsicherheit, hauchdünner Firnis, leicht und flüchtig wie der Flaum
des Pfirsichs, hatte sich rasch verflogen im Wind der wenig
orthodoxen Ratschläge, die ihm seine drei Freunde erteilten.
Der seltsamen Anschauung seiner Zeit gemäß, fühlte er sich
in Paris wie im Felde, nicht anders, als wenn er in Flandern
gekämpft hätte: dort waren es die Spanier, hier die Frauen,
und hier wie dort galt es, einen Feind niederzuzwingen und
Kontributionen einzutreiben.
Immerhin sei zugegeben, daß in diesem Augenblick ein edleres und weniger eigennütziges Gefühl d’Artagnan bewegte.
Der Krämer hatte ihm zwar gesagt, daß er ein wohlhabender
Mann war, und unser junger Freund konnte sich leicht denken,
daß bei einem so einfältigen Menschen wie diesem Bonacieux
der Schlüssel zum Geldkasten von der Frau verwahrt wurde,
aber all das beeinflußte in keiner Weise das Gefühl, das die Begegnung mit Frau Bonacieux in ihm ausgelöst hatte, und so
blieb die aufkeimende Liebe fast frei von Eigennutz. Wir sagen
bewußt »fast«, denn die Vorstellung, daß eine junge, schöne,
anmutige und geistvolle Frau gleichzeitig auch Geld hat, tut
solchem ersten Feuer keinen Abbruch, sondern wirkt im Gegenteil durchaus bestärkend.
119
Überdies war d’Artagnan, wie sich der Leser wohl erinnern
wird, da wir ihm den Vermögensstand unseres jungen Freundes keineswegs verborgen haben, alles andere als ein Millionär.
Wenn er auch hoffte, eines Tages einer zu werden, so lag der
Zeitpunkt, den er sich selbst für diesen glücklichen Wandel gesetzt hatte, doch noch in weiter Ferne. Wie entsetzlich nun
aber, inzwischen eine Frau zu lieben und zu sehen, wie sie sich
tausend Kleinigkeiten wünscht – die doch das Glück der Frauen
ausmachen –, und sie ihr nicht verschaffen zu können! Es sei
denn, die Frau ist reich und kann sich das, was ihr der arme
Geliebte nicht schenken kann, selber kaufen, und mag sie das
auch meist mit dem Gelde ihres Mannes tun, so fließt ihr Dank
doch fast immer dem anderen zu!
Ungeachtet seiner Bereitschaft, der zärtlichste Liebhaber
zu sein, blieb d’Artagnan ein ergebener Freund. Bei all seinen
verliebten Plänen vergaß er keineswegs seine drei Musketiere. Die hübsche Bonacieux war ganz die Frau, die man in
Saint-Denis oder Saint-Germain in Gesellschaft von Athos,
Porthos und Aramis spazierenführen konnte, denen er voller
Stolz seine Eroberung zeigen würde. Und im übrigen könnte
er dank dieser Verbindung seinen Freunden sicherlich aus
mancher peinlichen Verlegenheit helfen.
Doch was war mit Herrn Bonacieux, den er den Häschern
überantwortet, den er laut verleugnet und dem er leise Rettung versprochen hatte? Wir müssen unseren Lesern gestehen, daß d’Artagnan, wenn er überhaupt an ihn dachte, der
Meinung war, der Mann sei ganz gut aufgehoben, wo immer
er sich jetzt befand. Die Liebe ist die selbstsüchtigste aller
Leidenschaften. Doch können unsere Leser unbesorgt sein:
Wenn auch d’Artagnan seinen Hauswirt vergißt oder zu vergessen scheint, wir vergessen ihn nicht! Wir wollen es zwar
vorerst wie der verliebte Gascogner halten, aber wir kommen
bestimmt noch auf den ehrenwerten Krämer zurück.
Ganz in Gedanken an sein künftiges Liebesabenteuer, fand
er sich plötzlich gar nicht weit von Aramis’ Wohnung, und
er sagte sich, daß ein Besuch bei seinem Freund wohl angebracht sei, um ihm zu erklären, weshalb er Planchet zu ihm
geschickt hatte. Wenn nämlich Aramis zu Hause gewesen
war, als Planchet kam, dann war er bestimmt in die Rue des
120
Fossoyeurs geeilt, wo er wahrscheinlich nur die beiden anderen angetroffen hatte, die genausowenig wie er wußten,
was sie von alledem halten sollten. Auf jeden Fall erforderte
die nächtliche Störung ein Wort der Erklärung.
Insgeheim aber versprach er sich davon auch eine Gelegenheit, über die hübsche kleine Frau Bonacieux zu plaudern, von
der, wenn nicht sein Herz, so doch seine Sinne schon ganz erfüllt waren. Und wer wollte von einem Mann, der zum erstenmal verliebt ist, Verschwiegenheit verlangen? Jede erste Leidenschaft muß überschäumen, wenn man nicht daran ersticken
soll.
Seit zwei Stunden lag Paris im Dunkeln, und die Straßen
begannen zu veröden. Alle Turmuhren von Saint-Germain
schlugen die elfte Stunde. Das Wetter war für Anfang März
außerordentlich mild. D’Artagnan ging durch ein Gäßchen
und genoß die laue Vorfrühlingsluft, die ihm der Wind entgegentrug. Fernher tönte, durch gute Fensterläden gedämpft,
froher Zechgesang aus einigen entlegenen Schenken. Am
Ende des Gäßchens bog d’Artagnan links in die Rue de Vaugirard ein.
Das Haus, in dem Aramis wohnte, lag zwischen der Rue
Cassette und der Rue Servandoni. D’Artagnan hatte die Rue
Cassette schon hinter sich und erkannte bereits das unter
einem dichten Wulst von Sykomoren und wildem Wein vergrabene Haustor des Freundes, als er so etwas wie einen Schatten aus der Rue Servandoni hervorkommen sah. Dieser Schatten war in einen Mantel gehüllt, und d’Artagnan glaubte zuerst, es wäre ein Mann; doch an der zierlichen Gestalt, an dem
unsicheren, zögernden Gang erkannte er bald, daß er eine Frau
vor sich hatte. Überdies schien die Frau ein Haus zu suchen,
von dem sie nicht genau wußte, wo es lag, denn sie blieb alle
paar Schritt stehen, blickte sich um, ging dann wieder weiter.
D’Artagnans Neugier erwachte.
Ob ich ihr meine Hilfe anbiete? dachte er. Ihrer Haltung
nach muß sie jung sein; vielleicht ist sie auch hübsch. Aber
eine junge Frau, die zu dieser späten Stunde noch ausgeht,
will sich bestimmt nur mit ihrem Liebhaber treffen. Verwünscht, ein Stelldichein zu stören, das wäre ein schlechter
Anfang für meine eigene verliebte Zukunft!
121
Unterdes kam die junge Frau immer näher, wobei sie offenbar die Häuser und Fenster zählte. Das war übrigens nicht weiter schwierig, denn es gab in diesem Teil der Straße nur drei
Häuser, und nur zwei Fenster lagen zur Straße hin. Das eine
gehörte zu einem Pavillon, der dem Hause von Aramis benachbart war, das andere gehörte Aramis selbst.
Hoho! dachte d’Artagnan, dem die Nichte des Theologen
einfiel. Das wäre ja lustig, wenn dieses verspätete Täubchen
das Haus unseres Freundes suchte! Weiß Gott, es sieht wirklich ganz so aus! Warte, mein lieber Aramis, diesmal will ich
dir auf die Sprünge kommen!
D’Artagnan machte sich so dünn, wie er nur konnte, und
verbarg sich an der dunkelsten Stelle der Straße bei einer Steinbank, die in einer Nische stand. Noch immer ging die Frau weiter; außer dem leichtfüßigen Gang, der sie zuerst verraten hatte,
ließ sie jetzt auch ein leises Hüsteln hören, das eine sehr frische Stimme offenbarte. D’Artagnan hielt es für ein vereinbartes Zeichen. Sei es nun, daß auf dieses Husten eine Antwort
erfolgt war, sei es, daß die nächtliche Sucherin von sich aus erkannt hatte, daß sie am Ziel angelangt war, jedenfalls trat sie
jetzt kurz entschlossen an Aramis’ Fenster und klopfte dreimal.
»Sie will also wirklich zu Aramis!« murmelte d’Artagnan.
»Na wartet, Herr Heuchler, diesmal ertappe ich Euch bei
Eurer Theologie!«
Das dreimalige Klopfzeichen war kaum verhallt, als das innere Fenster geöffnet wurde und ein Licht durch die Läden
schimmerte.
Ah, der Besuch war erwartet, überlegte der Lauscher. Nun
werden gleich die Läden aufgehen, und die Dame steigt
durchs Fenster. Ausgezeichnet!
Aber zu d’Artagnans großem Erstaunen blieben die Läden
geschlossen. Auch das Licht verschwand, und alles wurde
wieder dunkel. D’Artagnan sagte sich, daß es dabei nicht sein
Bewenden haben könne, und so lauschte und spähte er angestrengt weiter. Er sollte recht behalten: Nach kurzer Zeit
ertönte im Innern ein zweimaliges Klopfzeichen. Die junge
Frau antwortete mit einem, und sogleich öffneten sich die
Läden. Man kann sich denken, was für ein erwartungsvoller
Zuhörer und Zuschauer d’Artagnan war.
122
Leider war das Licht in ein anderes Zimmer gebracht worden, doch die Augen des jungen Mannes hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt. Überdies sollen ja, wie man
versichert, die Gascogner mit den Katzen die Eigenschaft gemein haben, daß sie auch bei Nacht sehen können. D’Artagnan sah also, wie die junge Frau etwas Weißes aus der Tasche
zog, das sie rasch entfaltete und das hierauf die Gestalt eines
Taschentuches annahm. Auf eine Ecke dieses Tuches machte
sie ihr Gegenüber anscheinend besonders aufmerksam.
D’Artagnan mußte an das Batisttüchlein denken, das er zu
Frau Bonacieux’ Füßen gefunden und das ihn an seine erste
Begegnung mit Aramis erinnert hatte.
Was zum Teufel mochte dieses Tuch bedeuten?
Von seinem Platz aus konnte d’Artagnan das Gesicht des
Freundes nicht erkennen – und er zweifelte keinen Augenblkk daran, daß die junge Frau mit Aramis sprach; schließlich
aber siegte die Neugier über die Vorsicht, und da er die beiden mit dem Tuch beschäftigt sah, trat er aus seinem Versteck
hervor und huschte auf leisen Sohlen bis zu einem Mauervorsprung. Von hier aus konnte er ohne weiteres in das Zimmer sehen.
Fast hätte er vor Überraschung aufgeschrien: die nächtliche
Besucherin sprach nicht mit Aramis, sondern mit einer Frau.
Aber wenn er auch ihre äußeren Umrisse erkennen konnte,
ihre Gesichtszüge blieben ihm verborgen.
Jetzt holte die Frau im Fenster ebenfalls ein Taschentuch
hervor und tauschte es gegen das andere ein. Es wurden noch
einige Worte gewechselt, dann schloß sich das Fenster wieder. Die Frau, die draußen stand, wandte sich um und ging
kaum vier Schritt an d’Artagnan vorüber, wobei sie die Kapuze ihres Mantels tief ins Gesicht zog; aber die Vorsicht kam
zu spät, d’Artagnan hatte Frau Bonacieux erkannt.
Frau Bonacieux! Schon als sie das Taschentuch hervorgeholt hatte, war ihm dieser Verdacht gekommen; aber konnte
er denn annehmen, daß Frau Bonacieux, die nach Herrn de
La Porte geschickt hatte, um sich in den Louvre zurückführen zu lassen, nachts um halb zwölf allein durch die
Straßen lief, auf die Gefahr hin, daß man sie ein zweites Mal
entführte? Es mußte sich also um etwas außerordentlich
123
Wichtiges handeln. Und was ist das Wichtigste für eine hübsche Frau von Anfang Zwanzig? Die Liebe. Für wen aber
setzte sie sich solchen Gefahren aus? Für sich selbst oder für
jemand anderes? All das fragte sich der junge Mann, den die
Eifersucht plagte, als wäre er bereits ihr erklärter Liebhaber.
Es gab übrigens ein sehr einfaches Mittel, um sich zu vergewissern, wohin Frau Bonacieux ging; er brauchte ihr nur zu
folgen. Das Mittel war so einfach, daß er es ganz selbstverständlich und unwillkürlich anwendete.
Doch beim Anblick des jungen Mannes, der sich von der
Mauer löste und wie eine Statue aus einer Nische trat, und
beim Geräusch der sie verfolgenden Schritte schrie Frau Bonacieux erschrocken auf und versuchte zu fliehen. D’Artagnan lief hinter ihr her. Es war für ihn nicht schwer, eine Frau
einzuholen, die noch dazu ein langer Mantel behinderte. Die
Unglückliche war erschöpft, nicht vor Ermüdung, sondern
vor Schreck, und als d’Artagnan ihr die Hand auf die Schulter legte, sank sie in die Knie und rief mit erstickter Stimme:
»Tötet mich, wenn Ihr wollt. Ihr werdet nichts erfahren!«
D’Artagnan legte den Arm um ihre Hüften und richtete sie
auf. An der Schwere ihres Körpers merkte er, daß sie einer
Ohnmacht nahe war, und um sie wieder zu beruhigen, beteuerte er ihr seine Ergebenheit. Die Beteuerungen selbst sagten
Frau Bonacieux gar nichts, denn dahinter konnten sich die
schlimmsten Absichten verbergen; die Stimme war entscheidend. Und die junge Frau glaubte diese Stimme zu kennen. Sie
öffnete die Augen, warf einen Blick auf den Mann, der ihr solche Angst eingejagt hatte, und stieß einen Freudenschrei aus:
»Oh, Ihr seid es! Gott sei Dank, daß Ihr es seid!«
»Ja, ich bin es. Und offenbar hat mich Gott gesandt, um
auf Euch aufzupassen.«
»Seid Ihr mir etwa in dieser Absicht gefolgt?« fragte mit
kokettem Lächeln die junge Frau, deren natürliche Spottlust
wieder die Oberhand gewann und deren Furcht restlos geschwunden war, seit sie in dem vermeintlichen Feind einen
Freund erkannt hatte.
»Nein«, beteuerte d’Artagnan. »Wirklich nicht! Der Zufall
hat mich auf Euern Weg geführt. Ich sah, wie eine Frau an das
Fenster meines Freundes klopfte …«
124
»Eures Freundes?«
»Allerdings, Aramis ist einer meiner besten Freunde!«
»Aramis? Wer ist denn das?«
»Aber Ihr wollt mir doch nicht einreden, daß Ihr Aramis
nicht kennt?«
»Ich höre den Namen zum erstenmal.«
»Und wart zum erstenmal hier?«
»Ganz recht.«
»Und Ihr wißt nicht, daß in dem Haus ein junger Mann
wohnt?«
»Nein.«
»Ein Musketier?«
»Aber nein!«
»Dann wolltet Ihr also nicht zu ihm?«
»Ganz und gar nicht. Übrigens habt Ihr ja auch gesehen,
daß ich mit einer Frau sprach.«
»Das schon, aber diese Frau ist sicherlich eine Freundin
von Aramis.«
»Das weiß ich nicht.«
»Schließlich wohnt sie bei ihm.«
»Das geht mich nichts an.«
»Wer ist sie denn?«
»Oh, das ist nicht mein Geheimnis.«
»Liebe Frau Bonacieux, Ihr seid wundervoll, doch zugleich
seid Ihr voller Rätsel …«
»Verliere ich dadurch?«
»Nein, im Gegenteil, Ihr seid anbetungswürdig.«
»Dann reicht mir Euern Arm!«
»Sehr gern. Und jetzt?«
»Jetzt führt mich!«
»Wohin?«
»Das werdet Ihr schon sehen, denn Ihr bringt mich ja bis
zur Tür.«
»Darf ich dort auf Euch warten?«
»Das ist nicht nötig.«
»Wollt Ihr denn allein zurückgehen?«
»Vielleicht, vielleicht auch nicht.«
»Und wenn Euch jemand begleitet, wird es ein Mann oder
eine Frau sein?«
125
»Das weiß ich noch nicht.«
»Aber ich werde es schon erfahren.«
»Wieso?«
»Ich warte eben, bis Ihr wieder herauskommt.«
»Dann lebt wohl!«
»Wieso?«
»Ich brauche Euch nicht mehr.«
»Aber Ihr wolltet doch …«
»Den Beistand eines Edelmannes, nicht die Überwachung
durch einen Spion.«
»Das Wort ist ein bißchen hart.«
»Wie nennt man jemand, der anderen Leuten gegen deren
Willen folgt?«
»Indiskret.«
»Das Wort ist ein bißchen schwach.«
»Gut, Madame, ich sehe schon, daß man alles tun muß,
was Ihr verlangt.«
»Warum habt Ihr Euch um den Vorzug gebracht, es sofort
zu tun?«
»Darf man nicht auch einmal etwas bereuen?«
»Bereut Ihr denn wirklich?«
»Ich weiß nicht recht. Ich weiß bloß, daß ich Euch verspreche, alles zu tun, was Ihr wollt, wenn ich Euch nur begleiten darf.«
»Und Ihr werdet dann auch brav gehen?«
»Ja.«
»Werdet nicht warten, bis ich wieder herauskomme?«
»Nein.«
»Ehrenwort?«
»Mein Wort als Edelmann!«
D’Artagnan bot Frau Bonacieux seinen Arm, in den sie sich
halb lachend, halb zitternd hängte, und so gingen beide weiter, bis sie die Rue de La Harpe erreichten. Hier schien die
junge Frau zu zögern wie zuvor schon in der Rue de Vaugirard.
Dann aber hatte sie an gewissen Zeichen offenbar das gesuchte Haus erkannt, und während sie auf die Tür zuging,
sagte sie:
»So, hier habe ich zu tun. Tausend Dank für Eure ehrenvolle Begleitung, die mich vor allen Gefahren bewahrt hat,
126
denen ich ohne Euch sicherlich ausgesetzt gewesen wäre.
Aber nun müßt Ihr Euer Wort halten, denn ich bin am Ziel.«
»Und nachher habt Ihr nichts mehr zu fürchten?«
»Höchstens Diebe.«
»Und ist das nichts?«
»Was können sie mir schon nehmen? Ich habe keinen
Pfennig bei mir.«
»Ihr vergeßt das schöne gestickte Taschentuch mit dem
Wappen, das ich vorhin zu Euern Füßen fand und Euch wieder zusteckte.«
»Schweigt, Unseliger, schweigt!« rief die junge Frau. »Wollt
Ihr mich verderben?«
»Da seht Ihr, daß es wohl noch Gefahren für Euch gibt,
denn ein einziges Wort läßt Euch zittern, und Ihr gebt zu,
daß Ihr verloren wärt, wenn man dies eine Wort hörte!« erwiderte d’Artagnan, der ihre Hand ergriffen hatte und sie mit
einem leidenschaftlichen Blick umfing. »Seid doch weitherziger, vertraut Euch mir an! Lest Ihr denn nicht in meinen
Augen, daß nur Ergebenheit und Sympathie in meinem Herzen sind?«
»Gewiß, und wenn Ihr mich nach meinen Geheimnissen
fragt, will ich Euch gern alles sagen; nur verlangt nicht, daß
ich Euch die Geheimnisse anderer verrate!«
»Gut, dann versuche ich eben, sie aufzudecken. Diese Geheimnisse haben offenbar einen Einfluß auf Euer Leben, und
darum müssen sie auch die meinen werden.«
»Versucht das nur ja nicht!« rief die junge Frau mit einer
Eindringlichkeit, die d’Artagnan unwillkürlich betroffen
machte. »Mischt Euch um Gottes willen nicht in diese Dinge,
gebt es auf, mich bei meinem Tun unterstützen zu wollen!
Darum bitte ich Euch bei allem, was ich Euch bedeute, und
bei dem Dienst, den Ihr mir erwiesen habt und den ich Euch
nie vergessen werde. Kümmert Euch nicht mehr um mich,
tut, als gäbe es mich gar nicht, als hättet Ihr mich nie gesehen!«
»Gilt das auch für Aramis?« fragte d’Artagnan spitz.
»Nun sprecht Ihr diesen Namen schon zum zweiten- oder
drittenmal aus, und ich habe Euch doch gesagt, daß ich ihn
nicht kenne.«
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»Ihr wollt den Mann nicht kennen, an dessen Fenster Ihr
noch eben geklopft habt? Ihr haltet mich wohl für sehr
leichtgläubig, Madame?«
»Gebt doch zu, daß Ihr diesen Mann nur erfindet, um mich
zum Sprechen zu bewegen!«
»Ich erfinde gar nichts, ich sage die reine Wahrheit.«
»Und Ihr bleibt dabei, daß einer Eurer Freunde in diesem
Hause wohnt?«
»Allerdings, und ich wiederhole zum drittenmal, daß dort
mein Freund Aramis wohnt.«
»All das wird sich schon noch aufklären«, murmelte die
junge Frau, »jetzt aber schweigt!«
»Wenn Ihr in meinem Herzen lesen könntet, so fändet Ihr
darin so viel Neugier, daß Ihr Mitleid mit mir hättet, und so
viel Liebe, daß Ihr meine Neugier augenblicklich stillen würdet. Von einem, der liebt, hat man nichts zu fürchten.«
»Ihr sprecht sehr rasch von Liebe«, sagte die junge Frau
und schüttelte den Kopf.
»Weil die Liebe so rasch und zum erstenmal über mich gekommen ist, denn ich bin noch keine zwanzig Jahre alt.«
Die junge Frau betrachtete ihn verstohlen.
»Hört«, fuhr d’Artagnan fort, »ich habe bereits eine Spur.
Vor drei Monaten hätte ich mich beinahe mit Aramis duelliert, und zwar wegen eines Taschentuchs von derselben Art,
wie Ihr vorhin eines der Frau in der Wohnung meines Freundes gezeigt habt, und ich bin sicher, daß es genauso gezeichnet ist.«
»Und ich versichere Euch, daß Ihr mir mit dem, was Ihr da
sagt, reichlich auf die Nerven fallt.«
»Aber meint Ihr nicht, Madame, die Ihr sonst so vorsichtig seid, daß es Euch kompromittieren muß, wenn man Euch
verhaftet und dieses Taschentuch bei Euch findet?«
»Warum? Ist es nicht mit meinen Anfangsbuchstaben gezeichnet: C. B. – Constance Bonacieux?«
»Oder Camille de Bois-Tracy.«
»Schweigt, mein Herr, um alles in der Welt schweigt! Wenn
Euch die Gefahren, denen ich mich aussetze, nicht zurückschrecken, so denkt wenigstens an das, was Euch selber
droht!«
128
»Mir?«
»Ja, Euch. Durch die Bekanntschaft mit mir droht Euch
Gefängnis, vielleicht sogar der Tod.«
»Dann verlasse ich Euch erst recht nicht.«
Die junge Frau rang die Hände und flehte:
»Um Himmels willen, entfernt Euch jetzt, ich beschwöre
Euch bei Eurer Soldatenehre und bei Eurer Ritterlichkeit!
Hört, eben schlägt es Mitternacht, und das ist die Zeit, zu
der man mich erwartet!«
»Einer so inständigen Bitte kann ich nicht widerstehen«,
sagte d’Artagnan und verneigte sich. »Seid darum unbesorgt,
ich gehe!«
»Und Ihr folgt mir nicht, beobachtet mich nicht?«
»Ich gehe sofort nach Hause.«
»Ach, ich wußte ja, daß Ihr ein wackerer junger Mann
seid!« rief sie und reichte ihm die Hand, während sie mit der
anderen nach dem Türklopfer griff.
D’Artagnan nahm ihre Hand und küßte sie leidenschaftlich.
»Oh, hätte ich Euch doch nie gesehen!« stieß er mit jener
unverstellten Heftigkeit hervor, die den Frauen oft besser gefällt als noch so geistreiche Komplimente, da sie die Tiefe der
Empfindung verrät und beweist, daß das Gefühl stärker ist
als alle Vernunft.
»Nun«, erwiderte Frau Bonacieux fast zärtlich und drückte
seine Hand, »das will ich nun doch nicht sagen, denn was
heute nicht möglich ist, braucht ja nicht immer unmöglich zu
sein. Wer weiß, ob ich nicht eines Tages, wenn man mich meiner Schweigepflicht entbunden hat, Eure Neugier befriedigen kann!«
»Und darf meine Liebe das gleiche erwarten?« fragte er,
außer sich vor Freude.
»Oh, in dieser Hinsicht will ich nichts versprechen, das
hängt ganz von dem Gefühl ab, das Ihr in mir zu wecken versteht.«
»Heute also …«
»Heute kann ich noch nicht mehr als Euch dankbar sein.«
»Ach, Ihr seid zu bestrickend«, sagte d’Artagnan traurig,
»und mißbraucht meine Liebe.«
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»Nein, ich mache nur von Euerm Edelmut Gebrauch, das ist
alles. Aber glaubt mir, manche Leute lassen nichts unbelohnt!«
»Ihr macht mich überglücklich. Vergeßt niemals diesen
Abend und dieses Versprechen!«
»Seid unbesorgt! Zu gegebener Zeit werde ich mich schon
daran erinnern. Doch jetzt geht endlich, geht um Himmels
willen! Man erwartet mich um Punkt zwölf, und ich habe
mich bereits verspätet.«
»Um fünf Minuten.«
»Ja, aber fünf Minuten können unter Umständen fünf Jahrhunderte sein.«
»Wenn man liebt.«
»Und wer sagt Euch, daß ich es nicht mit einem Verliebten
zu tun habe?«
»Also ist es doch ein Mann, der Euch erwartet?« rief d’Artagnan. »Ein Mann!«
»Fangt Ihr wieder von vorn an?« versetzte Frau Bonacieux
mit einem halben Lächeln, das nicht frei war von einer gewissen Ungeduld.
»Nein, nein, ich geh schon! Ich glaube Euch und will Euch
keinen Zweifel an meiner Ergebenheit lassen, mag diese Ergebenheit auch noch so töricht sein. Lebt wohl!«
Und als fühle er sich außerstande, sich von der Hand, die
er noch immer hielt, anders als mit einem Ruck loszureißen,
rannte er davon, während Frau Bonacieux, wie schon an Aramis’ Fenster, dreimal an die Tür klopfte. An der Straßenecke
wandte sich d’Artagnan um; die Tür hatte sich geöffnet und
wieder geschlossen, die hübsche Krämersfrau war verschwunden.
D’Artagnan setzte seinen Weg fort. Er hatte Frau Bonacieux sein Wort gegeben, und hätte von dem Ort, an den sie
sich begab, und von der Person, die sie begleiten sollte, auch
sein Leben abgehangen, er wäre trotzdem nach Hause gegangen, da er es ihr einmal versprochen hatte. Fünf Minuten
später war er in der Rue des Fossoyeurs.
»Armer Athos«, murmelte er, »er weiß noch immer nicht,
was das alles zu bedeuten hat. Vielleicht wartet er auf mich
und ist darüber eingeschlafen, oder er ist nach Hause gegangen und hat daheim erfahren, daß eine Frau bei ihm war. Eine
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Frau bei Athos! Das heißt, schließlich war ja auch eine bei
Aramis. Das Ganze ist schon eine merkwürdige Geschichte,
und ich bin wirklich neugierig, wie das noch mal alles endet!«
»Schlecht, gnädiger Herr, schlecht!« antwortete eine Stimme, die er als die seines Dieners Planchet erkannte; denn
während er nach Art gedankenvoller Leute laut vor sich hin
redete, war er in den Hausflur getreten, an dessen Ende sich
die Treppe befand, die zu seiner Wohnung führte.
»Wieso schlecht? Was willst du damit sagen, Tölpel? Was
ist geschehen?«
»Unglück über Unglück.«
»Ja, was denn nur?«
»Erstens hat man Herrn Athos verhaftet.«
»Verhaftet? Athos verhaftet? Und warum?«
»Man hat ihn hier angetroffen und für Euch gehalten.«
»Wer hat ihn denn verhaftet?«
»Gardisten, die von den schwarzen Männern, die Ihr in die
Flucht geschlagen habt, zu Hilfe geholt wurden.«
»Warum hat er nicht seinen Namen genannt und gesagt,
daß er mit der Sache nichts zu tun hat?«
»Er hat sich gehütet, das zu tun, gnädiger Herr. Er hat mir
im Gegenteil zugeflüstert: ›Für deinen Herrn ist es im Augenblick wichtiger, frei zu sein, als für mich, denn er weiß etwas, während ich keine Ahnung habe. Und dadurch, daß man
ihn in sicherem Gewahrsam glaubt, gewinnt er Zeit. Nach
drei Tagen sage ich, wer ich bin, und da wird man mich wohl
oder übel freilassen müssen.‹«
»Bravo, Athos!« murmelte d’Artagnan. »Daran erkenn ich
deinen edlen Sinn! Und was taten die Häscher?«
»Zu viert haben sie ihn weggebracht, ich weiß nicht wohin,
zur Bastille oder in die Bischofsfeste. Zwei blieben bei den
schwarzen Männern, die alles durchsucht und sämtliche Papiere mitgenommen haben. Die beiden letzten endlich standen
während der ganzen Prozedur auf Posten vor der Tür. Als sie
mit allem fertig waren, sind sie abgezogen und haben das Haus
ausgeplündert und unverschlossen zurückgelassen.«
»Und Porthos und Aramis?«
»Die hab ich nicht angetroffen, und sie sind auch nicht gekommen.«
131
»Aber sie können immer noch kommen, denn du hast
doch Nachricht hinterlassen, daß ich sie erwarte?«
»Gewiß, gnädiger Herr.«
»Gut, dann rühr dich hier nicht von der Stelle! Wenn sie
kommen, sag ihnen, was mir zugestoßen ist, und sie sollen
mich im ›Tannenzapfen‹ erwarten; hier wäre es zu gefährlich,
denn womöglich wird das Haus beobachtet. Ich laufe jetzt
rasch zu Herrn de Treville und berichte ihm alles, dann
komme ich in den ›Tannenzapfen‹ nach.«
»Sehr wohl, gnädiger Herr.«
»Aber daß du mir hierbleibst und dich nicht aus Angst verkrümelst!«
»Seid unbesorgt, gnädiger Herr! Ihr kennt mich noch
nicht; ich bin sehr mutig, wenn ich es mir fest vornehme; ich
muß es mir nur fest vornehmen, das ist es. Und außerdem bin
ich Pikarde.«
»Also abgemacht, du läßt dich eher töten, als daß du deinen
Posten verläßt!«
»Ja, Herr, und es gibt nichts, was ich nicht tun würde, um
Euch meine Anhänglichkeit zu beweisen.«
Donnerwetter, sagte sich d’Artagnan, der Bursche macht
sich! Und so rasch ihn seine Füße trugen, die in den letzten
Stunden ja immerhin schon einiges hinter sich gebracht hatten, lief er in die Rue du Vieux-Colombier.
Herr de Treville war nicht zu Hause; seine Kompanie hatte
die Wache im Louvre, und er war bei seinen Leuten. Aber
d’Artagnan mußte unbedingt zu ihm, um ihm von dem Vorfall Meldung zu machen. Also entschloß er sich zu dem Versuch, ihn im Louvre zu erreichen. Seine Uniform als Gardist
der Kompanie des Herrn des Essarts mußte ihm eben als Passierschein dienen.
Er eilte durch die Rue des Petits-Augustins an den Quai.
Einen Augenblick hatte er daran gedacht, die Fähre zu benutzen, aber als er unwillkürlich die Hand in die Tasche
steckte, merkte er, daß er gar kein Geld bei sich hatte, um
den Fährmann zu bezahlen. Als er daraufhin in Richtung zur
Pont-Neuf weiterging, sah er plötzlich aus der Rue Dauphine
zwei Gestalten herauskommen, deren überraschendes Äußeres ihn sofort aufmerken ließ.
132
Es waren ein Mann und eine Frau. Die Frau hatte ganz die
Haltung der Madame Bonacieux, während der Mann dem
schönen Aramis zum Verwechseln ähnlich sah. Zudem trug
die Frau den gleichen schwarzen Mantel, den d’Artagnan
noch immer vor dem Fenster in der Rue de Vaugirard und
vor der Tür in der Rue de La Harpe sich abzeichnen sah. Und
der Mann hatte eine Musketieruniform an.
Die Kapuze der Frau war heruntergeschlagen, und der
Mann hielt sich ein Taschentuch vors Gesicht; diese doppelte
Vorsicht bewies, daß beide nicht erkannt werden wollten. Sie
schlugen den Weg zur Brücke ein, über die auch unser junger Freund mußte, und so folgte er den beiden.
D’Artagnan hatte noch keine zwanzig Schritte gemacht, als
er sicher war, Frau Bonacieux und Aramis vor sich zu haben.
Sogleich regte sich der ganze Argwohn der Eifersucht in seinem Herzen. Er fühlte sich doppelt hintergangen, von seinem
Freund und von der, die er bereits als seine Geliebte anbetete.
Frau Bonacieux hatte ihm hoch und heilig versichert, sie kenne
Aramis nicht, und nun, eine Viertelstunde später, sah er sie
Arm in Arm mit dem Freunde.
D’Artagnan bedachte nicht, daß er die hübsche Krämersfrau erst seit drei Stunden kannte und daß sie ihm allenfalls
ein wenig Dank schuldete für ihre Befreiung aus den Händen
der schwarzen Häscher, daß sie ihm jedoch überhaupt nichts
versprochen hatte. Er sah sich als einen beleidigten, betrogenen und verspotteten Liebhaber, der Zorn trieb ihm das
Blut ins Gesicht, und er beschloß, sich Klarheit zu verschaffen.
Die beiden hatten bemerkt, daß sie verfolgt wurden, und
beschleunigten ihre Schritte. D’Artagnan lief noch schneller, überholte sie und kehrte sich gerade in dem Augenblick
um, als sie sich mitten auf der Brücke vor der Figur der Samariterin befanden, die von einer Laterne beleuchtet wurde,
deren Schein den ganzen Umkreis erhellte. Er stellte sich den
beiden so in den Weg, daß auch sie stehenblieben.
»Was wollt Ihr, mein Herr?« fragte der Musketier und wich
einen Schritt zurück; aber der fremdartige Tonfall hatte d’Artagnan bereits gezeigt, daß seine Vermutungen zumindest in
einem Teil falsch waren.
133
»Ihr seid ja gar nicht Aramis!« rief er.
»Nein, mein Herr, ich bin nicht Aramis, und Euer Ausruf
sagt mir, daß Ihr mich für einen anderen gehalten habt;
darum verzeihe ich Euch.«
»Ihr verzeiht mir?«
»Ja«, antwortete der Unbekannte. »Also laßt mich weitergehen, denn mit mir habt Ihr ja nichts im Sinn.«
»Ganz recht, nicht mit Euch habe ich etwas im Sinn, sondern mit Eurer Begleiterin.«
»Mit meiner Begleiterin? Aber Ihr kennt sie ja gar nicht!«
»Ihr irrt, mein Herr, ich kenne sie.«
»Oh«, sagte Frau Bonacieux vorwurfsvoll, »ich hatte Euer
Wort als Soldat und Edelmann und glaubte, mich darauf verlassen zu dürfen!«
»Und Ihr, Madame, hattet mir zugesagt …«, erwiderte
d’Artagnan verlegen.
»Nehmt meinen Arm, wir wollen weitergehen!« sagte der
Fremde.
Aber völlig niedergeschmettert und wie betäubt von allem,
was ihm geschehen war, blieb d’Artagnan mit verschränkten
Armen vor den beiden stehen. Der Musketier machte zwei
Schritte und versuchte, den Gascogner mit dem Arm zur
Seite zu schieben, der aber sprang zurück und zog seinen Degen. Im selben Augenblick riß auch der Unbekannte sein Rapier aus der Scheide.
»Um Himmels willen, Mylord!« rief Frau Bonacieux, warf
sich zwischen die Männer und packte entschlossen die beiden Klingen.
»Mylord?« rief d’Artagnan, von einem plötzlichen Gedanken erleuchtet. »Verzeiht, Mylord, aber seid Ihr am Ende …«
»Der Herzog von Buckingham«, sagte Frau Bonacieux
leise, »und jetzt könnt Ihr uns alle ins Verderben stürzen.«
»Um Vergebung, Mylord! Um Vergebung, Madame! Aber
ich liebe, Mylord, und war eifersüchtig. Ihr wißt, was lieben
heißt, Mylord! Verzeiht mir und sagt mir einen Weg, wie ich
mein Leben für Euer Gnaden in die Schanze schlagen kann!«
»Ihr seid ein wackerer Jüngling«, versetzte Buckingham
und reichte d’Artagnan seine Hand, die dieser ehrfurchtsvoll
drückte. »Ihr bietet mir Eure Dienste an, ich sage nicht nein;
134
folgt uns in zwanzig Schritt Abstand zum Louvre, und wenn
Ihr einen seht, der uns nachspürt, so tötet ihn!«
D’Artagnan nahm den blanken Degen unter den Arm, ließ
den Herzog und Frau Bonacieux vorausgehen und folgte ihnen,
bereit, den Befehl des edlen und eleganten Ministers König
Karls I. getreulich auszuführen. Aber glücklicherweise fand er
keine Gelegenheit, dem Herzog diesen Beweis seiner Ergebenheit zu liefern, denn die hübsche Frau und der schmucke Musketier erreichten unbehelligt den kleinen Nebeneingang des
Louvre in der Rue de L’Echelle.
D’Artagnan eilte hierauf sofort in den »Tannenzapfen«, wo
Porthos und Aramis schon auf ihn warteten. Aber er sagte
ihnen nichts Näheres über die Gründe, derentwegen er sie
hatte rufen lassen, sondern erklärte nur, daß er die Angelegenheit, für die er zuerst ihren Beistand erbitten wollte, inzwischen allein erledigt habe.
Wir aber wollen jetzt unsere drei Freunde ruhig nach Hause
gehen lassen und folgen statt dessen lieber dem Herzog und
seiner Führerin in das Labyrinth des Louvre.
Georges Villiers, Herzog von Buckingham
Frau Bonacieux und der Herzog gelangten ohne Schwierigkeit in den Louvre. Frau Bonacieux gehörte zum Hofstaat der
Königin, und der Herzog trug die Uniform der Trevilleschen
Musketiere, die bekanntlich in dieser Nacht die Wache hatten.
Überdies war Germain der Königin ergeben, und wenn wirklich etwas dazwischenkam, so konnte man allenfalls Frau Bonacieux beschuldigen, ihren Liebhaber in den Louvre geschmuggelt zu haben, und dieses Vergehen wollte sie gern auf
sich nehmen. Wohl wäre dann ihr Ruf vernichtet, aber was bedeutete schon für die große Welt der gute oder schlechte Ruf
einer kleinen Krämersfrau?
Sobald sich der Herzog und Frau Bonacieux im Hof befanden, gingen sie etwa fünfundzwanzig Schritt an einer Mauer
entlang, dann erreichten sie eine kleine Dienstbotenpforte, die
tagsüber geöffnet, nachts aber für gewöhnlich verschlossen
135
war. Sie gab nach, beide traten ein und sahen sich von Finsternis umgeben; aber Frau Bonacieux wußte in diesem Teil des
Louvre, der für das königliche Gefolge bestimmt war, genau
Bescheid. Sie machte die Tür hinter sich zu, nahm den Herzog
bei der Hand, ging tastend ein paar Schritte vorwärts, faßte
nach einem Geländer, berührte mit dem Fuß eine Stufe und
begann eine Treppe hinaufzusteigen. Der Herzog zählte zwei
Stockwerke. Dann bog sie rechts ab in einen langen Gang, stieg
wieder ein Stockwerk tiefer, tat noch ein paar Schritte, steckte
einen Schlüssel in ein Schloß, öffnete eine Tür und drängte
den Herzog in ein Gemach, in dem nur eine Nachtlampe
brannte.
»Wartet hier, Mylord«, sagte sie, »man wird gleich kommen!«
Dann entfernte sie sich durch dieselbe Tür, die sie hinter
sich abschloß, so daß der Herzog buchstäblich gefangen war.
Aber wenn der Herzog von Buckingham sich auch von aller Welt abgeschnitten fühlen mußte, so überfiel ihn doch nicht
die geringste Furcht; denn Abenteuerlust und romantischer
Sinn bildeten einen der hervorstechenden Züge seines Wesens.
Kühn, tapfer und wagemutig, wie er war, setzte er sein Leben
nicht zum erstenmal bei einem solchen Unterfangen aufs Spiel.
Längst wußte er, daß Anna von Österreichs angebliche Botschaft, die ihn nach Paris gelockt hatte, eine Falle war, aber anstatt nach England zurückzukehren, hatte er die Lage dazu
ausgenutzt, der Königin mitzuteilen, daß er nicht eher abreisen werde, bevor er sie nicht gesehen habe. Sie hatte zuerst
rundweg abgelehnt, dann aber fürchtete sie, der Herzog
könnte in seinem Unmut irgendeine Tollheit begehen. Schon
war sie entschlossen, ihn doch zu empfangen und ihn zu bitten, er möge auf der Stelle abreisen, als Frau Bonacieux, die
den Auftrag hatte, den Herzog aufzusuchen und zum Louvre
zu geleiten, entführt worden war, und alles blieb in der
Schwebe. Kaum aber hatte sie sich befreit und die Verbindung
mit de La Porte wiederhergestellt, da nahmen die Dinge ihren
Fortgang, und das gefährliche Unternehmen, das ohne ihre
Verhaftung schon drei Tage früher durchgeführt worden wäre,
wurde ins Werk gesetzt.
Als sich Buckingham allein sah, trat er vor einen Spiegel. Der
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Musketierrock stand ihm großartig. Er war damals fünfunddreißig Jahre alt und galt mit Recht als der schönste Edelmann
und der eleganteste Kavalier von England und Frankreich.
Günstling zweier Könige, Millionär, allmächtig in einem Land,
das er je nach Laune in Aufruhr brachte oder wieder befriedete, war Georges Villiers, Herzog von Buckingham, eine jener fabelhaften Existenzen, die noch nach Jahrhunderten die
Nachwelt in Erstaunen setzen. Selbstbewußt, von seiner Macht
überzeugt und sicher, daß die für die übrige Menschheit gültigen Gesetze ihm nichts anhaben konnten, steuerte er gerade
auf ein einmal gesetztes Ziel los, mochte dieses Ziel auch so
hoch und so glänzend sein, daß jeder andere, der einen flüchtigen Blick darauf wagte, für toll gelten mußte. So hatte er es
auch fertiggebracht, sich mehrmals der schönen und stolzen
Anna von Österreich zu nähern und sie so zu blenden, daß sie
ihn zu lieben begann.
Georges Villiers trat also vor den Spiegel, gab seinem schönen blonden Haar die Wellen wieder, die das Gewicht des Hutes zerdrückt hatte, strich seinen Schnurrbart, und voller
Freude und Glück, den so lange ersehnten Augenblick endlich nahe zu wissen, lächelte er sich stolz und zuversichtlich zu.
Da öffnete sich in der Wand eine verborgene Tür, und eine
Frau erschien; Buckingham erblickte ihr Bild im Spiegel und
schrie auf. Es war die Königin!
Anna von Österreich stand damals im siebenundzwanzigsten Jahr, das heißt, ihre Schönheit hatte sich zu voller Pracht
entfaltet. Ihr Gang war der einer Göttin. Ihre wie Smaragde
leuchtenden Augen waren vollendet schön und blickten zugleich sanft und majestätisch. Ihr Mund war klein, und obwohl die Unterlippe, wie bei fast allen Habsburgerinnen, etwas hervortrat, so konnte er doch überaus anmutig lächeln
wie auch äußerste Verachtung ausdrücken. Ihre Haut wurde
wegen ihrer Zartheit und samtenen Weiche gerühmt, ihre
Hände und Arme wurden von allen Dichtern der Zeit als unvergleichlich schön besungen. Ihr Haar, in ihrer Jugend
blond, nunmehr aber kastanienbraun, umrahmte sehr lieblich das Gesicht, dem auch der strengste Kritiker nur etwas
weniger Röte, der anspruchsvollste Kritiker nur eine etwas
zartere Nase hätte wünschen können.
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Buckingham stand einen Augenblick wie geblendet; niemals
war ihm Anna von Österreich so schön erschienen, weder auf
den Bällen noch bei den Hoffesten, wie jetzt, da sie ihm in
einem schlichten weißen Seidenkleid gegenübertrat, nur von
Donna Estefana begleitet, der einzigen Spanierin ihres Gefolges, die des Königs Eifersucht und die Verfolgungen des Kardinals noch nicht vertrieben hatten.
Anna von Österreich machte zwei Schritte ins Zimmer;
Buckingham warf sich auf die Knie, und ehe sie ihn daran
hindern konnte, küßte er den Saum ihres Kleides.
»Herzog, Ihr wißt bereits, daß nicht ich Euch habe schreiben lassen.«
»O ja, Madame!« rief der Herzog. »O ja, Majestät, ich weiß,
daß ich ein Narr, daß ich von Sinnen war, als ich glaubte, der
Schnee könne sich beleben, der Marmor sich erwärmen! Doch
wenn man liebt, glaubt man so leicht an Liebe; und überdies
war meine Reise nicht ganz umsonst, da ich Euch heute sehen
darf.«
»Aber Ihr wißt auch, warum Ihr mich seht; nur weil Ihr unempfindlich seid für alle meine Qualen, weil Ihr hartnäckig in
dieser Stadt bleibt, wodurch Ihr Euer Leben und meine Ehre
aufs Spiel setzt, und weil ich Euch sagen will, daß uns alles
trennt, die Tiefe des Meeres, die Feindschaft unserer Länder,
die Heiligkeit der Eide. Es ist Frevel, gegen all das anzukämpfen, Mylord. Und darum seht Ihr mich heute nur, damit ich
Euch sagen kann, daß wir uns nie mehr sehen dürfen.«
»Sprecht weiter, Königin! Die Lieblichkeit Eurer Stimme
mildert die Härte Eurer Worte. Ihr sprecht von Frevel! Aber
der Frevel liegt allein in der Trennung der Herzen, die Gott
füreinander bestimmt hat.«
»Ihr vergeßt, Mylord, daß ich Euch nie gesagt habe, ich
liebe Euch.«
»Aber Ihr habt mir auch nie gesagt, daß Ihr mich nicht liebt,
und das wäre auch allzu undankbar; denn wo findet Ihr noch
eine Liebe wie die meine, eine Liebe, die weder die Zeit noch
Trennung und Verzweiflung auszulöschen vermögen, eine
Liebe, die sich mit einem verlorenen Band, einem flüchtigen
Blick, einem entschlüpften Wort begnügt? Vor drei Jahren habe
ich Euch zum erstenmal gesehen, und seit drei Jahren liebe ich
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Euch in dieser Weise. Soll ich Euch sagen, was Ihr anhattet, als
ich Euch das erstemal sah? Soll ich Euch jedes einzelne
Schmuckstück aufzählen, das Ihr damals angelegt hattet? Ich
sehe Euch noch genauso vor mir: Ihr saßt nach spanischer
Sitte auf Kissen und trugt ein grünes Seidenkleid mit Goldund Silberstickerei, und mit großen Diamanten besetzte
Hängeärmel umhüllten Eure herrlichen Arme. Außerdem
hattet Ihr eine geschlossene Krause und auf dem Kopf eine
ebenfalls grüne Haube mit einer Reiherfeder. Oh, ich schließe
die Augen und sehe Euch vor mir, wie Ihr damals wart; nun
öffne ich sie wieder und sehe Euch vor mir, wie Ihr heute seid,
das heißt noch hundertmal schöner!«
»Welche Torheit!« murmelte Anna von Österreich, die es
nicht über sich brachte, dem Herzog böse zu sein, der ihr Bild
so gut in seinem Herzen bewahrt hatte. »Welche Torheit, eine
unsinnige Leidenschaft mit solchen Erinnerungen zu nähren!«
»Wovon soll ich sonst leben? Ich habe ja nur Erinnerungen.
Sie sind mein Glück, mein Reichtum, meine Hoffnung. Jedesmal, wenn ich Euch sehe, schließe ich einen neuen Diamanten in die Schatzkammer meines Herzens. Dies ist der
vierte, den Ihr fallen laßt und den ich aufhebe, denn in drei
Jahren habe ich Euch nur viermal gesehen: das erstemal habe
ich Euch eben genannt, das zweitemal bei Madame de Chevreuse, das drittemal im Park von Amiens …«
»Herzog«, fiel ihm die Königin errötend ins Wort, »sprecht
nicht von diesem Abend!«
»O doch, sprechen wir davon, Madame, sprechen wir von
dem glücklichsten und glanzvollsten Abend meines Lebens!
Erinnert Ihr Euch noch der wundervollen Nacht? Wie leicht
und balsamisch war die Luft, wie blau der Himmel und mit
Sternen übersät! Und zum erstenmal konnte ich einen Augenblick mit Euch allein sein, zum erstenmal wart Ihr bereit, mir
alles zu gestehen, die Einsamkeit Eures Lebens und den Kummer Eures Herzens! Ihr stütztet Euch auf meinen Arm, auf
diesen hier, seht! Und als ich den Kopf zu Euch hinneigte,
spürte ich, wie Euer herrliches Haar mein Gesicht streifte, und
ein Schauer durchrann mich. Oh, Königin, Königin, Ihr wißt
ja nicht, welch himmlische Wonnen, welch paradiesische Freuden ein einziger solcher Augenblick in sich birgt! Alles, was ich
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besitze, mein Glück, meinen Ruhm und den Rest meines Lebens gebe ich hin für solch einen Augenblick und für solch eine
Nacht! Denn in jener Nacht, o Königin, da habt Ihr mich geliebt!«
»Es mag sein, Mylord, daß der Einfluß des Ortes, der Zauber jenes schönen Abends, die leidenschaftliche Beredsamkeit
Eures Blickes, all die vielen Umstände, die manchmal zusammenwirken, um eine Frau zugrunde zu richten, mich in jener
unseligen Nacht bestürmt haben; aber Ihr habt ja auch gesehen, daß dem verwirrten Weibe die Königin zu Hilfe kam.
Beim ersten Wort, das Ihr zu sagen wagtet, bei der ersten
Kühnheit, auf die ich antworten mußte, habe ich gerufen.«
»O ja, das stimmt, und eine andere Liebe als die meine
hätte eine solche Probe kaum bestanden. Doch meine Liebe
ist nur noch glühender und dauerhafter daraus hervorgegangen. Ihr glaubtet, durch Eure Rückkehr nach Paris mir zu
entfliehen, Ihr glaubtet, ich würde es nicht wagen, den Schatz
zu verlassen, den zu bewachen mir mein König aufgetragen
hatte. Aber was sind mir alle Schätze und alle Könige der
Welt! Acht Tage später war ich schon wieder da. Diesmal hattet Ihr mir nichts zu sagen; mein Leben und mein Glück hatte
ich aufs Spiel gesetzt, um Euch eine Sekunde zu sehen, ich
durfte nicht einmal Eure Hand berühren, aber Ihr habt mir
verziehen, als Ihr mich so fügsam, so reumütig saht.«
»Ja, aber inzwischen hat sich die Verleumdung all dieser Torheiten bemächtigt, an denen ich, wie Ihr wohl wißt, gänzlich
unschuldig bin. Vom Kardinal aufgestachelt, hat der König mir
eine schreckliche Szene gemacht. Madame de Vernet wurde
verjagt, Putange in die Verbannung geschickt, Madame de Chevreuse fiel in Ungnade, und als Ihr als Gesandter nach Frankreich kommen wolltet, hat sich der König dagegen gesperrt.«
»Und Frankreich wird diese Haltung seines Königs mit
einem Krieg bezahlen müssen. Ich darf Euch nicht mehr sehen, Madame; nun gut, dann sollt Ihr wenigstens jeden Tag
von mir sprechen hören! Was meint Ihr denn, was für einen
Zweck die Expedition zur Insel Ré und die geplante Liga mit
den Protestanten von La Rochelle haben? Nur die Freude,
Euch zu sehen! Ich habe dabei keineswegs die Hoffnung,
etwa mit einer Armee bis nach Paris zu kommen; aber dieser
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Krieg muß ja mal zu einem Frieden führen, und um den zu
schließen, braucht man einen Unterhändler, und dieser Unterhändler werde ich sein. Dann wird man nicht mehr wagen,
mich zurückzuweisen, ich komme wieder nach Paris, werde
Euch sehen und einen Augenblick glücklich sein. Tausende
werden dieses Glück zwar mit ihrem Leben bezahlt haben,
aber was kümmert das mich, wenn ich nur Euch sehe! Vielleicht ist das alles Tollheit, vielleicht Wahnsinn, aber sagt
selbst, welche Frau hat einen leidenschaftlicheren Verehrer,
welche Königin einen ergebeneren Diener?«
»Mylord, Ihr beruft Euch zu Eurer Verteidigung auf Dinge,
die Euch noch mehr anklagen; alle diese Liebesbeweise sind
beinahe Verbrechen.«
»Das könnt Ihr sagen, weil Ihr nicht liebt, denn sonst würdet Ihr das alles ganz anders ansehen. Ja, wenn Ihr mich liebtet! Madame de Chevreuse, die Ihr eben nanntet, war weniger grausam; Holland hat sie geliebt, und sie hat seine Liebe
erwidert.«
»Madame de Chevreuse war nicht Königin«, sagte Anna
von Österreich leise, von der Leidenschaft seines Gefühls
unwillkürlich bezwungen.
»Ihr würdet mich also lieben, wenn Ihr es nicht wärt, nicht
wahr, Madame, dann würdet Ihr mich lieben? Nur Euer hoher
Rang läßt Euch so grausam gegen mich sein, und wäret Ihr
Madame de Chevreuse, so hätte sich der arme Buckingham
Hoffnung machen dürfen? Dank für die süßen Worte, schöne
Majestät, habt tausendfachen Dank!«
»Aber nein, Mylord, Ihr habt mich falsch verstanden. Ihr
mißdeutet meine Worte; ich wollte damit nicht sagen …«
»Still, sprecht nicht weiter! Und wenn auch nur ein Irrtum
mich glücklich macht, seid nicht so grausam, ihn mir zu nehmen! Man hat mich in eine Falle gelockt. Ihr habt es selbst
gesagt, und vielleicht muß ich meine Torheit mit dem Leben
bezahlen, denn, so sonderbar es ist, seit einiger Zeit habe ich
das Gefühl, daß ich bald sterben werde.«
Und der Herzog lächelte traurig und bestrickend zugleich.
»O Gott!« rief Anna von Österreich erschrocken, und ihre
Stimme verriet eine größere Anteilnahme an dem Herzog,
als sie eingestehen wollte.
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»Ich sage das nicht, um Euch zu erschrecken; es war überhaupt dumm von mir, das zu erwähnen, und Ihr dürft mir
glauben, daß ich solche Ahnungen nicht weiter ernst nehme.
Doch Euer Wort eben, diese Hoffnung, die Ihr mir beinahe
gegeben habt, macht alles bezahlt, und sei es mein Leben!«
»Aber auch ich, Herzog, auch ich habe Vorgefühle und
bange Ahnungen. So sah ich Euch im Traum mit einer blutenden Wunde am Boden liegen …«
»Ein Dolchstich in die linke Seite, nicht wahr?« unterbrach
sie der Herzog.
»Ja, so ist es, Mylord, ein Dolchstich in die linke Seite.
Aber wer hat Euch meinen Traum verraten können? Ich habe
ihn nur Gott in meinen Gebeten anvertraut.«
»Mehr verlange ich nicht, denn Ihr liebt mich ja!«
»Ich liebe Euch?«
»Ja, Ihr, Madame! Würde Euch Gott die gleichen Träume
schicken, wenn Ihr mich nicht liebtet? Könnten wir die gleichen Ahnungen haben, wenn unsere Herzen sich nicht berührten? Ihr liebt mich, o Königin, und nicht wahr, Ihr werdet
mich beweinen?«
»Mein Gott!« rief Anna von Österreich. »Das ist mehr, als
ich ertragen kann. Geht, Herzog, um Himmels willen, reist
ab! Ich weiß nicht, ob ich Euch liebe oder nicht, aber ich weiß,
daß ich auf keinen Fall meineidig werde. Habt doch Mitleid
mit mir und reist ab! Oh, wenn man Euch hier in Frankreich
entdeckt, wenn Ihr hier sterben müßt, wenn ich immer in Eurer Liebe zu mir die Ursache Eures Todes sehen müßte, ich
fände nie mehr Trost, ich käme bestimmt um den Verstand!
Geht also, ich flehe Euch an, reist auf der Stelle ab!«
»Oh, wie schön Ihr jetzt seid! Und wie ich Euch liebe!«
»Geht, geht, ich flehe Euch an, und kommt später wieder!
Kommt als Gesandter, als Minister, umgeben von einer Leibwache, die Euch verteidigt, von treuen Dienern, die über
Euch wachen, dann brauche ich nicht mehr um Euer Leben
zu bangen und werde glücklich sein, Euch wiederzusehen.«
»Oh, ist das wahr, was Ihr sagt?«
»Ja …«
»So gebt mir ein Unterpfand Eurer Huld, einen Gegenstand,
der von Euch kommt und mich daran erinnert, daß ich nicht
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nur geträumt habe! Irgend etwas, das Ihr getragen habt und
das ich nun tragen darf, einen Ring, eine Kette, ein Halsband!«
»Und geht Ihr auch, geht Ihr, wenn ich Euch gebe, worum
Ihr mich bittet?«
»Ja.«
»Und Ihr reist sofort ab?«
»Ja.«
»Verlaßt Frankreich und kehrt nach England zurück?«
»Ich schwöre es Euch!«
»Dann wartet einen Augenblick!«
Und Anna von Österreich ging in ihr Gemach, kehrte aber
fast sogleich wieder zurück, in der Hand ein mit Gold eingelegtes Kästchen aus Rosenholz.
»Hier, Herzog, behaltet dies zur Erinnerung an mich!«
Buckingham nahm das Kästchen und sank zum zweitenmal auf die Knie.
»Ihr habt mir versprochen, abzureisen!«
»Und ich halte mein Wort. Eure Hand, Madame, Eure
Hand, und ich gehe!«
Anna von Österreich reichte ihm ihre Rechte, wobei sie
die Augen schloß und sich mit der anderen Hand auf Estefana stützte, denn sie fühlte, daß ihre Kräfte sie verließen.
Buckingham preßte seine Lippen leidenschaftlich auf diese
schöne Hand, dann stand er auf und sagte:
»Wenn ich nicht vorher sterbe, werde ich Euch spätestens
in einem halben Jahr wiedersehen, und müßte ich deswegen
die ganze Welt aus den Angeln heben!«
Und getreu seinem Versprechen, stürzte er aus dem Zimmer. Im Flur traf er Frau Bonacieux, die ihn ebenso vorsichtig und mit ebensoviel Glück wie auf dem Hinweg wieder aus
dem Louvre hinausgeleitete.
Herr Bonacieux
Wie der Leser bemerkt haben wird, gab es bei alledem eine Person, um die man sich trotz ihrer mißlichen Lage anscheinend
herzlich wenig kümmerte; diese Person war Herr Bonacieux,
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redlicher Märtyrer politischer und verliebter Intrigen, wie sie
in jener kriegerischen und zugleich so galanten Zeit oft genug
aufs engste miteinander verquickt waren.
Glücklicherweise haben wir versprochen – ob sich nun der
Leser erinnert oder nicht –, den unglücklichen Krämer nicht
aus den Augen zu verlieren.
Nach seiner Verhaftung hatten ihn die Gardisten geradenwegs in die Bastille gebracht, wo man den Zitternden an einem
Trupp Soldaten vorbeiführte, die eben ihre Musketen luden.
Dann wurde er in einen halb unterirdischen Gang geführt, wo
er von denen, die ihn hierhergeschleppt hatten, aufs gröbste
beschimpft und mißhandelt wurde. Da die Sbirren wußten, daß
sie es mit keinem Edelmann zu tun hatten, sprangen sie mit
ihm wie mit einem gewöhnlichen Verbrecher um.
Nach etwa einer halben Stunde beendete ein Schreiber
zwar diese Quälereien, nicht aber seine Ängste mit dem Befehl, Herrn Bonacieux zum Verhör vorzuführen. Im allgemeinen verhörte man die Gefangenen in ihren Zellen, doch
mit Bonacieux machte man nicht soviel Umstände. Zwei
Gardisten nahmen den Krämer in die Mitte, führten ihn über
einen Hof in einen Korridor, wo drei Schildwachen auf und
ab gingen, öffneten schließlich eine Tür und schoben ihn in
einen niedrigen Raum, in dem sich weiter nichts befand als
ein Tisch, ein Stuhl und ein Kommissar. Die beiden Gardisten
führten den Gefangenen an den Tisch und zogen sich auf einen Wink des Beamten außer Hörweite zurück. Dann erst
blickte dieser von den vor ihm liegenden Schriftstücken auf
und sah den Mann an, mit dem er es zu tun hatte.
Der Kommissar war ein Mann von abstoßendem Äußeren,
mit spitzer Nase, gelben vorspringenden Backenknochen, kleinen, aber lebhaften und forschenden Augen, kurz, mit einem
Marder- und Fuchsgesicht. Der Kopf saß auf einem langen,
beweglichen Hals, der aus einer weiten schwarzen Robe ragte,
und pendelte hin und her wie bei einer Schildkröte.
Er fragte Herrn Bonacieux zunächst nach seinem Vor- und
Zunamen, nach Alter, Stand und Wohnung.
Der Angeklagte antwortete, er heiße Jacques-Michel Bonacieux, sei einundfünfzig Jahre alt. Rentier, ehemals Krämer,
und wohne in der Rue des Fossoyeurs Nr. 11.
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Statt nun die Fragen fortzusetzen, hielt ihm der Kommissar
eine lange Rede über die Gefahren, die einem unbedeutenden
Bürger drohen, wenn er sich in öffentliche Angelegenheiten
mischt. Dieser Einleitung ließ er eine Betrachtung über die
Macht und die Taten des Herrn Kardinals folgen, dieses unvergleichlichen Ministers, der alle seine Vorgänger in den Schatten stelle und allen künftigen Ministern ein Vorbild sei und dessen Absichten niemand ungestraft durchkreuze. Nach diesem
zweiten Teil seiner Rede heftete er seinen Sperberblick auf den
armen Bonacieux und forderte ihn auf, den Ernst seiner Lage
zu bedenken.
Das hatte der Krämer längst getan: er verwünschte den Tag,
an dem Herr de La Porte darauf verfallen war, ihn mit seinem
Patenkind zu verheiraten, besonders aber jenen anderen, an
dem seine Frau als Wäschebeschließerin in die Dienste der Königin getreten war. Im Grunde seines Wesens war Bonacieux
ein eigensüchtiger, geiziger Krämer und darüber hinaus ein unglaublicher Hasenfuß. Gegen eine solche Natur vermochte
sich die Liebe zu seiner jungen Frau, die für ihn nur eine
zweitrangige Empfindung war, nicht zu behaupten.
»Aber, Herr Kommissar«, sagte er berechnend, »Ihr dürft
mir glauben, daß ich mehr als sonst jemand die Verdienste
unserer Eminenz kenne und zu schätzen weiß.«
»Wirklich?« fragte ungläubig der Kommissar. »Aber wenn
es sich so verhält, wie kommt Ihr dann in die Bastille?«
»Wie ich hierherkomme oder vielmehr, warum ich hier bin,
kann ich Euch schlechterdings nicht sagen, da ich es nämlich
selber nicht weiß. Aber sicher ist, daß ich dem Kardinal nicht
ungehorsam war, zumindest nicht wissentlich.«
»Und doch müßt Ihr ein Verbrechen begangen haben, da
Ihr hier des Hochverrats beschuldigt werdet.«
»Des Hochverrats?« rief Bonacieux erschrocken. »Wie soll
denn ein armer Krämer, der die Hugenotten haßt und die
Spanier verabscheut, Hochverrat begehen? Sagt selbst, das
ist doch gänzlich ausgeschlossen!«
»Herr Bonacieux«, sagte der Kommissar und sah den Angeklagten scharf an, als könnte er mit seinen kleinen Augen
in den verborgenen Winkeln seines Herzens lesen, »Ihr habt
eine Frau.«
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»Ja«, antwortete der Krämer, und ein heftiges Zittern befiel
ihn, denn er fühlte, daß sich hier die Dinge zu verwickeln begannen, »das heißt, ich hatte eine.«
»Wieso? Hattet Ihr eine oder nicht? Und wenn Ihr eine
hattet, was habt Ihr mit ihr gemacht?«
»Man hat sie mir entführt!«
»Man hat sie Euch entführt? Ach!«
Bonacieux merkte an diesem Ach, daß die Geschichte immer
verworrener wurde.
»Man hat sie Euch also entführt«, wiederholte der Kommissar. »Und kennt Ihr auch den Täter?«
»Ich glaube, ja.«
»Wer ist es?«
»Bedenkt, daß ich nichts behaupte, sondern lediglich einen
Verdacht äußere.«
»Und wen habt Ihr im Verdacht? Sprecht frei heraus!«
Herr Bonacieux befand sich in größter Verlegenheit; sollte
er alles abstreiten oder alles sagen? Leugnete er, so konnte man
annehmen, er wisse zuviel und wolle deshalb nichts sagen;
sprach er dagegen alles offen aus, so gab er damit einen Beweis
seines guten Willens. Er beschloß, lieber alles zu sagen.
»Ich habe einen großen, dunkelhaarigen und stolzen Mann
im Verdacht, der ganz das Auftreten eines vornehmen Herrn
hat. Ich hatte mehrmals den Eindruck, daß er uns nachgegangen ist, wenn ich meine Frau am Louvre abholte, um sie
nach Hause zu begleiten.«
Der Kommissar schien unruhig zu werden.
»Und sein Name?« fragte er.
»Ja, seinen Namen weiß ich nicht, aber wenn ich ihn noch
einmal treffe, erkenne ich ihn schon wieder, bestimmt, ich
finde ihn auch unter Tausenden heraus!«
Die Stirn des Kommissars verfinsterte sich.
»Ihr würdet ihn unter Tausenden wiedererkennen?«
»Das heißt«, erwiderte Bonacieux, der merkte, daß er einen
falschen Weg eingeschlagen hatte, »das heißt …«
»Ihr habt erklärt, daß Ihr ihn wiedererkennen würdet«,
sagte der Kommissar. »Gut, das genügt für heute. Bevor wir
uns weiter unterhalten, muß noch jemand erfahren, daß Ihr
den Entführer Eurer Frau kennt.«
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»Aber ich habe doch gar nicht gesagt, daß ich ihn kenne!«
rief Bonacieux verzweifelt. »Ich habe Euch im Gegenteil …«
»Führt den Gefangenen ab!« befahl der Kommissar den
beiden Wachen.
»Und wohin?« fragte der Schreiber.
»In eine Zelle.«
»In welche?«
»Mein Gott, in die erste beste, wenn sie nur gut schließt«,
antwortete der Kommissar mit einer Gleichgültigkeit, die den
armen Bonacieux mit Entsetzen erfüllte.
»Ach, nun kommt das Unglück auf mich!« jammerte er.
»Meine Frau hat gewiß irgendein schlimmes Verbrechen begangen, und nun hält man mich für ihren Komplicen und bestraft mich mit ihr. Sicherlich hat sie gestanden, sie hätte mir
alles gesagt. Frauen sind ja so schwach! Eine Nacht ist schnell
vorüber, und morgen komme ich aufs Rad oder an den Galgen. O Gott, allmächtiger Gott, erbarme dich meiner!«
Ohne im geringsten auf Meister Bonacieux’ Gejammer zu
achten, das ja auch an diesem Ort gewiß nichts Außergewöhnliches war, packten ihn die beiden Gardisten und führten ihn
ab, während der Kommissar eilig einen Brief schrieb.
Bonacieux konnte kein Auge zumachen, nicht etwa, weil die
Zelle derart widerwärtig gewesen wäre, sondern weil ihn seine
Unruhe nicht schlafen ließ. Er blieb die ganze Nacht auf seinem Schemel sitzen, fuhr beim geringsten Geräusch angstvoll
zusammen, und als endlich die ersten Strahlen der Morgensonne in den Raum fielen, kam ihm der Himmel wie ein Leichentuch vor.
Plötzlich hörte er, wie draußen an der Tür die Riegel zurückgeschoben wurden, und er sprang entsetzt auf. Er glaubte
schon, man hole ihn, um ihn aufs Schafott zu führen. Als er
nun aber statt des erwarteten Henkers den Kommissar und
den Schreiber vom Vortag eintreten sah, wäre er ihnen am liebsten um den Hals gefallen.
»Eure Angelegenheit hat sich seit gestern abend sehr verschlimmert, guter Mann«, sagte der Kommissar, »und ich
kann Euch nur raten, sagt die volle Wahrheit! Denn allein Euer
reuiges Geständnis vermag noch den Zorn des Kardinals zu
besänftigen.«
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»Aber ich bin ja bereit, alles zu sagen«, rief Bonacieux, »zumindest alles, was ich weiß! Bitte, fragt nur!«
»Zunächst, wo ist Eure Frau?«
»Ich habe Euch doch bereits gesagt, daß man sie mir entführt hat.«
»Ja, und gestern nachmittag um fünf ist sie mit Eurer Hilfe
entsprungen.«
Meine Frau ist entsprungen?« rief Bonacieux. »Oh, die Unselige! Aber es war gewiß nicht meine Schuld, das schwöre ich
Euch!«
»Und weshalb wart Ihr dann gestern bei Herrn d’Artagnan, Euerm Nachbarn, mit dem Ihr eine so lange Unterredung hattet?«
»Ja, Herr Kommissar, das stimmt, und ich gebe zu, das war
nicht recht von mir. Ja, ich war bei Herrn d’Artagnan.«
»Zu welchem Zweck?«
»Ich bat ihn, mir bei der Suche nach meiner Frau behilflich
zu sein. Ich dachte, ich hätte dazu ein Recht. Doch ich habe
mich da offenbar geirrt, und ich bitte Euch untertänigst um
Verzeihung.«
»Und was hat Herr d’Artagnan Euch geantwortet?«
»Er versprach mir seine Hilfe, aber ich mußte sehr bald
merken, daß er mir etwas vorgemacht hat.«
»Ach was. Ihr wollt der Justiz etwas vormachen! Herr
d’Artagnan steckt mit Euch unter einer Decke, denn er hat
die Polizisten, die Eure Frau wieder eingefangen hatten, in
die Flucht geschlagen und alle Nachforschungen vereitelt.«
»Herr d’Artagnan hat meine Frau entführt? Ja, was soll
denn das heißen?«
»Glücklicherweise ist Herr d’Artagnan in unserer Hand,
und wir werden ihn Euch gegenüberstellen.«
»Oh, nichts kann mir lieber sein!« rief Bonacieux. »Ich
sehe gern mal wieder ein bekanntes Gesicht.«
»Führt Herrn d’Artagnan herein!« sagte der Kommissar
zu den Wachen, die gleich darauf mit Athos zurückkehrten.
»Herr d’Artagnan«, wandte sich der Kommissar an den
Musketier, »sagt uns bitte, was gestern zwischen Euch und
diesem Herrn vorgefallen ist!«
»Aber das ist ja gar nicht Herr d’Artagnan!« rief der Krämer.
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»Was, nicht Herr d’Artagnan?«
»Nie und nimmer!«
»Und wie heißt dieser Herr?«
»Das kann ich nicht sagen, denn ich kenne ihn nicht.«
»Was, Ihr kennt ihn nicht?«
»Nein.«
»Ihr habt ihn nie gesehen?«
»Das wohl, aber ich weiß nicht, wie er heißt.«
»Hm«, machte der Kommissar und wandte sich an den
Musketier. »Wie ist Euer Name?«
»Athos.«
»Das ist doch kein Name! Ein Berg heißt so!« rief der Beamte, dem allmählich der Kopf schwirrte.
»Es ist trotzdem mein Name«, versetzte Athos gelassen.
»Aber erst habt Ihr behauptet, Ihr wäret d’Artagnan!«
»Ich?«
»Ja, Ihr.«
»Nein, man hat nur zu mir gesagt: ›Ihr seid doch Herr
d’Artagnan?‹, worauf ich geantwortet habe: ›So, meint Ihr?‹
Die Gardisten waren aber ihrer Sache so sicher, da wollte ich
lieber nicht widersprechen. Übrigens konnte ja auch ich mich
täuschen.«
»Herr, Ihr beleidigt das Ansehen der Justiz!«
»Durchaus nicht.«
»Also, Ihr seid Herr d’Artagnan.«
»Da seht Ihr, nun sagt Ihr es wieder!«
»Herr Kommissar«, rief nun auch Bonacieux, »hier kann es
wirklich keinen Zweifel geben! Herr d’Artagnan ist mein Mieter, und wenn er auch seine Miete nicht zahlt, ja gerade deshalb muß ich ihn doch kennen. Herr d’Artagnan ist ein junger
Mann von neunzehn oder zwanzig Jahren, während der Herr
hier mindestens dreißig ist. Herr d’Artagnan dient in der Garde
des Herrn des Essarts, während dieser Herr zu den Musketieren des Herrn de Treville gehört. Seht doch nur die Uniform!«
»Richtig«, murmelte der Kommissar, »das mit der Uniform
stimmt.«
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen, und von
einem Pförtner der Bastille begleitet, überreichte ein Bote
dem Beamten einen Brief.
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»Oh, die Unselige!« rief dieser.
»Wie? Was sagt Ihr da? Von wem sprecht Ihr? Hoffentlich
nicht von meiner Frau?«
»Doch, gerade von ihr. Ich muß schon sagen, Eure Lage wird
immer hübscher!«
»Ja, um Gottes willen«, rief der Krämer verzweifelt, »sagt
mir doch nur, wieso sich meine Lage verschlechtern kann,
wenn meine Frau etwas anstellt, während ich im Gefängnis
sitze!«
»Weil alles, was sie tut, nur die Folge eines teuflischen Planes ist, den ihr gemeinsam ausgeheckt habt!«
»Ich schwöre Euch, Herr Kommissar, Ihr seid da in einem
großen Irrtum! Ich habe keine Ahnung von dem, was meine
Frau tun wollte, ich weiß auch nicht das geringste von dem,
was sie getan hat, aber wenn sie irgend etwas angestellt hat,
so will ich sie verleugnen und verfluchen.«
»Herrgott«, sagte Athos zu dem Kommissar, »wenn Ihr
mich hier nicht mehr braucht, dann schafft mich irgendwo
anders hin! Dieser Herr Bonacieux ist gräßlich langweilig.«
»Bringt die Gefangenen wieder in ihre Zellen!« sagte der
Beamte. »Und daß sie mir strengstens bewacht werden!«
»Aber«, wandte Athos mit gewohnter Ruhe ein, »wenn Ihr
mit Herrn d’Artagnan zu tun habt, sehe ich eigentlich nicht
ein, warum ich ihn vertreten soll.«
»Tut, was ich gesagt habe!« schrie der Kommissar. »Und
strengste Verschwiegenheit, verstanden?«
Achselzuckend folgte Athos den Wachen, während Bonacieux in ein Wehgeschrei ausbrach, das selbst einen Tiger zu
Tränen gerührt hätte.
Man brachte den Krämer in dieselbe Zelle zurück, in der
er die vergangene Nacht zugebracht hatte, und ließ ihn hier
den ganzen Tag. Den ganzen Tag weinte Bonacieux, wie nur
ein Krämer weinen kann, denn wie er es selber gesagt hatte,
war er kein Mann des Degens. Gegen acht Uhr abends, als er
sich gerade schlafen legen wollte, hörte er Schritte im Flur.
Die Schritte kamen näher, die Tür ging auf, und Wachen erschienen.
»Kommt mit!« sagte ein Polizeiwachtmeister, der hinter
den anderen auftauchte.
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»Mitkommen?« rief Bonacieux entsetzt. »Um diese Stunde
mitkommen? Ja wohin denn, um Gottes willen?«
»Wohin wir Befehl haben, Euch zu führen.«
»Das ist doch keine Antwort.«
»Aber die einzige, die wir Euch geben dürfen.«
»Ach Gott, ach Gott!« murmelte der unglückliche Krämer.
»Diesmal bin ich verloren!« Und widerstandslos folgte er den
Wachen.
Man führte ihn durch denselben Korridor, durch den er
gekommen war, dann über einen Hof und durch ein zweites
Gebäude; schließlich kamen sie zum Hauptportal, wo ein
von vier Berittenen bewachter Wagen wartete. Man ließ ihn
einsteigen, der Wachtmeister setzte sich neben ihn, dann
wurde die Tür von außen zugeschlossen, und beide befanden sich in einem rollenden Gefängnis.
Langsam wie ein Leichenwagen setzte sich das Gefährt in
Bewegung. Durch das verschlossene Gitter konnte der Gefangene nur die Häuser und das Straßenpflaster sehen, aber
als echter Pariser erkannte er jede Straße an den Ecksteinen,
an den Schildern und Laternen. Als sie nach Saint-Paul kamen,
wo die Verurteilten der Bastille hingerichtet wurden, war er
einer Ohnmacht nahe und bekreuzigte sich zweimal. Er hatte
schon geglaubt, der Wagen wolle halten, aber er fuhr weiter.
Kurz darauf erfaßte ihn wiederum ein gewaltiger Schreck, als
sie am Friedhof Saint-Jean vorüberkamen, wo man die Staatsverbrecher beerdigte. Nur ein Umstand beruhigte ihn ein wenig, daß man sie nämlich, bevor man sie verscharrte, gemeinhin einen Kopf kürzer machte und daß seiner noch fest
auf den Schultern saß. Als er aber merkte, daß der Wagen die
Richtung zum Place de la Grève einschlug, und als er die spitzen Giebel des Rathauses sah, glaubte er, jetzt sei alles aus,
wollte dem Wachtmeister beichten und schrie, als der ihn
abwies, so jämmerlich, daß sein Begleiter drohte, er werde
ihm einen Knebel in den Mund stecken, wenn er weiter so
brülle.
Diese Ankündigung beruhigte Bonacieux wieder etwas.
Wenn man ihn wirklich hier hinrichten wollte, brauchte man
ihn nicht mehr zu knebeln, da man ja schon fast am Ziel war.
Richtig überquerte der Wagen, ohne anzuhalten, den unheil151
vollen Platz. Nun war nur noch das Croix-du-Trahoir zu
fürchten, und genau dorthin fuhr der Wagen.
Diesmal war kein Zweifel mehr möglich, man brachte ihn
zur Richtstätte der Verbrecher minderen Ranges. Bonacieux
hatte sich geschmeichelt, er sei des Saint-Paul- oder des Grèveplatzes würdig, statt dessen sollte diese Fahrt und damit sein
Leben bei dem Croix-du-Trahoir enden! Doch konnte er das
unselige Kreuz nicht sehen, aber er fühlte es sozusagen auf
sich zukommen. Als die Entfernung nur noch etwa zwanzig
Schritt betragen konnte, vernahm er Lärm, und der Wagen
hielt an. Das war zuviel für den armen Bonacieux, den schon
die vorangegangenen Aufregungen arg mitgenommen hatten:
Mit einem schwachen Seufzer, der wie der letzte Atemzug
eines Sterbenden klang, sank er in Ohnmacht.
Der Mann aus Meung
Die Menschenmenge, die den Wagen zum Halten gebracht
hatte, wartete nicht auf jemand, der noch gehenkt werden
sollte, sondern besichtigte einen bereits Gehenkten.
Der Wagen setzte sich also gleich wieder in Bewegung,
fuhr mitten durch das Gewühl, rollte noch ein paar Straßen
weiter und hielt endlich vor einem niedrigen Tor. Man öffnete
die Wagentür, und zwei Gardisten nahmen Bonacieux, der
von dem Wachtmeister hinausgeschoben wurde, in Empfang,
dann ging es durch einen Korridor, über eine Treppe und
schließlich in ein Vorzimmer.
Der Krämer ließ das alles willenlos mit sich geschehen. Er
ging wie im Traum, sah alle Dinge wie durch dichten Nebel
und hörte, ohne etwas zu verstehen. In diesem Augenblick
hätte man ihn getrost hinrichten können, ohne daß er sich gewehrt oder um Gnade gefleht hätte. Und ebenso willenlos saß
er nun an die Wand zurückgelehnt und mit hängenden Armen
auf der Bank, wo ihn die Gardisten hingesetzt hatten.
Als er jedoch um sich blickte, konnte er nichts Bedrohliches
feststellen, nichts, was auf eine unmittelbare Gefahr hindeutete, vielmehr war die Bank angenehm gepolstert, die Wand
152
mit feinem Korduanleder bespannt, schwere rote Damastvorhänge, die von goldenen Kordeln zur Seite gerafft wurden, hingen vor den Fenstern, und da merkte er allmählich, daß seine
Furcht übertrieben war, und drehte den Kopf neugierig nach
allen Seiten. Durch diese Bewegung, die ihm niemand verwehrte, faßte er wieder etwas Mut und wagte, zuerst das eine,
dann das andere Bein vorzuziehen; schließlich stützte er beide
Hände auf die Bank und richtete sich vorsichtig auf.
In diesem Augenblick zog ein gut aussehender Offizier
eine Portiere zurück und wandte sich, nachdem er noch ein
paar Worte mit einer im Nebenraum befindlichen Person gewechselt hatte, an den Gefangenen.
»Bonacieux, seid Ihr das?«
»Ja, Herr Offizier, zu Diensten«, stammelte der Krämer,
mehr tot als lebendig.
»Dann tretet ein!« Und er machte dem Krämer Platz, der
wortlos gehorchte und an ihm vorbei in das Zimmer trat, in
dem man ihn offenbar erwartete.
Es war ein großer geschlossener und stickiger Raum, dessen Wände allerlei Waffen schmückten und in dessen Kamin
ein paar mächtige Holzscheite brannten. Ein viereckiger, mit
Büchern und Papieren bedeckter Tisch, auf dem ein riesiger
Stadtplan von La Rochelle ausgebreitet lag, nahm die Mitte
des Zimmers ein.
Vor dem Kamin stand ein mittelgroßer Mann mit stolzer,
hochmütiger Miene, stechenden Augen, breiter Stirn und
einem hageren Gesicht, das durch den Knebelbart noch länger
wirkte. Obgleich dieser Mann erst sechs- oder siebenunddreißig Jahre alt war, fingen Haar und Bart schon an zu ergrauen. Auch ohne Degen sah er ganz wie ein Kriegsmann aus,
und seine noch leicht mit Staub bedeckten Büffellederstiefel
ließen erkennen, daß er an diesem Tag schon geritten war.
Das war Armand-Jean Duplessis, Kardinal von Richelieu,
nicht so, wie man ihn uns meistens vorführt: hinfällig wie ein
Greis, leidend wie ein Märtyrer, mit gebrochenem Körper und
erloschener Stimme, in einen großen Lehnstuhl vergraben wie
in ein vorzeitiges Grab, allein durch unerhörte Willenskraft
noch am Leben und nur durch pausenlose Anstrengungen seines Geistes imstande, den Kampf gegen Europa fortzuführen;
153
sondern so, wie er damals wirklich war, das heißt ein geschickter und galanter Kavalier, wohl bereits körperlich etwas
schwach, aber aufrechterhalten von jener Energie, die ihn zu
einer der außerordentlichen Gestalten der Geschichte gemacht
hat.
Dieser Mann, der gerade wieder einmal über einem Plan
brütete, um die Engländer von der Insel Ré zu verjagen und
die letzte Hugenottenfeste, La Rochelle, zu belagern, verriet
äußerlich durch nichts den Kardinal, und wer ihn nicht von
Ansehen kannte, vermochte auf den ersten Blick unmöglich
zu sagen, vor wem er stand.
Der unglückliche Krämer blieb an der Tür stehen, während
der Mann, den wir eben beschrieben haben, ihn eindringlich
musterte, als wolle er mit einem einzigen Blick sein ganzes
Leben ergründen.
»Ist das dieser Bonacieux?« fragte er nach kurzem Schweigen.
»Ja, Monseigneur«, erwiderte der Offizier.
»Gut, dann gebt mir die Papiere und laßt uns allein!«
Der Offizier nahm die gewünschten Papiere vom Tisch,
reichte sie dem Kardinal, verneigte sich bis zur Erde und ging.
Bonacieux erkannte in diesen Papieren die Protokolle seiner Verhöre in der Bastille. Von Zeit zu Zeit blickte der Mann
am Kamin von seinen Schriftstücken auf und sah ihn durchbohrend an.
Wenige Minuten Lektüre und wenige Sekunden Beobachtung genügten, und das Urteil des Kardinals stand fest.
Dieser Kerl ist nie im Leben ein Verschwörer, sagte er sich,
doch was tut’s? Nehmen wir ihn uns erst mal vor!
»Ihr seid des Hochverrats angeklagt«, begann er langsam.
»Das hat man mir bereits gesagt, Monseigneur«, antwortete Bonacieux und bediente sich aufs Geratewohl der Anrede, die er von dem Offizier gehört hatte. »Aber ich schwöre
Euch, daß ich von alledem nichts wußte!«
Der Kardinal unterdrückte ein Lächeln.
»Ihr habt mit Eurer Frau, mit Madame de Chevreuse und
dem Herzog von Buckingham eine Verschwörung angezettelt.«
»All diese Namen habe ich in der Tat schon einmal von
meiner Frau gehört, Monseigneur.«
154
»Und bei welcher Gelegenheit?«
»Sie sagte, daß der Kardinal Richelieu den Herzog nach
Paris gelockt hat, um ihn und die Königin zu verderben.«
»Das hat sie gesagt?« rief der Kardinal heftig.
»Ja, Monseigneur, aber ich habe ihr darauf gesagt, sie soll
nicht solche Reden führen, und Seine Eminenz ist gewiß unfähig …«
»Schweigt!« unterbrach ihn der Kardinal. »Ihr seid ein
Trottel.«
»Das hat meine Frau auch gesagt.«
»Wißt Ihr, wer Eure Frau entführt hat?«
»Nein, Monseigneur.«
»Aber Ihr habt einen Verdacht?«
»Ja, Monseigneur, aber dieser Verdacht scheint den Herrn
Kommissar ziemlich verdrossen zu haben, und darum hege
ich ihn jetzt nicht mehr.«
»Eure Frau ist entflohen. Wußtet Ihr das?«
»Nein, Monseigneur, ich habe es erst im Gefängnis erfahren,
und zwar aus dem Munde des Herrn Kommissars, der überhaupt sehr freundlich zu mir war.«
Wieder unterdrückte der Kardinal ein Lächeln.
»Dann wißt Ihr also auch nicht, was aus Eurer Frau seit ihrer
Flucht geworden ist?«
»Nein, nicht das mindeste, Monseigneur; aber sie wird
wohl wieder im Louvre sein.«
»Heute nacht um eins war sie noch nicht zurück.«
»Mein Gott! Was mag nur mit ihr geschehen sein?«
»Seid unbesorgt, wir werden es schon erfahren! Vor dem
Kardinal kann man nichts verbergen, er weiß alles.«
»Wenn es so ist, ob da wohl der Kardinal mir sagen kann,
was aus meiner Frau geworden ist, was meint Ihr, Monseigneur?«
»Vielleicht, doch zunächst müßt Ihr alles gestehen, was Ihr
über die Beziehungen Eurer Frau zu Madame de Chevreuse
wißt.«
»Aber ich habe keine Ahnung, Monseigneur! Ich habe sie
nie gesehen.«
»Wenn Ihr Eure Frau vom Louvre abholtet, kehrte sie dann
immer gleich nach Hause zurück?«
155
»Fast nie. Sie hatte immer noch mit Wäschehändlern zu
tun, und da habe ich sie hinbegleitet.«
»Wieviel Wäschehändler waren es denn?«
»Zwei, Monseigneur.«
»Und wo wohnten die?«
»Der eine in der Rue de Vaugirard, der andere in der Rue
de La Harpe.«
»Gingt Ihr mit zu den Händlern hinein?«
»Nein, Monseigneur, ich wartete immer vor der Tür.«
»Und was für eine Ausrede gebrauchte sie, damit sie allein
hineingehen konnte?«
»Gar keine. Sie hieß mich warten, und so wartete ich eben.«
»Ihr seid ein angenehmer Ehemann, mein lieber Bonacieux!«
sagte der Kardinal.
Er nennt mich »lieber Bonacieux«, sagte sich der Krämer;
Teufel, die Sache macht sich!
»Würdet Ihr dort wieder hinfinden?«
»Ja.«
»Wißt Ihr die Hausnummern?«
»Ja. Einmal Rue de Vaugirard Nr. 25 und dann Rue de La
Harpe Nr. 75.«
»Gut«, sagte der Kardinal, nahm eine silberne Glocke und
läutete, worauf der Offizier von vorhin wieder eintrat.
»Holt mir Rochefort«, sagte er leise, »er soll sofort kommen, wenn er zurück ist!«
»Der Graf ist schon da«, antwortete der Offizier, »und er
wünscht dringend Eure Eminenz zu sprechen.«
»Um so besser!« rief Richelieu lebhaft. »Laßt ihn herein!«
Mit der Eilfertigkeit, die alle Untergebenen des Kardinals
an den Tag legten, entfernte sich der Offizier.
»Eure Eminenz!« wiederholte Bonacieux flüsternd und
blickte verstört um sich.
Noch waren keine fünf Sekunden seit dem Abgang des Offiziers verstrichen, da öffnete sich die Tür, und jemand trat ein.
»Das ist er!« rief Bonacieux.
»Wer? Was?« fragte der Kardinal.
»Der Mann, der meine Frau entführt hat!«
Der Kardinal läutete ein zweites Mal. Wieder erschien der
Offizier.
156
»Bringt diesen Mann zu seinen Wächtern zurück! Er soll
warten, bis ich ihn wieder rufen lasse.«
»Nein, Monseigneur, er ist es doch nicht!« jammerte Bonacieux. »Nein, ich habe mich getäuscht, es ist ein anderer, und
er sieht ihm auch gar nicht ähnlich! Dieser hier ist ein Ehrenmann!«
»Schafft diesen Trottel hinaus!«
Der Offizier packte Bonacieux am Arm und führte ihn in
das Vorzimmer zurück, wo er wieder seine Gardisten fand.
Der soeben Eingetretene blickte dem Krämer ungeduldig
nach, bis dieser verschwunden und die Tür wieder geschlossen war. Dann trat er rasch auf den Kardinal zu und sagte:
«Sie haben sich gesehen!«
»Wer?«
»Sie und er.«
»Die Königin und der Herzog?« fuhr Richelieu auf.
»Ja.«
»Und wo?«
»Im Louvre.«
»Seid Ihr sicher?«
»Vollkommen.«
»Von wem habt Ihr es?«
»Von Madame de Lannoy, die, wie Ihr wißt. Eurer Eminenz ganz ergeben ist.«
»Warum hat sie es Euch nicht früher gemeldet?«
»Zufällig oder aus Mißtrauen hat ihr die Königin Madame
de Surgis ins Zimmer gelegt, und so war sie die ganze Zeit
unter Aufsicht.«
»Gut, wir sind geschlagen. Versuchen wir jetzt, die Scharte
auszuwetzen!«
»Ich bin von ganzem Herzen dabei, Monseigneur.«
»Und wie hat sich die Sache abgespielt?«
»Eine halbe Stunde nach Mitternacht war die Königin noch
in Gesellschaft ihrer Damen …«
»Wo?«
»In ihrem Schlafgemach …«
»Gut.«
»Da überbrachte man ihr plötzlich ein Taschentuch von
ihrer Wäschebeschließerin …«
157
»Und?«
»Die Königin verriet sogleich eine große Erregung, und obwohl sie viel Rot aufgelegt hatte, sah man, wie sie erbleichte.«
»Weiter, weiter!«
»Jedenfalls stand sie auf und sagte mit tonloser Stimme:
›Meine Damen, wartet hier, ich bin in zehn Minuten wieder
zurück!‹ Damit verschwand sie durch die Alkoventür.«
»Warum hat man Euch jetzt nicht sofort benachrichtigt?«
»Es war ja noch nichts bestimmt; zudem hatte die Königin ausdrücklich gesagt, die Damen sollten auf sie warten,
und Madame de Lannoy wagte nicht, ungehorsam zu sein.«
»Und wie lange blieb die Königin fort?«
»Drei Viertelstunden.«
»Und keine ihrer Damen war während dieser Zeit bei ihr?«
»Nur Donna Estefana.«
»Und dann kam sie wieder zurück?«
»Ja, aber nur, um ein kleines Rosenholzkästchen zu holen
und gleich wieder zu verschwinden.«
»Hat sie das Kästchen später wieder mitgebracht?«
»Nein.«
»Weiß Madame de Lannoy, was sich darin befand?«
»Ja, die Diamantnadeln, die Seine Majestät der Königin geschenkt hat.«
»Dann glaubt also Madame de Lannoy, daß die Königin
diese Nadeln dem Herzog gegeben hat?«
»Sie ist davon überzeugt.«
»Wieso?«
»Im Laufe des Tages hat Madame de Lannoy in ihrer Eigenschaft als Kammerfrau der Königin nach dem Kästchen gesucht, und als sie es nicht fand, tat sie sehr beunruhigt und hat
schließlich die Königin danach gefragt.«
»Und die Königin?«
»Errötete sichtlich und sagte, eine der Nadeln wäre ihr gestern zerbrochen, und darum hätte sie das Kästchen zum
Goldschmied geschickt.«
»Man muß sofort hin und sich vergewissern, ob es sich so
verhält!«
»Ich war schon da.«
»Na, und was sagt der Goldschmied?«
158
»Er weiß von nichts.«
»Sehr schön, Rochefort, noch ist nicht alles verloren, und
wer weiß … vielleicht steht alles zum besten!«
»Ich zweifle in der Tat nicht daran, daß das Genie Eurer
Eminenz …«
»Die Fehler seines Gehilfen wiedergutmacht, nicht wahr?«
»Genau das wollte ich sagen.«
»Wißt Ihr inzwischen, wo Madame de Chevreuse und der
Herzog von Buckingham sich verborgen hielten?«
»Nein, Monseigneur, darüber haben meine Leute nichts
Bestimmtes in Erfahrung bringen können.«
»Aber ich.«
»Ihr, Monseigneur?«
»Ja, oder ich vermute es doch zumindest. Sie wohnten in der
Rue de Vaugirard Nr. 25 und in der Rue de La Harpe Nr. 75.«
»Befehlen Eure Eminenz, daß ich die beiden sofort verhaften lasse?«
»Dazu dürfte es zu spät sein, sie sind sicher schon abgereist.«
»Und wenn! Auf jeden Fall kann man sich Gewißheit verschaffen.«
»Nehmt zehn Mann von meiner Leibwache und durchsucht die beiden Häuser!«
»Zu Befehl, Eure Eminenz.« Und Rochefort eilte hinaus.
Der Kardinal blieb einen Augenblick sinnend stehen, dann
läutete er zum drittenmal, und wieder erschien der Offizier.
»Laßt den Gefangenen herein!«
Meister Bonacieux wurde aufs neue hereingeführt, und auf
einen Wink des Kardinals zog sich der Offizier zurück.
»Ihr habt mich getäuscht!« sagte der Kardinal streng.
»Ich?« rief Bonacieux. »Wie könnte ich Eure Eminenz täuschen?«
»Eure Frau hat in der Rue de Vaugirard und in der Rue de
La Harpe gar keine Wäschehändler aufgesucht!«
»Gerechter Gott, bei wem war sie denn?«
»Sie war bei Madame de Chevreuse und beim Herzog von
Buckingham.«
»Ja«, sagte Bonacieux, der angestrengt in seiner Erinnerung
suchte, »ja, das stimmt. Eure Eminenz haben recht. Ich habe ein
paarmal zu meiner Frau gesagt, ich fände es eigentlich sonder159
bar, daß Wäschehändler in solchen Häusern wohnen, in Häusern, an denen gar keine Schilder sind, aber sie hat dazu bloß
gelacht. Ach, Monseigneur«, und damit warf sich Bonacieux
dem Kardinal zu Füßen, »ach, man merkt doch gleich, daß Ihr
der Kardinal seid, der große Kardinal, der geniale Mann, den alle
Welt verehrt!«
So lächerlich auch der Triumph war, den er über einen so
gewöhnlichen Menschen wie Bonacieux davongetragen
hatte, so freute sich der Kardinal doch einen Augenblick; und
als sei ihm plötzlich ein neuer Gedanke gekommen, lächelte
er auf einmal und reichte dem Krämer die Hand.
»Steht auf, mein Freund! Ihr seid ein wackerer Mann.«
»Der Kardinal hat meine Hand berührt!« rief Bonacieux.
»Ich habe die Hand Seiner Eminenz berührt! Der große
Mann hat mich seinen Freund genannt!«
»Ja, mein Freund«, sagte der Kardinal in jenem väterlichen
Ton, den er manchmal anzunehmen verstand, der jedoch nur
jemand täuschen konnte, der ihn nicht kannte, »und weil man
Euch zu Unrecht verdächtigt hat, habt Ihr Anspruch auf eine
Entschädigung. Hier, nehmt diesen Beutel mit hundert Dukaten und verzeiht mir!«
»Ich Euch verzeihen, Monseigneur?« protestierte Bonacieux
und zögerte, den Beutel anzunehmen, da er offenbar fürchtete,
das angebliche Geschenk sei nur ein schlechter Scherz. »Aber
es stand durchaus in Eurer Macht, mich verhaften, mich foltern, ja mich hängen zu lassen. Ihr seid der Herr, und ich hätte
nicht das kleinste Wörtchen dagegen sagen dürfen. Euch verzeihen, Monseigneur? Nein, das kann nicht Euer Ernst sein!«
»Oh, mein lieber Bonacieux, Ihr beweist Großmut, wie ich
sehe, und ich danke Euch dafür! Ihr nehmt also diesen Beutel und verlaßt mich ohne Groll?«
»Ich gehe als der seligste Mensch von hier fort, Monseigneur!«
»Lebt denn wohl oder vielmehr auf Wiedersehen, denn ich
hoffe, wir sehen uns wieder!«
»Sooft Eure Eminenz befehlen, ich stehe ganz zu Euern
Diensten!«
»Es soll oft geschehen, verlaßt Euch darauf! Die Unterhaltung mit Euch hat mir außerordentlich gefallen.«
160
»Oh, Monseigneur!«
»Auf Wiedersehen, mein lieber Bonacieux, auf Wiedersehen!«
Der Kardinal winkte ihm zu, woraufhin der Krämer sich bis
zur Erde verneigte und rückwärts unter wiederholten Bücklingen der Tür zustrebte. Im Vorzimmer hörte der Kardinal ihn
begeistert rufen: »Es lebe Seine Eminenz! Hoch lebe der große
Kardinal!« Lächelnd lauschte er dieser geräuschvollen Kundgebung von Meister Bonacieux’ hochgestimmten Gefühlen,
und als sich das Geschrei in der Ferne verloren hatte, murmelte
er befriedigt: »Wieder einer, der für mich durchs Feuer geht.«
Und damit beugte er sich aufmerksam über die Karte von La
Rochelle, um mit einem Bleistift die Linie einzuzeichnen, wo
etliche Monate später der berühmte Damm verlaufen sollte,
der den Hafen der belagerten Stadt vom Meer abschnürte.
Aus diesen strategischen Überlegungen wurde er erneut gerissen, als die Tür aufging und Rochefort sich zurückmeldete.
»Nun?« fragte der Kardinal lebhaft und richtete sich mit
einer Schnelligkeit auf, die erkennen ließ, welche Bedeutung
er dem Auftrag beimaß, den er dem Grafen erteilt hatte.
»In den von Eurer Eminenz angegebenen Häusern haben
tatsächlich eine Frau von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig und ein Mann von fünfunddreißig bis vierzig Jahren gewohnt, und zwar vier beziehungsweise fünf Tage; aber die Frau
ist schon in der Nacht abgereist und der Mann heute morgen.«
»Das waren sie!« rief der Kardinal mit einem Blick auf die
Uhr. »Aber jetzt ist es zu spät, um noch hinter ihnen herzujagen. Die Herzogin wird schon in Tours sein und der Herzog in Boulogne. Wir müssen ihnen eben bis London nach.«
»Was befehlen Eure Eminenz?«
»Kein Wort über das Vorgefallene! Die Königin muß sich in
völliger Sicherheit wiegen, sie darf nicht wissen, daß wir ihr
Geheimnis kennen, sie soll denken, wir spüren irgendeiner
Verschwörung nach. Schickt mir den Siegelbewahrer Seguier!«
»Und was haben Eure Eminenz mit dem Kerl gemacht?«
»Mit welchem Kerl?«
»Nun, mit diesem Bonacieux?«
»Das Beste, was man daraus machen konnte: den Spion
seiner Frau!«
161
Graf de Rochefort verneigte sich als einer, der die Überlegenheit seines Meisters anerkennt, und entfernte sich.
Der Kardinal setzte sich, schrieb einen Brief, den er mit
seinem persönlichen Siegel verschloß, und läutete.
»Schickt mir Vitray«, befahl er dem eintretenden Offizier,
»und sagt ihm, er soll sich auf eine längere Reise vorbereiten!«
Bald darauf stand der Betreffende gestiefelt und gespornt
vor ihm.
»Vitray«, sagte er, »Ihr müßt sofort und auf dem schnellsten
Wege nach London. Ohne jeden Aufenthalt! Dort übergebt
Ihr Mylady diesen Brief. Hier ist eine Anweisung auf zweihundert Dukaten, holt Euch das Geld bei meinem Schatzmeister!
Wenn Ihr in sechs Tagen wieder zurück seid und Eure Sache
gut erledigt habt, wartet auf Euch noch einmal die gleiche
Summe.«
Der Bote verneigte sich wortlos, nahm den Brief und die
Anweisung auf die zweihundert Dukaten an sich und trat ab.
Der Brief hatte folgenden Wortlaut:
»Mylady,
findet Euch auf dem ersten Ball ein, den auch der Herzog von
Buckingham besucht. Er wird an seinem Wams zwölf Diamantnadeln tragen; drängt Euch in seine Nähe und schneidet
zwei davon ab! – Sobald sich die Nadeln in Euerm Besitz befinden, gebt mir unverzüglich Nachricht!«
Beamte und Soldaten
Als an dem Tag, der den geschilderten Ereignissen folgte,
Athos noch immer nicht wieder aufgetaucht war, meldeten
d’Artagnan und Porthos Herrn de Treville das Verschwinden
ihres Freundes. Was Aramis angeht, so hatte er sich fünf Tage
Urlaub erbeten und war dem Vernehmen nach in Familienangelegenheiten nach Rouen gereist.
Herr de Treville war seinen Soldaten ein wahrer Vater. Der
Geringste unter ihnen konnte, sobald er den Uniformrock
trug, seiner Hilfe und seines Beistands genauso sicher sein,
als wäre er sein leiblicher Sohn. Er begab sich also unver162
züglich zum Kriminalrichter. Man ließ den Offizier rufen,
der die Wache am Croix-Rouge befehligte, und jetzt endlich
erfuhr man, daß Athos in der Bischofsfeste in Haft war.
Athos hatte die gleiche Prozedur über sich ergehen lassen,
die auch Bonacieux, wie wir gesehen haben, erdulden mußte.
Wir haben die Gegenüberstellung der beiden Gefangenen erlebt. Bis dahin hatte Athos geschwiegen, damit man nicht auch
d’Artagnan behelligte und ihm die Ausführung seines Vorhabens unmöglich machte; jetzt aber erklärte er offen, daß er
nicht d’Artagnan, sondern Athos heiße. Er fügte hinzu, daß er
weder Herrn noch Frau Bonacieux kenne und mit keinem von
beiden jemals gesprochen habe; er habe Herrn d’Artagnan, seinen Freund, gegen zehn Uhr abends besuchen wollen, nachdem er sich bis dahin im Hause des Herrn de Treville aufgehalten und dort auch diniert habe, wofür er gut und gerne
zwanzig Zeugen anführen könne, und er nannte mehrere angesehene Edelleute, darunter den Herzog de La Tremouille.
Der zweite Untersuchungsrichter war nicht weniger erstaunt als der erste über die einfachen und festen Aussagen
dieses Musketiers, an dem er, wie alle Beamten im Hinblick
auf die Soldaten, so gern sein Mütchen gekühlt hätte; aber
die Namen Treville und Tremouille ließen einige Vorsicht geboten erscheinen.
Athos wurde gleichfalls zum Kardinal gebracht, doch der
befand sich unglücklicherweise gerade im Louvre beim König.
In ebendiesem Augenblick aber traf auch Herr de Treville,
nachdem er Athos weder beim Kriminalrichter noch beim
Gouverneur der Bischofsfeste gefunden hatte, im Louvre ein.
Als Hauptmann der Musketiere konnte Herr de Treville sich
jederzeit beim König melden lassen.
Wir kennen bereits die Voreingenommenheit des Königs gegen die Königin und wissen, wie geschickt er in dieser Voreingenommenheit vom Kardinal bestärkt wurde, der in puncto
Intrigen den Frauen sehr viel mehr zutraute als den Männern.
Eine der Hauptursachen dieser Voreingenommenheit war die
Freundschaft Anna von Österreichs mit Madame de Chevreuse. Die beiden Frauen beunruhigten den König mehr als
alle Kriege mit Spanien, alle Zwistigkeiten mit England und alle
Geldnöte. In seinen Augen und nach seiner Überzeugung un163
terstützte Madame de Chevreuse die Königin nicht nur in ihren
politischen Ränken, sondern auch, und das war für den König
noch quälender, bei ihren Liebesangelegenheiten.
Beim ersten Wort des Kardinals, daß die nach Tours verbannte Madame de Chevreuse nach Paris gekommen sei und
sich hier der Polizei zum Trotz fünf Tage aufgehalten habe,
geriet der König in furchtbaren Zorn, und doch wollte er, der
Launische und Unzuverlässige, um jeden Preis »Ludwig der
Gerechte« und »Ludwig der Keusche« genannt werden.
Als aber der Kardinal hinzufügte, Madame de Chevreuse sei
nicht nur nach Paris gekommen, sondern auch auf dem Wege
eines geheimen Briefwechsels, einer sogenannten Kabale, mit
der Königin in Verbindung getreten, und als er weiter versicherte, er selber sei schon nahe daran gewesen, die verborgensten Fäden dieser Intrige zu entwirren, doch gerade in dem
Augenblick, da man die Vermittlerin zwischen der Königin und
der Verbannten mit allen Beweisen in den Händen auf frischer
Tat ertappt hatte und festnehmen wollte, habe ein Musketier
sich unterstanden, der Gerechtigkeit in den Arm zu fallen und
mit gezogenem Degen über die Gerichtsdiener herzufallen, die
beauftragt waren, die ganze Angelegenheit unparteiisch zu untersuchen und dann Seiner Majestät zu unterbreiten; als der
König dies alles erfuhr, hielt er nicht mehr an sich; mit jener
bleichen, stummen Wut, die bei diesem Fürsten so leicht in
kalte Grausamkeit umschlug, machte er einen Schritt auf das
Gemach der Königin zu. Und dabei hatte der Kardinal den
Herzog von Buckingham noch mit keiner Silbe erwähnt.
In diesem Augenblick trat kalt, höflich und in untadeliger
Haltung Herr de Treville auf den Plan. Die Anwesenheit des
Kardinals und die sichtliche Erregung des Königs ließen ihn
sofort begreifen, was vorgefallen war. Ludwig XIII. hatte die
Hand schon an der Türklinke, doch auf das Geräusch des
Eintretenden hin wandte er sich um.
»Ihr kommt gerade recht, Herr Hauptmann!« rief der König, außerstande, seine Gefühle zu verbergen. »Von Euern
Musketieren hört man ja schöne Sachen!«
»Und ich«, erwiderte Treville gelassen, »habe schöne Sachen von Euern Beamten gehört, die ich Eurer Majestät zur
Kenntnis bringen möchte.«
164
»Bitte!«
»Ich habe die Ehre, Eurer Majestät mitzuteilen, daß mehrere Prokuratoren, Kommissare und Polizisten, also durchaus ehrenwerte, wenn auch offenbar gegen unsere Uniform
besonders aufgebrachte Leute, sich erlaubt haben, einen meiner oder vielmehr Eurer Musketiere in einem Hause zu verhaften, ihn als Gefangenen durch die Straßen zu führen und
in die Bischofsfeste zu werfen; dies alles auf Grund eines Befehls, den man sich weigerte, mir vorzuzeigen. Der Mann
aber, mit dem so verfahren wurde, ist ein Soldat von untadeliger Führung und allerbestem Ruf, den auch Majestät in
gutem Gedächtnis haben werden: Athos.«
»Athos«, sagte der König mechanisch.
»Vielleicht darf ich Majestät daran erinnern, daß Herr Athos
jener Musketier ist, der bei dem leidigen Duell, von dem Ihr ja
wißt, das Unglück hatte, Herrn de Cahusac schwer zu verwunden. – Übrigens, Monseigneur«, wandte sich Treville an
den Kardinal, »Herr de Cahusac ist doch wohl wieder ganz hergestellt, nicht wahr?«
»Danke!« sagte der Kardinal und biß sich wütend auf die
Lippen.
»Herr Athos wollte also einen seiner Freunde besuchen«,
fuhr Treville fort, »einen jungen Bearner, der als Kadett in
der Kompanie des Essarts dient, traf ihn jedoch nicht an;
kaum aber hatte er die Wohnung seines Freundes betreten
und ein Buch zur Hand genommen, um seine Rückkehr zu
erwarten, als ein ganzes Rudel von Häschern und Soldaten
ins Haus stürmte, die Türen einrannte …«
Der Kardinal bedeutete dem König durch ein Zeichen, daß
es sich um die eben besprochene Angelegenheit handelte.
»Wir wissen das alles«, erwiderte der König, »denn es geschah auf meine Veranlassung.«
»Dann geschah es auch auf Veranlassung Eurer Majestät,
daß man einen unschuldigen Musketier wie einen Verbrecher
von zwei Gardisten durch eine freche Volksmenge schleppen
ließ, einen Edelmann, der schon so oft sein Blut für Euch
vergossen hat und immer wieder dazu bereit sein wird?«
»Ach«, entgegnete der König, unsicher geworden, »hat
sich die Sache wirklich so zugetragen?«
165
»Herr de Treville sagt nur nicht«, warf der Kardinal mit aller
Gelassenheit ein, »daß dieser unschuldige Musketier und Edelmann eine Stunde vorher vier Untersuchungsbeamte, die von
mir mit der Aufklärung eines höchst wichtigen Falles betraut
worden waren, mit seinem Degen traktiert hat.«
»Das zu beweisen dürfte Eurer Eminenz schwerfallen!«
rief Treville mit dem Freimut des Gascogners und der Derbheit des Soldaten. »Eine Stunde vorher nämlich erwies mir
Herr Athos die Ehre, mein Gast beim Abendessen zu sein
und anschließend in meinem Salon mit dem Herzog de La
Tremouille und dem Grafen de Chalus zu plaudern.«
Der König sah den Kardinal an.
»Ein Protokoll ist ein Beweis«, antwortete der Kardinal
laut auf die stumme Frage, die in diesem Blick lag, »und die
Mißhandelten haben eins aufgesetzt, das Eurer Majestät zu
überreichen ich hiermit die Ehre habe.«
»Gilt das Protokoll eines Beamten genausoviel wie das
Wort eines Soldaten?« rief Treville stolz.
»Nun, nun, Treville, mäßigt Euch!« sagte der König.
»Wenn Seine Eminenz einen meiner Musketiere verdächtigt, dann verlange ich im Vertrauen auf die bekannte Gerechtigkeit des Herrn Kardinals selber eine Untersuchung.«
»In dem Haus, in dem die Polizei ihre Nachforschungen angestellt hat«, fuhr der Kardinal unbewegt fort, »wohnt, Ihr sagtet es selbst, ein mit dem Musketier befreundeter Bearner.«
»Eure Eminenz meinen Herrn d’Artagnan.«
»Ich meine einen jungen Mann, dessen Ihr Euch besonders angenommen habt, Herr de Treville.«
»Ja, Eure Eminenz, so ist es.«
»Wäre es nicht denkbar, daß der junge Mann ihm einen
schlechten Rat gegeben …«
»Wem? Athos, der doppelt so alt ist?« unterbrach ihn Treville. »Ausgeschlossen, Monseigneur! Übrigens war auch
Herr d’Artagnan an dem Abend bei mir.«
»Ach, diesen Abend hat wohl ganz Paris in Euerm Haus
zugebracht?«
»Zweifelt Seine Eminenz etwa an meinem Wort?« versetzte
Treville, dem die Zornröte auf die Stirn trat.
»Gott bewahre! Aber um welche Zeit war er denn bei Euch?«
166
»Oh, das kann ich Eurer Eminenz ganz genau sagen, denn
als er kam, habe ich auf die Uhr gesehen und festgestellt, daß
es halb zehn war, obwohl ich dachte, es sei schon später.«
»Und wann ist er von Euch weggegangen?«
»Um halb elf.«
»Ja, aber«, erwiderte der Kardinal, der keine Sekunde an
Trevilles Aufrichtigkeit zweifelte und fühlte, wie ihm der Sieg
entglitt, »aber Athos wurde immerhin in diesem Haus in der
Rue des Fossoyeurs verhaftet!«
»Dürfen Freunde sich nicht besuchen? Darf ein Musketier
aus meiner Kompanie nicht mit einem Gardisten aus der Kompanie des Herrn des Essarts kameradschaftlich verkehren?«
»Nicht, wenn dieser Gardist in einem verdächtigen Haus
wohnt.«
»Das Haus ist nämlich verdächtig, Treville«, warf der König
ein. »Vielleicht wußtet Ihr das nicht?«
»Es ist mir allerdings neu, Sire. Aber angenommen, es ist
wirklich verdächtig, so bestreite ich doch entschieden, daß dies
auch auf den Teil zutrifft, den Herr d’Artagnan bewohnt; denn
ich kann Euch nur versichern, sofern ich denn seinen Worten
glauben darf, daß es keinen ergebeneren Diener Eurer Majestät, keinen größeren Bewunderer Seiner Eminenz gibt.«
»War es nicht d’Artagnan, der seinerzeit in jenem unglücklichen Streit beim Karmeliterkloster Jussac verwundet
hat?« erkundigte sich der König und sah dabei den Kardinal
an, der vor Ärger rot wurde.
»Und tags darauf Bernajoux, ganz recht, Sire, derselbe!
Majestät haben ein gutes Gedächtnis.«
»Also, was wollen wir beschließen?« fragte der König.
»Das ist doch wohl mehr Sache Eurer Majestät als meine«,
entgegnete der Kardinal. »Ich bin nach wie vor von der Schuld
überzeugt.«
»Und ich leugne sie«, rief Treville. »Aber Eure Majestät haben Richter, und diese Richter mögen entscheiden!«
»Gut«, sagte der König, »lassen wir die Richter entscheiden.«
»Traurig ist nur«, versetzte Treville, »daß in dieser unglückseligen Zeit, in der wir leben, der sauberste Lebenswandel und eine makellose Tugend niemand vor Beleidigung
und Verfolgung schützen. Übrigens wird die Armee kaum
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entzückt sein, dessen bin ich ganz sicher, wenn Soldaten auf
Grund irgendwelcher Polizeigeschichten derart rücksichtslos behandelt werden dürfen.«
Das Wort war unklug, aber Treville hatte es mit voller Absicht ausgesprochen. Er wollte einen Zornesausbruch.
»Polizeigeschichten!« rief der König. »Polizeigeschichten!
Was versteht Ihr schon davon, Hauptmann? Kümmert Euch
um Eure Musketiere und macht mich nicht verrückt! Wenn
man Euch so zuhört, könnte man meinen, ganz Frankreich ist
in Gefahr, wenn zufällig mal ein Musketier verhaftet wird. Ein
solches Geschrei um einen Musketier! Teufel noch mal, und
wenn ich zehn, wenn ich hundert, ja wenn ich die ganze Kompanie einsperren lasse, dann hat mir noch immer keiner dreinzureden!«
»In dem Augenblick, wo ein Musketier in den Augen Eurer
Majestät verdächtig ist, ist er auch schuldig«, sagte Treville. »Ihr
seht mich daher bereit, Sire, Euch meinen Degen zurückzugeben; denn nachdem der Herr Kardinal meine Soldaten beschuldigt hat, wird er zuletzt sicherlich auch mich anklagen. Es
ist also besser, ich lasse mich gleich festsetzen wie Athos, der
schon in Haft ist, und wie d’Artagnan, den man zweifellos noch
verhaften wird.«
»Seid Ihr nun fertig, gascognischer Dickschädel?« fragte
der König.
»Sire«, antwortete Treville, ohne im mindesten die Stimme
zu senken, »befehlt, daß man mir meinen Musketier zurückgibt oder vor ein Gericht stellt!«
»Man wird ihn vor ein Gericht stellen«, sagte der Kardinal.
»Nun, um so besser, in diesem Fall bitte ich Eure Majestät
um die Erlaubnis, ihn verteidigen zu dürfen.«
Der König fürchtete einen Skandal.
»Sofern Seine Eminenz nicht persönliche Gründe hat …«
Der Kardinal merkte, worauf der König hinauswollte, und
kam ihm zuvor.
»Verzeihung«, sagte er, »aber wenn Eure Majestät in mir
einen befangenen Richter sehen, ziehe ich mich natürlich sofort zurück.«
»Hört«, wandte sich der König an Treville, »könnt Ihr mir
bei meinem Vater schwören, daß Herr Athos während dieser
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Geschichte bei Euch war und nicht etwa daran teilgenommen hat?«
»Bei Euerm ruhmreichen Vater und bei Euch selbst, den
ich auf Erden am meisten liebe und verehre, ich schwöre es!«
»Bedenkt Euch, Sire!« widersprach der Kardinal. »Wenn
wir den Gefangenen jetzt freilassen, werden wir nie die Wahrheit erfahren.«
»Herr Athos«, versetzte Treville, »steht dem Gericht ja jederzeit zur Verfügung, wenn es seine Aussage braucht. Er
wird schon nicht desertieren, Herr Kardinal, da macht Euch
keine Sorge, ich verbürge mich für ihn!«
»Ja, wirklich, er wird nicht desertieren«, sagte der König,
»und dann ist er ja auch immer verfügbar, wie Herr de Treville
sagt. Überdies«, fügte er leise und mit einem flehentlichen
Blick auf Richelieu hinzu, »wiegen wir sie so in Sicherheit, das
ist Politik!«
Über diese Politik des Königs konnte Richelieu nur lächeln.
»Befehlt also, Sire«, sagte er, »Ihr habt das Recht der Begnadigung!«
»Das Begnadigungsrecht ist auf Schuldige anwendbar«, erwiderte Treville, der das letzte Wort haben wollte, »und mein
Musketier ist unschuldig. Nicht eine Gnade, sondern Gerechtigkeit mögt Ihr gewähren!«
»Er ist in der Bischofsfeste?« fragte der König.
»Ja, Sire, und zwar in strenger Einzelhaft wie der gemeinste Verbrecher.«
»Teufel! Teufel!« murmelte der König. »Was soll man da
machen?«
»Den Freilassungsbefehl unterzeichnen«, sagte der Kardinal, »und alles geht in Ordnung. Ich denke wie Eure Majestät,
daß die Bürgschaft Herrn de Trevilles mehr als genug ist.«
Treville verneigte sich ehrerbietig, aber seine Freude war
nicht ganz frei von Besorgnis. Ein hartnäckiger Widerstand
des Kardinals wäre ihm lieber gewesen als dieses plötzliche
Nachgeben. Der König unterschrieb den Befehl, und Treville
nahm ihn sofort an sich. Als er hinausging, lächelte ihm der
Kardinal liebenswürdig zu, und Treville konnte noch hören,
wie er zum König sagte:
»Bei Euern Musketieren herrscht ein gutes Einvernehmen
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zwischen Offizieren und Soldaten, Sire; das ist sehr ersprießlich für den Dienst und sehr ehrenvoll für alle.«
Er wird mir bei nächster Gelegenheit eins auswischen, sagte
sich Treville, bei einem solchen Menschen hat man nie das letzte Wort. Doch beeilen wir uns, denn nichts ist wandelbarer als
der Sinn des Königs! Und schließlich ist es schwerer, einen Gefangenen erst zu entlassen und dann erneut in die Bastille oder
in die Bischofsfeste zu werfen als ihn einfach dazubehalten.
Herr de Treville hielt einen triumphalen Einzug in der Bischofsfeste und befreite den Musketier, den seine Ruhe nicht
einen Augenblick verlassen hatte. Als der Hauptmann nach diesen Ereignissen zum erstenmal d’Artagnan wiedersah, sagte er:
»Ihr seid noch mal gut davongekommen! Euer Sieg über
Jussac ist jetzt bezahlt. Es bleibt zwar noch der über Bernajoux, aber ich würde nicht allzusehr darauf bauen.«
Im übrigen hatte Treville recht, dem Kardinal zu mißtrauen
und den Fall keineswegs als erledigt zu betrachten, denn
kaum war der Hauptmann zum Zimmer hinaus, als auch
schon Seine Eminenz zum König sagte:
»Da wir nun endlich unter vier Augen sind, wollen wir uns,
wenn es Eurer Majestät recht ist, ernsthaft unterhalten. Sire,
der Herzog von Buckingham war fünf Tage in Paris und ist
erst heute morgen abgereist.«
Der Herr Siegelbewahrer Seguier
sucht mehrmals die Glocke, um zu läuten,
wie er es schon früher zu tun pflegte
Der Eindruck, den diese wenigen Worte auf Ludwig XIII.
machten, war unbeschreiblich. Er wurde abwechselnd rot
und blaß, und der Kardinal sah sofort, daß er alles, was ihm
soeben an Boden verlorengegangen war, mit einem Schlag
zurückgewonnen hatte.
»Buckingham in Paris!« schrie der König auf. »Und was
wollte er hier?«
»Sicherlich mit Euern Feinden, den Hugenotten und Spaniern, konspirieren.«
170
»Nein, zum Henker, nein! Aber gegen meine Ehre konspirieren mit Madame de Chevreuse, Madame de Longueville und
den Condés!«
»Welch ein Gedanke, Sire! Nein, dazu ist die Königin viel
zu tugendhaft, und außerdem liebt sie Eure Majestät.«
»Das Weib ist schwach, Herr Kardinal. Und was die Liebe
der Königin angeht, so habe ich darüber meine eigene Meinung.«
»Dennoch bin ich überzeugt«, entgegnete Richelieu, »daß
der Herzog nur aus politischen Gründen nach Paris gekommen ist.«
»Und ich bin sicher, daß ihn etwas ganz anderes hierhergezogen hat, Herr Kardinal! Und wehe der Königin, wenn sie
sich etwas hat zuschulden kommen lassen!«
»Wenn es mir auch widerstrebt, an einen solchen Verrat zu
glauben, so bringen Eure Majestät mich da doch auf einen
Gedanken. Madame de Lannoy, die ich auf Befehl Eurer Majestät wiederholt befragt habe, sagte mir vorhin, Ihre Majestät sei gestern nacht sehr lange aufgeblieben, habe heute
morgen viel geweint und den ganzen Vormittag geschrieben.«
»An ihn natürlich! Kardinal, ich muß diesen Brief haben!«
»Aber wie, Sire? Mir scheint, es ist weder Eurer Majestät
noch mir möglich, ihn herbeizuschaffen.«
»Und wie hat man es bei der Marschallin von Ancre gemacht?« schrie der König in höchstem Zorn. »Man hat ihre
Schränke durchsucht und schließlich sie selbst.«
»Die Marschallin von Ancre war auch nur die Marschallin
von Ancre, eine florentinische Abenteurerin, Sire, nichts weiter; Eure erlauchte Gemahlin dagegen ist Anna von Österreich, Königin von Frankreich, das heißt eine der höchsten
Fürstinnen der Welt.«
»Um so schwerer wiegt ihre Schuld! Je mehr sie ihren hohen Rang vergessen hat, desto tiefer ist sie gesunken. Übrigens bin ich schon lange entschlossen, all diesen politischen
Ränken und Liebeleien ein Ende zu machen. Sie hat da einen
gewissen de La Porte um sich …«
»Den ich, offen gestanden, für ihr Hauptwerkzeug halte«,
warf der Kardinal ein.
»Dann glaubt Ihr also auch, daß sie mich betrügt?«
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»Ich glaube und sage es noch einmal, daß die Königin gegen
die Macht Eurer Majestät konspiriert, aber nicht gegen Eure
Ehre.«
»Und ich sage Euch, sie tut beides; sie liebt mich nicht, das
sage ich Euch, sondern sie liebt einen andern; ja, ich sage
Euch, sie liebt diesen schurkischen Buckingham! Warum
habt Ihr ihn nicht verhaften lassen, als er hier war?«
»Den Herzog verhaften? Den ersten Minister des englischen Königs verhaften? Denkt doch nur, was für ein Aufsehen, Sire! Und wenn nun der Verdacht Eurer Majestät, den
ich noch immer nicht teilen kann, sich als nicht ganz unbegründet erwiesen hätte, wie entsetzlich, welch furchtbarer
Skandal!«
»Aber wenn er sich wie ein Landstreicher und Dieb aufführt, mußte man …« Ludwig XIII. hielt inne, erschrocken
über das, was er da sagen wollte, während Richelieu vergebens einen langen Hals machte und auf das Wort wartete, das
der König nicht über die Lippen brachte.
»Mußte man?«
»Nichts, nichts. Aber solange er in Paris war, habt Ihr ihn
doch nicht aus den Augen verloren?«
»Nein, Sire.«
»Wo hat er gewohnt?«
»Rue de La Harpe 75.«
»Wo ist das?«
»In der Nähe des Luxembourg.«
»Und Ihr seid sicher, daß die Königin und er sich nicht gesehen haben?«
»Ich glaube, daß die Königin sich ihrer Pflichten zu sehr
bewußt ist, Sire.«
»Aber sie haben miteinander korrespondiert, an ihn hat
die Königin heute so lange geschrieben. Kardinal, ich muß
diesen Brief haben!«
»Es gibt nur einen Weg.«
»Und der wäre?«
»Man muß den Siegelbewahrer Seguier damit beauftragen.
Die Sache gehört durchaus in den Bereich seiner Pflichten.«
»Man soll ihn sofort holen lassen!«
»Er wird bei mir sein, Sire. Ich hatte ihn zu mir gebeten,
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und als ich Eure Majestät aufsuchte, habe ich hinterlassen,
daß er auf mich warten möchte.«
»Dann soll er herkommen!«
»Die Befehle Eurer Majestät sollen sogleich befolgt werden,
nur …«
»Was?«
»Die Königin weigert sich vielleicht, zu gehorchen.«
»Meinen Befehlen?«
»Ja, wenn sie nicht weiß, daß die Befehle von Euch kommen.«
»Gut, damit sie sich darüber keinem Zweifel hingibt, werde
ich selbst es ihr ankündigen.«
»Eure Majestät wollen aber nicht vergessen, daß ich getan
habe, was in meinen Kräften stand, um einen völligen Bruch
zu vermeiden.«
»Ja, ich weiß. Ihr seid nachsichtig gegen die Königin, vielleicht zu nachsichtig, und wir müssen uns darüber einmal unterhalten.«
»Wann immer es Eurer Majestät beliebt; indessen werde
ich glücklich und stolz sein, mich für ein gutes Einvernehmen
zwischen Euch und der Königin zu opfern.«
»Gut, Kardinal, doch laßt jetzt den Siegelbewahrer kommen! Ich gehe inzwischen zur Königin.« Und Ludwig XIII.
öffnete die Verbindungstür und trat in den Gang, der zu den
Gemächern Anna von Österreichs führte.
Die Königin befand sich im Kreise ihrer Hofdamen, unter
ihnen auch die spanische Kammerfrau Donna Estefana, die
seinerzeit von Madrid mit herübergekommen war. Madame
de Guéménée las vor, und alle hörten aufmerksam zu, ausgenommen die Königin, die das Vorlesen überhaupt nur befohlen hatte, um in Ruhe ihren eigenen Gedanken nachhängen zu
können.
Diese Gedanken waren traurig, mochte ein letzter Widerschein der Liebe sie auch noch so sehr vergolden. Des Vertrauens ihres Gatten beraubt und dem Haß des Kardinals ausgesetzt, der ihr nicht verzeihen konnte, daß sie ein zärtlicheres
Gefühl zurückgewiesen hatte, und darüber hinaus ständig das
Beispiel ihrer Mutter Maria de Medici vor Augen, die seit Jahren von dem gleichen Haß verfolgt wurde, obgleich sie, wenn
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man den Memoiren ihrer Zeitgenossen glauben darf, dem Kardinal anfangs jene Gunst gewährt hatte, die Anna von Österreich ihm stets verweigerte, hatte die Königin nach und nach
ihre ergebensten Diener, ihre innigsten Vertrauten und treuesten Anhänger verloren. Allen, mit denen sie in Berührung
kam, brachte sie offenbar Unglück; ihre Freundschaft war wie
ein verhängnisvolles Zeichen, das Verfolgung nach sich zog.
Madame de Chevreuse und Madame de Vernet waren vom Hof
verbannt, und de La Porte verhehlte der Königin nicht, daß er
jeden Tag mit seiner Verhaftung rechnete.
Gerade als sie ganz verloren in düstere Gedanken war, ging
die Tür auf, und der König trat ein.
Die Vorleserin brach augenblicklich ab, und alle Damen
erhoben sich. Totenstille herrschte im Raum.
Der Eintretende, der sich jeder Höflichkeitsgeste enthielt,
blieb vor der Königin stehen und sagte kalt: »Madame, Ihr
werdet den Besuch meines Siegelbewahrers erhalten, der Euch
in meinem Auftrag gewisse Eröffnungen machen wird.«
Die unglückliche Königin, der man unaufhörlich mit Scheidung, Verbannung, ja sogar mit einer Aburteilung drohte, erblaßte unter der Schminke und konnte sich nicht enthalten zu
entgegnen: »Aber wozu dieser Besuch, Sire? Was soll mir Euer
Kanzler sagen, das Eure Majestät mir nicht selbst zu sagen vermöchten?«
Der König drehte sich wortlos um, und fast im gleichen
Augenblick meldete Hauptmann Guitaut von der Garde die
Ankunft des Siegelbewahrers. Als dieser erschien, hatte der
König das Zimmer schon durch eine andere Tür verlassen.
Der Kanzler trat verlegen lächelnd ein. Da wir ihm im
Laufe unserer Geschichte vermutlich noch häufiger begegnen werden, kann es nicht schaden, wenn wir den Leser
schon jetzt etwas näher mit ihm bekannt machen.
Dieser Kanzler war ein sonderbarer Kauz. Der Kanonikus
von Notre-Dame, Des Roches le Masle, ein früherer Kammerdiener des Kardinals, hatte ihn Seiner Eminenz als einen
sehr verläßlichen Menschen empfohlen; der Kardinal hatte
die Empfehlung beherzigt und fuhr gut dabei.
Man erzählte sich allerlei Geschichten über ihn, unter anderem auch die folgende:
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Nach einer stürmischen Jugend hatte er sich in ein Kloster
zurückgezogen, um hier wenigstens einige Zeit für die früheren Torheiten zu büßen. Doch bei seinem Eintritt in den heiligen Ort hatte der arme Sünder das Tor nicht rasch genug
schließen können, und so waren die Leidenschaften, vor denen
er floh, mit hineingeschlüpft. Sie setzten ihm unablässig zu,
und so empfahl ihm der Prior, dem er sein Leid geklagt hatte
und der ihm gerne helfen wollte, zur Beschwörung des Teufels
jedesmal, wenn er ihn versuchte, zum Glockenstrang zu eilen
und aus Leibeskräften zu läuten; dann erführen die Mönche
sogleich, daß ein Bruder in Gefahr sei, und die ganze Gemeinde
könnte für ihn beten.
Dieser Rat dünkte den späteren Kanzler gut. Unterstützt
durch die Gebete der Klosterbrüder, beschwor er den bösen
Geist; aber wo der Teufel einmal Hausrecht genossen hat, da
läßt er sich nicht so leicht wieder austreiben. Je stärker die Beschwörungen, desto heftiger wurden auch die Versuchungen,
so daß die Glocke Tag und Nacht ertönte und immer wieder
das heiße Verlangen des Büßers nach Abtötung des Fleisches
kundtat. Die Mönche kamen nicht mehr zur Ruhe. Am Tage
liefen sie unablässig zur Kapelle und zurück, und nachts mußten sie, von den üblichen Pflichtgebeten ganz abgesehen, wohl
zwanzigmal aus dem Bett springen und auf dem kalten Fußboden ihrer Zellen niederknien. Nun weiß man nicht, ob am
Ende der Teufel seine Beute fahrenließ oder ob die Mönche die
Lust verloren, jedenfalls kehrte der Büßer nach drei Monaten
in die Welt zurück, und man sagte ihm allgemein nach, es habe
noch keinen schlimmeren Besessenen als ihn gegeben.
Nach seinem Ausscheiden aus dem Kloster schlug er die Beamtenlaufbahn ein, wurde bald an Stelle seines Onkels Gerichtspräsident, ergriff schon frühzeitig, was von nicht wenig
Scharfsinn zeugte, die Partei Richelieus, wurde endlich Siegelbewahrer und diente Seiner Eminenz voller Eifer in seinem
Haß gegen die Königinmutter und in seiner Rachsucht gegen
Anna von Österreich; nachdem er durch immer neue Beweise
seiner Ergebenheit das volle Vertrauen des Kardinals errungen
hatte, war er mit dem höchst merkwürdigen Auftrag betraut
worden, zu dessen Vollstreckung er nun vor der Königin erschien.
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Die Königin stand noch, als er eintrat; kaum hatte sie ihn
erblickt, als sie sich in ihren Sessel niederließ und auch ihren
Damen bedeutete, sich wieder auf ihre Kissen und Hocker zu
setzen. Dann fragte sie in einem Ton äußerster Herablassung:
»Was wünscht Ihr? Zu welchem Zweck kommt Ihr hierher?«
»Um im Namen des Königs und in aller Ehrfurcht, die ich
Eurer Majestät schulde, eine genaue Durchsuchung Eurer
Briefschaften vorzunehmen.«
»Was denn? Eine Durchsuchung meiner Briefschaften?
Aber das ist eine Zumutung!«
»Ich bitte untertänigst um Vergebung, aber ich bin hier nur
das Werkzeug, dessen sich der König bedient. War nicht Seine
Majestät noch eben hier und hat Euch darauf vorbereitet?«
»Also durchsucht schon alles! Ich bin, wie es scheint, eine
Verbrecherin. Estefana, gebt ihm die Schlüssel!«
Der Kanzler durchsuchte nur der Form halber Tisch und
Sekretär, denn er konnte sich denken, daß die Königin den
wichtigen Brief, den sie erst vor wenigen Stunden geschrieben hatte, nicht dort aufbewahrte. Nachdem er wohl zwanzigmal die Schubfächer geöffnet und wieder geschlossen
hatte, mußte er, wie sehr er auch zögerte, zu einem Ende
kommen, das heißt die Königin selbst visitieren. Er trat also
vor sie hin und sagte stockend und ziemlich verlegen:
»Nun habe ich noch die wichtigste Durchsuchung vorzunehmen.«
»Ja, was denn für eine?« fragte die Königin, die nicht verstand oder vielmehr nicht verstehen wollte.
»Seine Majestät ist überzeugt, daß Ihr heute einen Brief
geschrieben habt und daß dieser noch nicht abgeschickt
wurde. Nun habe ich ihn aber weder in Euerm Tisch noch in
Euerm Sekretär gefunden, und doch muß er noch hiersein.«
»Ihr wagt es, Hand an Eure Königin zu legen?« erwiderte
Anna von Österreich hoch aufgerichtet und maß den Kanzler mit einem fast drohenden Blick.
»Ich bin ein getreuer Untertan des Königs, Madame, und
führe nur aus, was er mir befiehlt.«
»Nun wohl, es stimmt«, sagte Anna von Österreich, »die
Spione Seiner Eminenz haben gut gearbeitet. Ich habe in der
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Tat heute einen Brief geschrieben, und dieser Brief ist noch
nicht fort. Er ist hier.« Und die Königin legte ihre schöne
Hand an ihr Mieder.
»Dann gebt ihn mir, Madame!«
»Ich werde ihn nur dem König geben.«
»Wäre dies des Königs Wille gewesen, so hätte er ihn selbst
von Euch verlangt. Aber ich wiederhole, er hat mich damit
beauftragt, ihn Euch abzufordern, und wenn Ihr ihn mir
nicht aushändigt …«
»Was dann?«
»So habe ich den Auftrag, ihn Euch abzunehmen.«
»Wie? Was wollt Ihr damit sagen?«
»Daß mein Auftrag sehr weit geht, Madame, und daß ich
Vollmacht habe, bei Eurer Majestät notfalls eine Leibesvisitation vorzunehmen.«
»Das ist ungeheuerlich!«
»Es steht bei Euch, Madame, das Verfahren zu vereinfachen.«
»Dieses Vorgehen ist eine schändliche Vergewaltigung,
wißt Ihr das, Kanzler?«
»Majestät wollen verzeihen, aber der König befiehlt.«
»Ich leide es nicht, nein, lieber sterben!« rief die Königin,
in der sich das kaiserliche Blut ihrer spanischen und österreichischen Ahnen empörte.
Der Kanzler verneigte sich tief, dann trat er, in der unverkennbaren Absicht, keinen Zoll von der Erfüllung seines
Auftrages zurückzuweichen, wie ein Henkersknecht auf
Anna von Österreich zu, deren Augen sich mit Tränen ohnmächtiger Wut füllten.
Die Königin war, wie bereits erwähnt, eine außerordentliche Schönheit. Der Auftrag konnte also als durchaus delikat
gelten, doch Ludwig XIII. hatte sich so sehr in seine Eifersucht gegen den Herzog von Buckingham verrannt, daß er
auf keinen anderen mehr eifersüchtig war.
Sicherlich suchte der Kanzler in diesem Augenblick nach
jenem berühmten Glockenstrang seiner Mönchszeit; da er
ihn aber nicht fand, streckte er entschlossen die Hand nach
dem Mieder der Königin aus, wo sich ihren eigenen Worten
zufolge der verdächtige Brief befinden sollte. Blaß wie der
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Tod, wich Anna von Österreich einen Schritt zurück, stützte
sich mit der Linken auf eine Tischkante, um nicht zu fallen,
zog mit der Rechten aus der Tiefe ihres Ausschnittes ein Papier und reichte es dem Siegelbewahrer.
»Hier habt Ihr den Brief«, rief sie bebend mit versagender
Stimme, »und jetzt befreit mich von Euerm widerwärtigen
Anblick!«
Der Kanzler, der ebenfalls eine leichtbegreifliche Erregung
verriet, nahm den Brief, grüßte ehrerbietig und zog sich zurück. Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, als die
Königin halb ohnmächtig in die Arme ihrer Damen sank.
Der Kanzler eilte mit dem Brief, ohne auch nur einen Blick
darauf geworfen zu haben, schnurstracks zum König. Der ergriff ihn mit zitternder Hand, wurde sehr blaß, als er vergeblich nach einer Anschrift suchte, und entfaltete ihn langsam;
als er jedoch aus den ersten Worten ersah, daß der Brief an den
König von Spanien gerichtet war, las er sehr schnell. Es war
ein regelrechter Feldzugsplan gegen den Kardinal. Die Königin forderte ihren Bruder und den Kaiser in Wien auf, sie sollten, verletzt, wie sie sich durch die ständig auf eine Erniedrigung des Hauses Österreich hinzielende Politik Richelieus
fühlen mußten, Frankreich zum Schein den Krieg erklären und
sodann als Friedensbedingung den Rücktritt des Kardinals fordern. Von der Liebe aber stand in dem ganzen Schreiben kein
Wort.
Höchst vergnügt erkundigte sich der König, ob der Kardinal noch im Louvre sei, und als er hörte, daß er in seinem
Arbeitszimmer auf die Befehle Seiner Majestät wartete, begab er sich sofort zu ihm.
»Hier lest, Herzog!« sagte er. »Ihr hattet recht, und ich
hatte unrecht. Das Ganze ist eine politische Intrige, von
Liebe ist in dem Brief überhaupt nicht die Rede. Dafür steht
um so mehr über Euch darin.«
Richelieu nahm den Brief und las ihn aufmerksam durch.
Nachdem er fertig war, las er ihn noch ein zweites Mal, erst
dann sagte er:
»Nun, Eure Majestät sehen jetzt, wie weit meine Feinde
gehen. Man bedroht Euch mit zwei Kriegen, wenn Ihr mich
nicht wegschickt. An Eurer Stelle, Sire, würde ich einem so
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mächtigen Drängen doch nachgeben, und was mich angeht,
so würde ich mich mit Freuden von allen Staatsgeschäften
zurückziehen.«
»Was redet Ihr da, Herzog?«
»Ich will sagen, Sire, daß die erbitterten Kämpfe und das
Übermaß an Arbeit auf die Dauer meine Gesundheit ruinieren. Höchstwahrscheinlich werde ich den Strapazen einer Belagerung von La Rochelle nicht mehr gewachsen sein, und
darum ist es wirklich besser, Ihr macht Condé, Bassompierre
oder sonst einen tüchtigen Mann, dessen Beruf das Kriegführen ist, zu Euerm Minister und verzichtet auf mich, der
ich ein Mann der Kirche bin, wenn ich auch immer wieder
meiner eigentlichen Berufung entfremdet werde, um mich
Aufgaben zu widmen, die mir ganz und gar nicht liegen. Ihr
werdet so gewiß im Lande selbst glücklicher dran sein, Sire,
und ich zweifle nicht, daß Ihr auch nach außenhin stärker erscheinen werdet.«
»Herr Herzog«, erwiderte der König, »ich verstehe Euch,
aber seid unbesorgt, alle, die in diesem Brief genannt sind,
erhalten ihre verdiente Strafe, auch die Königin!«
»Aber Sire, da sei Gott davor, daß der Königin um meinetwillen irgendeine Unannehmlichkeit entsteht! Sie hält mich
von jeher für ihren Feind, obgleich Eure Majestät bezeugen
können, daß ich stets aufs wärmste für sie eingetreten bin,
selbst Euch gegenüber. Ja, wenn sie sich gegen Eure Ehre vergangen hätte, das wäre etwas anderes, und ich wäre der erste,
der Euch dann zuriefe: ›Keine Gnade, Sire, keine Gnade für
die Schuldige!‹ Zum Glück ist es nicht an dem, Eure Majestät haben ja soeben eine neue Bestätigung dafür erhalten.«
»Das ist wahr, Kardinal, und Ihr hattet wie immer recht;
dennoch verdient die Köngin meinen ganzen Zorn.«
»Nein, Sire, Ihr habt Euch den ihren zugezogen, und wenn
sie jetzt Eurer Majestät ernstlich zürnt, so kann ich das
durchaus begreifen, denn Ihr habt sie mit einer Strenge behandelt …«
»Die ich gegen jeden meiner Feinde, auch gegen die Euren,
anwenden werde, Herzog, sie mögen von noch so hohem
Rang sein!«
»Die Königin ist meine Feindin, nicht die Eure, Sire. Sie ist
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Euch im Gegenteil eine ergebene, gehorsame und untadelige
Gemahlin. Laßt mich also ein gutes Wort für sie einlegen!«
»Schön, mag sie sich demütigen und den Anfang machen,
indem sie zu mir kommt!«
»Umgekehrt, Sire, Ihr müßt das Beispiel geben, denn Ihr
habt sie zu Unrecht verdächtigt!«
»Ich sollte den ersten Schritt tun? Nie und nimmer!«
»Sire, ich bitte Euch inständig.«
»Übrigens, wie sollte denn dieser Schritt überhaupt aussehen?«
»Ihr müßtet etwas tun, worüber sie sich freut.«
»Und das wäre?«
»Gebt einen Ball! Ihr wißt, wieviel die Königin für so etwas übrig hat. Ich bin überzeugt, einer solchen Aufmerksamkeit wird ihr Groll nicht standhalten.«
»Aber Ihr wißt, Kardinal, daß mir derlei Vergnügungen
höchst zuwider sind.«
»Da die Königin diese Eure Abneigung kennt, wird sie Euch
nur um so dankbarer sein. Übrigens hat sie auf diese Weise
auch eine Gelegenheit, die schönen Diamantnadeln zu tragen,
die Eure Majestät ihr neulich geschenkt haben und die sie bisher noch nicht einweihen konnte.«
»Wir wollen sehen, Herr Kardinal«, sagte der König, den
der Umstand, daß er der Königin nur ein Vergehen, das ihm
ziemlich gleichgültig war, nicht aber eins, das er über alles
fürchtete, vorzuwerfen hatte, heiter und durchaus geneigt
stimmte, sich mit ihr auszusöhnen. »Wir wollen sehen, doch
auf mein Wort, Ihr seid wirklich zu nachsichtig.«
»Sire«, entgegnete der Kardinal, »überlaßt die Strenge Euern
Ministern! Nachsicht ist die Tugend der Könige. Übt sie, und
Ihr werdet sehen, wie gut Ihr Euch dabei befindet!«
In diesem Augenblick schlug die Uhr elf, der Kardinal verneigte sich tief und bat, sich zurückziehen zu dürfen, wobei
er den König nochmals beschwor, sich mit der Königin auszusöhnen.
Anna von Österreich, die nach der Beschlagnahme ihres
Briefes mit Vorwürfen gerechnet hatte, war nicht wenig erstaunt, als der König am nächsten Tag merkliche Versuche
zu einer Annäherung unternahm. Ihre erste Regung war ab180
weisend, zu tief hatte man sie in ihrem Stolz als Frau und in
ihrer Würde als Königin verletzt; aber auf Zuraten ihrer Hofdamen gab sie sich endlich doch den Anschein, als beginne
sie zu vergessen. Dieses erste Zeichen ihrer Sinnesänderung
benutzte der König, um ihr zu eröffnen, daß er ein Fest geben
wolle.
Für die arme Anna von Österreich war ein Fest etwas so
Seltenes, daß bei dieser Ankündigung – ganz wie der Kardinal vorausgesehen hatte – die letzte Spur von Groll, wenn
nicht aus ihrem Herzen, so doch zumindest aus ihrem Gesicht schwand. Sie erkundigte sich, für wann dieses Fest geplant sei, aber der König antwortete, darüber müsse er sich
erst mit dem Kardinal verständigen.
Wirklich fragte der König jeden Tag seinen Minister, wann
das Fest stattfinden solle, doch immer wieder verstand es der
Kardinal, die Festsetzung des Termins unter irgendeinem
Vorwand hinauszuschieben. So verging eine Woche.
Am achten Tag nach dem geschilderten Vorfall empfing
der Kardinal einen versiegelten Brief aus London, der nur die
nachstehenden Zeilen enthielt:
»Ich habe sie; aber ich kann London nicht verlassen, da mir das
Geld ausgegangen ist. Schickt mir fünfhundert Dukaten, und
vier, fünf Tage nach Erhalt bin ich wieder in Paris!«
Auch an diesem Tag richtete der König die gewohnte Frage
an den Kardinal.
Richelieu zählte an seinen Fingern und überlegte dabei:
Vier, fünf Tage nach Empfang des Geldes kann sie hiersein,
ebensolange braucht das Geld bis nach London, das sind
zehn Tage. Rechnen wir nun noch widrige Winde, mißliche
Zufälle und weibliche Schwäche hinzu, so kommen wir auf
zwölf Tage.
»Nun, Herr Herzog«, fragte der König, »seid Ihr mit Eurer Rechnung fertig?«
»Ja, Sire. Wir haben heute den 21. März; die Ratsherren
unserer Stadt geben am 3. April ein großes Fest. Das trifft
sich glänzend, denn auf diese Weise merkt man nicht, daß es
eine versöhnliche Geste gegenüber der Königin sein soll. –
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Übrigens«, fügte er nach einer Pause hinzu, »vergeßt nicht,
Ihrer Majestät am Abend vor dem Fest zu sagen, daß Ihr zu
sehen wünscht, wie ihr jene Diamantnadeln stehen!«
Herr und Frau Bonacieux
Es war das zweitemal, daß der Kardinal die Diamantnadeln
erwähnt hatte. So viel Beharrlichkeit machte den König stutzig, und er sagte sich, daß hinter dieser Empfehlung irgendein Geheimnis stecken müsse.
Schon häufig hatte es den König gedemütigt, daß sein Minister, dessen Polizei ausgezeichnet arbeitete, wenn sie auch
noch nicht die Perfektion unserer heutigen besaß, besser als
er selbst über die intimsten Vorgänge in seinem eigenen Haus
Bescheid wußte. So hoffte er denn, durch eine Unterhaltung
mit Anna von Österreich irgend etwas Neues zu erfahren,
um den Kardinal mit dieser Kenntnis überraschen zu können, auf jeden Fall aber, mochte sie ihm nun neu sein oder
nicht, erheblich in seiner Achtung zu steigen.
Er suchte also die Königin auf und eröffnete die Unterhaltung, wie es seine Gewohnheit war, mit neuen Drohungen
gegen ihre Umgebung. Anna von Österreich hielt den Kopf
gesenkt und ließ wortlos den Sturm über sich ergehen, in der
Hoffnung, er werde schon einmal ein Ende nehmen; gerade
das aber wollte der König nicht, der sich vielmehr einen heftigen Wortwechsel wünschte, um auf diese Weise irgendeinen Anhaltspunkt zu gewinnen, war er doch überzeugt, daß
der Kardinal einen Hintergedanken hatte und eine seiner bösen Überraschungen vorbereitete. Durch die Hartnäckigkeit,
mit der er immer neue Anwürfe vorbrachte, erreichte er endlich auch, was er wollte.
»Aber Sire«, rief Anna von Österreich, müde der dunklen
Andeutungen, in denen sich der König erging. »Ihr sagt mir
nicht alles, was Ihr auf dem Herzen habt. Was habe ich denn
getan? Sagt, welches Verbrechen habe ich begangen? Eure
Majestät können unmöglich so aufgebracht sein, nur weil ich
einen Brief an meinen Bruder geschrieben habe.«
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Auf einen so zielstrebigen Gegenangriff wußte der König
nicht, was er sagen sollte. Da kam ihm der Gedanke, dies sei
der richtige Augenblick für jenen Hinweis, den ihm der Kardinal allerdings erst für den Vorabend des geplanten Festes
empfohlen hatte.
»Madame«, sagte er hoheitsvoll, »im Rathaus wird demnächst ein großer Ball stattfinden. Ich erwarte, daß Ihr, um unsere wackeren Ratsherren zu ehren, dort in Euerm Festgewand
erscheint und auch nicht vergeßt, jene Diamantnadeln anzustecken, die ich Euch jüngst geschenkt habe. Das ist meine
Antwort.«
Eine furchtbare Antwort. Anna von Österreich glaubte,
der König wisse alles und habe lediglich auf Veranlassung des
Kardinals, dem dies durchaus zuzutrauen war, acht Tage lang
Komödie gespielt. Sie wurde wachsbleich, stützte sich mit
einer Hand auf eine Konsole und starrte den König erschrocken an, ohne auch nur ein Wort über die Lippen zu
bringen.
»Habt Ihr mich verstanden, Madame?« fragte der König,
der ihre offenkundige Verlegenheit voll auskostete, wenn er
auch nicht die eigentliche Ursache erriet. »Ja, habt Ihr mich
verstanden?«
»Ich habe verstanden, Sire«, stammelte die Königin.
»Und Ihr erscheint auf diesem Ball?«
»Ja.«
»Mit den Diamantnadeln?«
»Ja.«
Die Königin wurde womöglich noch blasser, und Ludwig XIII. weidete sich daran mit jener kalten Grausamkeit,
die einer seiner übelsten Charakterzüge war.
»Gut, dann ist es also abgemacht«, sagte der König. »Mehr
hatte ich Euch auch nicht zu sagen.«
»Aber wann soll denn dieser Ball stattfinden?«
Ihre fast ersterbende Stimme ließ den König instinktiv
empfinden, daß er diese Frage nicht beantworten durfte.
»Sehr bald, Madame«, erwiderte er, »aber das genaue Datum
ist mir entfallen, ich werde den Kardinal fragen.«
»Also hat der Kardinal diesen Ball festgesetzt?«
»Ja«, antwortete der König erstaunt. »Warum?«
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»Und auf seine Veranlassung hin habt Ihr mich aufgefordert, die Diamantnadeln zu tragen?«
»Das heißt, Madame …«
»O ja, Sire, das war seine Idee!«
»Nun, wenn schon! Ob er oder ich diesen Gedanken hatte,
was ist daran so schlimm?«
»Nichts, Sire.«
»Ihr kommt also zu dem Fest?«
»Ja, Sire.«
»Gut denn, ich verlaß mich darauf«, sagte der König und
wandte sich zum Gehen.
Anna von Österreich verneigte sich tief, nicht so sehr, weil
es die Etikette vorschrieb, sondern weil ihre Knie versagten.
Der König entfernte sich in bester Stimmung.
»Ich bin verloren«, murmelte die Königin. »Der Kardinal
weiß alles, nur er steckt hinter dem Ansinnen des Königs,
der noch nichts weiß, aber bald alles erfahren wird. Mein
Gott, mein Gott, ich bin verloren!«
Sie kniete auf ein Kissen nieder und betete, den Kopf in
ihre zitternden Arme vergraben. Ihre Lage war in der Tat
schrecklich. Buckingham war nach London zurückgekehrt,
Madame de Chevreuse befand sich wieder in Tours. Strenger
denn je überwacht, ahnte die Königin dunkel, daß eine ihrer
Frauen sie verriet, wußte jedoch nicht welche. La Porte durfte
den Louvre nicht verlassen, und sie hatte sonst keinen Menschen, dem sie sich anvertrauen konnte. Angesichts des drohenden Unheils und der eigenen Verlassenheit brach sie unvermittelt in Tränen aus.
»Kann ich denn gar nichts für Eure Majestät tun?« ertönte
plötzlich hinter ihr eine Stimme, sanft und voller Mitgefühl.
Die Königin wandte sich lebhaft um, denn diese Stimme
ließ keinen Zweifel zu: hier sprach eine Freundin. In einer
der Türen, die in die Nebengemächer führten, stand die hübsche Frau Bonacieux; sie hatte gerade Kleider und Wäsche
geordnet, als der König eingetreten war, und da sie das Zimmer nicht mehr verlassen konnte, hatte sie alles mit angehört.
Die Königin sah sich ertappt und schrie auf, denn in ihrer
Verwirrung erkannte sie nicht gleich die junge Frau, die ihr
La Porte empfohlen hatte.
184
»Oh, fürchtet nichts, Madame!« sagte die junge Frau,
selbst dem Weinen nahe, und rang die Hände. »Ich bin Eurer Majestät mit Leib und Seele ergeben, und so tief ich auch
unter Euch stehe, so gering meine Stellung auch ist, glaube
ich doch einen Weg gefunden zu haben, Eure Majestät dieser Pein zu entheben.«
»Ihr? O Himmel!« rief die Königin. »Aber seht mir erst in
die Augen! Ringsum lauert Verrat. Kann ich Euch denn
trauen?«
»Bei meiner Seele, ich bin bereit, für Euch zu sterben!« entgegnete die junge Frau und fiel auf die Knie. Wieder hatte
ihre Stimme diesen reinen Ton, der jeden Zweifel an ihrer
Ehrlichkeit ausschloß. »Ja, es gibt hier Verräter, aber beim
heiligen Namen der Jungfrau schwöre ich Euch, daß Eure
Majestät keine treuere Dienerin haben als mich! Diese Diamantnadeln, die der König zu sehen verlangt, habt Ihr doch
dem Herzog von Buckingham gegeben, nicht wahr? Sie befanden sich in einem Kästchen aus Rosenholz, das er unter
dem Arm trug, oder täusche ich mich? Sagt, so ist es doch?«
»O mein Gott, mein Gott!« murmelte die Königin, deren
Zähne vor Angst aufeinanderschlugen.
»Die Nadeln müssen auf jeden Fall wieder her!«
»Gewiß, ja«, rief die Königin, »aber wie soll das angehen?«
»Man muß jemand zum Herzog schicken.«
»Aber wen? … Wen? … Auf wen kann ieh mich denn noch
verlassen?«
»Habt nur Vertrauen zu mir, o Königin! Ich finde schon
den Boten.«
»Muß ich da nicht etwas schreiben?«
»Ja, das ist allerdings unerläßlich. Zwei Worte von Eurer
Hand und Euer Siegel.«
»Aber diese beiden Worte sind mein Verdammungsurteil,
sind Scheidung und Exil!«
»Ja, wenn sie Verrätern in die Hände fallen! Aber ich stehe
Euch dafür, daß sie in die richtigen Hände gelangen.«
»O Gott! Ich muß also mein Leben, meine Ehre und meinen Ruf Euch anvertrauen?«
»Es muß sein, Madame, nur so kann ich Euch helfen.«
»Aber wie? Sagt mir doch nur, wie?«
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»Mein Mann ist vor drei Tagen in Freiheit gesetzt worden,
allerdings bin ich noch nicht dazu gekommen, ihn wiederzusehen. Er ist ein biederer, ehrlicher Mensch, der niemanden haßt und niemanden liebt. Er tut mir jeden Willen. Ein
Wort von mir genügt, und er reist mit dem Brief ab, ohne zu
wissen, daß er von Euch ist, und liefert ihn bei der angegebenen Adresse zuverlässig ab.«
Die Königin ergriff in jäher Freude die Hände der jungen
Frau, sah sie aufmerksam an, als wollte sie ihr bis auf den
Grund des Herzens schauen, und schloß sie, da sie in ihren
schönen Augen nur Aufrichtigkeit las, liebevoll in die Arme.
»Tue das«, rief sie, »und du rettest mir Leben und Ehre!«
»Oh, wollt den Dienst, den ich Euch leisten darf, nicht zu
hoch veranschlagen! Eure Majestät sind nur das Opfer niederträchtiger Komplotte.«
»Ja, das stimmt, mein Kind, da hast du recht.«
»Die Zeit drängt, Madame, schreibt rasch den Brief!«
Die Königin eilte an einen kleinen Tisch, schrieb ein paar
Zeilen, versiegelte sie mit ihrem Petschaft und gab den Brief
Frau Bonacieux.
»Und jetzt«, sagte die Königin, »hätten wir beinahe etwas
sehr Wichtiges vergessen.«
»Was denn?«
»Das Geld.«
Frau Bonacieux errötete.
»Ja, richtig, und ich muß Eurer Majestät gestehen, daß
mein Mann …«
»Daß er keins hat, willst du wohl sagen?«
»Das nicht, im Gegenteil, aber er ist sehr geizig. Doch das
braucht Eure Majestät nicht zu beunruhigen, wir werden
schon welches auftreiben …«
»Ich selbst habe nämlich auch keines«, sagte die Königin,
»aber warte!« Sie eilte zu ihren Schmucksachen und kehrte
gleich darauf mit einem Ring zurück. »Hier, nimm das! Es
soll ein sehr wertvolles Stück sein, und da es ein Geschenk
meines Bruders, des Königs von Spanien, ist, kann ich frei
darüber verfügen. Nimm diesen Ring und mach ihn zu Geld,
damit dein Mann reisen kann!«
»In einer Stunde wird alles soweit sein.«
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»Du siehst die Adresse«, sagte die Königin so leise, daß es
kaum zu verstehen war, »an Mylord Herzog von Buckingham in London.«
»Der Brief wird ihm persönlich übergeben werden.«
»Hochherziges Kind!« rief Anna von Österreich.
Frau Bonacieux küßte der Königin die Hände, verbarg den
Brief in ihrem Mieder und enteilte geschwind wie ein Vogel.
Wenige Minuten später war sie in der Rue des Fossoyeurs.
Wie sie der Königin gesagt hatte, war sie mit ihrem Mann seit
seiner Freilassung noch nicht wieder zusammengetroffen,
und so ahnte sie natürlich nichts von seiner veränderten Einstellung zum Kardinal, einer Einstellung, in der er sich um
so mehr bestärkt sah, als Rochefort ihn seitdem mit seiner
Freundschaft und gelegentlichen Besuchen beehrte, in deren
Verlauf es dem Grafen nicht schwergefallen war, dem Krämer einzureden, bei der Entführung seiner Frau habe es sich
lediglich um eine politische Vorsichtsmaßregel gehandelt.
Frau Bonacieux fand ihren Mann allein. Der Ärmste mühte
sich redlich ab, um wieder etwas Ordnung in die Wohnung
zu bekommen, deren Möbel er fast gänzlich zertrümmert
und deren Schränke er fast gänzlich geleert vorgefunden
hatte, da ja die Justiz bekanntlich nicht zu den drei Dingen
gehört, von denen König Salomo sagte, daß sie keine Spur
hinterlassen. Die Magd war gleich bei der Verhaftung ihres
Herrn davongerannt, und der Schreck hatte sie so übermannt, daß sie nicht eher anhielt, als bis sie wieder in ihrer
burgundischen Heimat war.
Gleich nach seiner Rückkehr hatte der wackere Krämer seiner Frau Nachricht gegeben, und sie hatte ihm geantwortet,
daß sie ihm Glück wünsche und ihn, sobald sich ihr eine Gelegenheit dazu biete, besuchen werde. Diese Gelegenheit ließ
allerdings mehrere Tage auf sich warten, was Herrn Bonacieux
unter anderen Umständen wohl recht lange erschienen wäre,
aber seine Unterredung mit dem Kardinal und die Besuche
des Grafen von Rochefort lieferten ihm hinreichend Stoff
zum Nachdenken, einer Beschäftigung also, bei der, wie man
weiß, die Zeit wie im Fluge vergeht. Dies um so mehr, als Meister Bonacieux’ Überlegungen sich in den rosigsten Bahnen
bewegten. Rochefort nannte ihn seinen Freund, seinen lieben
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Bonacieux und betonte immer wieder, daß der Kardinal große
Stücke auf ihn hielt. Der Krämer sah sich bereits auf dem Weg
zu Ruhm und Reichtum.
Auch Frau Bonacieux hatte in dieser Zeit viel nachgedacht,
allerdings waren es, wie wir gestehen müssen, alles andere als
ehrgeizige Gedanken. Unwillkürlich kam ihr immer wieder
jener hübsche und mutige junge Mann, der so verliebt schien,
in den Sinn. Mit achtzehn Jahren verheiratet, hatte Frau Bonacieux bisher nur im Kreise ihres Mannes und seiner Bekannten gelebt, einer Umgebung, die einer jungen Frau mit
hochfliegendem Herzen wenig geben konnte und für deren
plumpe Verführungen sie daher auch gänzlich unempfindlich geblieben war. Nun aber übte, zumindest damals, der Titel eines Edelmannes eine große Anziehungskraft auf das
Bürgertum aus, und d’Artagnan war Edelmann; zudem war
er, wie gesagt, schön, jung und verwegen und sprach von
Liebe wie nur ein Liebender, der nach Gegenliebe dürstet.
All das war mehr als genug, um einer Einundzwanzigjährigen
den Kopf zu verdrehen, und Frau Bonacieux hatte just dieses
glückliche Alter erreicht.
So kam es, daß die beiden Gatten, obwohl sie einander seit
mehr als einer Woche nicht gesehen und inzwischen allerlei
erlebt hatten, sich mit ziemlicher Befangenheit gegenübertraten. Immerhin verriet Herr Bonacieux ehrliche Freude
und ging mit offenen Armen auf seine Frau zu.
Frau Bonacieux bot ihm ihre Stirn.
»Laßt uns miteinander reden!« sagte sie.
»Wie?« fragte er verwundert.
»Ja doch, ich muß dir etwas Hochwichtiges mitteilen.«
»Auch ich habe ein paar sehr ernste Fragen an dich zu richten. Erzähl mir doch bitte, wie das mit deiner Entführung war!«
»Darum handelt es sich im Augenblick nicht.«
»Und worum sonst? Etwa um meine Verhaftung?«
»Ich hörte noch am selben Tag davon; aber dich traf ja keine
Schuld, und du wußtest auch nichts, was dich oder einen anderen belasten konnte, und darum habe ich die Sache nicht
wichtiger genommen, als sie wirklich war.«
»Du hast gut reden«, versetzte Bonacieux, den die geringe
Anteilnahme seiner Frau kränkte. »Weißt du denn nicht, daß
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ich einen ganzen Tag und eine ganze Nacht in der Bastille
eingekerkert war?«
»Ein Tag und eine Nacht gehen rasch vorüber. Lassen wir
jetzt deine Gefangenschaft und kommen wir endlich zu dem,
was mich hergeführt hat!«
»Wie? Führt dich denn etwas anderes hierher als der
Wunsch, deinen Gatten wiederzusehen, von dem du so lange
getrennt warst?« rief er, aufs äußerste verletzt.
»Einmal dieser Wunsch, dann aber auch noch ein zweites.«
»Und was?«
»Etwas sehr Wichtiges, von dem vielleicht unser künftiges
Geschick abhängt.«
»Unser Geschick hat sich merklich gewandelt, seit wir uns
das letztemal sahen, und ich würde mich gar nicht wundern,
wenn uns in einigen Monaten viele Leute beneiden.«
»Gewiß, vor allem, wenn du den Auftrag erfüllst, den ich
für dich habe.«
»Du für mich?«
»Ja, ich für dich. Es handelt sich um eine gute und edle Tat,
bei der es außerdem noch viel Geld zu verdienen gibt.«
Frau Bonacieux wußte, daß sie ihren Mann an seiner schwachen Stelle packte, wenn sie von Geld sprach. Aber auch ein
Krämer ist, wenn er einmal zehn Minuten mit dem Kardinal
Richelieu gesprochen hat, nicht mehr derselbe Mensch.
»Viel Geld zu verdienen?« sagte Bonacieux und schob die
Lippen vor.
»Ja, viel.«
»Wieviel ungefähr?«
»Vielleicht tausend Dukaten.«
»Dann ist das also ein sehr bedeutender Auftrag?«
»Ja.«
»Was muß ich tun?«
»Du reist sofort ab; ich gebe dir einen Brief mit, den du dir
unter keinen Umständen abnehmen läßt und nur dem Empfänger selbst übergibst.«
»Und wohin soll ich reisen?«
»Nach London.«
»Ich, nach London? Geh, du machst schlechte Witze! Ich
habe doch in London nichts zu schaffen.«
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»Du sollst ja auch für andere dort hinreisen.«
»Wer sind diese anderen? Ich sage dir gleich, ich mache
nichts mehr mit Scheuklappen vor den Augen, ich will wissen, was für einer Gefahr ich mich aussetze und vor allem für
wen.«
»Eine hochgestellte Person sendet dich, und eine hochgestellte Person erwartet dich; ihr Dank wird alle deine Wünsche
übersteigen. Das ist alles, was ich dir im Augenblick sagen
kann.«
»Also wieder Intrigen! Immer nur Intrigen! Danke, davon
habe ich nun wirklich genug, der Herr Kardinal hat mich da
restlos aufgeklärt!«
»Der Kardinal!« rief Frau Bonacieux. »Du warst beim Kardinal?«
»Er hat mich rufen lassen«, antwortete der Krämer stolz.
»Und du in deiner Beschränktheit mußtest natürlich hingehen.«
»Offen gestanden, hatte ich gar keine Wahl, denn ich wurde
von zwei Gardisten hingeführt. Auch will ich nicht leugnen,
daß ich damals liebend gern auf diesen Besuch verzichtet
hätte, denn ich kannte ja Seine Eminenz noch nicht.«
»Er hat dich also mißhandelt? Er hat dich bedroht?«
»Er hat mir die Hand gegeben und mich seinen Freund genannt, seinen Freund, verstehst du? Ich bin der Freund des
großen Kardinals.«
»Des großen Kardinals!«
»Willst du ihm etwa diesen Titel streitig machen?«
»Ich will ihm gar nichts, ich sage nur, daß die Gunst eines
Ministers etwas sehr Vergängliches ist und daß man schon
ein Narr sein muß, um auf derlei zu bauen. Es gibt noch
Mächte über ihm, die nicht von der Laune eines Menschen
oder dem Ausgang eines Ereignisses abhängen, und an diese
Mächte muß man sich halten.«
»Tut mir leid, aber ich kenne keine andere Macht als die des
großen Mannes, dem zu dienen ich die Ehre habe.«
»Du dienst dem Kardinal?«
»Ja, und als sein Diener kann ich nicht erlauben, daß du
dich in Anschläge gegen die Sicherheit des Staates einläßt
und die Intrigen einer Frau unterstützt, die keine Französin
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und im Herzen eine Spanierin ist. Zum Glück ist der große
Kardinal da, sein scharfes Auge wacht über allem und dringt
jedem bis auf den Grund des Herzens.«
Bonacieux wiederholte Wort für Wort einen Satz, den er von
Rochefort aufgeschnappt hatte. Die arme Frau aber, die fest
auf ihren Mann gerechnet und sich in dieser Hoffnung bei der
Königin für ihn verbürgt hatte, zitterte nicht wenig bei dem
Gedanken an die Gefahr, die ihr beinahe zum Verhängnis geworden wäre, und an die Ohnmacht, in der sie sich jetzt befand.
Indessen kannte sie die Schwäche und vor allem die Geldgier
ihres Mannes, und so gab sie die Hoffnung nicht auf, ihn doch
noch für ihre Zwecke zu gewinnen.
»So, du bist Kardinalist geworden!« rief sie. »Du hältst es
mit denen, die deine Frau mißhandeln und deine Königin verhöhnen!«
»Die Privatinteressen haben vor den Allgemeininteressen
zurückzutreten. Ich halte es mit denen, die den Staat retten!«
entgegnete Bonacieux pathetisch.
Auch das war ein Ausspruch des Grafen von Rochefort,
den der einfältige Krämer sich gemerkt hatte und nun voller
Stolz anbrachte.
»Und weißt du denn, was dieser Staat ist, von dem du redest?« fragte seine Frau und zuckte die Achseln. »Sei zufrieden, daß du ein einfacher Bürger bist, und halte dich an die
Seite, die dir die meisten Vorteile bietet!«
»So, so«, sagte Bonacieux und klopfte an einen wohlgefüllten Beutel, in dem es angenehm klimperte. »Und was sagt
die Frau Predigerin dazu?«
»Wo hast du das Geld her?«
»Errätst du es nicht?«
»Vom Kardinal?«
»Von ihm und meinem Freund, dem Grafen Rochefort.«
»Rochefort? Aber das ist ja derselbe, der mich entführt
hat!«
»Das kann schon sein.«
»Und von diesem Menschen nimmst du Geld an?«
»Hast du mir nicht gesagt, daß diese Entführung eine rein
politische Angelegenheit war?«
»Ja, aber sie zielte darauf ab, mich zum Verrat an meiner
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Herrin zu bewegen und mir auf der Folter Geständnisse zu
entreißen, die die Ehre und vielleicht sogar das Leben meiner
erlauchten Gebieterin gefährdet hätten.«
»Deine erlauchte Gebieterin ist eine perfide Spanierin, und
was der Kardinal tut, ist wohlgetan.«
»Mann!« rief die junge Frau. »Ich wußte ja, daß du feige,
dumm und geizig bist, aber ich wußte nicht, daß du auch ein
Schuft bist!«
»Was sagst du da?« stotterte Bonacieux, der seine Frau noch
nie wütend gesehen hatte und vor ihrem Zorn zurückwich.
»Ich sage, daß du ein elender Wicht bist!« erwiderte Frau
Bonacieux, der nicht entging, daß sie wieder etwas Einfluß
auf ihren Mann gewann. »Politik willst du treiben, und dazu
noch kardinalistische Politik! Für ein bißchen Geld verkaufst
du dich mit Leib und Seele dem Teufel!«
»Nein, aber dem Kardinal!«
»Das ist dasselbe! Wer Richelieu sagt, der sagt Satan.«
»Sei doch still, um Gottes willen! Wenn dich einer hört!«
»Du hast recht, ich müßte mich dann ja deiner Feigheit
schämen.«
»Aber was soll ich denn tun?«
»Ich hab dir ja schon gesagt, du machst dich unverzüglich auf
den Weg und erledigst getreulich den Auftrag, den ich dir übermittle; nur unter dieser Bedingung will ich alles vergessen und
dir verzeihen, ja will ich dir auch wieder meine Freundschaft
schenken!«
Und sie hielt ihm ihre Hand hin. Bonacieux war feige und
geizig, aber er liebte seine Frau und wurde weich. Ein Fünfzigjähriger kann einer Frau von Einundzwanzig nicht lange
böse sein. Seine Frau merkte, daß er zögerte.
»Nun, hast du dich entschlossen?«
»Aber meine Liebe, bedenk doch auch ein bißchen, was du
von mir verlangst! Eine Reise nach London ist kein Spaziergang, und vielleicht ist der Auftrag, den du für mich hast,
nicht ganz ungefährlich.«
»Gefahren kann man aus dem Wege gehen.«
»Nein, nein, Frau!« sagte der Krämer. »Ich kann das nicht,
diese Intrigen machen mir angst. Ich habe die Bastille kennengelernt. Brrr! Ein fürchterlicher Ort. Ich brauche nur
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daran zu denken, schon kriege ich eine Gänsehaut. Man hat
mir die Folter angedroht. Weißt du, was das ist? Man treibt
dir Holzklötze zwischen die Beine, bis die Knochen krachen!
Nein, ich reise nicht, auf keinen Fall! Und überhaupt, warum
fährst du nicht selber? Ich glaube nämlich, ich hab mich bislang in dir getäuscht, mir scheint, du bist ein Mann und noch
dazu ein ganz wilder!«
»Und du bist ein Weib, ein elendes, dummes und gefühlloses Weibstück. Du hast also Angst? Nun gut, wenn du dich
nicht augenblicklich auf den Weg machst, lasse ich dich auf
Befehl der Königin verhaften und in die Bastille werfen, die
du so fürchtest.«
Bonacieux versank in tiefes Grübeln; er wog im Geiste reiflich den Zorn des Kardinals gegen den der Königin ab, und
der des Kardinals erwies sich als weitaus schwerer.
»Gut, laß mich im Namen der Königin verhaften«, sagte er
endlich, »dann werde ich mich eben auf Seine Eminenz berufen!«
Nun sah Frau Bonacieux ein, daß sie zu weit gegangen war.
Nicht ohne Bangigkeit betrachtete sie einen Augenblick dieses dümmliche Gesicht, das sich so entschlossen gab – wie
alle Schwachköpfe, die Angst haben.
»Tue, was du willst!« sagte sie. »Vielleicht hast du nicht einmal unrecht, Männer verstehen eben doch mehr von Politik
als Frauen, und besonders du, denn du hast ja sogar mit dem
Kardinal gesprochen. Allerdings ist es ziemlich hart, daß mein
Mann, auf dessen Liebe ich glaubte rechnen zu dürfen, mich
derart ungnädig behandelt und so wenig auf meine Launen
eingeht.«
»Nur, weil deine Launen zu weit führen können«, versetzte
der Krämer triumphierend, »und da bin ich eben mißtrauisch.«
»Gut, ich verzichte ja schon«, sagte die junge Frau seufzend.
»Reden wir nicht mehr davon!«
»Wenn du mir wenigstens sagen würdest, was ich in London
tun soll«, entgegnete Herr Bonacieux, der sich ein bißchen spät
daran erinnerte, daß ihm Rochefort empfohlen hatte, er möge
versuchen, hinter die Geheimnisse seiner Frau zu kommen.
»Was brauchst du das noch zu wissen?« sagte seine Frau,
die ein unwillkürliches Mißtrauen zurückweichen ließ. »Es
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handelte sich um eine Bagatelle, wie Frauen sie sich manchmal wünschen, um eine Besorgung, bei der man viel hätte
verdienen können.«
Aber je ausweichender seine Frau antwortete, desto mehr
sagte sich Bonacieux, daß sie ihm etwas sehr Wichtiges verheimlichte. Daher faßte er den Entschluß, unverzüglich den
Grafen Rochefort aufzusuchen und ihm mitzuteilen, daß die
Königin einen Boten suche, um ihn nach London zu schicken.
»Entschuldige, liebe Frau«, sagte er, »aber ich muß jetzt
leider gehen; ich wußte ja nicht, daß du heute kommen würdest, und da habe ich mich mit einem meiner Freunde verabredet. Doch ich bin gleich zurück. Warte nur ein paar Minuten, dann habe ich die Sache mit meinem Freund erledigt
und kann dich, da es ja schon spät genug ist, wieder zum Louvre bringen.«
»Ach, danke!« erwiderte Frau Bonacieux. »Bei deiner Tapferkeit kannst du mir schwerlich von Nutzen sein, da geh ich
lieber allein in den Louvre zurück.«
»Wie du willst. Sehen wir uns bald wieder?«
»Sicher. In der nächsten Woche läßt mir der Dienst hoffentlich mehr Zeit, dann kann ich hierherkommen und unsere Sachen in Ordnung bringen, die ein bißchen arg durcheinandergeraten sind.«
»Gut, ich erwarte dich also. Du bist mir doch nicht böse?«
»Ich? Aber keine Spur!«
»Dann bis auf nächste Woche?«
»Bis nächste Woche!«
Bonacieux küßte seiner Frau die Hand und eilte hinweg.
Herrjeh, dachte Frau Bonacieux, als sich die Haustür hinter ihrem Mann geschlossen hatte, das fehlte noch, daß dieser Strohkopf ein Anhänger des Kardinals werden mußte!
Und da habe ich mich für ihn bei der Königin verbürgt, habe
meiner armen Herrin versprochen … Mein Gott! Nun wird
sie mich auch für eine dieser elenden Kreaturen halten, von
denen es im Schloß nur so wimmelt und die alle nur dazu da
sind, ihr nachzuspionieren! Ach, Bonacieux, ich habe dich ja
nie sonderlich geliebt, aber jetzt ist es noch schlimmer, jetzt
hasse ich dich, und auf mein Wort, was du mir heute angetan
hast, sollst du mir bezahlen!
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In ebendiesem Augenblick hörte sie über sich ein Klopfen,
und als sie hochblickte, vernahm sie eine Stimme, die zu ihr
sprach: »Liebe Frau Bonacieux, öffnet doch bitte die kleine
Tür zum Seitenaufgang! Ich komme zu Euch hinunter.«
Liebhaber und Ehemann
»Oh, Madame Bonacieux«, sagte d’Artagnan, als ihn kurz darauf die junge Frau durch die besagte Tür hereinließ, »verzeiht
die Bemerkung, aber was habt Ihr nur für einen Jammerlappen
zum Mann!«
»Habt Ihr denn unser Gespräch mit angehört?« fragte Frau
Bonacieux aufgeregt und sah den jungen Mann voller Unruhe an.
»Vom Anfang bis Ende.«
»Aber wie denn nur, um Gottes willen?«
»Auf dieselbe Weise, die es mir schon neulich erlaubte,
Eure allerdings weit lebhaftere Unterhaltung mit den Sbirren
des Kardinals zu belauschen.«
»Und was habt Ihr dem Gespräch von eben entnommen?«
»Eine ganze Menge. Einmal, daß Euer Mann zum Glück ein
Trottel und Einfaltspinsel ist; sodann, daß Ihr in Verlegenheit
seid, worüber ich mich aufrichtig freue, denn es gestattet mir,
Euch meine Dienste anzubieten, und weiß Gott, für Euch ginge
ich durchs Feuer! Endlich aber auch, daß die Königin einen tapferen, gescheiten und ergebenen Mann braucht, der für sie nach
London reist. Da ich zumindest zwei der drei erforderlichen
Eigenschaften aufweisen kann, seht Ihr mich hier!«
Frau Bonacieux antwortete nicht gleich, aber ihr Herz
schlug vor Freude höher, und in ihren Augen glänzte eine
heimliche Hoffnung auf.
»Und welche Sicherheit bietet Ihr mir«, fragte sie endlich,
»wenn ich mich wirklich entschließe, Euch mit dieser Mission zu betrauen?«
»Meine Liebe zu Euch. Also befehlt: Was soll ich tun?«
»O Gott!« murmelte die junge Frau. »Darf ich Euch denn ein
solches Geheimnis anvertrauen? Ihr seid ja fast noch ein Kind!«
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»Ach so, Ihr braucht wohl jemand, der für mich bürgt.«
»Ja, das würde mich allerdings sehr beruhigen.«
»Kennt Ihr Athos?«
»Nein.«
»Porthos?«
»Nein.«
»Aramis?«
»Nein. Was sind das für Herren?«
»Musketiere des Königs. Aber vielleicht ist Euch ihr Hauptmann bekannt, Herr de Treville?«
»O ja, den kenne ich, zwar nicht persönlich, aber am Hof
habe ich oft von ihm als von einem wackeren und rechtschaffenen Edelmann sprechen hören.«
»Ihr hättet also keine Angst, daß er Euch an den Kardinal
verraten könnte?«
»Nein, ganz gewiß nicht.«
»Gut, dann entdeckt ihm Euer Geheimnis und fragt ihn,
ob Ihr es mir anvertrauen könnt, sei es auch noch so wichtig,
kostbar und gefährlich!«
»Aber das Geheimnis gehört nicht mir, und darum darf ich
es an niemand weitergeben.«
»Und doch wolltet Ihr es Euerm Mann anvertrauen!« sagte
d’Artagnan verdrossen.
»Wie man einem hohlen Baum, dem Flügel einer Taube oder
dem Halsband eines Hundes einen Brief anvertraut.«
»Ihr seht aber doch, daß ich Euch liebe.«
»Ihr sagt es zumindest.«
»Ich bin ein Ehrenmann!«
»Das glaube ich.«
»Ich bin tapfer.«
»Oh, davon bin ich überzeugt!«
»Dann stellt mich auf die Probe!«
Frau Bonacieux, deren Bedenken noch immer nicht ganz
geschwunden waren, sah den jungen Mann prüfend an. Aber
aus seinem Blick sprach eine ehrliche Bereitschaft, aus seiner
Stimme eine solche Überzeugungskraft, daß es sie drängte,
sich ihm anzuvertrauen. Zudem befand sie sich in einer Lage,
in der es alles aufs Spiel zu setzen galt, um alles zu gewinnen.
Allzu große Zurückhaltung konnte die Königin ebenso ver196
derben wie allzu großes Vertrauen. Schließlich aber, gestehen
wir es nur, gab die unbewußte Neigung, die sie für ihren jungen Beschützer empfand, den Ausschlag.
»Gut«, sagte sie, »ich will Euern Beteuerungen glauben.
Aber ich schwöre bei Gott, der uns hört, wenn Ihr mich je
verratet und wenn mir auch meine Feinde vergeben, ich
werde mir dennoch das Leben nehmen und Euch als meinen
Mörder anklagen!«
»Und ich schwöre Euch bei Gott«, versetzte d’Artagnan,
»sollte ich je in Ausführung Eurer Befehle ergriffen werden,
so will ich lieber sterben, als daß ich irgend etwas tue oder
sage, was einen anderen gefährden könnte!«
Hierauf vertraute sie ihm das schreckliche Geheimnis an,
das ihm der Zufall schon zu einem Teil vor der Figur der Samariterin auf der Seinebrücke entdeckt hatte.
Es war ihre beiderseitige Liebeserklärung.
D’Artagnan strahlte vor Freude und Stolz. Das Geheimnis,
das er besaß, und diese Frau, die er liebte – Vertrauen und Liebe
machten ihn zu einem Riesen.
»Ich reise sofort ab«, sagte er.
»Wie denn, sofort?« rief Frau Bonacieux. »Und Euer Regiment, Euer Hauptmann?«
»Weiß der Himmel, liebe Constance, Ihr habt mich das alles
vergessen lassen! Doch Ihr habt recht, ich muß erst um Urlaub
bitten.«
»Wieder ein Hindernis«, murmelte Frau Bonacieux gequält.
»Ach was«, rief d’Artagnan nach kurzem Nachdenken,
»damit werde ich schon fertig, macht Euch darüber nur keine
Gedanken!«
»Ja, wie denn?«
»Ich gehe noch heute abend zu Herrn de Treville und bitte
ihn, mir diese Gunst bei seinem Schwager, Herrn des Essarts,
zu erwirken.«
»Gut, und nun noch eines.«
»Ja?« fragte d’Artagnan, als sie zögerte, weiterzusprechen.
»Ihr habt vielleicht kein Geld?«
»Vielleicht ist gut!« antwortete er und feixte.
»Dann nehmt das hier!« sagte Frau Bonacieux und reichte
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ihm den Beutel, den ihr Mann noch vor einer knappen halben
Stunde so liebevoll betätschelt hatte.
»Das Geld des Kardinals!« rief d’Artagnan und lachte hell
auf, denn wie sich der Leser erinnern wird, war ihm von der
Unterhaltung des Krämers mit seiner Frau kein Wort entgangen.
»Ja, das Geld des Kardinals. Und wie Ihr seht, ist es durchaus nicht knapp bemessen.«
»Bei Gott, es soll mir ein doppelter Spaß sein, die Königin
mit den Dukaten Seiner Eminenz zu retten!«
»Ihr seid ein liebenswürdiger und artiger junger Mann.
Glaubt mir, die Königin wird nicht undankbar sein!«
»Ich bin schon überreich belohnt!« rief d’Artagnan. »Ich
liebe Euch, und ich darf es Euch sagen. Das ist bereits mehr
Glück, als ich zu hoffen wagte.«
»Still!« sagte Frau Bonacieux erschrocken.
»Was ist denn?«
»Auf der Straße wird gesprochen.«
»Das ist doch die Stimme …«
»Meines Mannes, ja; ich hab sie gleich erkannt.«
D’Artagnan lief zur Tür und schob den Riegel vor.
»Er darf nicht eher herein, als bis ich gegangen bin. Öffnet
ihm erst dann!«
»Aber ich wollte auch längst weg sein. Und womit soll ich,
wenn ich hierbleibe, das Verschwinden des Geldes erklären?«
»Ihr habt recht, wir müssen beide weg!«
»Aber wie? Er sieht uns doch, wenn wir hinausgehen.«
»Dann müßt Ihr mit zu mir hinauf.«
»Ach«, rief Frau Bonacieux, »Ihr sagt das in einem Ton,
daß mir ganz angst wird.«
Bei diesen Worten traten ihr die Tränen in die Augen.
D’Artagnan sah es und warf sich verwirrt vor ihr auf die Knie.
»Bei mir seid Ihr sicher wie in einem Tempel, darauf gebe
ich Euch mein Wort als Edelmann!«
»Gut, ich komme mit. Ich habe Vertrauen zu Euch, mein
Freund!«
D’Artagnan schob vorsichtig den Riegel zurück, dann glitten beide lautlos in den Hausflur, eilten die Treppe hinauf
und schlüpften in d’Artagnans Zimmer. Nachdem hier der
198
junge Mann zur Sicherheit erst einmal die Tür fest zugesperrt
hatte, traten sie ans Fenster und sahen durch einen Spalt der
geschlossenen Läden Herrn Bonacieux mit einem Mann
sprechen.
Beim Anblick des Fremden, der in einen Mantel gehüllt
war, fuhr d’Artagnan zurück, riß den Degen halb aus der
Scheide und stürzte zur Tür.
Es war der Mann aus Meung.
»Wo wollt Ihr hin?« rief Frau Bonacieux. »Ihr stürzt uns
ins Verderben!«
»Ich habe geschworen, diesen Kerl zu töten!«
»Ihr habt Euer Leben verpfändet, es gehört Euch nicht
mehr. Im Namen der Königin verbiete ich Euch, irgendeine
Gefahr aufzusuchen, die mit Eurer Mission nichts zu tun
hat!«
»Und in Euerm Namen befehlt Ihr mir nichts?«
»In meinem Namen?« sagte sie bewegt. »In meinem Namen bitte ich Euch sehr. Doch hört, sie sprechen, scheint’s,
von mir!«
D’Artagnan trat wieder ans Fenster und lauschte angestrengt.
Herr Bonacieux hatte inzwischen die Haustür aufgeschlossen und war, als er die Wohnung leer fand, wieder nach draußen
zu dem Mann im Mantel gegangen, den er einen Augenblick
allein gelassen hatte.
»Sie ist nicht mehr da«, sagte er. »Sie wird wohl in den Louvre
zurückgekehrt sein.«
»Seid Ihr auch sicher«, fragte der Fremde, »daß sie nicht
ahnt, in welcher Absicht Ihr weggegangen seid?«
»Sie ahnt nicht das geringste«, antwortete Bonacieux
selbstgefällig. »Dazu ist sie viel zu oberflächlich.«
»Ist der Gardekadett zu Hause?«
»Ich glaube nicht. Die Fensterläden sind geschlossen, und
es schimmert auch kein Licht durch die Spalten.«
»Das will nichts heißen; man müßte sich vergewissern.«
»Und wie?«
»Bei ihm anklopfen.«
»Ich werde seinen Diener fragen.«
»Tut das!«
199
Bonacieux ging wieder ins Haus, benutzte dieselbe Tür,
durch die kurz vorher die beiden Flüchtlinge geschlüpft waren, stieg in den ersten Stock und klopfte an die Tür. Niemand
antwortete. Porthos hatte an diesem Abend irgend jemand besonders beeindrucken wollen und sich deshalb Planchet ausgeliehen. D’Artagnan selbst aber hütete sich, ein Lebenszeichen von sich zu geben.
In dem Augenblick, als Bonacieux an die Tür klopfte,
schlug den beiden jungen Leuten das Herz bis zum Hals.
»Es ist niemand da«, sagte der Krämer, als er wieder unten
war.
»Laßt uns auf alle Fälle zu Euch hineingehen, da ist es sicherer als auf der Türschwelle.«
»Ach Gott«, flüsterte Frau Bonacieux, »nun können wir
nichts mehr verstehen!«
»Im Gegenteil!« sagte der Gascogner, und schon löste er
ein paar Fliesen vom Boden, breitete einen kleinen Teppich
aus, kniete nieder und winkte Frau Bonacieux, sich gleichfalls über die Öffnung zu beugen.
»Ihr seid also sicher, daß niemand im Hause ist?« hörten
sie den Unbekannten fragen.
»Völlig sicher«, antwortete Bonacieux.
»Und Ihr meint, daß Eure Frau …«
»In den Louvre zurückgekehrt ist, ja.«
»Und in dieser Zeit nur mit Euch gesprochen hat?«
»Ganz recht.«
»Das ist nämlich ein sehr wichtiger Umstand, versteht Ihr?«
»Dann war die Nachricht, die ich Euch gebracht habe, also
wertvoll?«
»Sehr wertvoll sogar, mein lieber Bonacieux, das sage ich
Euch ganz offen.«
»Meint Ihr, daß der Kardinal mit mir zufrieden sein wird?«
»Unbedingt.«
»Der große Kardinal!«
»Und Ihr erinnert Euch nicht, daß Eure Frau in diesem
Zusammenhang irgendwelche Namen genannt hat?«
»Nein.«
»Sie hat weder von Madame de Chevreuse noch vom Herzog von Buckingham oder Madame de Vernet gesprochen?«
200
»Nein, sie hat nur gesagt, ich sollte nach London reisen,
um den Interessen einer hochgestellten Person zu dienen.«
»Verräter!« murmelte Frau Bonacieax.
»Pst!« machte d’Artagnan und ergriff ihre Hand, die sie
ihm gedankenlos überließ.
»Wie dem auch sei«, fuhr der Mann im Mantel fort, »es war
auf jeden Fall dumm von Euch, daß Ihr den Auftrag nicht
zum Schein angenommen habt, denn dann hättet Ihr den
Brief jetzt, der bedrohte Staat wäre gerettet und Ihr …«
»Und ich?«
»Nun, Ihr würdet vom Kardinal geadelt werden.«
»Hat er das gesagt?«
»Ja, ich weiß, daß er Euch damit überraschen wollte.«
»Seid unbesorgt!« versicherte Bonacieux. »Meine Frau liebt
mich über alles, und es ist ja noch nicht zu spät.«
»So ein Trottel!« murmelte Frau Bonacieux.
»Still!« flüsterte d’Artagnan und drückte ihre Hand.
»Wieso ist es noch nicht zu spät?« fragte der Fremde.
»Ich eile zum Louvre, lasse meine Frau kommen und sage
ihr, daß ich mir’s überlegt habe und den Auftrag annehme.
Dann bekomme ich den Brief und laufe damit zum Kardinal.«
»Gut, macht aber schnell! Ich komme nachher noch einmal vorbei und erkundige mich, was aus der Sache geworden
ist.«
Der Unbekannte ging.
»Dieser Schuft!« stieß Frau Bonacieux leise zwischen den
Zähnen hervor und meinte damit abermals ihren lieben
Mann.
»Still doch!« beschwor d’Artagnan sie und drückte ihre
Hand noch fester als zuvor.
Kurz darauf riß sie ein fürchterliches Geschrei aus ihrer
stummen Zwiesprache. Es war Herr Bonacieux, der das Verschwinden des Geldbeutels bemerkt hatte und nun Zeter und
Mordio schrie.
»Großer Gott«, flüsterte seine Frau, »er wird noch die
ganze Gegend rebellisch machen!«
Bonacieux’ Gezeter hielt eine ganze Weile an. Aber in der
Rue des Fossoyeurs waren solche nächtlichen Hilferufe keine
201
Seltenheit, und da überdies das Haus des Krämers seit einiger Zeit nicht im besten Rufe stand, fühlte sich niemand zum
Eingreifen bemüßigt. So hörte man denn, wie sich das Geschrei langsam zur Rue du Bac hin entfernte.
»Jetzt ist er weg, und es wird Zeit, daß auch Ihr verschwindet!« sagte Frau Bonacieux. »Nur Mut und vor allem
Vorsicht! Denkt immer daran, daß Euer Leben der Königin
gehört!«
»Ihr und Euch!« rief d’Artagnan. »Seid ganz ruhig, schöne
Constance, ich werde, ihrer Dankbarkeit würdig, zurückkehren! Werde ich dann aber auch Eurer Liebe würdig sein?«
Die junge Frau antwortete nicht, doch eine lebhafte Röte
verriet, was sie dachte. Wenige Augenblicke später verließ
auch d’Artagnan, in einen weiten Mantel gehüllt, den die
Scheide eines langen Degens bauschte, das Haus in der Rue
des Fossoyeurs. Frau Bonacieux schickte ihm einen langen,
zärtlichen Blick hinterher, wie ihn nur verliebte Frauen für
den Mann ihres Herzens haben können. Kaum aber war er
um die Straßenecke verschwunden, als sie auf die Knie fiel
und die Hände faltete.
»O mein Gott«, flehte sie, »beschütze die Königin und beschütze auch mich!«
Der Feldzugsplan
D’Artagnan begab sich auf dem schnellsten Wege zu Herrn
de Treville. Er sagte sich, daß der Kardinal binnen kurzem
durch diesen verdammten Unbekannten, der offensichtlich
ein Agent war, von dem Vorhaben der Königin erfahren
würde, und er nahm mit Recht an, daß es keine Minute zu
verlieren galt.
Das Herz des jungen Gascogners strömte über vor Freude
und Glück. Nun hatte er eine Gelegenheit, auf einen Schlag
zu Ruhm und zu Geld zu gelangen, und darüber hinaus war
er soeben einer angebeteten Frau nähergekommen. Der Zufall tat mit einemmal mehr für ihn, als er je zu erhoffen gewagt hatte.
Herr de Treville befand sich wie fast immer um diese
202
Stunde im Kreise seiner Edelleute im Salon. D’Artagnan, der
als Freund des Hauses bekannt war, ging sofort ins Arbeitszimmer und ließ dem Hauptmann melden, daß er ihn in einer
wichtigen Angelegenheit sprechen müsse. Er hatte noch keine
fünf Minuten gewartet, als Treville eintrat. Das strahlende
Gesicht des jungen Mannes sagte dem wackeren Hauptmann
auf den ersten Blick, daß sich wirklich etwas Neues begeben
haben mußte.
Schon unterwegs hatte sich d’Artagnan gefragt, ob er sich
Herrn de Treville offenbaren oder ihn lediglich um freie
Hand in einer vertraulichen Angelegenheit bitten sollte.
Aber Treville war immer so offen zu ihm gewesen, und er war
dem König und der Königin so treu ergeben, während er den
Kardinal von ganzem Herzen haßte, daß es dem jungen
Mann richtiger erschien, dem Hauptmann alles zu sagen.
»Ihr wolltet mich sprechen, mein junger Freund?« sagte
Herr de Treville.
»Ja, Herr Hauptmann, und ich hoffe, Ihr werdet mir die
Störung verzeihen, wenn Ihr wißt, um was für eine dringende
Sache es sich handelt.«
»Nun, dann sprecht Euch aus, ich höre!«
»Es geht um nichts Geringeres«, sagte d’Artagnan und
senkte die Stimme zu einem Flüstern, »als um die Ehre und
vielleicht sogar das Leben der Königin.«
»Was sagt Ihr da?« versetzte Treville und blickte sich unwillkürlich um, ob sie auch wirklich allein waren.
»Der Zufall hat mich in den Besitz eines Geheimnisses gebracht …«
»Das Ihr hoffentlich bewahren werdet, junger Mann!« unterbrach ihn der Hauptmann.
»Ja, doch Euch muß ich es anvertrauen, denn nur Ihr könnt
mir helfen, den Auftrag auszuführen, den ich von Ihrer Majestät empfangen habe!«
»Gehört dieses Geheimnis Euch?«
»Nein, es gehört der Königin.«
»Seid Ihr ermächtigt, es mir anzuvertrauen?«
»Nein, man hat mich im Gegenteil zu strengstem Stillschweigen verpflichtet.«
»Und warum wollt Ihr es mir da verraten?«
203
»Weil ich, wie gesagt, ohne Euch nichts tun kann und weil
ich fürchte, Ihr würdet mir die Gunst, um die ich Euch bitten möchte, abschlagen, wenn Ihr den Grund nicht kennt.«
»Behaltet das Geheimnis für Euch, junger Mann, und sagt
mir, was Ihr wollt!«
»Ich wollte Euch bitten, bei Herrn des Essarts einen Urlaub von vierzehn Tagen für mich zu erwirken.«
»Von wann ab?«
»Ab heute nacht.«
»Ihr verlaßt Paris?«
»Ja, in geheimer Mission.«
»Dürft Ihr mir sagen, wohin?«
»Nach London.«
»Hat jemand ein Interesse daran, daß Ihr Euer Ziel nicht
erreicht?«
»Ich könnte mir denken, daß der Kardinal alle Hebel in
Bewegung setzt, damit ich nicht hinkomme.«
»Und Ihr reist allein?«
»Ja.«
»In diesem Fall kommt Ihr höchstens bis Bondy, so wahr
ich Treville heiße!«
»Wieso?«
»Man wird Euch unterwegs ermorden lassen.«
»Dann sterbe ich in der Erfüllung meiner Pflicht.«
»Aber Eure Mission bleibt unausgeführt.«
»Das ist wahr.«
»Glaubt mir, bei solchen Unternehmungen braucht man wenigstens vier Mann, wenn auch nur einer durchkommen soll!«
»Ja, das stimmt, Herr Hauptmann! Aber Ihr kennt doch
Athos, Porthos und Aramis und wißt, daß ich mich auf sie
verlassen kann.«
»Auch ohne Euer Geheimnis preiszugeben, das ich nicht
wissen wollte?«
»Wir haben uns ein für allemal blindes Vertrauen und restlose Ergebenheit geschworen. Im übrigen könnt Ihr ihnen ja
sagen, daß Ihr mir vertraut, dann werden sie sich von Euch
gewiß nicht beschämen lassen!«
»Ich kann nicht mehr tun, als jeden für vierzehn Tage in Urlaub zu schicken: Athos, damit er zur Heilung seiner Wunden
204
die Bäder von Forges aufsucht. Porthos und Aramis, damit sie
ihren Freund begleiten können, den sie in seinem beklagenswerten Zustand nicht allein lassen wollen. Ich werde ihnen die
Urlaubsgenehmigung schriftlich zustellen, und das wird ihnen
beweisen, daß ich mit ihrer Reise einverstanden bin.«
»Danke, Herr Hauptmann, Ihr seid wahrhaft edel!«
»Eilt also sofort zu ihnen und seht zu, daß ihr noch heute
nacht aufbrecht! Doch richtig, schreibt mir erst noch Euer
Urlaubsgesuch für Herrn des Essarts! Vielleicht hattet Ihr
einen Spion auf den Fersen, und dann habe ich wenigstens
eine Begründung für Euern Besuch, wenn der Kardinal inzwischen davon erfahren hat.«
D’Artagnan schrieb rasch das Gesuch und gab es Herrn
de Treville, der ihm versicherte, daß die vier Urlaubsscheine
noch vor zwei Uhr nachts in ihren Quartieren abgegeben sein
würden.
»Den meinen schickt bitte zu Athos! Ich möchte nicht mehr
nach Hause, da ich sonst mit unangenehmen Zwischenfällen
rechnen müßte.«
»Geht in Ordnung. Lebt also wohl und gute Reise!« Doch
noch einmal rief er seinen jungen Landsmann zurück und
fragte: »Habt Ihr denn auch Geld?«
D’Artagnan schlug gegen den Beutel in seiner Tasche, in
dem es angenehm klimperte.
»Genug?« fragte Treville.
»Dreihundert Dukaten.«
»Das reicht! Damit kommt man bis ans Ende der Welt. Und
nun Hals- und Beinbruch!«
D’Artagnan grüßte, und Herr de Treville reichte ihm die
Hand, die er ehrerbietig und zugleich dankbar drückte. Seit
seiner Ankunft in Paris hatte er diesen prachtvollen Menschen immer gleichbleibend lauter und hilfsbereit gefunden.
Sein erster Besuch galt Aramis. Seit jenem denkwürdigen
Abend mit Frau Bonacieux war er noch nicht wieder in der Rue
de Vaugirard gewesen. Mehr noch, er hatte seinen Freund nur
selten gesehen und dabei jedesmal einen Ausdruck tiefer Traurigkeit an ihm wahrgenommen. Auch an diesem Abend wirkte
er düster und gedankenvoll. Aber als d’Artagnan sich nach dem
Grund seiner Schwermut erkundigen wollte, entschuldigte sich
205
Aramis damit, daß er für die nächste Woche einen Kommentar zum achtzehnten Kapitel des heiligen Augustinus in lateinischer Sprache abfassen müsse, was ihm sehr zu schaffen
mache.
Die beiden Freunde hatten erst kurze Zeit miteinander geplaudert, da meldete sich ein Diener Trevilles und übergab
ein versiegeltes Schreiben.
»Was ist das?« fragte Aramis.
»Der Urlaub, den der gnädige Herr erbeten hat«, antwortete der Lakai.
»Ich? Ich habe um keinen Urlaub gebeten!«
»Redet nicht, nehmt!« sagte d’Artagnan. »Und Ihr, mein
Freund, nehmt diesen halben Dukaten für Eure Mühe! Und
richtet Herrn de Treville aus, Herr Aramis lasse ergebenst
danken!«
Der Diener verneigte sich tief und ging.
»Was hat das alles zu bedeuten?« fragte Aramis.
»Packt zusammen, was Ihr für eine vierzehntägige Reise
braucht, und kommt mit!«
»Aber ich kann im Augenblick Paris nicht verlassen, ohne
zu wissen …« Aramis stockte.
»Was aus ihr geworden ist, nicht wahr?« vollendete d’Artagnan den Satz.
»Wen meint Ihr?«
»Die Frau, die hier war, die Dame mit dem gestickten Taschentuch.«
»Wer hat Euch gesagt, daß hier eine Dame war?« fragte
Aramis, der aschfahl geworden war.
»Ich habe sie selbst gesehen.«
»Und Ihr wißt, wer sie ist?«
»Ich denke schon.«
»Hört, wenn Ihr so viel wißt, könnt Ihr mir da nicht sagen,
was aus ihr geworden ist?«
»Ich vermute, sie ist nach Tours zurückgekehrt.«
»Nach Tours? Ja, dann kennt Ihr sie wirklich. Aber wie
konnte sie nur abreisen, ohne mir etwas zu sagen?«
»Weil sie fürchten mußte, verhaftet zu werden.«
»Warum hat sie mir nicht wenigstens geschrieben?«
»Weil sie fürchten mußte, Euch damit zu gefährden.«
206
»D’Artagnan, Ihr gebt mir das Leben wieder!« rief Aramis. »Ich glaubte mich schon verschmäht, hintergangen. Und
ich war so glücklich, sie wiederzusehen! Ich konnte mir zwar
kaum denken, daß sie meinetwegen ihre Freiheit aufs Spiel
setzte, und doch, aus welchem Grunde sollte sie sonst nach
Paris gekommen sein?«
»Aus demselben Grund, der uns heute nach England reisen
läßt.«
»Und was ist das für ein Grund?«
»Ihr sollt es schon noch eines Tages erfahren, Aramis, aber
für den Augenblick muß ich es halten wie Ihr mit der Nichte
des Theologen.«
Aramis lächelte, denn er erinnerte sich sehr wohl der mysteriösen Geschichte, die er vor Wochen seinen Freunden
zum besten gegeben hatte.
»Nun gut, da sie sowieso nicht mehr in Paris ist, wie Ihr
mir versichert, hält mich hier nichts mehr, und ich bin bereit.
Euch zu folgen! Wo soll es hingehen?«
»Zunächst zu Athos, und ich bitte Euch, macht schnell,
denn wir haben schon viel Zeit verloren! Übrigens, ruft auch
Bazin!«
»Soll er denn mitkommen?«
»Vielleicht. Auf jeden Fall empfiehlt es sich, daß Ihr ihn
zu Athos nachkommen laßt.«
Aramis rief seinen Diener und wies ihn an, sich ebenfalls
reisefertig zu machen und ihm in die Rue Ferou zu folgen.
Dann nahm er Mantel, Degen und seine drei Pistolen, schaute
noch in einige Schubladen, ob er nicht doch noch ein verirrtes Goldstück fände, und folgte endlich, als er sich von der
Zwecklosigkeit seiner Suche überzeugt hatte, seinem Freund,
wobei er sich den Kopf zerbrach, wieso der junge Gardekadett
so gut wie er wußte, welche Frau er beherbergt hatte, und,
was nicht einmal ihm bekannt war, sogar ihren derzeitigen
Aufenthalt kannte. Schon im Hinausgehen legte er seine Hand
auf d’Artagnans Arm und fragte ihn mit einem forschenden
Blick:
»Ihr habt mit niemand über diese Frau gesprochen?«
»Mit keinem Menschen.«
»Auch nicht mit Athos und Porthos?«
207
»Kein Sterbenswörtchen.«
»Gott sei Dank!«
Und nachdem er über diesen wichtigen Punkt beruhigt
war, machten sich beide auf den Weg zu Athos, den sie gerade
antrafen, wie er in der einen Hand die Urlaubsbestätigung,
in der anderen einen Brief Trevilles hielt.
»Könnt ihr mir vielleicht erklären, was das alles zu bedeuten hat?« fragte Athos und reichte kopfschüttelnd den
beiden Freunden das Schreiben, das folgenden Wortlaut
hatte:
»Mein lieber Athos,
da Eure Gesundheit es dringend erfordert, ist es mir nur recht,
wenn Ihr Euch vierzehn Tage erholt. Begebt Euch also nach Forges oder in ein anderes, Euch genehmes Bad und seht zu, daß
Ihr Euch schnellstens auskuriert!
Euer ergebener Treville«
»Nun, das alles hat zu bedeuten, daß Ihr mir folgen sollt«,
sagte d’Artagnan.
»Nach Forges? Ins Bad?«
»Dort- oder woandershin.«
»Im Dienste des Königs?«
»Des Königs oder der Königin. Sind wir nicht Diener beider Majestäten?«
In diesem Augenblick erschien Porthos auf der Bildfläche.
»Weiß der Himmel, so etwas Verrücktes ist mir wirklich
noch nicht vorgekommen!« rief er. »Seit wann kriegt man bei
den Musketieren Urlaub, auch wenn man gar keinen einreicht?«
»Seit man Freunde hat, die das für einen übernehmen«, erwiderte d’Artagnan.
»Oho, hier scheint es ja allerhand Neuigkeiten zu geben!«
»In der Tat, wir verreisen«, sagte Aramis.
»Und wohin?« fragte Porthos.
»Das weiß ich selber nicht«, antwortete Athos. »Da müßt
Ihr schon unsern Gascogner fragen!«
»Nach London, meine Herren!« verkündete d’Artagnan.
»Nach London? Und was sollen wir dort?« wollte Porthos
wissen.
208
»Das kann ich euch leider nicht sagen, ihr müßt mir eben
vertrauen!«
»Aber eine Reise nach London kostet einen ganzen Batzen
Geld«, wandte Porthos ein, »und ich habe im Augenblick keinen roten Heller.«
»Ich auch nicht!« sagte Aramis.
»Und ich schon gar nicht«, setzte Athos hinzu.
»Aber ich!« erklärte d’Artagnan, holte seinen Schatz aus
der Tasche hervor und warf ihn auf den Tisch. »In diesem
Beutel sind dreihundert Dukaten, das macht für jeden fünfundsiebzig, genug, um nach London und wieder zurück zu
kommen. Übrigens könnt ihr ganz ruhig sein, wir kommen
sowieso nicht alle bis nach London.«
»Und warum nicht?«
»Weil höchstwahrscheinlich einige von uns auf der Strecke
bleiben werden.«
»Ja, handelt es sich denn um einen Feldzug?«
»Allerdings, und zwar um einen sehr gefährlichen, kann
ich euch nur sagen.«
»Ach so!« versetzte Porthos. »Aber wenn wir dabei Kopf
und Kragen riskieren, möchte ich ja doch wissen, wozu?«
»Und was versprecht Ihr Euch davon?« fragte Athos.
»Gleichviel«, meinte Aramis, »ich wüßte es auch gern.«
»Pflegt denn der König euch Rechenschaft abzulegen?
Doch wohl nicht! Er sagt ganz einfach: Meine Herren, in Flandern oder in der Gascogne ist Krieg, geht hin und kämpft! Und
ihr tut’s. Warum? Darüber macht ihr euch überhaupt keine
Gedanken.«
»D’Artagnan hat recht«, sagte Athos. »Hier sind drei Urlaubsscheine von Herrn de Treville und dreihundert Dukaten von was weiß ich woher. Gehen wir also, wohin man uns
schickt, und wenn es auch den Kopf kostet! Lohnt denn das
bißchen Leben so viel Fragen? D’Artagnan, ich komme mit!«
»Ich auch!« rief Porthos.
»Und ich!« sagte Aramis. »Es ist mir ohnedies nur angenehm. Paris zu verlassen. Ich brauche ein wenig Zerstreuung.«
»Um so besser, an der wird’s nicht fehlen, meine Herren!«
erwiderte d’Artagnan.
»Und wann soll es losgehen?« erkundigte sich Athos.
209
»Sofort! Wir haben keine Minute zu verlieren.«
»Heda! Grimaud, Planchet, Mousqueton, Bazin!« riefen
die vier jungen Leute ihre Diener. »Schmiert die Stiefel und
holt die Pferde!«
Ihre Pferde und die ihrer Lakaien waren nämlich wie die aller Musketiere in den Stallungen des Hotel de Treville, das
für sie so etwas wie ihr Standquartier war, untergebracht.
Grimaud, Planchet, Mousqueton und Bazin beeilten sich,
den Befehlen nachzukommen.
»Und jetzt entwerfen wir den Feldzugsplan!« sagte Porthos.
»Wohin geht es zuerst?«
»Nach Calais«, antwortete d’Artagnan. »Das ist der kürzeste Weg nach London.«
»So?« sagte Porthos. »Dann hört mal meine Meinung!«
»Sprecht!«
»Wenn wir vier beisammenbleiben, machen wir uns gleich
verdächtig, darum soll d’Artagnan jeden von uns mit seinen
eigenen Instruktionen versehen. Dann reite ich als Aufklärer
in Richtung Boulogne voraus, Athos folgt zwei Stunden später auf der Straße nach Amiens und Aramis auf der Straße
nach Noyons; d’Artagnan, der sich Planchets Kleider anziehen muß, kann sich seinen Weg auswählen, während Planchet uns als d’Artagnan in der Gardistenuniform folgt.«
»Meine Herren«, entgegnete Athos, »ich finde, daß es einfach nicht angeht, bei einem solchen Vorhaben sich in irgendeiner Weise auf Bediente zu verlassen. Ein Edelmann mag
durch Zufall einmal zum Verräter eines Geheimnisses werden,
ein Lakai wird es immer verraten.«
»Porthos’ Plan scheint mir schon deshalb undurchführbar«,
sagte d’Artagnan, »weil ich gar nicht weiß, was für Instruktionen ich euch geben sollte. Ich habe einen Brief zu überbringen, das ist alles. Ich habe keine Abschriften dieses Briefes und
kann auch nicht selber welche anfertigen, denn er ist versiegelt. Wir müssen also zusammenbleiben. Der Brief ist hier in
meiner Tasche. Wenn mir etwas zustößt, nimmt ihn einer von
euch an sich, und ihr reitet weiter. Bleibt auch er auf der
Strecke, so übernimmt der nächste den Brief und so fort. Wenn
nur einer ans Ziel kommt, ist alles gut.«
»Bravo, d’Artagnan!« antwortete Athos. »Ich bin ganz Eurer
210
Meinung. Überdies müssen wir unsere Rollen beachten: Ich
will zur Kur, und ihr begleitet mich, allerdings nicht nach
Forges, sondern an die See, aber das steht mir ja frei. Wenn
man uns verhaften will, zeige ich den Brief von Herrn de Treville, und ihr zeigt eure Urlaubsscheine; werden wir angegriffen, so setzen wir uns zur Wehr, und stellt man uns vor
ein Gericht, so behaupten wir steif und fest, daß wir nichts
anderes vorhatten, als ein paarmal im Meer zu baden. Mit vier
einzelnen Reitern hat man leichtes Spiel, dagegen bilden wir
vier zusammen schon eine kleine Truppe; außerdem können
wir unsere Diener noch mit Pistolen und Musketen ausrüsten. Mag man uns auch eine ganze Armee auf den Hals hetzen, wir nehmen den Kampf auf, und wenn nur einer überlebt, schafft er, wie d’Artagnan gesagt hat, den Brief nach
London!«
»Ausgezeichnet!« rief Aramis. »Ihr redet zwar nicht oft,
Athos, aber wenn Ihr etwas sagt, hat es Hand und Fuß. Ich
stimme für Euren Vorschlag.«
»Ich auch«, sagte Porthos, »sofern d’Artagnan damit einverstanden ist. Denn der Gascogner hat den Brief und ist daher naturgemäß unser Anführer. Was er entscheidet, muß uns
Befehl sein.«
»Nun gut«, sagte d’Artagnan, »dann entscheide ich, daß
wir Athos’ Plan annehmen und in einer halben Stunde aufbrechen!«
»Einverstanden!« riefen die drei Musketiere wie aus einem
Munde.
Jeder nahm hierauf seine fünfundsiebzig Dukaten aus dem
Beutel und traf die letzten Vorbereitungen, um pünktlich fertig zu sein.
Die Reise
Um zwei Uhr morgens verließen unsere vier Abenteurer Paris durch das Tor vom Saint-Denis. Solange es Nacht war,
blieben sie stumm; unwillkürlich erlagen sie dem Einfluß der
Dunkelheit und sahen überall Hinterhalte. Doch bei dem ersten Schimmer des heranbrechenden Tages lösten sich ihre
211
Zungen, und mit der Sonne kehrte auch ihre Fröhlichkeit
zurück. Es war wie am Vorabend einer Schlacht: die Herzen
schlugen höher, die Augen lachten, und jeder fühlte, daß das
Leben, das er vielleicht schon bald lassen mußte, im Grunde
doch etwas sehr Schönes war.
Die kleine Karawane machte im übrigen einen durchaus
kriegerischen Eindruck: die Musketiersrappen mit ihrem
martialischen Aussehen und ihrem unverkennbar an militärische Zucht gewöhnten Gang hätten auch das strengste
Inkognito verraten.
Bis an die Zähne bewaffnet, folgten die vier Diener.
Alles ging gut bis Chantilly, wo man gegen acht Uhr morgens anlangte. Da man etwas essen mußte, stieg man vor einer
Schenke ab, die sich durch ein Schild empfahl, auf dem Sankt
Martin gerade seine berühmte Mantelteilung vollzog. Die Diener wurden angewiesen, die Pferde nicht abzusatteln und sich
zum baldigen Weiterritt bereitzuhalten.
Dann trat man in die Gaststube und setzte sich zu Tisch.
Ein Edelmann, der von Dammartin her kurz vor ihnen eingetroffen war, saß am selben Tisch und frühstückte. Er begann eine Unterhaltung über das Wetter, unsere Freunde antworteten, und als er auf ihr Wohl trank, taten auch sie ihm
höflich Bescheid. Kurz darauf meldete Mousqueton, die
Pferde seien bereit, und man erhob sich vom Tisch, doch in
diesem Augenblick schlug der Fremde Porthos vor, auf die
Gesundheit des Kardinals zu trinken, wozu sich der Musketier gern bereit erklärte, wenn der andere auch auf das Wohl
des Königs trinken wolle. Er kenne keinen anderen König als
Seine Eminenz, war die Antwort des Fremden. Da schimpfte
ihn Porthos einen Trunkenbold, und der Unbekannte zog
den Degen.
»Eine schöne Dummheit habt Ihr da angerichtet!« sagte
Athos. »Aber jetzt könnt Ihr nicht mehr zurück. Schickt den
Kerl zur Hölle und holt uns so schnell wie möglich wieder
ein!«
Damit schwangen sich die drei andern wieder in den Sattel und jagten, von den vier Dienern gefolgt, mit verhängten
Zügeln weiter, während Porthos seinem Gegner versprach,
ihn nach allen Regeln der Fechtkunst zu durchbohren.
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»Nummer eins«, sagte Athos nach einer Weile.
»Aber warum hat er sich ausgerechnet an Porthos herangemacht?« fragte Aramis.
»Weil Porthos alleweil mit dem Mund vorneweg ist; da hat
er ihn eben für den Anführer gehalten«, sagte d’Artagnan.
»Ich habe ja immer gesagt, dieser gascognische Junker
steckt voller Weisheit!« murmelte Athos.
Und unsere Freunde setzten ihren Weg fort.
In Beauvais legten sie eine Pause ein, um die Pferde verschnaufen zu lassen und auf Porthos zu warten. Als aber nach
zwei Stunden weder Porthos selbst noch eine Nachricht von
ihm eingetroffen war, brach man wieder auf.
Eine Meile hinter Beauvais, an einer Stelle, wo sich die Straße
zu einer Art Hohlweg verengte, trafen sie auf einen Trupp
Leute, der hier, da die Straßendecke aufgerissen war, offenbar
mit der Anlage von Schlammrinnen und Abzugsgräben beschäftigt war. Aramis fürchtete wohl, in dem Dreck seine Stiefel zu beschmutzen, und fuhr sie grob an. Athos wollte ihn
zurückhalten, aber es war schon zu spät. Die angeblichen Arbeiter begannen die Reiter zu verhöhnen und brachten es mit
ihren Unverschämtheiten schließlich so weit, daß selbst der
kaltblütige Athos die Beherrschung verlor und sein Pferd gegen einen der Kerle antrieb. In diesem Augenblick zogen sich
die Leute in den Graben zurück, jeder ergriff eine dort versteckte Muskete, und so sahen sich unsere sieben Freunde unvermittelt einem dichten Kugelregen ausgesetzt. Aramis bekam eine Kugel in die Schulter, Mousqueton eine in die gut gepolsterte Verlängerung des Rückens. Allerdings fiel nur
Mousqueton vom Pferd und auch er nicht, weil es ihn etwa
schwer getroffen hatte, sondern weil er die Wunde nicht sehen konnte und sie für gefährlicher hielt, als sie tatsächlich war.
»Es ist eine Falle!« rief d’Artagnan. »Los, halten wir uns
nicht auf! Vorwärts!«
Aramis klammerte sich trotz seiner Verwundung an die
Mähne seines Rappens, der brav den anderen folgte. Auch
Mousquetons Pferd hatte sie eingeholt und galoppierte reiterlos an seinem gewohnten Platz innerhalb der kleinen Kolonne.
»Nun haben wir ein Pferd zum Wechseln«, sagte Athos.
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»Mir wäre ein Hut lieber«, erwiderte d’Artagnan. »Den
meinen hat mir eine Kugel weggerissen. Ein Glück nur, daß
ich den Brief nicht drinstecken hatte!«
»Himmel, jetzt werden sie bestimmt den armen Porthos
umbringen, wenn er vorbeikommt!« rief Aramis.
»Wenn Porthos auf den Beinen wäre, hätte er uns längst
eingeholt«, meinte Athos. »Ich glaube eher, der Trunkenbold
ist auf dem Kampfplatz wieder nüchtern geworden.«
Und so ritten sie noch zwei Stunden in vollem Galopp, obgleich die Pferde so erschöpft waren, daß man befürchten
mußte, sie würden bald den Dienst versagen. Man hatte einen
Seitenweg eingeschlagen, in der Hoffnung, hier weniger belästigt zu werden. Aber in Crèvecœur erklärte Aramis, er
könne nicht mehr weiter. Tatsächlich hatte er seine ganze
Kraft zusammennehmen müssen, die er gemeinhin unter einer
eleganten und höflichen Schale verbarg, um überhaupt bis
hierher zu kommen. Er wurde immer bleicher, und man mußte
ihn in seinem Sattel stützen. So setzte man ihn vor einem
Gasthof ab, ließ auch Bazin, der in einem Gefecht mehr hinderlich als nützlich war, bei ihm zurück und zog eilig weiter,
da man in Amiens übernachten wollte.
»Kreuzdonnerwetter noch mal!« fluchte Athos, als sich
der auf die Hälfte zusammengeschmolzene Trupp wieder in
Bewegung setzte. »Jetzt gehe ich ihnen aber nicht noch mal
auf den Leim, verlaßt Euch drauf! Bis Calais soll mich keiner
mehr dazu bringen, den Mund aufzumachen oder den Degen zu ziehen, das schwöre ich Euch!«
»Lassen wir das Schwören«, gab d’Artagnan zurück, »reiten wir lieber schnell und solange unsere Gäule noch mitmachen!«
Und die Reiter gaben ihren Pferden die Sporen, so daß sie
noch einmal alle Kräfte zusammennahmen. Um Mitternacht
erreichte man Amiens und stieg vor der Herberge »Zur Goldenen Lilie« ab. Der Wirt, der einen überaus biederen Eindruck machte, empfing die Gäste mit dem Leuchter in der
einen, der Mütze in der anderen Hand und wollte die beiden
Herren in zwei reizenden Zimmern unterbringen, die allerdings in entgegengesetzten Flügeln des Hauses lagen. Als
d’Artagnan und Athos das ablehnten, antwortete der Wirt, er
214
habe leider keine anderen, der Exzellenzen würdige Räumlichkeiten zur Verfügung; aber unsere Freunde erklärten, sie
würden in der Gaststube auf Matratzen schlafen, die man für
sie auf dem Fußboden ausbreiten möge. Der Wirt erhob Einspruch, doch die Gäste blieben hart, und so mußte er schließlich tun, was sie verlangten.
Sie hatten gerade ihr Lager hergerichtet und die Tür von
innen verrammelt, als vom Hof her ans Fenster geklopft
wurde. Sie fragten, wer da sei, erkannten die Stimmen ihrer
Diener und öffneten. Es waren wirklich Planchet und Grimaud.
»Grimaud kann auch allein auf die Pferde aufpassen«, sagte
der Pikarde. »Wenn es den Herren recht ist, lege ich mich
quer vor die Tür; dann kann bestimmt keiner unbemerkt herein.«
»Und worauf willst du schlafen?« fragte d’Artagnan.
»Hier habe ich mein Bett!« antwortete Planchet und zeigte
auf ein Bund Stroh.
»Dann komm!« entschied d’Artagnan. »Das Gesicht des
Wirts will mir nämlich auch nicht gefallen, es ist zu freundlich.«
»Ganz meiner Meinung«, sagte Athos.
Planchet kletterte durchs Fenster und legte sich vor die
Tür, während Grimaud, der Befehl hatte, um fünf Uhr früh
mit den Pferden bereit zu sein, sich im Stall einschloß.
Die Nacht verlief ziemlich ruhig, wenn auch gegen zwei
Uhr versucht wurde, die Tür zu öffnen; aber da Planchet sofort aufwachte und »Wer da?« rief, gab man an, sich in der
Tür geirrt zu haben, und entfernte sich wieder.
Um vier Uhr morgens wurden unsere Freunde durch einen
gewaltigen Lärm, der vom Stall her kam, aus dem Schlaf gerissen. Grimaud hatte die Stallburschen geweckt, und diese
waren über ihn hergefallen. Als Planchet das Fenster aufriß,
sahen sie den armen Kerl, dem man den Stiel einer Mistgabel
über den Kopf geschlagen hatte, besinnungslos daliegen.
Planchet eilte in den Hof, um die Pferde zu satteln, aber alle
lahmten, und das von Mousqueton, das als einziges den Weg
hätte fortsetzen können, da es am Vortage einige Stunden
ohne Reiter gelaufen war, fiel ebenfalls aus, denn der Tierarzt,
215
der dringend gerufen worden war, hatte es infolge eines sehr
merkwürdigen Irrtums mit dem Pferd des Wirtes verwechselt
und zur Ader gelassen.
Die Lage begann ungemütlich zu werden. All diese Mißlichkeiten waren vielleicht nur ein Werk des Zufalls, es konnten aber auch ebensogut wohlüberlegte Anschläge sein. Athos
und d’Artagnan gingen hinaus, während Planchet sich erkundigte, ob es in der Nähe nicht drei Pferde zu kaufen gab. Vor
der Haustür standen wirklich zwei Pferde, gesattelt, kräftig
und ausgeruht. Das traf sich gut. Er fragte, wem sie gehörten,
und erfuhr, daß ihre Besitzer in der Herberge übernachtet hätten und gerade mit dem Wirt abrechneten.
Athos suchte ebenfalls den Wirt auf, um die Zeche zu begleichen; d’Artagnan stand unterdessen mit Planchet bei der
Tür. Athos wurde in ein abgelegenes, niedriges Zimmer gebeten, wo der Wirt allein an einem Tisch saß, dessen Lade
halb herausgezogen war. Athos trat ohne Mißtrauen ein und
zückte zwei Dukaten. Der Wirt nahm das Geld, drehte es ein
paarmal zwischen den Fingern und erklärte plötzlich, es sei
falsch und er müsse ihn und seinen Begleiter als Falschmünzer verhaften lassen.
»Was, du trauriger Wicht?« rief Athos und schritt auf den
Wirt zu. »Dir werde ich die Ohren abschneiden!«
Im selben Augenblick drangen durch eine Seitentür vier
bis an die Zähne bewaffnete Männer herein und stürzten sich
auf Athos.
»Ich sitze fest!« schrie Athos aus vollem Halse. »Mach, daß
du fortkommst, d’Artagnan, los, schnell!« Und er feuerte seine
beiden Pistolen ab.
D’Artagnan und Planchet ließen sich das nicht zweimal sagen. Sie machten die beiden Pferde, die vor der Tür standen,
los, schwangen sich in den Sattel, gaben ihnen die Sporen und
jagten wie der Wind davon.
»Hast du gesehen, was aus Athos wurde?« fragte d’Artagnan den neben ihm hergaloppierenden Diener.
»Seine Schüsse haben zwei zu Boden gestreckt, und soviel
ich durch die Glastür sehen konnte, hat er den anderen mit
dem Degen gehörig zugesetzt.«
»Wackerer Athos!« murmelte d’Artagan. »Wenn ich be216
denke, daß wir ihn so im Stich lassen müssen … Aber auch
uns kann im nächsten Augenblick schon dasselbe blühen.
Vorwärts, Planchet, vorwärts! Du bist ein tapferer Kerl.«
»Habe ich Euch nicht gesagt, gnädiger Herr«, entgegnete
Planchet, »daß man uns Pikarden erst bei der Arbeit kennenlernt? Außerdem bin ich hier in meiner Heimat, das
spornt an!«
Und in tollem Galopp gelangten sie ohne weitere unliebsame Zwischenfälle nach Saint-Omer. Hier ließen sie die Tiere
verschnaufen, behielten jedoch die Zügel vorsorglich in der
Hand und verzehrten so, im Stehen, einen kleinen Imbiß.
Hierauf schwangen sie sich wieder in den Sattel und ritten weiter.
Hundert Schritt vor den Toren von Calais stürzte d’Artagnans Pferd; es blutete aus Augen und Nüstern und war nicht
wieder hochzubringen. So blieb ihnen nur noch Planchets
Pferd, das aber stocksteif neben seinem unglücklichen Stallgefährten verharrte und sich einfach nicht von der Stelle
rührte. Zum Glück war es, wie gesagt, nicht mehr weit bis
zur Stadt; darum ließen sie die beiden Tiere auf der Straße
zurück und liefen zu Fuß zum Hafen.
Hier machte Planchet seinen Herrn auf einen Edelmann
aufmerksam, der mit seinem Diener keine fünfzig Schritt vor
ihnen herging. Seine Stiefel waren staubbedeckt, und er
schien es sehr eilig zu haben. D’Artagnan beeilte sich und
kam gerade zurecht, als der Fremde sich bei dem Kapitän
eines Schiffes, das reisefertig vor Anker lag, erkundigte, ob
er nicht sofort nach England übersetzen könne.
»Nichts leichter als das«, antwortete der Kapitän, »aber seit
heute morgen haben wir Befehl, niemand ohne ausdrückliche
Genehmigung des Kardinals zu befördern.«
»Ich habe diese Genehmigung«, sagte der Edelmann und
zog ein Papier aus der Tasche. »Hier ist sie!«
»Besorgt Euch das Visum des Hafenkommandanten und
kommt dann wieder hierher!«
»Und wo finde ich den Kommandanten?«
»Auf seinem Landsitz.«
»Wo ist das?«
»Eine Viertelmeile vor der Stadt. Da, Ihr könnt die Villa
217
von hier aus sehen, das große Schieferdach am Fuß des kleinen Hanges!«
»Besten Dank!«
Und gefolgt von seinem Diener, machte er sich auf den
Weg zum Landsitz des Hafenkommandanten.
D’Artagnan und Planchet folgten ihnen in einigem Abstand.
Erst als sie aus der Stadt heraus waren, beschleunigten sie ihre
Schritte und holten die beiden am Rande eines kleinen Gehölzes ein.
»Mein Herr«, sprach d’Artagnan den Edelmann an. »Ihr
habt es wohl sehr eilig?«
»Man kann es kaum eiliger haben, mein Herr.«
»Das tut mir für Euch leid, denn auch ich habe sehr große
Eile und möchte Euch daher um eine Gefälligkeit bitten.«
»Um welche?«
»Mir den Vortritt zu lassen.«
»Ausgeschlossen!« erklärte der Edelmann. »Ich habe sechzig Meilen in vierundzwanzig Stunden zurückgelegt, und ich
muß morgen mittag in London sein.«
»Ich habe denselben Weg in vierzig Stunden zurückgelegt,
und muß schon morgen vormittag um zehn in London sein.«
»Tut mir leid, aber ich bin als erster gekommen und werde
nicht als zweiter gehen.«
»Tut mir leid, aber ich bin als zweiter gekommen und
werde als erster gehen.«
»Ich habe den Auftrag Seiner Majestät!«
»Und ich den Auftrag meiner Majestät!«
»Mir scheint, Ihr sucht nichts weiter als Händel?«
»Zum Teufel, was habt Ihr denn erwartet?«
»Und was wollt Ihr von mir?«
»Interessiert Euch das noch?«
»Allerdings.«
»Nun schön, ich will die Sondervollmacht, die Ihr bei Euch
habt, denn ich habe leider keine, brauche aber eine!«
»Das soll wohl ein Scherz sein, wie?«
»Ich scherze nie!«
»Also laßt mich jetzt weitergehen!«
»Ich denke nicht daran.«
»So? Dann werde ich Euch leider den Schädel einschlagen
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müssen, mein wackeres Bürschlein, holla, Lubin, meine Pistolen!«
»Planchet«, rief d’Artagnan, »kümmere du dich um den
Diener! Ich kümmere mich inzwischen um den Herrn.«
Planchet, dem seine erste Heldentat Mut gemacht hatte,
stürzte sich auf Lubin, und da er stark und kräftig war, brachte
er ihn auch zu Fall und setzte ihm das Knie auf die Brust.
»Tut nun Eure Arbeit, gnädiger Herr!« rief er. »Mit meiner bin ich schon fertig.«
Als der Edelmann seinen Diener auf diese Weise außer Gefecht gesetzt sah, riß er den Degen aus der Scheide und fiel
gegen d’Artagnan aus. Aber er hatte es mit einem starken
Gegner zu tun. In drei Sekunden wurde er dreimal getroffen, und bei jedem Stoß rief der Gascogner:
»Einen für Athos! Einen für Porthos! Einen für Aramis!«
Nach dem dritten Treffer fiel der Edelmann wie ein Sack
zu Boden. D’Artagnan hielt ihn für tot oder doch zumindest
bewußtlos und trat zu ihm, um die Sondervollmacht an sich
zu nehmen; aber als er den Arm ausstreckte, um danach zu
suchen, versetzte ihm der Verwundete, der seinen Degen
nicht losgelassen hatte, einen Stich in die Brust und rief:
»Und einen für Euch!«
»Ja, den hier! Das Beste kommt zuletzt!« brüllte d’Artagnan wütend und stieß ihm den Degen in den Leib.
Diesmal schloß der Edelmann die Augen und wurde ohnmächtig. D’Artagnan durchsuchte seine Taschen und nahm den
Geleitbrief an sich. Er war auf den Namen eines Grafen von
Wardes ausgestellt. Als er noch einen Blick auf den schönen
jungen Mann warf, der höchstens fünfundzwanzig war und den
er bewußtlos, ja vielleicht sogar tot hier liegen lassen mußte,
entrang sich ihm ein Seufzer über das seltsame Geschick, daß
die Menschen dazu bringt, sich gegenseitig im Dienste irgendwelcher Leute zu vernichten, die ihnen meist gänzlich unbekannt sind und die oft genug nicht einmal die geringste
Ahnung von der Existenz ihrer opferwilligen Diener haben.
Doch im nächsten Augenblick schon wurde er aus diesen
Gedanken gerissen, denn Lubin stieß ein fürchterliches Gebrüll aus und schrie um Hilfe. Planchet packte ihn an der
Gurgel und drückte aus Leibeskräften zu.
219
»Gnädiger Herr«, rief er, »solange ich ihn so festhalte, kann
er nicht schreien, aber wenn ich ihn loslasse, brüllt er gleich
wieder los. Man sieht sofort, daß er ein Normanne ist; die
Normannen sind alle so dickköpfig!«
Wirklich versuchte Lubin, obwohl ihm Planchets Hände
den Hals zuschnürten, noch immer, sich bemerkbar zu machen.
»Warte!« sagte d’Artagnan.
Und kurzerhand knebelte er den Diener mit seinem Taschentuch.
»Und nun«, sagte Planchet, »müssen wir ihn an einen Baum
binden.«
Nachdem sie diese Arbeit gewissenhaft besorgt hatten,
trugen sie den Grafen von Wardes in die Nähe seines Dieners; da es bereits dämmerte und da der Geknebelte wie auch
der Verwundete sich etliche Schritt vom Wege ab im Gehölz
befanden, war nicht damit zu rechnen, daß man sie vor dem
nächsten Morgen entdeckte.
»Aber jetzt schnell zum Kommandanten!« sagte d’Artagnan.
»Seid Ihr denn nicht verwundet?« fragte Planchet.
»Das ist im Augenblick nicht wichtig, wir haben Dringlicheres zu tun! Hinterher können wir uns immer noch um
die Wunde kümmern, die mir übrigens nicht sehr gefährlich
scheint.«
Und damit machten sich die beiden eilends auf den Weg zu
der Villa des würdigen Beamten.
Man meldete den Grafen von Wardes, und d’Artagnan
wurde vorgelassen.
»Habt Ihr eine besondere, vom Kardinal unterzeichnete
Vollmacht?« fragte der Hafenkommandant.
»Ja, hier ist sie!«
»Ah«, sagte der Kommandant, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte, »ich sehe schon. Ihr seid mit den besten
Empfehlungen ausgestattet!«
»Das ist nicht weiter erstaunlich«, entgegnete d’Artagnan,
»denn ich bin einer seiner treuesten Anhänger.«
»Seine Eminenz will anscheinend jemand daran hindern,
nach England hinüberzukommen.«
»Allerdings, und zwar einen gewissen d’Artagnan, einen
220
Bearner Junker, der mit drei Freunden von Paris aufgebrochen ist, um nach London zu gelangen.«
»Kennt Ihr ihn persönlich?« fragte der Kommandant.
»Wen?«
»Diesen d’Artagnan.«
»Und ob!«
»Dann gebt mir doch sein Signalement!«
»Nichts leichter als das.«
Und d’Artagnan beschrieb Zug für Zug die äußere Erscheinung des Grafen von Wardes.
»Ist er in Begleitung?«
»Ja, er hat einen Diener namens Lubin bei sich.«
»Wir werden auf die beiden aufpassen, und wenn wir sie
erwischen, kann Seine Eminenz beruhigt sein: wir werden sie
unter sicherer Bewachung nach Paris zurückschicken.«
»Womit Ihr Euch gewiß die Anerkennung des Kardinals
verdienen werdet, Herr Kommandant!«
»Seht Ihr ihn vielleicht, wenn Ihr wieder nach Paris zurückkehrt, Herr Graf?«
»Oh, ganz bestimmt!«
»Dann sagt ihm doch bitte, daß er in mir einen ergebenen
Diener hat!«
»Das will ich gern tun.«
Hocherfreut über diese Zusicherung, setzte der Kommandant sein Visum unter die Vollmacht und reichte sie d’Artagnan zurück. Der verlor keine Zeit mit überflüssigen Komplimenten, sondern dankte kurz und empfahl sich mit höflichem
Gruß.
Sobald d’Artagnan und Planchet außer Sichtweite des
Hauses waren, setzten sie sich in Trab; sie machten einen gewaltigen Bogen um das bewußte Gehölz und kehrten durch
ein anderes Tor in die Stadt zurück.
Das Schiff lag noch immer vor Anker, und der Kapitän
wartete am Kai.
»Nun?« fragte er, als er d’Artagnan mit seinem Diener auftauchen sah.
»Hier ist mein Visum!« antwortete der Gascogner und
wies die Vollmacht vor.
»Und der andere Herr?«
221
»Er kann heute noch nicht fort, aber seid unbesorgt, ich
zahle für zwei!«
»Also gut, fahren wir!« sagte der Kapitän.
»Ja, fahren wir!« wiederholte d’Artagnan.
Und er sprang mit Planchet in das Ruderboot; fünf Minuten später befanden sie sich an Bord des Seglers. Es war auch
höchste Zeit, denn kaum hatten sie die Küste eine halbe
Meile hinter sich gelassen, als d’Artagnan es in der Ferne aufblitzen sah und einen dumpfen Knall hörte. Es war der Kanonenschuß, der die Sperrung des Hafens ankündigte.
Nun konnte er sich auch endlich um seine Wunde kümmern; zum Glück war sie, wie d’Artagnan vorausgesehen
hatte, nicht allzu gefährlich. Die Degenspitze war auf eine
Rippe gestoßen und an dem Knochen vorbeigeglitten. Zudem war das Hemd sofort an der Wunde festgeklebt, so daß
er nur wenige Tropfen Blut verloren hatte.
Unser Freund war vor Erschöpfung wie zerschlagen. Man
breitete für ihn eine Matratze auf dem Deck aus, er warf sich
darauf und schlief sofort ein.
Als der Morgen heraufdämmerte, befand man sich noch immer drei oder vier Meilen vor der englischen Küste, denn da
in der Nacht nur eine laue Brise geweht hatte, war man nur
langsam vorwärts gekommen. Erst um zehn Uhr ging das
Schiff im Hafen von Dover vor Anker. Eine halbe Stunde später setzte d’Artagnan zum erstenmal seinen Fuß auf englischen
Boden und rief:
»Da wären wir endlich!«
Aber damit war noch nicht alles getan, er mußte weiter
nach London. Zum Glück war die englische Post sehr gut organisiert. D’Artagnan und Planchet mieteten jeder ein Pferd,
ein Postillion ritt voraus, und so erreichten sie nach vier Stunden die Tore der Hauptstadt. D’Artagnan kannte London
nicht, und er sprach kein Wort Englisch. Da schrieb er einfach den Namen Buckingham auf ein Blatt Papier, und jeder
zeigte ihm den Weg zum Palais des Herzogs. Aber der Herzog war mit dem König auf der Jagd in Windsor.
D’Artagnan ließ den vertrauten Kammerdiener rufen, der
den Herzog auf allen Reisen zu begleiten pflegte und daher
geläufig Französisch sprach; ihm sagte er, daß er in einer An222
gelegenheit, bei der es um Tod und Leben gehe, aus Paris
komme und seinen Herrn unbedingt sofort sprechen müsse.
D’Artagnans offene Art überzeugte Patrick, wie dieser Minister des Ministers hieß, und er ließ sogleich zwei Pferde satteln, um den jungen Gardisten selbst zu seinem Herrn zu geleiten. Planchet hatte man stocksteif von seinem Gaul gehoben; der arme Bursche war am Ende seiner Kräfte. D’Artagnan
dagegen schien von Eisen.
Man erreichte das Schloß und erkundigte sich; der König
und Buckingham befanden sich auf der Beize in einem zwei
bis drei Meilen entfernten Moor. In zwanzig Minuten waren
die beiden Reiter dort, und bald schon vernahm Patrick die
Stimme seines Herrn, der seinen Falken rief.
»Wen soll ich Mylord melden?« fragte Patrick.
»Den jungen Mann, der einmal bei der Samariterin auf der
Pont-Neuf Streit mit ihm gesucht hat.«
»Eine sonderbare Empfehlung!«
»Ihr werdet sehen, daß sie soviel wert ist wie jede andere!«
Patrick galoppierte zu seinem Herrn und meldete ihm in
der gewünschten Weise die Ankunft des Boten. Buckingham
erinnerte sich sofort, und da er sich sagte, daß es sich in diesem Fall nur um eine Nachricht aus Frankreich handeln
konnte, fragte er lediglich, wo der Bote warte; kaum hatte er
von weitem die Gardistenuniform erkannt, als er auch schon
seinem Pferd die Sporen gab und gerade auf d’Artagnan zuritt. Patrick hielt sich diskret im Hintergrund.
»Der Königin ist doch nichts zugestoßen?« rief Buckingham, dessen ganze Liebe in dieser Frage zum Ausdruck kam.
»Ich hoffe nicht, aber ich fürchte, ihr droht eine Gefahr,
aus der nur Euer Gnaden sie retten kann.«
»Ich?« rief Buckingham. »Ich wäre ja überglücklich, wenn
ich ihr einmal helfen könnte! Also redet!«
»Lest diesen Brief!« sagte d’Artagnan.
»Ein Brief? Von wem?«
»Ich denke, von Ihrer Majestät.«
»Von der Königin!« rief Buckingham, wurde weiß wie eine
Wand und riß das Siegel auf.
»Aber was ist das für ein Loch?« fragte er dann und zeigte
d’Artagnan eine Stelle, wo das Papier durchbohrt war.
223
»Ach, das habe ich noch gar nicht gesehen. Eine kleine Erinnerung an den Grafen von Wardes, der mich mit seinem
Degen aufspießen wollte.«
»Ihr seid verwundet?«
»Nicht der Rede wert«, erklärte unser Gascogner, »bloß
eine Schramme.«
»Gerechter Himmel! Was muß ich lesen?« rief der Herzog,
nachdem er die wenigen Zeilen überflogen hatte. »Patrick,
bleibe hier oder nein, eile sofort zum König und sage ihm, ich
ließe mich untertänigst entschuldigen, aber eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit riefe mich in die Hauptstadt
zurück! Kommt, mein Herr, wir reiten!«
Und im Galopp jagten beide davon.
Die Gräfin von Winter
Unterwegs ließ sich der Herzog alles, was d’Artagnan wußte,
wenn auch nicht alles, was geschehen war, genau berichten.
Dank der Erzählung des jungen Mannes sowie der eigenen Erinnerungen konnte er sich ein ziemlich klares Bild von der Lage
machen, deren Ernst ihm zudem der Brief der Königin, so kurz
und allgemein er auch gehalten war, hinreichend vor Augen
führte. Was ihn bei alledem jedoch am meisten erstaunte, war
der Umstand, daß es dem Kardinal nicht gelungen war, den
jungen Mann an der Überfahrt nach England zu hindern,
woran ihm doch sehr gelegen sein mußte. Als er seine Verwunderung hierüber äußerte, erzählte ihm d’Artagnan, welche
Vorsichtsmaßregeln er getroffen hatte und wie er dank der Ergebenheit seiner drei Freunde, die er nacheinander zurücklassen mußte, bis auf den Degenstoß des Grafen von Wardes, den
er in so furchtbarer Münze heimgezahlt hatte, ohne Schaden
davongekommen war. Beim Anhören dieses Berichtes, der als
etwas ganz Selbstverständliches vorgetragen wurde, streifte der
Herzog den jungen Mann wiederholt mit einem verwunderten
Blick, als könne er nicht begreifen, wie so viel Umsicht, so viel
Mut und Ergebenheit sich mit einem Gesicht vereinen ließen,
das ein Alter von höchstens zwanzig Jahren verriet.
224
Die Pferde stoben dahin wie der Wind, und nach wenigen
Minuten waren die beiden Reiter vor den Toren Londons.
D’Artagnan hatte angenommen, der Herzog werde in den
Straßen der Stadt sein Pferd zügeln, aber Buckingham dachte
gar nicht daran: er raste weiter, unbekümmert darum, ob er
dabei jemand umritt, der ihm in den Weg lief. In der Tat ereigneten sich zwei oder drei Unfälle dieser Art, aber der Herzog sah sich nicht einmal nach den Unglücklichen um. D’Artagnan folgte ihm unter dem Geschrei der Menge, das große
Ähnlichkeit mit Verwünschungen hatte.
Im Hof des Buckinghamschen Palastes angekommen,
sprang der Herzog vom Pferd, warf ihm die Zügel um den
Hals, ohne danach zu fragen, was weiter aus ihm wurde, und
eilte die Freitreppe hinauf. D’Artagnan machte es ebenso,
wenn auch nicht ganz ohne Sorge wegen der edlen Tiere, von
deren Wert er sich gerade hatte überzeugen können; doch zu
seiner Beruhigung sah er drei, vier Stallknechte herbeistürzen, die sich ihrer sofort annahmen.
Der Herzog lief so schnell, daß d’Artagnan Mühe hatte, ihm
zu folgen. Er durcheilte nacheinander mehrere Salons, deren
Eleganz selbst die vornehmsten Herren Frankreichs verblüfft
hätte, und gelangte endlich in ein Schlafzimmer, das ein Wunder an Pracht und erlesenem Geschmack war. Im Alkoven dieses Gemaches befand sich eine versteckte Tapetentür, die der
Herzog jetzt mit einem goldenen Schlüsselchen öffnete, das
er an einer ebenfalls goldenen Kette um den Hals trug. D’Artagnan wollte diskret zurückbleiben, aber als Buckingham über
die Schwelle der Geheimtür trat, wandte er sich um und rief
dem Zögernden zu:
»Kommt nur mit, und wenn Ihr das Glück habt, vor Ihrer
Majestät erscheinen zu dürfen, dann berichtet getrost, was
Ihr hier gesehen habt!«
Durch die Aufforderung ermutigt, folgte d’Artagnan dem
Herzog, der die Tür hinter ihm schloß.
Beide befanden sich nun in einer mit golddurchwirkter persischer Seide ausgeschlagenen kleinen Kapelle, die von zahlreichen Kerzen hell erleuchtet war. Über einer Art Altar und
unter einem blauen Samtbaldachin, der mit roten und weißen
Federn geschmückt war, hing ein lebensgroßes Porträt Annas
225
von Österreich, das so echt wirkte, daß d’Artagnan vor Überraschung leise aufschrie. Man konnte meinen, die Königin
wolle im nächsten Augenblick etwas sagen.
Auf dem Altar stand unter dem Porträt das Kästchen mit
den Diamantnadeln. Der Herzog trat vor den Altar, kniete
nieder wie ein Priester vor dem Allerheiligsten und öffnete
das Kästchen.
»Seht«, sagte er und hob aus dem Kästchen eine blaue
Schleife, die ganz von Diamanten funkelte, »das sind die kostbaren Nadeln, die mit ins Grab zu nehmen ich mir geschworen hatte! Die Königin hat sie mir gegeben, die Königin nimmt
sie mir wieder; ihr Wille geschehe, wie der Gottes, in allen Dingen!«
Hierauf schickte er sich an, die Nadeln, von denen er sich
wieder trennen mußte, nacheinander zu küssen. Plötzlich
stieß er einen Schrei aus.
»Was ist mit Euch, Mylord?« fragte d’Artagnan beunruhigt.
»Was ist geschehen?«
»Alles ist verloren!« rief Buckingham, der kreideweiß geworden war. »Zwei Nadeln fehlen, es sind nur noch zehn.«
»Habt Ihr sie verloren, Mylord, oder glaubt Ihr, daß man
sie Euch gestohlen hat?«
»Man hat sie mir gestohlen, und dahinter kann nur der
Kardinal stecken! Seht, die Bänder, an denen sie befestigt waren, sind mit der Schere durchgeschnitten!«
»Habt Ihr keine Vermutung, wer den Diebstahl begangen
haben kann? Vielleicht hat die betreffende Person die Nadeln
noch in ihren Händen …«
»Wartet!« rief der Herzog. »Ich habe die Nadeln nur ein
einziges Mal getragen, und das war vor acht Tagen auf dem
königlichen Ball in Windsor. Bei dieser Gelegenheit hat die
Gräfin von Winter, mit der ich mich überworfen hatte, sich
wieder mit mir ausgesöhnt. Aber diese Annäherung war nur
die Rache einer eifersüchtigen Frau. Ich habe sie seitdem
nicht wiedergesehen. Diese Frau ist ein Werkzeug des Kardinals.«
»Ja, hat er denn überall in der Welt seine Agenten sitzen?«
rief d’Artagnan überrascht.
»Allerdings!« versetzte der Herzog und knirschte vor Wut
226
mit den Zähnen. »Er ist ein sehr gefährlicher Gegner … Wann
soll übrigens dieser Ball stattfinden?«
»Nächsten Montag.«
»Nächsten Montag? Also noch fünf Tage, das heißt mehr
als wir brauchen … Patrick!« rief der Herzog und öffnete die
Tür der Kapelle. »Patrick!«
Der Kammerdiener erschien.
»Meinen Juwelier und meinen Sekretär!«
Der Diener kam den Befehlen rasch und wortlos nach, was
auf eine lange Übung in blindem und stummem Gehorsam
schließen ließ. Aber wenn auch der Juwelier als erster genannt
worden war, so meldete sich zunächst der Sekretär; verständlicherweise, denn er wohnte im Hause. Er fand Buckingham
im Schlafzimmer, wo er an einem Tisch saß und eigenhändig
mehrere Befehle schrieb.
»Herr Jackson«, sagte er, »Ihr begebt Euch sofort zum
Lordkanzler und überbringt ihm diese Befehle, mit deren
Ausführung ich ihn betraue. Ich wünsche, daß die Befehle
unverzüglich bekanntgemacht werden.«
»Wenn aber der Lordkanzler nach den Gründen fragt, die
Euer Gnaden zu einem so außergewöhnlichen Schritt bewogen haben, was soll ich antworten?«
»Daß es mir eben Spaß macht so und daß ich im übrigen
niemandem Rechenschaft schuldig bin!«
»Soll er diese Antwort auch Seiner Majestät geben«, fragte
lächelnd der Sekretär, »wenn Seine Majestät zufällig zu erfahren wünscht, warum kein Schiff die britischen Häfen verlassen darf?«
»Richtig, Jackson, in diesem Fall mag er dem König sagen,
daß ich zum Krieg entschlossen bin und daß ich mit dieser
Maßnahme die Feindseligkeiten gegen Frankreich eröffne!«
Der Sekretär verneigte sich und ging.
»So, in dieser Hinsicht können wir beruhigt sein«, sagte
Buckingham zu d’Artagnan. »Wenn die Nadeln nicht schon
nach Frankreich unterwegs sind, treffen sie mit Sicherheit
später dort ein als Ihr!«
»Wieso?«
»Ich habe über alle Schiffe, die sich zur Zeit in den Häfen
Seiner Majestät befinden, eine Auslaufsperre verhängt, und
227
ohne eine besondere Genehmigung wird kein Kapitän es wagen, die Anker zu lichten.«
Betroffen sah d’Artagnan diesen Mann an, der die unumschränkte Macht, über die er dank dem Vertrauen seines Königs verfügte, unbekümmert in den Dienst seiner Leidenschaft stellte. Buckingham merkte an dem Gesichtsausdruck
des jungen Mannes, was hinter seiner Stirn vorging, und
lächelte.
»Ja, ja«, sagte er, »Anna von Österreich ist meine wahre
Königin! Auf ein Wort von ihr würde ich mein Land, meinen
König, ja sogar meinen Glauben verraten. Sie hat mich gebeten, den Protestanten von La Rochelle nicht die Hilfe zu
schicken, die ich ihnen versprochen hatte, und ich gehorchte.
Ich habe mein Wort gebrochen, aber was liegt mir daran,
wenn ich ihr einen Wunsch erfüllen konnte? Und sagt selbst,
bin ich für meinen Gehorsam nicht überreich belohnt worden, da ich ihm dieses Porträt verdanke?«
D’Artagnan staunte, an welch fragwürdigen und verborgenen Fäden mitunter die Geschichte der Völker und das Leben der Menschen hängen. Aber ehe er noch lange darüber
nachdenken konnte, trat der Juwelier ein. Dieser war ein Ire
und einer der besten Goldschmiede seiner Zeit; er gestand
selbst, daß er an dem Herzog von Buckingham jährlich seine
hunderttausend Pfund verdiente.
»Herr O’Reilly«, sagte der Herzog und führte ihn in die
kleine Kapelle, »seht Euch diese Diamantnadeln an und sagt
mir, was sie wert sind!«
Der Goldschmied warf nur einen kurzen Blick auf die
kostbare Fassung, berechnete den Wert der verschiedenen
Steine und antwortete ohne Zögern:
»Fünfzehnhundert Dukaten das Stück, Mylord.«
»Wie lange braucht Ihr, um zwei solche Nadeln anzufertigen? Ihr seht ja, daß zwei fehlen.«
»Acht Tage, Mylord.«
»Ich zahle Euch für das Stück dreitausend Dukaten, aber
ich muß sie übermorgen haben.«
»Ihr sollt sie haben, Mylord.«
»Ihr seid wundervoll, Herr O’Reilly, aber ich habe noch
nicht alles gesagt: ich kann diese Nadeln niemand anver228
trauen, die beiden neuen müssen daher in meinem Hause angefertigt werden.«
»Unmöglich, Mylord! Nur ich kann die Arbeit so ausführen, daß man den Unterschied zwischen den neuen und
den alten nicht sieht.«
»Ebendarum seid Ihr auch mein Gefangener, lieber Herr
O’Reilly, und könnt mein Haus nicht mehr verlassen. Schickt
Euch also drein und sagt mir, welche Eurer Gehilfen Ihr für die
Arbeit braucht und was für Werkzeuge sie mitbringen sollen!«
Der Goldschmied kannte seinen Herzog, er wußte, daß
hier jeder Einwand zwecklos war, und schickte sich in das
Unvermeidliche.
»Darf ich meine Frau benachrichtigen?« fragte er.
»Ihr dürft sie sogar sehen, mein lieber O’Reilly! Es soll
eine sehr angenehme Gefangenschaft werden, verlaßt Euch
darauf! Und da jede Belastung eine Entschädigung verlangt,
so nehmt außer dem Preis für die beiden Nadeln noch diese
Anweisung auf tausend Dukaten, damit Ihr die Beschwernisse, die ich Euch zumute, ein wenig leichter tragt!«
D’Artagnan kam aus dem Staunen über diesen Minister
nicht heraus, der mit vollen Händen Menschen und Millionen
in Bewegung setzte.
Der Goldschmied schrieb sogleich an seine Frau, legte die
Anweisung auf tausend Dukaten bei und beauftragte sie, ihr
seinen fähigsten Gesellen, eine Auswahl nach Gewicht und
Bezeichnung genau angegebener Diamanten sowie die benötigten Werkzeuge zu schicken. Dann führte Buckingham
den Goldschmied in das für ihn bestimmte Zimmer, das nach
einer halben Stunde in eine Werkstatt umgewandelt war. Vor
jede Tür wurde ein Posten aufgestellt, der Befehl hatte, niemand außer Patrick einzulassen. Es braucht wohl nicht besonders erwähnt zu werden, daß der Goldschmied und sein
Geselle das Zimmer unter keinen Umständen verlassen durften.
Nachdem dieser Punkt geregelt war, wandte sich der Herzog wieder dem Gascogner zu.
»So, mein junger Freund«, sagte er, »nun steht uns beiden
ganz England zur Verfügung. Was wollt Ihr, was habt Ihr für
Wünsche?«
229
»Ein Bett«, antwortete d’Artagnan. »Das ist offen gestanden
im Augenblick mein dringendster Wunsch.«
Buckingham gab ihm ein Zimmer, das neben dem seinen
lag. Er wollte den jungen Mann in seiner Nähe wissen, nicht
aus Mißtrauen, sondern um immer jemand bei sich zu haben,
mit dem er von der Königin sprechen konnte.
Eine Stunde später wurde in London der Befehl verkündet,
daß kein Schiff aus irgendeinem Hafen des Landes nach
Frankreich auslaufen dürfe, nicht einmal das Postboot. Dies
war in aller Augen die Kriegserklärung.
Am übernächsten Tag um elf Uhr waren die beiden Diamantnadeln fertig, und zwar so vortrefflich nachgeahmt, so
überraschend ähnlich, daß Buckingham die neuen nicht von
den alten unterscheiden konnte und daß auch der gewiegteste
Kenner sich getäuscht hätte.
Sofort ließ der Herzog d’Artagnan rufen.
»Hier, nehmt die Diamantnadeln, derentwegen Ihr gekommen seid! Ihr könnt bezeugen, daß ich alles getan habe,
was in meinen Kräften stand.«
»Seid unbesorgt, Mylord, ich werde alles berichten, was
ich gesehen habe! Aber Euer Gnaden geben mir die Nadeln
ohne das Kästchen!«
»Das Kästchen wäre Euch nur hinderlich. Überdies ist es
mir nun, da es mir als einziges bleibt, nur um so wertvoller.
Sagt, daß ich es behalten habe!«
»Ich werde es Wort für Wort so ausrichten, Mylord.«
»Wie aber«, fuhr der Herzog fort und sah dabei den jungen
Mann fest an, »kann ich nur je meine Schuld Euch gegenüber
abtragen?«
D’Artagnan wurde über und über rot. Er begriff, daß der
Herzog ihn zur Annahme irgendeines Geschenkes bewegen
wollte, und der Gedanke, daß sein und seiner Gefährten Blut
mit englischem Gold bezahlt werden sollte, war ihm äußerst
zuwider.
»Verstehen wir uns recht, Mylord«, entgegnete er, »und
lassen wir erst gar keinen Irrtum aufkommen! Ich stehe im
Dienst des Königs und der Königin von Frankreich und
gehöre zur Gardekompanie des Herrn des Essarts, der wie
sein Schwager Herr de Treville beiden Majestäten ganz be230
sonders ergeben ist. Im übrigen hätte ich mich zu alledem
wohl kaum bereit gefunden, wäre es nicht zugleich ein Dienst
für eine Dame, die meinem Herzen soviel bedeutet wie Euch
Anna von Österreich!«
»Ja«, sagte der Herzog lächelnd, »und ich glaube sogar
diese Dame zu kennen, oder ist es nicht …«
»Mylord, ich habe keinen Namen genannt!« fiel ihm der
junge Mann lebhaft ins Wort.
»Ganz richtig«, sagte der Herzog, »und bei ihr habe ich
mich also für Eure Ergebenheit zu bedanken.«
»So ist es, Mylord, und ich gestehe offen, daß ich in dieser
Stunde, wo von einem Krieg zwischen unseren beiden Ländern die Rede ist, in Euer Gnaden nur einen Engländer und
folglich einen Feind sehen kann, dem ich weit lieber auf dem
Schlachtfeld als im Park von Windsor oder in den Gängen
des Louvre begegnen würde. Das soll mich indessen nicht
hindern, meinen Auftrag in allen Punkten zu erfüllen und
notfalls auch mein Leben dabei zu lassen. Doch ich sage es
noch einmal, Euer Gnaden, Ihr schuldet mir für das, was ich
bei diesem zweiten Zusammentreffen in meinem Interesse
tue, ebensowenig Dank wie für das, was ich bei unserer ersten Begegnung in Euerm Interesse getan habe.«
»Stolz wie ein Schotte«, murmelte Buckingham.
»Bei uns sagt man dazu: Stolz wie ein Gascogner«, erwiderte
d’Artagnan. »Die Gascogner sind offenbar die Schotten Frankreichs.«
D’Artagnan verneigte sich vor dem Herzog und schickte
sich zum Gehen an.
»Was denn? So wollt Ihr gehen? Wohin und auf welchem
Wege?«
»Richtig, ja.«
»Weiß der Himmel, die Franzosen sind auch zu allem imstande!«
»Ich hatte vergessen, daß England eine Insel ist und daß
Ihr hier König seid.«
»Geht zum Hafen, fragt nach der Brigg ›Sund‹ und übergebt dem Kapitän diesen Brief! Er bringt Euch zu einem kleinen Hafen, wo man Euch sicher nicht erwartet und wo im
allgemeinen nur Fischerboote anlegen.«
231
»Wie heißt dieser Hafen?«
»Saint-Valery. Aber hört weiter: wenn Ihr dort angekommen
seid, sucht Ihr eine elende Herberge ohne Namen und Schild
auf, eine richtige Matrosenspelunke. Ihr könnt gar nicht fehlgehen, denn es gibt nur eine dort.«
»Und dann?«
»Ihr fragt nach dem Wirt und nennt ihm nur ein Wort: Forward!«
»Was bedeutet das?«
»Vorwärts, es ist das Losungswort. Er wird Euch ein gesatteltes Pferd geben und Euch sagen, welchen Weg Ihr einschlagen müßt; auf diese Weise bekommt Ihr noch dreimal
ein Pferd zum Wechseln. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr jedesmal Eure Pariser Adresse zurücklassen, dann werden Euch
die Pferde nachgeschickt. Zwei von ihnen kennt Ihr übrigens
bereits, und mir schien, Ihr wußtet sie zu schätzen; es sind
die beiden, auf denen wir von Windsor zusammen hergeritten sind. Und glaubt mir, die anderen sind nicht schlechter!
Diese vier Pferde sind kriegsmäßig ausgerüstet. So stolz Ihr
auch seid, werdet Ihr es doch nicht abschlagen, eines davon
für Euch und die anderen drei für Eure Freunde anzunehmen, denn schließlich könnt Ihr sie ja im Krieg gegen uns
verwenden. Der Zweck heiligt die Mittel, wie man bei Euch
in Frankreich sagt, nicht wahr?«
»Ja, ein solches Geschenk nehme ich an, Mylord«, versetzte
d’Artagnan, »und so Gott will, werden wir guten Gebrauch
davon machen!«
»Und jetzt Eure Hand, junger Mann! Vielleicht sehen wir
uns schon bald auf dem Schlachtfeld wieder; aber heute wollen wir noch mal als gute Freunde auseinandergehen, denke
ich!«
»Ja, Mylord, aber in der Hoffnung, bald Feinde zu werden!«
»Keine Sorge, ich verspreche es Euch!«
»Ich verlasse mich auf Euer Wort, Mylord!«
D’Artagnan grüßte den Herzog und eilte zum Hafen. Dem
Tower gegenüber fand er die bezeichnete Brigg, übergab seinen Brief dem Kapitän, der sofort das Visum des Hafenkommandanten einholte und darauf die Anker lichtete.
232
Wohl fünfzig Schiffe warteten, zum Auslaufen bereit, und
durften nicht weg. Als man Bord an Bord an einem von ihnen
vorüberglitt, glaubte d’Artagnan die Frau aus Meung wiederzuerkennen, dieselbe, die jener Unbekannte mit »Mylady« angeredet und die er selbst so überaus schön gefunden hatte;
doch Strömung und Wind trieben das Schiff so schnell meerwärts, daß man im Nu außer Sicht war.
Am nächsten Morgen um neun Uhr landete man in SaintValery. D’Artagnan begab sich sofort zu der angegebenen
Herberge, die sich ihm schon von weitem durch den Lärm
ankündigte, der daraus hervordrang; man sprach vom Krieg
zwischen England und Frankreich als von einem nahen und
unabwendbaren Ereignis, und die Matrosen zechten fröhlich
drauflos.
D’Artagnan drängte sich durch die Menge, trat auf den
Wirt zu und nannte das Losungswort »Forward«. Der Wirt
bedeutete ihm sogleich, ihm durch eine Tür auf den Hof zu
folgen; hier führte er ihn in den Stall, wo ein gesatteltes Pferd
auf ihn wartete, und fragte, ob ihm sonst noch etwas fehle.
»Alles, was mir jetzt noch fehlt, ist der Weg, den ich einschlagen muß«, antwortete d’Artagnan.
»Reitet von hier nach Blangy und von Blangy nach Neufchâtel! Steigt dort bei der Herberge ›Zur Goldenen Egge‹ ab,
nennt dem Wirt das Losungswort, und Ihr werdet wie hier
ein gesatteltes Pferd bereit finden.«
»Schulde ich Euch etwas?«
»Es ist alles bezahlt«, versetzte der Wirt, »und zwar reichlich. Reitet also los, und Gott mit Euch!«
»Amen!« schloß der junge Mann und sprengte davon.
Vier Stunden später war er in Neufchâtel. Er befolgte genau die erhaltenen Instruktionen. Auch hier wartete, wie in
Saint-Valery, ein gesatteltes Pferd auf ihn; als er die Pistolen
aus den Satteltaschen nahm und in dem neuen Sattel verstauen wollte, stellte er fest, daß dessen Pistolenhalfter genauso gut versehen waren.
»Eure Adresse in Paris?«
»Gardekaserne, Kompanie des Essarts.«
»Gut.«
»Welchen Weg muß ich nehmen?«
233
»Den nach Rouen. Aber laßt die Stadt rechts liegen und haltet erst in dem kleinen Dorf Ecouis! Es gibt dort nur einen
Gasthof, den ›Zum Französischen Schild‹. Urteilt nicht nach
seinem Aussehen, Ihr findet im Stall ein Pferd, das diesem hier
in nichts nachsteht!«
»Dieselbe Losung?«
»Dieselbe.«
»Lebt wohl, Herr Wirt!«
»Gute Reise, edler Herr! Braucht Ihr noch etwas?«
Aber d’Artagnan schüttelte den Kopf und jagte davon. Die
gleiche Szene wiederholte sich in Ecouis. Er fand einen ebenso
zuvorkommenden Wirt, ein ebenso frisches und ausgeruhtes
Pferd; er hinterließ auch hier seine Adresse und jagte weiter
nach Pontoise.
Hier wechselte er zum letztenmal das Pferd, und abends
um neun Uhr sprengte er in vollem Galopp in den Hof des
Herrn de Treville. Er hatte fast sechzig Meilen in zwölf Stunden zurückgelegt.
Herr de Treville empfing ihn, als hätte er ihn erst am Morgen das letztemal gesehen, nur drückte er ihm die Hand noch
etwas fester als sonst, während er ihm eröffnete, daß die
Kompanie des Essarts die Wache im Louvre habe und daß er
sich sofort auf seinen Posten begeben könne.
Der Ball
Am andern Tag sprach ganz Paris nur von dem Ball, den der
Magistrat der Stadt dem König und der Königin gab und auf
dem unter Vorantritt Ihrer Majestäten die berühmte Merlaison, der Lieblingstanz des Königs, getanzt werden sollte.
Schon seit acht Tagen traf man im Rathaus alle Vorbereitungen für dieses glänzende Fest. Zimmerleute hatten Tribünen errichtet, auf denen die eingeladenen Damen Platz finden
sollten. Spezereiwarenhändler hatten die Säle mit zweihundert
gewaltigen weißen Wachskerzen ausgestattet, was für die damalige Zeit ein unerhörter Luxus war. Schließlich waren zwanzig Geiger verpflichtet worden, denen man das Doppelte der
234
üblichen Summe bewilligt hatte, da sie die ganze Nacht spielen sollten.
Um zehn Uhr morgens erschien der Gardefähnrich de La
Coste, von zwei Gefreiten und mehreren Bogenschützen begleitet, und verlangte vom Ratsschreiber Clement alle Schlüssel zu den Amtsstuben, Zimmern und sonstigen Räumlichkeiten des Stadthauses. Diese Schlüssel, von denen jeder einzelne auf einem Zettelchen einen Erkennungsvermerk trug,
wurden Herrn de La Coste sofort überreicht, und von diesem Augenblick oblag dem Gardefähnrich die Überwachung
sämtlicher Türen und Gänge.
Um elf Uhr erschien der Gardehauptmann Duhallier mit
fünfzig Bogenschützen, die alsbald vor allen Türen des Rathauses Posten bezogen.
Um drei Uhr rückten zwei Gardekompanien an, von denen die eine aus Franzosen, die andere aus Schweizern bestand. Die französische Kompanie setzte sich zur Hälfte aus
Leuten des Hauptmanns Duhallier, zur anderen Hälfte aus
Leuten des Herrn des Essarts zusammen.
Um sechs Uhr abends trafen die ersten Gäste ein. Sie wurden in der Reihenfolge, wie sie ankamen, auf den vorbereiteten Tribünen untergebracht.
Um neun Uhr erschien die Frau des Stadtoberhauptes, und
da sie nach der Königin die erste Dame des Festes war, wurde
sie von den Ratsherren empfangen und in eine Loge geleitet,
die der für die Königin bestimmten gegenüberlag.
Um zehn Uhr wurde in dem nach der Saint-Jean-Kirche zu
gelegenen kleinen Saal der süße Imbiß für den König gedeckt, und zwar dem silbernen Büfett der Stadt gegenüber,
das von vier Bogenschützen bewacht wurde.
Um Mitternacht endlich hörte man vielfältigen Lärm und
Vivatgeschrei: der König näherte sich vom Louvre her durch
die mit bunten Lampions geschmückten Straßen dem Rathaus. Sofort eilten die Ratsherren ihrem König entgegen; sie
empfingen ihn auf der Freitreppe, wo ihn der Sprecher der
Kaufmannsgilde willkommen hieß. Seine Majestät dankte
und entschuldigte sich wegen des späten Erscheinens, wofür
er den Kardinal verantwortlich machte, der ihn nämlich bis
vor einer Stunde mit Staatsgeschäften aufgehalten habe.
235
Der König trug Gala und hatte ein festliches Gefolge bei
sich, darunter seinen ältesten Bruder und den Grafen von
Soissons; dennoch bemerkte jeder auf den ersten Blick, daß
er alles andere als frohgestimmt war.
Für Ludwig XIII. und seinen königlichen Bruder hatte
man besondere Garderobenräume hergerichtet, ebenso für
die Königin und die Frau des Oberbürgermeisters. Hier lagen die Maskenkostüme bereit. Die Damen und Herren des
Gefolges sollten sich zu zweien in anderen, hierzu vorbereiteten Zimmern umkleiden. Ehe der König sich in seine Garderobe zurückzog, befahl er, man möge ihn sofort von der
Ankunft des Kardinals unterrichten.
Eine halbe Stunde nach dem Eintreffen des Königs meldeten erneute Beifallsrufe die Ankunft der Königin. Die Ratsherren wiederholten ihre von Fackelträgern begleitete Prozession zur Freitreppe und empfingen ihren erlauchten Gast. Als
die Königin den großen Ballsaal betrat, machte sie einen ähnlich bedrückten und vor allem müden Eindruck wie der König.
Im Augenblick, als sie eintrat, wurde der Vorhang vor einer kleinen Loge zurückgezogen, und man sah das bleiche
Gesicht des Kardinals, der als spanischer Kavalier gekleidet
war. Seine Augen hefteten sich auf die Königin, und ein grausames Lächeln umspielte seine Lippen: die Königin trug ihre
Diamantnadeln nicht!
Eine geraume Zeit verstrich, in der die Königin die Huldigungen der Ratsherren und ihrer Damen entgegennahm.
Plötzlich erschien der König mit dem Kardinal in einer der
Saaltüren. Der Kardinal redete leise auf den König ein, der
auffallend blaß war. Unmaskiert, die Bänder seines Wamses
kaum verknüpft, schritt er durch die Menge gerade auf die
Königin zu und sagte mit erregter Stimme:
»Madame, wollt Ihr mir bitte erklären, warum Ihr Eure
Diamantnadeln nicht tragt? Ihr wußtet doch, daß ich sie
gerne an Euch gesehen hätte!«
Die Königin schaute sich um und erblickte hinter sich den
Kardinal, der wahrhaft diabolisch lächelte.
»Sire«, entgegnete sie mit gleichfalls erregter Stimme, »ich
fürchtete, sie könnten mir in diesem dichten Gedränge verlorengehen.«
236
»Und das war unrecht von Euch, Madame! Wenn ich Euch
etwas schenke, möchte ich auch, daß Ihr es tragt. Ich wiederhole, es war unrecht von Euch!«
Die Stimme des Königs zitterte vor Zorn. Alle blickten auf
und verfolgten erstaunt diese Szene, die ihnen unverständlich
schien.
»Sire«, sagte die Königin, »ich werde in den Louvre schicken
und sie holen lassen, wenn ich damit den Wünschen Eurer Majestät entsprechen kann.«
»Tut das, Madame, und zwar so schnell wie möglich, denn
in einer Stunde beginnt das Ballett!«
Die Königin verneigte sich zum Zeichen ihrer Willfährigkeit und begab sich mit ihren Damen in die Garderobe
zurück. Auch der König suchte sein Umkleidezimmer auf.
Einen Augenblick lang herrschte Unruhe und Beklommenheit im Saal. Alle hatten beobachtet, daß zwischen dem
König und der Königin etwas vorgefallen war; aber da man
sich in respektvollem Abstand hielt und die beiden sehr leise
miteinander sprachen, hatte niemand etwas verstanden. Die
Musikanten fiedelten munter drauflos, aber keiner hörte zu.
Der König trat als erster aus seiner Garderobe. Er trug einen
überaus eleganten Jagdanzug, und sein Bruder wie auch die anderen Herren seiner Begleitung waren ebenso gekleidet. Es war
die Tracht, die dem König am besten stand, und in ihr glaubte
man ihm wirklich den ersten Edelmann seines Reiches.
Jetzt trat der Kardinal zu dem König und reichte ihm ein
Etui. Der König öffnete es und fand darin zwei Diamantnadeln.
»Was soll das?«
»Nichts«, antwortete der Kardinal, »nur, wenn die Königin
ihre Nadeln ansteckt, was ich bezweifle, so zählt sie, Sire, und
wenn Ihr nur zehn findet, so fragt Ihre Majestät, wer ihr diese
beiden hier entwendet haben mag!«
Der König sah den Kardinal zweifelnd an, kam aber nicht
mehr dazu, eine Frage zu stellen, da alle Anwesenden in ein
Ah! der Bewunderung ausbrachen. Gab sich der König den
Anschein des ersten Edelmannes, so war die Königin unbedingt die schönste Frau Frankreichs. Allerdings kleidete sie das
Jagdkostüm auch ganz vortrefflich. Sie trug einen Filzhut mit
237
blauen Federn, dazu ein Jackett aus perlgrauem Samt mit Diamantagraffen und einen silberdurchwirkten Rock aus blauer
schwerer Seide. Auf ihrer linken Schulter funkelten an einer
Schleife, die von derselben Farbe wie der Rock und die Hutfedern war, die Diamantnadeln.
Der König zitterte vor Freude, der Kardinal vor Wut; sie
standen jedoch zu weit ab, um die Nadeln zählen zu können.
Die Königin hatte sie angesteckt, aber waren es nun zehn
oder zwölf?
In diesem Augenblick gaben die Geigen das Zeichen zum
Beginn der Merlaison. Ludwig XIII. trat zur Frau des Stadtoberhauptes, mit der er den Tanz eröffnen mußte, und sein
königlicher Bruder näherte sich der Königin. Als alle Aufstellung genommen hatten, begann der Tanz. Der König
hatte seinen Platz gegenüber der Königin, und jedesmal,
wenn er dicht an ihr vorübertanzte, starrte er auf die Nadeln,
konnte aber die genaue Zahl nicht feststellen. Kalter Schweiß
bedeckte die Stirn des Kardinals. Die ganze Merlaison dauerte eine Stunde.
Als der Tanz zu Ende war, führte jeder Partner seine Dame
unter dem tosenden Beifall des ganzen Saales an ihren Platz
zurück. Der König aber machte von seinem Vorrecht Gebrauch, seine Partnerin da zu lassen, wo er sich gerade befand, und ging mit raschen Schritten auf die Königin zu.
»Ich danke Euch, Madame«, sagte er, »daß Ihr meinem
Wunsche so bereitwillig nachgekommen seid, aber ich glaube,
es fehlen Euch zwei Nadeln. Hier sind sie!«
Bei diesen Worten reichte er ihr die beiden Nadeln, die ihm
der Kardinal gegeben hatte.
»Wie denn, Sire«, rief die junge Königin mit gespielter
Überraschung, »Ihr schenkt mir noch zwei? Aber dann habe
ich ja vierzehn!«
Der König, der nun endlich in Ruhe zählen konnte, fand
in der Tat zwölf Nadeln an ihrer Schulter.
Er rief den Kardinal herbei.
»Nun, Eminenz«, fragte er streng, »was hat das zu bedeuten?«
»Das bedeutet, Sire«, erwiderte der Kardinal, »daß ich diese
beiden Nadeln Ihrer Majestät zu verehren wünschte, sie je238
doch nicht selber anzubieten wagte und deshalb diesen Weg
wählte.«
»Und ich bin Eurer Eminenz hierfür um so mehr zu Dank
verpflichtet«, versetzte Anna von Österreich mit einem
Lächeln, das deutlich verriet, wie wenig sie sich durch dieses
geschickte Kompliment täuschen ließ, »als ich überzeugt bin,
daß Euch diese zwei Nadeln ebenso teuer zu stehen gekommen sind wie Seiner Majestät die anderen zwölf zusammen!«
Nach diesen Worten grüßte sie den König und den Kardinal und zog sich in ihr Umkleidezimmer zurück.
Die Aufmerksamkeit, die wir im ersten Teil dieses Kapitels
einer Reihe hochgestellter Persönlichkeiten zuwenden mußten, hat uns für eine Weile den Mann aus den Augen verlieren
lassen, dem die Königin ihren unerhörten Triumph über den
Kardinal verdankte und der unbekannt, verwirrt und verloren
in der Menge von einer der Saaltüren aus die Szene beobachtet hatte, die insgesamt nur vier Menschen verständlich sein
konnte: dem König, der Königin, dem Kardinal und ihm selbst.
Nachdem die Königin wieder in ihre Garderobe gegangen
war, schickte sich d’Artagnan eben zum Gehen an, als ihn jemand verstohlen an der Schulter berührte. Er wandte sich um
und sah eine junge Frau, die ihm zu verstehen gab, er möge ihr
folgen. Sie trug eine schwarze Samtmaske vor dem Gesicht,
aber trotz dieser Vorsichtsmaßregel, die wohl auch mehr den
anderen als ihm galt, erkannte er auf den ersten Blick seine übliche Führerin, die anmutige und kluge Frau Bonacieux.
Am Abend vorher hatten sie sich bei dem Pförtner Germain, wohin d’Artagnan sie hatte rufen lassen, bloß flüchtig
gesehen. Die junge Frau brannte so darauf, der Königin die
Nachricht von der glücklichen Rückkehr des Boten zu überbringen, daß sie kaum dazu gekommen waren, auch nur ein
paar Worte miteinander zu wechseln.
D’Artagnan folgte also, von Liebe und Neugier getrieben.
Frau Bonacieux. Auf dem ganzen Weg, der durch immer einsamere Gänge führte, verlangte es ihn, stehenzubleiben und
sie anzusehen, sei es auch nur für einen Augenblick; aber flink
wie ein Vogel entschlüpfte sie ihm jedesmal, und sooft er etwas sagen wollte, legte sie gebieterisch, wenn auch voller Anmut, den Zeigefinger vor die Lippen und erinnerte ihn daran,
239
daß er im Dienste einer Macht stand, der er blind gehorchen
mußte und die keinen noch so geringen Einwand gestattete.
Nachdem sie so eine Weile kreuz und quer durch das Rathaus
gegangen waren, öffnete Frau Bonacieux eine Tür und führte
den jungen Mann in einen finsteren Raum. Sie gebot ihm noch
einmal Schweigen, schloß dann eine Tapetentür auf, durch die
plötzlich grelles Licht hereinfiel, und verschwand.
Einen Augenblick verharrte d’Artagnan unbeweglich und
fragte sich, wo er wohl sein mochte; aber das Licht, das durch
die nur angelehnte Tür hereindrang, die warme, von Wohlgerüchen geschwängerte Luft und eine von mehreren Frauen
in zugleich ehrerbietigem und gewähltem Ton geführte Unterhaltung, in der das Wort Majestät häufig wiederkehrte,
verrieten ihm bald, daß er sich in einem an das Umkleidezimmer der Königin grenzenden Gemach befand. So blieb er
in der Dunkelheit stehen, wo er stand, und wartete.
Die Königin machte einen glücklichen und gelösten Eindruck, worüber sich ihre Umgebung sehr zu wundern schien,
da man Ihre Majestät fast nur traurig und niedergeschlagen
kannte. Anna von Österreich erklärte ihre heitere Stimmung
mit der Schönheit des Festes und dem Vergnügen, das ihr der
Tanz bereitet habe, und da man einer Königin, mag sie nun
lachen oder weinen, nicht gut widersprechen kann, überboten sich alle im Lob der freundlichen Gastgeber.
Obwohl d’Artagnan die Königin nicht kannte, vermochte
er ihre Stimme bald herauszuhören, zunächst durch den etwas
fremdartigen Akzent, dann aber auch durch jenen gebieterischen Ton, der nun einmal fürstliche Naturen auszuzeichnen
pflegt. Er hörte, wie sie sich der Tür näherte und wieder wegging, und einige Male verdunkelte auch ein Schatten das Licht,
das durch den Türspalt fiel. Plötzlich aber schob sich ein
weißer, edel geformter Arm durch diesen Spalt, und d’Artagnan begriff, daß dies sein Lohn war. Er kniete nieder, nahm
diese Hand und küßte sie ehrfürchtig. Hierauf zog sich die
Hand zurück, ließ aber in der seinen einen Gegenstand zurück,
in dem er einen Ring erkannte. Dann wurde die Tür geschlossen, und d’Artagnan stand wieder in völliger Dunkelheit da.
Er steckte den Ring an seinen Finger und wartete, denn
damit konnte ja noch nicht alles geschehen sein. Nach dem
240
Lohn für seine Ergebenheit mußte der für seine Liebe kommen. Übrigens war zwar die Merlaison getanzt worden, aber
das Fest selbst hatte noch kaum begonnen: das Souper war
für drei Uhr angesetzt, und die Turmuhr von Saint-Jean hatte
schon vor einiger Zeit drei Viertel drei geschlagen.
Wirklich ebbte das Stimmengewirr im Nebenzimmer allmählich ab, und d’Artagnan hörte, wie man sich entfernte.
Dann ging die Tür auf, und Frau Bonacieux eilte auf ihn zu.
»Da seid Ihr endlich!« rief der junge Mann.
»Pst!« machte sie und legte ihm rasch ihre Hand auf den
Mund. »Geht nun auf demselben Weg zurück, auf dem Ihr
gekommen seid!«
»Aber wo und wann sehe ich Euch wieder?«
»Ein Briefchen, das Ihr bei Eurer Rückkehr zu Hause findet,
wird es Euch sagen. Doch jetzt geht!«
Mit diesen Worten öffnete sie die Tür zum Korridor und
drängte d’Artagnan hinaus. Und er gehorchte auch willig und
widerspruchslos wie ein Kind, ein Beweis mehr, daß er wirklich
sehr verliebt war.
Das Rendezvous
D’Artagnan lief so schnell er konnte nach Hause, und obgleich es drei Uhr nachts war und er durch die verrufensten
Straßen von Paris mußte, erreichte er wohlbehalten die Rue
des Fossoyeurs. Betrunkene und Verliebte haben ja bekanntlich ihren besonderen Schutzengel.
Er fand die Haustür offen, eilte die Treppe hinauf und gab
leise ein bestimmtes Klopfzeichen, das er mit seinem Diener
vereinbart hatte. Planchet, den er zwei Stunden zuvor vom
Rathaus mit dem Befehl weggeschickt hatte, daheim auf ihn
zu warten, öffnete.
»Hat jemand einen Brief für mich abgegeben?« fragte
d’Artagnan atemlos.
»Nein, gnädiger Herr, es hat niemand einen Brief für Euch
abgegeben«, erwiderte Planchet, »aber es ist trotzdem einer
da.«
»Was heißt denn das nun wieder, du Esel?«
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»Das heißt, daß ich bei meiner Rückkehr, obwohl ich Euern Wohnungsschlüssel die ganze Zeit in der Tasche hatte,
auf der grünen Tischdecke in Euerm Schlafzimmer einen
Brief gefunden habe.«
»Und wo ist dieser Brief?«
»Ich habe ihn gelassen, wo er war, gnädiger Herr. Es kann
nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn einem die Briefe so
mir nichts, dir nichts auf den Tisch geflogen kommen. Wenn
noch das Fenster offen oder zumindest nur angelehnt gewesen wäre, dann wollte ich ja nichts sagen, aber nein, es war
hermetisch verschlossen! Gnädiger Herr, nehmt Euch nur in
acht, gewiß steckt irgendeine Hexerei dahinter!«
Der junge Mann war unterdessen längst ins andere Zimmer geeilt und hatte den Brief aufgerissen. Er kam von Frau
Bonacieux und lautete:
»Es möchte Euch jemand sehr herzlich danken. Seid heute
abend um zehn Uhr in Saint-Cloud bei dem Pavillon neben
der Villa des Herrn d’Estrées.
C. B.«
Beim Lesen des Briefes krampfte sich ihm das Herz auf
jene süße Weise zusammen, die alle Liebenden so quälend
und zugleich so beglückend finden. Es war der erste Liebesbrief, den er erhielt, das erste Stelldichein, das ihm gewährt
wurde. Auf der Schwelle jenes irdischen Paradieses, das man
Liebe zu benennen pflegt, meinte er vor Seligkeit vergehen
zu müssen.
»Nun, gnädiger Herr«, meldete sich aus dem Hintergrund
die Stimme Planchets, der seinen Herrn abwechselnd rot und
blaß werden sah, »habe ich nicht von vornherein gesagt, daß
es irgendeine üble Geschichte ist?«
»Ja, aber du bist im Irrtum, Planchet, und zum Beweis hast
du hier einen Taler, damit du auf meine Gesundheit trinken
kannst!«
»Für den Taler sage ich dem gnädigen Herrn meinen Dank
und verspreche, ihn in der befohlenen Weise auszugeben, das
aber ändert nichts an der Tatsache, daß Briefe, die ohne weiteres in verschlossene Häuser gelangen …«
»Vom Himmel fallen, mein Lieber, vom Himmel fallen!«
»Demnach ist der gnädige Herr zufrieden?«
242
»Mein lieber Planchet, ich bin der glücklichste Mensch unter der Sonne!«
»Und darf ich mir Euer Glück zunutze machen und mich
jetzt schlafen legen?«
»Ja, geh nur!«
»Gottes Segen über Euch, gnädiger Herr! Aber das ändert
nichts an der Tatsache, daß dieser Brief …«
Und kopfschüttelnd zog sich Planchet zurück, denn selbst
d’Artagnans Freigebigkeit hatte seine Bedenken keineswegs
zerstreuen können. Allein geblieben, las der junge Mann wieder und wieder die kurzen Zeilen von der Hand seiner Angebeteten und führte sie wohl zwanzigmal an seine Lippen.
Endlich legte auch er sich nieder und sank in einen Schlaf,
der ihn in goldenen Träumen wiegte.
Um sieben Uhr morgens stand er auf und rief seinen Diener, der allerdings erst beim zweitenmal und mit einem Gesicht, das noch immer Spuren von Verstörtheit verriet, in der
Tür erschien.
»Planchet«, sagte d’Artagnan, »ich geh jetzt fort und bleibe
vermutlich den ganzen Tag weg, du bist also bis heute abend
um sieben frei. Doch um sieben Uhr hältst du dich mit zwei
Pferden bereit!«
»O weh, da sollen wir unser zerschundenes Fell wohl schon
wieder zu Markte tragen!«
»Vergiß nicht, deine Muskete und deine Pistolen mitzunehmen!«
»Da, was sage ich?« jammerte Planchet. »Ich wußte es ja,
es ist dieser verwünschte Brief!«
»So beruhige dich doch, Dummkopf! Es handelt sich lediglich um einen Spazierritt.«
»Ja, von der Art wie unsere letzte Vergnügungsreise, wo
es Kugeln regnet und überall Fallen blühen!«
»Nun, wenn mein Herr Planchet Angst hat, reite ich lieber
allein; das ist mir angenehmer als mit einem Begleiter, dem
das Herz in die Hose gerutscht ist.«
»Der gnädige Herr tut mir unrecht; ich denke doch, er hat
mich bei der Arbeit gesehen.«
»Gewiß, aber mir scheint, du hast deinen ganzen Mut mit
einemmal verausgabt.«
243
»Der gnädige Herr soll sehen, daß ich im richtigen Augenblick immer noch etwas in Reserve habe; nur möchte ich Euch
bitten, damit nicht zu verschwenderisch umzugehen, wenn Ihr
wollt, daß der Vorrat noch lange reicht.«
»So, und meinst du, daß du für heute abend über eine gewisse Portion verfügen kannst?«
»Ich hoffe.«
»Gut, ich verlass’ mich darauf.«
»Ich werde pünktlich zur Stelle sein. Aber ich glaube, der
gnädige Herr hat nur ein Pferd im Stall der Garde.«
»Vielleicht steht im Augenblick auch wirklich nur eines da,
doch bis heute abend sind es bestimmt vier.«
»Ach, dann haben wir also die Reise gemacht, um Pferde
zu beschaffen?«
»Genau das!« sagte d’Artagnan und ging.
Unter der Tür stand Herr Bonacieux. D’Artagnan wollte
eigentlich vorbeigehen, ohne mit dem würdigen Krämer zu
sprechen; der aber grüßte so sanft und freundlich, daß sein
Mieter gezwungen war, nicht nur zu danken, sondern darüber
hinaus sich in ein Gespräch einzulassen. Warum soll man überdies nicht auch ein wenig Mitgefühl für den Ehemann einer
Frau aufbringen, die einem für denselben Abend ein Stelldichein bei einem Pavillon in Saint-Cloud versprochen hat?
D’Artagnan setzte also die liebenswürdigste Miene auf, zu der
er sich verstehen konnte.
Die Unterhaltung drehte sich natürlich sofort um die Kerkerhaft des armen Bonacieux. Der Krämer, der nicht ahnte,
daß d’Artagnan sein Gespräch mit dem Unbekannten aus
Meung mit angehört hatte, erzählte ausführlich von den Ungeheuerlichkeiten, denen ihn dieser gräßliche Herr de Laffemas ausgesetzt habe – er nannte ihn ständig den Henker des
Kardinals –, und verbreitete sich über alle Einzelheiten der
Bastille und besonders über die Folterwerkzeuge.
D’Artagnan ließ diesen Bericht mit beispielhafter Geduld
über sich ergehen, und erst als der andere geendet hatte, erlaubte er sich zu fragen:
»Und wißt Ihr inzwischen, wer damals Eure Frau entführt
hat? Denn ich vergesse nicht, daß ich diesem beklagenswerten Umstand das Glück Eurer Bekanntschaft verdanke.«
244
»Ach, man hat sich wohl gehütet, es mir zu sagen, und meine
Frau hat mir hoch und heilig geschworen, sie wüßte es auch
nicht. Aber sagt«, fuhr er in aller Treuherzigkeit fort, »wo habt
Ihr eigentlich in den letzten Tagen gesteckt? Ich habe weder
Euch noch Eure Freunde gesehen, und mir scheint, es war
wohl kaum Pariser Pflaster, wo Ihr den Staub aufgelesen habt,
den Planchet gestern von Euern Stiefeln klopfte.«
»Ganz recht, lieber Herr Bonacieux, meine Freunde und
ich haben eine kleine Reise gemacht.«
»Weit?«
»Mein Gott, nein! Vielleicht vierzig Meilen von hier. Wir
haben Herrn Athos zur Kur nach Forges begleitet, und meine
Freunde sind noch geblieben.«
»Aber Ihr seid gleich wieder zurückgekommen, nicht wahr?«
versetzte Bonacieux und versuchte, möglichst pfiffig auszusehen. »Ein hübscher junger Mann wie Ihr erhält von seiner Geliebten natürlich keinen so langen Urlaub, und wir wurden
voller Ungeduld zurückerwartet, nicht wahr?«
»Wahrhaftig«, sagte d’Artagnan lachend, »so ist es, und ich
gestehe es Euch offen, mein lieber Bonacieux, da ich wohl
sehe, daß man Euch doch nichts verheimlichen kann. Ja, ich
wurde erwartet, und mit großer Ungeduld, das dürft Ihr mir
glauben!«
Eine leichte Wolke zog über die Stirn des Krämers, aber
sie war so flüchtig, daß d’Artagnan nichts merkte.
»Und nun wird man uns gewiß für unsere Eile belohnen?«
fragte Bonacieux mit etwas belegter Stimme, was allerdings
dem Gascogner ebensowenig auffiel wie der leichte Schatten, der sich kurz zuvor auf sein Gesicht gesenkt hatte.
»So fragt man Leute aus!« erwiderte d’Artagnan lachend.
»Aber nein, ich frage ja nur, um zu wissen, ob Ihr spät nach
Hause kommt.«
»Ja, wozu denn das, mein lieber Bonacieux? Wollt Ihr etwa
auf mich warten?«
»Nein, aber seit meiner Verhaftung und dem Diebstahl in
meiner Wohnung erschrecke ich jedesmal, wenn eine Tür
geht, und besonders des Nachts. Mein Gott, was wollt Ihr?
Ich bin eben kein Soldat!«
»Nun, so erschreckt nicht, wenn ich um eins, um zwei oder
245
erst um drei nach Hause komme! Und wenn ich überhaupt
nicht mehr komme, braucht Ihr Euch auch keine Gedanken
zu machen!«
Diesmal wurde Bonacieux so bleich, daß es auch d’Artagnan
nicht entging, und er fragte ihn, was er denn habe.
»Ach, nichts«, antwortete der Krämer. »Seit all diesen Unglücksfällen leide ich nur unter einer gewissen Schwäche, die
mich immer ganz plötzlich überkommt, so auch eben. Aber
achtet nicht weiter drauf, denn Ihr habt jetzt doch nichts zu
tun, als glücklich zu sein!«
»Dann bin ich ja hinreichend beschäftigt, denn ich bin
glücklich.«
»Noch nicht, denke ich; Ihr sagtet, heute abend.«
»Nun schön, es wird ja auch mal Abend werden, Gott sei
Dank! Und vielleicht erwartet Ihr ihn ebenso ungeduldig wie
ich. Es kann ja sein, daß Eure Frau heute abend nach Hause
kommt.«
»Meine Frau ist heute abend nicht frei«, entgegnete Bonacieux ernst. »Ihr Dienst hält sie im Louvre zurück.«
»Schade, mein lieber Bonacieux, wirklich schade! Wenn ich
glücklich bin, möchte ich, daß es auch alle andern sind, aber
das ist offenbar nicht möglich.«
Damit empfahl sich der junge Mann und lachte noch lange
über seinen Witz, der, wie er glaubte, nur ihm allein verständlich sein konnte.
»Viel Vergnügen!« rief ihm Bonacieux mit Grabesstimme
nach.
Aber d’Artagnan war schon zu weit weg, um es noch zu
hören, und wenn er es auch gehört hätte, so wäre ihm bei seiner glänzenden Stimmung gewiß nichts aufgefallen.
Er eilte sogleich zu Herrn de Treville, den er bei bester Laune
antraf. Der König und die Königin hatten ihm auf dem Ball
ihre besondere Huld erwiesen. Der Kardinal allerdings war
äußerst mürrisch gewesen und hatte sich gegen ein Uhr unter
dem Vorwand einer Unpäßlichkeit zurückgezogen. Ihre Majestäten dagegen waren erst um sechs Uhr morgens in den
Louvre zurückgekehrt.
»Und jetzt«, sagte Treville und senkte die Stimme, während
er sich noch einmal mit einem prüfenden Blick vergewisserte,
246
ob sie auch wirklich allein waren, »jetzt wollen wir von Euch
sprechen, mein junger Freund, denn es ist offensichtlich, daß
Eure glückliche Rückkehr mit der Freude des Königs, mit dem
Triumph der Königin und der Demütigung des Kardinals etwas zu tun hat. Ihr müßt jetzt sehr auf der Hut sein!«
»Was habe ich denn zu fürchten, solange ich mich der
Gunst beider Majestäten erfreue?«
»Alles, glaubt mir das nur! Der Kardinal ist nicht der Mann,
der einen üblen Spaß vergißt, solange er nicht mit dem Spaßvogel abgerechnet hat, und hier in diesem Fall scheint mir der
Spaßvogel ein gewisser Gascogner meiner Bekanntschaft zu
sein.«
»Meint Ihr, daß der Kardinal auch schon soweit ist wie Ihr
und weiß, daß ich in London war?«
»So, in London seid Ihr gewesen! Teufel, habt Ihr den herrlichen Diamanten, der an Euerm Finger glänzt, etwa aus London mitgebracht? Nehmt Euch in acht, mein lieber d’Artagnan, das Geschenk eines Feindes bringt nie etwas Gutes ein!
Gibt es da nicht einen lateinischen Vers? Wartet …«
»Doch, ja«, erwiderte d’Artagnan, dem es nie gelungen war,
sich auch nur die Anfangsgründe des Lateinischen zu merken,
und der mit seiner Unwissenheit schon seinen Hauslehrer zur
Verzweiflung gebracht hatte, »da wird es wohl einen geben.«
»Ganz sicher gibt es einen«, sagte Treville, der eine Schwäche
für literarische Dinge hatte, »man hat ihn mir noch neulich zitiert. Wartet nur … Ah, jetzt hab ich ihn: Timeo Danaos et
dona ferentes! Das heißt soviel wie: Mißtraut einem Feind, der
Euch Geschenke macht.«
»Ich habe diesen Diamanten nicht von einem Feind, Herr
Hauptmann«, entgegnete d’Artagnan, »ich habe ihn von der
Königin.«
»Von der Königin, soso! Nun, es ist ja wohl auch ein wahrhaft königlicher Schmuck, gut und gern seine tausend Dukaten wert! Und durch wen hat Euch die Königin diesen
Ring zustellen lassen?«
»Sie hat ihn mir selbst gegeben.«
»Wo denn?«
»In dem Kabinett neben ihrem Umkleideraum.«
»Und wie hat sie ihn Euch gegeben?«
247
»Sie hat mir ihre Hand zum Kuß gereicht.«
»Ihr habt der Königin die Hand geküßt?«
»Ja, Ihre Majestät hat mir diese Gunst gewährt.«
»Und das in Gegenwart von Zeugen? Wie unvorsichtig,
wie überaus unvorsichtig!«
»Aber nein, Herr Hauptmann, niemand hat es gesehen«,
versetzte d’Artagnan und erzählte Herrn de Treville, wie sich
alles zugetragen hatte.
»O die Frauen, die Frauen!« rief der alte Soldat. »Sie haben
doch alle die gleiche Neigung zum Romantischen und brauchen den Schleier des Geheimnisvollen! Jedenfalls habt Ihr nur
ihren Arm gesehen und nicht mehr. Wenn Ihr der Königin begegnet, braucht Ihr sie nicht wiederzuerkennen, und sie selbst
wird bestimmt nicht wissen, wer Ihr seid.«
»Nein, wieso? Ich habe doch den Diamanten …«
»Hört«, unterbrach ihn Treville, »soll ich Euch einen Rat
geben, einen guten Rat, den Rat eines Freundes?«
»Ihr ehrt mich damit, Herr Hauptmann!«
»Nun gut, dann geht zum ersten besten Goldschmied und
verkauft ihm den Diamanten für jeden Preis, den er Euch bietet! Auch der ärgste Gauner wird Euch in jedem Fall achthundert Dukaten geben. Dukaten sind namenlos, junger
Mann, aber dieser Ring hat einen gefährlichen Namen, der
seinen Träger sehr wohl verraten kann.«
»Den Ring verkaufen? Einen Ring, den mir die Königin
geschenkt hat? Nie und nimmer!«
»Dann laßt den Stein verkehrt einsetzen, armer Tor, denn
es ist bekannt, daß ein Junker aus der Gascogne kein solches
Kleinod unter den Schmucksachen seiner Mutter findet!«
»Ihr meint also, daß ich etwas zu fürchten habe?«
»Ich meine, junger Freund, daß jemand, der auf einer Mine
einschläft, deren Lunte bereits brennt, sich sicher fühlen kann
im Vergleich zu Euch.«
»Ja, zum Henker, was soll ich denn tun?« rief d’Artagnan,
den Trevilles entschiedener Ton allmählich berunruhigte.
»Euch vorsehen, und zwar immer und überall! Der Kardinal
hat ein gutes Gedächtnis und einen langen Arm. Glaubt mir,
er wird Euch bestimmt noch einmal übel mitspielen!«
»Aber wie denn nur?«
248
»Was weiß ich? Stehen ihm nicht alle teuflischen Listen zu
Gebote? Das wenigste, was Euch geschehen kann, ist, daß
man Euch verhaftet.«
»Mich verhaften? Einen Mann, der im Dienste des Königs
steht?«
»Herr des Himmels! Hat man sich etwa bei Athos viel darum
geschert? Junger Freund, glaubt mir, einem Mann, der seit
dreißig Jahren am Hofe lebt; wiegt Euch auf keinen Fall in Sicherheit, oder Ihr seid verloren! Im Gegenteil, laßt Euch das
von mir sagen, seht überall Feinde! Wenn man mit Euch Streit
sucht, geht ihm aus dem Wege, und wäre es auch nur ein Knirps
von zehn Jahren, der mit Euch anbinden wollte; wenn man
Euch angreift, sei es bei Tag oder bei Nacht, zieht Euch kampflos zurück. Ihr braucht Euch dessen nicht zu schämen; wenn
Ihr über eine Brücke müßt, prüft erst die Planken, daß Ihr nicht
plötzlich ins Leere tretet; wenn Ihr an einer Baustelle vorüberkommt, schaut erst in die Höhe, damit Euch nicht unversehens ein Stein auf den Kopf fällt; und wenn Ihr abends spät
nach Hause kommt, laßt Euch von Euerm Diener begleiten
und sorgt dafür, daß er bewaffnet ist, sofern Ihr Euch überhaupt auf ihn verlassen könnt! Mißtraut allen, mißtraut Euerm
Freund, Euerm Bruder, Eurer Geliebten – Eurer Geliebten ganz
besonders!«
D’Artagnan wurde rot.
»Meiner Geliebten?« wiederholte er mechanisch. »Und
warum ihr mehr als allen andern?«
»Weil die Geliebten das bevorzugte Werkzeug des Kardinals sind und sein wirksamstes: eine Frau verkauft Euch um
zehn Dukaten, denkt an Dalila! Ihr kennt doch die Bibel?«
D’Artagnan dachte an das Rendezvous, das ihm Frau Bonacieux für den Abend versprochen hatte; aber zu seinem
Lobe müssen wir sagen, daß die schlechte Meinung, die Herr
de Treville ganz allgemein von den Frauen hatte, in unserem
jungen Helden nicht den leisesten Verdacht gegen seine hübsche Wirtin aufkommen ließ.
»Übrigens«, fuhr Herr de Treville fort, »was ist eigentlich
aus Euern drei Gefährten geworden?«
»Ich wollte Euch eben fragen, ob Ihr nicht etwas von ihnen
gehört habt.«
249
»Nein, nicht das mindeste.«
»Ich mußte sie nämlich unterwegs zurücklassen. Porthos in
Chantilly mit einem Duell am Hals, Aramis in Crèvecœur mit
einer Kugel in der Schulter und Athos in Amiens mit einer
Klage wegen Falschmünzerei am Bein.«
»Das ist ja heiter!« rief Treville aus. »Und wie seid Ihr
selbst davongekommen?«
»Wunderbarerweise nur mit einem Degenstich in der Brust,
für den ich den Grafen von Wardes an der Straße nach Calais
wie einen Schmetterling aufgespießt habe.«
»Das wird ja immer heiterer! Ausgerechnet den Grafen
von Wardes, einen erklärten Anhänger des Kardinals, einen
Vetter von Rochefort! Wißt Ihr was, junger Freund? Mir
kommt da ein Gedanke …«
»Ja bitte, Herr Hauptmann!«
»An Eurer Stelle würde ich etwas ganz Bestimmtes tun.«
»Und das wäre?«
»Während Seine Eminenz mich noch in Paris suchen läßt,
würde ich mich in aller Stille auf den Weg in die Pikardie machen und meine drei Freunde suchen. Zum Teufel, sie verdienen wohl diese kleine Aufmerksamkeit von Euch!«
»Der Rat ist gut, morgen reite ich los.«
»Morgen? Und warum nicht schon heute?«
»Heute abend habe ich in Paris noch eine unaufschiebbare
Angelegenheit zu erledigen.«
»Junger Mann, junger Mann! Eine Liebschaft natürlich, wie?
Nehmt Euch nur in acht, ich sage es Euch noch einmal: die
Frau ist unser aller Verderben, und sie wird es immer bleiben!
Darum hört auf mich, reitet noch heute los!«
»Unmöglich!«
»Ihr habt also Euer Wort gegeben?«
»Ja, Herr Hauptmann.«
»Das ist etwas anderes, aber versprecht mir, auf jeden Fall
morgen Paris zu verlassen, sofern Ihr Euch nicht schon in
dieser Nacht das Genick brecht!«
»Ich verspreche es Euch.«
»Braucht Ihr Geld?«
»Ich habe noch fünfzig Dukaten. Ich denke, das wird reichen.«
250
»Aber Eure Freunde?«
»Auch sie müssen eigentlich noch genug haben, denn wir
sind jeder mit fünfundsiebzig Dukaten in der Tasche aufgebrochen.«
»Sehe ich Euch noch vor Eurer Abreise?«
»Ich glaube nicht, Herr Hauptmann, wenn nicht gerade
etwas Besonderes passiert.«
»Dann gute Reise!«
»Besten Dank!«
Und d’Artagnan verließ Herrn de Treville, dessen Sorge
für seine Musketiere ihm noch nie so rührend väterlich erschienen war. Er suchte nacheinander die Wohnungen von
Athos, Porthos und Aramis auf, von denen jedoch noch keiner zurückgekehrt war; auch von den Dienern fehlte jede
Spur, wie denn überhaupt von keinem einzigen der sechs eine
Nachricht vorlag.
Als er an der Gardekaserne vorbeikam, warf er einen Blick
in den Stall; drei Pferde waren schon da, nur das vierte fehlte
noch. Planchet, der aus dem Staunen nicht herauskam, striegelte sie gerade und war schon mit zweien fertig.
»Ah, gnädiger Herr«, sagte er, als er d’Artagnan eintreten
sah, »wie freue ich mich, Euch zu sehen!«
»Ja, warum denn das, Planchet?«
»Habt Ihr Vertrauen zu Herrn Bonacieux, unserem Wirt?«
»Ich? Nicht das mindeste.«
»Oh, da seid Ihr gut beraten, gnädiger Herr!«
»Aber warum fragst du?«
»Weil ich ihn, während Ihr mit ihm spracht, genau beobachtet habe, ohne allerdings hinzuhören, versteht sich; und,
gnädiger Herr, in der kurzen Zeit hat er zwei- oder dreimal
die Farbe gewechselt.«
»Ach was!«
»Der gnädige Herr hat darauf nicht geachtet, weil er mit seinen Gedanken noch immer bei dem Brief von gestern abend
war; ich aber war ja schon durch die merkwürdige Art, wie dieser Brief ins Haus gelangt ist, auf allerlei gefaßt, und so habe
ich mir keine Bewegung seines Gesichts entgehen lassen.«
»Und wie fandest du es?«
»Verschlagen!«
251
»Wirklich?«
»Ja, und dann war der gnädige Herr kaum gegangen und
um die nächste Ecke verschwunden, da hat Herr Bonacieux
seinen Hut genommen, hat die Haustür verschlossen und
sich rasch in entgegengesetzter Richtung entfernt.«
»Du hast sicher recht, Planchet, die ganze Sache kommt
mir nun auch reichlich spanisch vor, aber verlaß dich drauf,
wir zahlen ihm nicht eher seine Miete, als bis er uns diesen
mysteriösen Vorgang genauestens erklärt hat!«
»Spottet nur, gnädiger Herr! Ihr werdet ja sehen …«
»Was willst du, Planchet? Was geschehen soll, geschieht so
oder so!«
»Der gnädige Herr verzichtet also nicht auf seine Abendpromenade?«
»Nein, Planchet, im Gegenteil! Je unangenehmer mir dieser Herr Bonacieux ist, desto entschlossener bin ich, das Rendezvous einzuhalten, zu dem mich der Brief einlädt, der dich
so sehr beunruhigt.«
»Nun, wenn der gnädige Herr entschlossen ist …«
»Felsenfest, mein Lieber! Halte dich also bereit, ich hole
dich hier um neun Uhr ab.«
Planchet sah ein, daß es keine Hoffnung mehr gab, seinen
Herrn von diesem Vorhaben abzubringen, und mit einem tiefen Seufzer schickte er sich an, auch noch das dritte Pferd zu
striegeln. D’Artagnan aber, der im Grunde meist sehr überlegt handelte, kehrte gar nicht mehr nach Hause zurück, sondern lud sich zum Essen bei jenem gascognischen Priester
ein, der die vier Freunde seinerzeit, als sie ganz auf dem
trockenen saßen, mit einem Schokoladenfrühstück bewirtet
hatte.
Der Pavillon
Um neun Uhr abends traf d’Artagnan in der Gardekaserne
ein, wo Planchet ihn bereits erwartete. Auch das vierte Pferd
hatte sich inzwischen eingefunden. Planchet war mit seiner
Muskete und einer Pistole bewaffnet. D’Artagnan hatte seinen Degen bei sich und steckte zwei Pistolen in den Gürtel.
252
Herr und Diener schwangen sich in den Sattel und ritten
lautlos davon. Es war schon dunkle Nacht, so daß niemand
sie bemerkte. Planchet folgte seinem Herrn in etwa zehn
Schritt Abstand.
Solange man sich noch in der Stadt befand, wahrte Planchet
respektvoll den Abstand, den er sich selbst vorgeschrieben
hatte; als aber die Wege immer einsamer und unheimlicher
wurden, rückte er allmählich mehr und mehr auf, so daß er, als
man den Bois de Boulogne erreichte, in aller Unschuld an der
Seite seines Herrn ritt. Wir wollen allerdings auch nicht verschweigen, daß das schwankende Geäst der großen Bäume und
der Widerschein des Mondes im düsteren Strauchwerk ihn lebhaft beunruhigten. D’Artagnan merkte, daß in seinem Diener
etwas Ungewöhnliches vorging.
»Nun, Meister Planchet«, fragte er, »was ist mit uns?«
»Findet Ihr nicht, gnädiger Herr, daß so ein Wald etwas
von einer Kirche an sich hat?«
»Wieso denn, Planchet?«
»Weil man in beiden nicht laut zu sprechen wagt.«
»Und warum getraust du dich nicht, Planchet? Hast du
etwa Angst?«
»Angst, daß man uns hört, ja.«
»Daß man uns hört? Aber unsere Unterhaltung ist doch
ganz einwandfrei, mein Bester, und kein Mensch kann daran
etwas auszusetzen haben!«
»Ach, gnädiger Herr«, versetzte Planchet und kehrte zu seiner eigentlichen Sorge zurück, »dieser Herr Bonacieux hat aber
wirklich einen tückischen Blick und einen unangenehmen Zug
um den Mund!«
»Warum, zum Henker, mußt du denn jetzt an Bonacieux
denken?«
»Ach, gnädiger Herr, die Gedanken kommen, wie sie wollen, und nicht, wie sie sollen.«
»Du bist eben ein Hasenfuß, Planchet!«
»Gnädiger Herr, wir wollen Vorsicht nicht mit Feigheit
verwechseln; Vorsicht ist eine Tugend.«
»Und du bist tugendhaft, nicht wahr, Planchet?«
»Sagt, funkelt da vorn nicht der Lauf einer Muskete? Ducken
wir uns lieber!«
253
»Weiß der Himmel«, murmelte d’Artagnan, der sich an den
Rat Trevilles erinnerte, »dieser Esel bringt es noch so weit,
daß ich selber Angst kriege!«
Und er setzte sein Pferd in Trab.
Planchet folgte der Bewegung seines Herrn so genau, als
wäre er sein Schatten, und so hielt er sich auch im Trab
wacker an seiner Seite.
»Werden wir so die ganze Nacht reiten, gnädiger Herr?«
»Nein, Planchet, du bist schon am Ziel.«
»Wieso ich? Und der gnädige Herr?«
»Ich habe noch ein Stückchen zu gehen.«
»Und mich laßt Ihr hier allein?«
»Also doch ein Hasenfuß?«
»Nein, aber ich erlaube mir zu bemerken, daß die Nacht
sehr frisch sein wird, daß die kalte Luft Rheumatismus verursacht und daß ein Diener, den das Rheuma plagt, einen gar
traurigen Diener abgibt, zumal bei einem Herrn, der so unternehmungslustig ist wie der gnädige Herr.«
»Nun schön, wenn dir kalt wird, dann wärm dich in einer
der Schenken da drüben auf und erwarte mich um sechs Uhr
vor der Tür!«
»Gnädiger Herr, ich habe den Taler, den ich heute früh von
Euch bekam, in aller Bescheidenheit verspeist und vertrunken; für den Fall, daß mir nun tatsächlich kalt werden sollte,
habe ich keinen roten Heller.«
»Hier hast du einen halben Dukaten. Und nun bis morgen!«
D’Artagnan, der unterdes vom Pferd gestiegen war, warf
Planchet die Zügel zu, hüllte sich fest in seinen Mantel und
entfernte sich mit raschen Schritten.
Gott, ist mir kalt! fand Planchet, kaum daß sein Herr außer
Sicht war, und in seinem Drang, sich schleunigst wieder aufzuwärmen, eilte er in die angegebene Richtung und klopfte
endlich an die Tür eines Hauses, das mit allen Zeichen einer
Vorstadtschenke ausgestattet war.
D’Artagnan, der einen kleinen Seitenweg eingeschlagen
hatte, erreichte bald Saint-Cloud. Statt aber der Landstraße zu
folgen, machte er einen großen Bogen um das Schloß, ging
dann durch ein einsames Gäßchen und stand kurz darauf vor
dem bezeichneten Pavillon. Die Gegend machte einen sehr
254
öden Eindruck. Eine hohe Mauer, an deren Ende sich der Pavillon erhob, beherrschte die eine Seite des Gäßchens, während
auf der anderen eine dichte Hecke einen kleinen Garten mit
einer armseligen Hütte im Hintergrund vor den Blicken der
Vorübergehenden schützte.
Er hatte den Ort seines Stelldicheins erreicht, und da ihm
kein Zeichen mitgeteilt worden war, durch das er sich hätte
bemerkbar machen können, blieb ihm nichts anderes übrig,
als zu warten. Kein Laut ließ sich vernehmen, und man
konnte meinen, hundert Meilen von der Hauptstadt entfernt
zu sein. D’Artagnan lehnte sich an die Hecke, nachdem er
einen Blick hinter sich geworfen hatte. Jenseits der Hecke,
des Gartens und der Hütte hüllte ein düsterer Nebel die
weite Landschaft, in deren Schoß die große Stadt schlief, wie
in einen Mantel ein, und nur wenige spärliche Lichter blinkten matt herüber, traurige Sterne in höllischer Finsternis.
Für d’Artagnan aber hatte heute alles ein glückliches Gesicht, alle Dinge lächelten ihm zu, alles Dunkle wurde ihm
transparent. Die Stunde des Rendezvous rückte immer näher.
Und wirklich ließ nach einigen Minuten die Turmuhr von
Saint-Cloud zehn dröhnende Schläge vernehmen. Es lag etwas
Unheilschwangeres in dieser metallenen Stimme, die klagend
in der Nacht verhallte. Und doch weckte jeder dieser Schläge,
die zusammen die ersehnte Stunde anzeigten, ein frohes Echo
im Herzen des jungen Mannes.
Seine Augen blieben auf den kleinen, am Ende der Mauer
gelegenen Pavillon gerichtet, dessen Fenster alle, bis auf eines
im ersten Stock, durch Läden verschlossen waren. Aus dem
einen Fenster fiel ein mildes Licht und versilberte das zitternde
Blattwerk einiger Linden, die sich vor dem Park erhoben. Gewiß wartete hinter diesem so freundlich schimmernden kleinen Fenster die hübsche Frau Bonacieux.
In diesen angenehmen Gedanken versponnen, wartete
d’Artagnan eine halbe Stunde ohne die leiseste Ungeduld und
starrte zu dem reizenden kleinen Salon hinüber, von dem er
zwar nur einen Teil der Zimmerdecke erkennen konnte, deren reiche Goldstukkatur jedoch auf die Eleganz der ganzen
Wohnung schließen ließ.
Die Turmuhr von Saint-Cloud schlug halb elf.
255
D’Artagnan erschauerte, ohne daß er sich sagen konnte,
warum. Vielleicht war es auch nur die Kälte, und er hielt eine
durchaus körperliche Empfindung für eine seelische Regung.
Dann kam ihm der Gedanke, er habe nicht richtig gelesen
und das Stelldichein sei erst für elf Uhr vorgesehen. Er ging
auf das Fenster zu, stellte sich in den Lichtschein, zog den
Brief aus der Tasche und las ihn noch einmal; aber er hatte
sich keineswegs verlesen: das Stelldichein sollte wirklich schon
um zehn sein. Er begab sich wieder an seinen alten Platz an
der Hecke, aber nun begannen die Stille und die Einsamkeit
ihn doch merklich zu beunruhigen.
Es schlug elf.
Jetzt fürchtete d’Artagnan ernstlich, daß Frau Bonacieux
etwas zugestoßen sein könnte. Er klatschte dreimal in die
Hände, das übliche Erkennungszeichen der Verliebten, aber
es kam keine Antwort, nicht einmal ein Echo.
Mit einem gewissen Verdruß faßte er nun auch die Möglichkeit ins Auge, daß die junge Frau überm Warten eingeschlafen war. Er trat an die Mauer und versuchte hinaufzusteigen; aber sie war frisch verputzt und daher so glatt, daß
er sich ganz unnütz die Fingernägel abbrach. Da fiel sein
Blick auf die Bäume, deren Laub noch immer von dem Lichtschein versilbert wurde, und er sagte sich, daß man von dem
Geäst der einen Linde, die sehr günstig stand, bestimmt in
den Pavillon hineinschauen konnte. Der Baum war leicht zu
ersteigen. Zudem war d’Artagnan noch keine zwanzig Jahre
alt und von der Schulzeit her ein geübter Kletterer. Im Nu
hatte er sich in die Krone hinaufgeschwungen, und durch die
hellen Fensterscheiben konnte er ohne weiteres ins Innere
des Pavillons sehen.
Ein unerwarteter Anblick ließ ihn erschaudern. Das sanfte
Licht der stillen Lampe beleuchtete das Bild einer schaurigen
Verwüstung: eine der Fensterscheiben war zerbrochen, die
Zimmertür hing halb zertrümmert in den Angeln; der Tisch,
auf dem ein erlesenes Souper gestanden haben mußte, lag
umgestürzt an der Erde, Glasscherben und zertretene
Früchte bedeckten den Boden; alles zeugte dafür, daß in diesem Zimmer ein heftiger und verzweifelter Kampf stattgefunden hatte. D’Artagnan glaubte sogar, in dem gräßlichen
256
Durcheinander Fetzen von Kleidern und am Tischtuch und
an den Vorhängen Blutspuren zu erkennen.
Mit furchtbarem Herzklopfen kletterte er hastig wieder hinunter; er wollte sehen, ob er nicht noch weitere Spuren einer
Gewalttat fand. Nach wie vor fiel aus dem Fenster das weiche
Licht in die stille Nacht. Da bemerkte d’Artagnan etwas, was
ihm vorher entgangen war, da er gar nicht darauf geachtet
hatte: der Boden war nämlich überall aufgewühlt und zeigte
deutlich die Abdrücke von Stiefeln und Pferdehufen. Außerdem hatten die Räder eines Wagens, der anscheinend aus der
Stadt gekommen war, tiefe Furchen in dem weichen Grund
hinterlassen, die bis in die Höhe des Pavillons reichten und
dann wieder nach Paris zurückführten.
Schließlich fand d’Artagnan an der Mauer einen zerrissenen
Handschuh, der, von einigen Schmutzspuren abgesehen, untadelig sauber war. Es war einer jener duftigen Handschuhe,
die Verliebte so gern einer schönen Hand entwinden.
Je länger d’Artagnan suchte, desto mehr bedeckte sich
seine Stirn mit kaltem Schweiß. Sein Herz schnürte sich in
schrecklicher Angst zusammen, und sein Atem ging keuchend. Dann wieder suchte er sich durch den Gedanken zu
beruhigen, daß die Verwüstung in dem Zimmer vielleicht gar
nichts mit Frau Bonacieux zu tun habe, daß sie ihn ja vor und
nicht in den Pavillon bestellt habe und daß sie eben durch
ihren Dienst im Louvre oder durch die Eifersucht ihres Mannes am Kommen verhindert sei. Aber all diese Überlegungen zerschellten, zerbrachen an dem tiefen Schmerzgefühl,
das sich unter gewissen Umständen unseres ganzen Wesens
bemächtigt und uns mit allen Sinnen empfinden läßt, daß irgendein Unheil uns droht.
D’Artagnan glaubte den Verstand zu verlieren. Er eilte zur
Hauptstraße zurück, schlug denselben Weg ein, den er gekommen war, und lief bis zur Fähre, wo er den Fährmann befragte. Der hatte gegen sieben Uhr abends eine Frau, die in
einen schwarzen Mantel gehüllt war und augenscheinlich
großen Wert darauf legte, unerkannt zu bleiben, über den
Fluß gesetzt. Aber gerade diese auffällige Zurückhaltung
hatte den Fährmann neugierig gemacht, und so hatte er bemerkt, daß es eine junge und hübsche Frau war.
257
Nun gab es damals wie heute eine Menge junger und hübscher Frauen, die nach Saint-Cloud gingen und dabei nicht
gerne erkannt werden wollten, doch zweifelte d’Artagnan
keinen Augenblick, daß es sich bei der, die ihm der Fährmann
beschrieben hatte, um Frau Bonacieux handelte. Beim Schein
der Lampe, die in der Hütte des Fährmanns brannte, las er
noch einmal ihre kurze Nachricht und überzeugte sich, daß
er sich weder im Ort noch im Zeitpunkt des Stelldicheins
vertan harte. Alles wirkte zusammen, um ihm zu beweisen,
daß seine Ahnungen ihn nicht getrogen hatten und daß wirklich etwas Furchtbares geschehen war.
Abermals hetzte er auf dem Weg nach dem Schloß zurück.
Ihm war, als müsse sich während seiner Abwesenheit etwas
Neues ereignet haben und als werde er jetzt endlich Aufklärung erhalten. Aber das Gäßchen lag noch genauso verlassen da, und das weiche Licht schimmerte aus dem Fenster.
Da entsann sich d’Artagnan der stummen, blinden Hütte,
die aber sicherlich etwas gesehen hatte und die vielleicht auch
sprechen konnte.
Die Gartenpforte war verschlossen, so sprang er kurzerhand über die Hecke und ging, ohne auf das wütende Gebell
eines Kettenhundes zu achten, auf die Hütte zu. Auf sein erstes Klopfen rührte sich nichts. Wie im Pavillon herrschte
auch in der Hütte Totenstille. Da er aber in dieser Hütte seine
letzte Hoffnung sah, klopfte er hartnäckig weiter.
Nach einer Weile glaubte er im Innern ein schwaches Geräusch zu vernehmen, ein furchtsames Geräusch, das davor
zu zittern schien, gehört zu werden. D’Artagnan hörte sofort
auf zu klopfen und bat mit so beschwörender, angstvoller und
einschmeichelnder Stimme um Einlaß, daß auch der Ängstlichste Zutrauen fassen mußte. Endlich öffnete sich ein alter,
wurmstichiger Fensterladen einen Spalt breit, wurde jedoch
sofort wieder verschlossen, als der Schein einer trüben Lampe,
die in einer Ecke brannte, auf das Wehrgehänge, den Degengriff und die Pistolen des nächtlichen Besuchers fiel. Aber so
rasch die Bewegung auch gewesen war, d’Artagnan hatte im
Fenster einen alten Mann erkannt.
»Um Gottes willen«, rief er, »hört mich doch an! Ich warte
hier auf jemand, und dieser Jemand kommt nicht; ich ver258
gehe vor Sorge! Sagt, ist hier in der Nähe etwa ein Unglück
geschehen?«
Langsam öffnete sich das Fenster zum zweitenmal, und
wieder erschien das Gesicht des Greises, nur wirkte es jetzt
noch bleicher als vorher.
D’Artagnan erzählte in aller Offenheit seine Geschichte;
es fehlte nicht viel, und er hätte sogar die Namen genannt. Er
berichtete, wie er auf die junge Frau, mit der er vor dem Pavillon verabredet gewesen sei, eine Zeitlang vergebens gewartet habe und dann auf den Baum gestiegen sei, von dem
aus er die Verwüstung in dem Zimmer entdeckt habe.
Der Greis hörte aufmerksam zu und nickte nur manchmal
wie bestätigend. Als d’Artagnan mit seiner Erzählung zu
Ende war, schüttelte der Alte den Kopf mit einer Miene, die
nichts Gutes verhieß.
»Was wißt Ihr?« rief d’Artagnan. »Ich flehe Euch an, sagt
mir, was Ihr wißt!«
»Ach, Herr«, sagte der Greis, »fragt mich bitte nicht! Wenn
ich Euch sage, was ich gesehen habe, so werde ich bestimmt
dafür büßen müssen.«
»Ihr habt also etwas gesehen? Um Himmels willen, dann
sagt mir doch nur, was! Ich gebe Euch mein Wort als Edelmann,
daß keines Eurer Worte je über meine Lippen kommen soll!«
Und zur Bekräftigung warf er dem Alten einen Dukaten
zu. Der las in d’Artagnans Gesicht so viel Freimut und
Schmerz, daß er ihn noch näher zu sich heranwinkte und
endlich mit leiser Stimme begann:
»Es war so gegen neun Uhr, da hörte ich plötzlich allerlei
Geräusche auf der Straße. Ich ging hinaus, um nachzusehen,
was es gäbe, und als ich an die Gartentür kam, merkte ich,
daß jemand zu mir herein wollte. Ein armer Mann wie ich
braucht keine Angst vor Dieben zu haben, darum machte ich
auf und sah mich drei unbekannten Männern gegenüber. Im
Hintergrund gewahrte ich noch eine Karosse mit angespannten Pferden und ein paar Reittiere. Sie gehörten offenbar den
drei Männern, denn sie hatten Reitzeug an.
›Ja, was wünschen die Herren?‹ fragte ich.
›Du hast doch eine Leiter‹, erwiderte der eine, der mir der
Führer der Eskorte zu sein schien.
259
›Ja, gnädiger Herr‹, sagte ich, ›ich habe eine Leiter zum
Obstpflücken.‹
›Gib sie uns und geh wieder in deine Hütte!‹ war seine
Antwort. ›Hier hast du einen Taler für die Störung. Aber
merke dir, wenn du auch nur ein Wort von dem verlauten
läßt, was hier geschieht, bist du verloren!‹
Bei diesen Worten warf er mir einen Taler zu, den ich aufhob, und er ging mit der Leiter weg. Ich machte die Gartentür
wieder zu und tat so, als ob ich ins Haus zurückkehrte, schlich
mich aber zur Hintertür wieder hinaus und kroch hinter einen
Holunderstrauch, wo ich alles beobachten konnte, ohne selbst
gesehen zu werden. Die drei Männer hatten den Wagen lautlos
vorfahren lassen, und nun stieg ein kleiner, dicker und untersetzter Mann mit grauem Haar heraus, der recht ärmlich gekleidet war. Er kletterte vorsichtig die Leiter hinauf, spähte ins
Zimmer, kam ebenso leise wieder herunter und sagte leise:
›Sie ist es!‹
Sofort ging der Mann, der mit mir gesprochen hatte, auf
die Tür des Pavillons zu, öffnete sie mit einem Schlüssel, den
er aus der Tasche zog, und verschwand im Hause; die beiden
anderen stiegen die Leiter hinauf. Der kleine Dicke blieb neben dem Wagen stehen, ein Kutscher achtete auf das Gespann, ein Diener auf die Reitpferde. Plötzlich hörte ich
Schreie aus dem Pavillon, und ich sah, wie eine Frau ans Fenster eilte und es aufriß, als wollte sie sich hinausstürzen. Als
sie aber die beiden Männer erblickte, taumelte sie zurück,
und die Männer setzten ihr nach. Dann konnte ich nichts
mehr sehen, aber ich hörte ein Gepolter wie von umstürzenden Möbeln. Und die Frau rief schreiend um Hilfe. Aber
nicht lange, und sie verstummte. Dann tauchten die drei
Männer wieder am Fenster auf, und zwei von ihnen trugen
die Frau über die Leiter nach unten, wo sie sie in den Wagen
hoben. Nur der kleine Dicke stieg zu ihr. Der dritte, der oben
geblieben war, schloß das Fenster und trat kurz darauf aus
der Haustür. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die
Frau auch wirklich in der Kutsche war, schwang er sich als
letzter aufs Pferd, und von den drei Reitern eskortiert,
preschte der Wagen im Galopp davon. Das ist alles, mehr
habe ich nicht gesehen.«
260
D’Artagnan war von der schrecklichen Nachricht so niedergeschmettert, daß er eine ganze Weile nichts sagen konnte; dafür tobten in seinem Herzen alle Dämonen des Zorns und der
Eifersucht.
»Verzweifelt nicht, gnädiger Herr!« versuchte ihn der Greis
zu trösten, den diese stumme Verzweiflung weit mehr beeindruckte, als wenn er in Tränen und laute Klagen ausgebrochen
wäre. »Man hat sie Euch ja nicht getötet, und das ist das wichtigste.«
»Habt Ihr eine Ahnung, wer der Führer dieses teuflischen
Unternehmens war?«
»Ich kenne den Mann nicht.«
»Aber wenn er mit Euch gesprochen hat, habt Ihr ihn doch
sehen können.«
»Ach so. Ihr wollt wissen, wie er aussieht?«
»Ja.«
»Er war groß und hager, mit dunklem Gesicht, schwarzem
Schnurrbart, düsterem Blick, und er gab sich wie ein Edelmann.«
»Er ist es!« rief d’Artagnan. »Er und immer wieder er! Er
scheint mein böser Dämon zu sein! Und der andere?«
»Welcher?«
»Der kleine Dicke.«
»Ach der, das war kein Edelmann, da bin ich sicher. Übrigens
hatte er auch keinen Degen, und die anderen behandelten ihn
ohne jede Achtung.«
Irgendein Lakai, sagte sich d’Artagnan. Was mögen sie nur
mit der Ärmsten gemacht haben?
»Aber, nicht wahr, Ihr habt mir versprochen, darüber zu
schweigen?« erinnerte ihn der Greis.
»Gewiß, und ich erneuere Euch mein Versprechen! Ihr
habt mein Wort als Edelmann, und ein Edelmann steht zu
seinem Wort.«
In tiefer Niedergeschlagenheit machte sich d’Artagnan
abermals auf den Weg zur Fähre. Bald versuchte er sich einzureden, es sei gar nicht Frau Bonacieux gewesen und er werde
sie schon am nächsten Tag im Louvre wiederfinden; bald wieder fürchtete er, ein anderer Liebhaber habe ihr eifersüchtig
aufgelauert und sie entführt. So wurde er immer bedrückter
261
und verzweifelter. Ja, wenn ich meine Freunde hier hätte,
dachte er, dann bliebe mir wenigstens einige Hoffnung, die
Ärmste wiederzufinden! Aber wer weiß, was aus ihnen selbst
inzwischen geworden ist?
Es war kurz vor Mitternacht, und d’Artagnan begab sich auf
die Suche nach seinem Diener. Er klopfte bei allen Schenken an,
in denen er noch Licht bemerkte, aber nirgends fand er Planchet. In der sechsten sagte er sich, daß seine Suche eigentlich
wenig Sinn habe, denn er hatte seinen Diener bis um sechs Uhr
morgens beurlaubt; Planchet war also durchaus im Recht, wenn
er sich jetzt wer weiß wo herumtrieb. Schließlich bedachte der
junge Mann, daß er vielleicht doch noch das eine oder andere
über den geheimnisvollen Vorgang erfahren würde, wenn er in
der Nähe bliebe.
So setzte er sich denn in der sechsten Schenke an einen Tisch
in der dunkelsten Ecke, bestellte eine Flasche vom besten Wein
und war entschlossen, hier den Tag zu erwarten. Aber auch
diesmal wurde er in seiner Hoffnung getäuscht, denn obwohl
er angestrengt lauschte, bekam er von der Unterhaltung der
Arbeiter, Lakaien und Fuhrleute, in deren ehrenwerter Gesellschaft er sich befand, nur die Flüche und die übermütigen
oder bissigen Ausrufe mit, aber nichts, was ihn auf die Spur
der armen entführten Frau bringen konnte. So blieb ihm, nachdem er aus Langerweile und um nicht unangenehm aufzufallen die Flasche geleert hatte, nichts anderes übrig, als sich in
seiner Ecke eine möglichst bequeme Lage auszusuchen und so
gut es ging zu schlafen. D’Artagnan zählte, wie sich der Leser
erinnern wird, kaum zwanzig Jahre, und in diesem Alter macht
der Schlaf seine Rechte gebieterisch geltend, mag auch das
Herz noch so verzweifelt sein.
Gegen sechs Uhr morgens erwachte d’Artagnan mit jenem
unbehaglichen Gefühl, das fast immer auf eine schlecht verbrachte Nacht folgt. Seine Toilette war schnell besorgt; er tastete sich ab, ob man ihn nicht etwa im Schlaf bestohlen habe,
und als er seinen Diamanten am Finger, seine Börse in der Tasche und seine Pistolen im Gürtel fand, stand er auf, bezahlte
seine Flasche Wein und ging hinaus, wo er sich mit mehr Glück
als in der Nacht nach seinem Diener umsehen wollte. Und
wirklich war das erste, was er im grauen und feuchten Nebel
262
gewahrte, unser wackerer Planchet, der mit den beiden Pferden vor der Tür einer kleinen Winkelschenke wartete, an der
d’Artagnan in der Nacht vorübergegangen war, ohne sie überhaupt zu bemerken.
Porthos
Statt sofort nach Hause zurückzukehren, suchte d’Artagnan
erst noch Herrn de Treville auf. Diesmal war er entschlossen,
ihm alles zu erzählen, was vorgefallen war. Sicherlich wußte
Treville auch in diesem Fall Rat, und da er die Königin fast
täglich sah, konnte er von ihr vielleicht sogar etwas Näheres
über Frau Bonacieux erfahren, die man allem Anschein nach
für ihre Ergebenheit büßen ließ.
Treville hörte dem jungen Mann mit einem Ernst zu, der
zeigte, daß er in diesem Abenteuer etwas ganz anderes als
eine Liebesaffäre sah. Als d’Artagnan geendet hatte, sagte er:
»Hm, das alles riecht verteufelt nach Seiner Eminenz!«
»Aber was soll ich tun?«
»Nichts, gar nichts im Augenblick. Statt dessen verlaßt auf
dem schnellsten Wege Paris, wie ich es Euch schon gestern geraten habe! Wenn ich die Königin sehe, werde ich ihr erzählen,
unter welchen Umständen die arme Frau verschwunden ist,
und diese Umstände, von denen sie bestimmt keine Ahnung
hat, werden sie sicher auf die rechte Spur bringen, so daß ich
bei Eurer Rückkehr vielleicht schon eine gute Nachricht für
Euch habe. Verlaßt Euch da ganz auf mich!«
D’Artagnan wußte, daß Herr de Treville, obgleich er Gascogner war, nicht oft etwas versprach, daß er aber, wenn er es
doch einmal tat, unbeirrt zu seinem Wort stand. Er verneigte
sich also dankbar, und der Hauptmann, der für diesen wackeren und beherzten jungen Mann eine lebhafte Anteilnahme
verspürte, drückte ihm fest die Hand und wünschte ihm gute
Reise.
Entschlossen, Trevilles Rat sofort in die Tat umzusetzen,
machte sich d’Artagnan auf den Weg in die Rue des Fossoyeurs, um dort das Packen seines Mantelsacks zu überwachen.
Als er sich seinem Hause näherte, sah er Herrn Bonacieux
263
im Morgenrock vor der Tür stehen. Alles, was ihm der kluge
Planchet tags zuvor über den verdächtigen Charakter des
Hauswirts gesagt hatte, fiel ihm wieder ein, und zum erstenmal sah er sich den Alten genauer an. Tatsächlich bemerkte
er außer einer krankhaften gelblichen Blässe, wie sie durch
das Eindringen von Galle ins Blut entsteht und die hier
durchaus zufällig sein konnte, einen hinterhältig verschlagenen Zug in den Linien seines Gesichts. Ein Schurke lacht
nicht wie ein ehrlicher Kerl, und ein Heuchler weint anders
als ein Biedermann. Jede Falschheit ist eine Maske, und sie
mag noch so gut gemacht sein, wenn man näher hinschaut,
erkennt man darunter zuletzt immer das wahre Gesicht. In
d’Artagnans Augen aber trug Herr Bonacieux eine Maske,
und zwar eine höchst abstoßende.
Von Abscheu gegen diesen Menschen erfüllt, wollte er
wortlos an ihm vorbei, als ihn Bonacieux wie am Vortage anredete.
»Na, junger Mann, wir feiern ja, scheint’s, recht ergiebig!
Sieben Uhr morgens, alle Wetter! Das nenn ich eine verkehrte Welt, daß Ihr die Nacht zum Tage macht und heimkommt, wenn andere Leute ausgehen!«
»Euch wird man diesen Vorwurf gewiß nicht machen, Meister Bonacieux, denn Ihr seid das Muster eines ordentlichen
Bürgers. Allerdings, wenn man eine junge hübsche Frau hat,
braucht man auch nicht hinter dem Glück herzulaufen, dann
kommt das Glück zu einem ins Haus, nicht wahr, Herr Bonacieux?«
Bonacieux wurde bleich wie der Tod und lächelte verzerrt.
»Oho!« rief er aus. »Ihr seid ja ein rechter Schelm! Aber wo
habt Ihr Euch heute nacht nur herumgetrieben, junger
Mann? Es waren offenbar nicht gerade die besten Wege.«
D’Artagnan sah an sich herab auf seine schmutzigen Stiefel,
aber dabei fiel sein Blick auch auf die Schuhe und Strümpfe
des Krämers, die sich in einem so überraschend ähnlichen Zustand befanden, daß man meinen konnte, sie seien durch denselben Dreck gewatet.
Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke. Jener kleine, untersetzte, grauhaarige Dicke, von dem der Greis gesprochen
hatte, jener dürftig gekleidete und von den Reitern so ge264
ringschätzig behandelte Kerl, den er für eine Art Lakai gehalten hatte, war niemand anders als Bonacieux selbst. Der
Ehemann hatte bei der Entführung seiner Frau den Judas gemacht.
D’Artagnan fühlte eine schreckliche Lust, dem Krämer an
die Gurgel zu springen und ihn zu erwürgen; aber er war, wir
sagten es schon, ein kluger Kopf und beherrschte sich. Immerhin war der innere Aufruhr so deutlich von seinem Gesicht abzulesen, daß Bonacieux erschrocken einen Schritt
zurückweichen wollte; da er aber unmittelbar vor der verschlossenen Tür stand, konnte er sich nicht von der Stelle
rühren.
»Ihr macht ja nette Witze, mein Lieber«, erwiderte d’Artagnan, »denn mir will scheinen, daß Eure Schuhe und Strümpfe
nicht weniger nach der Bürste verlangen als meine Stiefel nach
dem Schwamm. Solltet Ihr am Ende ebenfalls auf Abenteuer
ausgegangen sein, Meister Bonacieux? Teufel, für einen Mann
in Eurem Alter, der obendrein eine so junge und hübsche Frau
hat, wäre das wirklich unverzeihlich!«
»Ach Gott, nein«, sagte der Krämer, »ich war gestern nur
in Saint-Mandé, um mich nach einer Magd umzusehen, ohne
die es im Haus auf die Dauer einfach nicht geht. Die Wege
waren so aufgeweicht, daß ich mich ganz schön besudelt
habe, und ich bin leider noch nicht dazu gekommen, mich
zu säubern.«
Daß Bonacieux ausgerechnet in Saint-Mandé gewesen sein
wollte, bestärkte den Gascogner in seinen Vermutungen, denn
der Ort lag genau am entgegengesetzten Ende von Paris wie
Saint-Cloud. Dieser Verdacht tröstete ihn ein wenig; wenn
nämlich der Krämer wußte, wo sich seine Frau befand, konnte
man ihn immer noch dazu bringen, sei es auch unter Anwendung von Gewalt, daß er den Mund auftat und sein Geheimnis preisgab. Zunächst aber ging es darum, den Verdacht in
Gewißheit zu verwandeln.
»Verzeiht, lieber Herr Bonacieux, wenn ich Euch vielleicht
etwas formlos erscheine, aber nach so einer schlaflosen
Nacht hat man einen höllischen Durst, und Ihr habt doch
nichts dagegen, daß ich mir bei Euch ein Glas Wasser einschenke?«
265
Und ohne die Antwort seines Hauswirts abzuwarten, öffnete d’Artagnan rasch die Tür und trat in die Wohnung, wo er
im Vorübergehen einen Blick auf das Bett warf. Es war unberührt. Bonacieux hatte die Nacht nicht zu Hause geschlafen.
Er war also erst vor ein, zwei Stunden zurückgekehrt, nachdem
er seine Frau bis an den Ort, wo man sie festhielt, oder doch
zumindest bis zum ersten Pferdewechsel begleitet hatte.
»Danke, Meister Bonacieux«, sagte d’Artagnan, nachdem er
das Glas geleert hatte, »das war alles, was ich von Euch wollte!
Ich gehe jetzt hinauf und lasse mir von Planchet meine Stiefel
putzen; wenn es Euch recht ist, schicke ich ihn dann herunter,
daß er sich auch Eurer Schuhe ein wenig annimmt.«
Damit ließ er den verdutzten Krämer stehen, der sich fragte,
ob er sich wohl durch ein unbesonnenes Wort verraten habe.
Oben auf der Treppe erwartete ihn sein Diener in heller
Aufregung.
»Ach, gnädiger Herr«, rief er, »da seid Ihr ja endlich! Ich
dachte schon, Ihr kommt gar nicht mehr nach Hause!«
»Was gibt’s denn?«
»Oh, ich wette hundert, ja tausend gegen eins, daß Ihr nicht
erratet, wer in Eurer Abwesenheit hier war!«
»Wann? Heut nacht?«
»Aber nein, jetzt eben, vor einer knappen halben Stunde,
als Ihr bei Herrn de Treville wart.«
»Und wer? Nun sag’s schon!«
»Herr de Cavois.«
»Herr de Cavois?«
»Höchstpersönlich.«
»Der Hauptmann der Leibwache Seiner Eminenz?«
»Derselbe.«
»Wollte er mich verhaften?«
»Vermutlich, gnädiger Herr, wenn er auch sehr freundlich
tat.«
»Freundlich, sagst du?«
»Honigsüß, gnädiger Herr!«
»Wahrhaftig?«
»Ja, und er hat gesagt, daß er vom Kardinal kommt, der Euch
sehr wohlgesinnt ist, und Ihr möchtet ihm ins Palais-Royal
folgen.«
266
»Und was hast du ihm geantwortet?«
»Daß das nicht gut anginge, denn Ihr wärt gar nicht zu
Hause, wie er ja sehen könne.«
»Was hat er darauf gesagt?«
»Daß Ihr heute unbedingt bei ihm vorbeikommen sollt.
Und dann hat er leise hinzugefügt: ›Sag deinem Herrn, daß
Seine Eminenz sehr für ihn eingenommen ist und daß vielleicht sein Glück von dieser Unterredung abhängt!‹«
»Eine so plumpe Falle hätte ich dem Kardinal gar nicht zugetraut!« sagte d’Artagnan lächelnd.
»Ich hab auch gleich den Braten gerochen und gesagt, Ihr
würdet es bei Eurer Rückkehr bestimmt bedauern, daß er
Euch nicht angetroffen hat. ›Wo ist er denn hin?‹ wollte Herr
de Cavois wissen. ›Nach Troyes in der Champagne‹, habe ich
geantwortet. ›Und wann ist er abgereist?‹ – ›Gestern abend.‹«
»Planchet, mein Freund«, unterbrach ihn d’Artagnan, »du
bist wirklich nicht mit Gold aufzuwiegen!«
»Ihr versteht, gnädiger Herr, ich habe mir gedacht, wenn
Ihr trotzdem Herrn de Cavois zu sprechen wünscht, so könnt
Ihr mich ja jederzeit Lügen strafen und erklären, Ihr wärt gar
nicht fortgewesen; dann habe ich eben gelogen, und da ich kein
Edelmann bin, ist das ja nicht weiter schlimm.«
»Keine Sorge, Planchet, du sollst deinen Ruf als wahrheitsliebender Mann behalten: in einer Viertelstunde verlassen wir
Paris!«
»Dasselbe wollte ich dem gnädigen Herrn gerade empfehlen. Und wohin soll es gehen, wenn diese Frage nicht zu neugierig ist?«
»Bei Gott, auf keinen Fall in die Richtung, die du unserm
Herrn de Cavois angegeben hast! Bist du eigentlich nicht
neugierig auf Nachrichten von Grimaud, Mousqueton und
Bazin? Ich jedenfalls möchte gern wissen, was aus Athos,
Porthos und Aramis geworden ist!«
»Aber ja, gnädiger Herr, und von mir aus kann es sofort losgehen! Die Provinzluft scheint mir im Augenblick bekömmlicher für uns als die Pariser Luft. Und darum …«
»Und darum pack rasch unsere Sachen zusammen, damit
wir fortkommen! Ich geh voraus und steck die Hände in die
Taschen wie zu einem Bummel, dann denkt sich keiner etwas
267
dabei. Du findest mich in der Gardekaserne. Was übrigens
unseren Wirt angeht, so gebe ich dir recht, Planchet, er ist
ein widerliches Scheusal!«
»O ja, gnädiger Herr, Ihr dürft mir schon glauben, wenn ich
so etwas sage, denn ich verstehe mich auf Physiognomien!«
Wie vereinbart, verließ d’Artagnan als erster das Haus, und
da er sich nichts vorwerfen wollte, suchte er noch ein letztes
Mal die Wohnungen seiner drei Freunde auf. Von keinem lag
eine Nachricht vor, wohl aber war ein duftender Brief mit
zierlicher Anschrift für Aramis eingetroffen. D’Artagnan
nahm ihn an sich, und als zehn Minuten später Planchet im
Stall der Gardekaserne erschien, hatte sein Herr bereits, um
keine Zeit zu verlieren, selber sein Pferd gesattelt.
»So ist es gut«, sagte d’Artagnan, nachdem Planchet den
Mantelsack festgeschnallt hatte. »Nun sattle noch die drei
anderen, und dann kann’s losgehen!«
»Meint Ihr, wir kommen schneller voran, wenn jeder zwei
Pferde hat?« fragte Planchet.
»Nein, Herr Schlaukopf, aber mit den Pferden können wir
unsere Freunde zurückbringen, sofern wir sie überhaupt
noch lebend antreffen!«
»Und das wäre ein unerhörter Glücksfall!« erwiderte der
Diener. »Aber man soll ja an Gottes Barmherzigkeit nicht
verzweifeln.«
»Amen!« sagte d’Artagnan und schwang sich in den Sattel.
Beide verließen die Gardekaserne, worauf jeder in einer anderen Richtung davonritt, da man Paris getrennt verlassen
wollte – der eine durch das Tor von La Vilette, der andere
durch das von Montmartre –, um erst hinter Saint-Denis wieder zusammenzutreffen; da dieses taktische Manöver von
beiden Seiten mit gleicher Akkuratesse ausgeführt wurde,
konnte der Erfolg nicht ausbleiben, und gemeinsam hielt
man in Pierrefitte Einzug.
Übrigens wollen wir nicht verschweigen, daß Planchet bei
Tage sehr viel mutiger war als bei Nacht. Trotzdem verließ
ihn keinen Augenblick seine natürliche Vorsicht. Er hatte die
Mißlichkeiten der ersten Reise durchaus nicht vergessen und
vermutete daher in jedem, der ihnen unterwegs begegnete,
einen Feind. So kam es, daß er in einem fort den Hut zog, was
268
ihm einen strengen Verweis seines Herrn eintrug, der fürchtete, wegen Planchets übertriebener Höflichkeit an Ansehen
zu verlieren.
Sei es nun, daß Planchets Freundlichkeit nicht ohne Wirkung auf die Vorüberkommenden blieb, sei es, daß diesmal
tatsächlich niemand auf der Lauer lag, kurz und gut, unsere
beiden Reiter erreichten ohne jeden Zwischenfall Chantilly
und stiegen vor dem Gasthof »Zum heiligen Martin« ab, wo
sie schon auf ihrer ersten Reise haltgemacht hatten.
Der Wirt trat ehrerbietig unter die Tür, als er einen jungen
Edelmann mit seinem Lakaien und zwei Handpferden ankommen sah. Da d’Artagnan bereits elf Meilen zurückgelegt
hatte, beschloß er, auf jeden Fall hier einzukehren, mochte
nun Porthos dasein oder nicht. Auch schien es ihm nicht geraten, sofort mit der Tür ins Haus zu fallen und sich nach
dem Musketier zu erkundigen. Nach diesen Überlegungen
stieg er also ab, überließ die Pferde der Obhut seines Dieners
und trat in ein kleines Zimmer, das offenbar für Gäste bestimmt war, die allein zu bleiben wünschten; hier bestellte er
bei dem Wirt eine Flasche von seinem besten Wein und ein
ebenso gutes Essen, was den Wirt in der guten Meinung, die
er auf den ersten Blick von seinem Gast gefaßt hatte, nur
noch bestärkte.
D’Artagnan wurde mit geradezu märchenhafter Zuvorkommenheit bedient. Das Garderegiment rekrutierte sich
aus den ersten Edelleuten des Königreiches, und d’Artagnan,
der mit einem Diener und vier herrlichen Pferden reiste,
mußte trotz der Einfachheit seiner Uniform einiges Aufsehen erregen. Darum ließ es sich der Wirt auch nicht nehmen,
selber mit aufzutragen; als d’Artagnan das sah, ließ er zwei
Gläser bringen und knüpfte, während er die Gläser füllte, folgendes Gespräch an:
»Lieber Herr Wirt, ich habe vom Besten bestellt, und wenn
Ihr mich angeführt habt, müßt Ihr nun selber für Eure Sünde
büßen, denn da ich es hasse, eine Flasche allein zu leeren,
werdet Ihr mir dabei Gesellschaft leisten. Nehmt also dieses
Glas und laßt uns trinken! Worauf wollen wir anstoßen, ohne
irgend jemand zu nahe zu treten? Trinken wir auf das Gedeihen Eurer Wirtschaft!«
269
»Euer Gnaden sind sehr gütig«, antwortete der Wirt, »und
ich sage für diesen Wunsch meinen aufrichtigen Dank!«
»Täuscht Euch nicht, vielleicht ist mein Wunsch selbstsüchtiger, als Ihr denkt! Nur in gutgehenden Gasthöfen ist
man auch gut aufgehoben; in den anderen geht es drunter
und drüber, und der eigentliche Leidtragende ist der Gast.
Ich bin viel unterwegs, besonders auf dieser Straße, und ich
möchte, daß alle Gasthöfe florieren.«
»Ja, mir kommt es auch so vor, als hätte ich heute nicht
zum erstenmal die Ehre, Euch zu sehen.«
»Das will ich glauben, denn ich bin schon häufig durch
Chantilly gekommen und dabei sicherlich drei-, viermal bei
Euch eingekehrt! Noch vor zehn, zwölf Tagen war ich das
letztemal hier. Ich begleitete damals ein paar Freunde, es waren Musketiere, vielleicht erinnert Ihr Euch, denn der eine
geriet mit einem Fremden aneinander, der aus irgendeinem
Grund mit ihm angebunden hatte.«
»Oh, und ob ich mich erinnere!« rief der Wirt. »Euer Gnaden meinen doch Herrn Porthos, nicht wahr?«
»Allerdings, so heißt mein Reisegefährte. Mein Gott, bester Wirt, sagt mir, ist ihm vielleicht etwas zugestoßen?«
»Aber Euer Gnaden haben doch sicher bemerkt, daß er
seine Reise nicht fortsetzen konnte?«
»Ja, denn er hatte uns versprochen, nachzukommen, aber
wir haben ihn nicht wiedergesehen.«
»Er erwies uns die Ehre, hierzubleiben.«
«Ach, er erwies Euch die Ehre, hierzubleiben?«
»Ja, gnädiger Herr, in diesem Gasthof. Wir sind sogar einigermaßen in Sorge.«
»Weswegen?«
»Wegen gewisser Ausgaben, die er gemacht hat.«
»Nun, wenn er welche gemacht hat, wird er sie auch bezahlen.«
»Oh, da fällt mir aber ein Stein vom Herzen! Wir haben
nämlich schon beträchtliche Summen für ihn ausgelegt, und
noch heute morgen hat mir der Wundarzt gedroht, daß er
sich an mich halten will, wenn Herr Porthos nicht zahlt, weil
ich ihn seinerzeit habe holen lassen.«
»Ja, ist denn Herr Porthos verwundet?«
270
»Das vermag ich Euch leider nicht zu sagen.«
»Wie, Ihr könnt mir das nicht sagen? Dabei solltet Ihr es
doch am allerehesten wissen!«
»Das schon, aber unsereiner kann nicht immer alles sagen,
was er weiß, edler Herr, zumal wenn wir gewarnt sind, daß
man uns die Ohren abschneiden wird, wenn wir unsere
Zunge nicht im Zaum halten.«
»Na schön, kann ich Herrn Porthos sehen?«
»Gewiß, gnädiger Herr, geht nur die Treppe hinauf und
klopft im ersten Stock bei der Nummer eins an; sagt aber
gleich, daß Ihr es seid!«
»Warum denn das?«
»Es könnte sonst ein Unglück geschehen.«
»Ein Unglück?«
»Ja, Herr Porthos könnte Euch nämlich für jemand aus
dem Hause halten und Euch in einer zornigen Aufwallung
seinen Degen durch den Leib rennen oder eine Kugel durch
den Kopf jagen.«
»Was habt Ihr ihm denn getan?«
»Wir haben ihn ans Bezahlen erinnert.«
»Ah, dann verstehe ich! Dafür hat Porthos nie etwas übrig,
wenn er schlecht bei Kasse ist. Aber eigentlich müßte er doch
Geld haben?«
»Das dachten wir zuerst auch, gnädiger Herr, und da in
unserem Haus Ordnung herrscht und wöchentlich abgerechnet wird, wollten wir ihm nach acht Tagen die Rechnung
vorlegen; aber wir hatten anscheinend einen ungünstigen
Zeitpunkt gewählt, denn schon beim ersten Wort hat er uns
zum Teufel geschickt. Allerdings hatte er am Abend zuvor
gespielt.«
»Gespielt? Ja, mit wem denn?«
»Mein Gott, was weiß ich? Mit einem Herrn, der sich auf
der Durchreise befand und dem er eine Partie Landsknecht
antragen ließ.«
»Aha, und der Ärmste hat natürlich alles verloren.«
»Sogar sein Pferd, gnädiger Herr; denn als der Fremde sich
zum Gehen anschickte, sahen wir, wie sein Diener das Pferd
von Herrn Porthos sattelte. Wir machten ihn auch darauf aufmerksam, aber er sagte nur, wir mischten uns da in Sachen, die
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uns nichts angingen, und das Pferd gehöre ihm. Wir haben
natürlich sofort Herrn Porthos benachrichtigt, aber der ließ
uns sagen, wir wären nichtswürdige Halunken, daß wir am
Wort eines Edelmanns zweifelten, und wenn der Fremde gesagt
habe, daß das Pferd ihm gehöre, dann müsse es wohl so sein.«
»Das war echt Porthos«, murmelte d’Artagnan.
»Darauf ließ ich ihm bestellen«, fuhr der Wirt fort, »ich
hoffte, er werde in Anbetracht der Tatsache, daß wir uns über
die Bezahlung offenbar nicht einigen könnten, die Güte haben, meinen Kollegen, den Wirt vom ›Goldenen Adler‹, mit
seiner Kundschaft zu beehren; aber Herr Porthos wünschte
zu bleiben, da, wie er mir antworten ließ, mein Gasthof der
beste am Platze sei. Diese Antwort war zu schmeichelhaft, als
daß ich ihn noch länger zum Gehen drängen konnte. Ich beschränkte mich also auf die Bitte, er möge sein Zimmer, das
schönste im ganzen Haus, räumen und sich mit einer hübschen kleinen Stube im dritten Stock begnügen. Aber darauf
ließ er mich wissen, daß er jeden Augenblick die Dame seines
Herzens erwarte, die einen bedeutenden Rang am Hofe einnehme, und ich müsse begreifen, daß das Zimmer, das zu bewohnen er mir die Ehre erweise, für einen so hohen Besuch‹
noch reichlich mittelmäßig sei. Wenn mir das auch einleuchtete, so glaubte ich doch, auf meinem Wunsch bestehen zu
müssen; er aber machte sich gar nicht die Mühe, noch länger
mit mir zu unterhandeln, sondern legte seine Pistole neben
sich auf den Nachttisch und erklärte, er würde jedem, der so
unvorsichtig wäre, auch nur ein Wort vom Umzug fallenzulassen, ohne weiteres eine Kugel in den Kopf jagen. Seit dieser
Zeit betritt niemand mehr das Zimmer außer seinem Diener.«
»Mousqueton ist also hier?«
»Ja, gnädiger Herr, er traf nach fünf Tagen in recht übler
Laune wieder hier ein; anscheinend hatte auch er irgendein
unangenehmes Erlebnis. Leider ist er besser auf den Beinen
als sein Herr, und so kehrt er für ihn das Unterste zuoberst,
denn da er glaubt, mit Bitten nichts zu erreichen, nimmt er
alles, was er braucht, ohne viel zu fragen.«
»Richtig«, entgegnete d’Artagnan, »Mousqueton ist mir
schon immer durch eine ebenso große Ergebenheit wie Findigkeit aufgefallen.«
272
»Das mag sein, gnädiger Herr, aber stellt Euch vor, mir widerfahren im Jahr auch nur vier Begegnungen mit solch einer
Ergebenheit und Findigkeit, so bin ich bald ein ruinierter
Mann!«
»Aber Porthos wird Euch bestimmt bezahlen!«
»Hm!« machte der Gastwirt zweifelnd.
»Er ist der Günstling einer sehr vornehmen Dame, die ihn
in Anbetracht der Kleinigkeit, die er Euch schuldet, gewiß
nicht im Stich lassen wird.«
»Wenn ich sagen könnte, was ich davon halte …«
»Was Ihr davon haltet …?«
»Mehr noch: was ich weiß …«
»Was Ihr wißt?«
»Was ich sogar ganz sicher weiß …«
»Und was ist das? Nun redet schon!«
»Ich weiß, wer diese vornehme Dame ist.«
»Ihr?«
»Ja, ich.«
»Und woher wollt Ihr das wissen?«
»Oh, gnädiger Herr, kann ich mich auch auf Eure Verschwiegenheit verlassen?«
»Redet nur, und ich gebe Euch mein Wort als Edelmann,
Ihr sollt Euer Vertrauen nicht zu bereuen haben!«
»Nun, gnädiger Herr, Ihr werdet mir zugeben, in der Sorge
um sein Geld macht man auch schon mal einen ungewöhnlichen Schritt.«
»Und was habt Ihr gemacht?«
»Oh, selbstverständlich nichts, was über die Rechte eines
Gläubigers hinausginge.«
»Also?«
»Herr Porthos hatte uns einen Brief an jene Herzogin gegeben, mit der Weisung, ihn zur Post zu tragen. Sein Diener
war damals noch nicht zurück, und da Herr Porthos sein
Zimmer nicht verlassen konnte, mußte er schon uns mit seinen Aufträgen betrauen.«
»Und weiter?«
»Statt den Brief auf die Post zu tragen, was ja auch nie ganz
sicher ist, gab ich ihn einem meiner Leute mit, der sowieso gerade nach Paris fuhr, und befahl ihm, den Brief der Herzogin
273
persönlich zu überbringen. Damit entsprachen wir doch nur
den Absichten von Herrn Porthos, der uns diesen Brief so sehr
ans Herz gelegt hatte, nicht wahr?«
»So ziemlich, ja.«
»Und wißt Ihr nun, gnädiger Herr, wer diese vornehme
Dame ist?«
»Nein, ich weiß von ihr nur vom Hörensagen.«
»Ihr wißt also nicht, wer sich hinter dieser angeblichen
Herzogin verbirgt?«
»Nein, ich sage Euch ja, ich kenne sie nicht.«
»Die Frau eines Anwalts am Stadtgericht, eine gewisse Madame Coquenard, die bestimmt schon über die Fünfzig hinaus ist, aber noch immer die Eifersüchtige spielt. Es war mir
ja gleich merkwürdig vorgekommen, daß eine Herzogin in
der Ochsengasse wohnen sollte.«
»Aber woher wollt Ihr das wissen?«
»Weil sie sofort zu schimpfen anfing, als sie den Brief sah!
Und dann nannte sie Herrn Porthos einen Schürzenjäger, der
sich gewiß wegen irgendeiner Liebschaft diesen Degenstich
eingehandelt hätte.«
»Ach, er ist also doch verwundet?«
»O weh, was habe ich da gesagt?«
»Ihr spracht von einem Degenstich, den Porthos sich eingehandelt hat.«
»Ja, aber er hatte mir streng verboten, darüber zu reden.«
»Warum denn nur?«
»Nun, gnädiger Herr, er hatte doch laut verkündet, er
wollte den Fremden, mit dem Ihr ihn im Streit zurückließt,
nach allen Regeln der Fechtkunst durchbohren, statt dessen
aber war es der Fremde, der Euern Freund trotz seiner Prahlereien zu Boden streckte. Da Herr Porthos nun sehr auf seinen Ruhm bedacht ist, ausgenommen gegenüber seiner Herzogin, deren Teilnahme er durch das Geständnis seines mißlichen Abenteuers zu wecken hoffte, will er nicht, daß irgend
jemand von seiner Verwundung erfährt.«
»Dann fesselt ihn also ein Degenstich ans Bett?«
»Und was für einer! Ein wahrer Meisterstoß, kann ich nur
sagen! Euer Freund muß ein verteufelt zähes Leben haben.«
»Wart Ihr denn dabei?«
274
»Ich bin ihnen aus Neugier nachgeschlichen und habe zugesehen, ohne daß mich einer der beiden Kämpfer sehen
konnte.«
»Und wie war der Kampf?«
»Oh, er hat nicht lange gedauert! Die beiden stellen sich auf,
der Fremde schlägt eine Finte, fällt aus, und das alles geht so
schnell, daß Herr Porthos, als er endlich parieren will, das Eisen
schon drei Zoll tief in der Brust hat und rücklings zu Boden
stürzt. Der Fremde ist sofort über ihm und setzt ihm den Degen an die Kehle; Herr Porthos aber, der sich seinem Gegner
auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert sieht, erklärt sich für besiegt. Der Fremde fragt ihn nach seinem Namen, und als er
hört, daß er es mit Herrn Porthos und nicht mit einem Herrn
d’Artagnan zu tun hat, reicht er ihm seinen Arm und führt ihn
in mein Haus zurück. Das war der ganze Kampf.«
»Dann hatte es der Fremde also auf einen Herrn d’Artagnan abgesehen?«
»Anscheinend ja.«
»Und wißt Ihr, was inzwischen aus ihm geworden ist?«
»Nein, er ist gleich darauf weggeritten und bis heute noch
nicht wieder aufgetaucht.«
»Sehr schön, jetzt weiß ich, was ich wissen wollte. Und
Herrn Porthos finde ich im Zimmer Nummer eins, so sagtet
Ihr doch?«
»Ganz recht, gnädiger Herr, im ersten Stock; es ist das
schönste Zimmer im ganzen Haus, ich hätte es inzwischen
sicherlich schon zehnmal vermieten können.«
»Beruhigt Euch nur!« sagte d’Artagnan lachend. »Porthos
wird Euch schon mit dem Geld der Herzogin Coquenard bezahlen.«
»Ach, gnädiger Herr, ob Frau Staatsanwalt oder Frau Herzogin, das wäre mir gleich, wenn sie nur ihre Börse öffnen
wollte! Aber sie hat allen Ernstes erklärt, sie habe genug von
den Forderungen und Treulosigkeiten des Herrn Porthos
und sie werde ihm keinen roten Heller schicken.«
»Und habt Ihr diese Antwort auch Euerm Gast mitgeteilt?«
»Da sei Gott davor! Dann hätte er doch erfahren, wie wir
uns seines Auftrages entledigt haben.«
»Also wartet er noch immer auf sein Geld?«
275
»Aber ja! Gestern hat er wieder geschrieben, aber diesmal
hat sein Diener den Brief zur Post getragen.«
»Und Ihr sagt, daß die Anwaltsfrau alt und häßlich ist?«
»Mindestens fünfzig Jahre ist sie alt, gnädiger Herr, und
alles andere als hübsch.«
»Wenn es so ist, macht Euch keine Sorge! Eine häßliche
Alte wird sich bestimmt erweichen lassen. Überdies kann
Euch Porthos doch gar nicht so viel schulden.«
»Was, nicht viel? Schon über zwanzig Dukaten, den Arzt
nicht gerechnet! Er läßt es sich an nichts fehlen, man sieht
eben, daß er an ein gutes Leben gewöhnt ist.«
»Nun, wenn ihn auch seine teure Freundin im Stich läßt,
seine Freunde werden ihm bestimmt beistehen, glaubt mir
das! Seid also ganz ruhig, lieber Wirt, und widmet ihm weiter alle Sorgfalt, deren er in seinem Zustand bedarf.«
»Der gnädige Herr hat mir versprochen, weder von der
Frau Staatsanwalt noch von der Verwundung ein Wort verlauten zu lassen.«
»Das versteht sich. Ihr habt ja mein Wort!«
»Er würde mich sonst nämlich todsicher umbringen.«
»Habt keine Angst! Er ist gar nicht so gefährlich, wie er
sich gibt.«
Mit diesen Worten stieg d’Artagnan die Treppe hinauf und
ließ den Wirt im Hinblick auf zwei Dinge, an denen er besonders zu hängen schien – sein Geld und sein Leben –, einigermaßen beruhigt zurück. Im Flur des ersten Stocks leuchtete
ihm von der augenscheinlich schönsten Tür eine riesige
schwarze Eins entgegen. Er klopfte an, und als hierauf von
drinnen die Aufforderung an ihn erging, sich fortzuscheren,
trat er kurzerhand ein.
Porthos lag im Bett und spielte, um nicht aus der Übung zu
kommen, eine Partie Landsknecht mit seinem Diener Mousqueton, während sich über dem Feuer ein Rebhuhn an einem
Bratspieß drehte und in den beiden Ecken des großen Kamins
zwei dampfende Kasserollen einen lieblichen Duft von Kaninchenragout und gekochtem Fisch verbreiteten. Außerdem
standen auf dem Schrankaufsatz und auf der Marmorplatte der
Waschkommode ganze Batterien leerer Flaschen.
Beim Anblick seines Freundes stimmte Porthos ein Freuden276
geschrei an; Mousqueton erhob sich ehrerbietig, überließ d’Artagnan seinen Stuhl und wandte sich den beiden Kochtöpfen
zu, auf die er offenbar sein besonderes Augenmerk zu richten
hatte.
»Nein, daß Ihr es seid!« rief Porthos. »So eine Überraschung!
Seid mir willkommen, lieber Freund, und entschuldigt, wenn
ich Euch im Bett empfangen muß! Aber«, fügte er mit einem
etwas unruhigen Blick hinzu, »Ihr wißt ja wohl schon, was mir
zugestoßen ist?«
»Nein, was denn?«
»Hat Euch der Wirt nichts gesagt?«
»Ich habe ihn nur nach Euch gefragt und bin gleich hier
heraufgestiegen.«
Porthos schien aufzuatmen.
»Aber was ist Euch denn nun zugestoßen, mein lieber Porthos?« fuhr d’Artagnan fort.
»Ja, das war so: Ich hatte meinen Gegner schon dreimal
getroffen und wollte ihm mit einem vierten Stoß den Rest
geben, aber wie ich gegen ihn ausfalle, stolpere ich doch über
einen Stein, stürze und verstauche mir das Knie.«
»Wahrhaftig?«
»Auf Ehre! Der Kerl konnte von Glück sagen, denn Ihr
dürft mir glauben, ich hätte ihn sonst nicht lebend vom Platz
gelassen!«
»Und was ist aus ihm geworden?«
»Keine Ahnung. Er hatte wohl genug, denn er zog ab, ohne
sich noch einmal umzudrehen. Aber sagt, wie ist es Euch ergangen, mein lieber d’Artagnan?«
»Und wegen dieser Verstauchung müßt Ihr immer noch
das Bett hüten?«
»Mein Gott, ja! Übrigens werde ich schon in einigen Tagen
wieder auf den Beinen sein.«
»Warum habt Ihr Euch nur nicht nach Paris bringen lassen?
Ihr müßt Euch hier doch schrecklich langweilen.«
»Ich wollte ja auch weg, aber ich muß Euch da etwas gestehen, lieber Freund …«
»Ja?«
»Wie Ihr ganz richtig sagt, habe ich mich hier fürchterlich
gelangweilt, und da ich in der Tasche noch immer die fünf277
undsiebzig Dukaten hatte, ließ ich, um mich zu zerstreuen,
einen durchreisenden Edelmann heraufbitten und lud ihn zu
einem Würfelspielchen ein. Er war’s zufrieden, und meiner
Treu, im Handumdrehen hat er mir die fünfundsiebzig Dukaten abgeknöpft und obendrein noch mein Pferd. Aber was
war mit Euch? Erzählt doch, d’Artagnan!«
»Was wollt Ihr, Porthos, man kann nicht alles haben! Ihr
kennt doch das Sprichwort: Glück in der Liebe, Pech im
Spiel! Ihr habt eben zuviel Glück in der Liebe, da muß sich
das im Spiel wieder ausgleichen. Aber was kümmern Euch
die Wechselfälle des Glücks? Seid Ihr nicht Glückspilz genug, habt Ihr nicht Eure Herzogin, die es sich gewiß nicht
nehmen lassen wird, Euch zu Hilfe zu kommen!«
»Ja, denkt Euch nur, was für ein Pech ich habe!« entgegnete Porthos mit der unbefangensten Miene von der Welt.
»Ich habe ihr geschrieben, sie möchte mir einige fünfzig Dukaten schicken, die ich angesichts meiner mißlichen Lage
dringend benötige …«
»Und?«
»Sie scheint auf ihren Gütern zu sein, denn sie hat mir
nicht geantwortet.«
»Ach was?«
»Nun habe ich ihr gestern einen zweiten, noch dringenderen Brief geschrieben. Aber, mein Lieber, sprechen wir
endlich von Euch! Ich muß gestehen, ich habe mir allmählich
doch Gedanken um Euch gemacht.«
»Immerhin scheint der Wirt es gut mit Euch zu meinen«,
sagte d’Artagnan und deutete auf die vollen Töpfe und leeren Flaschen.
»Von wegen! Vor drei oder vier Tagen war dieser unverschämte Kerl bei mir und wollte mir doch allen Ernstes eine
Rechnung präsentieren; dem habe ich aber vielleicht mitsamt
seiner Rechnung hinausgeleuchtet! Seitdem lebe ich hier als
eine Art Eroberer. Und da ich immer mit einem Angriff auf
meine Stellung rechnen muß, liege ich, wie Ihr seht, bis an die
Zähne bewaffnet im Bett.«
»Trotzdem macht Ihr, scheint’s, von Zeit zu Zeit recht erfolgreiche Ausfälle«, erwiderte d’Artagnan lachend und zeigte
abermals auf die Flaschen und Töpfe.
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»Leider ohne mich«, seufzte Porthos. »Diese elende Verstauchung fesselt mich ans Bett, und so muß Mousqueton
allein losgehen und für Proviant sorgen. Holla, Mousqueton,
alter Freund«, wandte er sich an seinen Diener, »du siehst,
wir haben Verstärkung bekommen; da werden wir Nachschub brauchen!«
»Mousqueton«, sagte d’Artagnan, »du mußt mir einen Gefallen tun.«
»Ja, gnädiger Herr?«
»Du mußt Planchet deine Taktik verraten; mir kann es ja
auch mal passieren, daß ich belagert werde, und da wäre ich
nicht böse, wenn mich mein Diener genauso gut versorgte
wie du deinen Herrn.«
»Ach, gnädiger Herr«, antwortete Mousqueton bescheiden, »nichts leichter als das! Man muß nur ein bißchen geschickt sein, das ist alles. Ich bin auf dem Lande aufgewachsen, und mein Vater hat in seinen Mußestunden ein wenig
gewildert.«
»Ah, und was hat er getrieben?«
»Er ging einem Gewerbe nach, das ich eigentlich immer
sehr einträglich gefunden habe.«
»Was war das denn für ein Gewerbe?«
»Damals, es war zur Zeit der Hugenottenkriege, sah mein
Vater, wie die Katholiken die Hugenotten und die Hugenotten die Katholiken umbrachten, alles im Namen der Religion,
versteht sich, und da hat er sich einen gemischten Glauben
zugelegt, der es ihm gestattete, bald Katholik, bald Hugenott
zu sein. Nun spazierte er meist, die Büchse über der Schulter,
hinter den Hecken am Straßenrand, und wenn er einen einzelnen Katholiken auftauchen sah, gewann in ihm sofort die
protestantische Überzeugung die Oberhand. Er richtete seine
Flinte auf den einsamen Wanderer, und sobald dieser bis auf
zehn Schritt herangekommen war, entspann sich eine Unterhaltung, die fast immer damit endete, daß der gute Mann lieber seine Börse als sein Leben opferte. Selbstverständlich
wurde mein Vater beim Anblick eines Hugenotten zu einem
so glühenden Eiferer für die katholische Sache, daß es ihm
selbst unfaßbar war, wie er noch kurz zuvor an der Überlegenheit unserer heiligen Religion hatte zweifeln können. Ich
279
bin nämlich Katholik, gnädiger Herr, da mein Vater, getreu
seinen Grundsätzen, meinen älteren Bruder bereits hugenottisch hatte taufen lassen.«
»Und wie endete dieser wackere Mann?« fragte d’Artagnan.
»Oh, auf eine sehr traurige Weise, gnädiger Herr! Eines
Tages geriet er in einem Hohlweg zwischen einen Hugenotten und einen Katholiken; mit beiden hatte er schon zu tun
gehabt, und beide erkannten ihn wieder. Sie besannen sich
nicht lange, machten gemeinsam gegen meinen Vater Front
und knüpften ihn am nächsten Baum auf. Dann zogen sie gemeinsam ins nächste Dorf und rühmten sich ihrer Heldentat in der dortigen Schenke, in der zufällig mein Bruder und
ich bei einem Gläschen saßen.«
»Und was habt ihr zwei darauf gemacht?«
»Wir ließen sie reden, aber als sie weggingen und jeder einen
anderen Weg einschlug, folgte mein Bruder dem Katholiken
und ich dem Protestanten. Zwei Stunden später war alles erledigt, hatte jeder seinen Teil weg, und wir konnten nur die
weise Voraussicht unseres armen Vaters bewundern, der so
klug war, uns beide in verschiedenen Religionen aufwachsen
zu lassen.«
»Da hast du allerdings recht, Mousqueton, dein Vater
scheint wirklich ein heller Kopf gewesen zu sein. Und du
sagst, in seinen Mußestunden hat er ein bißchen gewildert?«
»So ist es, gnädiger Herr, und von ihm habe ich gelernt,
wie man Schlingen knüpft und Grundangeln auswirft. Als
ich nun sah, daß der Lump von einem Wirt uns nichts anderes auftischte als widerliches, fettes Fleisch, das etwas für
Bauern, aber nichts für unsere empfindlichen Mägen ist, erinnerte ich mich ein wenig an meine frühere Fertigkeit. Wenn
ich also im Wald Seiner fürstlichen Hoheit spazierengehe,
lege ich meine Schlingen aus, und wenn ich mich zur Rast an
den Teichen Seiner fürstlichen Durchlaucht niederlasse, vergesse ich nicht, meine Angeln ins Wasser gleiten zu lassen.
Auf diese Weise fehlt es uns heute Gott sei Dank nicht, wie
der gnädige Herr unschwer feststellen wird, an Rebhühnern
und Kaninchen, an Karpfen, Aalen und anderen gesunden
und leicht bekömmlichen Dingen.«
»Und wer liefert den Wein? Euer Wirt?«
280
»Ja und auch wieder nein.«
»Ja und nein? Was soll das?«
»Er liefert ihn zwar, aber er hat keine Ahnung von dieser
Ehre.«
»Das mußt du mir unbedingt erklären, Mousqueton; eine
Unterhaltung mit dir ist überaus lehrreich.«
»Gern, gnädiger Herr. Der Zufall wollte, daß ich auf meinen Wanderschaften mit einem Spanier zusammentraf, der
schon in allen möglichen Ländern, unter anderem auch in der
Neuen Welt gewesen war.«
»Aber, Mousqueton, was hat die Neue Welt mit den Flaschen auf dem Schrank und der Kommode zu tun?«
»Nur Geduld, gnädiger Herr, und eins nach dem anderen.«
»Richtig, Mousqueton, erzähle also, wie du es für gut hältst,
ich bin ganz Ohr!«
»Jener Spanier hatte einen Diener, der mit ihm in Mexiko
war. Er war ein Landsmann von mir, und wir freundeten uns
um so rascher an, als wir mancherlei miteinander gemein hatten. Wir liebten beide die Jagd über alles, und er erzählte mir,
wie die Eingeborenen in den Pampas Tiger und Büffel mit
einfachen Schlingen fangen, die sie diesen furchtbaren Bestien um den Hals werfen. Zuerst wollte ich nicht glauben,
daß man es fertigbringen sollte, auf zwanzig oder dreißig
Schritt eine Schlinge so genau zu werfen; aber als mein
Freund es mir vormachte, mußte ich mich überzeugen lassen.
Er stellte in einem Abstand von dreißig Schritt eine Flasche
auf, und bei jedem Wurf bekam er ihren Hals in die Schlinge.
Ich begann nun gleichfalls zu üben, und mit der Zeit lernte
ich es so gut, daß mir heute so leicht keiner etwas im Lassowerfen vormacht. Versteht Ihr nun, gnädiger Herr? Unser
Wirt hat einen wohlgefüllten Keller, dessen Schlüssel er allerdings nie aus der Hand gibt. Zum Glück aber hat dieser
Keller ein Luftloch, und durch dieses Loch werfe ich mein
Lasso. Natürlich weiß ich inzwischen, wo die guten Weine
stehen, und hole, was wir brauchen, nur noch von dort. Ihr
seht also, gnädiger Herr, daß zwischen der Neuen Welt und
den Flaschen hier durchaus ein Zusammenhang besteht.
Bitte, kostet nur einmal von unserem Wein und sagt uns unumwunden, was Ihr davon haltet!«
281
»Danke, mein Lieber, besten Dank, aber ich habe leider gerade gegessen!«
»Gut«, sagte Porthos, »dann deck für uns beide den Tisch,
Mousqueton, und während wir essen, mag uns d’Artagnan
erzählen, wie es ihm in den letzten zehn Tagen ergangen ist!«
»Gern«, versetzte der Gascogner.
Und während Porthos und Mousqueton mit dem Appetit
von Genesenden und jener brüderlichen Herzlichkeit, die die
Menschen im Unglück einander nahe bringt, ausgiebig tafelten,
erzählte d’Artagnan, wie Aramis wegen einer Verwundung in
Crèvecœur hatte zurückbleiben müssen, wie Athos in Amiens
von vier Männern überfallen worden war, die ihn der Falschmünzerei bezichtigten, und wie er, d’Artagnan, nur nach einem
heftigen Kampf mit dem Grafen von Wardes nach England
hatte gelangen können.
Hier endete d’Artagnans ausführlicher Bericht; er sagte
nur noch, daß er aus England vier prächtige Pferde mitgebracht habe, eines für sich selbst und die anderen für seine
drei Freunde, und daß das für Porthos bestimmte bereits im
Stall des Gasthofes stehe.
In diesem Augenblick trat Planchet ein und meldete seinem Herrn, die Pferde seien hinreichend ausgeruht und man
könne wohl noch vor Einbruch der Nacht Clermont erreichen.
Da d’Artagnan sich über Porthos einigermaßen beruhigt
sah und es ihn drängte, auch etwas über seine beiden anderen Freunde zu erfahren, reichte er dem Kranken zum Abschied die Hand und sagte ihm, er wolle in etwa acht Tagen
auf demselben Weg zurückkommen und ihn, sofern er dann
noch hier sei, nach Paris mitnehmen.
Porthos erwiderte, daß es ihm seine Verstauchung höchstwahrscheinlich nicht gestatten werde, Chantilly schon früher
zu verlassen. Überdies müsse er in jedem Fall erst die Antwort der Herzogin abwarten.
D’Artagnan wünschte ihm eine baldige und erfreuliche
Antwort, und nachdem er ihn aufs neue der Fürsorge seines
Dieners empfohlen und beim Wirt seine Zeche bezahlt hatte,
machte er sich mit Planchet wieder auf den Weg.
282
Aramis und seine These
D’Artagnan hatte zu Porthos weder von der Wunde noch von
der Frau Staatsanwalt gesprochen. Bei aller Jugend war unser Bearner ein heller Kopf. Darum hatte er so getan, als
glaubte er alles, was ihm der ruhmredige Musketier erzählt
hatte, denn er war überzeugt, daß keiner Freundschaft ein
gelüftetes Geheimnis zuträglich ist, zumal wenn dieses Geheimnis die Eitelkeit berührt; außerdem verschafft es einem
immer eine gewisse moralische Überlegenheit, wenn man
von einem anderen mehr weiß, als er denkt. Da nun aber
d’Artagnan entschlossen war, sich künftighin seiner drei
Freunde als Werkzeuge seines Glücks zu bedienen, war es
ihm nur recht, wenn er schon jetzt die unsichtbaren Fäden,
an denen er sie zu lenken gedachte, in die Hand bekam.
Doch während des ganzen Weges erfüllte ihn tiefe Traurigkeit: er dachte an die junge und hübsche Frau Bonacieux, die
ihm noch immer den Lohn für seine Ergebenheit schuldete;
aber wir wollen gleich betonen, daß seine Traurigkeit weniger
dem Bedauern um das verlorene Glück als der Sorge entsprang,
der armen Frau könne etwas Schlimmes widerfahren sein. Er
zweifelte nicht mehr daran, daß sie einem Racheakt des Kardinals zum Opfer gefallen war, und Seine Eminenz pflegte bekanntlich furchtbare Rache zu üben. Wieso er selbst vor den
Augen des Ministers Gnade gefunden haben sollte, war ihm
schleierhaft, und Herr de Cavois, der es ihm sicherlich hätte
sagen können, hatte ihn zu Hause nicht angetroffen.
Nichts läßt die Zeit so rasch verfliegen, nichts verkürzt eine
Reise so wie ein Gedanke, der einen ganz in Anspruch nimmt.
Die sichtbare Welt gleicht dann einem Schlummer, dessen
Traum dieser Gedanke ist. Unter seinem Einfluß hat die Zeit
kein Maß, hat der Raum keine Entfernung mehr. Man bricht
irgendwo auf und kommt irgendwo an, das ist alles. Von dem,
was dazwischenliegt, bleibt in der Erinnerung nur ein verschwommener Nebel zurück, in dem Bäume, Berge und Ortschaften als wirre Bildfetzen versinken. In einer solchen
traumhaften Versunkenheit legte d’Artagnan die sechs oder
acht Meilen von Chantilly nach Crèvecœur zurück, und er
überließ sich dabei so völlig dem Willen seines Pferdes, daß er
283
sich am Ziel an nichts erinnern konnte, was ihm unterwegs begegnet war.
Erst in der Ortschaft selbst erwachte er aus seiner Versponnenheit; er schüttelte verwundert den Kopf, und als er
in einiger Entfernung die Herberge erblickte, in der er Aramis zurückgelassen hatte, setzte er sein Pferd in Trab und
hielt im nächsten Augenblick vor der Tür.
Diesmal empfing ihn kein Wirt, sondern eine Wirtin.
D’Artagnan verstand sich auf Physiognomien, und als er das
runde und vergnügte Gesicht dieser Frau sah, erfaßte er sofort, daß es hier keiner Verstellung bedurfte und daß er von
einem so augenscheinlich fröhlichen Menschen nichts zu
fürchten hatte.
»Gute Frau«, fragte er, »könnt Ihr mir wohl sagen, was aus
meinem Freund geworden ist, den wir vor etwa zwölf Tagen
hier zurücklassen mußten?«
»Meint Ihr einen hübschen jungen Mann von drei- oder vierundzwanzig Jahren, sanft, liebenswürdig und wohlgestalt?«
»Ja, und überdies an der Schulter verwundet.«
»Ganz recht.«
»Nun, und was ist mit ihm?«
»Er ist noch immer hier, gnädiger Herr.«
»Wahrhaftig, liebe Frau?« rief d’Artagnan und schwang
sich aus dem Sattel, während er Planchet die Zügel zuwarf.
»Ihr gebt mir das Leben wieder! Und wo ist er, wo ist mein
teurer Aramis, auf daß ich ihn umarmen kann? Denn Ihr
müßt wissen, es drängt mich, ihn wiederzusehen!«
»Verzeihung, gnädiger Herr, aber ich glaube kaum, daß er
Euch jetzt empfangen kann.«
»Wieso? Ist etwa eine Frau bei ihm?«
»Jesus, was redet Ihr da? Der arme Junge, nein, er hat keine
Frau bei sich!«
»Ja, wen denn sonst?«
»Den Pfarrer von Montdidier und den Superior der Jesuiten
von Amiens.«
»Großer Gott! Geht es ihm denn so schlecht?«
»Aber nein, gnädiger Herr, ganz im Gegenteil! Infolge seiner Krankheit ist die Gnade über ihn gekommen, und er will
in den geistlichen Stand eintreten.«
284
»Richtig, ich hatte vergessen, daß er ja nur vorübergehend
Musketier ist.«
»Legt Ihr immer noch Wert darauf, ihn zu sehen?«
»Mehr denn je!«
»Dann geht nur die Treppe rechts im Hof hinauf! Es ist im
zweiten Stock, Zimmer fünf.«
D’Artagnan eilte in die angegebene Richtung und fand eine
jener Außentreppen, wie man sie noch heute in den Innenhöfen alter Gasthäuser findet. Aber so einfach gelangte man
nicht zu dem zukünftigen Abbé: der Zugang zu Aramis’
Zimmer wurde streng bewacht, denn vor der Tür stand Bazin auf Posten und versperrte ihm den Weg mit der Unerschrockenheit eines Mannes, der sich nach vielen Jahren der
Prüfung endlich dem schon immer erstrebten Ziel nahe sieht.
Tatsächlich hatte der arme Bazin nie den Traum aufgegeben, einem Mann der Kirche zu dienen, und voller Ungeduld
erwartete er den Tag, an dem Aramis endlich die Uniform
mit der Soutane vertauschen würde. Nur das immer wieder
erneuerte Versprechen des jungen Mannes, daß jener Tag
nicht mehr fern sei, hatte Bazin im Dienst eines Musketiers
zurückgehalten, einem Dienst, bei dem, wie er sagte, seine
Seele auf die Dauer Schaden nehmen müsse.
Bazin war also überglücklich. Aller Wahrscheinlichkeit nach
würde sein Herr diesmal fest bleiben. Die Verbindung von körperlichem und seelischem Schmerz hatte die so lang ersehnte
Wirkung hervorgebracht: Aramis’ ganzes Sinnen und Trachten
war nur noch auf die Religion gerichtet, denn er sah in den beiden Schicksalsschlägen, die ihn gleichzeitig betroffen hatten,
das heißt in dem plötzlichen Verschwinden seiner Geliebten
und in seiner Verwundung, ein Zeichen des Himmels.
Der Leser wird gewiß begreifen, daß es unter diesen Umständen für Bazin nichts Unangenehmeres geben konnte als
die Ankunft d’Artagnans, durch die sein Herr möglicherweise aufs neue in den Strudel weltlicher Gedanken geriet,
dem er sich gerade lange genug überlassen hatte. Bazin war
also entschlossen, die Tür tapfer zu verteidigen, und da er
nicht mehr gut sagen konnte, Aramis sei außer Hause, nachdem die Wirtin bereits die Wahrheit ausgeplaudert hatte, versuchte er, dem Ankömmling klarzumachen, wie überaus
285
taktlos es wäre, seinen Herrn in der frommen Konferenz zu
stören, die schon am Morgen begonnen und nach Meinung
Bazins nicht vor dem Abend enden werde.
D’Artagnan aber achtete überhaupt nicht auf die wortreichen Erklärungen des wackeren Bazin, und da er nicht die
Absicht hatte, sich in eine Auseinandersetzung mit dem Diener seines Freundes einzulassen, schob er ihn einfach beiseite, griff mit der anderen Hand nach der Türklinke und trat
ins Zimmer.
Aramis, im schwarzen Überrock und in einer runden, flachen Kopfbedeckung, die nicht wenig Ähnlichkeit mit einem
Priesterkäppchen hatte, saß an einem länglichen Tisch, der
mit allerlei Papierrollen und mächtigen Folianten bedeckt war.
Zu seiner Rechten saß der Superior der Jesuiten, zu seiner
Linken der Pfarrer von Montdidier. Die Vorhänge waren halb
geschlossen und ließen nur ein gedämpftes Licht herein, wie
es sich für fromme Träumereien ziemte. Alle weltlichen
Dinge, die einem für gewöhnlich ins Auge fallen, wenn man
das Zimmer eines jungen Mannes und nun gar eines Musketiers betritt, waren wie durch einen Zauber verschwunden,
denn Bazin hatte offenbar aus Angst, sein Herr könne durch
ihren Anblick wieder auf profane Gedanken kommen, Degen, Pistolen, Federhut und alle mit Stickereien oder Spitzen
verzierten Kleidungsstücke aus seinem Gesichtskreis verbannt.
Statt dessen glaubte d’Artagnan in einer dunklen Ecke so
etwas wie eine Geißel an einem Nagel hängen zu sehen.
Beim Geräusch, das der Eintretende verursachte, blickte
Aramis auf und erkannte seinen Freund. Aber zu dessen
großer Verwunderung zeigte sich der Musketier keineswegs
sehr beeindruckt; offenbar hatte sich sein Geist bereits von
allen irdischen Dingen abgewandt.
»Guten Tag, lieber d’Artagnan«, sagte Aramis. »Glaubt
mir, es freut mich, Euch zu sehen.«
»Mich auch«, erwiderte d’Artagnan, »obwohl ich noch
nicht ganz sicher bin, ob ich wirklich mit Aramis spreche.«
»Mit ihm selbst, lieber Freund, mit ihm selbst; wie könnt
Ihr nur zweifeln?«
»Ich fürchtete schon, ich hätte mich in der Tür geirrt und
286
wäre in das Zimmer eines Geistlichen geraten; dann sah ich
Euch in Gesellschaft dieser Herren und bekam einen neuen
Schreck, denn ich glaubte Euch ernstlich krank.«
Die beiden Schwarzgekleideten, die wohl merkten, worauf
d’Artagnan hinauswollte, warfen ihm fast drohende Blicke zu;
der Gascogner aber ließ sich nicht beirren.
»Vielleicht störe ich Euch, lieber Aramis«, fuhr er fort,
»denn nach allem, was ich hier sehe, gehe ich wohl nicht fehl
in der Annahme, daß Ihr gerade beichtet.«
Aramis errötete unmerklich.
»Ihr solltet mich stören, lieber Freund? Aber ganz im Gegenteil! Und zum Beweise, daß ich es so meine, wie ich es
sage, laßt mich meiner Freude darüber Ausdruck verleihen,
daß ich Euch gesund und wohlbehalten wiedersehe!«
Na, endlich findet er sich, dachte d’Artagnan; das ist nicht
übel.
»Dieser Herr, der mein Freund ist«, fuhr Aramis salbungsvoll fort, während er d’Artagnan mit einer leichten Handbewegung den beiden Geistlichen vorstellte, »ist nämlich einer
großen Gefahr entronnen.«
»Dann danket Gott!« antworteten sie und verneigten sich
gleichzeitig.
»Das habe ich auch nicht versäumt, hochwürdige Herren«,
versetzte d’Artagnan und verneigte sich ebenfalls.
»Lieber d’Artagnan, Ihr kommt wie gerufen«, sagte Aramis, »denn Eure Teilnahme wird unsere Diskussion sicherlich
befruchten. Der Herr Superior von Amiens, der Herr Pfarrer von Montdidier und ich erörtern einige theologische Fragen, die uns schon seit langem beschäftigen; ich würde mich
freuen, auch Eure Meinung darüber zu hören.«
»Die Meinung eines Kriegsmannes ist in solchen Fragen
ohne Gewicht«, erwiderte d’Artagnan, den es allmählich beunruhigte, was für eine Wendung die Dinge nahmen. »Glaubt
mir, Ihr könnt Euch da durchaus auf das Wissen dieser beiden Herren verlassen!«
Die beiden Geistlichen dankten wieder durch ein kurzes
Verneigen.
»Im Gegenteil«, beharrte Aramis, »Eure Ansicht wird uns
sehr wertvoll sein! Hört, worum es sich handelt: der Herr
287
Superior meint, daß meine These vor allem dogmatisch und
didaktisch sein muß.«
»Eure These? Ihr arbeitet an einer These?«
»Natürlich«, antwortete der Jesuit. »Für die Prüfung, die
der Ordination vorausgeht, ist eine These unerläßlich.«
»Der Ordination!« rief d’Artagnan, der noch immer nicht
glauben konnte, was ihm bereits die Wirtin und Bazin gesagt
hatten, und blickte fassungslos von einem zum anderen.
»Nun aber«, fuhr Aramis fort, während er in seinem Sessel
die gleiche anmutige Haltung einnahm, als befände er sich in
einem Salon, während er seine weiße, frauenhaft zarte Hand,
die er in die Luft hielt, um das Blut daraus entweichen zu lassen, wohlgefällig betrachtete, »nun aber möchte, wie ich schon
sagte, der Herr Superior meine These dogmatisch haben,
während ich sie gern ideal hätte. So hat mir der Herr Superior
ein Thema vorgeschlagen, das noch nicht behandelt worden
ist und das, wie ich zugebe, Stoff genug zu herrlichen Argumentationen bietet: Utraque manus in benedicendo clericis
inferioribus necessaria est.«
D’Artagnan, dessen vortreffliche lateinische Kenntnisse
dem Leser bereits bekannt sind, verzog bei diesem Zitat sein
Gesicht ebensowenig wie bei jenem anderen, das Herr de Treville angeführt hatte, als er ihn verdächtigte, von Buckingham
ein Geschenk angenommen zu haben.
»Mit anderen Worten«, fuhr Aramis fort, um es seinem
Freunde leichter zu machen, »für die niedrigen Geistlichen
sind bei der Erteilung des Segens beide Hände unerläßlich.«
»Ein wunderbares Thema!« rief der Jesuit.
»Wunderbar und dogmatisch!« meinte der Pfarrer, der kaum
mehr Latein verstand als d’Artagnan und deshalb sorgfältig
auf die Worte des Jesuiten achtete, um sich keine Blöße zu geben und gelegentlich das eine oder andere wie ein Echo zu wiederholen.
D’Artagnan dagegen blieb gegenüber der Begeisterung der
beiden Schwarzröcke völlig teilnahmslos.
»Ja, ein wunderbares Thema«, fuhr Aramis fort, »prorsus
admirabile! Aber es erheischt ein gründliches Studium der
Kirchenväter und der Heiligen Schrift. Ich habe daher diesen
gelehrten Männern in aller Demut gestanden, daß ich durch
288
meinen Dienst als Musketier des Königs meine Studien etwas
vernachlässigt habe. Ich würde mich leichter, facilius natans, zu
einem Thema meiner Wahl verstehen, zu einem Thema, das
sich zu diesen schwierigen theologischen Problemen etwa so
verhält wie in der Philosophie die Moral zur Metaphysik.«
D’Artagnan langweilte sich unsagbar, der Pfarrer nicht
minder.
»Welch ein Exordium!« rief der Jesuit.
»Exordium«, wiederholte der Pfarrer, um auch etwas zu
sagen.
»Quemadmodum«, fuhr der Jesuit fort, »inter coelorum
immensitatem.«
Aramis warf einen verstohlenen Blick auf d’Artagnan und
sah, daß sein Freund gähnte, als wollte er sich die Kinnlade
ausrenken.
»Sprechen wir französisch, mein Vater!« sagte er zu dem
Jesuiten. »Herr d’Artagnan findet dann sicherlich mehr Genuß an unseren Worten.«
»Ja, ich bin von dem langen Ritt etwas müde«, gestand
d’Artagnan, »und da will mir dieses Latein nicht so recht in
den Kopf.«
»Bitte!« sagte der Jesuit, ein wenig aus dem Konzept gebracht, während der Pfarrer durchaus erleichtert dem Gascogner einen dankbaren Blick zuwarf. »Also seht einmal, was
man mit einem solchen Thema alles anfangen könnte: Moses, der Diener des Herrn, wohlgemerkt, ein Diener nur, Moses segnet mit den Händen; er läßt sich beide Arme hochhalten, solange die Hebräer mit ihren Feinden kämpfen; er
segnet also mit beiden Händen. Auch im Evangelium heißt
es: Imponite manus, und nicht manum; leget die Hände auf
und nicht die Hand!«
»Leget die Hände auf!« wiederholte der Pfarrer und begleitete seine Worte mit der entsprechenden Geste.
»Vom heiligen Petrus, dessen Nachfolger die Päpste sind,
heißt es dagegen: Porrige digitos, strecket die Finger aus! Begreift Ihr nun?«
»Gewiß«, erwiderte Aramis, der offenbar sehr angetan war,
»aber die Sache ist äußerst kompliziert.«
»Die Finger!« fuhr der Jesuit fort. »Der heilige Petrus segnet
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mit den Fingern. Der Papst segnet demnach auch mit den Fingern. Und mit wieviel Fingern segnet er? Mit drei Fingern:
einen für den Vater, einen für den Sohn und einen für den Heiligen Geist.«
Alle bekreuzigten sich, und d’Artagnan glaubte ihrem Beispiel folgen zu müssen.
»Der Papst ist der Nachfolger des heiligen Petrus und stellt
die drei göttlichen Gewalten dar. Die übrigen Priester, die ordines inferiores der kirchlichen Hierarchie, segnen im Namen
der Erzengel und Engel. Die niedrigsten Geistlichen, wie etwa
unsere Diakone und Sakristane, segnen mit dem Weihwedel,
der als eine unbegrenzte Zahl von segnenden Fingern zu betrachten ist. Dies ist bei aller vereinfachenden Kürze das ganze
Thema, argumentum omni denudatum ornamento. Ich würde
darüber ohne weiteres zwei solche Bände schreiben!«
Und in seiner Begeisterung schlug er auf eine Folioausgabe
der Schriften des heiligen Chrysostomus, unter deren Gewicht sich der Tisch bog.
D’Artagnan fuhr zusammen.
»Ich verkenne keineswegs die Schönheiten dieses Themas«,
entgegnete Aramis, »andererseits kann ich nicht übersehen,
daß es für mich zu schwer ist. Ich hatte einen anderen Text gewählt. Sagt mir doch, lieber d’Artagnan, wie er Euch gefällt:
Non inutile est desiderium in oblatione, oder in freier Übersetzung: Bei einem dem Herrn dargebrachten Opfer kann ein
wenig Bedauern nie schaden.«
»Halt!« rief der Jesuit. »Das grenzt an Ketzerei. In der
Schrift ›Augustinus‹, des Ketzervaters Jansenius, die früher
oder später auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden wird,
findet sich eine ganz ähnliche Behauptung. Hütet Euch, junger Freund, Ihr neigt zu falschen Lehren! Denkt an Euer
Heil!«
»Denkt an Euer Heil!« wiederholte der Pfarrer und schüttelte schmerzlich den Kopf.
»Ihr berührt damit die berühmte Frage nach dem freien Willen, und das ist eine tödliche Klippe. Ihr fallt rettungslos in die
Irrtümer der Pelagianer und der Semipelagianer zurück!«
»Aber Hochwürden …«, versetzte Aramis, ein wenig betäubt von den Argumenten, die auf ihn herabprasselten.
290
»Wie wollt Ihr beweisen«, fiel ihm der Jesuit ins Wort, »daß
man die Welt bedauern soll, wenn man sich Gott zum Opfer
bringt? Da ergibt sich doch folgendes Dilemma: Gott ist
Gott, und die Welt ist der Teufel. Die Welt bedauern heißt
also den Teufel bedauern; das ist jedenfalls mein Schluß!«
»Und auch der meine!« bestätigte der Pfarrer.
»Aber erlaubt …«
»Desideras diabolum, Unglückseliger!« rief der Jesuit.
»Er bedauert den Teufel!« seufzte der Pfarrer. »Ach, junger Freund, tut das nicht, bedauert den Teufel nicht, ich flehe
Euch an!«
Dem Gascogner wurde allmählich schwach. Er glaubte sich
in ein Tollhaus versetzt und fürchtete, am Ende noch selber
verrückt zu werden. Nur mußte er wohl oder übel schweigen, da er ja kaum die Sprache verstand, die hier gesprochen
wurde.
»Aber hört mich doch an!« bat Aramis mit einer Stimme,
die bei aller Höflichkeit eine leichte Ungeduld verriet. »Ich
sage ja gar nicht, daß ich etwas bedaure …, nein, ich werde
nie jenen Satz aussprechen, der nicht orthodox ist …«
Der Jesuit hob die Arme zum Himmel, und der Pfarrer tat
es ihm nach.
»Nein, aber gebt wenigstens zu, daß es einem schlecht ansteht, dem Herrn nur etwas opfern zu wollen, was einem
restlos zuwider ist! Hab ich nicht recht, d’Artagnan?«
»Das will ich meinen, Kreuzdonnerwetter noch mal!« rief
der Gascogner.
Der Pfarrer und der Jesuit fuhren von ihren Stühlen auf.
»Mein Ausgangspunkt ist folgender Syllogismus: Die Welt
ist nicht ohne Reize, ich verlasse die Welt, folglich bringe ich
ein Opfer; nun steht aber ganz deutlich geschrieben: Bringet
Opfer dem Herrn!«
»Das ist wahr!« räumten die Gegner ein.
»Überdies«, fuhr Aramis fort, während er sich in das Ohrläppchen kniff, damit es rot wurde – so wie er die Hände hochzuhalten pflegte, damit sie möglichst weiß schimmerten,
ȟberdies habe ich diesen Gedanken in einem Ringelgedicht
festgehalten, das ich im vorigen Jahr Herrn Voiture vortrug,
dem es ausnehmend gut gefiel.«
291
»Ein Ringelgedicht!« sagte verächtlich der Jesuit.
»Ein Ringelgedicht!« kam das Echo des Pfarrers.
»Los, das müßt Ihr uns vortragen!« rief d’Artagnan. »Da
kommen wir ein bißchen auf andere Gedanken!«
»Aber nein, es ist ein frommes Gedicht«, entgegnete Aramis. »Es ist gewissermaßen Theologie in Versen.«
»Teufel!« versetzte d’Artagnan.
»Es geht so«, sagte Aramis mit einer Bescheidenheit, die
nicht ganz überzeugend wirkte:
»Der du beklagst des Glücks vergänglich Währen
Und freudlos lebst im öden Augenblick,
Du endest all dein trauriges Geschick,
Wenn du bereit, das Opfer deiner Zähren
Fortan nur Ihm, dem Vater, zu verehren.«
D’Artagnan und der Pfarrer schienen sehr angetan, aber
der Jesuit beharrte auf seiner Meinung.
»Hütet Euch vor profanen Neigungen im theologischen
Gewand! Wie sagt doch der heilige Augustinus? Severus sit
clericorum sermo!«
»Ja, die Rede sei klar!« sagte der Pfarrer.
»Eure These«, warf der Jesuit schnell ein, als er sah, mit
welch fragwürdigen Lateinkenntnissen sein Amtsbruder aufwartete, »wird sicherlich den Damen gefallen, mehr aber auch
nicht; da allerdings kann sie ebenso beifällig aufgenommen
werden wie ein Plädoyer des Herrn Patru!«
»Wollte Gott, es wäre so!« konnte sich Aramis nicht enthalten auszurufen.
»Da seht Ihr es ja!« versetzte der Jesuit. »Aus Euch spricht
noch immer die Welt mit lauter Stimme, altissima voce. Ihr
wandelt auf weltlichen Pfaden, junger Freund, und ich zittere, ob Ihr je der Gnade teilhaftig werdet!«
»Beruhigt Euch, Hochwürden, ich bin meiner Sache sicher!«
»Weltliche Anmaßung!«
»Ich kenne mich, mein Vater, und mein Entschluß ist unwiderruflich.«
»Ihr wollt also unbedingt an Eurer These weiterarbeiten?«
»Ich fühle mich berufen, diese und keine andere zu behandeln. Ich werde also in meiner Arbeit fortfahren, hoffe
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jedoch, daß Ihr morgen zufrieden sein werdet, wenn Ihr die
Verbesserungen seht, die ich daran vorzunehmen gedenke.«
»Arbeitet langsam!« riet der Pfarrer. »Wir lassen Euch in
vorzüglicher Verfassung zurück.«
»Ja, der Samen ist ausgestreut«, sagte der Jesuit, »und wir
brauchen nicht zu befürchten, daß die Saat auf steinigen Boden gefallen ist oder von den Vögeln des Himmels aufgepickt
wird, aves coeli comederunt illam.«
»Hol dich die Pest mitsamt deinem Latein!« murmelte
d’Artagnan, der sich am Ende seiner Kräfte fühlte.
»Lebt wohl, mein Sohn«, sagte der Pfarrer, »bis morgen!«
»Bis morgen, junger Himmelsstürmer«, schloß sich der Jesuit an. »Ihr versprecht, eine Leuchte der Kirche zu werden;
gebe der Himmel, daß dieses Licht kein verheerendes Feuer
werde!«
Die beiden Schwarzröcke erhoben sich, grüßten Aramis
und d’Artagnan und schickten sich zum Gehen an. Bazin,
der an der Tür stehengeblieben war und das ganze Streitgespräch mit frommem Jubel angehört hatte, eilte ihnen entgegen, nahm das Brevier des Pfarrers und das Meßbuch des
Jesuiten und schritt feierlich vor ihnen her, um ihnen den
Weg zu bahnen.
Aramis geleitete sie bis an den Fuß der Treppe und kehrte
dann rasch zu seinem Freunde zurück, der noch immer wie
betäubt dasaß.
Nun sie endlich allein waren, herrschte zunächst ein betretenes Schweigen, aber da einer von ihnen es brechen mußte
und d’Artagnan entschlossen schien, diese Ehre seinem Freund
zu überlassen, begann Aramis schließlich:
»Wie Ihr seht, habe ich zu meinen ursprünglichen Absichten zurückgefunden.«
»Ja, Ihr seid der Gnade teilhaftig geworden, so sagt man
doch wohl?«
»Oh, ich hatte seit langem vor, der Welt zu entsagen; gewiß habt auch Ihr mich schon davon sprechen hören, oder
etwa nicht, lieber Freund?«
»Doch, doch, ich dachte nur, offen gestanden, Ihr machtet
Euch lustig.«
»Über solche Dinge? Aber, d’Artagnan!«
293
»Herrgott, man macht sich auch über den Tod lustig!«
»Sehr zu Unrecht, mein Freund, denn der Tod ist die
Pforte, die in die Verdammnis oder in die Seligkeit führt.«
»Zugegeben; aber bitte, lassen wir jetzt die Theologie! Es
war ja wohl auch genug für heute, und was mich betrifft, so
habe ich das bißchen Latein, das ich sowieso nie konnte, restlos verschwitzt. Außerdem muß ich Euch sagen, daß ich seit
heute vormittag nichts mehr gegessen habe und daß mir ganz
verteufelt der Magen knurrt!«
»Wir essen bald, lieber Freund; aber bedenkt, daß wir heute
Freitag haben und daß es mir an einem solchen Tag unmöglich ist, Fleisch zu essen oder auch nur zu sehen. Wenn Ihr
Euch mit meinem Essen begnügen wollt? Es besteht aus
Obst und Tetragonen.«
»Hm!« schluckte d’Artagnan, »was versteht Ihr denn unter Tetragonen?«
»Spinat, mein Lieber«, versetzte Aramis. »Aber für Euch
werde ich ein paar Eier hinzufügen lassen, was immerhin
einen schweren Verstoß gegen das Fastengebot bedeutet,
denn Ihr wißt, auch Eier sind Fleisch, da aus ihnen die Hühner hervorgehen.«
»Das ist ja nun gerade kein Festschmaus, aber gleichviel,
ich nehme es hin, um in Eurer Gesellschaft zu bleiben.«
»Ich bin Euch für dieses Opfer dankbar, und mag auch
Euer leibliches Wohl darunter leiden. Eure Seele kann daran
nur gewinnen, glaubt mir das!«
»Ihr wollt also wahrhaftig Priester werden, Aramis? Was
werden Eure Freunde, was wird Herr de Treville sagen? Sie
werden in Euch einen Abtrünnigen sehen, das kann ich Euch
jetzt schon sagen!«
»Ja, einen Abtrünnigen, der nach einer Zeit der Untreue
nun wieder zu seiner wahren Berufung zurückgefunden hat,
denn Ihr wißt, daß ich nur widerstrebend den Musketierrock
angezogen habe.«
»Nein, das ist mir neu.«
»Ihr wißt nicht, wie ich das Seminar verlassen habe?«
»Keine Ahnung.«
»Dann will ich es Euch erzählen; es steht ja auch geschrieben: Beichtet einander … Und so beichte ich Euch denn.«
294
»Und ich gebe Euch im voraus Absolution; Ihr seht, ich
bin ein umgänglicher Mensch.«
»Mit solch heiligen Dingen spaßt man nicht, lieber Freund!«
»Also fangt an, ich bin ganz Ohr!«
»Seit meinem neunten Lebensjahr war ich im Seminar, nur
noch drei Tage fehlten an meinem zwanzigsten, dann sollte ich
Abbé werden. Als ich mich eines Abends in einem Haus befand, das ich gern und oft aufsuchte – man ist jung, man ist
schwach, was wollt Ihr? –, trat plötzlich unangemeldet ein Offizier ein, den es offensichtlich schon lange wurmte, daß ich
der Dame des Hauses aus dem Leben der Heiligen vorzulesen
pflegte. An jenem Abend hatte ich nun eine Episode aus der Judithgeschichte übersetzt, und nachdem die Dame mir alle möglichen Komplimente über meine Verse gemacht hatte, beugte
sie sich über meine Schulter, und wir lasen sie gemeinsam noch
einmal. Diese Stellung, die zugegebenermaßen etwas ungezwungen war, verletzte den Offizier. Er sagte zwar nichts, aber
als ich ging, kam er hinter mir her und stellte mich zur Rede.
›Herr Abbé‹, sagte er, ›seid Ihr ein Freund von Stockschlägen?‹
›Das kann ich Euch nicht sagen‹, antwortete ich, ›denn bisher hat noch niemand gewagt, mir welche anzubieten.‹
›Dann hört gut zu, Herr Abbé‹, versetzte er darauf, ›wenn
Ihr Euch noch einmal in dem Haus sehen laßt, wo ich Euch
heute getroffen habe, werde ich es bestimmt wagen!‹
Ich glaube, ich bekam Angst, jedenfalls wurde ich kreideweiß und fühlte, wie mir die Beine versagten; ich suchte verzweifelt nach einer Antwort, und da ich keine fand, schwieg
ich. Als der Offizier sah, daß ich anscheinend die Sprache
verloren hatte, lachte er auf, wandte mir den Rücken und
kehrte in das Haus zurück. Ich aber machte mich auf den
Heimweg ins Seminar.
Ich bin ein guter Edelmann und gerate schnell in Hitze,
wie Ihr wohl schon bemerkt habt, lieber d’Artagnan. Die Beleidigung war furchtbar, und wenn auch niemand sonst davon wußte, so fraß sie sich nur um so schmerzhafter in mein
Herz. Ich erklärte daher meinen Oberen, daß ich mich noch
nicht genügend vorbereitet fühlte, die Priesterweihe zu empfangen, und auf meine Bitte verschob man sie um ein Jahr.
295
Dann suchte ich den besten Fechtmeister von Paris auf
und vereinbarte mit ihm für jeden Tag eine Fechtstunde.
Diese eine Stunde täglich nahm ich ein ganzes Jahr lang. Genau am Jahrestag jener Beleidigung hängte ich meine Soutane an den Nagel, kleidete mich ganz wie ein Kavalier und
ging auf einen Ball, den eine mir befreundete Dame gab und
den, wie ich wußte, auch mein Offizier besuchen würde.
Er war tatsächlich da; ich näherte mich ihm, als er gerade ein
Liebeslied sang und dabei einer Dame zärtlich in die Augen
sah, und unterbrach ihn mitten in der zweiten Strophe.
›Mein Herr‹, sagte ich, ›mißfällt es Euch noch immer, wenn
ich mich in einem gewissen Haus in der Rue Payenne sehen
lasse, und werdet Ihr mir noch immer Stockschläge anbieten,
falls ich keine Lust habe, Euch zu gehorchen?‹
Der Offizier musterte mich erstaunt und fragte:
›Was wollt Ihr von mir? Ich kenne Euch nicht.‹
›Ich bin der kleine Abbé‹, antwortete ich, ›der aus dem Leben der Heiligen vorliest und das Buch Judith in Verse überträgt.‹
›Ah, jetzt erinnere ich mich!‹ rief der Offizier spöttisch.
›Und was wollt Ihr?‹
›Ich wollte Euch bitten, einen kleinen Spaziergang mit mir
zu machen.‹
›Morgen früh, wenn es recht ist; dann soll es mir ein Vergnügen sein.‹
›Nein‹, sagte ich, ›nicht erst morgen, wenn ich bitten darf,
sondern sofort!‹
›Nun, wenn Ihr darauf besteht …‹
›Allerdings, mein Herr!‹
›Gut, gehen wir!‹ sagte der Offizier. ›Die Damen wollen
mich bitte entschuldigen, ich muß nur rasch diesen Herrn abfertigen, dann komme ich wieder und singe das Lied zu Ende.‹
Wir gingen. Ich führte ihn in die Rue Payenne, genau an die
Stelle, wo er mir ein Jahr zuvor um dieselbe Stunde das bewußte Kompliment gemacht hatte. Es war heller Mondschein.
Wir zogen die Degen, und schon beim ersten Ausfall traf ich
ihn tödlich.«
»Teufel!« rief d’Artagnan.
»Da nun die Damen«, fuhr Aramis fort, »ihren Sänger nicht
296
zurückkommen sahen und man ihn alsbald in der Rue Payenne
mit einem mächtigen Degenstich im Leib fand, sagte man sich
sofort, daß nur ich ihn so zugerichtet haben konnte. Die Sache
erregte ziemliches Aufsehen, ich mußte mich daher für einige
Zeit der Soutane begeben. Athos, den ich damals kennenlernte,
und Porthos, der mir außerhalb meiner Fechtstunden ein paar
gute Coups beigebracht hatte, überredeten mich, um Aufnahme bei den Musketieren nachzusuchen. Der König hatte
meinen Vater, der beim Sturm auf Arras fiel, sehr geschätzt,
und so wurde ich aufgenommen. Jetzt werdet Ihr begreifen,
warum ich heute wieder in den Schoß der Kirche zurückkehre.«
»Ja, aber warum nur heute mehr als gestern oder morgen?
Was ist denn geschehen, daß Ihr gerade heute auf so dumme
Gedanken kommt?«
»Diese Verwundung, lieber d’Artagnan, war mir ein Zeichen des Himmels.«
»Eure Verwundung? Ach was, die Schulter ist ja fast ausgeheilt, und ich bin sicher, daß Euch heute eine andere Wunde
weit heftiger schmerzt!«
»Welche denn?« fragte Aramis und wurde rot.
»Eine tiefe, brennende Wunde in Euerm Herzen, Aramis,
eine Wunde, die Euch eine Frau zugefügt hat.«
Die Augen des Musketiers funkelten unwillkürlich auf.
»Ach«, sagte er und versuchte, seine Bewegung unter einer
gespielten Nachlässigkeit zu verbergen, »laßt doch diese
Dinge! Wie sollte ich an derartiges denken, gar noch Liebeskummer haben? Vanitas vanitatum! Ihr meint wohl, es habe
mir jemand den Kopf verdreht? Aber wer denn? Vielleicht irgendeine Grisette, irgendein Kammerzöfchen, dem ich den
Hof gemacht habe? Bah!«
»Verzeiht, lieber Freund, aber mir schien, Euer Herz hätte
nach Höherem gezielt.«
»Nach Höherem? Aber was bin ich denn, daß ich mir einen
solchen Ehrgeiz erlauben könnte? Ein bettelarmer, gänzlich
unbekannter Musketier, der die Abhängigkeit haßt und sich
in der Welt höchst fehl am Platze vorkommt!«
»Aramis! Aramis!« rief d’Artagnan und schaute seinen
Freund zweifelnd an.
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»Staub bin ich, und zu Staub kehre ich zurück«, fuhr er düster fort. »Das Leben ist voller Erniedrigungen und Schmerzen; alle Fäden, die uns an das Glück binden, zerreißen nach
und nach in unseren Händen, besonders die goldenen Fäden.
Oh, glaubt mir, mein lieber d’Artagnan«, und hier bekam
seine Stimme einen Anflug von Bitterkeit, »wann immer Ihr
Wunden habt, versteckt sie gut! Schweigen ist die letzte
Freude des Unglücklichen. Hütet Euch, irgend jemand eine
Spur Eures Herzens zu verraten, denn die Neugierigen weiden sich an unseren Tränen wie die Fliegen am Blut eines verwundeten Hirsches!«
»Ach, lieber Freund«, sagte d’Artagnan und seufzte ebenfalls auf, »Ihr schildert ja genau meine Lage!«
»Wie?«
»Ja, eine Frau, die ich liebe, die ich anbete, wurde mir gewaltsam entführt. Und ich weiß nicht, wo sie ist, wohin man
sie geschleppt hat; vielleicht ist sie gefangen, vielleicht auch
schon tot.«
»Aber Ihr habt wenigstens den Trost, daß Ihr Euch sagen
könnt, sie hat Euch nicht freiwillig verlassen; und wenn sie
Euch keine Nachricht gibt, dann nur, weil man es ihr nicht
gestattet, während …«
»Während?«
»Ach nichts!«
»Ihr wollt also für immer der Welt entsagen? Ich meine, es
ist Euer unverrückbarer Entschluß?«
»Unverrückbar. Heute seid Ihr noch mein Freund, morgen
werdet Ihr nur mehr ein Schatten für mich sein, ja Ihr werdet überhaupt aufhören, für mich zu existieren. Und was im
übrigen die Welt betrifft, so ist sie ein einziges Grab und
sonst nichts.«
»Weiß der Himmel, was Ihr da sagt, ist aber verdammt
traurig!«
»Was wollt Ihr? Meine Berufung lockt mich sehr, sie entführt mich der Welt.«
D’Artagnan lächelte und sagte nichts. Aramis fuhr fort:
»Aber in der kurzen Zeit, die ich ihr noch gehöre, hätte
ich mich mit Euch gern über Euch und unsere Freunde unterhalten.«
298
»Und ich«, versetzte d’Artagnan, »hätte gern von Euch gesprochen, doch das alles ist Euch ja schon so fern gerückt; für
die Liebe habt Ihr nur Verachtung übrig, Eure Freunde sind
Schatten, und die Welt ist ein Grab.«
»Ach, Ihr werdet es noch selbst erfahren!« sagte Aramis
mit einem Seufzer.
»Gut, reden wir nicht mehr davon«, entgegnete d’Artagnan,
»und verbrennen wir den Brief, der Euch ja doch nur irgendeine neue Treulosigkeit Eurer Grisette oder Eures Kammerkätzchens vermelden kann!«
»Was für einen Brief?«
»Ein Brief, der während Eurer Abwesenheit in Eurer Wohnung eintraf und den man mir für Euch mitgegeben hat.«
»Aber von wem? Von wem ist der Brief?«
»Was weiß ich? Von irgendeiner tief betrübten Zofe oder
verzweifelten Grisette; vielleicht auch von der Kammerfrau
der Madame de Chevreuse, die mit ihrer Herrin nach Tours
zurückkehren mußte und die, um sich wichtig zu machen,
parfümiertes Papier genommen und ihren Brief mit einer
Herzogskrone versiegelt hat.«
»Was sagt Ihr da?«
»Nanu, ich hab ihn anscheinend verloren«, sagte der junge
Mann, während er so tat, als suche er in allen Taschen. »Ein
Glück nur, daß die Welt ein Grab ist, daß die Menschen und
folglich auch die Frauen bloß Schatten sind und daß die Liebe
ein Gefühl ist, über das Ihr nur die Nase rümpfen könnt!«
»D’Artagnan! D’Artagnan!« rief Aramis. »Willst du mich
töten?«
»Hoppla, da ist er ja!« sagte der Gascogner und zog den
Brief hervor.
Mit einem Satz war Aramis bei ihm, ergriff den Brief und
las oder vielmehr verschlang ihn. Sein Gesicht hellte sich auf,
strahlte.
»Euer Zöfchen hat offenbar einen angenehmen Stil«, sagte
d’Artagnan leichthin.
»Tausend Dank!« rief Aramis in halber Verzückung. »Sie
mußte nach Tours zurückkehren, sie ist mir nicht untreu, sie
liebt mich noch immer. Komm, mein Freund, laß dich umarmen! Ich weiß nicht, wohin vor Glück!«
299
Und die beiden Freunde begannen um den ehrwürdigen
Sankt Chrysostomus herumzutanzen, wobei sie auf den zu
Boden gefallenen Blättern der Aramisschen These wacker
herumstampften.
In diesem Augenblick trat Bazin mit dem Spinat und dem
Eierkuchen ein.
»Hebe dich weg, Unglückseliger!« rief Aramis und warf ihm
sein Käppchen an den Kopf. »Kehr dahin zurück, wo du hergekommen bist, und nimm diesen scheußlichen Spinat und
diesen gräßlichen Eierkuchen wieder mit! Bestelle statt dessen einen gespickten Hasen, einen fetten Kapaun, eine saftige
Hammelkeule mit Knoblauch und dazu vier Flaschen alten
Burgunder!«
Bazin, der seinen Herrn entgeistert anstarrte und sich diesen Stimmungsumschwung überhaupt nicht erklären konnte,
ließ melancholisch den Eierkuchen in den Spinat und den
Spinat aufs Parkett rutschen.
»Das ist der richtige Augenblick, Euer Leben dem König
der Könige zu weihen«, sagte d’Artagnan, »sofern es Euch
darum zu tun ist, ihm wirklich etwas zu schenken: Non inutile desiderium in oblatione!«
»Ach, geht zum Teufel mit Euerm Latein! Trinken wir lieber,
mein Freund, trinken wir, was das Zeug hält, ja saufen wir uns
voll, und dabei erzählt Ihr mir, wie es Euch und den andern
ergangen ist!«
Athos’ Frau
»Nun möchte ich nur noch wissen, wie es um Athos steht«,
sagte d’Artagnan zu seinem wieder munter gewordenen
Freund, nachdem er ihm alles berichtet hatte, was in der Zwischenzeit geschehen war, und nachdem ein ausgezeichnetes
Essen den einen seine These, den anderen seine Müdigkeit
hatte vergessen lassen.
»Glaubt Ihr denn, daß ihm ein Unglück zugestoßen ist?«
fragte Aramis. »Athos ist doch so kaltblütig und unerschrocken, zudem versteht er es glänzend, mit dem Degen
umzugehen.«
300
»Gewiß, und niemand weiß seinen Mut und seine Fechtkünste mehr zu schätzen als ich; aber ich wehre mit meinem
Degen lieber Lanzenstiche als Stockprügel ab, und ich
fürchte, daß das ganze Gesinde über Athos hergefallen ist.
Fangen diese Knechte aber erst mal an loszuschlagen, dann
hören sie so bald nicht wieder auf. Aus diesem Grund möchte
ich möglichst rasch weiter nach Amiens.«
»Ich will sehen, daß ich Euch begleiten kann, obwohl ich
mich kaum in der Lage fühle, auch nur aufs Pferd zu steigen.
Gestern habe ich die Geißel versucht, die Ihr dort an der
Wand seht, aber der Schmerz ließ mich von dieser frommen
Übung Abstand nehmen.«
»Ich habe auch noch nie gehört, lieber Freund, daß man
eine durchschossene Schulter mit Geißelhieben geheilt hat.
Aber Ihr wart krank, und da wird einem leicht schwach im
Kopf, weshalb ich Euch diesen Irrtum nachsehe.«
»Und wann wollt Ihr fort?«
»Morgen in aller Frühe. Ruht Euch heute nacht gut aus,
und wenn Ihr könnt, reiten wir morgen zusammen!«
»Also bis morgen!« sagte Aramis. »Denn auch Ihr braucht
Schlaf, so eisern Ihr seid.«
Als d’Artagnan am anderen Morgen bei Aramis eintrat,
fand er ihn am Fenster stehen.
»Was gibt’s denn da zu sehen?« fragte er.
»Ich bewundere diese drei herrlichen Pferde, die von den
Stallburschen im Zaum gehalten werden. Es muß ein königliches Vergnügen sein, auf einem solchen Tier zu reiten.«
»Nun, dieses Vergnügen könnt Ihr haben, lieber Aramis,
denn eins dieser Pferde gehört Euch.«
»Ach was? Welches denn?«
»Welches Ihr wollt, mir ist es gleich!«
»Und das prächtige Sattelzeug gehört auch mir?«
»Natürlich.«
»D’Artagnan, Ihr macht Euch über mich lustig!«
»Dazu ist keine Veranlassung mehr, seit Ihr nicht mehr Latein redet.«
»Das alles soll mir gehören? Diese vergoldeten Pistolenhalfter, diese Samtschabracke und dieser silberbeschlagene
Sattel?«
301
»Alles.«
»Himmel, diese drei Pferde sind einfach märchenhaft!«
»Es freut mich, daß sie Euch gefallen.«
»Die hat Euch wohl der König geschenkt?«
»Bestimmt nicht der Kardinal; aber sorgt Euch nicht, woher sie kommen, sondern begnügt Euch mit dem Gedanken,
daß eines der Tiere Euer Eigentum ist.«
»Ich nehme das, das der rote Stallbursche hält!«
»Ausgezeichnet!«
»Herrgott«, rief Aramis, »da verfliegt der letzte Schmerz!
Mit dreißig Kugeln im Leib würde ich mich da hinaufschwingen! Und wie prächtig die Steigbügel sind! Heda, Bazin, wo
steckst du? Komm sofort her!«
Mit düsterer, vorwurfsvoller Miene erschien Bazin auf der
Türschwelle.
»Putz meinen Degen, bring meinen Hut in Ordnung, bürste
meinen Mantel aus und lade meine Pistolen!«
»Das letztere ist unnötig«, bemerkte d’Artagnan, »in den
Satteltaschen findet Ihr bereits geladene Pistolen!«
Bazin seufzte.
»Beruhige dich nur, Meister Bazin!« fügte d’Artagnan hinzu. »Einen Platz im Himmelreich kann man sich überall verdienen.«
»Der gnädige Herr war schon ein so guter Theologe«, jammerte Bazin, »er wäre bestimmt Bischof, wenn nicht sogar
Kardinal geworden!«
»Aber mein lieber Bazin, überleg doch mal, was nützt es,
ein Mann der Kirche zu sein? Man kommt deshalb doch nicht
daran vorbei, in den Krieg zu ziehen. Du sollst sehen, beim
ersten Feldzug stülpt sich der Kardinal Richelieu den Helm
auf den Kopf und nimmt die Partisane in die Hand! Und was
sagst du zu Herrn de La Valette? Der ist auch Kardinal, aber
frag mal seinen Diener, wie oft er seinem Herrn schon einen
Verband angelegt hat!«
»Ach, gnädiger Herr«, seufzte Bazin, »ich weiß ja, daß
heutzutage alles in der Welt verdreht ist!«
Darüber waren die beiden jungen Leute und der unglückliche Bazin im Hof angelangt.
»Halt mir den Steigbügel!« sagte Aramis zu seinem Diener.
302
Dann hob er sich mit gewohnter Eleganz und Leichtigkeit
in den Sattel; aber schon nach wenigen Sprüngen und Wendungen des edlen Tieres verspürte der Reiter so unerträgliche
Schmerzen, daß er erbleichte und wankte. D’Artagnan, der
das vorausgesehen und ihn daher nicht aus den Augen gelassen hatte, sprang hinzu, fing ihn in seinen Armen auf und
führte ihn ins Zimmer zurück.
»Laßt gut sein, Aramis!« sagte er. »Pflegt Euch erst noch
ein Weilchen, während ich mich nach Athos umschauen
werde!«
»Ihr seid wirklich ein eisenharter Bursche«, erwiderte der
Freund.
»Ach was, ich habe nur Glück, das ist alles. Aber womit
werdet Ihr Euch inzwischen die Zeit vertreiben? Bloß nicht
mit Traktaten über die Finger und das Segnen, wie?«
Aramis lächelte.
»Ich will ein wenig dichten«, sagte er.
»Ja, dichtet, schreibt blumige Verse, die ebenso duften wie
das Briefchen der Zofe von Madame de Chevreuse! Und
lehrt Euern Bazin die Gesetze der Metrik, das wird ihn trösten! Und versucht Euch jeden Tag ein wenig auf dem Pferd,
damit Ihr Euch wieder daran gewöhnt!«
»Oh, da seid ganz unbesorgt; wenn Ihr zurückkommt, bin
ich bestimmt so weit, daß ich Euch folgen kann!«
Sie nahmen Abschied, und zehn Minuten später trabte
d’Artagnan, nachdem er seinen Freund der Obhut Bazins
und der Wirtin empfohlen hatte, mit seinem Diener bereits
auf der Straße nach Amiens.
Wie würde er Athos wiederfinden? Und würde er ihn überhaupt wiederfinden?
Er hatte ihn in einer kritischen Lage zurückgelassen, in der
er durchaus den kürzeren gezogen haben konnte. Bei diesem
Gedanken verfinsterte sich seine Stirn, er stöhnte leise auf
und murmelte furchtbare Racheschwüre vor sich hin. Von
den drei Freunden war Athos der älteste und stand ihm, was
ihre Ansichten und Neigungen betraf, scheinbar am fernsten.
Dennoch fühlte er sich gerade zu diesem Edelmann besonders hingezogen. Ein edles, vornehmes Äußeres, eine innere
Größe, die zuweilen blitzartig aus dem Dunkel aufleuchtete,
303
mit dem er sich freiwillig umgab, ein gleichbleibend ruhiges
Auftreten, das ihn zum angenehmsten Gefährten machte, ein
etwas erzwungener, grimmiger Humor, ein Mut, den man
blind hätte nennen müssen, wäre er nicht das Ergebnis einer
einzigartigen Kaltblütigkeit gewesen, soviel ungewöhnliche
Eigenschaften weckten in d’Artagnan mehr als nur Gefühle
der Achtung und der Freundschaft, sie forderten ganz einfach seine Bewunderung heraus.
An seinen guten Tagen konnte Athos sogar mit dem eleganten Hofmann Treville jeden Vergleich aushalten. Er war
mittelgroß, aber von so ebenmäßiger, wohlgebildeter Gestalt,
daß er selbst den riesenhaften, bärenstarken Porthos, dessen
Körperkraft unter den Musketieren sprichwörtlich war, mehr
als einmal bezwungen hatte. Sein Gesicht mit dem durchdringenden Blick, der geraden Nase und dem Kinn eines Brutus hatte etwas unerfindlich Großartiges und zugleich Anmutiges; seine Hände, auf deren Pflege er kaum achtete,
brachten Aramis zur Verzweiflung, der die seinen ständig mit
Mandelmilch und wohlriechenden Ölen behandelte; seine
Stimme klang kräftig und doch melodisch. Am geheimnisvollsten aber war, daß er bei aller geflissentlichen Zurückhaltung immer wieder gleichsam unbewußt eine erstaunliche
Weltkenntnis und Vertrautheit mit den höchsten Kreisen verriet.
Handelte es sich um ein Festmahl, so verstand es Athos
wie kein zweiter, jedem Gast den Platz zuzuweisen, der ihm
seinem ererbten oder selbsterworbenen Rang nach zukam.
Er kannte alle vornehmen Familien des Königreiches, ihre
Genealogie, ihre Verbindungen, ihre Wappen und deren Ursprung. Er war mit der Etikette so gut vertraut wie mit den
Rechten der Großgrundbesitzer, und seine Kenntnisse von
der Jagd und namentlich von der Vogelbeize hatten einmal
sogar Ludwig XIII., der als großer Jäger galt, in Staunen versetzt.
Wie alle vornehmen Herren jener Zeit, war er ein glänzender Reiter und Fechter. Darüber hinaus war seine Erziehung, was man damals allerdings nur sehr selten bei Edelleuten fand, auch im Hinblick auf scholastische Studien so
wenig vernachlässigt worden, daß er über die lateinischen
304
Brocken, die Aramis hier und da in die Unterhaltung einflocht und die Porthos zu verstehen vorgab, nur lächeln
konnte; nur einige wenige Male hatte er zur Verblüffung seiner Freunde einen groben Regelverstoß richtiggestellt, der
Aramis unterlaufen war. Bei alledem war seine Lauterkeit unantastbar, und das in einem Jahrhundert, in dem es die
Kriegsleute mit dem Glauben und dem Gewissen, die Verliebten mit der strengen Moral unserer Tage und die Armen
mit dem siebenten Gebot so wenig ernst nahmen. Athos war
also zweifellos ein ungewöhnlicher Mensch.
Und doch sah man ihn mehr und mehr einem Leben
grober Genüsse verfallen, so wie alte Leute unaufhaltsam
ihrem körperlichen und geistigen Verfall entgegengehen. In
seinen Mußestunden, die nicht selten waren, erlosch alles
Strahlende an ihm und tauchte wie in dunkler Nacht unter.
Dann blieb von dem Halbgott kaum noch ein Mensch übrig.
Mit gesenktem Kopf, mattem Blick und schwerer Zunge
starrte er stundenlang seine Flasche und sein Glas an oder
auch Grimaud, der in dem stummen Blick seines Herrn jeden Wunsch las und sofort erfüllte. Trafen die vier Freunde
an einem solchen Tag zusammen, so war ein mühsam hervorgestoßenes Wort das einzige, was Athos zur Unterhaltung beisteuerte. Statt dessen trank er für vier, ohne daß man
ihm davon etwas ansah, es sei denn, daß er die Stirn in noch
tiefere Falten zog und eine noch verschlossenere Miene aufsetzte.
D’Artagnan, dessen neugierigen und hellen Verstand wir bereits kennen, hatte trotz eifrigen Forschens noch keine Erklärung für dieses seltsame Verhalten finden können. Niemals
empfing Athos Briefe, nie unternahm er etwas, was seinen
Freunden nicht bekannt gewesen wäre.
Man konnte nicht sagen, daß die Traurigkeit vom Wein
kam, vielmehr trank er im Grunde nur, um sie zu verscheuchen, wobei dieses Mittel allerdings seine Schwermut nur
noch steigerte. Aber es konnte auch nicht am Spiel liegen,
denn im Gegensatz zu Porthos, der Gewinn und Verlust mit
lautem Jubel oder mit nicht minder lauten Flüchen begleitete, blieb er bei allen Wechselfällen des Glücks gleich unbeteiligt. Man hatte ihn im Kreise der Musketiere eines Abends
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tausend Dukaten gewinnen, sie mitsamt dem goldbestickten
Gürtel seiner Galauniform verlieren und schließlich alles und
noch hundert Dukaten dazu wiedergewinnen sehen, ohne
daß seine schönen schwarzen Brauen sich auch nur um eine
Spur gehoben oder gesenkt und seine Hände die leiseste Erregung verraten hätten, ja ohne daß seine Unterhaltung, die
an jenem Abend angenehm war, auch nur einen Augenblick
aufgehört hätte, ruhig und angenehm zu sein.
Es konnte endlich auch nicht am Wetter liegen wie bei unseren englischen Nachbarn, denn gerade an den schönsten
Tagen des Jahres pflegte seine Schwermut besonders düster
zu sein; so war der Frühling, der andere Menschen gerade
hoffnungsfroh stimmt, für Athos die schlimmste Zeit.
Um die Gegenwart sorgte er sich nicht, und wenn man von
der Zukunft sprach, zuckte er die Achseln; des Rätsels Lösung mußte also in der Vergangenheit liegen, wie man es
d’Artagnan gegenüber einmal angedeutet hatte.
Dieses geheimnisvolle Dunkel, das den Musketier umhüllte, machte ihn um so interessanter, als er selbst in der
größten Trunkenheit weder mit Worten noch mit Blicken irgend etwas verriet, so geschickt man ihn auch auszufragen
suchte.
»Ach«, sagte d’Artagnan vor sich hin, »der arme Athos ist
jetzt vielleicht schon tot, und das durch meine Schuld, denn
ich habe ihn in diese Sache hineingezogen, von deren Anlaß
er nichts wußte, deren Ergebnis er nie erfahren wird und von
der er nicht den mindesten Vorteil hat!«
»Gar nicht davon zu reden, gnädiger Herr«, ließ sich neben ihm Planchets Stimme vernehmen, »daß wir ihm wahrscheinlich das Leben verdanken. Wißt Ihr noch, wie er uns
zurief, wir sollten uns davonmachen? Und wie gewaltig hat
er mit seinem Degen dreingeschlagen, nachdem er seine beiden Pistolen abgefeuert hatte! Ein Lärm war das wie von
zwanzig Mann, was sage ich, wie von zwanzig wütenden Teufeln!«
Diese Worte verdoppelten d’Artagnans Eifer; er spornte
sein Pferd an, das allerdings keines Ansporns bedurfte, um
seinen Reiter im schnellsten Galopp fortzutragen. Gegen elf
Uhr tauchte am Horizont Amiens auf, und nach einer wei306
teren halben Stunde hielt man vor der Tür der verwünschten
Herberge.
D’Artagnan hatte in Gedanken an den schurkischen Wirt
wiederholt über einem jener großartigen Rachepläne gebrütet, die allein durch die Möglichkeit, die sie für später eröffnen, schon trösten. Den Hut tief in die Stirn gezogen, die
linke Hand am Degenknauf, in der rechten die Reitpeitsche,
die er ein paarmal durch die Luft sausen ließ, so trat er ins
Haus.
»Erkennt Ihr mich wieder?« fragte er den Wirt, der ihm
entgegeneilte, um ihn zu begrüßen.
»Nein, gnädiger Herr, ich habe nicht die Ehre«, antwortete der Wirt, noch ganz geblendet von dem glänzenden Aufzug des Gascogners und seines Dieners.
»So, Ihr kennt mich nicht!«
»Nein, gnädiger Herr.«
»Dann muß ich wohl Euerm Gedächtnis ein bißchen nachhelfen. Was habt Ihr mit jenem Edelmann gemacht, den Ihr
vor ungefähr zwei Wochen unverschämterweise der Falschmünzerei bezichtigt habt?«
Der Wirt erbleichte, denn d’Artagnan hatte eine sehr drohende Haltung eingenommen, und Planchet zeigte sich
bemüht, es seinem Herrn gleichzutun.
»Ach, gnädiger Herr, sprecht bloß nicht davon!« rief der
Wirt im kläglichsten Ton, der ihm zu Gebote stand. »Ich habe
diesen Irrtum teuer genug bezahlt, edler Herr! Ach, Ihr wißt
ja nicht, was für ein unglücklicher Mensch ich bin!«
»Ich will wissen, was aus dem Edelmann geworden ist!«
»Wollt mir doch gütigst zuhören, gnädiger Herr, und habt
Nachsicht! Ein Stuhl gefällig, bitte schön?«
Stumm vor Zorn und Unruhe, nahm d’Artagnan drohend
wie ein Richter Platz, und Planchet baute sich stolz hinter
der Rückenlehne auf.
»Die Sache war so, gnädiger Herr«, fuhr der Wirt, am
ganzen Leibe zitternd, fort, »denn jetzt erkenne ich Euch
wieder; Ihr seid doch der Herr, der damals weggeritten ist, als
ich jenen unseligen Streit mit dem Edelmann hatte, von dem
Ihr sprecht.«
»Allerdings, der bin ich, und Ihr versteht wohl, daß Ihr
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keine Gnade zu erwarten habt, wenn Ihr nicht die volle Wahrheit sagt!«
»So leiht mir gütigst Euer Ohr, und Ihr werdet alles erfahren!«
»Ich höre.«
»Die Obrigkeit hatte mich vorher wissen lassen, daß ein
berüchtigter Falschmünzer mit einigen seiner Spießgesellen in
meinen Gasthof kommen würde, und zwar alle als Gardisten
oder Musketiere verkleidet. Eure Pferde, Eure Diener, Euer
Aussehen, alles war mir genauso angekündigt worden.«
»Weiter! Weiter!« drängte d’Artagnan, der sich sofort denken konnte, woher dieses vortreffliche Signalement stammte.
»Ich traf also auf Befehl der Behörden, die mir noch sechs
Mann Verstärkung schickten, gewisse Vorkehrungen, die mir
unerläßlich schienen, um mich der angeblichen Falschmünzer zu versichern.«
»Schon wieder!« rief d’Artagnan, den das Wort Falschmünzer gewaltig in Harnisch brachte.
»Verzeiht, gnädiger Herr, wenn ich solche Sachen sage,
aber sie sind ja gerade meine Entschuldigung! Die Behörden
hatten mir angst gemacht, und Ihr wißt, ein Wirt muß sich
immer gut mit seiner Obrigkeit stellen.«
»Herrgott noch mal, wo der Edelmann ist, will ich wissen!
Was habt Ihr mit ihm gemacht? Ist er tot? Lebt er noch?«
»Nur Geduld, gnädiger Herr, ich bin ja gleich soweit! Es
geschah also, was Ihr selbst erlebt habt, und Euer überstürzter Aufbruch schien unser Vorgehen zu rechtfertigen. Der
Edelmann, Euer Freund, setzte sich verzweifelt zur Wehr.
Sein Diener, der unvorhergesehenerweise mit den als Stallburschen verkleideten Polizisten in Streit geraten war …«
»Elender Wicht!« schrie d’Artagnan. »Ihr wart alle im besten Einvernehmen, und ich weiß wirklich nicht, weshalb ich
euch alle nicht auf der Stelle umbringe!«
»Ach nein, gnädiger Herr, von bestem Einvernehmen kann
gar keine Rede sein, wie Ihr noch hören werdet. Nachdem
Euer Freund – Verzeihung, wenn ich den zweifellos hochachtbaren Namen dieses Herrn nicht nenne, aber er ist mir
leider nicht bekannt –, nachdem also Euer werter Freund
zunächst zwei Mann durch Pistolenschüsse außer Gefecht
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gesetzt hatte, zog er sich fechtend zurück, wobei er mit seinem Degen einen meiner Leute niederstach und mich durch
einen Schlag mit der flachen Klinge betäubte …«
»Verdammter Henker, bist du bald fertig?« unterbrach ihn
d’Artagnan. »Athos! Sagt, was wurde aus Athos?«
»Als er sich, wie gesagt, kämpfend zurückzog, bemerkte er
hinter sich die Treppe zum Keller, dessen Tür offenstand; er
zog den Schlüssel ab und sperrte von innen zu. Da man sicher war, ihn dort jederzeit zu finden, ließ man von ihm ab.«
»Oja!« rief d’Artagnan, »man wollte ihn nicht unbedingt
töten, man wollte ihn nur einkerkern!«
»Gerechter Gott! Ihn einkerkern, gnädiger Herr? Ich
schwöre Euch, er hat sich selbst eingekerkert! Und vorher
hatte er ganz schön gewütet; ein Mann lag tot auf dem Platze,
zwei andere waren schwer verwundet. Der Tote und die beiden Verwundeten wurden von ihren Kameraden weggeschafft, und ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört. Als
ich wieder zur Besinnung kam, ging ich zum Herrn Gouverneur, erzählte ihm alles, was sich zugetragen hatte, und fragte
ihn, was mit dem Gefangenen geschehen sollte. Aber der
Herr Gouverneur schien aus allen Wolken zu fallen; er sagte,
er verstünde gar nicht, was ich von ihm wollte, er hätte nie
einen derartigen Befehl erteilt, und wenn ich ünglückseligerweise auf den Gedanken käme, einem Dritten gegenüber
zu behaupten, daß er mit diesem ganzen Krawall auch nur
das mindeste zu tun hätte, so würde er mich hängen lassen.
Mir war da offenbar ein Irrtum unterlaufen, gnädiger Herr, und
ich hatte den Falschen festgenommen, während derjenige,
auf den man es in Wahrheit abgesehen hatte, entkommen
konnte.«
»Aber Athos?« rief d’Artagnan, dessen Ungeduld nur
noch stieg, seit er wußte, wie wenig sich die Behörden der
Sache angenommen hatten. »Was ist aus Athos geworden?«
»Da ich mein Unrecht gegen den Gefangenen rasch wiedergutmachen wollte, eilte ich zur Kellertür, um ihm seine Freiheit
zurückzugeben. Aber das war ja kein Mensch mehr, gnädiger
Herr, das war ein wahrer Teufel! Als ich ihm sagte, er könne
unbesorgt herauskommen, erklärte er, das sei bestimmt eine
Falle und darum müsse er zuvor seine Bedingungen stellen.
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Ich antwortete ihm in aller Bescheidenheit, denn ich verhehlte mir keineswegs die schlimme Lage, in die ich mich
durch die Festnahme eines königlichen Musketiers gebracht
hatte, sehr demütig also antwortete ich ihm, daß ich alle seine
Bedingungen annehmen wollte. ›Gut‹, sagte er, ›dann soll
man mir erst einmal meinen Diener wiedergeben, und zwar
mitsamt seinen Waffen!‹ Wir beeilten uns, seinem Befehl
nachzukommen, denn Ihr könnt Euch denken, gnädiger
Herr, daß wir durchaus bereit waren, alles zu tun, was Euer
Freund von uns verlangte. Herr Grimaud – seinen Namen
weiß ich, denn obwohl er sehr schweigsam ist, hat er ihn uns
genannt –, Herr Grimaud wurde also trotz seiner Verletzungen in den Keller gelassen. Sein Gebieter nahm ihn in Empfang, dann verrammelte er abermals die Tür und befahl uns,
zu bleiben, wo wir waren.«
»Aber zum Henker«, rief d’Artagnan, »wo ist er? Wo ist
Athos jetzt?«
»Im Keller, gnädiger Herr.«
»Was, Ihr Unglücksmensch? Ihr haltet ihn die ganze Zeit
im Keller fest?«
»Da sei Gott davor! Wir ihn festhalten? Nein, gnädiger
Herr, Ihr wißt eben nicht, was er dort unten anstellt. Ach,
wenn Ihr ihn doch wieder herausbrächtet, ich wollte Euch
mein Leben lang dankbar sein und Euch wie meinen Schutzpatron verehren!«
»Er ist also noch unten? Und ich finde ihn dort?«
»Gewiß, gnädiger Herr, er will ja nicht herauskommen. Jeden Tag reichen wir ihm auf sein Verlangen Brot und Fleisch
an einer langen Forke durch das Kellerloch hinunter, aber leider sind Brot und Fleisch nicht die Dinge, die er am stärksten verkonsumiert. Einmal wollte ich mit zwei Knechten
hinabsteigen, aber da geriet er ganz schrecklich in Wut. Ich
hörte, wie er seine Pistolen und wie der Diener seine Muskete lud. Als wir darauf fragten, was sie vorhätten, antwortete der Herr, er und sein Diener hätten insgesamt vierzig
Kugeln und sie würden sie bis zur letzten verschießen, ehe
einer von uns den Keller beträte. Da ging ich noch einmal
zum Gouverneur und beschwerte mich, aber ich erhielt lediglich zur Antwort, mir geschähe ganz recht und in Zukunft
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würde ich mich wohl hüten, hochachtbare Herren zu beleidigen, die bei mir absteigen.«
»Und seit dieser Zeit …?« versetzte d’Artagnan, der unwillkürlich über das klägliche Gesicht des Wirtes lachen
mußte.
»Und seit dieser Zeit, gnädiger Herr, führen wir das traurigste Leben, das man sich vorstellen kann. Ihr müßt nämlich
wissen, daß unsere sämtlichen Vorräte sich im Keller befinden, unser Flaschenwein und unser Faßwein, das Bier, das Öl
und die Gewürze, der Speck und die Würste. Und da uns der
Keller versperrt ist, können wir unseren Gästen weder etwas
zu essen noch etwas zu trinken vorsetzen, so daß unsere
Wirtschaft von Tag zu Tag mehr verödet. Noch eine Woche
mit Euerm Freund im Keller, und wir sind ruiniert!«
»Und das wäre nicht mehr als recht und billig, alter Gauner! Habt Ihr uns vielleicht nicht angesehen, daß wir Leute
von Stand sind und keine Falschmünzer?«
»Doch, gnädiger Herr, doch, Ihr habt ja recht«, sagte der
Wirt, »aber hört nur, wie er schon wieder wütet!«
»Sicherlich hat man ihn belästigt.«
»Aber das läßt sich doch nicht vermeiden«, jammerte der
Wirt, »denn vorhin sind zwei englische Edelleute eingetroffen.«
»Na und?«
»Wie Ihr wißt, trinken die Engländer gern guten Wein, und
diese beiden haben vom Besten verlangt. Meine Frau hat sicherlich Herrn Athos gebeten, sie in den Keller zu lassen, damit sie dem Wunsch der Herren nachkommen kann, und er
wird es wie üblich abgelehnt haben. Großer Gott, hört Euch
nur diesen Spektakel an!«
Tatsächlich vernahm d’Artagnan vom Keller her ein gewaltiges Getöse; er stand auf und begab sich, während der
Wirt händeringend voranschritt und Planchet mit der geladenen Muskete folgte, an den Schauplatz des Dramas.
Die beiden Edelleute waren außer sich; sie hatten einen
langen Ritt hinter sich und kamen beinahe um vor Hunger
und Durst.
»Das ist ja eine unerhörte Anmaßung!« rief einer von ihnen
in tadellosem Französisch, wenn auch mit einem gewissen
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ausländischen Akzent. »Der verrückte Kerl will diese guten
Leute nicht an ihren Wein heranlassen. Ich denke, wir brechen
einfach die Tür auf, und wenn er nicht Ruhe gibt, schlagen
wir ihn einfach tot!«
»Immer sachte, meine Herren!« sagte d’Artagnan und zog
seine Pistolen aus dem Gürtel. »Ihr werdet niemanden totschlagen, wenn’s recht ist.«
»Gut, gut«, ertönte hinter der Kellertür die ruhige Stimme von Athos, »von mir aus können es diese Eisenfresser getrost versuchen, wir werden ja sehen, was dabei herauskommt!«
So mutig sich die beiden Engländer auch gaben, einen
Augenblick zögerten sie doch; es war, als hauste in diesem
Keller eines jener gefräßigen Ungeheuer, die als grausige Helden die Fabelwelt der Volkssagen beleben und in deren Höhle
sich niemand ungestraft hineinwagt. Dann aber schämten sie
sich ihres Zauderns, und der Verwegenere der beiden stieg
die fünf oder sechs Stufen hinab und versetzte der Tür einen
Tritt, als wollte er eine Mauer sprengen.
»Planchet«, befahl d’Artagnan und spannte seine Pistolen,
»ich übernehme den, der oben steht, kümmere du dich um
den anderen! Ja, wenn die Herren unbedingt einen Kampf
wollen, den können sie haben!«
»Alle Wetter«, kam es dumpf hinter der Kellertür hervor,
»das ist doch d’Artagnans Stimme, wenn mich nicht alles
täuscht!«
»Du täuschst dich nicht«, rief der Gascogner, »ich bin’s
wirklich!«
»Ah, das ist gut!« rief Athos zurück. »Dann wollen wir es
diesen Türzertrümmerern mal ordentlich geben!«
Die Engländer hatten ihre Degen gezogen, aber sie sahen
sich zwischen zwei Feuern. Wieder zögerten sie einen Augenblick, doch wie beim ersten Mal siegte ihr Stolz, und die Tür
erdröhnte unter einem neuerlichen Fußtritt.
»Geh beiseite, d’Artagnan!« schrie Athos. »Ich schieße!«
»Meine Herren«, rief d’Artagnan, der auch jetzt seinen klaren Kopf behielt, »bedenkt euch! Ihr laßt euch da in einen
bösen Handel ein, bei dem ihr bestimmt den kürzeren ziehen
werdet. Mein Diener und ich haben drei Schüsse bereit,
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ebenso viele habt ihr aus dem Keller zu erwarten, und dann
haben wir immer noch unsere Degen, mit denen mein Freund
und ich recht gut umzugehen wissen. Laßt mich eure und
meine Sache in Ordnung bringen, und ich gebe euch mein
Wort, ihr werdet zu euerm Wein kommen!«
»Wenn noch welcher da ist!« fügte Athos’ Stimme spöttisch
hinzu.
Dem Wirt lief es eiskalt über den Rücken.
»Was denn? Wenn noch welcher da ist?« murmelte er.
»Ach, Teufel, es wird schon noch was dasein!« versetzte
d’Artagnan. »Die zwei werden schon nicht den ganzen Keller ausgetrunken haben. Meine Herren, steckt eure Degen
ein!«
»Ja, aber steckt Ihr auch Eure Pistolen wieder in den Gürtel!«
»Gern.«
Und d’Artagnan tat es. Dann wandte er sich zu Planchet
um und befahl ihm, die Muskete wegzulegen. Nun waren die
Engländer beruhigt und steckten ihre Degen in die Scheiden.
Man erzählte ihnen die Geschichte von Athos’ »Einkerkerung«, und als gute Edelleute gaben sie natürlich dem Wirt
unrecht.
»Und jetzt, ihr Herren, begebt euch bitte auf eure Zimmer«,
schloß d’Artagnan, »und auf mein Wort, in zehn Minuten wird
man euch alles bringen, was ihr verlangt habt!«
Die Engländer grüßten und gingen.
»So, Freund Athos, jetzt sind wir allein, und Ihr könnt herauskommen!«
»Sofort!« schallte es herauf.
Gleich darauf hörte man, wie Reisigbündel auseinandergezerrt und Balken aus dem Wege geräumt wurden: der Belagerte
zerstörte das von ihm selbst geschaffene Bollwerk, hinter dem
er sich verteidigt hatte. Dann öffnete sich ächzend die Tür, und
in ihrem Spalt tauchte das bleiche Gesicht des Musketiers auf,
der mit einem raschen Blick das Vorfeld überflog.
D’Artagnan fiel ihm um den Hals und umarmte ihn herzlich;
aber als er ihn aus seiner feuchten Gruft mit sich fortziehen
wollte, merkte er, daß sich Athos kaum auf den Beinen halten
konnte.
313
»Seid Ihr verwundet?« fragte er.
»Ich? Keine Spur! Ich bin nur sternhagelvoll, und ich habe
auch keine Anstrengung gescheut, um mich dahin zu bringen! Weiß der Himmel, ich muß diesem Erzgauner von Wirt
mindestens hundertfünfzig Flaschen ausgesoffen haben!«
»Erbarmen!« rief der Wirt. »Wenn sein Diener auch nur
halb soviel getrunken hat, bin ich verloren!«
»Grimaud ist ein wohlerzogener Diener, der sich nie erlaubt hätte, dieselbe Sorte zu trinken wie sein Herr; er hat
sich an die Fässer gehalten. Ach ja, ich glaube, er hat vergessen, den Spund wieder hineinzustecken. Hört nur, wie es
plätschert!«
D’Artagnan lachte hellauf, und den Wirt überrieselte es
heiß und kalt.
Jetzt erschien auch Grimaud hinter seinem Herrn. Er hatte
die Muskete geschultert, und sein Kopf schwankte hin und
her wie bei jenen trunkenen Satyrn auf den Bildern von Rubens. Er war über und über mit einer fetten Flüssigkeit beschmiert, die der Wirt als sein bestes Olivenöl erkannte.
Langsam bewegte sich der seltsame Zug durch die große
Gaststube und verfügte sich in das beste Zimmer des Hauses, das d’Artagnan eigenmächtig für sich und seinen Freund
mit Beschlag belegte.
Inzwischen hasteten der Wirt und seine Frau, mit einer Laterne versehen, in den Keller, der ihnen so lange versperrt gewesen war und wo sie jetzt ein entsetzlicher Anblick erwartete.
Jenseits des Bollwerks, in das Athos beim Verlassen des
Kellers eine Bresche hatte schlagen müssen und das sich als
eine nach allen Regeln der Strategie aus Reisigbündeln, Balken und leeren Fässern errichtete Festung auswies, sah man
in Weinlachen und Ölpfützen hier und da abgenagte Knochen von Schinken herumschwimmen, während ein Haufen
zerbrochener Flaschen die ganze linke Ecke des Gelasses
füllte und ein Faß, dessen Hahn offengeblieben war, eben die
letzten Tropfen seines Blutes verlor. Ein Bild der Verwüstung
und des Todes – um mit den Worten eines alten Dichters zu
sprechen – bot sich den beiden Wirtsleuten wie auf einem
Schlachtfeld dar.
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Von fünfzig Würsten, die an den Deckenbalken gehangen
hatten, waren kaum noch zehn übrig. Das Jammergeschrei
der beiden Wirtsleute schallte aus dem Keller durch das ganze
Haus, selbst d’Artagnan blieb davon nicht unbeeindruckt.
Athos aber wandte nicht einmal den Kopf.
Der Schmerz des Wirtes verwandelte sich in Wut. In seiner
Verzweiflung ergriff er einen Spieß und stürzte, also bewaffnet,
in das Zimmer, in das sich die beiden Freunde zurückgezogen
hatten.
»Wein her!« befahl Athos, als er den Wirt erblickte.
»Wein?« rief der Wirt verblüfft. »Wein? Aber Ihr habt ja
schon für mehr als hundert Dukaten getrunken! Ich bin ruiniert, ich bin vernichtet!«
»Ach was«, erwiderte Athos, »unser Durst ist darum nicht
geringer geworden!«
»Wenn Ihr wenigstens nur getrunken hättet, aber nein, Ihr
mußtet auch noch alle Flaschen zerschlagen!«
»Ich bin gegen einen Stapel gerannt, der dann umgekippt
ist, und da Ihr mich in den Keller getrieben habt, ist es Eure
Schuld.«
»All mein Öl ist hin!«
»Öl ist ein vortrefflicher Balsam für Wunden, und der arme
Grimaud, dem Ihr so viele beigebracht habt, mußte doch etwas für die seinen tun.«
»All meine Würste sind angebissen!«
»Es gibt eben eine Menge Ratten in Euerm Keller.«
»Ihr werdet mir das alles bezahlen!« schrie der Wirt außer
sich.
»Du Rindvieh!« sagte Athos und stand auf. Aber er sank
gleich wieder um; er hatte seine Kräfte überschätzt. D’Artagnan kam ihm zu Hilfe und hob drohend die Peitsche.
Der Wirt wich einen Schritt zurück und brach in Tränen
aus.
»Auf die Art werdet Ihr lernen«, rief d’Artagnan, »die Gäste, die Euch der Himmel beschert, etwas höflicher zu behandeln!«
»Der Himmel? Sagt lieber, der Teufel!«
»Alter Freund«, fuhr d’Artagnan fort, »wenn Ihr uns noch
länger die Ohren volljammert, gehen wir alle vier hinunter und
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schließen uns in Euern Keller ein; dann werden wir sehen, ob
der Schaden wirklich so groß ist, wie Ihr sagt.«
»Ja, ihr Herren, ja«, sagte der Wirt, »ich sehe ein, ich hatte
unrecht, aber für jedes Vergehen gibt es eine Vergebung. Ihr
seid doch vornehme Herren, und ich bin nur ein armer Wirt,
darum habt Erbarmen mit mir!«
»Ah, wenn du so sprichst, klingt es schon ganz anders«,
sagte Athos. »Du bringst es noch dahin, daß mir die Tränen
aus den Augen fließen wie der Wein aus deinen Fässern.
Glaub mir, ich bin gar nicht so schlimm, wie ich aussehe!
Also komm her und laß uns vernünftig miteinander reden!«
Ängstlich trat der Wirt einen Schritt näher.
»Nun komm schon, ich tue dir doch nichts!« fuhr Athos
fort. »Sag mal, als ich neulich bezahlen wollte, da hatte ich
doch meinen Beutel auf den Tisch gelegt?«
»Ja, gnädiger Herr.«
»Es waren noch sechzig Dukaten drin; wo ist der Beutel?«
»Beim Gericht hinterlegt, gnädiger Herr; es hieß doch, es
wäre alles Falschgeld.«
»Gut, dann laß dir den Beutel wiedergeben und behalte die
sechzig Dukaten!«
»Aber der gnädige Herr weiß doch, daß das Gericht nichts,
was es einmal in Händen hat, wieder herausrückt. Ja, wenn
das Geld falsch wäre, könnte man noch hoffen, aber leider
ist es echt.«
»Mach das mit dem Gericht aus, mein Bester, das ist nicht
meine Sache, zumal mir sowieso kein Taler mehr bleibt.«
»Hört mal«, warf d’Artagnan ein, »wo ist denn das alte
Pferd von Herrn Athos?«
»Im Stall.«
»Wieviel ist es wert?«
»Höchstens fünfzig Dukaten.«
»Es ist gut und gern achtzig wert. Also nimm es, und der
Fall ist damit ausgestanden!«
»Was denn«, rief Athos, »Ihr verkauft einfach mein Pferd,
meinen braven Bajazet? Und worauf soll ich in die Schlacht
reiten? Etwa auf Grimaud?«
»Ich habe Euch ein anderes mitgebracht.«
»Ein anderes?«
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»O ja, ein herrliches!« rief der Wirt.
»Nun, wenn es schöner und jünger ist«, sagte Athos, »dann
nimm nur den Bajazet! Aber bring uns auch zu trinken!«
»Von welchem?« fragte der Wirt, restlos zufriedengestellt.
»Von dem ganz hinten, dicht neben dem Verschlag. Es sind
wohl noch fünfundzwanzig Flaschen da, die anderen sind bei
meinem Sturz sämtlich zerbrochen. Bring uns sechs herauf!«
Dieser Kerl ist ja wie ein Faß, sagte sich der Wirt; wenn er
nur vierzehn Tage bleibt und alles bezahlt, was er säuft, bin
ich wieder fein heraus!
»Und vergiß nicht«, rief d’Artagnan hinterher, »den beiden
Engländern vier Flaschen von demselben zu bringen!«
»Und jetzt«, sagte Athos, »müßt Ihr mir erzählen, was inzwischen aus den anderen geworden ist!«
D’Artagnan erzählte, wie er Porthos mit einem verstauchten Knie im Bett, Aramis aber an einem Tisch mit zwei Theologen angetroffen hatte. Kaum war er mit seinem Bericht zu
Ende, als der Wirt mit den verlangten Flaschen und einem
Schinken eintrat, der zum Glück nicht im Keller gehangen
hatte.
»Na schön«, sagte Athos, während er sich und d’Artagnan
einschenkte, »soviel von Porthos und Aramis; doch nun zu
Euch! Wie ist es Euch ergangen? Was habt Ihr? Ihr schaut so
trübselig drein.«
»Ach«, versetzte d’Artagnan, »ich bin auch der unglücklichste von uns allen!«
»Ihr und unglücklich! Aber wieso denn, d’Artagnan?
Kommt, das müßt Ihr mir näher erklären!«
»Später!«
»Später! Und warum nicht gleich? Weil Ihr denkt, ich bin
betrunken, stimmt’s? Merkt Euch, d’Artagnan, ich habe nie
klarere Gedanken als im Rausch! Also redet schon, ich bin
ganz Ohr!«
Nun erzählte d’Artagnan sein Abenteuer mit Frau Bonacieux.
Athos hörte zu, ohne eine Miene zu verziehen; dann, als
der Gascogner fertig war, sagte er nur:
»Nichtigkeiten, lauter Nichtigkeiten!« Dies war Athos’
Lieblingswendung.
317
»Nichtigkeiten, das sagt Ihr immer, aber Ihr habt gut reden,
denn Ihr habt eben noch nie geliebt!«
In den glanzlosen Augen des Musketiers leuchtete es auf,
doch es war nur ein Blitz, und schon war ihr Blick wieder
matt und ausdruckslos.
»Das ist allerdings wahr«, erwiderte er ruhig, »ich habe
noch nie geliebt.«
»Da seht Ihr, und wer ein so steinernes Herz hat wie Ihr,
sollte mit denen, die ein empfindsames Herz haben, nicht so
streng ins Gericht gehen!«
»Empfindsames Herz, zerrissenes Herz«, sagte Athos.
»Wie meint Ihr?«
»Ich meine, die Liebe ist ein Lotteriespiel, und wer da gewinnt, gewinnt den Tod. Ihr könnt wirklich froh sein, daß
Ihr verloren habt, glaubt mir das, mein lieber d’Artagnan!
Und wenn ich Euch einen Rat geben darf: Seht zu, daß Ihr
immer verliert!«
»Sie schien mich so sehr zu lieben!«
»Sie schien …«
»Nein, sie liebte mich!«
»Kindskopf! Es gibt keinen Mann, der nicht glaubt, von
seiner Holden geliebt zu werden, und es gibt auch keinen,
den seine Holde nicht schon betrogen hat.«
»Mit Ausnahme von Euch, Athos, der Ihr noch nie eine
Liebste hattet.«
»Richtig«, sagte Athos nach kurzem Schweigen, »ich hatte
noch nie eine, noch nie … Trinken wir!«
»Aber da Euch selbst nichts aus der Fassung bringen kann«,
versetzte d’Artagnan, »so helft mir doch, ratet mir weiter! Ich
brauche jetzt so nötig Rat und Trost.«
»Trost? Worüber?«
»Über mein Unglück.«
»Euer Unglück? Daß ich nicht lache!« sagte Athos mit einem
Achselzucken. »Da wäre ich wirklich neugierig, was Ihr wohl
sagen würdet, wenn ich Euch eine bestimmte Liebesgeschichte
erzählte.«
»Die Euch begegnet ist?«
»Oder einem meiner Freunde, das spielt keine Rolle.«
»Erzählt, Athos, erzählt!«
318
»Ach, laßt uns lieber trinken!«
»Warum nicht trinken und erzählen?«
»Ja, warum eigentlich nicht?« sagte der Musketier, leerte sein
Glas und schenkte sich aufs neue ein. »Beides paßt durchaus
zusammen.«
»Dann schießt los!«
Athos dachte nach, und je mehr er sich sammelte, desto
bleicher sah ihn d’Artagnan werden. Er hatte jene Stufe der
Trunkenheit erreicht, wo der gewöhnliche Trinker umfällt
oder einschläft. Der Musketier aber träumte laut und schlief
doch nicht. Dieser Somnambulismus der Trunkenheit hatte
etwas Entsetzliches.
»Ihr wollt die Geschichte also durchaus hören?« fragte er
noch einmal.
»Ja, gerne.«
»Nun, dann laßt Euch erzählen. Einer meiner Freunde,
wohlgemerkt, einer meiner Freunde, nicht ich«, unterbrach er
sich mit düsterem Lächeln, »ein Graf aus meiner Heimat, das
heißt aus dem Berry, von vornehmstem Geblüt wie ein Dandolo oder ein Montmorency, verliebte sich mit fünfundzwanzig Jahren in ein bildschönes Mädchen von sechzehn. Durch
die Naivität ihrer Jugend funkelte ein feuriger Geist, ein Geist,
der keiner Frau, sondern einem Dichter zu gehören schien. Sie
gefiel nicht, sie berauschte. Sie lebte in einem kleinen Dorf bei
ihrem Bruder, der Pfarrer war. Beide waren erst vor kurzer Zeit
in die Gegend gekommen, niemand wußte, woher; aber da sie
so schön und ihr Bruder so fromm war, dachte auch keiner
daran, sie danach zu fragen; überdies wurde behauptet, sie
seien von bester Herkunft. Mein Freund, der auch über dieses
Dorf gebot, hätte sie verführen oder mit Gewalt nehmen können; er war der Herr, und wer wäre schon zwei Ortsfremden,
die keiner kannte, zu Hilfe gekommen? Leider war mein
Freund ein Ehrenmann und heiratete das Mädchen. Dieser
Narr, dieser Trottel, dieser elende Schwachkopf!«
»Aber warum, wenn er sie doch liebte?« fragte d’Artagnan.
»Wartet nur!« sagte Athos. »Er führte sie also auf sein
Schloß und machte sie zur ersten Dame der ganzen Provinz,
welchen Rang sie übrigens, wie jeder zugeben mußte, glänzend behauptete.«
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»Und weiter?«
»Nun, als sie eines Tages mit ihrem Mann auf der Jagd war«,
fuhr Athos leise und hastig fort, »stürzte sie vom Pferd und
wurde ohnmächtig. Der Graf eilte ihr zu Hilfe, und da sie keine
Luft bekam, schnitt er ihr Kleid mit einem Jagdmesser auf und
entblößte dabei ihre Schulter. Ratet mal, was sie auf der Schulter hatte!« schloß er auflachend.
»Wie kann ich das wissen?« entgegnete d’Artagnan.
»Eine Lilie«, sagte Athos. »Sie war gebrandmarkt!« Und er
leerte auf einen Zug das Glas, das er in der Hand hielt.
»Großer Gott«, rief d’Artagnan, »was redet Ihr da?«
»Die Wahrheit, mein Lieber. Der holde Engel war ein Teufel, das arme unschuldige Kind war eine Diebin!«
»Und was tat der Graf?«
»Der Graf war ein mächtiger Mann, er hatte auf seinen ausgedehnten Besitzungen die hohe und niedrige Gerichtsbarkeit inne; er riß also seiner Frau sämtliche Kleider vom Leib,
band ihr die Hände auf den Rücken und knüpfte sie an einen
Baum.«
»Um Himmels willen, Athos, ein Mord!«
»Ja, ein Mord, weiter nichts«, sagte Athos, bleich wie der
Tod. »Aber mir scheint, ich soll wohl keinen Wein mehr kriegen.« Damit ergriff er die letzte noch verbliebene Flasche,
hob sie an den Mund und trank sie aus, ohne sie auch nur ein
einziges Mal abzusetzen. Dann ließ er den Kopf auf beide
Hände sinken, während d’Artagnan, starr vor grausigem Entsetzen, kein Wort über die Lippen brachte. »Das hat mich für
immer von allen schönen, seelenvollen und verliebten Frauen
geheilt«, sagte Athos, unversehens wieder in die erste Person
zurückfallend, und blickte auf. »Gebe Gott, daß Ihr zu derselben Einsicht gelangt! Trinken wir!«
»So ist sie tot?« stammelte d’Artagnan.
»Was sonst, zum Henker?« versetzte Athos. »Aber gebt
mir Euer Glas. Heda, Schuft von einem Wirt, Schinken her!
Sonst können wir nicht mehr trinken.«
»Und ihr Bruder?« fragte d’Artagnan schüchtern.
»Ihr Bruder?«
»Ja, der Pfarrer, was wurde aus ihm?«
»Ich schickte nach ihm, um ihn gleichfalls aufhängen zu
320
lassen, aber er hatte wohl etwas gemerkt, denn als man kam,
war er schon über alle Berge.«
»Hat man wenigstens erfahren, wer dieser Elende in Wahrheit war?«
»Ohne Zweifel der erste Liebhaber und Komplice der
Schönen, ein Biedermann, der sich vielleicht nur als Pfarrer
ausgegeben hatte, um seine Geliebte zu verheiraten und für
die Zukunft gut zu versorgen. Man hat ihn inzwischen hoffentlich erwischt und gevierteilt.«
»Mein Gott noch!« stieß d’Artagnan hervor, den die furchtbare Geschichte ganz betäubt hatte.
»Versucht nur einmal diesen Schinken, d’Artagnan, er ist
wirklich vorzüglich!« sagte Athos und legte dem jungen
Mann eine frisch abgeschnittene Scheibe auf den Teller. »Ein
Jammer nur, daß nicht wenigstens vier solcher Schinken im
Keller gehangen haben; ich hätte bestimmt noch fünfzig Flaschen mehr getrunken!«
D’Artagnan konnte die Unterhaltung nicht länger ertragen,
ohne um seinen Verstand fürchten zu müssen; so legte er den
Kopf auf die Arme und tat, als schliefe er.
»Die jungen Leute von heute können alle nicht trinken«,
murmelte Athos und betrachtete ihn mitleidig, »dabei ist der
da noch einer der Besten!«
Die Rückkehr
Die schreckliche Erzählung seines Freundes ließ d’Artagnan
nicht los; dabei war ihm manches an diesem halben Geständnis durchaus unklar geblieben, vor allem durfte man nicht
übersehen, daß hier der Erzähler völlig betrunken und der Zuhörer auch nicht gerade nüchtern gewesen war. Aber trotz
des Nebels, den der Rausch von zwei, drei Flaschen Burgunder im Kopf zurückläßt, konnte sich d’Artagnan, als er anderntags erwachte, an Athos’ Worte mit einer Deutlichkeit
erinnern, als hätte sich jedes einzelne sofort unauslöschlich
in sein Hirn eingegraben. All diese Zweifel weckten in ihm
ein ungestümes Verlangen, sich Gewißheit zu verschaffen,
321
und so suchte er seinen Freund in der festen Absicht auf, ihre
Unterhaltung vom vergangenen Abend fortzusetzen. Doch
es zeigte sich, daß Athos sich wieder völlig gefaßt hatte, das
heißt, er war so zurückhaltend und undurchdringlich wie eh
und je.
Übrigens kam der Musketier, kaum daß er ihm die Hand
gegeben hatte, von selbst auf den Abend zurück.
»Ich war gestern ganz schön blau, mein Lieber«, sagte er.
»Ich habe es heute morgen an meiner schweren Zunge gemerkt
und an meinem Puls, der sich noch immer nicht beruhigt hat.
Ich wette, ich habe lauter närrisches Zeug geredet!« Und bei
diesen Worten schaute er den Freund so fest an, daß dieser verlegen wurde.
»Aber nein«, antwortete d’Artagnan, »wenn ich mich recht
erinnere, habt Ihr nichts gesagt, was diese Bezeichnung verdiente.«
»So? Das wundert mich, denn mir war so, als hätte ich Euch
eine furchtbar trübselige Geschichte erzählt.« Und wieder sah
er ihn an, als wollte er bis auf den Grund seiner Seele blicken.
»Weiß der Himmel«, rief d’Artagnan, »ich war, scheint’s,
noch betrunkener als Ihr, da ich mich an nichts erinnern kann!«
Aber Athos gab sich nicht damit zufrieden und erwiderte:
»Ihr werdet sicherlich schon gemerkt haben, lieber Freund,
daß man auf verschiedene Weise betrunken sein kann: der eine
wird lustig, der andere schläfrig, ein dritter traurig; nun, ich bin
einer von denen, die traurig werden. Wenn ich so richtig voll
bin, gebe ich todsicher eine von den schaurigen Geschichten
zum besten, die mir meine Amme früher vorgesungen hat. Das
ist mein Fehler, ein schlimmer Fehler, ich gebe es zu; doch davon abgesehen, bin ich ein ganz ordentlicher Zecher.« Athos
sagte dies so unbefangen, daß d’Artagnan in seiner Meinung
schwankend wurde.
»Ach, das meint Ihr! Ja, es stimmt, ich erinnere mich dunkel, so wie an einen verworrenen Traum, daß von Gehenkten
die Rede war.«
Athos verfärbte sich, aber er versuchte zu lachen und sagte
leichthin:
»Ah, seht Ihr? Ich wußte es doch, diese Gehenkten sind
mein ewiger Alptraum.«
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»Ja, und jetzt fällt es mir auch wieder ein – es drehte sich dabei um … wartet … ja, es drehte sich wohl um eine Frau …«
»Ach ja«, entgegnete Athos, der kreideweiß geworden war,
»das ist die berühmte Geschichte von der blonden Frau,wenn ich die erzähle, muß ich schon voll wie eine Haubitze
sein!«
»Richtig, die Geschichte von der großen blonden Schönen
mit den blauen Augen.«
»Die gehenkt wurde.«
»Ja, von ihrem Mann, einem Euch bekannten Grafen«,
setzte d’Artagnan hinzu und sah seinen Freund fest an.
»Da seht Ihr, wie leicht man einen anderen ins Gerede
bringen kann, wenn man nicht mehr weiß, was man sagt«,
erwiderte Athos und schüttelte den Kopf. »Nein, mit dieser
Sauferei muß Schluß sein, es ist wirklich eine zu schlechte
Angewohnheit!«
D’Artagnan schwieg.
»Übrigens«, begann Athos unvermittelt, »schönen Dank
noch für das Pferd, das Ihr mir mitgebracht habt!«
»Gefällt es Euch?«
»Ja, aber es ist kein Tier für große Strapazen.«
»Ihr täuscht Euch; ich habe auf ihm zehn Meilen in knapp
anderthalb Stunden zurückgelegt, und man merkte es ihm so
wenig an, als wäre es nur einmal um den Place Saint-Sulpice
getrabt.«
»Oh, das tut mir leid!«
»Das tut Euch leid?«
»Ja, ich habe es nämlich weggegeben.«
»Weggegeben?«
»Ja, das kam so: Heute morgen wurde ich um sechs Uhr
wach. Ihr schlieft noch wie ein Murmeltier, und ich wußte
nicht, was ich anfangen sollte. Noch ganz benommen von unserm gestrigen Besäufnis, gehe ich nach unten in die große
Gaststube und finde dort einen unserer beiden Engländer, der
gerade von einem Händler ein Pferd erstehen will, da das seine
gestern einem Schlagfluß erlegen ist. Ich trete hinzu, und wie
ich sehe, daß er hundert Dukaten für einen Brandfuchs bietet,
sage ich: ›Wie sich das trifft, mein Herr, ich habe auch ein Pferd
zu verkaufen.‹ – ›Etwa das schöne, das gestern der Diener
323
Eures Freundes an der Hand führte?‹ – ›Genau das. Findet
Ihr, daß es hundert Dukaten wert ist?‹ – ›Gewiß, und wollt Ihr
es mir für diesen Preis lassen?‹ – ›Nein, aber ich will mit Euch
darum spielen.‹ – ›Spielen? Ja, wie denn?‹ – Ganz einfach: wir
würfeln!‹ Gesagt, getan, und schon war ich das Pferd los. Immerhin, das Sattelzeug habe ich zurückgewonnen!«
D’Artagnan schaute alles andere als begeistert drein.
»Ist es Euch vielleicht nicht recht?« fragte Athos.
»Es ist mir sogar äußerst fatal«, erwiderte d’Artagnan. »An
diesem Pferd sollte man uns eines Tages in der Schlacht erkennen. Es war ein Pfand, ein Andenken. Nein, Athos, was
Ihr da getan habt, war nicht recht!«
»Aber, lieber Freund, versetzt Euch einmal in meine Lage!
Ich langweilte mich zu Tode, und dann, auf Ehre, mache ich
mir sowieso nichts aus englischen Pferden! Zudem, wenn es
sich nur darum handelt, von jemand erkannt zu werden,
genügt doch der Sattel; er ist auffallend genug! Und zu dem
Verschwinden des Pferdes wird uns schon noch eine passende Entschuldigung einfallen. Herrjeh, auch Pferde sind
sterblich, und meins kann doch ohne weiteres den Wurm
oder den Rotz bekommen haben!«
Das Gesicht des Gascogners wurde um keine Spur freundlicher.
»Das ist ja wirklich unangenehm«, fuhr Athos fort, »daß
Ihr an diesen Tieren so hängt; ich bin nämlich mit meiner
Geschichte noch nicht fertig.«
»Was habt Ihr denn noch angestellt?«
»Nachdem ich mein Pferd verspielt hatte – neun Augen
gegen zehn, so ein Pech! –, kam mir der Gedanke, um das
Eure zu würfeln.«
»Ein Gedanke, den Ihr doch wohl, wie ich hoffe, nicht ausgeführt habt?«
»Im Gegenteil, ich setzte ihn sogleich in die Tat um.«
»Was denn, Ihr habt …?« rief d’Artagnan bestürzt.
»Gespielt und verloren.«
»Mein Pferd?«
»Ja, Euer Pferd. Sieben zu acht, wieder nur ein Auge zuwenig.«
»Athos, ich sage Euch, Ihr seid von Sinnen!«
324
»Das hättet Ihr mir gestern abend sagen sollen, mein Lieber,
als ich Euch meine albernen Geschichten erzählt habe, aber
nicht jetzt. Ich habe es also mitsamt dem Sattelzeug verloren.«
»Aber das ist ja entsetzlich!«
»Nur Geduld, Ihr wißt ja noch nicht alles! Ich gäbe einen
ausgezeichneten Spieler ab, wenn ich im richtigen Augenblick aufhören könnte; aber ich finde kein Ende, wie beim
Trinken … Ich spielte also weiter.«
»Aber um was wolltet Ihr denn noch spielen? Ihr hattet
doch gar nichts mehr!«
»Gemach, mein Freund, es blieb uns immer noch der prächtige Diamant, den ich schon gestern an Euerm Finger bemerkt
hatte.«
»Mein Diamant?« rief d’Artagnan und faßte unwillkürlich
nach dem Ring an seiner Hand.
»Ja, und als Kenner, der früher selbst einige solcher Steine
besessen hat, schätzte ich ihn auf tausend Dukaten.«
»Ich hoffe«, sagte d’Artagnan, der vor Schreck mehr tot
als lebendig war, mit gepreßter Stimme, »Ihr habt diesen Diamanten unerwähnt gelassen.«
»Aber wie konnte ich, lieber Freund? Begreift doch, dieser
Diamant bot eine letzte Möglichkeit, wieder zu unseren Pferden und dem Sattelzeug zu kommen und darüber hinaus noch
Geld für die Heimreise zu gewinnen!«
»Athos, Ihr macht mich schaudern!«
»Ich sprach also zu meinem Partner von Euerm Diamanten,
der auch ihm schon aufgefallen war. Ja, Teufel noch mal, Ihr
tragt einen wahren Stern des Himmels mit Euch herum, und
den sollte man übersehen? Unmöglich!«
»Kommt zu Ende, Freund, kommt zu Ende, denn auf Ehre,
Eure Ruhe bringt mich um!«
»Wir teilten also den Diamanten in zehn Teile zu je hundert
Dukaten.«
»Sagt mal, Ihr macht Euch wohl über mich lustig?« rief
d’Artagnan, in dem allmählich der Zorn hochstieg.
»Aber nein, zum Henker, ich meine es ernst! Ich hätte
Euch mal an meiner Stelle sehen mögen. Zwei Wochen lang
hatte ich in diesem verdammten Keller gehockt und mich die
ganze Zeit über nur mit Weinflaschen unterhalten!«
325
»Das ist noch lange kein Grund, um meinen Ring zu würfeln!« erwiderte d’Artagnan und krampfte nervös die Hände
zusammen.
»Hört nur, wie es weiterging! Zehn Teile zu je hundert Dukaten, ohne Revanche. Mit dreizehn Würfeln verlor ich alles.
Mit dreizehn Würfeln! Die Dreizehn ist überhaupt meine
Unglückszahl, es war auch an einem dreizehnten Juli, als …«
»Kreuzdonnerwetter noch mal!« schrie d’Artagnan und
sprang vom Tisch auf; über dieser Geschichte vergaß er sogar die vom Abend zuvor.
»Wartet doch«, sagte Athos, »ich hatte ja eine Idee! Dieser Engländer ist ein Original; ich sah ihn heute früh mit Grimaud reden, und Grimaud erzählte mir hinterher, der gute
Mann habe ihm vorgeschlagen, in seine Dienste zu treten.
Kurz und gut, wir spielen um Grimaud, den stillen Grimaud,
der ebenfalls in zehn Teile zu je hundert Dukaten geteilt
wird.«
»Nicht zu fassen!« versetzte d’Artagnan und mußte wohl
oder übel lachen.
»Und stellt Euch vor, mit diesen zehn Teilen Grimauds,
der insgesamt noch keinen Taler wert ist, gewinne ich doch
Euern Diamanten zurück! Wollt Ihr da noch behaupten, daß
Ausdauer keine Tugend wäre?«
»Weiß Gott, das ist wirklich ein verrückter Zufall!« rief
d’Artagnan, ein wenig getröstet, und hielt sich die Seiten vor
Lachen.
»Ihr werdet verstehen, daß ich bei so viel Glück gleich
noch einmal um Euern Diamanten gewürfelt habe.«
»Teufel, nein!« entfuhr es d’Artagnan, dem das Lachen im
Halse steckenblieb.
»Ich gewinne also Euer Sattelzeug zurück, dann Euer
Pferd, dann mein Sattelzeug, dann mein Pferd, aber im nächsten Zug verliere ich alles wieder. Um es kurz zu machen, ich
habe Euer und mein Sattelzeug wiederbekommen. So stehen
die Dinge im Augenblick. Es war ein großartiger Wurf, und
darum habe ich es dabei bewenden lassen.«
D’Artagnan atmete auf, als hätte man ihm das ganze Wirtshaus von der Brust genommen.
»Der Diamant bleibt mir also?« fragte er schüchtern.
326
»Voll und ganz, lieber Freund! Und außerdem haben wir
noch jeder unser Sattelzeug.«
»Aber was fangen wir mit dem Sattelzeug ohne Pferde an?«
»Ich habe da schon eine Idee.«
»Athos, mir graust vor Euern Ideen.«
»Hört, Ihr habt doch lange nicht mehr gespielt, stimmt’s?«
»Ja, und ich habe auch gar keine Lust dazu.«
»Beschwören wir nichts! Ihr habt seit langem nicht gespielt,
sage ich. Ihr müßt demnach eine glückliche Hand haben.«
»Und weiter?«
»Nun, der Engländer und sein Reisegenosse sind noch
unten. Ich habe gemerkt, daß ihm das Sattelzeug sehr in die
Augen stach. Euch aber liegt sehr viel an Euerm Pferd. An
Eurer Stelle würde ich Euer Sattelzeug gegen Euer Pferd setzen.«
»Aber ein Sattel allein wird ihm nicht genügen.«
»Mein Gott, dann setzt doch alle beide! Ich bin nicht so ein
Egoist wie Ihr.«
»Ihr würdet es also tun?« fragte d’Artagnan zweifelnd, aber
unwillkürlich bereits von der Zuversicht seines Freundes angesteckt.
»Klar, das Ganze in einem Wurf!«
»Aber da ich schon die Pferde verloren habe, liegt mir sehr
viel daran, wenigstens das Sattelzeug zu behalten.«
»Dann setzt Euern Diamanten!«
»Das, nein! Das auf keinen Fall!«
»Teufel noch eins, ich würde ja sagen, spielt um Grimaud,
aber da dieser Einsatz schon einmal da war, hat der Engländer
vielleicht keine Lust mehr!«
»Nein, wißt Ihr, lieber Freund, das beste ist, ich spiele überhaupt nicht.«
»Das ist schade«, sagte Athos kalt, »denn der Engländer ist
mit Dukaten gespickt. Mein Gott, versucht zumindest einen
Wurf! Ein Wurf ist rasch gemacht!«
»Und wenn ich verliere?«
»Ihr gewinnt ja.«
»Aber wenn ich nun doch verliere?«
»Dann gebt Ihr eben Euer Sattelzeug.«
»Also gut, ein Wurf!« sagte d’Artagnan.
327
Athos begab sich auf die Suche nach dem Engländer und
fand ihn schließlich im Stall, wo er gerade mit verlangendem
Blick das Sattelzeug betrachtete. Die Gelegenheit war günstig. Athos stellte seine Bedingungen: die beiden Sättel gegen
ein Pferd oder hundert Dukaten, nach Wahl. Der Engländer
rechnete schnell: die beiden Sättel zusammen waren wenigstens dreihundert Dukaten wert, und so erklärte er sich einverstanden.
D’Artagnan warf mit zitternder Hand die beiden Würfel
und zählte drei Augen; seine Blässe erschreckte Athos, der lediglich bemerkte: »Ein trauriger Wurf, mein Lieber!. Und Ihr,
mein Herr, werdet nun zu den Pferden auch noch das Sattelzeug bekommen.«
Der Engländer triumphierte und machte sich nicht einmal
mehr die Mühe, die Würfel rollen zu lassen, sondern kippte
den Würfelbecher, ohne hinzusehen, auf den Tisch – so sicher
war er seines Sieges. D’Artagnan hatte sich abgewandt, um
seine schlechte Laune zu verbergen.
»Schau einer an!« hörte man Athos’ ruhige Stimme. »Das
nenne ich ein ungewöhnliches Spiel, wie man es nicht oft erlebt: erst eine Drei und nun eine Zwei!«
Der Engländer starrte verblüfft, d’Artagnan höchst erfreut
auf die zwei einzelnen Augen.
»Wahrhaftig«, fuhr Athos fort, »ich habe es bisher nur viermal erlebt: einmal bei Herrn de Crequy, ein andermal bei mir
daheim auf meinem Schloß in … als ich noch ein Schloß
hatte; ein drittes Mal bei Herrn de Treville und das letzte Mal
in einem Wirtshaus, wo ich der Dumme war und mit diesem
Wurf hundert Dukaten und ein Abendessen verlor.«
»Ihr nehmt also Euer Pferd zurück?« fragte der Engländer
den Gascogner.
»Natürlich«, antwortete der.
»Und gebt keine Revanche?«
»Nein, so hatten wir es vorher ausgemacht, wie Ihr Euch
erinnern werdet.«
»Gut, dann lasse ich das Pferd Euerm Diener geben.«
»Einen Augenblick«, sagte Athos. »Erlaubt, daß ich etwas
mit meinem Freund bespreche!«
»Bitte!«
328
Athos nahm d’Artagnan beiseite.
»Was wollt Ihr noch, Versucher?« fragte der Gascogner.
»Ich soll weiterspielen, nicht wahr?«
»Nein, Ihr sollt nur ein wenig nachdenken.«
»Worüber denn?«
»Ihr wollt doch das Pferd nehmen, oder?«
»Natürlich will ich es nehmen.«
»Da seid Ihr schlecht beraten, an Eurer Stelle würde ich
die hundert Dukaten nehmen. Ihr wißt doch. Ihr habt die
beiden Sättel gegen das Pferd oder hundert Dukaten gesetzt,
ganz nach Wahl.«
»Allerdings.«
»Und ich würde die hundert Dukaten nehmen.«
»Ihr ja! Aber ich ziehe das Pferd vor.«
»Ich wiederhole, Ihr seid nicht gut beraten. Was sollen wir
beide mit einem Pferd anfangen? Ich kann doch nicht hinten
aufsitzen, da würde man uns für die Haimonskinder halten,
die ihren verlorenen Bruder suchen. Andererseits könnt Ihr
auch nicht auf einem so prächtigen Tier einherreiten und
mich neben Euch herlaufen lassen. Nein, ich würde mich keinen Augenblick besinnen und die hundert Dukaten nehmen;
schließlich brauchen wir ja noch etwas Geld, um wieder nach
Paris zu kommen.«
»Aber mir bedeutet dieses Pferd sehr viel, Athos.«
»Und ich kann nur immer wieder sagen, Ihr seid schlecht
beraten, mein Freund. Seht mal, wie leicht kann ein Pferd danebentreten, stolpern und sich die Beine brechen; oder es frißt
aus einer Krippe, aus der vorher ein rotzkrankes Tier gefressen
hat, und schon seid Ihr ein Pferd oder vielmehr hundert Dukaten los. Überdies will ein Pferd von seinem Herrn ernährt
werden, während hundert Dukaten ihren Herrn ernähren.«
»Aber wie wollen wir nach Paris zurückkommen?«
»Mein Gott, auf den Pferden unserer Diener! Man wird
schon an unseren Gesichtern erkennen, daß man es mit Edelleuten zu tun hat.«
»Hübsch werden wir ja aussehen auf den alten Mähren, indes Aramis und Porthos auf ihren herrlichen Rossen einherstolzieren!«
»Aramis und Porthos!« rief Athos und lachte hellauf.
329
»Was denn?« fragte d’Artagnan, der sich die Heiterkeit seines Freundes gar nicht erklären konnte.
»Nichts, nichts, laßt uns lieber zu einer Entscheidung
kommen!«
»Und Ihr meint also …«
»Ich meine, Ihr solltet unbedingt das Geld nehmen, d’Artagnan. Mit den hundert Dukaten können wir bis zum Ende
des Monats ganz ordentlich leben, und wir haben alle große
Strapazen hinter uns, da kann es nicht schaden, wenn wir uns
ein bißchen ausruhen.«
»Ich mich ausruhen? Wo denkt Ihr hin, Athos! Nein, sobald ich wieder in Paris bin, mache ich mich sofort wieder
auf die Suche nach meiner armen Freundin!«
»Ja, denkt Ihr denn, daß Euch dabei ein Pferd mehr nützen kann als gutes Gold? Hört auf mich, mein Freund, und
nehmt die hundert Dukaten!«
D’Artagnan bedurfte nur eines Grundes, um sich zu fügen,
und diesen hier fand er einleuchtend. Da er zudem fürchtete,
in Athos’ Augen eigensüchtig und kleinlich zu erscheinen,
wenn er sich noch länger sträubte, gab er nach und entschied
sich für die hundert Dukaten, die ihm der Engländer sogleich
aushändigte.
Nun dachte man nur noch an Aufbruch. Der Friede mit dem
Wirt kostete außer Athos’ altem Pferd noch sechs Dukaten;
dann schwangen sich d’Artagnan und Athos auf die Pferde
ihrer Diener, während Planchet und Grimaud die Sättel auf die
Schulter nahmen und ihren Herren zu Fuß folgten.
So schlecht die beiden Freunde auch beritten waren, so
ließen sie ihre Diener doch bald hinter sich und langten allein
in Crèvecœur an. Schon von weitem gewahrten sie Aramis,
der melancholisch am Fenster lehnte und traurig hinter einer
Staubwolke hersah, die sich zum Horizont hin entfernte.
»Hallo, Aramis! Was zum Teufel treibt Ihr denn da?« riefen
die beiden Freunde.
»Ach, Ihr seid es, d’Artagnan, und Ihr, Athos«, erwiderte
der junge Mann. »Ich dachte gerade, wie vergänglich doch
die Güter dieser Welt sind, und mein englisches Pferd, das
dort in der Ferne soeben meinen Blicken entschwand, war
mir ein sehr lebendiger Ausdruck für die Hinfälligkeit alles
330
Irdischen. Das ganze Leben läßt sich in drei Worte zusammenfassen: Erit, est, fuit.«
»Mit anderen Worten?« fragte d’Artagnan, dem bereits
dämmerte, was hier geschehen war.
»Mit anderen Worten, ich habe mich da auf einen Handel
eingelassen, bei dem man mich ganz schön übers Ohr gehauen hat: sechzig Dukaten für ein Pferd, das, wie ich mich
soeben überzeugen konnte, im Trab gut und gern fünf Meilen zurücklegt.«
D’Artagnan und Athos brachen in schallendes Gelächter aus.
»Mein lieber d’Artagnan, verargt es mir nicht zu sehr, ich
bitte Euch! Doch Not kennt kein Gebot, und überdies bin
ich am meisten gestraft, denn dieser unverschämte Gauner
hat mich um wenigstens fünfzig Dukaten betrogen. Wie gut
ihr zwei es dagegen mit euern Tieren meint! Ihr reitet auf den
Kleppern eurer Diener und laßt euch eure Luxuspferde langsam nachführen!«
In diesem Augenblick hielt ein Fuhrwerk, das man bereits
seit einer Weile auf der Straße von Amiens hatte herankommen sehen, vor der Herberge, und Planchet und Grimaud
stiegen mit den Sätteln ihrer Herren ab. Sie hatten dem Kutscher, der leer nach Paris zurückfuhr, angeboten, ihn unterwegs freizuhalten, wenn er sie mitnahm.
»Was ist denn das?« rief Aramis. »Nur die Sättel?«
»Begreift Ihr jetzt?« gab Athos zurück.
»Aber dann habt ihr es ja genauso gemacht wie ich. Freunde! Ich habe nämlich instinktiv das Sattelzeug behalten. Heda,
Bazin! Hol meinen neuen Sattel und leg ihn hier zu den anderen!«
»Und was habt Ihr mit Euern Schwarzröcken gemacht?«
fragte d’Artagnan.
»Oh, ich habe sie am nächsten Abend zum Essen eingeladen«, antwortete Aramis. »Es gibt hier, nebenbei gesagt, einen
ausgezeichneten Wein. Kurz und gut, ich machte sie so betrunken, daß mir der Pfarrer verboten hat, die Uniform auszuziehen, während der Jesuit mich bat, ich möchte mich für
seine Aufnahme bei den Musketieren verwenden.«
»Und nichts mehr von These!« rief d’Artagnan. »Ich verlange die Abschaffung der These!«
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»Seitdem läßt sich das Leben recht angenehm an«, erzählte
Aramis weiter. »Ich habe ein Gedicht in einsilbigen Zeilen
angefangen; es ist nicht ganz einfach, aber das Verdienst liegt
ja bei allen Dingen in der Schwierigkeit. Das Thema ist galant, ich werde Euch den ersten Gesang vorlesen; er hat vierhundert Verse und dauert eine Minute.«
»Weiß Gott, mein lieber Aramis«, sagte d’Artagnan, der
für Gedichte ebensoviel übrig hatte wie für Latein, »fügt zu
dem Verdienst der Schwierigkeit noch das der Kürze, und Ihr
könnt sicher sein, daß Euer Gedicht zumindest zwei Vorzüge
hat!«
»Ihr werdet sehen«, fuhr Aramis fort, »daß es außerdem
von echten Gefühlen durchdrungen ist. Ah, meine Freunde,
wir kehren also nach Paris zurück? Bravo, ich bin bereit! Und
wir werden unsern guten Porthos wiedersehen? Um so besser. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr mir dieses große Kamel gefehlt hat! Jedenfalls hat der sein Pferd bestimmt nicht verkauft, und hätte man ihm auch ein Königreich dafür geboten.
Ich sehe ihn schon vor mir, wie er uns sein prächtiges Tier
mit dem herrlichen Sattelzeug vorführt; ich wette, er macht
ein Gesicht wie ein Großmogul!«
Man rastete eine Stunde, um die Pferde verschnaufen zu
lassen. Aramis beglich seine Rechnung und brachte seinen
Diener bei den anderen beiden auf dem Fuhrwerk unter.
Dann setzte er sich auf sein altes Pferd, und gemeinsam ritt
man los, dem Wiedersehen mit Porthos entgegen.
Der war bereits auf und weniger blaß, als d’Artagnan ihn bei
seinem ersten Besuch angetroffen hatte. Er saß allein am Tisch,
auf dem die herrlichsten Fleischgerichte, dazu erlesene Weine
und wundervolles Obst in einer Menge bereitstanden, die gut
und gern für vier Personen reichen mochte.
»Potztausend, meine Herren!« rief er und erhob sich. »Ihr
kommt wie gerufen, denn ich habe eben mit der Suppe angefangen, und ihr könnt gleich mithalten!«
»Oho«, sagte d’Artagnan, »diese Flaschen hat aber wohl
kaum Mousqueton mit seinem Lasso geangelt! Und was sehe
ich noch? Gespickte Kalbsbrust und Rinderbraten, alle Achtung!«
»Ich muß mich stärken«, sagte Porthos. »Nichts schwächt
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den Organismus so sehr wie ein verstauchtes Knie. Habt Ihr
schon mal eine Verstauchung gehabt, Athos?«
»Noch nie. Allerdings erinnere ich mich, daß der Degenstich, den ich mir seinerzeit bei unserm Scharmützel in der
Rue Ferou einhandelte, nach vierzehn Tagen genau dieselbe
Wirkung hervorgerufen hat.«
»Ihr wolltet das alles doch nicht etwa allein essen, verehrter
Porthos?« fragte Aramis.
»Aber nein, ich hatte einige Edelleute aus der Nachbarschaft erwartet, die mir gerade eben bestellen ließen, daß sie
leider nicht kommen können. Ihr nehmt ihre Plätze ein, und
ich werde bei dem Tausch gewiß nichts verlieren. Heda,
Mousqueton! Bring Stühle her und noch einmal soviel Flaschen!«
»Wißt ihr auch, was wir hier essen?« fragte Athos, nachdem sie schon eine ganze Weile getafelt hatten.
»Das will ich meinen«, versetzte d’Artagnan. »Ich für mein
Teil esse jedenfalls Kalbsbraten mit Artischocken.«
»Und ich Hammelfilet«, sagte Porthos.
»Und ich eine zarte Hühnerbrust«, schloß sich Aramis an.
»Ihr irrt euch alle«, antwortete Athos ernst. »Ihr eßt Pferdefleisch.«
»Na hör mal!« rief d’Artagnan.
»Pferdefleisch?« wiederholte Aramis und verzog angewidert
das Gesicht.
Nur Porthos schwieg.
»Ja, Pferdefleisch«, fuhr Athos fort. »Nicht wahr, Porthos,
wir essen Pferdefleisch? Vielleicht sogar mitsamt der Schabracke!«
»Nein, das nicht, Freunde. Das Sattelzeug habe ich noch!«
beteuerte Porthos.
»Weiß der Himmel, wir sind einander wert!« rief Aramis.
»Man könnte meinen, wir hätten uns vorher verabredet.«
»Was wollt ihr?« sagte Porthos. »Dieses Pferd mußte meine
Gäste beschämen, und ich wollte sie nicht demütigen.«
»Und Eure Herzogin ist wohl noch immer auf der Bäderreise, nicht wahr?« fragte d’Artagnan.
»Ja, noch immer«, antwortete Porthos. »Hinzu kommt, daß
der hiesige Gouverneur, übrigens einer der Edelleute, die ich
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heute zum Essen erwartete, ein so offenkundiges Gefallen an
dem Tier gefunden hatte, daß ich es ihm geschenkt habe.«
»Geschenkt?« schrie d’Artagnan auf.
»Mein Gott, ja, geschenkt ist schon das richtige Wort«,
fuhr Porthos fort, »denn es war bestimmt seine hundertfünfzig Dukaten wert, und dieser Knicker wollte mir nur achtzig
dafür geben.«
»Ohne Sattelzeug?« fragte Aramis.
»Ja, ohne Sattel.«
»Ihr seht, Freunde«, sagte Athos, »Porthos hat wieder einmal am besten von uns allen abgeschnitten.«
Hierauf erhob sich ein schallendes Gelächter, das den guten
Porthos ganz aus der Fassung brachte; aber als man ihm den
Grund für diesen großen Heiterkeitsausbruch nannte, nahm
auch er, wie es seine Gewohnheit war, geräuschvollen Anteil
daran.
»Dann sind wir ja alle gut bei Kasse!« rief d’Artagnan.
»Das heißt, wenn Ihr von mir abseht«, erwiderte Athos.
»Ich fand nämlich den spanischen Wein bei Aramis so vortrefflich, daß ich sechzig Flaschen auf das Fuhrwerk laden
ließ, mit dem unsere Diener reisen, und das hat meinen Geldbeutel sehr angegriffen.«
»Ja, und was mich betrifft«, sagte Aramis, »so bedenkt, daß
ich mein ganzes Geld der Kirche in Montdidier und den Jesuiten von Amiens vermacht hatte; darüber hinaus hatte ich
gewisse Verpflichtungen übernommen, die ich jetzt einhalten mußte, es handelt sich um Messen, die man für euch und
für mich lesen wird und die uns zweifellos sehr zustatten
kommen werden.«
»Na und ich?« fragte Porthos. »Denkt ihr, meine Verstauchung hat mich nichts gekostet? Und dazu noch Mousquetons Verwundung, derentwegen ich zweimal täglich den Arzt
kommen lassen mußte! Und dieser Quacksalber hat mir doch
tatsächlich das Doppelte abgeknöpft, unter dem Vorwand, daß
sich der dämliche Mousqueton ausgerechnet in den Körperteil
hat schießen lassen, den man üblicherweise nur den Apothekern zeigt. Ich habe ihm jetzt natürlich nahegelegt, sich künftig nicht mehr an dieser Stelle verwunden zu lassen.«
»Ja, ja«, sagte Athos und blinzelte d’Artagnan und Aramis
334
dabei zu, »wir sehen schon. Ihr habt Euch sehr edel gegen
den armen Burschen betragen; daran erkennt man den guten
Herrn!«
»Kurzum«, fuhr Porthos fort, »wenn ich meine Rechnung
beim Wirt bezahlt habe, bleiben mir allenfalls noch dreißig
Taler.«
»Und ich besitze vielleicht noch zehn Dukaten«, erklärte
Aramis.
»Hm«, meinte Athos, »da sind wir ja anscheinend die Krösusse der Gesellschaft! Wieviel habt Ihr noch von Euern hundert Dukaten, d’Artagnan?«
»Von meinen hundert Dukaten? Davon habe ich doch Euch
sofort fünfzig gegeben.«
»Meint Ihr?«
»Na, weiß Gott!«
»Ah, richtig, jetzt erinnere ich mich!«
»Dann habe ich dem Wirt sechs gegeben.«
»Was, diesem Viechskerl von Wirt habt Ihr sechs Dukaten
gegeben? Warum denn das?«
»Ihr hattet es mir doch selbst gesagt.«
»Ich bin eben zu gut. Kurz, wieviel habt Ihr noch?«
»Fünfundzwanzig.«
»Und ich«, sagte Athos, während er ein paar armselige
Kupfermünzen aus der Tasche hervorkramte, »ich habe …«
»Offenbar gar nichts.«
»Ja, wirklich, oder doch nur so wenig, daß man es gar nicht
mitzuzählen braucht.«
»Gut«, sagte d’Artagnan, »dann wollen wir mal ausrechnen,
was das zusammen ergibt: Porthos hat?«
»Dreißig Taler.«
»Aramis?«
»Zehn Dukaten!«
»Und Ihr selbst?« fragte Athos.
»Fünfundzwanzig.«
»Wieviel macht das zusammen?«
»Vierhundertfünfundsiebzig Franken«, antwortete d’Artagnan, der rechnen konnte wie Archimedes.
»Das heißt«, sagte Porthos, »wenn wir nach Paris kommen,
haben wir sicher noch vierhundert und dazu die Sättel.«
335
»Aber unsere Dienstpferde?« fragte Aramis.
»Für die vier Pferde der Diener«, entgegnete Athos, »bekommen wir schon zwei Pferde für uns, die wir auslosen. Die
vierhundert Franken machen die Hälfte für ein weiteres
Pferd aus, und was wir dann noch in unseren Taschen zusammenkratzen, geben wir d’Artagnan, der eine glückliche
Hand hat und den wir in die erste beste Spelunke schicken,
wo er damit spielen muß.«
»Doch nun wollen wir lieber ans Essen denken«, sagte Porthos, »sonst wird alles kalt.«
Die vier Freunde, die nun wieder gefaßter in die Zukunft
sahen, sprachen nach Kräften dem guten Essen zu, dessen
Reste wie üblich den Herren Mousqueton, Bazin, Planchet
und Grimaud überlassen wurden.
In Paris angekommen, fand d’Artagnan einen Brief von
Herrn de Treville vor, der ihm mitteilte, daß der König seinem Gesuch stattgegeben habe und ihm die Gunst gewähre,
schon in naher Zukunft bei den Musketieren einzutreten. Da
d’Artagnan sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, abgesehen natürlich von dem Verlangen, Frau Bonacieux wiederzufinden, lief er überglücklich sogleich zu seinen Gefährten,
von denen er sich erst vor einer halben Stunde getrennt hatte,
und traf sie in einer höchst bedrückten und sorgenvollen Verfassung an. Sie waren zur Beratung bei Athos versammelt,
was stets auf gewisse bedeutsame Umstände schließen ließ.
Treville hatte ihnen soeben mitteilen lassen, daß sie angesichts des festen Entschlusses Seiner Majestät, am ersten Mai
den Feldzug zu eröffnen, unverzüglich mit ihrer Zurüstung
beginnen müßten. Die vier Philosophen sahen bestürzt von
einem zum anderen: Herr de Treville verstand in Dingen der
Disziplin keinen Spaß.
»Und wieviel Geld brauchen wir dafür?« fragte d’Artagnan
nachdenklich.
»Wir brauchen gar nicht darüber zu reden«, erwiderte Aramis. »Noch vor wenigen Stunden haben wir mit spartanischer
Strenge Kassensturz gemacht, und jetzt braucht jeder von
uns mindestens fünfzehnhundert Franken.«
»Vier mal fünfzehn macht sechzig, das sind also sechstausend Franken«, sagte Athos.
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»Ich meine ja«, warf d’Artagnan ein, »wir müßten auch jeder mit tausend Franken auskommen können, wobei ich einräume, daß dies weniger mit spartanischer als mit der Strenge
eines Staatsanwaltes etwas zu tun hat.«
Das Wort Staatsanwalt riß Porthos aus seinen trüben Gedanken.
»Ah, ich glaube, ich habe eine Idee!« rief er.
»Das ist immerhin schon etwas, denn ich habe nicht einmal den Hauch einer Idee«, sagte Athos unbewegt. »Aber
d’Artagnan scheint durch die Freude, daß er nun bald zu uns
gehören wird, den Verstand verloren zu haben. Tausend Franken! Ich erkläre, daß ich für mein Teil mindestens zweitausend brauche.«
»Vier mal zwei macht acht«, rechnete Aramis. »Das wären
also achttausend Franken, die wir für unsere Ausrüstung
benötigen. Allerdings haben wir bereits das Sattelzeug.«
»Und außerdem«, fügte Athos hinzu, sobald d’Artagnan,
der sich noch bei Treville bedanken wollte, die Tür hinter sich
zugemacht hatte, »außerdem haben wir noch den herrlichen
Diamanten, den unser Gascogner am Finger trägt. Teufel
noch mal, d’Artagnan ist ein viel zu guter Kamerad, als daß
er seine Freunde in der Klemme ließe, solange er noch etwas
besitzt, womit man einen König auslösen könnte!«
Die Jagd nach der Ausrüstung
Von unseren vier Freunden machte sich d’Artagnan zweifellos
die größten Sorgen, obwohl er als Gardist sehr viel leichter auszurüsten war als die Herren Musketiere, die auch hier auf ihren
Rang bedacht sein mußten; aber unser Junker aus der Gascogne war, wie der Leser bereits feststellen konnte, sehr umsichtig, ja manchmal fast geizig und bei alledem auch wieder so eitel,
daß er es bald mit Porthos aufnehmen konnte. Zu seiner
Hauptsorge um eine standesgemäße Ausrüstung trat allerdings
im Augenblick noch eine weniger selbstsüchtige Beunruhigung. Sosehr er sich auch bemüht hatte, etwas über das Schicksal von Frau Bonacieux zu erfahren, so erfolglos blieben alle
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seine Schritte. Herr de Treville hatte zwar mit der Königin
gesprochen, und die Königin, die nicht wußte, wo die junge
Krämersfrau steckte, hatte auch versprochen, sie suchen zu lassen, aber dieses Versprechen war sehr unbestimmt und gab
d’Artagnan wenig Hoffnung.
Athos setzte den Fuß nicht aus der Wohnung; er war fest
entschlossen, wegen seiner Ausrüstung nicht einen Schritt
zu unternehmen.
»Es bleiben uns noch vierzehn Tage«, erklärte er seinen
Freunden. »Nun schön, wenn ich nach Ablauf dieser vierzehn Tage nichts gefunden habe oder vielmehr, wenn sich bis
dahin nichts gefunden hat, werde ich als guter Katholik, der
sich keine Kugel durch den Kopf jagt, einen ordentlichen
Streit mit vier Gardisten Seiner Eminenz oder acht Engländern vom Zaun brechen und mich so lange schlagen, bis mich
einer tötet, was bei so vielen ja auf die Dauer nicht ausbleiben kann. Dann wird es heißen, ich bin für den König gestorben, ich werde also meinen Dienst getan haben, ohne daß
ich mir erst noch eine Ausrüstung zu beschaffen brauchte.«
Die Hände auf dem Rücken verschränkt, pflegte Porthos
auf und ab zu gehen, wobei er gleichsam sich selbst zunickte
und ein über das andere Mal versicherte: »Ich verfolge meinen Gedanken.«
Aramis, sorgenvoll und schlecht gelaunt, sagte gar nichts.
Diese betrüblichen Einzelheiten lassen erkennen, in welch
trostloser Verfassung sich unsere Freunde befanden.
Die Diener teilten den Kummer ihrer Herren. Mousqueton
sammelte vorsorglich Brotrinden; Bazin, der schon immer ein
sehr frommer Mann war, kam kaum noch aus der Kirche heraus; Planchet sah den Fliegen zu, und Grimaud, der sich auch
durch die allgemeine Betrübnis nicht dazu bewegen ließ, das
ihm von seinem Herrn auferlegte Schweigen zu brechen,
seufzte, daß es einen Stein erweichen konnte.
Die drei Freunde, denn Athos hatte, wie gesagt, geschworen, wegen seiner Ausrüstung keinen Schritt zu unternehmen,
die drei Freunde gingen also frühmorgens aus dem Haus und
kehrten erst am späten Abend heim. Sie irrten durch die
Straßen und starrten unentwegt aufs Pflaster, ob nicht vielleicht jemand seine Börse verloren hatte. Wer sie sah, konnte
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glauben, sie verfolgten irgendeine Spur, so aufmerksam betrachteten sie den Boden. Wenn sie einander unterwegs trafen,
so tauschten sie bekümmerte Blicke, als wollten sie sagen: Hast
du nichts gefunden?
Aber Porthos, der ja als erster auf eine bestimmte Idee verfallen und ihr offensichtlich mit größter Beharrlichkeit nachgegangen war, machte sich auch als erster ans Werk. Denn
unser wackerer Porthos war ein Mann der Tat. D’Artagnan
bemerkte ihn eines Tages, wie er gerade der Kirche von SaintLeu zustrebte, und folgte ihm unwillkürlich. Der Musketier
betrat den heiligen Ort erst, nachdem er seinen Schnurrbart
hochgezwirbelt und den Kinnbart glattgestrichen hatte, was
bei ihm immer auf die kühnsten Eroberungsabsichten
schließen ließ. Und weil d’Artagnan vorsichtig genug war,
sich versteckt zu halten, glaubte sich Porthos unbeobachtet.
Während er sich aber an einen Pfeiler lehnte, sah er nicht,
daß der Gascogner hinter ihm hereinkam und sich an die
Rückseite desselben Pfeilers lehnte.
Es wurde gerade gepredigt, und daher war die Kirche sehr
voll. Porthos machte sich diesen Umstand zunutze und musterte verstohlen die anwesende Damenwelt. Dank Mousquetons sorgsamer Pflege verriet sein äußerer Habitus nichts
von seinem heimlichen Kummer; der Hut war wohl etwas
abgetragen, die Feder wohl etwas verschossen, die Goldstickerei wohl etwas glanzlos und der Spitzenkragen wohl etwas ausgefranst, aber in dem feierlichen Halbdunkel der Kirche verschwanden all diese Geringfügigkeiten, und Porthos
war noch immer der schöne Porthos.
D’Artagnan gewahrte in der Bank, die dem Pfeiler, an dem
er und Porthos lehnten, am nächsten stand, so etwas wie eine
reife Schönheit, ein bißchen gelb und vertrocknet zwar, aber
steif und hochmütig unter ihrer schwarzen Haube. Porthos’
Blick senkte sich verstohlen auf diese Dame, dann schweifte
er weithin durch das Kirchenschiff.
Auch die Dame, die von Zeit zu Zeit errötete, warf einen raschen Seitenblick auf den leichtsinnigen Porthos, und sofort
hielt der Musketier noch augenfälliger Ausschau. Offenbar versetzte dieses Gebaren die Dame mit der schwarzen Haube in
höchste Erregung, denn sie biß sich die Lippen blutig, rieb sich
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die Nasenspitze und rutschte verzweifelt auf ihrem Sitz hin
und her.
Als Porthos das sah, zwirbelte er abermals seinen Schnurrbart, strich seinen Kinnbart glatt und fing an, einer schönen
Dame in der Nähe des Chors Zeichen zu machen, einer Dame
übrigens, die nicht nur schön, sondern allem Anschein nach
auch sehr vornehm war, denn hinter ihr standen ein Negerknabe, der das Kissen getragen hatte, auf dem sie kniete, und
eine Zofe, die eine wappengeschmückte Tasche hielt, in der
das Gebetbuch verwahrt wurde.
Die Dame mit der schwarzen Haube war Porthos’ suchendem Blick gefolgt und sah deutlich, wie er bei der vornehmen
Dame mit dem Samtkissen, dem Negerknaben und der Zofe
verweilte. Währenddessen blieb Porthos nicht untätig: er blinzelte vielsagend, legte die Finger an die Lippen und lächelte so
unwiderstehlich, daß zum wenigsten die verschmähte Matrone
nicht widerstehen konnte, sondern sich beim ersten Mea culpa
an die Brust schlug und ein sehr vernehmliches Hm! ausstieß,
worauf alle Welt, sogar die Dame auf dem roten Samtkissen,
sich nach ihr umwandte.
Porthos blieb eisern: er hatte zwar durchaus begriffen, aber
er stellte sich taub.
Die Dame mit dem roten Kissen machte einen großen Eindruck auf die Dame mit der schwarzen Haube, die in dieser
unbestreitbar schönen Frau eine gefährliche Nebenbuhlerin
sehen mußte; einen nicht minder großen Eindruck machte
sie auf Porthos, der sie um vieles anziehender fand als die
Dame mit der schwarzen Haube; vielleicht den größten Eindruck aber machte sie auf unseren jungen Gascogner, der in
ihr die schöne Fremde von Meung und von Dover erkannte,
die sein ebenso unbekannter Widersacher, der Mann mit der
Narbe, als »Mylady« begrüßt hatte.
Ohne die Dame mit dem roten Samtkissen aus den Augen
zu verlieren, beobachtete d’Artagnan weiter seinen Freund,
dessen Benehmen ihn im höchsten Grade belustigte. Er
glaubte nicht ohne Grund, in der Dame mit der schwarzen
Haube die Frau Staatsanwalt aus der Rue aux Ours vermuten zu dürfen, zumal diese Straße in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche von Saint-Leu lag. Von dieser Annahme
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war es nicht weit bis zu dem Schluß, daß sich Porthos hier für
die Niederlage von Chantilly und das hartherzige Verhalten
seiner »hohen Gönnerin« zu rächen suchte. Aber bei alledem
entging es dem jungen Mann nicht, daß kein einziges der verliebten Zeichen des Musketiers erwidert wurde. Es waren nur
Trugbilder oder Hirngespinste; aber begnügt sich im Grunde
nicht jede Liebe, jede Eifersucht mit einer Wirklichkeit aus
Trugbildern und Hirngespinsten?
Als die Predigt zu Ende war, stand die Dame in der schwarzen Haube auf und ging auf das Weihwasserbecken zu; doch
Porthos kam ihr zuvor und tauchte statt eines Fingers gleich
die ganze Hand hinein. Die Frau lächelte, denn sie glaubte,
er tue dies um ihretwillen, aber schon im nächsten Augenblick wurde sie grausam enttäuscht: statt sich nämlich ihr zuzuwenden, die nur noch drei Schritt von ihm entfernt war,
blickte er unverwandt auf die Dame mit dem roten Kissen,
die sich erhoben hatte und, gefolgt von dem Negerknaben
und der Kammerzofe, dem Ausgang zustrebte. Als sie in seiner Höhe war, zog er die triefende Hand aus dem Becken und
hielt sie der frommen Schönen hin, die sie mit ihren schlanken
Fingern berührte, lächelnd das Kreuz schlug und die Kirche
verließ.
Das war zuviel für die andere, die nun nicht mehr daran
zweifelte, daß Porthos und die schöne Fremde etwas miteinander hatten. Wäre sie eine vornehme Dame gewesen, so
wäre sie jetzt in Ohnmacht gesunken, da sie aber nur die Frau
eines Staatsanwaltes war, so begnügte sie sich damit, den
Musketier wütend anzufauchen:
»Und mir wollt Ihr wohl kein Weihwasser anbieten, Herr
Porthos, wie?«
Porthos fuhr beim Klang dieser Stimme herum, als ob er
aus einem hundertjährigen Schlaf erwachte.
»Ma… Madame«, tat er überrascht, »seid Ihr es wirklich?
Und wie befindet sich der teure Gatte, der ehrenwerte Herr
Coquenard? Ist er noch immer so knickerig wie früher? Wo
hatte ich nur meine Augen, daß ich Euch während dieser
ganzen zweistündigen Predigt nicht bemerkt habe?«
»Ich befand mich ganz in Eurer Nähe, mein Herr«, antwortete Frau Coquenard, »aber Ihr konntet mich wohl nicht
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sehen, weil Ihr nur Augen für die schöne Dame hattet, der
Ihr soeben das Weihwasser angeboten habt!«
Porthos tat verlegen.
»Oh«, sagte er, »dann habt Ihr vielleicht gar gesehen, daß
ich …«
»Man müßte schon auf beiden Augen blind sein, um nichts
zu merken!«
»Nun ja«, erklärte Porthos leichthin, »es ist eine Herzogin,
mit der ich befreundet bin; wir können uns nur unter großen
Schwierigkeiten sehen, da ihr Mann sehr eifersüchtig ist, und
sie ist heute auch nur in diese armselige Kirche eines entlegenen Viertels gekommen, um wenigstens einen Blick mit mir zu
tauschen.«
»Herr Porthos, würdet Ihr wohl so freundlich sein und mir
für fünf Minuten Euern Arm leihen? Ich möchte gern mit
Euch reden.«
»Wirklich, Madame?« gab Porthos zurück und zwinkerte
sich selbst zu, wie ein Spieler, der sich im voraus über einen
sicheren Trick freut.
In diesem Augenblick ging d’Artagnan vorbei, um Mylady
zu folgen. Er sah sich verstohlen nach seinem Freund um und
gewahrte seinen triumphierenden Blick. Oho, sagte er sich in
Übereinstimmung mit dem in moralischer Hinsicht überraschend unbedenklichen Geist jener Zeit, da hätten wir ja
schon einen, der seine Ausrüstung vermutlich zum vorgeschriebenen Zeitpunkt zusammenhaben dürfte!
Porthos überließ sich dem Druck, mit dem ihm der Arm
der Frau Staatsanwalt die Richtung wies, so willig wie eine
Barke dem Druck des Steuerruders, und so gelangten sie in
eine wenig besuchte und an beiden Enden durch Drehkreuze
abgeschlossene Passage beim Kloster Saint-Magloire; hier sah
man tagsüber nur kauende Bettler und spielende Kinder.
»Ach, Herr Porthos«, sagte Frau Coquenard, nachdem sie
sich durch einen aufmerksamen Blick vergewissert hatte, daß
außer den erwähnten üblichen Besuchern der einsamen Passage niemand in der Nähe war, »mir scheint, Ihr seid wirklich
ein großer Herzensbrecher.«
»So, meint Ihr?« erwiderte Porthos und warf sich in die
Brust. »Und wieso?«
342
»Nun, die Zeichen von vorhin und das Weihwasser, sagt
das nichts? Diese Dame mit dem kleinen Neger und der
Kammerzofe muß doch mindestens eine Prinzessin sein!«
»Ihr irrt Euch! Mein Gott, nein, sie ist eine ganz gewöhnliche Herzogin.«
»Und der Läufer, der an der Tür wartete? Und der Wagen
mit dem Kutscher in großer Livree auf dem Bock?«
Porthos hatte weder den Läufer noch die Kutsche bemerkt,
doch dem eifersüchtigen Blick der Frau Coquenard war nichts
entgangen. Jetzt bedauerte der Musketier, daß er die Dame
mit dem roten Kissen nicht selbst gleich zu einer Prinzessin
gemacht hatte.
»Ach«, seufzte die Frau, »Ihr seid eben der verhätschelte
Liebling aller Schönen!«
»Nun, Ihr könnt Euch denken«, versetzte Porthos, »daß
man bei einem Aussehen, wie es mir die Natur verliehen hat,
auf das Glück nicht zu warten braucht.«
»Mein Gott, wie rasch doch die Männer vergessen können!« rief Frau Coquenard und blickte zum Himmel auf.
»Nicht so rasch wie die Frauen, will mir scheinen! Denn
schließlich kann ich wohl sagen, daß ich Euer Opfer war, als ich
verwundet, dem Tode nahe und von den Ärzten schon aufgegeben, darniederlag. Ich, der Sproß einer erlauchten Familie,
der ich so auf Eure Freundschaft gebaut hatte, wäre in jener
elenden Herberge in Chantilly zuerst an meiner Verwundung
und dann vor Hunger fast draufgegangen, dies alles, ohne daß
Ihr mich auch nur ein einziges Mal einer Antwort auf meine
Brandbriefe gewürdigt hättet!«
»Aber, Herr Porthos …«, murmelte Frau Coquenard, die
sich, wenn sie an das Beispiel der vornehmsten Damen jener
Zeit dachte, durchaus im Unrecht fühlte.
»Und da verzichtete ich Euretwegen, Madame, auf die Baronin von …«
»Ach, ich weiß ja!«
»Auf die Gräfin von …«
»Herr Porthos, schont mich!«
»Auf die Herzogin von …«
»Herr Porthos, seid großmütig!«
»Ihr habt recht, Madame, ich will es dabei bewenden lassen.«
343
»An alledem ist nur mein Mann schuld, der nichts von Darlehen hören will!«
»Frau Coquenard, erinnert Euch an den ersten Brief, den Ihr
mir geschrieben habt und der sich tief in meinem Gedächtnis
eingegraben hat!«
Sie stieß einen Seufzer aus und erwiderte:
»Aber die Summe, die Ihr geliehen haben wolltet, war auch
ziemlich hoch.«
»Ich glaubte, zuerst an Euch denken zu dürfen, Frau Coquenard. Ich hätte nur ein paar Zeilen an die Herzogin von …
ich will den Namen nicht nennen, denn ich bringe es nicht
über mich, eine Frau zu kompromittieren; jedenfalls weiß ich,
daß es nur eines kurzen Briefes an sie bedurft hätte, und mir
wären sofort fünfzehnhundert geschickt worden.«
Frau Coquenard vergoß eine Träne.
»Herr Porthos«, sagte sie, »ich schwöre Euch, Ihr habt mich
hart gestraft, und wenn Ihr Euch in Zukunft wieder einmal in
einer ähnlichen Verlegenheit befindet, braucht Ihr Euch nur
an mich zu wenden!«
»Pfui, Madame!« rief Porthos mit gutgespielter Entrüstung.
»Ich bitte Euch, reden wir nicht mehr von Geld, das ist so erniedrigend!«
»Ihr liebt mich also nicht mehr«, sagte Frau Coquenard
mit stockender, wehleidiger Stimme.
Porthos bewahrte ein würdevolles Schweigen.
»Ist das Eure Antwort? Oh, ich verstehe!«
»Denkt an die Beleidigung, die Ihr mir zugefügt habt, Madame! Sie schmerzt noch immer«, entgegnete Porthos und
legte bedeutungsvoll die Hand aufs Herz.
»Ich mache bestimmt alles wieder gut, lieber Porthos!«
»Und dann, um was hatte ich schon gebeten?« fuhr Porthos
fort und zog geringschätzig die Schultern hoch. »Um ein
Darlehen und sonst nichts! Aber ich will nicht unbillig sein.
Ich weiß ja, daß Ihr nicht reich seid, Frau Coquenard, und daß
Euer Mann den armen Klägern gehörig zusetzen muß, um auch
nur ein paar Taler aus ihnen herauszupressen. Ja, wenn Ihr eine
Komtesse, eine Marquise oder eine Herzogin wärt, das wäre
etwas anderes, und dann müßte ich Euer Verhalten unverzeihlich finden!«
344
Die Frau fühlte sich an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen und erwiderte spitz:
»So nehmt denn zur Kenntnis, Herr Porthos, daß mein
Geldschrank, wenn es auch nur der Geldschrank einer Bürgersfrau ist, vermutlich jeden Vergleich mit dem heruntergewirtschafteten Vermögen Eurer adligen Zierpuppen aushält.«
»Dann habt Ihr mich doppelt beleidigt«, sagte Porthos und
ließ ihren Arm los. »Denn wenn Ihr tatsächlich reich seid,
ist Eure Weigerung völlig unentschuldbar.«
»Wenn ich ›reich‹ sage«, versetzte Frau Coquenard, die
merkte, daß sie sich zu weit hatte fortreißen lassen, »so dürft
Ihr das natürlich nicht wörtlich nehmen. Ich bin nicht gerade reich, aber immerhin wohlhabend.«
»Gut, Madame, wir wollen nicht mehr davon reden! Ihr
habt mich verkannt, zwischen uns ist jedes Gefühl erloschen.«
»Wie undankbar Ihr seid!«
»Weiß Gott, Ihr habt wahrhaftig allen Grund, Euch zu beklagen!«
»Geht doch zu Eurer schönen Herzogin! Ich halte Euch
bestimmt nicht zurück!«
»Oh, ich glaube, bei der bin ich gar nicht so schlecht aufgehoben!«
»Hört, Herr Porthos, ich frage Euch zum letztenmal: Liebt
Ihr mich noch?«
»Ach, Madame«, sagte Porthos so wehmütig, wie er nur
konnte, »wenn wir nun ins Feld rücken, und ich ahne, daß
ich in diesem Feldzug fallen werde …«
»Oh, sagt doch nicht so was!« rief Frau Coquenard und
brach in Schluchzen aus.
»Eine innere Stimme sagt es mir«, fuhr Porthos immer düsterer fort.
»Sagt lieber. Ihr habt eine neue Liebschaft!«
»Nein, wirklich nicht, in aller Offenheit! Ich fühle keine
neue Liebe, ja tief im Herzen empfinde ich sogar noch etwas,
das für Euch spricht. Aber in vierzehn Tagen beginnt, wie Ihr
wißt oder auch nicht wißt, dieser unselige Feldzug; da werde
ich vor lauter Sorgen um meine Ausrüstung zu nichts mehr
345
kommen. Außerdem muß ich noch zu meiner Familie in die
Bretagne reisen, um die erforderlichen Gelder aufzutreiben.«
Porthos beobachtete einen letzten Kampf zwischen ihrer
Liebe und ihrem Geiz.
»Und da«, fuhr er fort, »die Herzogin, die Ihr vorhin in
der Kirche saht, ihre Güter nicht weit von den meinen hat,
werden wir die Reise zusammen machen. Es ist ja doch viel
kurzweiliger, wenn man zu zweit reist.«
»Habt Ihr denn gar keine Freunde in Paris?« fragte Frau
Coquenard.
»Ich glaubte welche zu haben«, antwortete Porthos und
machte wieder sein melancholisches Gesicht, »aber ich sehe
schon, ich habe mich geirrt.«
»Nein, Herr Porthos, Ihr sollt Euch nicht geirrt haben!« rief
sie in einer Aufwallung, die sie selbst überraschte. »Kommt
morgen zu uns! Ihr seid der Sohn meiner Tante, also mein Vetter, und kommt aus Noyon in der Pikardie; Ihr habt mehrere
Prozesse in Paris zu führen und keinen Anwalt. Werdet Ihr
Euch das alles auch gut merken?«
»Gewiß, Madame.«
»Kommt am besten zum Essen!«
»Sehr gut!«
»Und seht Euch vor bei meinem Mann! Er hat es nämlich
noch immer faustdick hinter den Ohren, trotz seiner sechsundsiebzig Jahre.«
»Sechsundsiebzig? Alle Wetter, das ist ein schönes Alter!«
rief Porthos.
»Ein hohes Alter, wollt Ihr sagen, Herr Porthos! Der gute
alte Mann kann mich schon morgen als arme Witwe zurücklassen«, fuhr sie mit einem vielsagenden Blick fort. »Glücklicherweise bestimmt der Ehevertrag, daß der Überlebende
alles erbt.«
»Alles?«
»Alles.«
»Ihr seid von weiser Voraussicht, wie ich sehe, meine liebe
Frau Coquenard«, sagte Porthos und drückte ihr zärtlich die
Hand.
»Wir sind also wieder versöhnt, lieber Herr Porthos?«
fragte sie und verdrehte die Augen.
346
»Fürs ganze Leben!« erwiderte er ebenso honigsüß.
»Dann auf Wiedersehen, mein kleiner Verräter!«
»Auf Wiedersehen, meine kleine Vergeßliche!«
»Bis morgen, mein Engel!«
»Bis morgen, Flamme meines Lebens!«
Mylady
D’Artagnan war Mylady nachgegangen, ohne von ihr bemerkt
zu werden; er sah sie in ihren Wagen steigen und hörte, wie sie
dem Kutscher befahl, nach Saint-Germain zu fahren. Da es
sinnlos gewesen wäre, wenn er versucht hätte, der von zwei
schnellen Pferden gezogenen Kutsche zu Fuß zu folgen,
kehrte er in die Rue Ferou zurück.
In der Rue de Seine traf er Planchet, der vor einer Konditorei
stehengeblieben war und wie verzückt auf einen höchst appetitlichen Windbeutel starrte. D’Artagnan befahl ihm, sich in
den Stall des Hotel de Treville zu begeben, dort zwei Pferde zu
satteln, eins für seinen Herrn und eins für sich selbst, und ihn
dann bei Athos abzuholen; Herr de Treville hatte unserem
Gascogner nämlich ein für allemal seine Stallungen zur Verfügung gestellt.
Planchet trabte also in die Rue du Colombier, während
d’Artagnan seinen Weg zur Rue Ferou fortsetzte. Athos war
zu Hause und leerte traurig eine Flasche jenes vortrefflichen
spanischen Weines, den er von seiner Reise in die Pikardie
mitgebracht hatte. Durch einen Wink bedeutete er seinem
Diener, für d’Artagnan ein Glas zu bringen, und wie immer
gehorchte Grimaud ebenso stumm.
D’Artagnan erzählte nun seinem Freund, was sich in der
Kirche zwischen Porthos und der Frau Staatsanwalt abgespielt hatte und wie ihr wackerer Kamerad zu dieser Stunde
wohl schon auf dem besten Wege sei, sich seine Ausrüstung
zu sichern.
»Nun, was mich betrifft«, war Athos’ ganze Antwort auf
diesen Bericht, »so bin ich jedenfalls sicher, daß meine Ausrüstung keine Frauen bezahlen werden.«
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»Dabei seid Ihr so schön, so gebildet und edel, mein lieber
Athos, daß weder Prinzessinnen noch Königinnen Eurer
Liebe widerstehen könnten.«
»Unser d’Artagnan ist doch noch reichlich jung!« sagte
Athos und zuckte die Achseln. Dann winkte er Grimaud,
eine zweite Flasche zu bringen.
In diesem Augenblick schob Planchet bescheiden seinen
Kopf durch die halbgeöffnete Tür und meldete seinem
Herrn, daß die beiden Pferde unten bereitständen.
»Was für Pferde?« fragte Athos.
»Zwei, die mir Herr de Treville geliehen hat und mit denen
ich einen Spazierritt nach Saint-Germain unternehmen will.«
»Und was wollt Ihr in Saint-Germain?«
Da erzählte ihm d’Artagnan von seiner Begegnung in der
Kirche und wie er jene Frau wiedergefunden habe, die zusammen mit dem Herrn im schwarzen Mantel und der Narbe
an der Schläfe ihm keine Ruhe lasse.
»Mit anderen Worten, Ihr seid in sie verliebt, wie Ihr es
noch jüngst in Frau Bonacieux wart«, sagte Athos und hob
verächtlich die Schultern, als wollte er damit seine Meinung
über diese Art menschlicher Schwäche ausdrücken.
»Aber in keiner Weise!« rief d’Artagnan. »Ich bin nur begierig, hinter das Geheimnis zu kommen, das mit ihr verknüpft ist. Ich weiß nicht, wieso, aber ich habe das Gefühl,
daß diese Frau, so unbekannt sie mir auch ist und so unbekannt ich ihr bin, irgendeinen Einfluß auf mein Leben hat.«
»Eigentlich habt Ihr auch recht«, sagte Athos, »ich kenne
keine Frau, die wert wäre, daß man sie sucht, wenn sie einmal verloren ist. Frau Bonacieux ist verloren, schade um sie,
aber sie muß sich schon selber helfen!«
»Nein, Athos, nein, da täuscht Ihr Euch! Ich liebe meine
arme Constance mehr denn je, und wenn ich wüßte, wo sie sich
befindet, wäre es auch am Ende der Welt, so würde ich sofort
dort hineilen und sie ihren Widersachern entreißen. Aber ich
weiß es nicht, alle meine Nachforschungen waren ergebnislos.
Und was wollt Ihr, man muß sich doch ein bißchen ablenken.«
»Ja, laßt Euch nur von Mylady ablenken, lieber d’Artagnan! Ich wünsche es Euch von Herzen, wenn Ihr daran Gefallen finden könnt.«
348
»Hört, Athos, statt Euch hier einzuschließen, als hättet Ihr
Hausarrest, solltet Ihr Euch lieber aufs Pferd setzen und mit
mir nach Saint-Germain reiten!«
»Mein Lieber, ich reite meine eigenen Pferde, wenn ich
welche habe; andernfalls gehe ich zu Fuß.«
»Na schön«, erwiderte d’Artagnan und lächelte über die
Bärbeißigkeit des Freundes, die ihn bei einem andern sicherlich verletzt hätte, »ich bin weniger stolz als Ihr, ich reite, was
ich finde. Dann also auf Wiedersehen, mein Lieber!«
»Auf Wiedersehen!« brummte der Musketier und bedeutete seinem Diener, die Flasche, die er in diesem Augenblick
gebracht hatte, zu entkorken.
D’Artagnan und Planchet saßen auf und ritten in Richtung
Saint-Germain davon. Unterwegs mußte unser junger Freund
beständig an das denken, was Athos über Frau Bonacieux gesagt hatte. Obwohl d’Artagnan alles andere als sentimental
war, hatte die hübsche Krämersfrau einen tiefen Eindruck in
seinem Herzen hinterlassen: er war tatsächlich, wie er gesagt
hatte, bereit, bis ans Ende der Welt zu gehen und sie zu suchen. Aber die Welt hat viele Enden, da sie nun einmal rund ist;
und so wußte er nicht, wohin er sich wenden sollte.
Inzwischen wollte er versuchen, ob sich nichts Näheres
über Mylady in Erfahrung bringen ließe. Mylady hatte mit
dem Mann im schwarzen Mantel gesprochen, folglich kannte
sie ihn. Nun aber stand es für d’Artagnan fest, daß dieser
Mann Frau Bonacieux auch das zweitemal entführt hatte. Es
war also nur eine halbe Lüge – und das kann man schon kaum
noch als Lüge bezeichnen –, wenn d’Artagnan sagte, sein Interesse für Mylady werde allein aus der Hoffnung gespeist,
hier auf eine Spur seiner geliebten Constance zu stoßen.
Unter solchen Gedanken und gelegentlich seinem Pferd
die Sporen gebend, langte d’Artagnan mit seinem Diener
endlich in Saint-Germain an. Sie ritten an dem Pavillon vorbei, in dem zehn Jahre später Ludwig XIV. geboren werden
sollte, und bogen in eine sehr einsame Straße ein. D’Artagnan, der beständig nach allen Seiten ausschaute, ob nicht
irgendwo eine Spur die Anwesenheit seiner schönen Engländerin verriete, bemerkte auf einmal vor einer hübschen Villa,
die nach dem Geschmack der Zeit kein Fenster zur Straße
349
hin besaß, ein bekanntes Gesicht. Der Mann, dem dieses Gesicht gehörte, ging auf einer Art blumengeschmückten Veranda
spazieren. Planchet hatte ihn schon erkannt.
»Gnädiger Herr«, wandte er sich an d’Artagnan, »erinnert
Ihr Euch nicht an den Kerl, der da vorn Maulaffen feilhält?«
»Nein, obwohl ich sicher bin, daß er mir heute nicht zum
erstenmal begegnet.«
»Das will ich meinen! Es ist Lubin, der Diener des Grafen
von Wardes, den Ihr vor einem Monat auf dem Weg zum Hafenkommandanten von Calais so hübsch zugerichtet habt.«
»Ah, ja«, rief d’Artagnan, »jetzt erinnere ich mich. Meinst
du, daß er dich auch wiedererkennt?«
»Du meine Güte, er war ja damals halb tot vor Schreck,
gnädiger Herr, da hat er sich mein Gesicht bestimmt nicht
gemerkt!«
»Gut, dann unterhalte dich ein bißchen mit dem Burschen
und sieh zu, daß du herausbekommst, ob sein Herr noch lebt!«
Planchet stieg vom Pferd, ging geradenwegs auf Lubin zu,
der ihn auch wirklich nicht wiedererkannte, und während die
beiden alsbald in schönster Eintracht miteinander plauderten,
trieb d’Artagnan die beiden Pferde in ein Seitengäßchen, ritt
in einem Bogen um das Nachbarhaus herum und hielt endlich
nicht weit von der Veranda hinter einer Hecke aus Haselnußsträuchern, von wo aus er die beiden ungesehen beobachten
konnte.
Kaum hatte er diesen Platz eingenommen, als er das Geräusch eines herannahenden Wagens vernahm, und schon
hielt auch genau auf seiner Höhe Myladys elegante Karosse.
Ein Irrtum war ausgeschlossen, denn Mylady saß darin.
D’Artagnan beugte sich auf den Hals des Pferdes hinunter,
um alles zu sehen, ohne selber gesehen zu werden.
Myladys reizender Blondschopf erschien im Wagenfenster,
und sie erteilte ihrer Zofe irgendeinen Befehl. Die Zofe, ein
hübsches, flinkes Mädchen von kaum mehr als zwanzig Jahren, das richtige Kammerkätzchen einer vornehmen Dame,
sprang vom Trittbrett, auf dem sie nach damaliger Sitte gesessen hatte, und eilte auf die Veranda zu, auf der d’Artagnan
und Planchet wenige Minuten zuvor Lubin entdeckt hatten.
D’Artagnan sah ihr nach; doch zufälligerweise war Lubin
350
gerade ins Haus gerufen worden, so daß sich nur noch Planchet dort befand, der sich suchend umblickte, wohin wohl sein
Herr verschwunden war. Die Zofe trat auf Planchet zu, den
sie offenbar für Lubin hielt, und reichte ihm ein Briefchen.
»Für deinen Herrn«, sagte sie.
»Für meinen Herrn?« fragte Planchet erstaunt.
»Ja, und es hat große Eile. Also nehmt schon!« Damit eilte
sie zu der Karosse zurück, die inzwischen gewendet hatte;
mit einem Sprung nahm sie ihren Platz auf dem Trittbrett
wieder ein, und sogleich setzte sich die Kutsche in Bewegung.
Planchet drehte das Briefchen hin und her, und da er an blinden Gehorsam gewöhnt war, sprang er von der Veranda herunter, lief in das Gäßchen und traf nach zwanzig Schritten auf
seinen Herrn, der alles beobachtet hatte und ihm entgegengeritten kam.
»Für Euch, gnädiger Herr!« sagte Planchet und reichte dem
jungen Mann das Briefchen.
»Für mich? Irrst du dich auch nicht?«
»Aber nein, ich weiß es ganz bestimmt! Die Zofe hat es
mir mit den Worten gegeben: ›Für deinen Herrn.‹ Und da
ich keinen anderen Herrn habe als Euch … Übrigens ein verdammt hübscher Käfer, dieses Zöfchen!«
D’Artagnan öffnete den Brief und las:
»Eine Person, die sich mehr für Euch interessiert, als sie sagen darf,
würde gerne wissen, wann Euer Zustand Euch einen Waldspaziergang erlaubt. Morgen wartet im Palais du Champ-du-Drapd’Or ein Diener in schwarzroter Livree auf Eure Antwort.«
»Oho«, rief d’Artagnan, »das klingt allerdings sehr interessiert! Es scheint, Mylady und ich sind um die Gesundheit derselben Person besorgt. Und wie geht es nun unserm Herrn
von Wardes, Planchet? Er ist jedenfalls nicht tot – oder?«
»Nein, gnädiger Herr, und es geht ihm so gut, wie es einem
mit vier Degenstichen im Leib gehen kann, denn so viele habt
Ihr diesem braven Edelmann beigebracht. Er ist noch sehr
schwach, denn er hat eine Menge Blut verloren. Wie ich dem
gnädigen Herrn gleich sagte, hat mich Lubin nicht wiedererkannt und mir das ganze Abenteuer von Anfang bis Ende
erzählt.«
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»Ausgezeichnet, Planchet, du bist der König aller Lakaien,
doch nun aufgesessen, wir wollen sehen, daß wir die Kutsche
einholen!«
Das war schnell geschehen, denn schon nach fünf Minuten
sahen sie vor sich die Karosse am Straßenrand stehen; ein reichgekleideter Reiter hielt am Wagenschlag. Die Unterhaltung
zwischen Mylady und dem Reiter war so lebhaft, daß d’Artagnan, der seinen Diener ein Stück zurückgelassen hatte, ungehindert an die andere Wagenseite heranreiten konnte, ohne daß
ihn jemand anderes als die hübsche Zofe bemerkt hätte.
Die Unterhaltung wurde in englischer Sprache geführt, die
d’Artagnan leider nicht verstand; aber dem Tonfall glaubte
unser junger Freund zu entnehmen, daß die schöne Engländerin sehr aufgebracht war. Schließlich tat sie etwas, was keinen Zweifel mehr über den Charakter des Gespräches zuließ:
sie schlug mit ihrem Fächer so heftig zu, daß das niedliche
Damenspielzeug in tausend Stücke zerbrach.
Der Reiter lachte hellauf, worüber Mylady ganz außer sich
zu geraten schien.
D’Artagnan fand, dies sei der geeignete Augenblick, sich
bemerkbar zu machen; er ritt dicht an den Wagenschlag
heran, zog ehrerbietig seinen Hut und sagte:
»Madame, erlaubt mir. Euch meine Dienste anzutragen!
Mir scheint, dieser Kavalier hat Euch erzürnt. Ein Wort von
Euch, Madame, und ich werde ihn für diesen Mangel an Höflichkeit bestrafen.«
Beim ersten Wort hatte sich Mylady erstaunt umgewandt,
und nun antwortete sie in tadellosem Französisch:
»Ich würde mich von Herzen gern unter Euern Schutz
stellen, mein Herr, wenn dieser Kavalier nicht ausgerechnet
mein Bruder wäre.«
»Oh, dann entschuldigt bitte!« sagte d’Artagnan. »Ihr werdet verstehen, daß ich das nicht ahnen konnte, Madame.«
»Was hat sich denn dieser Grünschnabel hier einzumischen?« rief der Mann, den Mylady als ihren Bruder bezeichnet hatte, und beugte sich zum Wagenschlag herab. »Warum
reitet er nicht weiter?«
»Selber Grünschnabel!« gab d’Artagnan zurück und beugte
sich ebenfalls auf den Hals seines Pferdes herab, um durch den
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offenen Wagenschlag zu schauen. »Ich reite nicht weiter, weil
es mir eben Spaß macht, hier zu halten.«
Der Mann sagte einige Worte auf englisch zu seiner Schwester.
»Ich spreche französisch mit Euch«, rief d’Artagnan. »Tut
mir also bitte den Gefallen und antwortet mir in derselben
Sprache! Ihr seid zwar der Bruder dieser Dame, aber zum
Glück nicht der meine!«
Man hätte denken können, Mylady würde sich nun, da das
Gespräch diese Wendung nahm, mit weiblicher Ängstlichkeit vermittelnd eingeschaltet haben, um den Streit nicht ausarten zu lassen; statt dessen lehnte sie sich einfach in die Polster zurück und rief dem Kutscher ungerührt zu:
»Nach Hause!«
Die hübsche Zofe warf einen beunruhigten Blick auf d’Artagnan, dessen gutes Aussehen sie offenbar nicht wenig beeindruckt hatte. Die Karosse fuhr davon und ließ die beiden
Männer ohne ein greifbares Hindernis zwischen sich zurück.
Der Fremde machte eine Bewegung, wie um dem Wagen
zu folgen; aber d’Artagnan, dessen Unmut zu grimmigem
Zorn anwuchs, als er in ihm jenen Engländer erkannte, an
den er in Amiens durch Athos’ Leichtsinn sein Pferd und
beinahe auch seinen Diamantring verloren hatte, fiel ihm in
die Zügel und rief:
»Ah, mein Herr, Ihr seid offenbar ein noch größerer Grünschnabel als ich, denn Ihr scheint ganz zu vergessen, daß wir
noch einen kleinen Streit auszutragen haben!«
»Oh, Ihr seid es, mein Bester«, erwiderte der Engländer.
»Müßt Ihr denn immer irgendeine Partie spielen?«
»Allerdings, und das erinnert mich daran, daß Ihr mir Revanche schuldig seid. Wir wollen doch mal sehen, mein Herr,
ob Ihr mit dem Degen ebenso geschickt umzugehen versteht
wie mit dem Würfelbecher!«
»Wie Ihr seht, habe ich keinen Degen bei mir. Wollt Ihr
etwa gegen einen Unbewaffneten den starken Mann hervorkehren?«
»Ich hoffe. Ihr habt immerhin zu Hause einen«, versetzte
d’Artagnan. »Für alle Fälle besitze ich zwei, und wenn Ihr
wollt, so würfle ich um den einen mit Euch!«
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»Unnötig, ich bin hinlänglich mit derartigen Dingen versehen.«
»Nun wohl, Herr Edelmann, dann sucht Euch den längsten aus und zeigt ihn mir heute abend.«
»Und wo, wenn ich bitten darf?«
»Hinter dem Luxembourg. Dort ist eine reizende Gegend
für Spaziergänge von der Art, wie ich Euch einen vorschlage.«
»Gut, ich komme.«
»Und wann?«
»Um sechs.«
Ȇbrigens, Ihr werdet sicherlich auch ein oder zwei
Freunde finden …«
»Oh, ich habe drei, denen es eine Ehre sein wird, bei dieser Partie mitzuspielen.«
»Drei? Ausgezeichnet, wie sich das trifft!« rief d’Artagnan.
»So viele bringe ich auch mit!«
»Und nun, wer seid Ihr?« fragte der Engländer.
»D’Artagnan, gascognischer Edelmann, zur Zeit Gardist
in der Kompanie des Herrn des Essarts. Und Ihr?«
»Lord Winter, Baron von Sheffield.«
»Ergebener Diener, Herr Baron«, sagte d’Artagnan, »wenn
auch Eure Namen schwer zu behalten sind!« Damit gab er
seinem Pferd die Sporen und jagte mit Planchet, der nur auf
seinen Wink gewartet hatte, in gestrecktem Galopp nach Paris zurück.
Wie immer in solchen Fällen, suchte er sofort Athos auf.
Der lag auf seinem breiten Sofa, wo er, wie er erklärt hatte,
darauf wartete, daß seine Ausrüstung den Weg zu ihm fand.
D’Artagnan erzählte ihm alles, was ihm widerfahren war, und
verschwieg lediglich den Brief an den Grafen von Wardes.
Athos war entzückt, als er hörte, daß er sich mit einem
Engländer schlagen dürfe. Wir erwähnten ja bereits, daß dies
sein Wunschtraum war. Man schickte sofort Grimaud und
Planchet los, um Porthos und Aramis zu holen, und als diese
eintrafen, unterrichtete man sie über die neue Lage.
Porthos zog sogleich seinen Degen aus der Scheide und
fiel gegen die Wand aus, wobei er ständig vor- und zurückschnellte und Kniebeugen machte wie ein Tänzer.
Aramis, der noch immer an seinem Gedicht arbeitete, schloß
354
sich im Nebenzimmer ein und bat, ihn nicht eher zu stören, als
bis es Zeit wäre, vom Leder zu ziehen.
Athos bedeutete Grimaud durch einen Wink, eine Flasche
Wein zu holen.
D’Artagnan endlich entwarf in aller Stille einen kleinen Plan,
dessen Ausführung wir noch erleben werden und der ihm ein
anmutiges Abenteuer verhieß, wie man an dem Lächeln sehen
konnte, das von Zeit zu Zeit über seine träumerische Miene
glitt.
Engländer und Franzosen
Zur festgesetzten Stunde verfügten sich unsere vier Freunde
mit ihren Dienern hinter den Luxembourg, wo in einem Gehege Ziegen weideten. Athos gab dem Schäfer ein Geldstück,
damit er sich entferne. Die Diener wurden als Posten aufgestellt.
Bald näherte sich ein weiterer schweigsamer Trupp dem
Gehege, trat durch das Gatter ein und nahm gegenüber den
Musketieren Aufstellung. Dann nannte, nach englischem
Brauch, jeder seinen Namen. Die Engländer waren alle von
vornehmstem Stande, und so zeigten sie sich beim Anhören
der absonderlichen Namen ihrer Gegner nicht nur überrascht, sondern mehr noch beunruhigt.
»Aber damit«, sagte Lord Winter, nachdem die drei Musketiere sich vorgestellt hatten, »wissen wir immer noch nicht,
wer Ihr seid, und wir können uns nicht mit Leuten schlagen,
die so heißen; das sind ja Hirtennamen!«
»Es sind auch, wie Ihr ganz richtig vermutet, Mylord,
falsche Namen«, erwiderte Athos.
»Das macht uns nur um so begieriger, die wirklichen Namen zu erfahren«, versetzte der Engländer.
»Gewürfelt habt Ihr allerdings mit mir, auch ohne meinen
Namen zu kennen«, sagte Athos. »Oder habt Ihr mir im Spiel
etwa nicht zwei Pferde abgenommen?«
»Doch, das stimmt schon, aber damals ging es nur um Dukaten, heute geht es um unser Blut. Spielen kann man mit jedem, kämpfen nur gegen seinesgleichen.«
355
»Das ist wahr«, gab Athos zu, trat dicht an den Engländer
heran, den er zum Gegner bekommen hatte, und nannte ihm
flüsternd seinen richtigen Namen.
Porthos und Aramis machten es ebenso.
»Seid Ihr nun zufrieden«, fragte Athos seinen Gegner,
»und ist es Euch Ehre genug, mit mir die Klinge zu kreuzen?«
»Gewiß, mein Herr«, antwortete der Engländer und verneigte sich.
»Wohlan, darf ich Euch nun noch etwas sagen?« fragte
Athos.
»Bitte!«
»Ihr hättet gut daran getan, nicht von mir zu verlangen,
daß ich mich zu erkennen gebe.«
»Warum?«
»Weil man mich für tot hält und ich aus triftigen Gründen
wünschen muß, daß niemand die Wahrheit erfährt; nun bin
ich leider gezwungen. Euch zu töten, damit mein Geheimnis
gewahrt bleibt.«
Der Engländer dachte, Athos halte ihn zum besten, aber als
er ihn ansah, las er in dem Gesicht seines Gegners nicht den
leisesten Spott.
»Meine Herren!« rief Athos und wandte sich damit gleichzeitig an Gefährten und Gegner. »Sind wir soweit?«
»Ja«, antworteten wie aus einem Munde Engländer und
Franzosen.
»Dann also los!«
Und sogleich blitzten acht stählerne Klingen in den Strahlen der untergehenden Sonne, entspann sich ein Kampf, der
um so erbitterter geführt wurde, als hier eine doppelte Gegnerschaft ausgetragen wurde.
Athos focht so ruhig und überlegt, als stünde er in einem
Fechtsaal.
Porthos, durch das Abenteuer in Chantilly offenbar von
seinem allzu großen Selbstvertrauen geheilt, lieferte einen
vorsichtigen und listenreichen Kampf.
Aramis, der an diesem Tag noch den dritten Gesang seines
Poems vollenden wollte, preschte mit dem Eifer eines Mannes vor, der keine Zeit zu verlieren hat.
Athos erledigte als erster seinen Gegner. Er traf ihn nur
356
einmal, aber wie er es angekündigt hatte, war der Stoß tödlich: der Degen durchbohrte das Herz.
Porthos streckte als zweiter seinen Gegner ins Gras: er hatte
ihm den Schenkel durchstochen. Da nun der Engländer jeden
Widerstand aufgab und ihm seinen Degen aushändigte, nahm
ihn Porthos in seine Arme und trug ihn zu dem Wagen, mit
dem die Engländer gekommen waren.
Aramis bedrängte seinen Gegner so ungestüm, daß der
sich, nachdem er schon etwa fünfzig Schritt fechtend zurückgewichen war, nicht mehr anders zu helfen wußte, als Hals
über Kopf davonzurennen, verfolgt von dem Hohngeschrei
der Lakaien.
Was d’Artagnan betraf, so hatte er sich zunächst auf einen
reinen Abwehrkampf beschränkt. Erst als er merkte, daß sein
Gegner ziemlich müde geworden war, schlug er ihm unversehens mit einem heftigen Quartstoß den Degen aus der
Hand. Der Baron sah sich entwaffnet und sprang zwei, drei
Schritte zurück, dabei aber glitt er aus und fiel rücklings hin.
D’Artagnan war mit einem einzigen Satz über ihm und
setzte ihm den Degen an die Kehle.
»Ich könnte Euch töten, Baron«, rief er, »denn Ihr seid in
meiner Hand, doch um Eurer Schwester willen schenke ich
Euch das Leben!«
D’Artagnan triumphierte; der vorher genau zurechtgelegte
Plan, dessen Ausarbeitung das besagte Lächeln auf seinem Gesicht hervorgerufen hatte, war geglückt. Lord Winter, der entzückt war, daß er es mit einem so großmütigen Edelmann zu
tun hatte, schloß den Gascogner in seine Arme und sagte den
drei Musketieren tausend Schmeicheleien. Da Porthos’ Gegner bereits im Wagen wartete und der von Aramis das Weite gesucht hatte, brauchte man sich nur noch um den Toten zu
kümmern.
Als Porthos und Aramis ihn in der Hoffnung entkleideten,
die Verwundung werde vielleicht doch nicht tödlich sein, fiel
eine schwere Börse aus seinem Gürtel. D’Artagnan hob sie
auf und reichte sie Lord Winter.
»Was soll ich damit?« rief der Engländer.
»Gebt sie seiner Familie zurück!«
»Seine Familie schert sich den Teufel um eine solche Baga357
telle; sie erbt fünfzehntausend Pfund Rente. Behaltet die Börse
für Eure Lakaien!«
D’Artagnan steckte den Beutel in die Tasche.
»Und nun, mein junger Freund«, sagte Lord Winter, »denn
ich hoffe, Ihr erlaubt mir, Euch so zu nennen, werde ich
Euch, wenn Ihr damit einverstanden seid, noch heute abend
meiner Schwester, Lady Clarick, vorstellen. Ich möchte, daß
auch sie Euch gewogen ist, und da sie bei Hofe nicht übel angeschrieben ist, wird ihre Bekanntschaft Euch vielleicht von
Nutzen sein.«
D’Artagnan wurde rot vor Freude und verneigte sich zum
Zeichen seines Einverständnisses.
Unterdes war Athos neben seinen jungen Freund getreten.
»Was gedenkt Ihr mit der Börse zu tun?« fragte er.
»Nun, ich wollte sie Euch geben«, sagte d’Artagnan.
»Mir?«
»Aber ja. Ihr habt ihn doch getötet, und das ist die Siegesbeute!«
»Ich soll einen Feind beerben?« rief Athos. »Wofür haltet
Ihr mich?«
»So will es der Kriegsbrauch, und warum sollte man nicht
auch bei einem Duell so verfahren?«
»Selbst auf dem Schlachtfeld habe ich so etwas niemals getan!« versetzte Athos.
Porthos zuckte die Achseln, Aramis nickte zustimmend.
»Na gut«, sagte d’Artagnan, »dann geben wir das Geld
eben den Lakaien, wie es Lord Winter vorgeschlagen hat!«
»Ja«, entgegnete Athos, »geben wir das Geld den Lakaien,
aber nicht unsern, sondern denen der Engländer!« Damit
nahm er die Börse und warf sie dem Kutscher zu: »Für dich
und die anderen!«
Eine solch großartige Geste bei einem Mann, der selber
dringend Geld brauchte, verfehlte sogar auf Porthos ihre Wirkung nicht, und so wurde das begeisterte Echo, das dieses Beispiel französischer Großzügigkeit dank Lord Winters freimütigem Bericht überall hervorrief, im Grunde nur von vier
Menschen nicht geteilt: nämlich von den sehr ehrenwerten
Herren Grimaud, Mousqueton, Planchet und Bazin.
358
Als man sich trennte, gab Lord Winter dem Gascogner noch
die Adresse seiner Schwester; sie wohnte am Place Royale
Nr. 6, also in dem zur damaligen Zeit vornehmsten Viertel von
Paris. Überdies erbot er sich, ihn zu Hause abzuholen, um ihn
persönlich vorzustellen. D’Artagnan verabredete sich um acht
Uhr in Athos’ Wohnung.
Die Vorstellung bei Mylady beschäftigte unseren jungen
Freund ganz außerordentlich. Er erinnerte sich, auf welch
seltsame Weise diese Frau bisher mit seinem Schicksal verknüpft war. Nach seiner Überzeugung war sie eine Kreatur
des Kardinals, und doch zog ihn eines jener Gefühle, über
die man sich nie Rechenschaft ablegt, unwiderstehlich zu ihr
hin. Er fürchtete nur, Mylady könne in ihm den Mann von
Meung und Dover wiedererkennen. Dagegen machte er sich
um das, was sich zwischen ihr und dem Grafen von Wardes
angesponnen hatte, nur wenig Gedanken, obwohl der Marquis jung, schön und reich war und bei dem Kardinal in hohen Gunsten stand. Nicht umsonst ist man zwanzig Jahre alt
und stammt obendrein noch aus Tarbes in der Gascogne!
D’Artagnan kehrte zunächst nach Hause zurück und warf
sich in Gala. Dann ging er zu Athos und erzählte ihm, wie gewöhnlich, alles. Der Freund hörte ihn an, schüttelte schließlich
den Kopf und mahnte ihn, nicht ohne eine gewisse Bitterkeit,
zur Vorsicht.
»So!« sagte er. »Kaum habt Ihr eine Frau, die nach Euern eigenen Worten gut, schön und vollkommen war, aus den Augen
verloren, da lauft Ihr schon wieder einer anderen nach!«
D’Artagnan fühlte, wie berechtigt der Vorwurf war.
»Frau Bonacieux liebe ich mit dem Herzen, Mylady aber
mit dem Verstand«, erwiderte er. »Wenn ich mich bei ihr einführen lasse, so in erster Linie, um mir über die Rolle klarzuwerden, die sie bei Hofe spielt.«
»Was für eine Rolle sie spielt? Mein Gott, nach allem, was
Ihr mir erzählt habt, ist das ja nun wirklich nicht schwer zu
erraten. Sie ist eine Agentin des Kardinals, was sonst? Eine
Frau, die Euch noch mal in eine Falle locken wird, in der Ihr
ganz schlicht Euern Kopf lassen werdet!«
»Teufel noch eins, Athos, mir scheint, Ihr seht aber auch
nur noch schwarz!«
359
»Mein Lieber, ich mißtraue den Frauen! Was wollt Ihr? Ich
habe teuer genug dafür bezahlt, vor allem, was die blonden
betrifft. Sagtet Ihr nicht, Mylady ist blond?«
»Das schönste Blond, das man sich denken kann!«
»Armer d’Artagnan!«
»Hört, ich will mir ja bloß Klarheit verschaffen; sobald ich
genug weiß, ziehe ich mich wieder zurück!«
»Ja, laßt Euch nur aufklären!« antwortete Athos gleichmütig.
Lord Winter erschien zur verabredeten Zeit und traf d’Artagnan allein an, da sich Athos bei der Ankündigung des Barons sofort in das Nebenzimmer verzogen hatte. Es war fast
acht Uhr, und so brach man gleich wieder auf. Vor dem Haus
wartete eine elegante Kutsche mit zwei prächtigen Pferden davor, die sie in wenigen Augenblicken zum Place Royale brachte.
Mylady Clarick empfing d’Artagnan sehr würdevoll. Ihr
Haus war mit verschwenderischer Pracht ausgestattet, und
obwohl wegen des Krieges die meisten Engländer Frankreich
verlassen hatten oder doch im Begriff standen, es zu verlassen, hatte Mylady erst jüngst wieder große Summen in ihr
Haus gesteckt, was deutlich machte, daß sie von dem allgemeinen Ausweisungsbefehl nicht betroffen wurde.
»Ihr seht hier«, sagte Lord Winter, während er d’Artagnan
seiner Schwester vorstellte, »einen jungen Edelmann, der
mein Leben in der Hand hatte, seinen Vorteil aber nicht
wahrnahm, obwohl er in doppelter Hinsicht dazu berechtigt
war, einmal als Franzose und zum anderen als der Beleidigte.
Sagt auch Ihr ihm Euern Dank, Madame, sofern Ihr etwas
Freundschaft für mich empfindet!«
Mylady hob kaum merklich die Brauen, ein leichter Schatten senkte sich auf ihre Stirn, und ein so eigentümliches
Lächeln umspielte ihre Lippen, daß d’Artagnan, dem diese
dreifache Veränderung in ihrem Mienenspiel nicht entgangen war, einen seltsamen Schauder empfand.
Der Bruder sah nichts von alledem; er hatte sich abgewandt, um mit Myladys Lieblingsaffen zu spielen, der ihn am
Wams gezupft hatte.
»Seid willkommen, Herr d’Artagnan!« sagte Mylady mit
überraschend weicher Stimme, die jene Andeutungen von
360
schlechter Laune, die d’Artagnan noch eben beobachtet
hatte, Lügen zu strafen schien. »Ihr habt Euch heute ein ewiges Anrecht auf meine Dankbarkeit erworben.«
Nun trat der Baron wieder hinzu und erzählte den genauen
Hergang des Kampfes. Mylady hörte mit größter Aufmerksamkeit zu; aber wenn sie sich auch bemühte, ihre Eindrücke
zu verbergen, so ließ sich doch unschwer erkennen, daß ihr
dieser Bericht keineswegs angenehm war. Das Blut stieg ihr
in den Kopf, und unter dem langen Kleid bewegten sich die
zierlichen Füße voller Ungeduld.
Lord Winter bemerkte auch jetzt nichts. Als er mit seiner
Erzählung zu Ende war, trat er an einen Tisch, auf dem eine
Flasche spanischer Wein und einige Gläser standen. Er füllte
zwei Gläser und winkte den Gascogner heran, um mit ihm zu
trinken. D’Artagnan wußte, daß er den Engländer sehr kränken würde, wenn er ihm nicht Bescheid tat. So ging er an den
Tisch und nahm das zweite Glas. Dabei verlor er Mylady indessen nicht aus den Augen, vielmehr beobachtete er sie in
einem Spiegel und konnte so jede Veränderung in ihren Zügen
wahrnehmen. In diesem Augenblick nun, da sie sich unbeobachtet glaubte, trat ein Ausdruck von grausamer Wildheit in
ihr Gesicht, und sie biß heftig in ihr Taschentuch.
Die hübsche kleine Zofe, die d’Artagnan schon in SaintGermain gesehen hatte, kam herein und sagte auf englisch
ein paar Worte zu Lord Winter, der hierauf d’Artagnan bat,
sich zurückziehen zu dürfen, da ihn dringende Geschäfte abriefen.
Die beiden Männer verabschiedeten sich mit einem Händedruck, dann wandte sich d’Artagnan wieder Mylady zu. Ihr
Gesicht hatte mit verblüffender Schnelligkeit wieder einen liebenswürdigen Ausdruck angenommen, nur ein paar winzige
rote Flecken an ihrem Taschentuch verrieten noch, daß sie sich
eben die Lippen blutig gebissen hatte.
Diese Lippen waren herrlich, man mußte unwillkürlich an
Korallen denken.
Die Unterhaltung wurde recht angeregt. Mylady schien
sich wieder völlig gefaßt zu haben. Sie erzählte, daß Lord Winter nicht ihr Bruder, sondern ihr Schwager sei; sein jüngerer
Bruder habe sie als Witwe mit einem Kind zurückgelassen,
361
und dieses Kind sei der einzige Erbe der Familie, wenn Lord
Winter unverheiratet bleibe. Das alles erschien d’Artagnan
wie ein merkwürdiger Schleier, der etwas Entscheidendes verhüllte, aber es gelang ihm nicht, ihn zu lüften.
Übrigens hatte d’Artagnan nach einer halben Stunde die
Überzeugung gewonnen, daß Mylady seine Landsmännin
war, denn sie sprach ein so reines und elegantes Französisch,
daß sich jeder Zweifel erübrigte.
D’Artagnan erging sich in Liebenswürdigkeiten und Ergebenheitsbeteuerungen. Zu all diesen nicht eben geistreichen Worten unseres Gascogners lächelte Mylady wohlwollend. Endlich wurde es Zeit, daß er sich verabschiedete, und
sehr von diesem Abend angetan, verließ er den Salon.
Auf der Treppe begegnete er der hübschen Zofe, die ihn im
Vorbeigehen leicht streifte und, heftig errötend, ihn deshalb
um Verzeihung bat, und zwar mit einer so lieblichen Stimme,
daß d’Artagnan ihr nicht eine Sekunde gram sein konnte.
Schon am nächsten Abend kam unser Freund wieder in das
Haus am Place Royale und wurde noch freundlicher als das erstemal empfangen. Lord Winter war nicht da, und so machte
Mylady die liebenswürdige Wirtin. Sie schien ein großes Interesse an ihm zu nehmen; sie fragte nach seiner Heimat, nach
seinen Freunden und ob er nicht schon manchmal daran gedacht habe, in die Dienste des Kardinals zu treten.
D’Artagnan, der bekanntlich für seine Jugend ein sehr aufgeweckter Bursche war, entsann sich wieder seines alten Argwohns gegen Mylady. Er stimmte eine Lobeshymne auf Seine
Eminenz an und versicherte, daß er gewiß nicht verfehlt
hätte, in die Leibwache des Kardinals einzutreten, wenn er
statt mit Herrn de Treville beispielsweise mit Herrn de Cavois bekannt geworden wäre.
Mylady wechselte in der unbefangensten Weise das Thema
und fragte d’Artagnan nach einer Weile wie beiläufig, ob er
schon einmal in England war. Er antwortete, daß er von
Herrn de Treville einmal zum Pferdekauf nach drüben geschickt worden sei und daß er auch ein paar Tiere zur Ansicht mitgebracht habe. Im Verlauf dieses Gesprächs biß sich
Mylady einigemal auf die Lippen; sie hatte es mit einem Gascogner zu tun, der sich so leicht keine Blöße gab.
362
Etwa um dieselbe Zeit wie am Vorabend zog sich d’Artagnan zurück. Im Hausflur begegnete ihm abermals die hübsche Ketty, wie die kleine Zofe hieß. Sie blickte ihn mit einer
Innigkeit an, die keinen Zweifel an ihren Gefühlen ließ; doch
unser junger Freund war so mit der Herrin beschäftigt, daß
er für nichts anderes Augen hatte.
Auch am nächsten und übernächsten Abend fand sich d’Artagnan bei Mylady ein, und jedesmal wurde ihm ein freundlicherer Empfang zuteil. Jedesmal aber auch begegnete ihm im
Vorzimmer, im Flur oder auf der Treppe die hübsche kleine
Zofe. Indessen schenkte er dem beharrlichen Werben der armen Ketty nach wie vor nicht die geringste Beachtung.
Ein Essen im Hause Coquenard
Ungeachtet der glänzenden Rolle, die Porthos bei jenem Duell
auf der Ziegenwiese gespielt hatte, vergaß er keineswegs das
Essen, zu dem er von Frau Coquenard eingeladen worden war.
Am anderen Mittag gegen ein Uhr machte er sich, nachdem
ihn Mousqueton noch ein letztes Mal abgebürstet hatte, auf
den Weg in die Rue aux Ours, mit dem gewichtigen Schritt
eines Mannes, der einem doppelten Glück entgegengeht.
Sein Herz klopfte, wenn auch nicht, wie bei d’Artagnan,
in junger, ungeduldiger Liebe. Nein, was seine Pulse höher
schlagen ließ, war ein durchaus handgreifliches Interesse:
endlich sollte er die geheimnisvolle Schwelle überschreiten,
sollte die unbekannte Treppe hinaufsteigen, die einer nach
dem anderen die Taler und Dukaten Meister Coquenards erklommen hatten. Endlich sollte er jene Truhe zu Gesicht bekommen, deren Bild ihm wohl schon zwanzigmal im Traum
erschienen war, jene große, breite Truhe mit dicken Schlössern und Riegeln, die fest in den Boden eingelassen war, jene
Truhe, von der er schon so oft hatte sprechen hören und die
sich nun bald, von den mageren, wenn auch nicht ausgesprochen häßlichen Händen der Frau Staatsanwalt geöffnet,
vor seinen bewundernden Blicken auftun würde.
Darüber hinaus aber wartete auf ihn, den fahrenden Krieger,
363
den Mann ohne Geld und ohne Familie, den an elende Wirtshäuser, Schenken und Kneipen gewöhnten Soldaten, den fast
nur noch auf Gelegenheitshappen angewiesenen Feinschmekker, das Glück, sich an kräftiger Hausmannskost gütlich zu tun,
ein gemütliches Heim zu genießen und sich all die kleinen Aufmerksamkeiten gefallen zu lassen, die, wie die alten Haudegen
sagen, einem um so mehr behagen, je weniger verwöhnt man
ist.
Sich täglich als Verwandter des Hauses an einen gutbestellten Tisch setzen, die gelbe und zerknitterte Stirn eines alten
Anwalts glätten, ein bißchen die jungen Schreiber rupfen, indem man ihnen das Würfeln und verschiedene Kartenspiele mit
allen Tricks beibrachte und ihnen als Honorar für eine einzige
Unterrichtsstunde die Ersparnisse eines ganzen Monats abknöpfte, das alles war so recht nach dem Herzen des Musketiers.
Er vergegenwärtigte sich zwar zuweilen, was man sich
schon damals alles über die Anwälte erzählte – und welcher
Ruf sie ganz offenbar überdauert hat: nämlich ihren Geiz,
ihre Sparsamkeit und ihre magere Küche; da sich aber Frau
Coquenard, von wenigen Anwandlungen zur Knickrigkeit
abgesehen, im großen und ganzen recht freigebig gezeigt
hatte – freigebig für die Frau eines Anwalts, versteht sich –,
so hoffte er doch auf ein einigermaßen wohlbestelltes Haus.
Indessen kamen dem Musketier schon an der Tür wieder
Zweifel, denn der Zugang war alles andere als einladend: ein
dunkler, stinkender Hausflur, dann eine schlechtbeleuchtete
Treppe mit einem Gitterfenster, durch das vom Hof her spärliches Licht sickerte, endlich im ersten Stock eine niedrige
eisenbeschlagene Tür, die an ein Gefängnistor gemahnte.
Porthos klopfte an. Ein hochaufgeschossener blasser Schreiber mit einem gewaltigen Schopf struppiger Haare öffnete und
begrüßte ihn mit der Miene eines Mannes, der sich genötigt
sieht, in einem anderen den kraftstrotzenden Wuchs als Ausdruck körperlicher Überlegenheit, die Uniform als Ausdruck
eines gewichtigen Standes und das frische rote Gesicht als Ausdruck gesunden Wohllebens zu achten.
Ein zweiter, kleinerer Schreiber hinter dem ersten, ein dritter,
wieder etwas größerer Schreiber hinter dem zweiten, ein Lauf364
bursche von vielleicht zwölf Jahren hinter dem dritten. Im
ganzen drei und ein halber Schreiber, was zu jener Zeit auf eine
sehr rege Kundschaft schließen ließ.
Obgleich der Musketier erst um ein Uhr kommen sollte,
lag die Hausfrau schon seit einer halben Stunde auf der Lauer,
denn sie hatte angenommen, das Herz, vielleicht auch der
Magen ihres Liebhabers würden ihn vor der Zeit hertreiben.
So trat sie nun auch fast gleichzeitig mit ihrem Gast, nur
durch eine andere Tür, in die Diele, und das Erscheinen der
würdigen Matrone befreite Porthos aus einer großen Verlegenheit; denn die Schreiberlinge hatten ihn höchst neugierig
gemustert, während er, da er nicht recht wußte, was er zu dieser auf- und absteigenden Tonleiter sagen sollte, geschwiegen
hatte.
»Oh, mein Vetter!« rief Frau Coquenard. »Seid willkommen, Herr Porthos, tretet ein!«
Bei dem Namen Porthos fingen die Schreiber an zu lachen;
aber der Musketier drehte sich nur einmal kurz um, und
schon schwand alle Heiterkeit aus den Gesichtern.
Man durchschritt die Diele, wo die Schreiber noch immer
standen, und die Kanzlei, wo sie eigentlich hingehörten – einen düsteren Raum, in dem sich allenthalben Papier auftürmte; dann ließ man rechts die Küche liegen, betrat das
Empfangszimmer und gelangte endlich in das Arbeitszimmer des Anwalts.
All diese Räume, die eine durchgehende Zimmerflucht bildeten, weckten in Porthos wenig angenehme Gefühle. Bei
den offenen Türen konnte man jedes Wort bestimmt in der
ganzen Wohnung hören; außerdem hatte er im Vorübergehen einen raschen, prüfenden Blick in die Küche geworfen
und mußte sich zur Schande der Hausfrau und zum eigenen
Bedauern sagen, daß er nichts von jenem lebhaften Hin und
Her bemerkt hatte, das gemeinhin vor einem guten Mahle in
diesem Allerheiligsten der Feinschmeckerei zu herrschen
pflegt.
Herr Coquenard war augenscheinlich auf den Besuch vorbereitet, denn er zeigte sich nicht im mindesten überrascht,
als Porthos ziemlich unbefangen auf ihn zuging und ihn höflich begrüßte.
365
»Wir sind Vettern, wie es scheint, Herr Porthos?« sagte der
Anwalt und richtete sich schwerfällig in seinem Rollstuhl auf.
Der Greis war in einen langen schwarzen Rock gehüllt, in
dem sich sein schmächtiger Körper fast verlor, und sah gelb
und vertrocknet aus; seine kleinen grauen Augen glänzten
wie Karfunkel und schienen neben dem Mund, der in unablässiger Bewegung war, das einzige an seinem Gesicht, in dem
noch Leben wohnte. Unglücklicherweise begannen die Beine,
diesem Knochengerippe den Dienst zu versagen; in den fünf
oder sechs Monaten, seit sich diese Schwäche fühlbar gemacht hatte, war der würdige Staatsanwalt fast völlig zum
Sklaven seiner Frau geworden.
Der Vetter wurde mit Ergebung hingenommen, mehr
nicht. Ein gesunder Meister Coquenard hätte gewiß jede Verwandtschaft mit Herrn Porthos abgelehnt.
»Ja, wir sind Vettern«, erwiderte Porthos, ohne mit der
Wimper zu zucken; übrigens hatte er von dieser Seite nie eine
begeisterte Aufnahme erwartet.
»Durch meine Frau, wenn ich nicht irre?« sagte boshaft
der Anwalt.
Porthos merkte den Spott nicht, er nahm es für eine harmlose Äußerung und grinste in seinen dichten Bart. Frau Coquenard, die wußte, daß ein harmloser Staatsanwalt nahezu
ein Widerspruch in sich ist, lächelte nur schwach und errötete dafür um so stärker.
Meister Coquenard hatte seit dem Eintreten des Musketiers schon mehrmals einen beunruhigenden Blick auf einen
großen Schrank geworfen, der seinem eichenen Schreibtisch
genau gegenüberstand. Porthos begriff, daß dieser Schrank,
obgleich er äußerlich keineswegs der Truhe entsprach, die er
in seinen Träumen gesehen hatte, die glückbringende Schatzkammer sein müsse, und er beglückwünschte sich dazu, daß
die Wirklichkeit den Traum um sechs Fuß an Höhe übertraf.
Meister Coquenard wartete mit keinen weiteren genealogischen Fragen auf, aber während er seinen besorgten Blick von
dem Schrank zu Porthos wandern ließ, meinte er trocken:
»Bevor unser Herr Vetter gegen den Feind ausrückt, wird
er uns doch sicherlich das Vergnügen machen, auch einmal
mit uns zu speisen, nicht wahr, meine Liebe?«
366
Diesmal hatte der Hieb gesessen; aber nicht nur Porthos
fühlte sich getroffen, sondern offenbar auch Frau Coquenard,
denn sie sagte:
»Mein Vetter kommt bestimmt nicht wieder, wenn er sich
hier nicht gut gelitten sieht; im anderen Fall bleibt ihm nur
noch so wenig Zeit in Paris und folglich, uns zu besuchen,
daß wir ihn nur bitten können, uns bis zu seiner Abreise
möglichst jede freie Minute zu schenken.«
»Oh, meine Beine, meine armen Beine, wo seid ihr mir?«
murmelte Herr Coquenard und versuchte zu lächeln.
Die Hilfe, die Porthos in eben dem Augenblick zuteil geworden war, da man seine gastronomischen Erwartungen bedroht
hatte, erfüllte ihn mit großer Dankbarkeit für Frau Coquenard.
Bald war es Zeit zum Essen. Man begab sich ins Speisezimmer, das groß und düster gegenüber der Küche lag.
Die Schreiber, die offenbar höchst ungewöhnliche Düfte
im Haus wahrgenommen hatten, waren von militärischer
Pünktlichkeit und hielten ihre Schemel in den Händen, bereit, sich sogleich hinzusetzen. Man sah, wie sie schon jetzt
in fürchterlicher Bereitschaft die Kinnladen bewegten.
Ach, du grüne Neune, dachte Porthos angesichts der drei
Ausgehungerten, denn wie man sich denken kann, durfte der
Laufbursche noch nicht an der Tafel der Herrschaft sitzen;
wenn ich Meister Coquenard wäre, würde ich solche Hungerleider zum Teufel jagen! Sie sehen wie die Überlebenden
eines Schiffbruchs aus, die seit sechs Wochen nichts mehr gegessen haben.
Der Hausherr wurde in seinem Rollstuhl von Frau Coquenard hereingefahren, und Porthos beeilte sich, ihr dabei zu
helfen. Kaum hatte man Herrn Coquenard an den Tisch gerollt, als er auch schon, dem Beispiel seiner Schreiber folgend,
schnuppernd die Nase hob und mahlend die Kinnladen bewegte.
»Oho«, rief er, »das duftet ja sehr verführerisch!«
Was zum Teufel mögen sie nur alle an dieser Suppe so besonders finden? fragte sich Porthos beim Anblick einer blassen,
dünnen Brühe, auf der kein einziges Fettauge zu entdecken
war, sondern nur ein paar Brotkrusten, die da verloren wie die
Inseln eines Archipels herumschwammen.
367
Frau Coquenard lächelte, und auf ein Zeichen von ihr beeilten sich alle, Platz zu nehmen. Der Hausherr wurde als erster bedient, dann Porthos. Hierauf füllte Frau Coquenard
ihren eigenen Teller und verteilte die Brotkrusten ohne Brühe
an die ungeduldigen Schreiber.
In diesem Augenblick ging die Tür zum Flur knarrend von
selbst auf, und Porthos gewahrte durch den Spalt den kleinen
Schreiberaspiranten, der zu dem Festschmaus nicht zugelassen war und sein Brot zu den doppelten Düften verzehrte, die
der Küche und dem Speisezimmer entströmten.
Nach der Suppe trug die Magd ein gekochtes Huhn auf,
eine Herrlichkeit, vor der die Tischgäste die Augen dermaßen
weit aufrissen, daß zu befürchten stand, sie würden ihnen
gänzlich herausfallen.
»Man sieht, du bist deiner Familie sehr zugetan, meine
Liebe«, sagte Coquenard mit einem fast tragischen Lächeln.
»Dies ist doch gewiß eine Aufmerksamkeit für deinen Vetter,
nicht wahr?«
Das arme Huhn war mager und steckte in einer jener
dicken Häute, die so zäh sind, daß die Knochen trotz allen
Fleißes sich nicht hindurchbohren können. Sicherlich hatte
man sehr lange suchen müssen, ehe man es auf der Hühnerstange entdeckte, wohin es sich zurückgezogen hatte, um
still und friedlich an Altersschwäche zu sterben.
Teufel noch mal, dachte Porthos, das ist ja wirklich traurig;
ich achte zwar das Alter, doch in gekochtem oder gebratenem
Zustand sagt es mir wenig zu.
Er blickte in die Runde, um zu sehen, ob auch die anderen
seine Meinung teilten, aber er sah nur strahlende Gesichter,
die das köstliche Huhn, den Gegenstand seiner Verachtung,
im voraus mit gierigen Blicken verschlangen.
Frau Coquenard zog die Platte zu sich heran, löste geschickt
die beiden schwarzen Füße und legte sie auf den Teller ihres
Mannes; dann schnitt sie für sich Kopf und Hals ab, tat Porthos den einen Flügel auf und reichte der Magd die Platte mit
dem fast unberührten Tier zurück; dies alles geschah so schnell,
daß der Musketier gar nicht dazu kam, die mannigfaltigen Veränderungen zu beobachten, die bekanntlich eine Enttäuschung
in den Gesichtern der Betroffenen hervorzurufen vermag.
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An Stelle des Huhns wurde jetzt eine riesige Schüssel mit
Bohnen aufgetragen, in der sich einige Hammelknochen zeigten, die man auf den ersten Blick für Fleisch halten konnte.
Aber die Schreiber ließen sich nicht mehr täuschen, und ihre
traurigen Gesichter nahmen eine entsagungsvolle Miene an.
Frau Coquenard aber teilte dieses Gericht mit der Zurückhaltung einer sparsamen Hausfrau an die jungen Leute aus.
Nun kam die Reihe an den Wein. Herr Coquenard schenkte
aus einem sehr mageren Weinkrug jedem der jungen Leute das
Glas zu einem Drittel voll, goß sich selbst ebensoviel ein und
reichte dann den Krug an seine Frau und Porthos weiter. Die
Schreiber füllten Wasser nach, tranken die Hälfte aus, füllten
wieder Wasser nach und setzten dies so lange fort, bis sich die
rubinrote Färbung ihres Getränkes gegen Ende der Mahlzeit
in ein helles Blaßrosa verwandelt hatte.
Porthos verzehrte schüchtern seinen Hühnerflügel und fuhr
zusammen, als er fühlte, wie das Knie der Hausfrau unter dem
Tisch nach dem seinen suchte. Er trank auch ein halbes Glas
des so sparsam zugemessenen Weines und erkannte ihn als das
gräßliche Gewächs von Montreuil, den Schrecken aller verwöhnten Gaumen. Als Herr Coquenard sah, daß er den Wein
unvermischt hinuntergoß, seufzte er tief auf.
»Wollt Ihr nicht auch von den Bohnen kosten, Vetter Porthos?« fragte die Hausfrau in einem Ton, als wollte sie sagen:
Glaubt mir, laßt es lieber bleiben!
Zum Henker mit Euern Bohnen! dachte Porthos, laut aber
sagte er: »Besten Dank, liebe Base, ich habe keinen Hunger
mehr!«
Man schwieg. Porthos wußte beim besten Willen nicht,
was für eine Haltung er sich geben sollte. Schließlich sagte
der Anwalt: »Meine Anerkennung, Madame Coquenard, das
war ja ein richtiger Festschmaus! Mein Gott, habe ich vielleicht gegessen!«
Meister Coquenard hatte alles in allem etwas Suppe, die
schwarzen Hühnerfüße und das bißchen Fleisch, das tatsächlich an einem der Hammelknochen noch hängengeblieben
war, zu sich genommen.
Porthos glaubte schon, man wolle sich über ihn lustig machen, und begann, seinen Schnurrbart zu zwirbeln und die
369
Stirn zu runzeln; aber wieder berührte ihn Frau Coquenard
sachte mit dem Knie und bedeutete ihm, sich zu gedulden.
Das Schweigen und die Unterbrechung der Mahlzeit, die
sich Porthos nicht recht erklären konnte, hatten indessen für
die Schreiber eine schreckliche Bedeutung; auf einen Blick
des Anwalts und ein Lächeln der Hausfrau erhoben sie sich
langsam, legten noch langsamer ihre Servietten zusammen,
verbeugten sich und gingen.
»Geht, ihr jungen Leute«, sagte Herr Coquenard gewichtig, »geht an die Arbeit, das fördert am besten die Verdauung!«
Als die Schreiber draußen waren, stand Frau Coquenard
auf und holte aus der Anrichte ein Stückchen Käse, etwas
Quittenmus und einen selbstgebackenen Kuchen mit Mandeln und Honig.
Meister Coquenard zog die Brauen hoch, weil ihm dies
denn doch zu üppig schien; Porthos biß sich auf die Lippen,
weil er augenscheinlich nichts Richtiges mehr zu essen bekommen sollte.
»Ein Festessen, ganz entschieden!« rief Meister Coquenard
und rutschte unruhig auf seinem Rollstuhl hin und her. »Ein
ausgesprochenes Festmahl, epulae epularum, Lucullus speist
bei Lucullus!«
Porthos schaute nach dem Krug, der vor ihm stand; er
hoffte, wenigstens mit Wein, Brot und Käse seinen Hunger zu
stillen. Aber der Krug war leer, was Herrn und Frau Coquenard nicht im geringsten zu beunruhigen schien.
Na schön, sagte sich Porthos, nun weiß ich immerhin,
woran ich bin!
Er schleckte ein paar Löffel Quittenmus und verkleisterte
sich die Zähne mit dem klitschigen Kuchen der Madame
Coquenard.
So, das Opfer ist vollbracht, überlegte er dann; oh, wenn ich
nicht bei alledem die Hoffnung hätte, mit Frau Coquenard
einen Blick in den Geldschrank ihres Mannes zu werfen!
Nach den Genüssen eines solchen Mahles, das nur Herr Coquenard als Schlemmerei bezeichnen konnte, verspürte er das
Bedürfnis, ein wenig zu ruhen. Porthos hoffte, dies werde sogleich und an Ort und Stelle geschehen, aber der verwünschte
370
Anwalt wollte nichts davon wissen. Man mußte ihn in sein Arbeitszimmer zurückrollen, und er gab nicht eher Ruhe, als bis
er wieder seinen Schrank vor sich hatte, auf dessen Randleiste
er zur größeren Sicherheit seine Füße stellte.
Die Hausfrau ging mit Porthos in ein Nebenzimmer, und
hier begann man, die Bedingungen einer Versöhnung zu erörtern.
»Ihr könnt dreimal in der Woche zum Essen kommen«,
sagte Frau Coquenard.
»Ach danke«, entgegnete Porthos, »ich möchte Eure Güte
nicht mißbrauchen; überdies muß ich an meine Ausrüstung
denken.«
»Richtig«, seufzte sie, »diese leidige Ausrüstung! Ja, aber
was gehört denn nun eigentlich zu einer solchen Ausrüstung?«
»Oh, eine ganze Menge! Die Musketiere sind bekanntlich
eine Elitetruppe, und da braucht man eben vieles, was die
Gardisten und Schweizer entbehren können.«
»Und was ist das im einzelnen?«
»Nun, insgesamt beläuft es sich ungefähr auf …«, sagte
Porthos, der sich lieber über das Ganze als über Einzelheiten
unterhalten wollte.
Frau Coquenard schwieg in angstvoller Erwartung.
»Ja, auf wieviel?« fragte sie endlich. »Ich hoffe, es macht
nicht mehr als …«
Sie stockte, ihr fehlten plötzlich die Worte.
»Aber nein«, beruhigte sie Porthos, »es macht bestimmt
nicht mehr als zweitausendfünfhundert Franken; und wenn
ich mich sehr einschränke, komme ich vielleicht sogar mit
zweitausend aus.«
»Gerechter Himmel, zweitausend Franken!« rief sie aus.
»Aber das ist ja ein Vermögen!«
Porthos verzog das Gesicht auf eine so unzweideutige
Weise, daß Frau Coquenard verstand.
»Ich wollte ja die einzelnen Posten nur wissen«, sagte sie
einlenkend, »weil von meinen Verwandten und den Kunden
meines Mannes viele Geschäftsleute sind, so daß ich ziemlich
sicher bin, die Sachen erheblich unter dem Preis zu bekommen, den Ihr dafür bezahlen müßt.«
»Ach so, darauf wolltet Ihr hinaus!«
371
»Aber natürlich, lieber Herr Porthos. Übrigens, als erstes
braucht Ihr doch sicherlich ein Pferd, nicht wahr?«
»Ein Pferd, ja!«
»Nun seht, da weiß ich schon, wo ich eins bekomme.«
»Ah, das ist gut«, sagte Porthos und strahlte übers ganze
Gesicht, »dann wären wir diese Sorge also schon los! Als
nächstes brauche ich ein vollständiges Sattelzeug, zu dem die
verschiedensten Dinge gehören, die man als Musketier allerdings nur selber kaufen kann; alles in allem wird es aber kaum
mehr als dreihundert Franken kosten.«
»Dreihundert Franken? Na schön«, seufzte Frau Coquenard, »setzen wir dreihundert Franken dafür fest!«
Porthos grinste. Man wird sich erinnern, daß er noch das
Sattelzeug des Buckinghamschen Prachtpferdes besaß; er
konnte demnach damit rechnen, diese dreihundert Franken
heimlich für seinen eigenen Bedarf abzuzweigen.
»Des weiteren brauche ich noch ein Pferd für meinen Diener und einen Mantelsack für mich. Die Waffen machen am
wenigsten Sorge, die habe ich schon.«
»Ein Pferd für Euern Diener?« wiederholte sie zögernd.
»Das ist ja geradezu fürstlich, mein Freund?«
»Nun, was denn, Madame«, versetzte Porthos stolz, »bin
ich vielleicht irgendein Hanswurst?«
»Aber nein, ich meine ja nur, ein hübsches Maultier macht
sich mitunter genausogut wie ein Pferd, und mir scheint,
wenn ich Euch solch ein hübsches Maultier für Euern Mousqueton besorge …«
»Gut, nehmen wir ein Maultier!« entschied Porthos. »Ihr
habt recht, ich habe schon sehr vornehme spanische Herren
gesehen, deren ganzes Gefolge auf Maultieren ritt. Aber Ihr
versteht, Madame, es muß dann auch ein Maultier mit Federbusch und Schellen sein!«
»Seid unbesorgt!«
»Bleibt noch der Mantelsack.«
»Oh, darüber macht Euch nur keine Gedanken!« rief Frau
Coquenard. »Mein Mann hat davon fünf oder sechs Stück,
Ihr könnt Euch also den besten aussuchen. Es ist besonders
einer darunter, den er sehr gern mit auf Reisen nahm; da
könnt Ihr ein ganzes Haus hineinpacken.«
372
»Ja, ist er denn leer, Euer Mantelsack?« fragte Porthos naiv.
»Natürlich ist er leer«, antwortete Frau Coquenard ebenso
naiv.
»Mein Gott«, rief der Musketier, »mir fehlt aber ein wohlgefüllter, meine Teure!«
Die Anwaltsgattin stöhnte von neuem. Molière hatte seinen »Geizigen« noch nicht geschrieben; Frau Coquenard hat
also zumindest den zeitlichen Vorrang vor Herrn Harpagon.
In ähnlicher Weise verhandelten sie nacheinander über die
noch fehlenden Ausrüstungsstücke. Es endete damit, daß
Frau Coquenard sich bereit erklärte, ihm achthundert Franken in bar auszuhändigen sowie das Pferd und das Maultier
zu beschaffen, denen die Ehre zuteil werden sollte, Porthos
und Mousqueton ruhmvollen Taten entgegenzutragen.
Nachdem man sich über diese Bedingungen geeinigt hatte,
verabschiedete sich Porthos. Frau Coquenard machte ihm
schöne Augen, damit er noch etwas bleibe, aber er schützte
den Dienst vor, und so mußte die Frau Staatsanwalt hinter
dem König zurückstehen.
Mit gewaltig knurrendem Magen kehrte der Musketier nach
Hause zurück.
Zofe und Herrin
Trotz der mahnenden Stimme seines Gewissens und des weisen Rates seines Freundes Athos verliebte sich d’Artagnan immer heftiger in Mylady. Daher versäumte der verwegene Gascogner keinen Tag, ihr den Hof zu machen, war er doch überzeugt, früher oder später seine Gefühle erwidert zu sehen.
Als er sich eines Abends in der stolzen und unbeschwerten Haltung eines Mannes, der auf einen Goldregen gefaßt
ist, dem Haus am Place Royale näherte, traf er im Torweg die
Zofe; aber diesmal begnügte sich die hübsche Ketty nicht damit, ihn im Vorübergehen zu streifen, sondern ergriff sacht
seine Hand.
Ah, sagte sich d’Artagnan, sie will mir sicherlich eine Botschaft ihrer Herrin ausrichten; es wird sich wohl um ein Stelldichein handeln, das man mir mündlich nicht anzutragen
373
wagt! Und dabei schaute er die hübsche Kleine mit der strahlendsten Siegermiene an, die ihm zu Gebote stand.
»Ich möchte Euch gern etwas sagen, Herr Junker«, stammelte die Zofe.
»Sprich, schönes Kind, sprich nur, ich höre!«
»Hier ist das unmöglich; was ich Euch zu sagen habe, läßt
sich nicht in zwei Worten sagen, und vor allem muß es ganz
geheim bleiben.«
»Ja, was machen wir denn da?«
»Wenn der Herr Junker mir folgen mag …«, sagte die
Kleine schüchtern.
»Wohin du willst, mein schönes Kind!«
»Dann kommt!«
Und Ketty, die seine Hand nicht losgelassen hatte, zog ihn
in einen dunklen Seitenaufgang, ging mit ihm etwa fünfzehn
Stufen einer steilen Wendeltreppe hinauf und öffnete eine
Tür.
»Tretet ein, Herr Junker!« sagte sie. »Hier sind wir allein
und können ungestört sprechen.«
»Was ist denn das hier für ein Zimmer?«
»Es ist meines, gnädiger Herr, und durch die Tür dort mit
dem Zimmer meiner Herrin verbunden. Aber seid unbesorgt,
sie kann uns nicht hören, denn sie geht nie vor Mitternacht
schlafen!«
D’Artagnan schaute sich um. Das kleine Zimmer war sauber und geschmackvoll eingerichtet. Doch unwillkürlich heftete sich sein Blick auf die Tür, die nach Kettys Worten in
Myladys Schlafgemach führte. Die Zofe erriet, was in dem
jungen Mann vorging; sie seufzte hörbar auf und sagte:
»Ihr liebt meine Herrin wohl sehr, Herr Junker?«
»Oh, mehr, als ich zu sagen vermag! Ich bin völlig in sie
vernarrt!«
Ketty seufzte abermals und antwortete:
»Ach, gnädiger Herr, das ist wirklich traurig.«
»Traurig? Ja, zum Teufel, warum denn das?«
»Weil meine Herrin Euch nicht liebt, gnädiger Herr.«
»Wie? Hat sie etwa dich beauftragt, mir das zu sagen?«
»O nein, Herr Junker, aber aus Teilnahme für Euch faßte
ich den Entschluß, es Euch zu sagen.«
374
»Danke, gute Ketty, aber nur für deine Teilnahme, denn
wie du dir denken kannst, ist mir die Nachricht durchaus
nicht angenehm.«
»Das heißt, Ihr glaubt nicht, was ich Euch sage?«
»Es fällt einem immer schwer, so etwas zu glauben, mein
schönes Kind, und sei es nur aus Eitelkeit.«
»Ihr glaubt mir also nicht?«
»Ich muß gestehen, solange du mir keinen Beweis dafür
geben kannst …«
»Und was sagt Ihr hierzu?« Ketty zog ein Briefchen aus
ihrem Mieder.
»Für mich?« fragte d’Artagnan und riß es ihr aus der Hand.
»Nein, für einen anderen.«
»Für einen anderen?«
»Ja.«
»Seinen Namen! Nennt mir seinen Namen!« rief d’Artagnan.
»Lest doch die Aufschrift!«
Er tat es und schrie auf:
»An den Grafen von Wardes!« Sofort erinnerte sich der anmaßende Gascogner wieder an jene Szene in Saint-Germain,
und ohne sich zu bedenken, erbrach er kurzerhand den Brief.
»O mein Gott, was tut Ihr da, gnädiger Herr!« schrie Ketty
entsetzt auf.
Aber d’Artagnan achtete nicht mehr auf sie, sondern las:
»Ihr habt auf meinen ersten Brief nicht geantwortet. Seid Ihr so
leidend, oder solltet Ihr schon vergessen haben, mit welchen Augen Ihr mich auf dem Ball der Madame de Guise angesehen
habt? Die Gelegenheit ist da, Graf, laßt sie Euch nicht entgehen!«
Der junge Mann erbleichte; er war in seiner Eigenliebe verletzt und glaubte sich in seiner Liebe verwundet.
»Armer, lieber Herr d’Artagnan!« sagte voller Mitgefühl
die kleine Zofe und faßte aufs neue nach seiner Hand.
»Du beklagst mich, gutes Kind?«
»O ja, von ganzem Herzen, denn ich weiß, was Liebe heißt!«
»Du weißt, was Liebe heißt?« fragte d’Artagnan und sah
sie zum erstenmal aufmerksamer an.
375
»Ja, leider.«
»Statt mich zu beklagen, solltest du mir lieber bei meiner
Rache an deiner Herrin helfen.«
»Wie wollt Ihr Euch denn rächen?«
»Ich will über sie triumphieren, will meinen Nebenbuhler
ausstechen!«
»Dazu gebe ich Euch nie meine Hand, Herr Junker!« rief
die Kleine lebhaft.
»Und warum nicht?«
»Aus zwei Gründen.«
»Aus welchen?«
»Erstens, weil meine Herrin Euch niemals lieben wird.«
»Wie willst du das wissen?«
»Ihr habt sie zutiefst beleidigt.«
»Ich? Wie kann ich sie beleidigt haben, da ich doch, seit
ich sie kenne, wie ein Sklave zu ihren Füßen liege? Sprich,
ich bitte dich!«
»Nein, das könnte ich nur dem Manne sagen … der bis auf
den Grund meines Herzens schaut!«
D’Artagnan betrachtete Ketty ein zweites Mal. Das junge
Mädchen war von einer Frische und Schönheit, für die manche Herzogin ihre Krone hergegeben hätte.
»Ketty«, sagte er, »wenn du magst, will ich gern bis auf den
Grund deines Herzens schauen; daran soll es nicht scheitern,
mein liebes Kind!« Und er gab der armen Zofe einen Kuß,
unter dem sie wie eine Kirsche errötete.
»Ach nein«, rief sie dann, »Ihr liebt mich ja nicht! Ihr liebt
nur meine Herrin, noch eben habt Ihr es gesagt!«
»Und hindert dich das, mir den zweiten Grund zu nennen?«
»Der zweite Grund, Herr Junker«, versetzte Ketty, die
durch den Kuß und nun durch den Blick des jungen Mannes
mutiger geworden war, »der zweite Grund ist, daß in der
Liebe jeder zuerst an sich denkt.«
Nun erinnerte er sich wieder an ihre schmachtenden Blicke,
an die Begegnungen in der Vorhalle, auf der Treppe, im Hausflur und wie sie ihn jedesmal im Vorübergehen gestreift und oft
genug leise geseufzt hatte; in seinem Verlangen, der Dame des
Hauses zu gefallen, hatte er auf die Zofe überhaupt nicht ge376
achtet: Wer den Adler jagt, kümmert sich nicht um den Sperling.
Diesmal aber erfaßte unser Gascogner mit einem Blick,
welchen Vorteil er aus der Liebe ziehen konnte, die ihm Ketty
eben so naiv oder auch schamlos angetragen hatte: er konnte
die Briefe an den Grafen von Wardes abfangen, besaß eine
Vertraute in Myladys nächster Umgebung und hatte jederzeit
Zutritt zu Kettys Zimmer, das neben dem ihrer Herrin lag.
Schon opferte er in Gedanken die arme Kleine seiner herzlosen Leidenschaft, Mylady um jeden Preis zu besitzen.
»Also gut, liebe Ketty, soll ich dir einen Beweis dieser Liebe
geben?«
»Welcher Liebe?«
»Der Liebe, die ich schon jetzt für dich empfinde.«
»Und was ist das für ein Beweis?«
»Möchtest du, daß ich diesen Abend mit dir, statt mit deiner Herrin verbringe?«
»O ja«, rief das Mädchen und klatschte in die Hände, »sehr
gern!«
»Gut, mein Kind«, sagte d’Artagnan und ließ sich in einen
Sessel nieder, »dann komme her, damit ich dir sagen kann, daß
du die hübscheste Kammerzofe bist, die mir je vor Augen gekommen ist!«
Und das sagte er ihr so oft und überzeugend, daß die arme
Kleine, die ja nur den einen Wunsch hatte, es möchte wahr
sein, ihm zuletzt alles glaubte … Doch zu seinem großen Erstaunen wehrte sie seine Zudringlichkeiten mit ziemlicher
Entschiedenheit ab.
Die Zeit vergeht schnell beim Wechselspiel von Angriff
und Verteidigung.
Es schlug Mitternacht, und fast gleichzeitig ertönte nebenan Myladys Klingelzeichen.
»Großer Gott«, raunte Ketty, »meine Herrin ruft mich!
Fort, rasch fort!«
D’Artagnan erhob sich, nahm seinen Hut, als wollte er gehen, doch statt die Tür zur Treppe zu öffnen, riß er die Tür
eines großen Schrankes auf und kauerte sich zwischen Lady
Claricks Kleider und Morgenröcke.
»Was soll denn das?« flüsterte Ketty entsetzt.
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Aber d’Artagnan, der den Schlüssel abgezogen hatte, schloß
sich wortlos in seinem Schrank ein.
»Nun, was ist?« rief Mylady mit scharfer Stimme. »Schläfst
du, daß du nicht kommst, wenn ich läute?«
Und d’Artagnan hörte, wie die Verbindungstür heftig
geöffnet wurde.
»Hier bin ich, Mylady, hier bin ich!« rief die Kleine und
eilte ihrer Herrin entgegen.
Beide gingen in das Schlafzimmer hinüber, und da die Verbindungstür offenblieb, konnte der junge Mann hören, wie
Mylady ihre Zofe noch eine Weile auszankte; endlich beruhigte sie sich, und während Ketty ihrer Herrin beim Auskleiden behilflich war, kam die Rede alsbald auf den Lauscher
im Schrank.
»Heute abend«, sagte Mylady, »habe ich übrigens unseren
Gascogner gar nicht gesehen.«
»Wie, gnädige Frau, er ist nicht gekommen? Er wird Euch
doch nicht untreu werden, bevor er noch glücklich war?«
»O nein, mein Kind, er war wohl durch Herrn de Treville
oder Herrn des Essarts dienstlich verhindert. Darin kenne
ich mich aus, Ketty – der ist mir sicher!«
»Was habt Ihr denn mit ihm vor?«
»Was ich mit ihm vorhabe? Da zerbrich dir nur nicht den
Kopf, mein Kind! Zwischen diesem Mann und mir gibt es etwas, von dem er nichts weiß … Fast hätte er mich um mein
ganzes Ansehen bei Seiner Eminenz gebracht … Aber ich
werde mich rächen!«
»Und ich dachte, die gnädige Frau liebt ihn …«
»Ich und ihn lieben? Ich verabscheue ihn! Dieser Dummkopf hatte das Leben Lord Winters in seiner Hand und hat
es ihm geschenkt, wodurch ich um dreihunderttausend Franken Rente gekommen bin!«
»Das ist allerdings wahr«, sagte Ketty. »Euer Sohn ist der
einzige Erbe Eures Schwagers, und bis zu seiner Großjährigkeit könntet Ihr über das Vermögen verfügen.«
D’Artagnan erschauerte bis ins innerste Mark, als er vernahm, wie ihm dieses äußerlich so liebreizende Geschöpf mit
jener kreischenden Stimme, die sich in der Unterhaltung so
überaus sanft zu geben wußte, vorwarf, einen Mann nicht
378
getötet zu haben, der sie, wie er selbst gesehen hatte, mit
Freundschaftsbeweisen überhäufte.
»Ich hätte mich auch längst gerächt«, fuhr Mylady fort,
»wenn nicht der Kardinal, ich weiß nicht warum, darauf bestanden hätte, daß ich ihn schone.«
»Die gnädige Frau hat aber seine kleine Freundin nicht geschont!«
»Ach, die Krämersfrau aus der Rue des Fossoyeurs! Hat
er nicht schon vergessen, daß es sie jemals gab? Meiner Treu,
eine schöne Rache!«
Kalter Schweiß trat dem Gascogner auf die Stirn; diese
Frau war ja ein Ungeheuer! Er lauschte gespannt, aber leider
war die Toilette jetzt beendet.
»Es ist gut«, sagte Mylady, »du kannst gehen, und sieh zu,
daß du morgen unbedingt eine Antwort auf den Brief bekommst, den ich dir gegeben habe!«
»An den Grafen von Wardes?«
»Natürlich, an wen sonst?«
»Ja, der Graf, der stellt doch wirklich etwas ganz anderes
dar als dieser Herr d’Artagnan …«
»Geh schon, Ketty, ich schätze Kommentare nicht!«
D’Artagnan hörte, wie die Tür zugemacht wurde; Mylady
schob zwei Riegel vor, um sich einzuschließen, und auch
Ketty drehte, so leise sie konnte, ihren Schlüssel herum. Endlich durfte der Gascogner sein Versteck verlassen.
»Mein Gott, was ist Euch?« flüsterte Ketty. »Ihr seid ja
ganz bleich!«
»Diese abscheuliche Person!« murmelte d’Artagnan.
»Still! Still! Ihr müßt jetzt gehen; die Wand zu Myladys
Zimmer ist sehr dünn, man kann alles hören, was gesprochen
wird.«
»Gerade darum werde ich bleiben.«
»Wie?« fragte Ketty errötend.
»Oder wenigstens gehe ich … erst später.«
Und er zog die Kleine an sich. Sie konnte sich nicht gut
wehren, denn das wäre kaum ohne Geräusch abgegangen; so
ergab sie sich eben.
Es war im Grunde nur ein Racheakt gegen Mylady, und
d’Artagnan fand, daß man durchaus recht hatte, die Rache
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die Freude der Götter zu nennen. Hätte er ein bißchen Herz
gehabt, so wäre es ihm an dieser neuen Eroberung genug gewesen, aber ihn beherrschten nur Ehrgeiz und Überheblichkeit.
Indessen müssen wir zu seinen Gunsten sagen, daß er seinen Einfluß auf Ketty zuerst dazu benutzte, von ihr etwas
über das weitere Schicksal von Frau Bonacieux zu erfahren;
doch die arme Kleine schwor hoch und heilig, daß sie nichts
wisse, da Mylady ihre Geheimnisse nie ganz aufdecke; sie
glaube lediglich dafür einstehen zu können, daß Frau Bonacieux noch am Leben sei. Was den Grund betraf, weshalb Mylady sich beinahe die Gunst des Kardinals verscherzt hätte,
so wußte Ketty auch darüber nichts; hier aber war d’Artagnan ihr voraus, denn da er sie beim Verlassen Englands auf
einem an der Ausreise verhinderten Schiff gesehen hatte, erriet er unschwer, daß es sich dabei um die Affäre mit den Diamantnadeln handelte.
Am klarsten war jedoch bei alledem, daß er ihren wahren,
ihren wütendsten und unerschütterlichen Haß dem Umstand verdankte, daß er ihren Schwager nicht getötet hatte.
Am nächsten Abend ging d’Artagnan wieder zu Mylady.
Sie war sehr übel gelaunt, und er begriff, daß das Ausbleiben
einer Antwort auf ihren Brief an den Grafen von Wardes sie
so gereizt machte. Ketty trat ein, aber Mylady war sehr unfreundlich zu ihr. Die Kleine warf dem jungen Mann einen
Blick zu, als wollte sie sagen: Da seht Ihr, was ich um Euretwillen leide!
Doch gegen Ende des Abends wurde die schöne Löwin
wieder sanfter, hörte lächelnd auf das verliebte Geschwätz
des Gascogners und überließ ihm beim Abschied sogar die
Hand zum Kuß.
An der Haustür wartete Ketty, und wie am Vorabend folgte
er ihr hinauf in ihr Zimmer. Die Zofe war heftig gescholten
worden, man hatte ihr Nachlässigkeit vorgeworfen. Mylady
konnte sich das Schweigen des Grafen einfach nicht erklären
und hatte dem Mädchen deshalb befohlen, am anderen Morgen um neun Uhr in ihr Zimmer zu kommen, um einen dritten Brief nach Saint-Germain zu besorgen. D’Artagnan nahm
Ketty das Versprechen ab, ihm diesen Brief sofort zu bringen.
380
Die arme Kleine versprach, was immer ihr Geliebter von ihr
wollte: sie liebte, und alles andere kümmerte sie nicht mehr.
Das weitere spielte sich im wesentlichen wie in der vergangenen Nacht ab. D’Artagnan kroch in den Schrank, Mylady
läutete, machte ihre Toilette, schickte Ketty aus dem Zimmer und schloß sich ein. Und wieder kam unser Junker erst
um fünf Uhr morgens heim.
Um elf Uhr erschien Ketty mit dem neuen Brief Myladys
in der Hand. Diesmal machte sie gar nicht erst den Versuch,
ihm den Einblick zu verwehren; mit Leib und Seele gehörte
sie ihrem schönen Soldaten. D’Artagnan öffnete und las:
»Nun schreibe ich zum drittenmal, um Euch zu sagen, daß ich
Euch liebe. Hütet Euch, daß ich Euch nicht in einem vierten
Brief meine Verachtung aussprechen muß! Wenn Ihr Euer bisheriges Verhalten bereut, wird Euch die Überbringerin dieses
Briefes sagen, wie ein galanter Mann Verzeihung erwirken
kann.«
D’Artagnan wurde beim Lesen abwechselnd rot und blaß.
»Oh, Ihr liebt sie noch immer!« rief das Mädchen, das kein
Auge von dem jungen Mann gelassen hatte.
»Nein, Ketty, du täuschst dich, ich liebe sie nicht mehr; ich
will mich nur für ihre Verachtung rächen.«
»Ja, ich weiß auch wie. Ihr habt es mir ja selbst gesagt.«
»Was kümmert es dich, solange ich nur dich liebe?«
»Wie kann ich das wissen?«
»Meine Verachtung für Mylady muß es dir sagen.«
Ketty seufzte.
D’Artagnan nahm eine Feder und schrieb:
»Madame, bis heute wagte ich nicht zu hoffen, daß Eure beiden
ersten Briefchen wirklich an mich gerichtet waren, so wenig
glaubte ich mich einer solchen Ehre würdig; übrigens war ich
so leidend, daß ich auch ohnedies mit einer Antwort gezögert
hätte.
Aber heute muß ich wohl an das Übermaß Eurer Güte glauben, da nicht nur Euer Brief, sondern auch Eure Zofe mir versichert, daß ich das große Glück habe, von Euch geliebt zu werden.
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Sie braucht mir nicht zu sagen, auf welche Weise ein galanter Mann Vergebung erwirken kann; darum will ich Euch noch
heute abend um elf Uhr persönlich um Verzeihung bitten. Auch
nur einen Tag zu warten wäre in meinen Augen jetzt gleichbedeutend mit einer neuerlichen Kränkung.
Ihr habt mich zum glücklichsten Menschen des ganzen Königreiches gemacht!
Graf von Wardes«
Dieser Brief war nicht nur eine Fälschung, sondern auch
eine grobe Geschmacklosigkeit; nach unseren Begriffen war
er sogar eine ausgesprochene Infamie, aber dazumal war man
weniger zartfühlend als heutzutage. Außerdem wußte d’Artagnan aus Myladys eigenem Munde, daß sie ganz andere Gemeinheiten begangen hatte, und so war seine Achtung für sie
gleich Null. Dennoch empfand er für diese Frau eine wahnsinnige Leidenschaft, eine mit Verachtung durchtränkte Leidenschaft, aber eben doch eine Leidenschaft, eine Begierde,
die stärker war als sein Abscheu.
D’Artagnans Plan war ganz einfach: von Kettys Zimmer aus
würde er ohne weiteres in das ihrer Herrin gelangen, über die
er im ersten Augenblick der Überraschung, der Scham oder
des Entsetzens zu triumphieren hoffte. Natürlich konnte sein
Plan auch scheitern, aber ein wenig mußte man sich schon auf
sein Glück verlassen. In acht Tagen begann der Feldzug, dann
mußte er fort … Er hatte also auch keine Zeit mehr, die Spielregeln einer vollkommenen Liebe zu beachten.
»Hier«, sagte er und gab Ketty den versiegelten Brief,
ȟberbring das deiner Herrin als die Antwort des Grafen von
Wardes!«
Die arme Zofe wurde blaß wie der Tod; sie ahnte, was der
Brief enthielt.
»Schau mal, mein liebes Kind«, fuhr d’Artagnan fort, »du
begreifst doch, daß diese Geschichte so oder so ein Ende finden muß, Mylady kann jeden Tag dahinterkommen, daß du
den ersten Brief meinem Diener statt dem des Grafen von
Wardes gegeben hast und daß ich die anderen geöffnet habe
und nicht der Graf. Dann wird dich Mylady fortjagen, und du
kennst sie als eine Frau, deren Rache sich damit kaum zufriedengeben dürfte.«
382
»Ach«, rief Ketty, »für wen habe ich das alles nur auf mich
genommen!«
»Für mich, ich weiß es wohl, mein schönes Kind, und ich
bin dir von Herzen dankbar, glaub mir nur!«
»Aber was steht denn nun in dem Brief?«
»Mylady wird es dir schon sagen.«
»Ach, Ihr liebt mich nicht mehr!« schluchzte die Kleine.
»Ich bin ja so unglücklich!«
Auf diesen Vorwurf gibt es eine Antwort, auf die eine Frau
immer hereinfällt; auch d’Artagnan bediente sich ihrer, so
daß die arme Ketty weiterhin in ihrem Irrtum befangen blieb.
Trotzdem weinte sie sehr, bevor sie sich bereit erklärte, Mylady den Brief zu übergeben; aber zuletzt fügte sie sich doch,
und d’Artagnan hatte wieder einmal erreicht, was er wollte.
Im übrigen versprach er ihr, am Abend schon sehr früh ihre
Herrin zu verlassen und zu ihr zu kommen. Und dieses Versprechen tröstete die Kleine vollends.
Aramis’ und Porthos’ Ausrüstung
Seitdem unsere vier Freunde, oder richtiger: seitdem drei von
ihnen sich auf die Jagd nach ihrer Ausrüstung begeben hatten, traf man einander nicht mehr zu festgesetzten Stunden.
Jeder aß allein, wo er sich gerade befand oder, besser gesagt,
wo er gerade konnte. Auch der Dienst beanspruchte seinen
Teil an der kostbaren Zeit, die so schnell verrann. Allerdings
war man übereingekommen, sich einmal wöchentlich gegen
ein Uhr bei Athos zu treffen, der tatsächlich, getreu seinem
Schwur, keinen Fuß mehr vor die Tür setzte.
Der Tag, an dem Ketty d’Artagnan wegen des Briefes in
seiner Wohnung aufgesucht hatte, sah eine solche Zusammenkunft vor. Daher eilte der Gascogner, als das Mädchen
gegangen war, sogleich in die Rue Ferou.
Hier fand er Athos und Aramis in philosophischem Gespräch. Aramis hatte wieder einmal gewisse Anwandlungen,
zur Soutane zurückzukehren. Und wie es seine Gewohnheit
war, riet Athos weder ab noch zu. Er war der Meinung, jeder
383
müsse seine Wahl selber treffen; darum erteilte er Ratschläge
nur, wenn er mehrmals gebeten wurde. »Gewöhnlich läßt man
sich Ratschläge geben«, pflegte er zu sagen, »um sie nicht zu
befolgen oder, wenn man sie wirklich befolgt, um jemand zu
haben, dem man nachher vorwerfen kann, daß er sie einem gegeben hat.«
Kurz nach d’Artagnan traf auch Porthos ein. Die vier
Freunde waren also vollzählig beisammen. In ihren Gesichtern spiegelten sich indessen vier ganz verschiedene Gefühle:
bei Porthos war es Gelassenheit, bei d’Artagnan Hoffnung,
bei Aramis Unruhe und bei Athos Sorglosigkeit.
Nachdem sie sich eine Weile unterhalten hatten, wobei Porthos durchblicken ließ, daß eine hochgestellte Persönlichkeit
sich bereit gefunden habe, ihm aus seiner Verlegenheit zu helfen, trat Mousqueton auf den Plan. Er bat seinen Herrn, nach
Hause zu kommen, wo, wie er mit kläglicher Miene bekannte,
seine Anwesenheit dringend geboten scheine.
»Handelt es sich um meine Ausrüstung?« fragte Porthos.
»Ja und nein.«
»Kannst du mir’s denn nicht sagen?«
»Kommt nur, gnädiger Herr!«
Porthos erhob sich, grüßte seine Freunde und folgte Mousqueton.
Kurz darauf erschien Bazin auf der Türschwelle.
»Was führt dich her, mein Freund?« fragte Aramis mit jener
sanften Stimme, die man immer bei ihm bemerkte, wenn ihn
seine Gedanken wieder einmal der Kirche näher brachten.
»Zu Hause wartet ein Mann auf den gnädigen Herrn«, antwortete Bazin.
»Ein Mann? Was für ein Mann?«
»Ein Bettler.«
»Gib ihm ein Almosen, Bazin, und sage ihm, er möge für
einen armen Sünder beten!«
»Dieser Bettler will aber unbedingt mit Euch sprechen, und
er behauptet, Ihr würdet Euch sehr freuen, ihn zu sehen.«
»Und sonst hat er nichts gesagt?«
»Doch. Für den Fall, daß der gnädige Herr sich nicht entschließen kann, sofort nach Hause zu gehen, möchte ich ihm
sagen, daß er, der fremde Mann, aus Tours kommt.«
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»Aus Tours?« rief Aramis. »Meine Freunde, ich bitte tausendmal um Vergebung, aber dieser Mann bringt mir gewiß
Nachrichten, auf die ich schon seit einiger Zeit warte!« Damit stand er auf und entfernte sich eilends.
Zurück blieben Athos und d’Artagnan.
»Ich glaube, die beiden haben es geschafft«, sagte Athos,
»was meint Ihr, d’Artagnan?«
»Ich weiß, daß Porthos auf dem besten Wege war, und wegen Aramis habe ich mir, offen gestanden, nie ernstlich Sorge
gemacht. Aber Ihr, mein lieber Athos, was gedenkt Ihr zu
tun, nachdem Ihr so großartig die Dukaten des Engländers
verschenkt habt, obgleich sie Euch von Rechts wegen zukamen?«
»Es macht mir nichts aus, daß ich diesen vorwitzigen Engländer getötet habe – was brauchte er mich nach meinem Namen
zu fragen! Wenn ich aber seine Dukaten eingesteckt hätte, so
würde das mein Gewissen ganz schön belasten.«
»Ihr habt wirklich sonderbare Ansichten, guter Athos!«
»Reden wir nicht mehr davon! Was sagte doch gleich Herr
de Treville, der mich gestern mit seinem Besuch beehrte? Ihr
würdet jetzt häufig diese verdächtigen Engländer besuchen,
die unter dem besonderen Schutz des Kardinals stehen?«
»Das heißt, ich besuche eine Engländerin, dieselbe nämlich, von der ich Euch schon erzählt habe.«
»Ach ja, die blonde Frau, die mich dazu verleitete, Euch
gewisse Ratschläge zu erteilen, die Ihr natürlich nicht befolgt
habt.«
»Ich habe Euch meine Gründe genannt.«
»Richtig; Ihr seht da einen Weg, zu Eurer Ausrüstung zu
kommen; sagtet Ihr nicht so?«
»Aber nein! Und ich habe inzwischen auch die Gewißheit
erlangt, daß Mylady etwas mit der Entführung von Frau Bonacieux zu tun hat!«
»Ja, ich verstehe schon: um die eine Frau wiederzufinden,
macht Ihr der anderen den Hof; das ist der längste, aber gewiß auch unterhaltsamste Weg.«
D’Artagnan war nahe daran, dem Freund alles zu erzählen,
aber etwas hielt ihn davon ab: Athos war in allem, was die
Ehre betraf, sehr streng, und der Plan, den unser Gascogner
385
in seiner blinden Leidenschaft ausgeheckt hatte, enthielt eine
ganze Reihe von Punkten, die – davon war er im voraus überzeugt – niemals den Beifall dieses Puritaners finden würden.
So zog er es vor, zu schweigen, und weil Athos von Natur
aus alles andere als neugierig war, blieb es bei der einen Andeutung.
Wir wollen deshalb die beiden, die sich gerade keine weltbewegenden Dinge zu erzählen hatten, verlassen und uns
ihrem Freunde Aramis zuwenden. Wir haben gesehen, mit
welcher Eile der junge Mann bei der Nachricht, daß der
Fremde aus Tours gekommen sei, seinem Diener gefolgt oder
vielmehr ihm vorausgestürmt war: er rannte den Weg von der
Rue Ferou nach der Rue de Vaugirard, als wäre es nur ein Katzensprung.
Als er zu Hause anlangte, wartete hier tatsächlich ein
Mann auf ihn; er war klein und in Lumpen gehüllt, hatte aber
sehr kluge Augen.
»Ihr wünscht mich zu sprechen?« fragte der Musketier.
»Das heißt, ich möchte Herrn Aramis sprechen.«
»Der bin ich. Habt Ihr mir etwas zu überbringen?«
»Ja, sofern Ihr mir ein gewisses Taschentuch zeigen könnt.«
»Sofort«, sagte Aramis, indem er einen Schlüssel, den er
um den Hals trug, hervorholte und ein mit Perlmutt eingelegtes Ebenholzkästchen aufschloß. »Hier ist es!«
»Gut«, sagte der Bettler, »aber schickt Euern Diener hinaus!«
Wirklich hatte sich Bazin in seiner Neugier, was wohl der
Bettler von seinem Herrn wolle, alle Mühe gegeben, trotz
des höllischen Tempos mitzuhalten, und war nur wenig später eingetroffen; aber diese Eile nützte ihm wenig, denn auf
Wunsch des Bettlers bedeutete ihm sein Herr, sich zu entfernen, und er mußte leider gehorchen.
Nachdem Bazin gegangen war, vergewisserte sich der Bettler durch einen raschen Blick, daß ihn auch wirklich niemand
beobachten konnte, dann öffnete er seine zerrissene, von einem Ledergurt schlecht zusammengehaltene Jacke, trennte
an dem Wams, das er darunter trug, eine Naht auf und zog
einen Brief daraus hervor.
Aramis stieß einen Freudenschrei aus, als er das Siegel er386
blickte; dann preßte er seine Lippen auf den Umschlag und
öffnete fast andächtig den Brief, der folgendermaßen lautete:
»Mein Freund, das Schicksal will, daß wir noch einige Zeit getrennt bleiben; aber die schönen Tage der Jugend sind ja nicht
unwiederbringlich dahin. Tut Eure Pflicht im Felde, ich tue die
meine anderswo! Nehmt, was der Überbringer dieser Zeilen
Euch geben wird, zieht in den Kampf als schöner und tapferer
Edelmann und denkt an mich, die ich zärtlich Eure schwarzen
Augen küsse.
Lebt wohl, oder vielmehr auf Wiedersehen!«
Der Bettler trennte immer neue Nähte auf und holte aus
den Tiefen seines schmutzigen Gewandes nacheinander einhundertfünfzig spanische Doppeldukaten hervor, die er auf
den Tisch zählte. Dann öffnete er die Tür, grüßte und ging,
noch ehe sich der junge Mann von seiner Überraschung erholt hatte und das Wort an ihn zu richten wagte.
Als nun Aramis den Brief noch einmal las, bemerkte er,
daß er eine Nachschrift hatte:
»P. S.: Ihr könnt den Überbringer bei Euch aufnehmen, er ist
Graf und spanischer Grande.«
»Goldene Träume!« rief Aramis. »Oh, das Leben ist schön,
und wir sind jung! Ja, und auch uns wird das Glück wieder
lachen! Oh, dir, nur dir gehört meine Liebe, mein Blut, mein
Leben! Alles, alles gehört dir, meine schöne Geliebte!« Und
er küßte leidenschaftlich den Brief, ohne das Gold, das auf
dem Tisch funkelte und gleißte, auch nur einmal anzusehen.
An der Tür meldete sich Bazin, und da Aramis keinen
Grund mehr hatte, ihn fernzuhalten, ließ er ihn eintreten.
Beim Anblick des vielen Goldes war der Diener so verdutzt,
daß er ganz vergaß, d’Artagnan anzukündigen, den die Ankunft des mysteriösen Bettlers so neugierig gemacht hatte,
daß er kurzentschlossen von Athos herübergekommen war.
Nun pflegten die vier Freunde untereinander keine Umstände zu machen, und so ging der Gascogner einfach an dem
vor Überraschung sprachlosen Bazin vorbei und meldete sich
selber an.
»Teufel, Teufel, mein lieber Aramis!« rief er. »Wenn man
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Euch aus Tours solche Pflaumen schickt, so sagt dem Gärtner, der sie erntet, meine Anerkennung!«
»Ihr täuscht Euch, mein Freund«, erwiderte der allzeit verschwiegene Aramis, »es ist das Honorar für jenes schwierige
Gedicht, das ich, wie Ihr Euch erinnern werdet, schon in
Crèvecœur begonnen hatte; mein Verleger hat es mir eben
durch einen Boten zugestellt.«
»Donnerwetter!« sagte d’Artagnan. »Da habt Ihr aber einen
sehr großzügigen Verleger, mein lieber Aramis, das muß ich
schon sagen!«
»Wie, gnädiger Herr«, rief Bazin, »so viel Geld bekommt
man für ein Gedicht? Kaum zu glauben! Oh, gnädiger Herr,
Ihr könnt aber auch alles, was Ihr anfaßt, und Ihr bringt es
sicherlich noch soweit wie Herr Voiture. Damit wäre ich auch
sehr einverstanden, ein Dichter ist fast so etwas wie ein Abbé.
Ach, Herr Aramis, ich bitte Euch, werdet doch ein Dichter!«
»Bazin, mein Freund, mir will scheinen, du mischst dich
in unsere Unterhaltung?«
Bazin sah seinen Fehler ein, senkte den Kopf und ging hinaus.
»Weiß Gott«, sagte d’Artagnan lächelnd, »Ihr seid glücklich dran, mein Freund, denn Ihr laßt Euch Eure Werke teuer
bezahlen! Doch seht Euch vor, sonst verliert Ihr noch den
Brief, der da aus Euerm Rock hervorschaut und den Euch gewiß Euer Verleger geschrieben hat!«
Aramis lief rot an, schob den Brief in sein Wams zurück
und knöpfte es zu.
»Lieber d’Artagnan«, sagte er, »wenn es Euch recht ist, gehen wir jetzt wieder zu unseren Freunden zurück; nun ich
mit Geld versehen bin, können wir ab heute wieder zusammen essen, bis auch ihr wieder flüssig seid.«
»Mit dem größten Vergnügen! Wir haben uns schon lange
keinen richtigen Festschmaus mehr gegönnt, und da ich
heute abend eine etwas gewagte Unternehmung vorhabe, ist
es mir, ehrlich gesagt, gar nicht unlieb, wenn ich mir vorher
ein paar Flaschen alten Burgunder zu Gemüte führen kann!«
»Einverstanden! Für alten Burgunder habe auch ich etwas
übrig«, versetzte Aramis, dessen priesterliche Neigungen
sich beim Anblick des Goldes wieder einmal völlig verflüch388
tigt hatten. Er steckte ein paar Doppeldukaten in die Tasche,
um für den Augenblick gerüstet zu sein, und verschloß die
übrigen in das Ebenholzkästchen, in dem sich bereits das
berühmte Taschentuch befand, das ihm als Talisman diente.
Die beiden Freunde kehrten zunächst zu Athos zurück,
der getreu seinem Schwur, sein Domizil nicht zu verlassen,
das Essen bei sich zu richten versprach, und da er sich glänzend auf alle gastronomischen Dinge verstand, überließen
ihm d’Artagnan und Aramis ohne weiteres diese wichtige
Aufgabe.
Als sie sich hierauf zu Porthos begeben wollten, trafen sie
an der Ecke der Rue du Bac seinen Diener Mousqueton, der
mit jammervoller Miene ein Pferd und ein Maultier vor sich
hertrieb.
D’Artagnan stieß einen Schrei der Überraschung aus, der
aber auch eine gewisse Freude durchklingen ließ.
»Oho, mein gelbes Pferd!« rief er. »Aramis, seht nur dieses Pferd!«
»Eine abscheuliche Mähre!«
»Was wollt Ihr, mein Lieber, auf dieser Mähre habe ich meinen Einzug in Paris gehalten!«
»Wie, der gnädige Herr kennt dieses Pferd?« fragte Mousqueton.
»Es hat eine originelle Farbe, muß ich schon sagen«,
meinte Aramis. »So ein Fell ist mir wirklich noch nie unter
die Augen gekommen.«
»Das glaube ich gern«, versetzte der Gascogner, »und daher habe ich es auch für drei Taler verkaufen können, wegen
des Fells, meine ich, denn was darunter steckt, ist bestimmt
keine neun Franken wert! Aber wie bist du zu dem Pferd gekommen, Mousqueton?«
»Ach, gnädiger Herr«, klagte der Diener, »fragt mich
nicht! Das ist ein schändlicher Streich, den uns der Gatte unserer Herzogin gespielt hat.«
»Wieso denn, Mousqueton?«
»Ja, wir stehen in bestem Ansehen bei einer sehr vornehmen Dame, der Herzogin von … aber Verzeihung, mein Herr
hat mir zu schweigen geboten! Jedenfalls sahen wir uns genötigt, von ihr ein kleines Andenken anzunehmen, nämlich
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ein herrliches spanisches Streitroß und ein andalusisches
Maultier. Nun hat aber ihr Gatte von der Sache Wind bekommen und unterwegs die prächtigen Tiere, die sie uns
schicken wollte, beschlagnahmt, um sie gegen diese gräßlichen
Vierbeiner auszutauschen.«
»Die du ihm jetzt zurückbringst?«
»Natürlich!« erwiderte Mousqueton. »Ihr werdet verstehen, daß es uns unmöglich ist, statt der versprochenen Tiere
solche jämmerlichen Krücken zu behalten.«
»Bei Gott, und ob ich das verstehe! Wenngleich ich Porthos gern mal auf meinem gelben Pferd gesehen hätte …
Doch wir wollen dich nicht aufhalten, Mousqueton; geh nur
und erledige den Auftrag deines Herrn! Ist er zu Hause?«
»Ja, gnädiger Herr, aber in sehr verdrießlicher Laune.«
Und er setzte seinen Weg nach dem Quai des GrandsAugustins fort, während die beiden Freunde an der Tür des
unglücklichen Porthos läuteten. Der hatte sie jedoch über
den Hof kommen sehen und hütete sich wohl, zu öffnen.
Unterdessen hatte Mousqueton seine beiden Mähren über
die Pont-Neuf getrieben und erreichte endlich die Rue aux
Ours. Hier band er, wie es sein Herr ihm befohlen hatte,
Pferd und Maultier an den Türklopfer des Herrn Staatsanwalts und kehrte dann, ohne sich um ihr weiteres Schicksal
zu sorgen, in die Rue du Vieux-Colombier zurück, um Porthos den vollzogenen Auftrag zu melden.
Nach einer Weile erhoben die beiden unglücklichen Tiere,
die seit dem Morgen nichts mehr gefressen hatten, einen solchen Lärm, daß der Anwalt seinem Laufburschen befahl, in
der Nachbarschaft nachzufragen, wem das Pferd und das
Maultier gehörten.
Frau Coquenard erkannte ihr Geschenk wieder, verstand
aber zunächst nicht, warum man es ihr zurückgab; das sollte
ihr erst klarwerden, als bald darauf Porthos erschien. Die
Wut, die aus seinen Augen blitzte, sosehr er auch an sich zu
halten suchte, jagte der empfindsamen Geliebten keinen gelinden Schrecken ein. Tatsächlich hatte Mousqueton seinem
Herrn nicht verheimlicht, daß er unterwegs d’Artagnan und
Aramis begegnet war und daß der Gascogner in dem Pferd
seinen gelben Bearner Klepper wiedererkannt hatte, auf dem
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er einst nach Paris geritten war und den er für drei Taler verkauft hatte.
Porthos verabredete sich mit Frau Coquenard im Klostergang von Saint-Magloire und schickte sich sogleich wieder
zum Gehen an. Als dies der Hausherr sah, lud er ihn zum Essen ein, doch der Musketier lehnte majestätisch ab.
Frau Coquenard begab sich nach einer Weile zitternd zum
Stelldichein, denn sie ahnte die Vorwürfe, die sie zu hören bekommen würde; indessen war sie von Porthos’ großartigem
Auftreten zutiefst beeindruckt.
In der Tat ließ Porthos alles, was einem in seiner Eitelkeit
gekränkten Mann an Verwünschungen und Vorwürfen gegen
eine Frau einfallen kann, auf das reuig gesenkte Haupt seiner
schnöden Geliebten niederprasseln.
»Ach«, sagte sie endlich, »ich habe doch getan, was ich
konnte. Einer unserer Klienten, ein Pferdehändler, schuldete
unserer Kanzlei Geld und wollte und wollte nicht zahlen. Da
habe ich das Maultier und das Pferd als Gegenwert für die
fällige Summe genommen; er hatte mir zwei fürstliche Reittiere versprochen.«
»Nun, Madame, wenn er Euch mehr als fünf Taler schuldete, dann ist Euer Pferdehändler ein Betrüger!«
»Schließlich ist es nicht verboten, sich nach günstigen Einkaufsmöglichkeiten umzusehen«, versuchte Frau Coquenard
sich zu entschuldigen.
»Gewiß nicht, Madame, aber wer sich danach umsieht,
muß dem anderen schon gestatten, sich nach großzügigeren
Freunden umzusehen.« Damit kehrte ihr Porthos den Rücken
und wandte sich zum Gehen.
»Herr Porthos! Lieber Herr Porthos!« rief sie kläglich. »Es
war unrecht von mir, ich sehe es ja ein, ich hätte nicht feilschen dürfen, wo es sich darum handelt, einen Kavalier wie
Euch auszurüsten!«
Porthos ging, ohne zu antworten, langsam weiter. Frau
Coquenard sah ihn bereits in eine schimmernde Wolke gehüllt, umringt von Herzoginnen und Marquisen, die ihm
Säcke voll Gold vor die Füße warfen.
»Bleibt, um Himmels willen, bleibt, Herr Porthos!« jammerte sie. »Laßt uns miteinander reden!«
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»Das Reden mit Euch bringt mir Unglück.«
»So sagt doch, was verlangt Ihr?«
»Nichts, denn das läuft schließlich aufs selbe hinaus, als
wenn ich irgendeinen Wunsch äußerte.«
Frau Coquenard hängte sich in den Arm des Musketiers
und flehte in einer Aufwallung von Schmerz:
»Herr Porthos, ich verstehe doch nichts von alledem! Weiß
ich denn, was ein gutes Pferd ist? Weiß ich, wie ein Sattelzeug beschaffen sein muß?«
»Dann hättet Ihr es eben mir überlassen müssen, Madame,
ich kenne mich da aus! Aber Ihr wolltet ja unter allen Umständen sparen.«
»Das war nicht recht von mir, Herr Porthos, und ich gebe
Euch mein Wort, daß ich es wiedergutmache!«
»Wie denn?«
»Hört! Heute abend geht mein Mann zum Herzog von
Chaulnes, der ihn zu sich bestellt hat. Es handelt sich um eine
Konsultation, die mindestens zwei Stunden dauert. Wenn Ihr
kommt, sind wir allein und können ganz ungestört alles ins
reine bringen!«
»Donnerwetter, darüber läßt sich natürlich reden!«
»Verzeiht Ihr mir nun?«
»Wir werden ja sehen«, sagte Porthos würdevoll. »Also
dann bis heute abend!«
»Bis heute abend!« erwiderte Frau Coquenard.
Teufel noch mal, dachte Porthos, während er sich rasch
entfernte, wenn mich nicht alles täuscht, nähere ich mich
jetzt endlich dem wohlbehüteten Geldschrank Meister Coquenards!
Bei Nacht sind alle Katzen grau
Endlich brach der von Porthos und d’Artagnan so ungeduldig erwartete Abend an.
D’Artagnan erschien, wie üblich, gegen neun Uhr bei Mylady. Er traf sie bei glänzender Laune an, noch nie hatte sie
ihn so freundlich aufgenommen. Unser Gascogner sah auf
den ersten Blick, daß dies nur die Wirkung seines Briefes sein
392
konnte. Als Ketty die Limonade brachte, lächelte ihr Mylady
zu und behandelte sie mit der größten Zuvorkommenheit;
aber die arme Zofe war so traurig, daß sie das Wohlwollen ihrer
Herrin gar nicht bemerkte.
D’Artagnan musterte verstohlen die beiden Frauen und
mußte zugeben, daß hier die Natur geirrt hatte: der vornehmen Dame hatte sie eine gemeine, käufliche Seele und der
Zofe das Herz einer Fürstin mitgegeben.
Gegen zehn Uhr begann Mylady unruhig zu werden, und
d’Artagnan wußte nur zu gut, warum. Sie sah nach der Uhr,
stand auf, setzte sich wieder und lächelte ihrem Gast auf eine
Weise zu, als wollte sie sagen: Ihr seid ohne Zweifel ein reizender Mensch, aber Ihr wärt mir noch sehr viel sympathischer, wenn Ihr jetzt ginget!
D’Artagnan erhob sich und nahm seinen Hut. Mylady
reichte ihm die Hand zum Kuß; der junge Mann fühlte, wie
sie die seine drückte, und begriff, daß sie es diesmal nicht aus
Koketterie, sondern aus Dankbarkeit tat, weil er sich schon
verabschiedete.
Sie ist ja ganz verteufelt in ihn verliebt! sagte er sich, während er der Tür zuschritt.
Heute erwartete ihn Ketty nirgends, weder in der Vorhalle
noch auf der Treppe, noch im Torweg. D’Artagnan mußte
sich den Weg über die Wendeltreppe zu ihrem Zimmer schon
selber suchen.
Ketty saß, den Kopf in die Hände vergraben, auf einem Stuhl
und weinte. Sie hörte d’Artagnan eintreten, aber sie blickte
nicht auf, und als er zu ihr kam und sie bei den Händen faßte,
brach sie in heftiges Schluchzen aus.
D’Artagnan hatte ganz richtig vermutet: Mylady hatte in
ihrer Freude über den Brief ihrer Zofe alles anvertraut und ihr
sogar zur Belohnung für den so gut erledigten Auftrag eine
Geldbörse geschenkt. Ketty war darauf in ihr Zimmer zurückgekehrt und hatte die Börse in eine Ecke gefeuert, wo sie jetzt
noch lag, neben einigen Goldstücken, die dabei auf den Teppich
gerollt waren. D’Artagnan streichelte die arme Kleine, und sie
hob endlich den Kopf. Ihr Gesicht war so verstört, daß es sogar ihn einen Augenblick betroffen machte. Sie rang gleichsam
flehentlich die Hände, wagte jedoch nichts zu sagen.
393
Sowenig empfänglich d’Artagnans Herz auch war, so rührte
ihn doch dieser stumme Schmerz; aber er hing zu sehr an seinen Plänen, besonders an dem, den er sich für diesen Abend
ausgedacht hatte, und wollte um keinen Preis davon abstehen.
Deshalb ließ er Ketty auch keine Hoffnung, ihn zu erweichen,
stellte ihr allerdings sein Tun als bloßen Racheakt dar. Eine Rache, die übrigens um so leichter durchzuführen war, als Mylady,
offenbar um ihre Röte vor dem Geliebten zu verbergen, Ketty
befohlen hatte, kurz vor elf Uhr alle Lichter, auch die in ihrem
eigenen Zimmer, zu löschen.
Nach einer Weile hörte man nebenan Mylady eintreten.
D’Artagnan stürzte sogleich zum Kleiderschrank, und kaum
hatte er sich hier versteckt, als Mylady auch schon läutete.
Ketty ging hinüber und schloß die Tür hinter sich; aber die
Wand war so dünn, daß unser Gascogner fast jedes Wort
hören konnte, das die beiden Frauen miteinander sprachen.
Mylady schien trunken vor Freude. Immer wieder fragte
sie nach Einzelheiten der angeblichen Begegnung zwischen
der Zofe und dem Grafen von Wardes: wie er den Brief aufgenommen, was er geantwortet, welchen Ausdruck sein Gesicht gezeigt habe und ob er ihr sehr verliebt vorgekommen
sei. Auf all diese Fragen antwortete die arme Ketty, die sich
keine Blöße geben durfte, nur mit halb erstickter Stimme,
deren gequälter Ausdruck ihrer Herrin indessen überhaupt
nicht auffiel; so selbstsüchtig ist das Glück.
Als endlich die Stunde ihres Stelldicheins mit dem Grafen
herannahte, ließ Mylady tatsächlich alle Lichter löschen und
befahl Ketty, wieder in ihr Zimmer zu gehen und den Grafen,
sowie er sich melde, zu ihr zu führen.
Ketty brauchte nicht lange zu warten. Kaum hatte nämlich d’Artagnan durch das Schlüsselloch bemerkt, daß alles
dunkel war, als er auch schon aus seinem Schrank schlüpfte,
obwohl die Zofe eben erst die Verbindungstür schloß.
»Was ist das für ein Geräusch?« fragte Mylady.
»Ich bin’s«, sagte d’Artagnan mit verstellter Stimme, »ich,
der Graf von Wardes.«
»O mein Gott, mein Gott!« murmelte Ketty. »Er kann
nicht einmal die Stunde abwarten, die er selbst festgesetzt
hat.«
394
»Aber warum tretet Ihr nicht ein, Graf?« fragte Mylady
mit bebender Stimme. »Ihr wißt doch, daß ich Euch erwarte!«
Auf diesen Ruf hin schob d’Artagnan die Zofe sacht beiseite und eilte nach nebenan.
Es gibt wohl kaum eine peinigendere Folter für einen Liebhaber, als unter einem falschen Namen Liebesbeteuerungen
zu empfangen, die einem glücklicheren Nebenbuhler gelten.
In diese unglückliche Lage, die er bei aller Voraussicht nicht
bedacht hatte, fand sich unser liebestoller Junker nun versetzt. Die Eifersucht marterte sein Herz, und er litt fast ebensosehr wie die arme Ketty im Nebenzimmer.
»Ja, Graf«, hauchte sie mit ihrer sanftesten Stimme und
drückte dabei zärtlich seine Hände, »ja, ich bin glücklich über
die Liebe, die ich in Euern Blicken und Euern Worten fand,
sooft wir einander begegneten. Auch ich liebe Euch! O morgen, morgen will ich irgendein Pfand von Euch, einen Beweis, daß Ihr immer an mich denkt; und damit Ihr mich nicht
vergeßt, nehmt das hier!« Damit streifte sie einen Ring von
ihrem Finger und steckte ihn d’Artagnan an.
Der konnte ihn zwar nicht sehen, aber er erinnerte sich, ihn
an Myladys Hand gesehen zu haben; es war ein herrlicher, von
Brillanten eingefaßter Saphir.
In einer ersten Regung wollte er ihr den Ring zurückgeben,
aber sie wehrte ab und sagte:
»Nein, nein, behaltet ihn nur, behaltet ihn mir zuliebe!
Übrigens erweist Ihr mir damit«, fügte sie mit seltsam bewegter Stimme hinzu, »einen größeren Dienst, als Ihr auch
nur zu ahnen vermögt!«
Dieses Weib steckt voller Rätsel! sagte sich d’Artagnan. In
diesem Augenblick war er soweit, ihr alles zu entdecken. Er
öffnete schon den Mund, um ihr zu sagen, wer er war und
welche Rachepläne ihn hergeführt hatten; da aber sprach sie
weiter:
»Armer Engel, den dieses Scheusal von einem Gascogner
um ein Haar getötet hätte!« Das Scheusal war er. »Oh«, fuhr
sie fort, »machen Euch die Wunden noch sehr zu schaffen?«
»Ja, sehr«, antwortete d’Artagnan, der nicht wußte, was er
sagen sollte.
395
»Seid nur ruhig«, murmelte Mylady, »ich werde Euch rächen,
und zwar grausam!«
Zum Henker – fluchte der Gascogner in sich hinein –, mit
der Beichte will ich lieber noch etwas warten!
D’Artagnan brauchte einige Zeit, um sich von diesem kurzen Dialog zu erholen; doch auf einmal waren all die rachsüchtigen Gedanken, mit denen er hergekommen war, wie
fortgeweht. Diese Frau übte eine unglaubliche Macht über
ihn aus; er haßte sie und betete sie zugleich an. Er hätte nie
geglaubt, daß zwei so widerstreitende Gefühle in einem Herzen wohnen und zusammen eine so seltsame, ja geradezu
teuflische Haßliebe ergeben könnten.
Unterdes hatte es ein Uhr geschlagen; d’Artagnan mußte
an den Aufbruch denken. Jetzt, im Augenblick der Trennung,
empfand er nur noch das lebhafteste Bedauern, und während
sie leidenschaftlich voneinander Abschied nahmen, verabredeten sie eine neue Zusammenkunft für die nächste Woche.
Die arme Ketty hoffte noch ein paar Worte mit ihrem Geliebten wechseln zu können, aber Mylady geleitete ihn im
Dunkeln selbst hinaus und verließ ihn erst an der Treppe.
Am anderen Morgen eilte d’Artagnan zu Athos. Er war in
ein so seltsames Abenteuer verwickelt, daß er seinen Rat einholen wollte. Während er ihm die ganze Geschichte erzählte,
runzelte Athos wiederholt die Stirn.
»Eure Mylady«, sagte er schließlich, »scheint mir ein rechtes Scheusal zu sein, aber darum war es von Euch nicht weniger unrecht, sie in dieser Weise zu hintergehen. So oder so
habt Ihr jetzt eine gefährliche Feindin auf dem Hals.«
Bei diesen Worten betrachtete Athos aufmerksam den von
Diamanten umsäumten Saphir, den d’Artagnan an demselben Finger trug, an dem bisher der Ring der Königin gesteckt
hatte; diesen verwahrte er jetzt daheim in einer sicheren Schatulle.
»Ihr schaut den Ring an?« fragte der Gascogner voller
Stolz, seinen Freunden abermals ein so kostbares Geschenk
vor Augen führen zu können.
»Ja«, erwiderte Athos, »er erinnert mich an einen Familienschmuck.«
»Er ist schön, nicht wahr?«
396
»Wundervoll! Ich hätte nicht gedacht, daß es noch einen
zweiten Saphir von so herrlichem Glanz geben könnte. Habt
Ihr ihn gegen Euern Diamanten eingetauscht?«
»Nein, er ist ein Geschenk meiner schönen Engländerin
oder vielmehr meiner schönen Französin, denn obwohl ich
sie nicht danach gefragt habe, bin ich überzeugt, daß ihre
Wiege in Frankreich stand.«
»Ihr habt den Ring von Mylady?« rief Athos mit einer
Stimme, die ungewöhnliche Erregung verriet.
»Ja, von ihr; sie hat ihn mir heute nacht gegeben!«
»Kann ich ihn mal sehen?« bat Athos.
»Bitte!« sagte d’Artagnan und zog den Ring vom Finger.
Athos untersuchte ihn und wurde sehr bleich. Dann schob
er ihn auf den Ringfinger der linken Hand; er paßte, als wäre
er für ihn gemacht. Die sonst so glatte Stirn des Edelmanns
zog sich in jähem Unmut zusammen.
»Unmöglich, nein, er kann es nicht sein!« sagte er schließlich. »Wie sollte sich dieser Ring ausgerechnet in den Händen von Lady Clarick befinden? Und doch ist es kaum denkbar, daß es zwei Schmuckstücke von solcher Ähnlichkeit
gibt.«
»Kennt Ihr denn diesen Ring?« fragte d’Artagnan.
»Ich dachte, ich kenne ihn, aber ich habe mich offenbar
geirrt«, erwiderte Athos und reichte ihm den Ring zurück,
hörte indessen nicht auf, ihn anzustarren.
»Bitte«, sagte er nach einer Weile, »steckt den Ring weg
oder dreht zum mindesten den Stein nach innen! Er weckt in
mir so schreckliche Erinnerungen, daß ich mich einfach nicht
mehr unbefangen mit Euch unterhalten kann. Und wolltet
Ihr nicht einen Rat von mir? Sagtet Ihr nicht, Ihr wüßtet
nicht recht, was Ihr tun sollt? – Aber wartet, gebt mir noch
einmal den Saphir! Der meine war an einer Stelle durch einen
Unfall etwas zerkratzt.«
D’Artagnan zog den Ring wieder ab und gab ihn seinem
Freund.
»Da, seht nur«, sagte Athos mit bebender Stimme, »ist das
nicht eigenartig?« Und er zeigte d’Artagnan jenen Kratzer,
an den er sich erinnert hatte.
»Aber woher hattet Ihr diesen Saphir?«
397
»Von meiner Mutter, die ihn von ihrer Mutter bekommen
hat. Der Ring ist, wie ich Euch schon gesagt habe, ein alter
Familienschmuck … der niemals in andere Hände gelangen
sollte.«
»Und Ihr habt ihn … verkauft?«
»Nein«, entgegnete Athos mit einem eigentümlichen
Lächeln, »ich habe ihn in einer Liebesnacht verschenkt, so
wie man ihn jetzt Euch geschenkt hat.«
D’Artagnan wurde nachdenklich; er steckte den Ring nicht
wieder an den Finger, sondern in die Tasche.
»Bitte«, sagte Athos und faßte nach seiner Hand, »Ihr
wißt, daß Ihr mir lieb und wert seid, d’Artagnan; ein Sohn
könnte mir nicht näherstehen als Ihr. Darum hört auf mich,
verzichtet auf diese Frau! Glaubt mir, ich kenne sie zwar
nicht, aber ein dunkles Gefühl sagt mir, daß sie zutiefst verderbt ist und daß sie Euch nur ins Unglück stürzen kann!«
»Ja, Ihr habt recht«, erwiderte d’Artagnan, »und ich muß
zugeben, daß diese Frau mir selbst nicht geheuer ist. Darum
werde ich mich von ihr trennen.«
»Werdet Ihr das wirklich über Euch bringen?«
»Bestimmt, und noch in dieser Stunde!«
»Wohl, mein Junge, das ist das beste«, sagte der Edelmann
und drückte dem Gascogner mit beinahe väterlicher Herzlichkeit die Hand. »Gebe Gott, daß diese Frau, die noch
kaum in Euer Leben getreten ist, keine schlimme Spur darin
zurückläßt!« Und er nickte ihm zu wie jemand, der deutlich
machen will, daß es ihm nicht unlieb wäre, mit seinen Gedanken allein zu bleiben.
Zu Hause fand d’Artagnan Ketty, die auf ihn gewartet
hatte. Nach wochenlangem Fieber hätte die Kleine nicht angegriffener aussehen können als nach dieser einen Nacht der
Schlaflosigkeit und der stummen Qual. Ihre Herrin hatte sie
abermals zu dem falschen Grafen geschickt. Mylady wußte
sich nicht mehr zu lassen vor Freude und Liebestollheit; sie
wollte unbedingt wissen, wann ihr Geliebter ihr wieder eine
Nacht schenken könne.
Bleich und zitternd, sah die unglückliche Ketty d’Artagnans Antwort entgegen.
Athos hatte großen Einfluß auf den jungen Mann. Sein Rat
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und dazu die Stimme des eigenen Gewissens hatten in ihm
den Entschluß reifen lassen, Mylady nicht wiederzusehen,
zumal er ja inzwischen seinen verletzten Stolz befriedigt und
seinen Rachedurst gestillt hatte. Er griff also zur Feder und
schrieb folgenden Brief:
»Madame, rechnet nicht so bald mit einem Rendezvous! Seit
meiner Genesung habe ich so viele Verpflichtungen dieser Art,
daß ich schon eine gewisse Ordnung dabei wahren muß.
Kommt die Reihe wieder an Euch, so werde ich mir die Ehre
geben, Euch rechtzeitig davon in Kenntnis zu setzen.
Ich küsse Eure Hände.
Graf von Wardes«
Von dem Saphir kein Wort. Wollte der Gascogner noch
eine Waffe gegen Mylady behalten? Oder sah er in diesem
Saphir vielleicht doch eine letzte Geldquelle für seine Ausrüstung?
Übrigens sollte man sich hüten, die Verhaltensweisen einer bestimmten Zeit mit den Maßstäben einer anderen Epoche zu messen. Was heute als Schande für jeden Ehrenmann
angesehen werden muß, war damals etwas ganz Selbstverständliches und Natürliches, und es gehörte gleichsam zum
guten Ton, daß selbst die Söhne der vornehmsten Familien
sich von ihren Geliebten aushalten ließen.
D’Artagnan zeigte Ketty den offenen Brief; zuerst verstand
sie ihn gar nicht, doch als sie ihn noch einmal überlas, brach
sie in lauten Jubel aus. Sie konnte kaum an dieses Glück glauben; d’Artagnan mußte ihr ein übers andere Mal versichern,
daß es wirklich so gemeint war, wie es in dem Brief zu lesen
stand. Und obwohl sie bei dem unbeherrschten Charakter
ihrer Gebieterin auf alles gefaßt sein mußte, wenn sie ihr diesen Brief übergab, eilte sie doch, so geschwind sie ihre Beine
trugen, nach dem Place Royale zurück. Das Herz der besten
Frau ist unempfindlich für die Leiden einer Nebenbuhlerin.
Mylady öffnete den Brief ebenso rasch, wie er ihr gebracht
worden war. Aber schon bei den ersten Worten wich alle
Farbe aus ihrem Gesicht; sie zerknüllte das Papier und
wandte sich mit gefährlich blitzenden Augen ihrer Zofe zu.
»Was bedeutet dieser Brief?« stieß sie hervor.
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»Ja aber … es ist die Antwort auf den Brief der gnädigen
Frau«, stammelte Ketty.
»Unmöglich!« rief Mylady. »Nein, ein Edelmann kann einer Frau unmöglich solch einen Brief schreiben!« Plötzlich
fuhr sie zusammen. »Mein Gott, sollte er wissen …?«
Sie verstummte. Ihre Zähne knirschten, ihr Gesicht war
aschfahl. Sie wollte einen Schritt auf das Fenster zu machen,
wollte Luft schöpfen, aber sie konnte nur die Arme ausstrecken, die Beine versagten ihr den Dienst; und sie sank auf
einen Stuhl.
Ketty glaubte, ihre Herrin sei ohnmächtig geworden, und
eilte zu ihr, um ihr das Mieder zu öffnen. Doch Mylady fuhr
in die Höhe und herrschte sie an:
»Was willst du? Faß mich nicht an!«
»Ich dachte, der gnädigen Frau sei schlecht geworden, und
da wollte ich ihr helfen«, antwortete die Zofe, ganz verstört
über die schreckliche Grimasse, zu der sich das Gesicht ihrer Herrin verzerrt hatte.
»Mir soll schlecht sein, mir? Wofür hältst du mich! Wenn
man mich beleidigt, wird mir nicht schlecht, sondern ich
räche mich, verstanden!« Und mit einer Handbewegung gebot sie Ketty, sich zu entfernen.
Rachetraum
Am Abend gab Mylady Befehl, Herrn d’Artagnan sofort zu
ihr zu führen, wenn er wie gewöhnlich kommen sollte. Aber
er kam nicht.
Tags darauf suchte Ketty wieder den jungen Mann auf und
erzählte ihm, was sich zugetragen hatte; d’Artagnan lächelte:
dieser eifersüchtige Zorn Myladys war seine Rache.
An diesem Abend war Mylady noch ungeduldiger als am
vorhergehenden und erneuerte ihren Befehl bezüglich d’Artagnans; aber wieder wartete sie vergeblich.
Auch am folgenden Tag erschien Ketty bei dem jungen
Mann, doch war alle Fröhlichkeit aus ihrem Gesicht geschwunden, und sie sah ihn todtraurig an. D’Artagnan fragte
400
sie, was ihr fehle, aber statt einer Antwort gab sie ihm einen
Brief. Er war von Myladys Hand und diesmal wirklich an
d’Artagnan und nicht an den Grafen von Wardes gerichtet.
Er öffnete ihn und las:
»Lieber Herr d’Artagnan, es ist nicht schön, seine Freunde so zu
vernachlässigen, zumal wenn man sie für lange Zeit verlassen
will. Mein Schwager und ich haben gestern und vorgestern vergeblich auf Euch gewartet. Wird es heute abend ebenso sein?
Eure stets dankbare Lady Clarick.«
»Das ist ganz einfach«, sagte d’Artagnan, »und ich war auf
diesen Brief gefaßt. Mein Kredit steigt, weil der des Grafen
von Wardes gefallen ist.«
»Werdet Ihr hingehen?« fragte Ketty.
»Sieh mal, mein liebes Kind«, versetzte der Gascogner, der
vor sich selbst zu rechtfertigen suchte, daß er das Athos gegebene Versprechen nicht mehr halten konnte, »es wäre doch
unklug, wenn ich einer so bestimmten Einladung nicht Folge
leistete, verstehst du? Wie soll sich Mylady das Ausbleiben meiner Besuche erklären? Womöglich schöpft sie Verdacht, und
wer kann sagen, wie weit die Rache einer solchen Frau geht?«
»O mein Gott«, klagte Ketty, »Ihr versteht es, die Dinge
immer so hinzustellen, daß Ihr recht habt! Aber Ihr werdet
ihr auf jeden Fall den Hof machen, und wenn Ihr diesmal unter Euerm richtigen Namen und in Eurer wahren Gestalt bei
ihr Gefallen findet, so wird es noch viel schlimmer sein als das
erstemal!« Das arme Mädchen ahnte instinktiv einen Teil von
dem, was auch tatsächlich geschehen sollte.
D’Artagnan beruhigte sie, so gut er konnte, und versprach
ihr, sich durch Myladys Reize nicht beirren zu lassen. Da er
nicht zu schreiben wagte, aus Furcht, die scharfen Augen
Myladys könnten seine Schrift trotz aller Verstellung wiedererkennen, ließ er ihr mündlich ausrichten, er danke ihr für
ihre liebenswürdige Einladung und werde ihr mit Freuden
nachkommen.
Schlag neun Uhr erschien d’Artagnan im Haus am Place
Royale. Offenbar war die in der Vorhalle wartende Dienerschaft schon unterrichtet, denn noch ehe der junge Mann
401
nach Mylady fragen konnte, eilte bereits einer der Lakaien
fort, um ihn anzumelden.
»Laßt ihn eintreten!« sagte Mylady kurz und mit so schneidender Stimme, daß d’Artagnan sie in der Vorhalle hören
konnte.
Man führte ihn in ihr Zimmer.
»Ich bin für niemand zu sprechen«, sagte Mylady, »für niemand, verstanden!«
Der Diener entfernte sich.
D’Artagnan warf einen neugierigen Blick auf Mylady; sie
war blaß, und ihre Augen waren von Tränen oder von Schlaflosigkeit gerötet. Man hatte absichtlich die übliche Zahl der
Kerzen vermindert, aber trotz der matten Beleuchtung sah
man deutlich die Spuren des Fiebers, das die junge Frau seit
zwei Tagen verzehrte.
Unser Gascogner näherte sich ihr mit der gewohnten Liebenswürdigkeit; sie nahm sich außerordentlich zusammen,
um ihn freundlich zu empfangen, aber ihre verwüsteten Züge
straften das krampfhafte Lächeln Lügen. Als d’Artagnan
nach ihrem Befinden fragte, antwortete sie geradezu:
»Schlecht, sehr schlecht!«
»Oh«, sagte der junge Mann, »dann will ich nicht stören!
Ihr bedürft gewiß der Ruhe, und es ist besser, ich gehe.«
»Aber nein«, rief Mylady, »bleibt nur, Herr d’Artagnan!
Eure angenehme Gesellschaft wird mich zerstreuen.«
Oho – sagte sich unser junger Freund –, so zuckersüß war
sie ja noch nie; seien wir auf der Hut!
Mylady gab sich so bezaubernd, wie es ihr nur möglich war,
und tat alles, um ihren Gast zu unterhalten. Zugleich kehrte
das Fieber, das sie für einen Augenblick verlassen hatte, wieder zurück und belebte ihre Augen, färbte ihre Wangen, rötete ihren Mund. D’Artagnan sah sich erneut der Circe gegenüber, die ihn schon einmal mit ihrem Zauber umgarnt
hatte. Seine Leidenschaft, die er tot geglaubt und die doch
nur geschlummert hatte, wachte wieder in ihm auf. Mylady
brauchte nur zu lächeln, und sogleich fühlte er, daß er für
dieses Lächeln blindlings in sein Verderben rennen würde.
Einen Augenblick lang empfand er gegen sie sogar Gewissensbisse.
402
Allmählich wurde Mylady immer mitteilsamer. Schließlich
fragte sie ihn offen, ob er eine Geliebte habe.
»Ach«, antwortete er so gefühlvoll, wie er nur konnte, »daß
Ihr es übers Herz bringt, eine so grausame Frage an mich zu
richten, wo ich doch, seit ich Euch das erstemal gesehen, nur
für Euch atme und atmend mich nach Euch verzehre!«
Mylady lächelte seltsam.
»Also liebt Ihr mich?« fragte sie.
»Muß ich Euch das noch sagen? Habt Ihr es nicht längst
bemerkt?«
»Doch, aber Ihr wißt, je stolzer das Herz, desto schwerer
läßt es sich erobern.«
»Oh, Schwierigkeiten können mich nicht schrecken!« rief
d’Artagnan leidenschaftlich. »Nur das Unmögliche macht
mir angst.«
»Einer wirklichen Liebe ist nichts unmöglich!«
»Nichts, gnädige Frau?«
»Nichts«, wiederholte Mylady.
Teufel, Teufel – dachte der Gascogner –, das klingt ja auf
einmal ganz anders! Sollte sie sich wider Erwarten in mich
verliebt haben und geneigt sein, mir noch so einen Saphir zu
schenken, wie ich schon einen als Graf von Wardes von ihr
bekommen habe? Und er schob seinen Stuhl näher an Myladys Sessel heran.
»Nun«, fuhr sie fort, »was würdet Ihr denn tun, um mir
diese Liebe zu beweisen, von der Ihr sprecht?«
»Alles, was Ihr verlangt. Befehlt nur, ich bin zu allem bereit!«
»Zu allem?«
»Zu allem!« beteuerte d’Artagnan, der schon wußte, daß
er nicht zuviel wagte, wenn er eine solche Verpflichtung einging.
»Gut, unterhalten wir uns ein wenig darüber!« sagte Mylady
und rückte nun ihrerseits dichter an den jungen Mann heran.
»Ich bin ganz Ohr, Madame!« versetzte er.
Mylady schwieg einen Augenblick nachdenklich und
schien sich nicht entschließen zu können; dann aber gab sie
sich einen Ruck und sagte:
»Ich habe einen Feind.«
403
»Ihr, gnädige Frau?« rief d’Artagnan in gespielter Überraschung. »Mein Gott, ist das möglich? So schön und so gut,
wie Ihr seid!«
»Einen Todfeind!«
»Wirklich?«
»Einen Feind, der mich so grausam beleidigt hat, daß zwischen uns ein Krieg auf Leben und Tod entbrannt ist. Kann
ich auf Euch als meinen Bundesgenossen zählen?«
D’Artagnan begriff sofort, worauf das rachsüchtige Weib
hinauswollte.
»Das könnt Ihr, Madame!« rief er emphatisch. »Mein Arm
und mein Leben gehören Euch – wie meine Liebe!«
»Nun«, erwiderte Mylady, »da Ihr ebenso beherzt wie verliebt seid, so …« Sie stockte.
»So?« fragte d’Artagnan.
»So sprecht mir nie wieder von Unmöglichkeiten!« schloß
sie nach einem letzten Zögern.
»Ihr macht mich zum glücklichsten Menschen unter der
Sonne!« rief d’Artagnan, stürzte ihr zu Füßen und bedeckte
ihre Hände mit Küssen.
Räche mich nur erst an diesem Schurken von Wardes! murmelte Mylady unhörbar zwischen den Zähnen. Hinterher will
ich dich schon wieder loswerden, armseliger Narr, den ich
nur als Waffe benutze!
Sink mir nur erst zärtlich in die Arme, nachdem du mich
so schamlos verspottet hast, heuchlerisches und gefährliches
Weib! dachte der Gascogner bei sich. Hinterher will ich dich
schon weidlich auslachen, zusammen mit dem, den ich auf
dein Geheiß umbringen soll! D’Artagnan hob den Kopf.
»Ich bin bereit!« sagte er.
»So habt Ihr mich verstanden, lieber Herr d’Artagnan?«
»Ich kann in Euern Augen lesen!«
»Und Ihr würdet mir Euern Arm leihen, der sich schon so
viel Ruhm erkämpft hat?«
»Sofort, wenn Ihr es wünscht!«
»Aber wie kann ich Euch einen solchen Dienst lohnen?«
fragte sie. »Ich weiß, wie Verliebte sind, sie tun nichts umsonst.«
»Ihr kennt die Antwort, die ich ersehne, die einzige, die
Eurer und meiner würdig ist!« Und er zog sie sanft an sich.
404
Sie wehrte sich kaum.
»Selbstsüchtiger!« drohte sie lächelnd.
»Ach, versteht doch«, rief d’Artagnan, den jetzt eine echte
Leidenschaft für diese Frau mit sich fortriß, »mein Glück
kommt mir so unwahrscheinlich vor, und ich fürchte so sehr,
es wie einen Traum entschwinden zu sehen, daß ich es mit
aller Macht schon jetzt verwirklicht sehen möchte!«
»Nun, so verdient Euch doch dieses vermeintliche Glück!«
»Ich stehe zu Euern Diensten!«
»Unbedingt?« fragte Mylady mit einem letzten Zweifel.
»Unbedingt! Nennt mir den Schurken, der Eure schönen
Augen zum Weinen brachte!«
»Wer sagt Euch, daß ich geweint habe?« fragte sie heftig.
»Es schien mir so …«
»Eine Frau wie ich weint nie!«
»Desto besser! Aber sagt mir, wie er heißt!«
»Bedenkt, daß sein Name mein Geheimnis ist!«
»Ich glaub’s, aber ich muß ihn doch wissen.«
»Ja, das müßt Ihr; Ihr seht also, welches Vertrauen ich zu
Euch habe.«
»Ihr macht mich überglücklich! Und wie heißt er?«
»Ihr kennt ihn.«
»Wirklich?«
»Ja.«
»Es ist doch nicht etwa einer meiner Freunde?« fragte
d’Artagnan mit gut gespieltem Zaudern, um sie von seiner
Ahnungslosigkeit zu überzeugen.
»Und wenn es einer von ihnen wäre, würdet Ihr Euch dann
auch nur eine Sekunde besinnen?« rief Mylady, und in ihren
Augen blitzte es gefährlich auf.
»Nein, und wäre es mein Bruder!« rief d’Artagnan; er
konnte sich unbeschadet zu dieser Behauptung versteigen,
denn er wußte ja, um wen es ging.
»Ich liebe Eure Ergebenheit«, sagte Mylady.
»Ach, und sonst liebt Ihr nichts an mir?«
»Doch«, sagte sie und drückte seine Hand.
Die heiße Berührung ließ d’Artagnan erschauern, als ob das
Fieber, von dem Mylady verzehrt wurde, in diesem Augenblick auf ihn übergriffe.
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»Ihr liebt mich?« rief er. »Oh, wenn es doch wahr wäre, ich
könnte vor Glück den Verstand verlieren!« Und er umschlang sie mit beiden Armen.
Sie versuchte nicht, seinen Lippen auszuweichen, nur gab
sie seinen Kuß nicht zurück. D’Artagnan hatte das Gefühl,
eine Statue zu umarmen. Trotzdem war er freudetrunken und
wie berauscht von seiner Leidenschaft; es fehlte nicht viel,
und er hätte an Myladys Zärtlichkeit und an die Schuld des
Grafen von Wardes geglaubt.
Mylady nutzte die Gelegenheit.
»Er heißt …«, begann sie.
»Von Wardes, ich weiß!« rief d’Artagnan.
»Und woher wißt Ihr das?« fragte sie und sah ihn forschend an, während ihre Hände sich unwillkürlich fester um
die seinen schlossen.
D’Artagnan merkte, daß er sich zu weit hatte fortreißen
lassen, daß er einen Fehler gemacht hatte.
»Sagt, woher wißt Ihr das!« wiederholte Mylady.
»Woher ich das weiß?«
»Ja!«
»Ich hatte gleich den Verdacht, weil der Graf gestern in
einem Salon, in dem auch ich war, mit einem Ring prahlte, den
er von Euch bekommen haben will.«
»Der Elende!« rief Mylady.
Dieses Wort, auf den Nebenbuhler gemünzt, klang angenehm im Herzen unseres unvernünftigen Gascogners wider.
»Nun wohl …«, fuhr sie fort.
»Mylady«, rief d’Artagnan und warf sich überzeugend in
Pose, »ich werde Euch an diesem Elenden rächen!«
»Danke, mein wackerer Freund!« versetzte Mylady. »Und
wann wird das geschehen?«
»Morgen, sogleich, wann immer Ihr befehlt!«
Mylady wollte schon »sogleich« sagen, aber sie hielt an
sich: eine derartige Eile mußte auf d’Artagnan ziemlich kränkend wirken. Überdies galt es, mit großer Vorsicht zu Werke
zu gehen, vor allem mußte es ihr Rächer vermeiden, dem
Grafen vor Zeugen irgendwelche Erklärungen zu geben. Und
so riet sie ihm, damit bis zum nächsten Tag zu warten.
»Gut«, sagte er, »morgen seid Ihr gerächt, oder ich bin tot!«
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»Nein, Ihr werdet mich rächen, aber nicht sterben; der
Graf ist ein Feigling!«
»Bei Frauen vielleicht, nicht so bei Männern … Ich hatte
ihn schließlich schon einmal vor der Klinge.«
»Aber da hattet Ihr doch eigentlich keinen Grund, Euch
über mangelndes Glück zu beklagen.«
»Das Glück ist eine launische Göttin: heute noch schenkt
es mir seine Huld, und morgen schon will es nichts mehr von
mir wissen.«
»Das heißt, Ihr zögert jetzt?«
»Nein, da sei Gott davor! Aber könnt Ihr mich in einen
Kampf ziehen lassen, der mich vielleicht doch das Leben kostet, ohne mir mehr als eine Hoffnung zu geben?«
Mylady sah ihn an, als wollte sie sagen: Wenn es nur das ist!
Dann antwortete sie zärtlich:
»Ihr habt recht.«
»Oh, Ihr seid ein Engel!« rief der junge Mann.
»Also ist alles abgemacht?«
»Bis auf das, worum ich Euch bat, teure Freundin!«
»Und wenn ich Euch sage, daß Ihr meines zärtlichen Dankes gewiß sein dürft?«
»Aber morgen ist es für mich vielleicht zu spät!«
»Still! Ich höre meinen Schwager; er braucht Euch nicht
hier zu sehen.« Sie läutete; Ketty erschien. »Geht hier hinaus!« sagte Mylady und öffnete eine verborgene Tür. »Wenn
Ihr um elf Uhr wiederkommt, wollen wir weiter darüber reden. Ketty wird Euch zu mir geleiten.«
Die arme Zofe glaubte umsinken zu müssen, als sie diese
Worte hörte.
»Nun, was ist, Ketty? Was stehst du da wie eine Bildsäule?
Geh und führ den Herrn Junker hinaus! Und vergeßt nicht,
Herr d’Artagnan, wir sehen uns um elf Uhr!« Mylady reichte
ihm die Hand, die er zärtlich küßte.
Mein lieber d’Artagnan – sagte er sich, während ihn Ketty,
deren Vorwürfe er geflissentlich überhörte, hinausgeleitete –,
sieh dich vor und sei kein Tor! Diese Frau ist eine verdammt
schöne und gefährliche Hexe, darum sei auf der Hut, mein
Freund!
407
Myladys Geheimnis
Trotz der inständigen Bitten der armen Kleinen, sofort mit
auf ihr Zimmer zu kommen, war d’Artagnan aus dem Haus
gegangen, und zwar aus zwei Gründen: einmal ersparte er
sich so ihre Vorwürfe, Bitten und Anschuldigungen, und zum
anderen war es ihm nicht unangenehm, ein wenig in seinen
Gedanken und, soweit dies möglich war, in den Gedanken
dieser Frau zu lesen.
Am eindeutigsten war dabei, daß ihn eine unselige Leidenschaft für Mylady erfaßt hatte, während sie alles andere
als Liebe für ihn empfand. Einen Augenblick sagte er sich
auch wirklich, daß er am besten nach Hause ginge und ihr in
einem langen Brief gestünde, er und Wardes seien, jedenfalls
ihr gegenüber, bisher ein und dieselbe Person gewesen und
er könne folglich das angetragene Rächeramt nicht gut übernehmen, sofern er keinen Selbstmord begehen wolle. Doch
den Gascogner trieb ein gleiches wütendes Verlangen nach
Rache wie Mylady: er wollte diese Frau, die ihn verspottet
hatte und die in ihm nur ein williges Werkzeug sah, nun auch
unter seinem richtigen Namen besitzen, und da ihm diese
Rache sehr süß schien, wollte er nicht darauf verzichten.
Fünf- oder sechsmal wanderte er um den Place Royale und
blickte sich alle zehn Schritt nach dem Licht um, das man
zwischen den Fensterläden des Wohnzimmers hervorschimmern sah; augenscheinlich hatte es die junge Frau diesmal
nicht so eilig wie neulich, sich in ihr Schlafgemach zurückzuziehen.
Endlich ging das Licht aus. Mit seinem Schimmer schwand
die letzte Unentschlossenheit aus dem Herzen des Gascogners. Er rief sich gewisse Einzelheiten jener anderen Nacht
ins Gedächtnis zurück, sein Herz schlug wie rasend, sein
Kopf glühte, und so ging er wieder ins Haus, hastete die Wendeltreppe hinauf und stürzte in Kettys Zimmer.
Blaß wie der Tod und am ganzen Leibe zitternd, wollte das
arme Mädchen den Geliebten zurückhalten, aber Mylady
hatte das Geräusch gehört, das d’Artagnan beim Eintreten
gemacht hatte, und öffnete die Tür.
»Kommt!« sagte sie.
408
All das geschah mit einer so unglaublichen Schamlosigkeit
und so bar jeder schicklichen Zurückhaltung, daß d’Artagnan
kaum seinen Augen und Ohren traute. Er fühlte sich in eines
jener phantastischen Abenteuer verstrickt, wie man sie manchmal im Traum erlebt, und gegen alle bessere Einsicht eilte er,
wie von einem Magnet angezogen, auf Mylady zu.
Hinter ihnen schloß sich die Tür.
Im ersten Augenblick wollte Ketty ihrem Freund nachstürzen; Eifersucht, Wut, beleidigter Stolz, kurz, alle Leidenschaften, die das Herz einer liebenden Frau überschwemmen,
wenn sie sich betrogen sieht, drängten sie, ihrer Herrin alles zu
entdecken. Aber wenn sie gestand, wozu sie sich hergegeben
hatte, war sie auf jeden Fall verloren, und, was noch schlimmer
wog, auch d’Artagnan war dann für sie auf immer verloren.
Und der Gedanke an ihre Liebe bestimmte sie, auch noch
dieses Opfer zu bringen.
D’Artagnan dagegen sah sich am Ziel seiner Wünsche: man
liebte in ihm nicht mehr den Nebenbuhler, sondern, wie es
schien, ihn selbst. Zwar sagte ihm eine innere Stimme, daß er
nur eine Waffe war, die man so lange liebkoste, bis sie den
Tod gegeben hatte; aber Stolz, Eigenliebe und Tollheit erstickten diese Stimme. Schließlich verglich sich unser Gascogner, dessen hohes Maß an Selbstvertrauen wir ja bereits
kennen, mit dem Grafen und fand, daß man ihn eigentlich
sehr wohl um seiner selbst willen lieben könnte.
So überließ er sich ganz den Empfindungen des Augenblicks. Mylady war für ihn nicht mehr die Frau mit den furchtbaren Absichten, die ihn einen Augenblick erschreckt hatte,
sondern eine leidenschaftliche, feurige Geliebte, die sich rückhaltlos einer Liebe hingab, die sie scheinbar selbst empfand.
Nach zwei Stunden, die zumindest d’Artagnan in völliger
Selbstvergessenheit durchlebte, legte sich der Taumel etwas;
Mylady, die weniger Grund zum Vergessen hatte, kehrte als erste in die Wirklichkeit zurück und fragte den jungen Mann, ob
er sich schon darüber im klaren sei, wie er am nächsten Tag
einen Streit und in seinem Verlauf ein Duell mit dem Grafen
herbeiführen könne. Aber d’Artagnan, dessen Gedanken sich
in ganz anderer Richtung bewegten, vergaß sich wie ein dummer Junge und meinte leichthin, es sei doch wohl kaum die
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richtige Stunde, sich über Duelle und Degenstöße zu unterhalten.
Diese Gleichgültigkeit für den Gegenstand ihres einzigen
Interesses empörte Mylady, und sie fragte eindringlicher.
D’Artagnan, der niemals ernstlich an dieses unmögliche Duell gedacht hatte, wollte dem Gespräch eine andere Wendung
geben, aber Mylady ließ es nicht zu; sie hielt ihn fest in den
engen Grenzen, die ihr kalter Verstand und ihr eiserner Wille
von vornherein festgelegt hatten.
Unserem Gascogner fiel nun nichts Besseres ein, als ihr zu
raten, sie möge doch auf ihr grimmiges Vorhaben verzichten
und dem Grafen verzeihen. Aber schon bei seinen ersten
Worten fuhr sie heftig zusammen und rückte von ihm ab.
»Habt Ihr etwa Angst, lieber d’Artagnan?« fragte sie mit
einer Stimme, deren scharfer, spöttischer Klang sich in dem
dunklen Zimmer sehr seltsam ausnahm.
»Das glaubt Ihr selbst nicht, liebe Freundin!« versetzte
d’Artagnan. »Aber wenn nun der arme Graf am Ende gar
nicht schuldig ist, wie Ihr denkt?«
»In jedem Fall hat er mich getäuscht«, sagte Mylady ernst,
»und allein damit hat er den Tod verdient!«
»So sterbe er denn, da Ihr ihn verurteilt!« entgegnete der
Gascogner, der sich wieder gefangen hatte, mit einer Bestimmtheit, die Mylady der Ausdruck einer völligen Ergebenheit dünkte.
Sogleich näherte sie sich ihm wieder.
Wir können nicht sagen, wie lang Mylady die Nacht wurde;
d’Artagnan jedenfalls glaubte, kaum zwei Stunden bei ihr zu
sein, als die Dämmerung bereits durch die Ritzen der Jalousien schimmerte und bald das ganze Zimmer in ein fahles
Licht tauchte. D’Artagnan mußte an Aufbruch denken, und
Mylady erinnerte ihn noch einmal an sein Versprechen, sie
an dem Grafen zu rächen.
»Ich bin bereit«, sagte er, »aber vorher würde ich noch gern
etwas wissen.«
»Ja, was?«
»Ob Ihr mich auch wahrhaftig liebt?«
»Mir scheint«, entgegnete Mylady, »das habe ich Euch doch
bewiesen.«
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»Ja, und ich gehöre Euch auch mit Leib und Seele!«
»Danke, mein tapferer Freund, aber ebenso wie ich Euch
meine Liebe bewiesen habe, werdet Ihr nun die Eure beweisen,
nicht wahr?«
»Gewiß. Nur, wenn Ihr mich so liebt, wie Ihr sagt, fürchtet
Ihr da nicht ein wenig um mich?«
»Was sollte ich fürchten?«
»Nun, ich könnte doch ernstlich verwundet, könnte getötet
werden.«
»Ausgeschlossen! Ihr seid kein Hasenfuß und seid ein glänzender Fechter.«
»Ihr würdet also nicht lieber einen Weg wählen, der Euch
ebenfalls rächt, den Kampf jedoch unnötig macht?«
Mylady musterte schweigend den jungen Mann; im grauen
Licht der Dämmerung hatten ihre Augen einen seltsam unheimlichen Ausdruck.
»Im Ernst«, sagte sie, »ich glaube fast, Ihr zaudert noch
immer!«
»Aber nein, mir tut nur der Graf ein wenig leid, seit Ihr ihn
nicht mehr liebt, denn mir scheint, der bloße Verlust Eurer
Liebe muß für einen Mann eine so grausame Strafe sein, daß
er keiner anderen mehr bedarf.«
»Wer sagt Euch, daß ich ihn je geliebt habe?«
»Zum wenigsten darf ich jetzt ohne allzu große Überheblichkeit annehmen, daß Ihr einen anderen liebt«, erwiderte
der junge Mann zärtlich, »und darum sage ich Euch, daß der
Graf mein Mitgefühl hat.«
»Euer Mitgefühl?«
»Ja.«
»Und warum?«
»Weil nur ich weiß …«
»Was?«
»Daß er Euch gegenüber lange nicht so schuldig ist, wie es
den Anschein hat.«
»So?« fragte Mylady unsicher. »Erklärt Euch näher, denn ich
weiß wirklich nicht, worauf Ihr hinauswollt!« Und während
sie d’Artagnan, der sie noch immer umschlungen hielt, aufmerksam ansah, flammte in ihren Augen eine düstere Glut auf.
»Gut, es sei, denn ich bin ein Ehrenmann«, rief d’Artagnan,
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entschlossen, ein Ende zu machen, »und seit Ihr mir Eure
Liebe geschenkt habt und ich sicher bin, daß sie nur mir
gehört, denn sie gehört doch nur mir, nicht wahr?«
»Ganz und gar, doch sprecht weiter!«
»Nun wohl, seitdem bin ich wie trunken vor Seligkeit, und
es drängt mich zu einem Geständnis.«
»Ein Geständnis?«
»Wenn ich an Eurer Liebe zweifelte, würde ich es nicht wagen, aber Ihr liebt mich doch, meine schöne Freundin, Ihr
liebt mich, nicht wahr?«
»Natürlich.«
»Wenn ich mich nun aus einem Übermaß an Liebe an Euch
versündigt hätte, würdet Ihr mir verzeihen?«
»Vielleicht.«
D’Artagnan versuchte mit dem sanftesten Lächeln, seine
Lippen denen Myladys zu nähern, aber sie schob ihn entschieden zurück.
»Das Geständnis«, sagte sie erbleichend, »was ist das für
ein Geständnis?«
»Ihr habt doch den Grafen von Wardes vor drei Tagen in
diesem Zimmer empfangen, nicht wahr?«
»Ich? Aber durchaus nicht«, versetzte Mylady mit so fester
Stimme und so unbewegtem Gesicht, daß d’Artagnan sicherlich Zweifel gekommen wären, wenn er nicht hundertprozentige Gewißheit gehabt hätte.
»Lüg nicht, mein schöner Engel!« sagte d’Artagnan lächelnd.
»Es nützt Euch doch nichts.«
»Aber wie denn? So redet doch, Ihr tötet mich!«
»Oh, Ihr könnt ganz ruhig sein, ich werfe Euch nichts vor,
und den Grafen habe ich Euch längst verziehen …«
»Weiter! Weiter!«
»Wardes hat nichts, dessen er sich rühmen könnte.«
»Wieso? Ihr sagtet doch selbst, daß der Ring …«
»Diesen Ring, meine Liebe, habe ich. Der Wardes von neulich
und der d’Artagnan von heute sind ein und dieselbe Person.«
Der Unvorsichtige hatte sich auf eine schamvolle Überraschung gefaßt gemacht, auf ein kleines Gewitter, das sich
rasch in Tränen auflösen würde; aber er täuschte sich gewaltig, und sein Irrtum sollte auch nicht lange währen.
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Bleich und furchtbar richtete sich Mylady auf, stieß ihn
mit voller Kraft vor die Brust und sprang aus dem Bett.
Es war nun fast heller Tag.
D’Artagnan hielt sie an ihrem Nachtgewand aus feinstem
Batist zurück, aber mit einem heftigen Ruck versuchte sie,
ihn abzuschütteln. Da zerriß der dünne Stoff und entblößte
ihre Schultern, und auf einer dieser schönen weißen Rundungen erblickte der Gascogner mit unbeschreiblichem
Schauder die Lilie, das unauslöschliche Mal, das die schändende Hand des Henkers allen Verbrechern einbrennt.
»Großer Gott!« schrie d’Artagnan und ließ ihr Gewand
los. Stumm, unbeweglich, wie erstarrt saß er auf dem Bett.
Aber gerade dieses Entsetzen des jungen Mannes sagte
Mylady, daß sie entlarvt war. Er mußte alles gesehen haben
und kannte nun ihr Geheimnis, dieses gräßliche Geheimnis,
von dem niemand sonst etwas wußte. Sie fuhr herum, nicht
mehr wie ein aufgebrachtes Weib, sondern wie ein verwundeter Panther.
»Elender!« stieß sie hervor. »Erst hast du mich hundsgemein betrogen, und jetzt weißt du auch noch mein Geheimnis, du mußt sterben!« Damit stürzte sie an ihren Toilettentisch, öffnete in fieberhafter Eile eine Kassette, ergriff einen
kleinen Dolch mit vergoldetem Knauf und scharfer, dünner
Klinge und war mit einem Sprung wieder bei dem halbnackten d’Artagnan.
Obgleich der junge Mann, wie wir wissen, kein Feigling
war, erschrak er doch vor diesem verzerrten Gesicht mit den
unnatürlich geweiteten Augen, den bleichen Wangen und den
blutroten Lippen; er fuhr wie vor dem Anblick einer Schlange
zurück, tastete dabei mit seiner schweißnassen Hand nach
seinem Degen und zog ihn mit einem Ruck aus der Scheide.
Doch unbekümmert um die blanke Klinge, versuchte Mylady auf ihn einzudringen und hielt erst inne, als sie die
scharfe Degenspitze am Hals fühlte. Nun wollte sie mit den
Händen danach fassen, aber d’Artagnan entzog seine Waffe
immer wieder ihrem Zugriff, und während er sie ihr bald vor
die Augen, bald vor die Brust hielt, glitt er langsam vom Bett
herunter und blickte sich suchend nach der Tür zu Kettys
Zimmer um.
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Unterdes drang Mylady wie eine Furie unter gräßlichem
Geschrei auf ihn ein; aber da das Ganze sehr einem Duell
ähnelte, gewann der Gascogner nach und nach seine Fassung
wieder.
»Gemach, schöne Dame, gemach«, rief er, »beruhigt Euch,
oder bei Gott, ich zeichne Euch eine zweite Lilie auf Eure
schönen Wangen!«
»Schuft, abscheulicher!« kreischte Mylady.
D’Artagnan, der nur nach dem Ausgang suchte, war auf
der Hut und wich immer wieder geschickt ihren wütenden
Angriffen aus. Doch bei diesem schaurigen Kampf vollführte
sie einen solchen Lärm, daß Ketty angstvoll die Tür öffnete.
Sofort war d’Artagnan mit einem einzigen Satz bei ihr, schlug
blitzschnell die Tür zu und stemmte sich mit aller Macht dagegen, während die Zofe die Riegel vorschob.
Aber mit Kräften, die nicht mehr einer Frau zu gehören
schienen, versuchte Mylady, das Türschloß aufzusprengen,
das sie zu einer Gefangenen ihres Schlafzimmers machte, und
als sie merkte, daß dies unmöglich war, hieb sie wie von Sinnen mit ihrem Dolch auf die Türfüllung ein, wobei sie jeden
Schlag mit lauten Verwünschungen begleitete.
»Schnell, schnell, Ketty«, flüsterte d’Artagnan, »laß mich
aus dem Haus! Wenn sie wieder zur Besinnung kommt, läßt
sie mich durch ihre Bedienten umbringen!«
»Aber so könnt Ihr doch nicht gehen«, rief Ketty, »Ihr seid
ja halbnackt!«
»Weiß Gott, ja«, sagte der junge Mann, dem erst jetzt sein
Zustand bewußt wurde, »gib mir etwas anzuziehen, gleichviel was, nur schnell. Diese Furie ist zu allem fähig!«
Ketty überlegte nicht lange, und im Handumdrehen hatte
sie ihn mit einem geblümten Kleid, einem Häubchen und einem weiten Umhang ausgestattet. Nachdem sie ihm noch
ein Paar Hausschuhe gegeben hatte, in die er mit seinen nackten Füßen schlüpfte, eilte sie mit ihm über die Wendeltreppe
nach unten. Es war höchste Zeit; denn schon hatte Mylady
geläutet und das ganze Haus aufgeweckt. Der Pförtner
betätigte den Türklinkenzug im selben Augenblick, da Mylady in ihrem zerrissenen Nachtgewand ans Fenster stürzte
und hinabrief: »Nicht öffnen!«
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Wie Athos völlig mühelos
zu seiner Ausrüstung kam
Während der junge Mann eilends das Weite suchte, drohte
sie in ohnmächtiger Wut mit der Faust hinter ihm her, und
als sie ihn endlich ganz aus den Augen verlor, sank sie bewußtlos zu Boden.
Das Erlebnis hatte unseren Gascogner so durcheinandergeschüttelt, daß er unbekümmert um das Schicksal der armen Ketty durch das morgendlich stille Paris rannte und
nicht eher anhielt, als bis er das Haus in der Rue Ferou erreicht hatte, wo sein Freund Athos wohnte. Er lief über den
Hof, eilte die Treppe ins zweite Stockwerk hinauf und trommelte mit beiden Fäusten gegen die Tür.
Grimaud öffnete mit schlaftrunkenen Augen. D’Artagnan
stürzte mit solcher Heftigkeit ins Zimmer, daß er den Diener fast umgerannt hätte. Der fand bei der unverhofften Erscheinung die Sprache wieder: »Nanu, nanu!« rief er. »Was
kommt uns denn da für ein Vogel ins Haus? Jungfer, was
sucht Ihr hier?«
D’Artagnan schob seine Haube zurück und brachte seine
Hände unter dem Mantel zum Vorschein; beim Anblick des
Schnurrbarts und des blanken Degens merkte der arme Grimaud, daß er es mit einem Mann zu tun hatte. Und da er annahm, der Fremde habe irgendeine schlimme Absicht, schrie er
sogleich:
»Zu Hilfe! Gnädiger Herr, zu Hilfe!«
»Schweig, Dummkopf!« herrschte ihn der junge Mann an.
»Ich bin doch d’Artagnan, erkennst du mich nicht? Ich muß
sofort deinen Herrn sprechen!«
»Wie denn, Ihr seid Herr d’Artagnan?« stotterte der Diener. »Aber das ist doch gar nicht möglich!«
»Grimaud«, ließ sich in diesem Augenblick die Stimme seines Herrn vernehmen, der im Morgenrock unter die Tür trat,
»mir scheint, du erlaubst dir zu sprechen.«
»Oh, gnädiger Herr, ich dachte nur …«
»Schweig!«
Grimaud beschränkte sich darauf, mit dem Finger auf
d’Artagnan zu zeigen.
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Athos erkannte sofort seinen Kameraden, und wenn ihn
seine Zurückhaltung auch nur selten verließ, so mußte er
doch über den seltsamen Aufzug, in dem der Gascogner erschienen war, hellauf lachen.
»Lacht nicht, mein Freund«, rief d’Artagnan, »denn, bei
Gott, zum Lachen ist wirklich kein Anlaß!« Und dabei verriet seine Stimme einen solchen Ernst, eine so echte Bestürzung, daß Athos seine Hände ergriff und erschrocken fragte:
»Was ist Euch, Freund? Seid Ihr etwa verwundet?«
»Nein, das nicht, aber ich habe etwas Grauenhaftes erlebt.
Seid Ihr allein?«
»Zum Teufel, wer sollte wohl um diese Stunde bei mir sein?«
»Schon gut, schon gut!« Und d’Artagnan trat rasch in
Athos’ Zimmer.
»Also, was ist los?« fragte der, nachdem er die Tür zugemacht und auch noch den Riegel vorgeschoben hatte, um auf
keinen Fall gestört zu werden. »Ist der König tot? Habt Ihr
den Kardinal umgebracht? Ihr seid ja ganz durcheinander,
und ich bin nun wirklich besorgt; also, was ist?«
»Athos«, sagte der junge Mann, der währenddessen seine
Frauenkleider abgelegt hatte und nun im Hemd dastand,
»macht Euch auf etwas Unglaubliches, auf etwas ganz Unerhörtes gefaßt!«
»Aber zieht Euch zuerst diesen Schlafrock an!«
D’Artagnan nahm ihn, verwechselte aber in seiner Aufregung die Ärmel; endlich war er damit fertig.
»Nun?« fragte Athos.
»Denkt Euch«, sagte d’Artagnan und senkte die Stimme zu
einem Flüstern, »Mylady ist an der Schulter mit einer Lilie gebrandmarkt!«
»Nein!« schrie der Musketier auf und griff sich ans Herz.
»Sagt«, fuhr d’Artagnan fort, »seid Ihr ganz sicher, daß die
andere tot ist?«
»Die andere?« flüsterte Athos so leise, daß ihn der Freund
kaum verstand.
»Ja, von der Ihr erzählt habt, als wir in Amiens waren?«
Athos stöhnte auf und barg das Gesicht in beide Hände.
»Diese hier«, sprach d’Artagnan weiter, »ist eine Frau von
sechs-, siebenundzwanzig.«
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»Und blond, nicht wahr?«
»Ja.«
»Mit leuchtend blauen Augen, die manchmal grünlich
schimmern, und mit dunklen Wimpern und Brauen?«
»Ja.«
»Groß und gut gewachsen? Und oben links fehlt ihr ein
Zahn?«
»Ja.«
»Die Lilie ist klein, dunkelrot und wie verwischt von vielen
Salben?«
»Ja.«
»Aber Ihr sagt doch, sie ist Engländerin?«
»Man nennt sie Mylady, aber sie kann ebensogut Französin
sein. Schließlich ist Lord Winter nur ihr Schwager.«
»Ich will sie sehen, d’Artagnan!«
»Laßt das lieber bleiben, Athos! Ihr habt sie damals töten
wollen, und sie ist durchaus die Frau, die imstande ist, Gleiches
mit Gleichem zu vergelten und Euch nicht zu verfehlen.«
»Sie wird nicht wagen, auch nur ein Wort zu sagen; sie
würde sich ja nur selbst verraten.«
»Ich traue ihr alles zu. Habt Ihr sie jemals in Wut gesehen?«
»Nein.«
»Eine Tigerin, sage ich Euch! Ach, bester Freund, ich fürchte, ich habe da eine schreckliche Rache heraufbeschworen!«
Nun erzählte d’Artagnan alles: ihren wahnsinnigen Zorn und
ihre wilden Drohungen.
»Ihr habt recht«, sagte Athos. »Ein Glück nur, daß wir
übermorgen Paris verlassen. Höchstwahrscheinlich geht es
nach La Rochelle, und sind wir erst einmal fort …«
»Gleichviel, Athos! Sobald sie weiß, wer Ihr seid, wird ihr
Haß Euch bis ans Ende der Welt verfolgen. Und dieser Haß
ist darum so gefährlich, weil die Frau noch ein anderes furchtbares Geheimnis verbirgt, hinter das ich gekommen bin. Sie
ist nämlich eine Spionin des Kardinals!«
»Dann seht nur Ihr Euch vor, d’Artagnan! Der Haß dieser
Frau kümmert mich nicht, oder glaubt Ihr im Ernst, ich hänge
sehr am Leben?«
»Trotzdem ist es genug, wenn ich mir ihren Haß zugezogen habe.«
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»Anders der Haß des Kardinals«, fuhr Athos fort, ohne
auf den Einwand zu achten, »denn wenn er Euch wegen der
Londoner Geschichte noch nichts offen vorwerfen kann,
so wird er doch nur auf eine Gelegenheit warten, Euch dafür
zu strafen; hütet Euch also vor dem Haß des Kardinals! Geht
nie mehr allein aus, seht Euch genau an, was man Euch zu essen vorsetzt, mißtraut allem, selbst Euerm eigenen Schatten!«
»Zum Glück handelt es sich ja nur noch darum«, sagte
d’Artagnan, »die Zeit bis übermorgen abend ohne Zwischenfall zu überstehen; sind wir erst mal bei der Truppe,
dann haben wir es hoffentlich nur noch mit Männern zu
tun.«
»Und ich«, versetzte Athos, »werde mein Eremitendasein
schon jetzt aufgeben und Euch überallhin begleiten; Ihr
müßt in Eure Wohnung zurück, und ich gehe mit Euch.«
»Bis dahin ist es zwar nur ein Katzensprung, aber in diesem Aufzug kann ich wohl kaum den Weg machen.«
»Nein, allerdings nicht«, sagte Athos und läutete.
Grimaud erschien, und sein Herr bedeutete ihm stumm, zu
d’Artagnan in die Wohnung zu gehen und etwas zum Anziehen zu holen. Der Diener deutete ebenso stumm an, daß
er verstanden habe, und verschwand.
»Na schön«, sagte Athos, als sie wieder allein waren, »aber
im Hinblick auf unsere Ausrüstung sehe ich ja nun schwarz,
lieber Freund; denn wenn ich mich nicht irre, habt Ihr Euer
ganzes Zeug bei Mylady gelassen, die sich vermutlich nicht
die Mühe machen wird, es Euch wieder zuzustellen. Nur gut,
daß Ihr noch den Saphir habt.«
»Der Saphir gehört Euch, mein lieber Athos! Sagtet Ihr
nicht, daß er ein altes Familienerbstück ist?«
»Ja, und ich bekam ihn von meiner Mutter; aber statt ihn
wie eine Reliquie zu hüten, schenkte ich ihn diesem elenden
Weib.«
»Nehmt den Ring, der Euch gewiß sehr viel bedeutet, wieder an Euch!«
»Ich sollte den Ring zurücknehmen, nachdem ihn diese
Verworfene getragen hat? Niemals! Dieser Ring ist besudelt,
d’Artagnan!«
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»So verkauft ihn!«
»Ein Geschenk meiner Mutter verkaufen? Welche Entweihung!«
»Alsdann verpfändet ihn! Man wird Euch gut und gern
tausend Taler darauf leihen. Mit dieser Summe seid Ihr aller
Sorgen enthoben, und sobald Ihr auf andere Weise zu Geld
kommt, löst Ihr den Ring wieder aus, der dann auch von allen
alten Flecken gereinigt sein wird, da er ja inzwischen durch
die Hände des Wucherers gegangen ist.«
Athos lächelte.
»Ihr seid ein guter Kamerad, lieber d’Artagnan«, sagte er.
»Mit Eurer guten Laune verscheucht Ihr immer wieder alle
trüben Gedanken. Also gut, verpfänden wir den Ring, doch
nur unter einer Bedingung!«
»Und die ist?«
»Fünfhundert Taler für mich, fünfhundert Taler für Euch!«
»Wo denkt Ihr hin, Athos? Als Gardist brauche ich nicht
einmal den vierten Teil dieser Summe, und soviel bekomme
ich bestimmt, wenn ich mein Sattelzeug verkaufe. Was fehlt
mir denn schon? Ein Pferd für Planchet, weiter nichts. Und
dann vergeßt Ihr, daß ich auch einen Ring habe.«
»An dem Ihr aber, wie mir scheint, noch mehr hängt als
ich an dem meinen; wenigstens kam es mir so vor.«
»Ja, denn gegebenenfalls kann er uns nicht nur aus einer
Verlegenheit, sondern auch aus einer großen Gefahr helfen.
Dieser Ring ist nämlich nicht bloß wegen des Diamanten
wertvoll, er ist vor allem ein wunderbarer Talisman.«
»Ich verstehe Euch zwar nicht, aber ich glaube, was Ihr sagt.
Kommen wir also auf meinen oder richtiger auf unseren Ring
zurück: Ihr nehmt die Hälfte von dem, was man uns darauf
leiht, oder ich werfe ihn in die Seine! Und ich möchte sehr bezweifeln, daß es sich ein Fisch einfallen läßt, ihn uns freundlicherweise zurückzubringen wie weiland dem alten Polykrates.«
»Nun gut, ich schlage ein!« rief der Gascogner.
In diesem Augenblick kehrte Grimaud zurück, begleitet
von Planchet. Beunruhigt und neugierig zugleich, hatte es
sich d’Artagnans Diener nicht nehmen lassen, seinem Herrn
die Kleider persönlich zu bringen.
D’Artagnan und Athos zogen sich an, und als beide fertig
419
waren, machte der Musketier zu seinem Diener ein Zeichen,
als lege er ein Gewehr an; sogleich nahm Grimaud seine Muskete von der Wand, und in finsterer Entschlossenheit folgte
er mit Planchet den beiden Herren.
Sie gelangten ohne Zwischenfall in die Rue des Fossoyeurs.
Bonacieux stand feixend unter der Tür.
»Hallo, mein lieber Hausgenosse«, rief er d’Artagnan spöttisch zu, »beeilt Euch! Ihr werdet von einem hübschen jungen
Mädchen erwartet, und Ihr wißt doch, Frauen haben es nicht
gern, wenn man sie warten läßt.«
»Das ist Ketty!« rief er und stürzte ins Haus.
Tatsächlich fand er auf dem Treppenpodest die arme Kleine,
die, am ganzen Leibe zitternd, vor der Wohnungstür kauerte.
Sowie sie ihn erblickte, sprang sie auf, ergriff seine Hände und
flehte ihn an:
»Ihr habt mir Eure Hilfe versprochen, Ihr habt mir versprochen, mich vor ihrem Zorn zu schützen! Bedenkt, daß
Ihr mich ins Verderben gestürzt habt!«
»Aber ja«, sagte d’Artagnan, während er aufschloß und mit
dem Mädchen ins Zimmer trat, »natürlich, sei nur ganz ruhig, Ketty, das bringen wir schon in Ordnung! Doch erzähle,
was ist denn noch alles geschehen?«
»Weiß ich es? Mylady war in ihrer Wut wie von Sinnen, auf
ihre Schreie lief die ganze Dienerschaft zusammen, aber Mylady hörte nicht auf, immer neue Verwünschungen gegen
Euch auszustoßen. Da habe ich mir gesagt, vielleicht schöpft
sie am Ende einen Verdacht gegen mich und kommt dahinter, daß ich im Einverständnis mit Euch war, habe kurzerhand mein bißchen Erspartes und meine besten Kleider zusammengerafft und bin einfach weggelaufen.«
»Arme Kleine! Aber was fange ich jetzt bloß mit dir an?
Übermorgen rücken wir ja schon aus.«
»Tut, was Ihr wollt, Herr Junker, wenn ich nur aus Paris
wegkomme! Oder am besten gleich aus Frankreich!«
»Ich kann dich doch nicht gut zur Belagerung von La Rochelle mitnehmen.«
»Nein, aber vielleicht könnt Ihr mich irgendwo in der Provinz unterbringen, bei einer Dame Eurer Bekanntschaft, zum
Beispiel in Eurer Heimat.«
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»Oh, liebes Kind, in meiner Heimat können sich die Damen leider keine Kammerzofen leisten! Doch warte, da fällt
mir etwas ein. Planchet, lauf geschwind zu Herrn Aramis!
Ich lasse ihn bitten, sofort herzukommen; es handelt sich um
eine wichtige Angelegenheit!«
»Ich verstehe«, sagte Athos, als der Diener gegangen war,
»aber warum nicht Porthos? Mir scheint, seine Herzogin …«
»Porthos’ Herzogin läßt sich von den Schreibern ihres teuren Gemahls bedienen«, unterbrach ihn d’Artagnan lachend.
»Übrigens möchte Ketty wohl kaum in der Ochsengasse
wohnen, nicht wahr, Ketty?«
»Ich bin mit allem zufrieden«, sagte Ketty, »wenn es nur
ein sicheres Versteck ist, wo man mich nicht findet.«
»Und jetzt, Ketty, wo wir uns trennen müssen und du auch
nicht mehr eifersüchtig zu sein brauchst …«
»Ob nah oder fern, Herr Junker, ich werde Euch immer
lieben!«
»Teufel«, murmelte Athos, »ich möchte wissen, wie lange
sie selber daran glaubt!«
»Auch ich werde dich immer lieben«, sagte d’Artagnan, »sei
unbesorgt! Aber nun möchte ich dich noch etwas fragen, was
mir sehr am Herzen liegt: Hast du wirklich nie etwas von jener jungen Frau gehört, nach der ich dich schon früher gefragt
habe und die man bei Nacht und Nebel aus einer Villa entführt
hat?«
»O mein Gott«, rief die Kleine, »liebt Ihr denn diese Frau
noch immer?«
»Aber nein, einer meiner Freunde liebt sie, hier, Herr
Athos!«
»Ich?« fuhr der Musketier entsetzt auf, als sei er auf eine
Natter getreten.
»Natürlich Ihr, wer denn sonst?« versetzte der Gascogner
und drückte Athos bedeutungsvoll die Hand. »Und Ihr wißt,
wie sehr uns alle das Schicksal der armen kleinen Frau Bonacieux beschäftigt. Übrigens braucht Ihr keine Sorge zu haben, Ketty ist verschwiegen, nicht wahr, Ketty? Weißt du, es
ist nämlich die Frau dieses gräflichen Kerls, den du bestimmt
beim Hereinkommen vor der Haustür gesehen hast!«
»O Gott!« rief Ketty. »Ihr erinnert mich an die Angst, die
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ich vorhin ausgestanden habe; wenn er mich nur nicht erkannt hat!«
»Wieso erkannt? Hast du denn den Mann schon früher mal
gesehen?«
»Ja, er war zweimal bei Mylady.«
»Ach, und wann war das?«
»Das erstemal vielleicht vor vierzehn Tagen.«
»Ausgerechnet!«
»Und gestern abend war er wieder da.«
»Gestern abend?«
»Ja, kurz bevor Ihr kamt.«
»Mein lieber Athos, wir sind von einem ganzen Netz von
Spionen umgeben! Und du meinst, daß er dich wiedererkannt hat, Ketty?«
»Als ich ihn sah, habe ich sofort meine Haube tief ins Gesicht gezogen; aber vielleicht war es schon zu spät.«
»Athos, Euch mißtraut er weniger als mir, geht Ihr doch
mal hinunter und schaut nach, ob er noch immer an der Tür
steht!«
Athos ging und kam gleich wieder herauf.
»Er ist weg«, sagte er, »und die Tür ist verschlossen.«
»Aha«, meinte d’Artagnan, »er ist also schon unterwegs,
um seinen Auftraggebern zu melden, daß jetzt die Tauben
alle im Schlag sind!«
»Nun, dann fliegen wir eben aus«, sagte Athos, »und lassen
nur Planchet hier, damit er uns auf dem laufenden halten kann!«
»Halt, ich habe Planchet ja nach Aramis geschickt!«
»Richtig, warten wir also auf Aramis!«
Sie brauchten sich nicht lange zu gedulden, denn schon
kurz darauf traf der Erwartete ein. D’Artagnan erklärte ihm,
worum es ging, und fragte ihn, ob er Ketty nicht irgendwo
in seinem zahlreichen vornehmen Bekanntenkreis unterbringen könne.
Aramis dachte kurz nach, dann sagte er errötend:
»Würde ich Euch damit wirklich einen Dienst erweisen,
d’Artagnan?«
»Ich werde Euch mein Leben lang dafür Dank wissen.«
»Madame de Bois-Tracy hat mich nämlich gebeten, ich
glaube, für eine ihrer Freundinnen in der Provinz, eine sichere
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Kammerfrau zu besorgen, und wenn Ihr mir für dieses Mädchen bürgen könnt, lieber d’Artagnan …«
»Oh, gnädiger Herr«, rief Ketty, »glaubt mir, ich werde
dem Menschen, der es mir ermöglicht, Paris zu verlassen, von
ganzem Herzen ergeben sein!«
»Nun, dann ist ja alles in Ordnung«, sagte Aramis. Und er
setzte sich an den Tisch, schrieb ein paar Zeilen, versiegelte
das Briefchen mit seinem Ring und gab es Ketty.
»Meine liebe Kleine«, sagte d’Artagnan, »du weißt, daß es
hier für uns genausowenig geheuer ist wie für dich, und
darum müssen wir uns jetzt trennen; wir werden uns schon
in besseren Zeiten wiedersehen!«
»Wo und wann wir uns auch wiedersehen«, erwiderte
Ketty, »ich werde Euch immer so lieben wie heute!«
»Spielerschwur!« murmelte Athos, während d’Artagnan
das Mädchen hinunterbegleitete.
Kurz darauf trennten sich auch die drei jungen Leute,
nachdem sie sich für vier Uhr bei Athos verabredet und Planchet als Wächter in der Wohnung zurückgelassen hatten.
Aramis ging nach Hause, und Athos und d’Artagnan machten sich auf den Weg, um den Saphir unterzubringen.
Wie unser Gascogner vorausgesehen hatte, bekamen sie
ohne weiteres dreihundert Dukaten auf den Ring geliehen. Der
Jude erklärte sich sogar bereit, ihn für fünfhundert Dukaten
zu kaufen, da er glänzend zu einem Paar Ohrringe paßte, das
er schon besaß.
Athos und d’Artagnan waren sachverständig und entschlußkräftig genug, um in knapp drei Stunden die ganze Ausrüstung
für den Musketier einzukaufen. Übrigens war Athos ein vollendeter Edelmann, der für eine Sache, die ihm gefiel, sofort
den verlangten Preis entrichtete, ohne daß er auch nur den Versuch machte, ihn etwas herunterzuhandeln. D’Artagnan wollte
ihn darauf aufmerksam machen, doch der Freund legte ihm
nur lächelnd die Hand auf die Schulter, und da verstand er, daß
er, der kleine gascognische Edelmann, wohl feilschen durfte,
nicht aber ein Mann von so fürstlichem Auftreten wie Athos.
Der Musketier fand ein herrliches andalusisches Pferd, kohlrabenschwarz, mit feurigen Nüstern und hohen, schlanken
Beinen; es war sechs Jahre alt. Er untersuchte es und fand es
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fehlerlos. Man bot es ihm für tausend Franken an. Vielleicht
hätte er es billiger bekommen; aber während noch d’Artagnan
mit dem Pferdehändler über den Preis stritt, zählte Athos die
hundert Dukaten auf den Tisch.
Grimaud bekam ein pikardisches Pferd, ein kräftiges, gedrungenes Tier, das dreihundert Franken kostete. Aber als
man für den Diener auch noch einen Sattel und Waffen gekauft hatte, waren Athos’ hundertfünfzig Dukaten restlos
ausgegeben.
D’Artagnan erbot sich, dem Freund etwas von seinem Anteil zu leihen, das er ihm ja später zurückzahlen könne. Doch
Athos hatte darauf nur ein Achselzucken als Antwort.
»Wieviel wollte der Jude für den Ring geben, wenn wir ihn
verkaufen?« fragte er.
»Fünfhundert Dukaten.«
»Das wären also noch zweihundert Dukaten, hundert für
Euch und hundert für mich. Alle Wetter, das ist ja ein ganzes
Vermögen, mein Freund! Geht sofort zu dem Juden zurück!«
»Wie denn, Ihr wollt …«
»Mit diesem Ring sind für mich doch nur unangenehme
Erinnerungen verbunden, und außerdem werden wir nie die
dreihundert Dukaten aufbringen, um ihn wieder auszulösen,
so daß wir bei diesem Geschäft glatt zweitausend Franken
verlieren. Nein, geht nur zu dem Mann und sagt ihm, er kann
den Ring behalten, wenn er Euch noch zweihundert Dukaten gibt!«
»Überlegt es Euch gut, Athos!«
»Bares Geld ist heutzutage teuer, da muß man schon Opfer bringen können. Also geht nur, d’Artagnan, geht! Grimaud wird Euch mit seiner Muskete begleiten.«
Eine halbe Stunde später kehrte der Gascogner mit den
zweitausend Franken zurück, ohne daß ihm unterwegs etwas zugestoßen wäre. Auf diese Weise kam Athos völlig unerwartet doch noch zu Geld und damit zu seiner Ausrüstung.
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Eine Vision
Wie vereinbart, trafen die Freunde um vier Uhr bei Athos
zusammen. Um die Ausrüstung brauchte sich nun keiner
mehr Gedanken zu machen, und so war alle Sorge aus den
Gesichtern entschwunden bis auf jene ganz persönliche, von
der jeder auf seine Weise insgeheim beunruhigt wurde; denn
hinter dem Glück der Gegenwart lauern immer auch schon
zukünftige Ängste.
Plötzlich trat Planchet ein und überreichte d’Artagnan zwei
Briefe. Der eine war ein zierlich zusammengefaltetes Billett
mit einem hübschen grünen Wachssiegel, das eine Taube mit
einem Palmzweig im Schnabel zeigte. Der andere war ein
großes viereckiges Schreiben, auf dem das furchtbare Wappen Seiner Eminenz, des herzoglichen Kardinals, prangte.
Beim Anblick des niedlichen Briefes schlug d’Artagnans
Herz schneller, denn er glaubte die Schrift zu kennen; sie war
ihm zwar nur ein einziges Mal vor Augen gekommen, aber sie
hatte sich tief in sein Gedächtnis eingeprägt. Er griff also zuerst zu dem Briefchen, erbrach das Siegel und las:
»Seht zu, daß Ihr am kommenden Mittwoch zwischen sechs und
sieben Uhr abends auf der Straße nach Chaillot sein könnt, und
schaut aufmerksam in jeden Wagen, der vorüberkommt; aber
wenn Euch Euer Leben und das der Menschen, die Euch lieben,
teuer ist, so sprecht kein Wort, verratet durch keine Bewegung,
daß Ihr die erkannt habt, die alles aufs Spiel setzt, um Euch
einen Augenblick zu sehen!«
Keine Unterschrift.
»Das ist eine Falle«, sagte Athos, »geht nicht hin!«
»Immerhin scheint es mir ihre Handschrift zu sein«, erwiderte d’Artagnan.
»Die läßt sich nachmachen«, versetzte Athos. »Zwischen
sechs und sieben Uhr abends ist die Straße nach Chaillot nahezu menschenleer; da könnt Ihr geradesogut in einem Räuberwald spazierengehen.«
»Aber wenn wir nun alle hingingen?« rief d’Artagnan.
»Teufel noch mal, man kann uns doch nicht alle vier so ohne
weiteres verspeisen und unsere Diener und Pferde dazu!«
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»Es wäre auch eine gute Gelegenheit, unsere neue Ausrüstung einzuweihen«, meinte Porthos.
»Aber wenn es eine Frau ist, die Euch schreibt«, sagte Aramis, »und wenn diese Frau Wert darauf legt, nicht gesehen
zu werden, so bedenkt auch, daß Ihr sie nicht kompromittieren dürft; das wäre eines Edelmannes unwürdig!«
»Wir bleiben eben etwas zurück«, schlug Porthos vor, »und
d’Artagnan reitet allein voraus.«
»Ja, aber es ist nicht schwer, aus einem rasch vorüberfahrenden Wagen eine Pistole abzufeuern«, gab Athos zu bedenken.
»Ach was, man wird mich schon nicht treffen!« meinte der
Gascogner. »Und dann jagen wir einfach dem Wagen nach
und bringen alle um, die wir darin finden. So sind wir wieder
ein paar Feinde los!«
»Er hat recht«, sagte Porthos. »Auf in den Kampf! Wir
müssen ohnehin unsere Waffen ausprobieren.«
»Also gönnen wir uns schon das Vergnügen!« pflichtete
Aramis mit lächelndem Gleichmut bei.
»Wie ihr wollt«, sagte Athos.
»Meine Herren!« rief d’Artagnan. »Es ist jetzt halb fünf,
und wir müssen uns beeilen, wenn wir wirklich um sechs auf
der Straße nach Chaillot sein wollen.«
»Außerdem kann uns auch niemand mehr bewundern,
wenn wir später aufbrechen, und das wäre doch sehr schade«,
bemerkte Porthos. »Also vorwärts, Freunde!«
»Und der zweite Brief?« rief Athos. »Wollt Ihr den vergessen? Das Siegel scheint mir immerhin anzudeuten, daß er
es schon verdient, geöffnet zu werden. Und wenn Ihr meine
Meinung hören wollt, lieber d’Artagnan, so muß ich Euch
sagen, daß er mich sehr viel mehr beschäftigt als der kleine
Wisch, den Ihr da eben so zärtlich in Eure Brusttasche gesteckt habt.«
D’Artagnan errötete.
»Na schön«, sagte er, »sehen wir nach, was Seine Eminenz
von mir will!« Er entsiegelte das Schreiben und las:
»Herr d’Artagnan, königlicher Gardist in der Kompanie des Essarts, wird heute abend um acht Uhr im Palais Seiner Eminenz
erwartet.
La Houdinière, Hauptmann der Garden«
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»Teufel«, rief Athos, »das ist allerdings ein weit beunruhigenderes Stelldichein!«
»Ich geh zum zweiten, wenn ich das erste glücklich hinter
mir habe«, sagte d’Artagnan. »Das eine ist vor sieben, das andere erst um acht, ich habe also Zeit genug!«
»Hm«, meinte Aramis, »ich würde nicht hingehen. Ein Kavalier darf zwar ein Stelldichein, das ihm eine Dame gewährt,
nicht versäumen; aber ein vorsichtiger Edelmann darf sich
durchaus entschuldigen, daß er einer Einladung Seiner Eminenz nicht Folge leisten kann, zumal wenn er einigen Grund
hat, von dieser Seite etwas anderes als Komplimente zu erwarten.«
»Der Ansicht bin ich auch«, sagte Porthos.
»Hört, Freunde«, entgegnete d’Artagnan, »ich habe schon
einmal durch Herrn de Cavois eine ähnliche Einladung Seiner Eminenz erhalten. Damals bin ich nicht hingegangen,
und am selben Abend ist mir ein großes Unglück zugestoßen, Constance verschwand. Nein, was auch daraus werden mag, diesmal geh ich hin!«
»Wenn das Euer fester Entschluß ist«, sagte Athos, »so
handelt nur danach!«
»Und die Bastille?« fragte Aramis.
»Ach, da holt ihr drei mich schon wieder heraus!«
»Natürlich!« riefen Aramis und Porthos mit bewunderungswürdiger Bestimmtheit, als wäre dies das einfachste der
Welt. Und Aramis fuhr fort:
»Doch, wir holen Euch schon wieder heraus, aber da wir
übermorgen ausrücken, wäre es schon besser, Ihr würdet
Euch dieser Gefahr gar nicht erst aussetzen.«
»Oder noch besser«, sagte Athos, »wir bleiben heute den
ganzen Abend bei ihm, und während er beim Kardinal ist,
warten wir jeder mit noch drei Musketieren vor einem der
Ausgänge des Palais! Sehen wir irgendeinen verschlossenen
oder sonstwie verdächtigen Wagen herauskommen, so fallen
wir darüber her. Wir haben schon lange keinen Strauß mehr
mit den Garden Seiner Eminenz ausgefochten, und Herr de
Treville muß denken, wir seien gestorben!«
»Athos, Ihr seid unbedingt der geborene General«, erwiderte
Aramis. »Wie findet ihr den Plan, meine Herren?«
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»Großartig!« riefen d’Artagnan und Porthos wie aus einem Munde.
»Ich eile sofort in die Kaserne«, fuhr Porthos fort, »und
bitte unsere Kameraden, sich für acht Uhr bereit zu halten;
Treffpunkt ist der Platz vor dem Kardinalspalais. Inzwischen
können die Diener unsere Pferde satteln.«
»Ich habe zwar noch keins«, sagte d’Artagnan, »aber das
macht nichts, ich werde mir eben eins von Herrn de Treville
ausleihen.«
»Das ist nicht nötig«, versetzte Aramis. »Ihr könnt eins
von meinen nehmen.«
»Wieviel habt Ihr denn?«
»Drei«, antwortete Aramis lächelnd.
»Donnerwetter, mein Lieber«, rief Athos, »da seid Ihr bestimmt der bestausgerüstete Dichter in ganz Frankreich und
Navarra!«
»Aber was wollt Ihr denn nur mit drei Pferden anfangen?«
fragte d’Artagnan. »Ich verstehe nicht recht, warum Ihr Euch
gleich drei Tiere gekauft habt.«
»Ich habe auch nur zwei gekauft; das dritte wurde mir erst
heute morgen von einem Bedienten ohne Livree zugeführt,
der mir leider nicht sagen wollte, in wessen Diensten er steht.
Er hat mir lediglich versichert, daß ihm sein Gebieter …«
»Oder Gebieterin«, unterbrach ihn d’Artagnan.
»Nun, das spielt hier wohl keine Rolle«, fuhr Aramis errötend fort. »Jedenfalls hatte er den Auftrag, wie er mir versicherte, das Pferd in meinen Stall einzustellen und kein Wort
über seine Herkunft verlauten zu lassen.«
»So etwas kann auch nur einem Dichter passieren«, bemerkte Athos todernst.
»Um so besser für mich!« rief d’Artagnan. »Sagt, welches
von den beiden Pferden werdet Ihr reiten? Das gekaufte oder
das geschenkte?«
»Das geschenkte natürlich! Ihr begreift doch, d’Artagnan,
es wäre ja sonst eine Beleidigung für …«
»Für den unbekannten Spender, ich verstehe«, versetzte
d’Artagnan.
»Oder für die geheimnisvolle Spenderin«, fügte Athos hinzu.
»Dann habt Ihr also eigentlich ein Pferd zuviel?«
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»Im Grunde ja.«
»Habt Ihr es persönlich gekauft?«
»Allerdings, und zwar mit aller erdenklichen Sorgfalt. Die
Sicherheit des Reiters hängt, wie Ihr wißt, fast immer von
seinem Pferd ab.«
»So überlaßt es mir für den Preis, den Ihr dafür bezahlt
habt!«
»Ich wollte es Euch schon von mir aus anbieten, lieber d’Artagnan, und mit der Bezahlung hat es wirklich keine Eile.«
»Wie teuer ist es denn?«
»Achthundert Franken.«
»Hier sind vierzig Doppeldukaten, lieber Freund«, sagte
der Gascogner und holte die Summe aus seiner Tasche hervor. »Ich weiß ja, daß man Euch in dieser Münze Eure Gedichte bezahlt.«
»Ihr seid offenbar ganz gut bei Kasse?« fragte Aramis.
»Und ob, mein Lieber, ich bin reich, steinreich!« Und er
ließ den Rest seines Geldes in der Tasche klimpern.
»Schickt Euern Sattel in die Kaserne der Musketiere, dann
kann Bazin Euer Pferd nachher gleich mitbringen.«
»Ausgezeichnet! Aber es ist schon bald fünf Uhr, wir müssen uns beeilen!«
Eine Viertelstunde später erschien Porthos auf einem prächtigen spanischen Rappen an einem Ende der Rue Ferou; Mousqueton folgte ihm auf einem kleinen, aber sehr hübschen Auvergner Pferd. Porthos strahlte vor Freude und Stolz übers
ganze Gesicht. Zur gleichen Zeit erschien am anderen Ende
der Straße Aramis auf einem herrlichen englischen Renner;
Bazin folgte auf einem Rotschimmel und führte einen kräftigen Mecklenburger mit sich, der nun d’Artagnan gehörte.
Die beiden Musketiere trafen vor der Tür zusammen.
Athos und d’Artagnan sahen vom Fenster aus zu.
»Alle Wetter!« rief Aramis. »Ihr habt da aber ein ganz wundervolles Tier, mein lieber Porthos!«
»Nun ja, es ist dasselbe, das mir von Anfang an bestimmt
war; der Mann meiner hohen Gönnerin hat sich nur einen
schlechten Scherz erlaubt und es gegen jenen traurigen Klepper vertauscht. Inzwischen hat er es bitter bereut, und mir
ist volle Genugtuung geworden.«
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Da in diesem Augenblick auch Grimaud mit dem prachtvollen Andalusier seines Herrn auftauchte, gingen d’Artagnan und Athos hinunter, schwangen sich in den Sattel, und
alle vier ritten los: Athos auf dem Pferd, das er seiner Frau
verdankte, Aramis auf dem, das ihm seine ferne Geliebte geschenkt, Porthos auf dem, das er seiner Anwaltsgattin abgeluchst, und d’Artagnan auf dem, das ihm sein Glück beschert
hatte, die beste Geliebte, die sich denken läßt.
Die vier Diener folgten.
Wie Porthos vorausgesehen hatte, erregte die kleine Kavalkade überall Aufsehen; und hätte Frau Coquenard sehen können, welch prächtige Figur ihr Freund auf seinem spanischen
Rappen abgab, so hätte ihr der Aderlaß, den sie dem Geldschrank ihres Mannes zugemutet, gewiß nicht leid getan.
In der Nähe des Louvre begegneten unsere vier Freunde
Herrn de Treville, der gerade aus Saint-Germain zurückkam.
Er hielt sie an und beglückwünschte sie zu ihrer vortrefflichen Ausrüstung, worauf sich im Nu wohl einige hundert
Gaffer um sie versammelten. D’Artagnan benutzte die Gelegenheit, Herrn de Treville von dem Schreiben des Kardinals
Meldung zu machen; es versteht sich, daß er den anderen
Brief mit keinem Wort erwähnte. Der Hauptmann billigte
seine Entscheidung und versicherte ihm, sofern er bis zum
nächsten Morgen nicht zurück sei, werde er, Treville, ihn
schon zu finden wissen.
Da es in diesem Augenblick sechs Uhr schlug, entschuldigten sich unsere Freunde mit einer dringenden Verabredung und
verabschiedeten sich von Herrn de Treville. Ein kurzer Galopp
brachte sie auf die Straße nach Chaillot. Obwohl es schon zu
dämmern begann, waren noch immer viele Fahrzeuge unterwegs. Unter dem Schutz seiner Freunde, die sich etwas abseits
hielten, blickte d’Artagnan aufmerksam in jede vorüberfahrende Kutsche, konnte aber kein bekanntes Gesicht entdecken.
Endlich, nachdem er eine Viertelstunde gewartet hatte und
die Dämmerung vollends hereingebrochen war, näherte sich
von Sèvres her ein Wagen im vollen Galopp. Eine Ahnung
sagte dem jungen Mann sofort, daß die Person, die ihn hierher bestellt hatte, in dieser Kutsche sitzen würde, und zu seinem großen Erstaunen merkte er, daß ihm bei diesem Ge430
danken das Herz bis zum Halse schlug. Da zeigte sich auch
schon im Wagenfenster der Kopf einer Frau; sie legte zwei
Finger an die Lippen, wie um ihn zum Schweigen zu ermahnen oder einen Kuß anzudeuten, und d’Artagnan jubelte leise
auf, denn er hatte in der Frau – oder vielmehr in dieser Erscheinung, war doch der Wagen mit der Geschwindigkeit einer Vision vorübergerast – Frau Bonacieux erkannt.
Trotz der erhaltenen Warnung gab d’Artagnan seinem Pferd
unwillkürlich die Sporen und preschte hinter der Kutsche her;
aber als er sie eingeholt hatte, war das Fenster fest verschlossen, und die Erscheinung wiederholte sich nicht mehr. Nun
entsann er sich der Worte, die in dem Briefchen gestanden hatten, und er hielt zitternd inne, voller Sorge, nicht um sich, sondern um seine arme Geliebte, die sich offenbar einer großen
Gefahr ausgesetzt hatte, um dieses Wiedersehen zu ermöglichen. Unterdes jagte der Wagen mit unverminderter Geschwindigkeit der Stadt zu und war bald seinen Blicken entschwunden.
Betroffen verhielt d’Artagnan noch immer an derselben
Stelle und wußte nicht, was er denken sollte. Wenn es wirklich Frau Bonacieux war und sie kehrte nach Paris zurück,
warum dann diese flüchtige Begegnung, warum dann dieser
kurze Blick und dieser angedeutete Kuß? War sie es dagegen
nicht, was immerhin der Fall sein konnte, da die Dämmerung
ein einwandfreies Erkennen sehr erschwerte, hatte er es dann
nicht mit einer neuen Intrige zu tun, bei der man sich dieser
Frau, die er bekanntermaßen liebte, als Lockvogel bediente?
Seine drei Freunde waren ihm nachgeritten und gesellten
sich jetzt wieder zu ihm. Alle drei hatten tatsächlich den
Kopf einer Frau im Wagenschlag auftauchen sehen, doch nur
Athos kannte Frau Bonacieux; er glaubte sie auch erkannt zu
haben, aber da ihn das hübsche Gesicht weniger beschäftigt
hatte als d’Artagnan, so war seinem scharfen Auge nicht entgangen, daß im Fond des Wagens noch jemand, und zwar allem Anschein nach ein Mann, gesessen hatte.
»Wenn das zutrifft«, sagte d’Artagnan, »so bringt man sie
sicherlich nur von einem Gefängnis in das andere. Aber was
will man bloß von dem armen Geschöpf? Und wie soll ich sie
je wiederfinden?«
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»Bedenkt, mein Freund«, versetzte Athos, »daß man auf
Erden nur den Toten nicht mehr begegnet! Davon wissen wir
beide doch ein Liedchen zu singen, nicht wahr? Wenn also
Eure Liebste noch lebt, wenn sie es war, die wir eben gesehen hatten, dann werdet Ihr sie auch eines Tages wiedersehen.
Und, mein Gott«, fügte er mit der ihm eigenen Gefühlskälte
hinzu, »vielleicht kommt dieser Tag früher, als Euch lieb ist!«
Es schlug halb acht; der Wagen hatte sich um etwa zwanzig
Minuten verspätet. Die Freunde erinnerten d’Artagnan daran,
daß er noch einen Besuch zu machen habe, bemerkten aber
gleichzeitig, daß er genausogut davon absehen könne. Doch
der Gascogner war ebenso eigensinnig wie neugierig. Er hatte
sich in den Kopf gesetzt, der Einladung zu folgen und zu erfahren, was Seine Eminenz nun eigentlich von ihm wollte.
Nichts konnte ihn in diesem Entschluß wankend machen.
Man erreichte die Rue Saint-Honoré und traf vor dem Palais des Kardinals die zwölf Musketiere, die Porthos verständigt hatte und die in Erwartung ihrer Kameraden als harmlose
Spaziergänger auf und ab schlenderten. Erst jetzt erklärte man
ihnen, worum es ging. Da der Gascogner in dem ehrenwerten
Korps der Königlichen Musketiere, in das er, wie man wußte,
eines Tages eintreten würde, wohlbekannt war und schon heute
als ein Kamerad betrachtet wurde, zeigten sich die zwölf Haudegen sehr angetan von der Mission, derentwegen man sie hergebeten hatte; überdies handelte es sich höchstwahrscheinlich
darum, dem Herrn Kardinal und seinen Leuten einen Streich
zu spielen, und zu derartigen Unternehmungen waren diese
wackeren Männer immer bereit.
Athos teilte sie in drei Gruppen, übernahm das Kommando der einen und unterstellte die beiden anderen Aramis
und Porthos; dann legte sich jede Gruppe einem anderen Eingang des Palastes gegenüber auf die Lauer. D’Artagnan selbst
schritt mutig durch das Hauptportal.
Wenn unser junger Freund sich auch tatkräftig unterstützt
fühlte, so stieg er doch nicht ohne eine gewisse Unruhe die
breite Freitreppe Stufe um Stufe hinauf. Sein Benehmen gegen
Mylady sah einem Verrat sehr ähnlich, und dabei stand diese
Frau ganz fraglos in einem engen politischen Kontakt mit dem
Kardinal; des weiteren gehörte der Graf von Wardes, dem er
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so übel mitgespielt hatte, zu den erklärten Günstlingen Seiner
Eminenz, und d’Artagnan wußte, daß der Kardinal mit der
gleichen Entschlossenheit, mit der er seine Feinde verfolgte,
für seine Freunde eintrat.
Wenn der Graf, woran ich nicht zweifle, unseren ganzen
Handel Seiner Eminenz erzählt hat und wenn er gar erfahren
hat, daß ich der Held von Amiens war, was immerhin im Bereich des Möglichen liegt, dann kann ich mich eigentlich
schon jetzt als verurteilt betrachten, sagte sich d’Artagnan
kopfschüttelnd. Aber warum hat man dann so lange gewartet? Ach was, ganz einfach: Mylady mit ihrem geheuchelten
Schmerz, der sie so interessant macht, wird mich beim Kardinal verklagt haben, und dieser letzte Fall hat wohl das Faß
zum Überlaufen gebracht. Ein Glück nur, daß meine Freunde
unten sind; die werden schon aufpassen, daß man mich nicht
so ohne weiteres fortschleppt. Leider kann die Kompanie des
Herrn de Treville nicht allein den Kardinal bekriegen, denn
der verfügt schließlich über ganz Frankreich, und gegen ihn
ist die Königin machtlos und der König ohne Willen. D’Artagnan, mein Freund, du bist zwar ein wackerer Bursche, und
du hast vortreffliche Eigenschaften, aber die Weiber sind dein
sicherer Untergang!
Zu diesem traurigen Schluß war er gelangt, als er die Eingangshalle betrat. Hier überreichte er sein Schreiben dem
Türhüter vom Dienst, der ihn in einen Warteraum führte und
sich in das Innere des Palastes verfügte. In dem Warteraum
standen ein halbes Dutzend Gardisten herum, die, als sie in
dem Eintretenden d’Artagnan erkannten, von dem sie wußten, daß er seinerzeit ihren Kameraden Jussac verwundet
hatte, ihn mit sonderbarem Lächeln musterten.
Dieses Lächeln schien d’Artagnan von übler Vorbedeutung. Aber da unser Freund nicht leicht einzuschüchtern war,
oder vielmehr, da er sich bei seinem gascognischen Hochmut
nicht leicht anmerken ließ, was in ihm vorging, sofern es auch
nur ein wenig nach Furcht aussah, pflanzte er sich stolz vor
den Herren Gardisten auf, stemmte die Linke in die Hüfte
und wartete so in einer Haltung, der es nicht an Würde fehlte.
Der Türhüter kam zurück und bedeutete d’Artagnan, ihm
zu folgen. Der junge Mann hatte den Eindruck, die Gardisten
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tuschelten miteinander, als sie ihn weggehen sahen. Er folgte
dem Huissier über einen langen Flur und durch einen großen
Salon in eine Bibliothek, wo er sich unvermittelt einem Mann
gegenübersah, der an einem Tisch saß und schrieb. Der Huissier zog sich wortlos zurück, und d’Artagnan, der vor dem
Tisch stehengeblieben war, betrachtete prüfend den Mann.
Zuerst glaubte er, einen Richter vor sich zu haben, der die
Akte d’Artagnan studiere, dann aber merkte er, daß der Mann
hinter dem Schreibtisch damit beschäftigt war, Zeilen von unterschiedlicher Länge zu schreiben oder vielmehr zu korrigieren, wobei er die Silben an den Fingern abzählte; er hatte es also
mit einem Dichter zu tun. Nach einer kleinen Weile schloß der
Dichter sein Manuskript, auf dessen Einband » MIRAME ,
Tragödie in fünf Akten« geschrieben stand, und schaute auf.
D’Artagnan erkannte den Kardinal.
Eine furchtbare Warnung
Der Kardinal stützte den Ellbogen auf das Manuskript, das
Kinn in die Hand und musterte den jungen Mann. Niemand
hatte einen so forschenden Blick wie der Kardinal Richelieu,
und d’Artagnan fühlte diesen Blick gleichsam körperlich, als
treibe er wie ein Fieberschauer sein Blut schneller durch die
Adern. Aber er hielt sich gut und wartete, den Hut in der
Hand, weder zu stolz noch zu demütig, auf das erste Wort
des Kardinals.
»Mein Herr«, ließ sich der endlich vernehmen, »seid Ihr ein
gewisser d’Artagnan aus dem Bearn?«
»Ja, Monseigneur!«
»Es gibt mehrere Linien der d’Artagnans in Tarbes und
Umgebung; zu welcher gehört Ihr?«
»Ich bin der Sohn jenes d’Artagnan, der unter dem großen
König Heinrich, dem Vater Seiner Allergnädigsten Majestät,
die Religionskriege mitgemacht hat.«
»Ganz recht, und Ihr seid vor etwa sieben oder acht Monaten von daheim aufgebrochen, um Euer Glück in der
Hauptstadt zu versuchen, nicht wahr?«
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»Ja, Monseigneur.«
»Dabei seid Ihr auch durch Meung gekommen, wo Euch
irgend etwas, ich weiß nicht mehr was, zugestoßen ist.«
»Ja, Monseigneur, die Sache in Meung …«
»Schon gut, schon gut!« unterbrach ihn der Kardinal mit
einem Lächeln, das verriet, wie gut er die Geschichte bereits
kannte. »Ihr hattet ein Empfehlungsschreiben an Herrn de
Treville, nicht wahr?«
»Ja, Monseigneur, aber gerade bei dieser unglücklichen Geschichte in Meung …«
»Ist Euch der Brief abhanden gekommen«, vollendete
Seine Eminenz den Satz, »ja, ich weiß das; aber Herr de Treville ist ein guter Menschenkenner, der auf den ersten Blick
sieht, woran er mit einem ist, und darum hat er Euch in der
Kompanie seines Schwagers, des Herrn des Essarts, untergebracht und Euch gleichzeitig Hoffnung gemacht, daß Ihr
in nicht zu ferner Zukunft mit Eurer Aufnahme bei den Musketieren rechnen könnt.«
»Monseigneur ist vortrefflich unterrichtet.«
»Seitdem ist Euch mancherlei begegnet. Einmal habt Ihr
einen Spaziergang hinter das Karmeliterkloster gemacht, was
Ihr besser unterlassen hättet. Dann seid Ihr mit Euern Freunden zur Kur nach Forges gereist; unterwegs wurden Eure
Freunde einer nach dem andern aufgehalten, aber Ihr habt
Eure Reise munter fortgesetzt, kein Wunder, Ihr hattet ja
auch Geschäfte in England.«
»Monseigneur«, sagte d’Artagnan bestürzt, »ich wollte
nur …«
»Zur Jagd nach Windsor oder sonstwohin, es geht ja niemand was an. Ich weiß es auch nur, weil ich nun einmal von
Amts wegen alles wissen muß. Bei Eurer Rückkehr seid Ihr
dann von einer erlauchten Persönlichkeit empfangen worden, und ich sehe mit Vergnügen, daß Ihr das Andenken, das
sie Euch gab, noch immer habt.«
D’Artagnan fuhr mit der Hand nach dem Ring, den ihm
die Königin geschenkt hatte, und drehte den Diamanten
rasch nach innen; aber es war zu spät.
»Tags darauf hat Euch Herr de Cavois aufgesucht«, fuhr der
Kardinal fort. »Er ließ Euch bestellen, Ihr möchtet doch in
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mein Palais kommen. Diesen Besuch habt Ihr nicht erwidert,
und das war nicht recht von Euch.«
»Monseigneur, ich fürchtete, mir die Ungnade Eurer Eminenz zugezogen zu haben.«
»Aber warum denn, Herr d’Artagnan? Weil Ihr die Befehle
Eurer Vorgesetzten mit mehr Mut und Verstand ausgeführt
habt als irgendein anderer, wofür Euch höchstens Lob gebührt, darum solltet Ihr Euch meinen Groll zugezogen haben? Ich pflege nur Ungehorsame zu bestrafen, nicht aber
Leute, die so gut – zu gut sogar – gehorchen wie Ihr! Und der
Beweis: Denkt nur an den Tag, an dem ich Euch durch Herrn
de Cavois hierherbitten ließ, und sucht in Eurer Erinnerung,
was sich am selben Abend zugetragen hat!«
An jenem Abend war die arme Frau Bonacieux entführt
worden. D’Artagnan überlief ein Schauder; er mußte daran
denken, daß noch eine halbe Stunde zuvor die unglückliche
Gefangene an ihm vorübergefahren war, sicherlich abermals
von derselben Macht gelenkt, die sie damals hatte verschwinden lassen.
»Da ich nun schon seit einiger Zeit nichts mehr über Euch
hörte«, fuhr der Kardinal fort, »wollte ich gern wissen, was
Ihr treibt. Übrigens schuldet Ihr mir wohl einigen Dank,
denn es wird Euch nicht entgangen sein, wie sehr man Euch
immer wieder geschont hat.«
D’Artagnan verneigte sich ehrerbietig.
»Dies geschah nicht nur aus einem Gefühl natürlicher Billigkeit, sondern auch in Übereinstimmung mit einem Plan, den
ich mit Euch verfolge.«
D’Artagnan staunte immer mehr.
»Ich wollte Euch schon damals, als Ihr meine erste Einladung erhieltet, mit diesem Plan vertraut machen; aber Ihr
kamt nicht. Zum Glück ist durch die Verzögerung noch
nichts verloren, und so sollt Ihr ihn heute vernehmen. Aber
setzt Euch doch, Herr d’Artagnan, hier, zu mir! Ihr seid
Edelmann genug, daß Ihr nicht stehend zuzuhören braucht.«
Und der Kardinal deutete mit dem Finger auf einen Stuhl;
aber unser junger Freund war über alles so verblüfft, daß es
erst eines nochmaligen Winks bedurfte, ehe er sich wirklich
getraute, Platz zu nehmen. »Ihr seid tapfer, Herr d’Artagnan,
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und, was noch mehr wiegt. Ihr handelt überlegt. Ich schätze
Menschen mit Hirn und Herz. Erschreckt nicht«, fügte er
lächelnd hinzu, »wenn ich Herz sage, meine ich Beherztheit!
Aber so jung wie Ihr seid und obwohl Ihr in der großen Welt
kaum die ersten Gehversuche hinter Euch habt, besitzt Ihr
schon mächtige Feinde. Wenn Ihr Euch nicht sehr vorseht,
werden sie Euch bestimmt verderben!«
»Und ohne große Mühe, Monseigneur«, erwiderte unser
Gascogner, »denn sie sind stark und einflußreich, während
ich so ziemlich allein dastehe.«
»Ganz recht, wenngleich Ihr, so allein Ihr seid, immerhin
schon mancherlei fertiggebracht habt und, woran ich nicht
zweifle, auch noch fertigbringen werdet. Allerdings braucht
Ihr, wie mir scheint, einen Führer auf dem abenteuerlichen
Weg, den Ihr eingeschlagen habt; denn ich gehe wohl nicht
fehl in der Annahme, daß Ihr mit dem ehrgeizigen Gedanken
nach Paris gekommen seid, hier Euer Glück zu machen.«
»Ich bin noch in dem Alter der unsinnigen Hoffnungen,
Monseigneur!«
»Unsinnige Hoffnungen gibt es nur für Dummköpfe, junger Mann, und Ihr habt Verstand. Kurz und gut, was haltet
Ihr von einer Fähnrichsstelle in meiner Garde, mit der Aussicht, nach dem Feldzug eine Kompanie zu übernehmen?«
»Oh, Monseigneur!«
»Ihr nehmt doch an, nicht wahr?«
»Monseigneur …«, wiederholte d’Artagnan in sichtlicher
Verlegenheit.
»Wie denn? Ihr lehnt ab?« rief der Kardinal verwundert.
»Ich gehöre zur Garde Seiner Majestät, Monseigneur, und
ich habe keinen Grund zur Unzufriedenheit.«
»Aber mir scheint«, versetzte der Kardinal, »auch meine
Garden sind Garden Seiner Majestät, und wofern man nur
bei einer französischen Truppe dient, dient man dem König.«
»Verzeihung, ich fürchte, Eure Eminenz haben mich falsch
verstanden.«
»Ach so, Ihr sucht einen Vorwand? Ich verstehe. Aber diesen Vorwand habt Ihr doch. Die Beförderung, der bevorstehende Feldzug, die glänzenden Möglichkeiten, die ich Euch
biete – das reicht nach außenhin; für Euch persönlich kommt
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dann noch hinzu, daß Ihr einen sicheren Schutz braucht, denn
Ihr müßt wissen, Herr d’Artagnan, daß mir ernste Klagen über
Euch zu Ohren gekommen sind: Ihr widmet Eure Tage und
Nächte durchaus nicht nur dem Dienst des Königs!«
D’Artagnan wurde rot.
»Übrigens«, fuhr der Kardinal fort und legte die Hand auf
einen Stoß Papiere, »habe ich hier ein ganzes Bündel Akten,
die sich mit Euch beschäftigen; aber bevor ich mich darein
vertiefe, wollte ich mich ein wenig mit Euch unterhalten. Ich
kenne Euch als einen Mann von wohlüberlegten Entschlüssen, und unter der richtigen Anleitung könnten Euch Eure
Dienste sehr weit bringen, statt Euch nur zum Nachteil zu
gereichen. Bedenkt also alles und entscheidet Euch!«
»Eure Güte beschämt mich, Monseigneur«, entgegnete
d’Artagnan, »und ich erkenne in Eurer Eminenz eine Seelengröße, vor der ich mir klein wie ein Wurm vorkomme;
aber da Monseigneur mir erlaubt, mit aller Freimut zu sprechen …« D’Artagnan stockte.
»Bitte, sprecht nur!«
»… so muß ich Eurer Eminenz bekennen, daß alle meine
Freunde bei den Musketieren und bei den Garden des Königs
dienen, während meine Feinde durch ein unbegreifliches Verhängnis alle in den Diensten Eurer Eminenz stehen; wenn ich
daher Euer Angebot annähme, würde ich hier schlecht aufgenommen und dort schief angesehen werden.«
»Solltet Ihr etwa schon den vermessenen Gedanken haben, daß ich Euch weniger biete, als Ihr verdient?« fragte der
Kardinal und lächelte geringschätzig.
»Im Gegenteil, Monseigneur, Eure Eminenz sind viel zu
gütig gegen mich, und ich glaube, längst nicht genug geleistet zu haben, um eine solche Gunst zu verdienen. In den
nächsten Tagen beginnt die Belagerung von La Rochelle,
Monseigneur; dabei werde ich unter Euern Augen dienen,
und wenn ich das Glück haben sollte, mich so auszuzeichnen, daß ich Eure Aufmerksamkeit verdiene, nun wohl, dann
kann ich wenigstens auf irgendeine glänzende Tat verweisen,
durch die der Schutz, den Eure Eminenz mir gnädigst zu erweisen geruhen, auch gerechtfertigt erscheint. Alles braucht
seine Zeit, Monseigneur. Vielleicht habe ich später ein Recht,
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Euch meine Dienste anzutragen; jetzt würde es aussehen, als
ob ich mich verkaufte.«
»Mit anderen Worten, Ihr lehnt es ab, mir zu dienen«, sagte
der Kardinal in einem Ton, der ärgerlich klingen sollte, aber
eine gewisse Achtung nicht verbergen konnte. »Bleibt also
frei und behaltet Euern Haß und Eure Sympathien!«
»Monseigneur …«
»Schon gut«, fiel ihm der Kardinal ins Wort, »ich bin Euch
ja nicht böse; aber versteht auch, daß man genug zu tun hat,
wenn man nur seine Freunde beschützen und belohnen will,
und daß man seinen Feinden nichts schuldig ist! Trotzdem
will ich Euch einen Rat geben: Haltet Euch gut, Herr d’Artagnan, denn wenn ich erst einmal meine Hand von Euch abziehe, gebe ich keinen roten Heller mehr für Euer Leben!«
»Ich werde tun, was ich kann«, erwiderte der Gascogner
mit edler Festigkeit.
»Und wenn Euch später, bei einer bestimmten Gelegenheit,
ein Unglück zustößt«, sagte Richelieu absichtsvoll, »dann vergeßt nicht, daß ich mich um Euch bemüht und alles getan
habe, um dieses Unglück abzuwenden!«
»Was auch geschehen mag«, versetzte d’Artagnan, während
er die Hand aufs Herz legte und sich leicht verbeugte, »ich
werde Eurer Eminenz immer dankbar sein für das, was Ihr
heute an mir getan habt!«
»Also gut, Herr d’Artagnan, dann sehen wir uns, wie Ihr
schon sagtet, erst nach dem Feldzug wieder! Ich behalte
Euch im Auge, denn ich werde ebenfalls dort sein«, fügte der
Kardinal hinzu und deutete auf eine prächtige Rüstung, die
für ihn bestimmt war, »und nach unserer Rückkehr … nun
wohl, da werden wir abrechnen!«
»Ach, Monseigneur«, rief d’Artagnan, »erspart mir die
Bürde Eurer Ungnade! Bleibt unparteiisch, Monseigneur, solange ich mich in Euern Augen wie ein Ehrenmann betrage!«
»Junger Mann«, entgegnete Richelieu, »wenn ich Euch
noch einmal sagen kann, was ich Euch heute gesagt habe,
dann werde ich es tun, das verspreche ich Euch!«
Diese letzten Worte drückten einen furchtbaren Zweifel aus;
sie machten den Gascogner betroffener als jede Drohung, denn
sie waren eine unüberhörbare Warnung. Demnach suchte der
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Kardinal ihn vor irgendeinem drohenden Unheil zu bewahren.
D’Artagnan öffnete schon den Mund zu einer Antwort, aber
da entließ ihn Seine Eminenz mit hoheitsvoller Geste.
Er ging hinaus; aber unten am Hauptportal fiel aller Mut von
ihm ab, und es fehlte nicht viel, und er wäre wieder umgekehrt.
Doch da sah er in Gedanken das strenge, ernste Gesicht seines
Freundes Athos vor sich: wenn er auf den Pakt, den ihm der
Kardinal vorgeschlagen hatte, einginge, würde ihm Athos nicht
mehr die Hand geben, würde ihn Athos verleugnen. Diese
Furcht hielt ihn zurück; so mächtig ist der Einfluß eines wahrhaft großen Charakters auf alles, was ihn umgibt.
D’Artagnan verließ das Palais durch dasselbe Portal, durch
das er auch hereingekommen war, und fand draußen Athos
und die vier Musketiere, die ihn schon voller Ungeduld erwarteten. Er beschwichtigte sie mit wenigen Worten und
schickte Planchet zu den anderen Posten, um dort zu melden,
daß sein Herr wohlbehalten zurückgekehrt sei, daß man also
nicht mehr länger aufzupassen brauche.
Nachdem die vier Freunde wieder in Athos’ Wohnung versammelt waren, wollten Aramis und Porthos wissen, was es
mit der seltsamen Einladung auf sich gehabt habe; aber d’Artagnan begnügte sich damit, ihnen zu sagen, daß Richelieu
ihm angeboten habe, als Fähnrich in seine Garde einzutreten, und daß er abgelehnt habe.
»Das war richtig!« riefen Aramis und Porthos wie aus einem
Munde. Athos dagegen wurde sehr nachdenklich und schwieg.
Erst als sie allein waren, sagte er:
»Ihr habt getan, was Ihr tun mußtet, aber vielleicht war es
ein Fehler.«
D’Artagnan seufzte auf, denn genauso redete eine heimliche innere Stimme, die ihm sagte, daß ihm allerlei Übles bevorstehe.
Der nächste Tag sah alle mit den letzten Vorbereitungen
zum Aufbruch beschäftigt; d’Artagnan suchte Herrn de Treville auf, um sich von ihm zu verabschieden. Zu dieser Stunde
glaubte man noch, die Trennung der Garden und der Musketiere werde nur vorübergehend sein, denn der König hatte
noch für denselben Tag das Parlament einberufen und wollte
am anderen Morgen aufbrechen. So beschränkte sich Herr
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de Treville darauf, den jungen Mann zu fragen, ob er seiner
bedürfe, worauf d’Artagnan stolz entgegnete, daß er alles
habe, was er brauche.
Die Nacht führte noch einmal alle Kameraden von der Gardekompanie des Herrn des Essarts und von der Musketierkompanie des Herrn de Treville zusammen, die sich eng aneinander angeschlossen hatten. Man trennte sich und überließ
die Sorge um das Wiedersehen Gott. Es ging in dieser Nacht
also hoch her, wie man sich denken kann, denn in solchen Fällen verlangt die innere Unruhe nach größter Ausgelassenheit.
Beim ersten Trompetensignal in der Frühe nahm man voneinander Abschied. Die Musketiere eilten zum Hause des
Herrn de Treville, die Gardisten zu dem des Herrn des Essarts. Die beiden Hauptleute führten ihre Kompanien alsbald
zum Louvre, wo der König die Parade abnahm.
Der König machte einen kranken und bedrückten Eindruck,
wodurch er nicht ganz so anmaßend wie sonst wirkte. Tatsächlich war er tags zuvor im Parlament, während er zu Gericht
saß, vom Fieber befallen worden. Trotzdem war er entschlossen, noch an diesem Abend aufzubrechen, und hatte sich auch
nicht davon abbringen lassen, die Parade abzunehmen, wohl in
der Hoffnung, auf solche Weise am ehesten die Krankheit zu
bannen, die sich seiner zu bemächtigen begann.
Als die Parade vorüber war, marschierte die Gardekompanie
allein los, da die Musketiere erst mit dem König nachkommen
sollten. So war es Porthos vergönnt, sich in seiner glänzenden Ausrüstung noch einmal in der Rue aux Ours sehen zu
lassen.
Frau Coquenard erblickte ihn in seiner neuen Uniform auf
dem prächtigen Pferd, und da sie zu verliebt war, um ihn einfach vorüberreiten zu lassen, winkte sie ihm zu, er möchte
absitzen und heraufkommen. Porthos sah großartig aus; die
Sporen klirrten, der Küraß blinkte, und stolz schlug ihm der
Degen an die Beine. Diesmal fühlten sich die Schreiber keineswegs versucht, über ihn zu lachen, so martialisch wirkte der
wackere Porthos.
Der Musketier wurde zu Herrn Coquenard geführt, dessen
kleine graue Augen vor Zorn aufblitzten, als er die funkelnagelneue Ausrüstung seines angeblichen Vetters sah. Doch
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insgeheim tröstete er sich damit, daß man allgemein einen blutigen Feldzug erwartete; so hoffte er im Grund seines Herzens,
Porthos werde nicht wiederkehren. Porthos sagte also, was man
in einem solchen Fall zu sagen pflegt, und verabschiedete sich
von Meister Coquenard, der ihm seinerseits alles Gute wünschte. Nur Frau Coquenard konnte ihre Tränen nicht zurückhalten; aber niemand nahm Anstoß an ihrem Kummer, da man ja
wußte, wie sehr sie an ihren Verwandten hing, derentwegen sie
immer wieder Streitigkeiten mit ihrem Mann gehabt hatte. Der
eigentliche Abschied fand jedoch in Frau Coquenards Zimmer
statt, und er war herzzerreißend.
Solange die Frau des Anwalts ihrem Geliebten mit den
Augen folgen konnte, winkte sie ihm mit dem Taschentuch
nach, wobei sie sich so weit zum Fenster hinauslehnte, daß
man fürchten mußte, sie wolle sich hinausstürzen. Porthos
nahm dies alles mit der Gelassenheit eines Mannes hin, dem
solche Liebesbeweise nichts Neues sind. Erst als er in eine
Seitenstraße einbog, nahm er noch einmal den Hut ab und
winkte einen letzten Abschiedsgruß zurück.
Aramis schrieb indessen einen langen Brief. An wen? Das
wußte niemand. Im Nebenzimmer wartete Ketty, die noch
am selben Abend nach Tours reisen sollte.
Athos aber saß zu Hause und leerte in kleinen Schlucken
die letzte Flasche seines spanischen Weins.
D’Artagnan dagegen rückte schon mit seiner Kompanie
ins Feld. Als man durch den Faubourg Saint-Antoine zog,
wandte er sich um und betrachtete vergnügt die Bastille. Aber
da er nur auf den finsteren, von allen gefürchteten Bau achtete, übersah er Mylady, die auf einem Falben saß und ihn
zwei übel aussehenden Kerlen zeigte, die sich sogleich dicht
an die Kolonne herandrängten, um sich sein Gesicht zu merken. Auf ihren fragenden Blick bedeutete Mylady ihnen
durch ein Nicken, daß es der Richtige war. Da nun der Ausführung ihrer Befehle nichts mehr im Wege stand, gab sie
ihrem Pferd die Sporen und preschte davon.
Die beiden Männer aber folgten der Kompanie bis zum
Ausgang des Faubourg Saint-Antoine, wo ein Diener ohne
Livree mit zwei vollständig ausgerüsteten Pferden auf sie
wartete.
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Die Belagerung von La Rochelle
Die Belagerung von La Rochelle war eines der großen politischen Ereignisse unter der Regierung Ludwigs XIII. und eine
der großen militärischen Unternehmungen des Kardinals. Und
da gewisse Einzelheiten dieser Belagerung eng mit unserer Geschichte verflochten sind, empfiehlt es sich schon, daß wir ein
paar Worte darüber verlieren.
Von den wichtigen Städten, die Heinrich IV. den Hugenotten 1598 im Edikt von Nantes als sichere Plätze angewiesen
hatte, war nur noch La Rochelle übriggeblieben. Es handelte
sich für den Kardinal also darum, dieses letzte Bollwerk des
Kalvinismus zu zerstören, jener gefährlichen Hefe, die unablässig neue Aufstände und Kriege gären ließ. Außerdem war
dieser Hafen das letzte Einfallstor, das den Engländern in
Frankreich offenstand; gelang es, den Hafen zu versperren,
so vollendete der Kardinal das Werk der Jeanne d’Arc und des
Herzogs von Guise.
Aber neben diesen Plänen des großen Staatsmannes, die der
Geschichte angehören, muß der Chronist auch die kleinlichen
Absichten des Liebhabers und eifersüchtigen Nebenbuhlers in
Betracht ziehen: Richelieu hatte, wie man weiß, eine unglückliche Liebe für die Königin gehabt. Nun läßt sich nicht sagen,
ob diese Liebe bei ihm nur ein politisches Ziel verfolgte oder
ob sie eine jener tiefen Leidenschaften war, wie sie Anna von
Österreich so vielen Männern ihrer Umgebung einflößte. Fest
steht jedenfalls, wie wir schon früher bemerkt haben, daß der
Herzog von Buckingham der Glücklichere war und bei mehreren Gelegenheiten, besonders bei der Geschichte mit den
Diamantnadeln, den Kardinal grausam überlisten konnte, nicht
zuletzt dank der Ergebenheit der drei Musketiere und dem Mut
d’Artagnans. Für Richelieu ging es also nicht nur darum,
Frankreich von einem Feind zu befreien, sondern auch, sich an
einem Nebenbuhler zu rächen. Im übrigen sollte diese Rache
groß, glänzend und in jeder Beziehung eines Mannes würdig
sein, der die Kräfte eines ganzen Königreichs als Waffe in seiner Hand vereint. Richelieu wußte, wenn er England bekämpfte, so bekämpfte er Buckingham, und wenn er über England triumphierte, so triumphierte er über Buckingham, und
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wenn er gar England in den Augen Europas demütigte, so
demütigte er Buckingham in den Augen der Königin.
Bei Buckingham, der natürlich ebenfalls die Ehre seines
Landes in den Vordergrund schob, waren es ganz ähnliche
Beweggründe; auch er verfolgte seinen persönlichen Racheplan; denn da er unter keinem Vorwand als Botschafter nach
Frankreich hatte zurückkehren dürfen, so wollte er jetzt als
Eroberer dort erscheinen.
Aus alledem ergibt sich die groteske Situation, daß der
wirkliche Einsatz, um den es bei dieser blutigen Partie ging,
die sich die beiden mächtigsten Königreiche jener Zeit auf
Grund einer Laune zweier verliebter Männer lieferten, nichts
weiter war als ein Augenaufschlag der Anna von Österreich.
Den ersten Vorteil hatte sich der Herzog von Buckingham
gesichert: er kreuzte eines Tages unverhofft mit neunzig
Schiffen und annähernd zwanzigtausend Mann vor der Insel
Ré auf; der Gouverneur der Insel, Graf von Toirac, war so
überrascht, daß die Landung nach blutigem Kampf bewerkstelligt werden konnte. Der Graf von Toirac zog sich mit seiner Garnison in die Zitadelle von Saint-Martin zurück und
warf etwa hundert Mann in eine kleine Bastion, die man das
Fort La Prée nannte.
Dieses Ereignis hatte die Entscheidung des Kardinals beschleunigt. Bis der König und er, wie vorgesehen, den Oberbefehl bei der Belagerung von La Rochelle übernehmen konnten, waren die ersten Operationen dem Bruder des Königs,
dem Herzog von Orléans, übertragen und alle verfügbaren
Truppen nach dem Kriegsschauplatz in Marsch gesetzt worden.
Zur Vorhut dieser Truppen gehörte auch die Kompanie des
Herrn des Essarts, in deren Reihen unser Freund d’Artagnan
auf seinem schmucken Mecklenburger ritt.
Nun wollte der König eigentlich sofort folgen, nachdem er
seinen großen Gerichtstag am 23. Juni gehalten hatte; aber sein
Zustand verschlimmerte sich so, daß er mit seiner Begleitung
nur bis Villeroy kam und hier Station machen mußte. Wo aber
der König war, mußten auch seine Musketiere sein.
So sah sich d’Artagnan, der vorerst noch ein schlichter Gardist war, von seinen guten Freunden Athos, Porthos und Ara444
mis zumindest für einige Zeit getrennt. Diese Trennung, die
für ihn nur eine Unannehmlichkeit bedeutete, wäre ihm gewiß zu einer ernsten Besorgnis geworden, hätte er ahnen können, welch unbekannte Gefahren ihn umlauerten. Dennoch
langte er am 10. September 1627 wohlbehalten im Lager vor
La Rochelle an.
Hier hatte sich inzwischen nicht viel geändert. Der Herzog
von Buckingham, Herr der Insel Ré, fuhr fort, die Zitadelle
von Saint-Martin und das Fort La Prée erfolglos zu belagern,
und seit der Herzog von Angoulême vor zwei, drei Tagen ein
Fort in der Nähe der Stadt hatte errichten lassen, waren auch
die Feindseligkeiten gegen La Rochelle eröffnet.
Die Garden unter dem Kommando des Herrn des Essarts
bezogen Quartier im Paulanerkloster. D’Artagnan aber, der,
wie wir wissen, ganz von dem Ehrgeiz erfüllt war, möglichst
bald bei den Musketieren aufgenommen zu werden, hatte es
versäumt, sich in der Gardekompanie Freunde zu machen;
so fand er sich jetzt oft einsam und seinen eigenen Gedanken überlassen.
Diese Gedanken waren nicht gerade heiter. In den bald
zwölf Monaten, die seit seiner Ankunft in Paris vergangen waren, hatte er sich immer wieder in Staatsangelegenheiten verwickeln lassen; was jedoch seine Liebe und die Hoffnung, sein
Glück zu machen, betraf, so war er in diesen persönlichen Dingen kaum einen Schritt weitergekommen. Frau Bonacieux, die
einzige Frau, die er wirklich liebte, war und blieb verschwunden, ohne daß er bisher hatte herausfinden können, was aus ihr
geworden war. Darüber hinaus hatte er, der unbedeutende
Habenichts, sich den Kardinal zum Feind gemacht, das heißt
einen Mann, vor dem die Mächtigsten im Reiche, nicht zuletzt
der König selbst, zitterten. Dieser Mann konnte ihn vernichten, und doch hatte er es nicht getan: solche Nachsicht war
für den scharfsinnigen Gascogner ein Lichtblick, der ihm eine
bessere Zukunft verhieß. Schließlich hatte er sich noch einen
Feind zugezogen, der zwar, wie er meinte, weniger zu fürchten war, vor dem ihn jedoch ein unbestimmtes Gefühl warnte.
Dieser Feind war Mylady.
Auf der anderen Seite hatte er lediglich den Schutz und das
Wohlwollen der Konigin erworben, ein Wohlwollen, das zu
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jener Zeit nur Unannehmlichkeiten nach sich zog, und einen
Schutz, der bekanntlich wenig nützte, wie der Graf von Chalais und Frau Bonacieux bereits erfahren mußten. Als greifbarer Gewinn blieb eigentlich nur der Diamant mit seinem
Wert von fünf- oder sechstausend Franken, den er am Finger
trug. Aber da d’Artagnan im Hinblick auf seine ehrgeizigen
Pläne diesen Ring unbedingt behalten wollte, um ihn später
einmal als Erkennungszeichen bei der Königin zu benutzen,
war der Stein für ihn im Augenblick ebenso wertlos wie die
Kieselsteine unter seinen Füßen.
Wir sprechen mit Absicht von den Kieselsteinen unter seinen Füßen, denn d’Artagnan stellte diese Betrachtungen auf
einem einsamen Spaziergang an, bei dem er einem hübschen
Feldweg folgte, der vom Lager nach dem Dorf Angoutin
führte. Nun hatte er sich in Gedanken weiter vom Lager entfernt, als er glaubte, und während schon die Dämmerung hereinbrach, sah er im letzten Schein der sinkenden Sonne hinter einem Strauch plötzlich einen Gewehrlauf blinken.
Unser Freund brauchte nicht lange, um sich zu sagen, daß
die Flinte nicht von allein dort hingekommen war und daß derjenige, zu dem sie gehörte, sich gewiß nicht in freundlicher Absicht hinter dem Strauch verborgen hielt. Aber gerade als er in
raschem Entschluß das Weite suchen wollte, sah er hinter einem
Felsen auf der anderen Seite des Weges einen zweiten Gewehrlauf hervorragen. Er war also in einen Hinterhalt geraten!
Der junge Mann warf einen Blick auf die erste Flinte und erkannte mit einiger Beunruhigung, daß ihr Lauf in seine Richtung einschwenkte; doch sowie er die Mündung starr auf sich
gerichtet sah, warf er sich zu Boden. Im selben Augenblick ging
der Schuß los, und er hörte die Kugel dicht über seinen Kopf
hinwegpfeifen. Für d’Artagnan war keine Zeit zu verlieren, und
kaum war er mit einem gewaltigen Satz zur Seite gesprungen,
als auch schon genau an der Stelle, wo er noch eben gelegen
hatte, eine zweite Kugel die Kieselsteine hochspritzen ließ.
Unser Gascogner gehörte nicht zu jenen Leuten, die in
falsch verstandener Tapferkeit lieber einen lächerlichen Tod
suchen, als auch nur einen Schritt zurückzuweichen. Außerdem ging es hier um alles andere als um Mut, denn er war
ganz einfach in eine Falle gelaufen.
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Wenn jetzt noch ein dritter schießt, bin ich erledigt! sagte
er sich und rannte, so schnell er konnte, den Weg zurück, den
er gekommen war. Aber wenn er auch mit der Behendigkeit,
die nun einmal seine Landsleute von jeher auszeichnete, dem
Lager zu dahinwirbelte, so fand der erste Schütze doch Zeit,
sein Gewehr wieder zu laden und ihm noch einen Schuß hinterherzujagen, der diesmal so gut gezielt war, daß ihm die
Kugel den Hut vom Kopf riß und ihn zehn Schritt vor ihm
herkullern ließ. Unser Freund, der leider nur diesen einen
Hut besaß, bückte sich in vollem Lauf und nahm ihn wieder
auf. Als er endlich blaß und atemlos in seinem Quartier anlangte, sagte er zu niemand ein Wort, sondern setzte sich
schweigend nieder und versank in tiefes Grübeln.
Der Vorfall konnte drei Ursachen haben.
Die erste war die nächstliegende: es konnte sich um Leute
aus La Rochelle handeln, denen es sicherlich nicht unlieb gewesen wäre, einen Gardisten Seiner Majestät zu töten, denn
einmal bedeutete das einen Belagerer weniger, und zum anderen zeigte sich das Opfer möglicherweise im Besitz einer
wohlgefüllten Börse. D’Artagnan nahm seinen Hut, prüfte
den Durchschuß und schüttelte den Kopf. Das war nicht die
Kugel einer Muskete, sondern die einer Hakenbüchse gewesen; die wohlgezielten Schüsse hatten ihn gleich bezweifeln
lassen, daß die unbekannten Schützen mit schwerfälligen
Musketen ausgerüstet waren. Demnach aber hatten ihm auch
keine Soldaten aufgelauert.
Des weiteren konnte es sich um ein Andenken des Kardinals
handeln. Wie erinnerlich, hatte sich d’Artagnan gerade in dem
Augenblick, da er den Gewehrlauf aufglänzen sah, über die
Langmut Seiner Eminenz gewundert. Aber er schüttelte den
Kopf. Bei Leuten, nach denen er nur die Hand auszustrecken
brauchte, bediente sich der Kardinal nur selten solcher Mittel.
Schließlich konnte es ein Racheakt Myladys sein. Diese
Möglichkeit war die wahrscheinlichste.
Umsonst versuchte d’Artagnan, sich Aussehen und Kleidung der Kerle ins Gedächtnis zurückzurufen; er war so
schnell davongerannt, daß er sich an nichts mehr erinnerte.
Ach, meine guten Freunde, dachte er verzagt, wo seid ihr?
Und wie fehlt ihr mir jetzt!
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Er verbrachte eine sehr schlechte Nacht. Mehrmals schreckte er aus dem Schlaf hoch, da er glaubte, ein Mann nähere sich
seinem Lager und wolle ihn erdolchen. Doch schließlich wurde
es hell, ohne daß ihm etwas zugestoßen wäre. Allerdings sagte
sich d’Artagnan, daß aufgeschoben noch nicht aufgehoben zu
sein braucht. Daher blieb er den ganzen Tag im Quartier, wobei er sich vor sich selbst mit dem schlechten Wetter entschuldigte.
Am übernächsten Tag erdröhnte um neun Uhr früh Trommelwirbel. Der Herzog von Orléans besichtigte die Posten.
Die Gardisten eilten zu den Waffen, und d’Artagnan nahm
seinen Platz inmitten seiner Kameraden ein. Der Bruder des
Königs erschien vor der Front, und alle höheren Offiziere,
unter ihnen Herr des Essarts, eilten zu ihm, um ihm ihre Aufwartung zu machen.
Nach einer Weile schien es d’Artagnan, als winke Herr des
Essarts ihn zu sich heran, aber da er fürchtete, sich getäuscht
zu haben, wartete er erst auf einen neuen Wink seines Vorgesetzten, ehe er vortrat, um seinen Befehl zu empfangen.
»Seine Hoheit wird gleich nach Freiwilligen für eine gefährliche, aber ehrenvolle Mission fragen, und ich habe Euch
ein Zeichen gemacht, damit Ihr Euch bereithaltet.«
»Danke, Herr Hauptmann!« antwortete d’Artagnan, dem
nichts erwünschter sein konnte, als sich unter den Augen des
Oberbefehlshabers auszuzeichnen.
Tatsächlich hatten die Belagerten in der Nacht einen Ausfall gemacht und eine Bastion zurückerobert, deren sich die
Königlichen erst wenige Tage zuvor durch einen Handstreich
bemächtigt hatten. Es handelte sich nun darum, durch einen
Erkundungsvorstoß festzustellen, ob und in welcher Weise
der Feind die Bastion besetzt hielt.
Wirklich dauerte es nicht lange, da erhob der Herzog von
Orléans die Stimme und rief:
»Ich brauche für diese Mission drei oder vier Freiwillige
unter der Führung eines verläßlichen Mannes!«
»Den verläßlichen Führer habe ich hier, Hoheit«, sagte der
Hauptmann und zeigte auf d’Artagnan. »Und was die übrigen Freiwilligen betrifft, so werden sie gewiß nicht auf sich
warten lassen.«
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»Vier Freiwillige, die bereit sind, mit mir in den Tod zu gehen!« rief d’Artagnan und hob den Degen.
Zwei Kameraden aus seiner Kompanie stürzten sogleich
vor, zwei andere Soldaten gesellten sich hinzu, und da diese
vier genügten, mußte d’Artagnan alle übrigen, die sich noch
meldeten, zurückweisen.
Man wußte nicht, ob die Belagerten die Bastion nach der
Einnahme wieder geräumt oder ob sie ein Kommando darin
zurückgelassen hatten, es galt also, möglichst dicht an das Fort
heranzukommen, um sich hierüber Gewißheit zu verschaffen.
D’Artagnan brach mit seinen Leuten auf und folgte zunächst
dem Laufgraben. Die beiden Gardisten gingen mit ihm voraus,
die beiden anderen Soldaten marschierten hinterdrein. Gedeckt
durch die Brustwehr hatten sie sich der Bastion bereits bis auf
etwa hundert Schritt genähert, als d’Artagnan sich umwandte
und feststellte, daß die beiden Soldaten verschwunden waren.
In der Annahme, sie seien wohl aus Angst zurückgeblieben,
setzte er mit den beiden anderen die Erkundung fort.
Schließlich waren sie nur noch etwa sechzig Schritt von
der Bastion entfernt. Man sah keine Menschenseele, alles war
wie ausgestorben. Aber während sie noch beratschlagten, ob
sie weiter vorrücken sollten, umgürtete sich plötzlich der
Steinkoloß vor ihnen mit einem ganzen Kranz von Rauchwölkchen, und auf d’Artagnan und seine Begleiter prasselte
ein wahrer Kugelregen herab.
Jetzt wußten sie, was sie wissen wollten: die Bastion war
besetzt. Noch länger an diesem gefährlichen Platz zu verweilen war daher weder klug noch sinnvoll. D’Artagnan und
die beiden Gardisten machten kehrt und traten den Rückzug
an, der allerdings mehr einer Flucht glich. Als sie den Anfang des Laufgrabens erreichten, hinter dessen Brustwehr sie
wieder geschützt waren, fiel einer der Gardisten; eine Kugel
hatte ihn in die Brust getroffen. Der andere, der unverletzt
war, rannte weiter zum Lager zurück.
D’Artagnan wollte den Kameraden nicht so zurücklassen
und beugte sich zu ihm herunter, um ihm aufzuhelfen. In diesem Augenblick krachte es zweimal; eine Kugel zerschmetterte den Kopf des Verwundeten, die andere sauste zwei Zoll
an d’Artagnan vorbei und prallte gegen die Felswand. Der
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junge Mann fuhr herum; dieser Angriff konnte nicht von der
Bastion herkommen, gegen die hier die Brustwehr schützte.
Da fielen ihm die beiden Soldaten, die zurückgeblieben waren,
und die zwei Wegelagerer vom Vortage wieder ein. Diesmal
aber wollte er wissen, woran er war, und so ließ er sich wie tot
über die Leiche seines Kameraden fallen.
Gleich darauf sah er etwa dreißig Schritt entfernt über einer
verlassenen Schanze zwei Köpfe auftauchen: es waren die beiden verschwundenen Soldaten. Unser Gascogner hatte sich
nicht getäuscht; die beiden Männer hatten sich zu der Erkundung nur gemeldet, um ihn gefahrlos umbringen und seinen
Tod dem Feinde zuschreiben zu können. Da sie aber damit
rechnen mußten, daß er nur verwundet war und ihr Verbrechen noch aufdecken konnte, eilten sie herbei, um ihm den
Garaus zu machen. Zum Glück fühlten sie sich durch d’Artagnans List so sicher, daß sie es versäumten, ihre Gewehre
neu zu laden. Als sie bis auf zehn Schritt herangekommen
waren, sprang d’Artagnan, der auch im Fallen seinen Degen
nicht losgelassen hatte, plötzlich hoch und war mit einem
Satz bei ihnen.
Die Mörder wußten, daß sie verloren waren, wenn sie zum
Lager zurückflohen, ohne ihn getötet zu haben; ihr erster
Gedanke war daher, zum Feind überzulaufen. Der eine
packte sein Gewehr am Lauf und schwang es wie eine Keule
mit voller Wucht gegen d’Artagnan; der konnte dem Schlag
zwar ausweichen, aber der Bandit hatte dadurch freie Bahn
und rannte sofort in Richtung Bastion davon. Da man dort
jedoch nicht ahnte, in welcher Absicht der Mann auf sie zugelaufen kam, empfing man ihn mit einer heißen Salve, und
er stürzte mit zerschmetterter Schulter nieder.
Inzwischen war d’Artagnan mit dem blanken Degen auf
den anderen Banditen eingedrungen, und da dieser zu seiner
Verteidigung nur seine abgefeuerte Flinte hatte, dauerte der
Kampf nicht lange. Zwar glitt die Klinge an dem Gewehrlauf
ab, doch drang sie dem Kerl so tief in den Oberschenkel, daß
er mit einem Schrei zusammenbrach. Sofort war der Gascogner über ihm und setzte ihm die Degenspitze an die Kehle.
»Tötet mich nicht!« jammerte der Bandit. »Gnade, Gnade,
Herr Offizier! Ich sage Euch auch alles!«
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»Ist dein Geheimnis so viel wert, daß ich dir das Leben
schenke?«
»Ja, sofern das Leben etwas bedeuten kann, wenn man
zweiundzwanzig Jahre alt ist wie Ihr und so schön und tapfer wie Ihr, daß man es noch weit bringen kann!«
»Sprich, Elender, aber schnell! Wer hat dir den Auftrag gegeben, mich zu töten?«
»Eine Frau, die ich nicht kenne, die aber Mylady genannt
wird.«
»Woher willst du das wissen, wenn du sie doch gar nicht
kennst?«
«Mein Kamerad kennt sie, und er nannte sie so. Mit ihm hat
sie ja auch verhandelt, nicht mit mir. Er hat von ihr sogar einen
Brief in der Tasche, der nach allem, was er darüber gesagt hat,
von großer Wichtigkeit für Euch sein muß.«
»Und weshalb hast du dich an dieser Schurkerei beteiligt?«
»Er hat mir vorgeschlagen, die Sache zu zweit zu machen,
und ich habe ja gesagt.«
»Und wieviel hat Euch die Frau für dieses saubere Unternehmen gegeben?«
»Hundert Dukaten.«
»Donnerwetter!« sagte der junge Mann lachend. »Offenbar
bin ich ihr doch einiges wert. Hundert Dukaten! Das ist eine
ganz hübsche Summe für solch traurige Wichte, wie ihr es
seid; da kann ich verstehen, daß du ja gesagt hast. Ich will dir
auch vergeben, aber unter einer Bedingung!«
»Ja?« fragte der Bandit unsicher, da er merkte, daß die Sache noch nicht zu Ende war.
»Du mußt mir erst den Brief holen, den dein Spießgeselle
in der Tasche hat.«
»Aber das ist ja nur eine andere Art, mich umzubringen!«
jammerte der Bandit. »Wie kann ich Euch denn den Brief unter dem Feuer der Bastion zurückholen?«
»Du wirst dich trotzdem dazu entschließen müssen, oder
du stirbst hier von meiner Hand, das schwöre ich dir!«
»Gnade, o Herr! Erbarmt Euch meiner im Namen der
schönen jungen Frau, die Ihr liebt und die Ihr vielleicht tot
glaubt, obwohl sie es nicht ist!« rief der Bandit und richtete
sich in den Knien auf, wobei er sich mit den Händen stützte,
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denn durch den Blutverlust begannen ihm die Kräfte zu
schwinden.
»Und woher weißt du, daß es eine junge Frau gibt, die ich
liebe, und daß ich sie für tot gehalten habe?«
»Durch den Brief, den mein Freund bei sich hat.«
»Du siehst also selbst, daß ich diesen Brief unter allen Umständen haben muß. Darum besinne dich nicht länger, oder,
bei meiner Ehre, ich töte dich, so widerlich es mir auch ist,
meinen Degen ein zweites Mal mit dem Blut eines Schuftes zu
besudeln!« Und d’Artagnan begleitete diese Worte mit einer
so drohenden Gebärde, daß sich der Verwundete aufraffte.
»Haltet ein!« rief er, vor lauter Angst wieder mutig geworden. »Ich geh ja schon, ich geh ja …«
D’Artagnan hob das Gewehr auf und drängte den Banditen vor sich her, wobei er ihn von Zeit zu Zeit mit der Degenspitze zur Eile antrieb. Es war jammervoll, mit anzusehen, wie der Kerl, der eine breite Blutspur hinterließ, sich ungesehen zu seinem Spießgesellen zu schleppen versuchte.
Kalter Schweiß bedeckte sein kreideweißes Gesicht, das die
Angst grauenhaft verzerrte. Schließlich wurde es dem Gascogner zuviel, und er sagte voller Verachtung: »Hör schon
auf! Ich werde dir den Unterschied zwischen einem beherzten Mann und einer Memme zeigen. Bleib, ich gehe selber!«
Und während er unablässig die Bastion im Auge behielt,
gelangte er unter geschickter Ausnutzung des Terrains mit
wenigen Sprüngen zu dem anderen Banditen. Nun hatte er
die Möglichkeit, diesen an Ort und Stelle zu durchsuchen
oder ihn wie einen Schild auf den Rücken zu nehmen und
erst in den Graben zurückzubringen. D’Artagnan entschied
sich für den zweiten Weg, und gerade, als er sich den Banditen auf die Schultern lud, krachte von der Bastion eine Salve
herüber. Ein leichter Stoß, der dumpfe Aufprall von drei Kugeln, ein Zucken und ein letztes Röcheln sagten d’Artagnan,
daß der Mann, der ihn umbringen wollte, ihm soeben das Leben gerettet hatte.
D’Artagnan erreichte den Laufgraben, lud den Toten neben dem Verwundeten ab, der nicht minder bleich war, und
begann sofort mit der Durchsuchung: eine lederne Brieftasche, eine Börse, in der sich augenscheinlich noch ein Teil der
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Summe befand, die der Bandit für seinen Auftrag erhalten
hatte, sowie ein Becher mit den dazugehörenden Würfeln bildeten die ganze Hinterlassenschaft des Toten. Er ließ den Becher und die Würfel, wo sie hingefallen waren, warf die Börse
dem Verwundeten zu und öffnete hastig die Brieftasche. Unter verschiedenen wertlosen Papieren fand er endlich den
Brief, für den er sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte; er lautete wie folgt:
»Da Ihr die Spur der Frau verloren habt, die nun in jenem Kloster, wohin Ihr sie niemals gelangen lassen durftet, in Sicherheit
ist, so seht zu, daß Euch auf keinen Fall der Mann entgeht! Ihr
wißt, daß mein Arm weit reicht, und Ihr könntet die hundert
Dukaten, die Ihr von mir habt, sonst teuer bezahlen!«
Keine Unterschrift. Trotzdem gab es keinen Zweifel, daß
dieser Brief von Mylady stammte. Nachdem d’Artagnan ihn
als Beweisstück zu sich gesteckt hatte, begann er im Schutz
der Brustwehr, den Verwundeten auszufragen. Der gestand,
daß er und sein Spießgeselle auch noch den Auftrag hatten,
eine junge Frau zu entführen, die Paris durch das Tor von La
Villette verlassen sollte; sie waren jedoch in einer Schenke
eingekehrt und hatten überm Trinken die Kutsche um zehn
Minuten verfehlt.
»Aber was hättet ihr denn mit dieser Frau angefangen?«
fragte d’Artagnan entsetzt.
»Wir sollten sie in ein Haus am Place Royale bringen.«
»Ja, ja«, murmelte der junge Mann, »auch noch zu ihr ins
Haus!«
Erst jetzt erfaßte er schaudernd, welch furchtbare Rachsucht diese Frau beherrschte, daß sie ihn und alle, die ihn liebten, um jeden Preis zu verderben trachtete, und wie gut sie sich
in den Verhältnissen am Hof auskannte, daß sie das alles erfahren hatte. Offenbar verdankte sie diese Kenntnisse dem
Kardinal. Gleichzeitig sagte er sich mit einem Gefühl ehrlicher
Freude, daß die Königin zu guter Letzt doch noch das Gefängnis, in dem die arme Frau Bonacieux für ihre Ergebenheit
büßte, aufgespürt und die Unglückliche daraus befreit hatte.
Nun fanden auch ihr Brief und ihr flüchtiges Erscheinen auf
der Straße nach Chaillot eine Erklärung. Darüber hinaus zeigte
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sich, wie Athos vorausgesagt hatte, eine Möglichkeit, seine
Geliebte wiederzufinden, denn ein Kloster war schließlich
nicht uneinnehmbar. Dieser Gedanke stimmte ihn vollends
milde. Er wandte sich wieder zu dem Verwundeten, der angstvoll sein wechselndes Mienenspiel verfolgt hatte, und reichte
ihm den Arm.
»Komm«, sagte er, »ich will dich hier nicht so liegenlassen.
Stütz dich auf mich, und kehren wir ins Lager zurück!«
»Ja«, erwiderte der Bandit, der kaum an so viel Großmut
glauben konnte, »aber werdet Ihr mich auch nicht hängen
lassen?«
»Du hast mein Wort, ich schenke dir das Leben!«
Der Verwundete sank in die Knie und küßte seinem Retter
die Füße; aber d’Artagnan, der wirklich keinen Grund hatte,
noch länger in der Nähe des Feindes zu bleiben, machte diesen Dankesbeteuerungen rasch ein Ende.
Der Gardist, der auf die erste Salve der Belagerer hin ins
Lager zurückgeeilt war, hatte den Tod seiner vier Gefährten
gemeldet. Man war daher höchst verwundert und erfreut, den
jungen Mann doch noch wohlbehalten wiederzusehen. D’Artagnan erfand, um den Degenstich seines Kameraden zu erklären, einfach einen Ausfall des Feindes; dann schilderte er
den Tod des anderen Soldaten und die Gefahren, unter denen
man sich zurückgezogen habe. Dieser Bericht wurde zu einem wahren Triumph für ihn. Die ganze Armee sprach einen
Tag lang nur von der tollkühnen Erkundung, und Seine Königliche Hoheit, der Herzog von Orléans, ließ ihm seine Belobigung aussprechen.
Endlich hatte die mannhafte Tat, die wie jede ihren Lohn
in sich selbst trug, zur Folge, daß d’Artagnan seine verlorene
Ruhe wiederfand. Da nämlich von den beiden Banditen der
eine tot und der andere ihm ergeben war, glaubte unser junger Freund allen Ernstes, er könne nunmehr unbesorgt in die
Zukunft sehen.
Eine so einfältige Annahme bewies jedoch nur, daß d’Artagnan Mylady noch nicht kannte.
454
Ein überraschendes Geschenk
Nach den ersten, fast hoffnungslos klingenden Nachrichten
über das Befinden des Königs verbreitete sich im Lager allmählich die Kunde von seiner Genesung; auch hieß es, daß
er große Eile habe, selber vor La Rochelle zu erscheinen, und
daß er daher, sobald er sich nur wieder auf ein Pferd schwingen könne, den unterbrochenen Marsch fortsetzen werde.
Inzwischen blieb der Bruder des Königs ziemlich untätig, da
er ja wußte, daß er jeden Tag durch den Herzog von Angoulême, durch Bassompierre oder Schomberg, die sich alle den
Oberbefehl streitig machten, abgelöst werden konnte; so verlor er seine Zeit mit kleinen Scharmützeln, statt daß er zu einem
großen Schlag ausholte, um die Engländer von der Insel Ré zu
vertreiben, wo sie noch immer die Zitadelle Saint-Martin und
das Fort La Prée belagerten, während die Franzosen ihrerseits
La Rochelle belagerten.
D’Artagnan war bekanntlich wieder ruhig geworden, wie
es einem meist nach einer überstandenen Gefahr geht, zumal
wenn man die Gefahr damit völlig beseitigt glaubt. Sein einziger Kummer war, daß er keine Nachricht von seinen Freunden hatte. Doch Ende November erhielt er eines Morgens
einen Brief aus Villeroy, der ihm alles erklärte:
»Sehr geehrter Herr d’Artagnan!
Die Herren Athos, Porthos und Aramis haben bei mir getafelt und
dabei ihre gute Laune auf so lärmende Weise bekundet, daß der
gestrenge Herr Schloßprofos ihnen für einige Tage Hausarrest zudiktieren mußte. Sie haben mich jedoch beauftragt, Euch zwölf
Flaschen meines Anjouweines zu übersenden, den sie sehr zu rühmen wußten. Die Herren bitten Euch, ihren Lieblingswein auf
ihre Gesundheit zu trinken.
Indem ich diesem Auftrag nachkomme, bin ich, hochedler
Herr, mit allem schuldigen Respekt
Euer ergebenster und gehorsamster Diener
Godeau,
Gastwirt der Herren Musketiere.«
»Donnerwetter, das lass’ ich mir gefallen!« rief d’Artagnan.
»Die Guten denken an mich, wenn sie feiern, so wie ich an
455
sie gedacht habe, als ich Kummer hatte. Und ob ich auf ihre
Gesundheit trinken will! Mit dem größten Vergnügen, meine
Freunde, und wie es sich gehört, in wackrer Gesellschaft!«
D’Artagnan lief sogleich zu zwei Gardisten, mit denen er
auf freundschaftlicherem Fuß stand als mit den anderen, und
lud sie ein, mit ihm die guten Flaschen zu leeren, die ihm da von
Villeroy zugeschickt worden waren. Aber der eine der beiden
hatte schon für denselben Tag, der andere für den folgenden
eine Einladung; so wurde das Gelage auf den übernächsten Tag
festgesetzt. Die zwölf Flaschen schickte d’Artagnan inzwischen in die Schenke der Garden, mit dem Befehl, sie sorgsam
aufzubewahren.
Am festgesetzten Tag mußte sich Planchet schon um neun
Uhr morgens in die Schenke begeben, um für den auf ein Uhr
anberaumten Festschmaus alle Vorkehrungen zu treffen. Voller
Stolz, zu dem Rang eines Haushofmeisters aufgestiegen zu
sein, gedachte Planchet besonders umsichtig zu verfahren; aus
diesem Grunde nahm er sich noch den Diener eines der Gäste, einen gewissen Fourreau, zu Hilfe und Brisemont, jenen
falschen Soldaten, der d’Artagnan nach dem Leben getrachtet
hatte und der seitdem in seine oder vielmehr in Planchets
Dienste getreten war.
Um ein Uhr erschienen die beiden Gardisten, man setzte
sich, und die Speisen wurden aufgetragen. Planchet wartete
mit einer Serviette unter dem Arm auf, Fourreau entkorkte die
Flaschen, und Brisemont füllte den Wein, der durch das Schütteln unterwegs gelitten zu haben schien, in gläserne Karaffen
um. Dabei wies die erste Flasche einen ziemlich trüben Satz
auf, den Brisemont in ein Glas abgoß, und da der arme Teufel
immer noch nicht bei Kräften war, erlaubte ihm d’Artagnan,
diesen Rest zu trinken.
Nachdem man die Suppe gegessen hatte, wollte man eben
den ersten Schluck Wein kosten, als plötzlich vom Fort Louis
und vom Fort Neuf Kanonenschläge herüberdröhnten. In dem
Glauben, es handele sich um einen unvorhergesehenen Angriff
der Belagerten oder der Engländer, sprangen die drei Gardisten
auf, griffen zu ihren Degen und stürzten hinaus, um sich auf
ihre Posten zu begeben. Kaum hatten sie jedoch die Schenke
verlassen, als sie auch schon die Ursache des Lärms erfuhren.
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Von allen Seiten erscholl der Ruf: »Es lebe der König! Es lebe
der Kardinal!«, begleitet von lebhaftem Trommelwirbel.
Tatsächlich hatte der König in seiner Ungeduld für den
Marsch einen Tag weniger gebraucht als vorgesehen und traf
nun mit seinem ganzen Hofstaat und zehntausend Mann Verstärkung vor La Rochelle ein. Seine Musketiere marschierten
unmittelbar vor und hinter ihm; d’Artagnan, der mit seiner
Kompanie Spalier bildete, grüßte seine Freunde und Herrn de
Treville mit sichtlicher Freude.
Nachdem die Empfangsfeierlichkeiten vorüber waren, lagen
sich die vier Freunde bald in den Armen.
»Weiß der Himmel«, rief d’Artagnan, »ihr konntet euch
wirklich keine bessere Zeit für euer Kommen aussuchen! Der
Braten ist bestimmt noch warm! Hab ich nicht recht, meine
Herren?« setzte er, zu den beiden Gardisten gewandt, hinzu
und machte sie mit seinen Freunden bekannt.
»Oho«, sagte Porthos, »das sieht ja ganz nach einem Bankett aus!«
»Ich hoffe«, bemerkte Aramis, »daß zu Eurer Tafel keine
Damen geladen sind.«
»Gibt es auch einen trinkbaren Wein in diesem Loch?« erkundigte sich Athos.
»Was für eine Frage, mein Lieber! Wir trinken natürlich
euern Wein«, antwortete d’Artagnan.
»Unsern Wein?« fragte Athos verwundert.
»Ja, den ihr mir geschickt habt.«
»Wir haben Euch Wein geschickt?«
»Oh, Ihr wißt schon, diesen leckeren Tropfen von den
Rebhügeln Anjous!«
»Ja, ich weiß durchaus, welchen Wein Ihr meint.«
»Den Ihr am liebsten trinkt.«
»Gewiß, wenn ich weder Champagner noch Burgunder
habe.«
»Nun, in Ermangelung von Champagner und Burgunder
werdet Ihr wohl damit vorliebnehmen.«
»So, so, da habt Ihr Euch also Anjouwein kommen lassen,
Ihr Leckermaul!« sagte Porthos.
»Aber nein, man hat mir doch den Wein in euerm Auftrag
geschickt!«
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»In unserem Auftrag?« wiederholten die drei Musketiere.
»Sagt, Aramis«, fragte Athos, »habt Ihr etwa den Wein geschickt?«
»Nein, und Ihr Porthos?«
»Nein, und Ihr Athos?«
»Nein.«
»Nun, wenn es keiner von euch dreien gewesen sein will«,
sagte d’Artagnan, »dann war es doch ganz ohne Zweifel euer
Wirt!«
»Unser Wirt?«
»Aber ja, euer Wirt, ein gewisser Godeau, der sich Gastwirt
der Musketiere nennt!«
»Herrgott noch mal«, rief Porthos, »mir ist wirklich gleich,
wo er herkommt, wenn er nur gut ist, und das können wir ja
sofort feststellen!«
»Nein«, sagte Athos, »wir wollen lieber keinen Wein unbekannter Herkunft trinken!«
»Ihr habt recht, Athos«, versetzte der Gascogner. »Es hat
also keiner von euch den Godeau beauftragt, mir Wein zu
schicken?«
»Nein, und doch hat er Euch welchen in unserm Namen
geschickt?«
»Hier ist sein Brief!« sagte d’Artagnan und zeigte den
Freunden das Begleitschreiben.
»Das ist nicht seine Schrift«, sagte Athos. »Die kenne ich
nämlich, denn vor dem Weitermarsch habe ich für uns alle
mit dem Wirt abgerechnet.«
»Der Brief ist gefälscht«, erklärte auch Porthos, »wir haben
doch keinen Arrest gehabt!«
»Aber guter Freund«, sagte Aramis vorwurfsvoll, »wie
konntet Ihr nur glauben, wir hätten gelärmt?«
D’Artagnan erbleichte, und ein krampfhaftes Zittern befiel
seinen ganzen Körper.
»Was ist mit dir? Du erschreckst mich!« rief Athos, der ihn
nur selten duzte.
»Rasch, rasch. Freunde!« schrie d’Artagnan. »Ich habe einen
entsetzlichen Verdacht. Sollte es abermals ein Racheakt dieser
Frau sein?«
Nun erblaßte auch Athos. D’Artagnan rannte los, die drei
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Musketiere und die beiden Gardisten folgten. Als sie die
Schenke erreicht hatten und in den Raum stürmten, wo ihr
Festschmaus gerichtet war, sahen sie Brisemont am Boden
liegen und sich in gräßlichen Krämpfen winden. Planchet und
Fourreau, beide kreidebleich, bemühten sich um ihn, aber es
war offensichtlich, daß hier keiner mehr helfen konnte: die
verzerrten Züge verrieten den Todeskampf.
»Oh, wie schändlich von Euch!« rief der Sterbende beim
Anblick d’Artagnans. »Erst tut Ihr so, als wolltet Ihr mir das
Leben schenken, und dann vergiftet Ihr mich!«
»Ich dich vergiften, du Unglücksmensch? Was redest du
da?«
»Ja, Ihr habt mir diesen Wein gegeben, und Ihr habt gesagt, ich soll ihn trinken! Oh, wie schändlich, Euch so an mir
zu rächen!«
»Glaub das doch nicht, Brisemont, es ist ja nicht wahr! Bei
Gott, ich schwöre dir …«
»O ja, Gott ist hier! Er sieht alles, und er wird Euch bestrafen. Mein Gott, laß ihn eines Tages so leiden wie mich!«
»Bei allen Heiligen«, rief d’Artagnan und kniete neben dem
Sterbenden nieder, »ich schwöre dir, ich hatte keine Ahnung,
daß dieser Wein vergiftet ist, ich wollte ihn ja selber trinken!«
»Ich glaube Euch nicht«, antwortete Brisemont. Und er
starb unter furchtbaren Qualen.
»Scheußlich! Scheußlich!« murmelte Athos, während Porthos die Flaschen zerschlug und Aramis etwas verspätet nach
einem Beichtvater schickte.
»Meine Freunde«, rief d’Artagnan, »ihr habt mir noch einmal das Leben gerettet, und nicht nur mir, sondern auch diesen Herren! Und ich bitte euch, meine Herren«, fuhr er, zu
den Gardisten gewandt, fort, »über diesen Vorfall zu schweigen, denn es könnte sein, daß hohe Persönlichkeiten mit dieser Geschichte etwas zu tun haben, und dann wären wir hier
auf jeden Fall die Dummen!«
»Ach, gnädiger Herr!« stammelte Planchet, mehr tot als
lebendig. »Ach, gnädiger Herr, da bin ich ja noch einmal davongekommen!«
»Wieso?« fragte d’Artagnan. »Wolltest du etwa meinen
Wein trinken?«
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»Auf die Gesundheit des Königs, gnädiger Herr, wollte ich
eben ein winziges Gläschen leeren, als Fourreau mir sagte,
man hätte mich gerufen.«
»Ach ja«, stotterte Fourreau, der vor Schreck noch immer
mit den Zähnen klapperte, »ich wollte ihn doch nur weghaben,
um selber ein bißchen zu kosten!«
»Meine Herren«, wandte sich d’Artagnan abermals an die
beiden Gardisten, »ihr werdet gewiß begreifen, daß der beabsichtigte Festschmaus nach dem, was geschehen ist, nur
sehr traurig ausfallen könnte; ich bitte euch daher in aller
Form um Entschuldigung und hoffe sehr, daß ihr mir Gelegenheit gebt, dieses Vergnügen zu einer günstigeren Stunde
nachzuholen!«
Die beiden Gardisten waren einsichtsvoll genug, d’Artagnans Entschuldigung anzunehmen, und da sie merkten, daß
die vier Freunde allein sein wollten, empfahlen sie sich bald.
Nun man ohne Zeugen war, schienen die Blicke, mit denen
man einander ansah, sagen zu wollen, daß man sich des Ernstes der Lage sehr wohl bewußt war.
»Zunächst wollen wir dieses Zimmer verlassen«, sagte
Athos. »Die Gesellschaft eines Toten ist nicht gerade ermunternd, und schon gar nicht die eines Ermordeten.«
»Planchet!« rief d’Artagnan. »Kümmere dich um die Leiche
dieses armen Teufels! Man soll ihn in geweihter Erde begraben.
Er hat zwar ein Verbrechen begangen, aber er hat es bereut.«
Damit gingen die vier Freunde hinaus und überließen es
Planchet und Fourreau, Brisemont die letzte Ehre zu erweisen. Der Wirt stellte ihnen ein anderes Zimmer zur Verfügung,
und mit wenigen Worten erklärte man Porthos und Aramis die
Lage.
»Ihr seht selbst, lieber Freund«, sagte d’Artagnan zu Athos,
»es ist ein Kampf auf Leben und Tod!«
Athos schüttelte den Kopf.
»Ja, ja, das sehe ich; aber glaubt Ihr wirklich, daß sie es ist?«
»Ganz sicher!«
»Offen gestanden, ich bezweifle es noch immer.«
»Aber die Lilie auf der Schulter?«
»Sie wird eine Engländerin sein, die in Frankreich irgendein
Verbrechen begangen hat und dafür gebrandmarkt worden ist.«
460
»Und ich kann Euch nur sagen, es ist Eure Frau, Athos«,
erwiderte d’Artagnan leise. »Erinnert Euch doch nur, wie genau Eure und meine Beschreibung übereinstimmten!«
»Ich hätte darauf geschworen, daß sie tot ist; ich hatte sie
so gut gehenkt!«
Jetzt schüttelte d’Artagnan den Kopf.
»Und was nun?« fragte er.
»Es ist klar, daß man nicht ewig mit einem Damoklesschwert
über seinem Haupt leben kann«, sagte Athos. »Also muß man
dem ein Ende machen.«
»Aber wie?«
»Hört, Ihr müßtet versuchen, irgendwo mit ihr zusammenzukommen und Euch mit ihr auszusprechen! Sagt ihr:
Krieg oder Frieden! Mein Wort als Edelmann, daß ich niemals etwas über Euch sage, nie etwas gegen Euch unternehmen werde; von Euch dafür der feierliche Schwur, daß Ihr
Euch mir gegenüber neutral verhaltet. Wollt Ihr das nicht, so
gehe ich zum Kanzler, zum König, gehe zum Henker, den
ganzen Hof hetze ich gegen Euch auf und gebe Euer Geheimnis preis, damit man Euch den Prozeß macht, und wenn
man Euch dennoch freispricht, nun wohl, dann bringe ich
Euch an irgendeiner Straßenecke um wie einen tollen Hund!«
»Der Weg erscheint mir gangbar«, sagte d’Artagnan, »aber
wie komme ich mit ihr zusammen?«
»Die Zeit wird schon für eine Gelegenheit sorgen, mein
Lieber, und die Gelegenheit bestimmt das Glück des Menschen; je höher der Einsatz, desto höher der Gewinn, sofern
man nur zu warten versteht.«
»Ja, aber warten, wenn man von Mördern und Giftmischern
umgeben ist?«
»Ach was!« sagte Athos. »Gott hat uns bisher beschützt,
er wird uns auch weiter beschirmen.«
»Uns, ja … Zudem sind wir Männer, und schließlich gehört es sozusagen zu unserem Beruf, unser Leben aufs Spiel
zu setzen … Aber«, fügte er leise hinzu, »aber sie!«
»Wer sie?« fragte Athos.
»Constance.«
»Ah, richtig, Frau Bonacieux!« sagte Athos. »Ich vergaß,
daß Ihr verliebt seid.«
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»Aber was denn«, warf Aramis ein, »stand nicht in dem Brief,
den Ihr bei jenem toten Banditen fandet, daß sie in einem Kloster ist? In einem Kloster ist man sehr gut aufgehoben, und
was mich betrifft, so erkläre ich, daß ich sofort, wenn die Belagerung hier beendet ist …«
»Schon gut, schon gut, lieber Aramis«, unterbrach ihn
Athos, »wir kennen Eure frommen Absichten.«
»Ich bin nur vorübergehend Musketier«, versetzte Aramis
bescheiden.
»Er hat wohl lange keine Nachricht mehr von seiner Liebsten bekommen«, sagte Athos leise zu d’Artagnan. »Aber
achtet nicht weiter darauf, wir kennen das ja!«
»Mir scheint, es gibt da ein ganz einfaches Mittel«, ließ sich
Porthos vernehmen.
»So? Und das wäre?« fragte d’Artagnan.
»Sie ist in einem Kloster, sagt Ihr?«
»Ja.«
»Nun gut, sobald die Belagerung vorüber ist, entführen
wir sie eben aus diesem Kloster!«
»Dazu müßte man erst einmal wissen, in welches Kloster
man sie gebracht hat!«
»Das ist allerdings wahr«, gab Porthos zu.
»Da fällt mir übrigens ein, mein lieber d’Artagnan«, sagte
Athos, »sagtet Ihr nicht, daß die Königin selbst dieses Kloster ausgesucht hat?«
»Ich nehme es zumindest an.«
»Nun, dann kann Porthos uns doch helfen!«
»Ich?« fragte der. »Wieso denn das, ich bitte Euch?«
»Durch Eure Marquise, Eure Herzogin oder Prinzessin,
was weiß ich! Sie ist doch bestimmt sehr einflußreich.«
»Pst!« machte Porthos und legte den Finger an die Lippen.
»Ich glaube, sie ist Kardinalistin, sie darf von alledem kein
Wort erfahren!«
»Gut«, sagte Aramis, »dann werde ich mich um eine Auskunft bemühen.«
»Ihr, Aramis?« riefen die drei Freunde wie aus einem
Munde. »Ja, wie denn, ausgerechnet Ihr?«
»Über den Almosenpfleger der Königin, mit dem ich befreundet bin«, sagte Aramis errötend.
462
Nach dieser beruhigenden Zusage verabredeten unsere vier
Freunde noch ein Treffen für denselben Abend, dann trennten
sie sich. D’Artagnan kehrte in sein Quartier im Paulanerkloster
zurück, und die drei Musketiere gingen ins Lager des Königs,
denn sie mußten sich noch um ihre Unterkünfte kümmern.
Das Wirtshaus »Zum roten Taubenschlag«
Kaum im Lager angelangt, wollte der König, der es nicht erwarten konnte, dem Feind gegenüberzustehen, und der den
Herzog von Buckingham mit einem zweifellos begründeteren Haß verfolgte als der Kardinal, sogleich alle Vorkehrungen treffen, zunächst die Engländer von der Insel Ré zu verjagen und dann die Belagerung von La Rochelle mit größerem Nachdruck zu betreiben. In dieser Absicht sah er sich
jedoch unfreiwilligermaßen durch einen Streit aufgehalten,
der zwischen Bassompierre und Schomberg einerseits und
dem Herzog von Angoulême andererseits ausgebrochen war.
Bassompierre und Schomberg waren Marschälle von Frankreich und bestanden auf ihrem Recht, die Armee unter dem
Befehl des Königs zu führen. Der Kardinal fürchtete indessen,
der insgeheim hugenottisch gesinnte Bassompierre werde den
Engländern und den Rochellern, seinen Glaubensbrüdern,
nicht hart genug zusetzen, und darum unterstützte er den
Herzog von Angoulême, den der König auf seinen Rat zum
Generalleutnant ernannt hatte. Auf diese Weise sah man sich
genötigt, sofern man nicht auf die Mitarbeit der Herren Bassompierre und Schomberg gänzlich verzichten wollte, jedem
der drei Heerführer ein eigenes Kommando zu übertragen:
Bassompierre richtete sich im Norden der Stadt von La Leu bis
Dompierre ein, der Herzog von Angoulême im Osten von
Dompierre bis Périgny und Schomberg im Süden von Périgny
bis Angoutin.
Seine Königliche Hoheit, der Herzog von Orléans, hatte
sein Quartier in Dompierre; das des Königs befand sich bald
in Etré, bald in La Jarrie; das des Kardinals endlich war auf den
Dünen von Pont de La Pierre in einem einfachen Haus ohne
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jede Verschanzung untergebracht. So überwachte der Bruder
des Königs Bassompierre, der König selbst den Herzog von
Angoulême und der Kardinal den Marschall Schomberg.
Nachdem diese Anordnung getroffen war, konnte man
ernsthaft daran denken, die Engländer von der Insel zu vertreiben. Die Voraussetzungen waren günstig; denn die Engländer, die nur dann gute Soldaten sind, wenn sie gut verpflegt
werden, lebten schon seit einiger Zeit nur von Pökelfleisch
und schlechtem Zwieback und hatten daher viele Kranke im
Lager. Zudem war das Meer um diese Jahreszeit an allen Küsten besonders stürmisch, und so bedeckte sich der ganze
Strand von der Südspitze bis zu den Befestigungsanlagen nach
jeder Flut mit Wracks und Schiffstrümmern. Unter diesen
Umständen war es klar, daß Buckingham, der lediglich aus
Halsstarrigkeit an dem Besitz der Insel festhielt, die Belagerung der Zitadelle und des Forts früher oder später doch aufgeben mußte, auch ohne daß ihn die Truppen des Königs dazu
zwangen. Da aber der Graf von Toirac melden ließ, der Engländer bereite einen neuen Angriff gegen die Zitadelle vor, entschloß sich der König zu einem entscheidenden Schlag und
erteilte die dazu erforderlichen Befehle.
Wir beabsichtigen nicht, ein Tagebuch der Belagerung von
La Rochelle zu schreiben, vielmehr wollen wir nur von den Ereignissen berichten, die etwas mit unserer Geschichte zu tun
haben; darum begnügen wir uns damit, kurz zu sagen, daß dieser entscheidende Schlag zum großen Erstaunen des Königs
und zum noch größeren Ruhm des Kardinals im Frühjahr 1628
glückte. Schritt um Schritt zurückgedrängt, bei jedem Treffen
geschlagen und beim Übersetzen auf die Insel Loix der Vernichtung nahe, mußten sich die Engländer wieder einschiffen,
wobei sie mehr als zweitausend Mann, darunter eine große
Zahl von Obristen und Hauptleuten, auf der Walstatt zurückließen. Vier Kanonen und sechzig Fahnen wurden im Triumph
nach Paris gebracht und hier feierlich im Notre Dame ausgestellt. Im Lager aber ertönten Tedeums, in die alsbald ganz
Frankreich einstimmte.
Der Kardinal konnte nun die Belagerung fortsetzen, ohne
daß er, zumindest für den Augenblick, etwas von den Engländern zu befürchten hatte. Allerdings hatte man einen Abge464
sandten Buckinghams, einen gewissen Montaigu, abgefangen
und durch ihn Gewißheit darüber erlangt, daß zwischen dem
Reich, Spanien, England und Lothringen eine Liga bestand.
Diese Liga richtete sich eindeutig gegen Frankreich. Außerdem hatte man in Buckinghams Quartier auf der Insel, das er
Hals über Kopf verlassen mußte, Papiere gefunden, die das
Bündnis dieser vier Mächte bestätigten und die darüber hinaus, wenn man den Memoiren des Kardinals glauben darf, Madame de Chevreuse und somit die Königin schwer belasteten.
Richelieu trug die ganze Verantwortung, denn man ist nun
einmal nicht unumschränkter Minister ohne diese Bürde; daher war sein Geist Tag und Nacht damit beschäftigt, von allem
Wichtigen, was sich irgendwo in Europa tat, Kunde zu erhalten.
Der Kardinal kannte Buckinghams Rührigkeit und besonders
seinen Haß. Siegte die Liga, die Frankreich bedrohte, so war
sein ganzer Einfluß hin; dann kamen die Vertreter der spanischen und österreichischen Politik im Kabinett zur Geltung,
und er, Richelieu, der Verfechter einer französischen, einer betont nationalen Politik, hatte als Minister ausgespielt. Der König aber, der ihm jetzt noch wie ein Kind gehorchte, wenn er
ihn auch haßte, wie nur ein Kind seinen Lehrer hassen kann, der
König würde ihn ohne weiteres der persönlichen Rache seines
Bruders, des Herzogs von Orléans, und seiner Frau, der Anna
von Österreich, ausliefern; alsdann war er verloren und Frankreich vielleicht mit ihm. Es galt also, dies alles zu verhindern.
Immer zahlreicher wurden die Boten, die in dem kleinen
Haus bei Pont de La Pierre, in dem der Kardinal sein Standquartier hatte, Tag und Nacht vorsprachen. Es waren Mönche,
die ihre Kutte so schlecht trugen, daß man sie auf den ersten
Blick als Angehörige einer sehr streitbaren Kirche erkannte;
Frauen, denen ihr Pagenkostüm offensichtlich zu eng war und
die trotz der weiten Pluderhose ihre wohlgerundeten Formen
nicht verbergen konnten; oder Bauern, die trotz der geschwärzten Hände auf eine Meile den Edelmann verrieten.
Mitunter kamen auch weniger angenehme Besucher, denn
verschiedentlich hieß es, der Kardinal sei mit knapper Not
einem Anschlag entgangen. Seine Feinde behaupteten allerdings, er selber streue von Zeit zu Zeit solche Gerüchte von
mißglückten Mordversuchen aus, um gegebenenfalls das
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Recht der Vergeltung für sich beanspruchen zu können. Aber
man tut wohl am besten, wenn man weder Minister noch ihre
Feinde beim Wort nimmt.
Der Kardinal, dessen persönlicher Mut übrigens auch von
seinen ärgsten Verleumdern nie bestritten wurde, ließ sich wegen solcher angeblichen oder tatsächlichen Anschläge jedenfalls nicht von seinen häufigen nächtlichen Ritten abbringen,
bei denen er bald dem Herzog von Angoulême wichtige Befehle übermittelte, bald den König zu einer Unterredung aufsuchte oder mit irgendeinem Boten zusammentraf, den er
nicht gern in seinem Quartier empfangen wollte.
Was nun die Musketiere anging, so gab es für sie bei der
Belagerung nur wenig zu tun, und da sie nicht sehr streng gehalten wurden, führten sie ein recht lustiges Leben. Dies traf
insbesondere auf unsere drei Freunde zu, die bei ihrem
Hauptmann so gut angeschrieben waren, daß sie von ihm
ohne weiteres die Erlaubnis erhielten, abends auch noch nach
Schließung des Lagers fortzubleiben.
Eines Abends, als d’Artagnan Dienst hatte und daher nicht
mit von der Partie sein konnte, kehrten Athos, Porthos und
Aramis auf ihren schmucken Pferden von einer Schenke zurück, die Athos erst vor zwei Tagen an der Straße nach La Jarrie ausfindig gemacht hatte und die sich »Zum roten Taubenschlag« nannte. Während sie, ständig auf einen Hinterhalt
gefaßt, vorsichtig lagerwärts ritten, glaubten sie plötzlich, etwa
eine Viertelmeile von dem Dorf Boinar entfernt, Pferdegetrappel zu vernehmen, das auf sie zukam. Sie hielten sofort an und
warteten, dicht aneinandergedrängt, mitten auf dem Weg.
Kurz darauf sahen sie im Schein des Mondes, der flüchtig zwischen den Wolken hervorblickte, an einer Wegbiegung zwei
Reiter vor sich auftauchen, die bei ihrem Anblick gleichfalls
haltmachten und sich zu beraten schienen, ob sie ihren Weg
fortsetzen oder umkehren sollten. Dieses Zaudern kam unseren drei Freunden verdächtig vor, und so ritt Athos ein Stück
in ihre Richtung und rief mit fester Stimme:
»Wer da?«
»Wer da selbst?« schallte es zurück.
»Das ist keine Antwort!« sagte Athos. »Antwortet richtig,
oder wir schießen!«
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»Das laßt besser bleiben, meine Herren!« ließ sich nun eine
klangvolle und offenbar befehlsgewohnte Stimme vernehmen.
»Es ist anscheinend ein höherer Offizier, der die Nachtrunde macht«, sagte Athos zu seinen Gefährten. »Was wollen wir tun. Freunde?«
»Wer seid ihr?« rief dieselbe Stimme im selben gebieterischen
Ton. »Antwortet! Euer Ungehorsam könnte euch schlecht bekommen!«
»Musketiere des Königs«, entgegnete Athos, mehr und
mehr überzeugt, daß der andere ein Recht hatte, so zu fragen.
»Welche Kompanie?«
»Kompanie Treville.«
»Reitet näher und erklärt mir, was ihr zu dieser Stunde hier
zu schaffen habt!«
Unseren drei Freunden war etwas beklommen zumute, als
sie diesem Befehl nachkamen, denn keiner von ihnen zweifelte
mehr daran, daß sie es mit jemand zu tun hatten, der ihnen
überlegen war; doch wie immer in ernster Lage, überließen
Porthos und Aramis ihrem sonst so schweigsamen Freund die
Sorge, Rede und Antwort zu stehen.
Einer der beiden Reiter verhielt etwa zehn Schritte vor seinem Begleiter. Athos gab seinen Freunden ein Zeichen, ebenfalls etwas zurückzubleiben, und ritt allein auf den Unbekannten zu.
»Um Vergebung, Herr Offizier«, sagte er, »aber wir wußten
nicht, mit wem wir es zu tun hatten. Immerhin habt Ihr gesehen, daß wir auf der Hut sind!«
»Euer Name?« fragte der Offizier, der sein Gesicht halb
hinter dem Mantelkragen versteckte, denn trotz der lauen
Sommernacht trug er einen weiten Umhang.
»Und Ihr selbst?« versetzte Athos, den die Art dieses Verhörs allmählich empörte. »Bitte, beweist mir erst, daß Ihr überhaupt ein Recht habt, mich so zu fragen!«
»Euer Name?« wiederholte der Reiter und ließ den Mantel
so weit fallen, daß sein Gesicht zu erkennen war.
»Der Herr Kardinal!« rief der Musketier verblüfft.
»Euer Name?« fragte Richelieu zum drittenmal.
»Athos.«
Der Kardinal winkte seinen Begleiter zu sich heran.
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»Diese drei Musketiere werden mit uns reiten«, flüsterte er
ihm zu. »Ich will nicht, daß man im Lager von diesem nächtlichen Ausflug erfährt, und wenn sie jetzt mitkommen, sind
wir sicher, daß sie es niemandem sagen.«
»Wir sind Edelleute, Monseigneur«, sagte Athos. »Nehmt
uns unser Ehrenwort ab und seid unbesorgt! Gott sei Dank
können wir noch ein Geheimnis bewahren!«
Der Kardinal heftete seinen durchdringenden Blick auf
den kühnen Sprecher.
»Ihr habt gute Ohren, Herr Athos! Aber nun hört auch
dies: Ich bitte euch nicht aus Mißtrauen, sondern um meiner
Sicherheit willen, mir zu folgen. Eure beiden Begleiter sind
gewiß die Herren Porthos und Aramis?«
»Ja, Eure Eminenz«, antwortete Athos, während nun auch
seine beiden Freunde, den Hut in der Hand, herangeritten
kamen.
»Ich kenne euch, meine Herren«, sagte Richelieu, »o ja, ich
kenne euch! Ich weiß, daß ihr nicht gerade meine Freunde
seid, und das tut mir leid; ich weiß aber auch, daß ihr tapfere
und ehrenwerte Edelleute seid und daß man sich auf euch
verlassen kann. Erweist mir also die Ehre, Herr Athos, mich
mit Euern beiden Freunden zu begleiten! Dann werde ich
eine Eskorte haben, um die mich Seine Majestät nur beneiden kann, sofern sie uns denn begegnen sollte.«
Die drei Musketiere verneigten sich so tief, daß sie fast die
Hälse ihrer Pferde berührten.
»Nun, bei meiner Ehre&laq